Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1969 » No. 188/189
Herbert Marcuse

Nicht einfach zerstören

Über die Strategie der Linken

Herbert Marcuse ist verstummt: Seit jener wilden Attacke des jungen Führers der neuen Linken, Daniel Cohn-Bendit, auf ihn im Teatro Eliseo in Rom, wo Marcuse auf Einladung eher sehr bürgerlicher Veranstalter sprach, ist er in der Öffentlichkeit nicht mehr aufgetreten. Natürlich ist der von Cohn-Bendit ihm zugebrüllte Vorwurf, er sei bezahlter Agent der CIA, der pure Unsinn. Sein Verhalten aber: zu gehen, statt sich der Diskussion, sei’s auch einer närrischen, zu stellen, war falsch, war eher das Verhalten des typisch deutschen Professors als das des Vaters der neuen Linken. Desto interessanter der nachfolgende, wie eine Reflexion auf die Römer Ereignisse klingende Text, Arbeitspapier der im Juli in Wien stattgehabten Dialogkonferenz „Revolution in der Industriegesellschaft“ des International Dialogue Committee (NEUES FORVM, Wien, Center for the Study of Democratic Institutions, Santa Barbara, Calif.‚ vgl. NF, Mitte April 1969).

Wir spüren alle, daß die Gesellschaft zunehmend repressiver wird und zunehmend die natürliche Anlage des Menschen zerstört, frei zu sein, sein Leben selbst zu bestimmen, ohne dabei andere auszubeuten.

Alle jene, die unterdrückt und von ihrer Arbeit, dem ihnen abgeforderten Wohlverhalten versklavt werden, all jene, die von der inneren und äußeren Kolonialpolitik ausgebeutet werden — dieses umfassende WIR also will Veränderung.

Dabei müssen wir uns jedoch darüber im klaren sein, daß sich die meisten Menschen der Notwendigkeit einer Veränderung politisch nicht bewußt sind und diese Notwendigkeit nicht wirklich fühlen.

Dies ist, glaube ich, die erste große Schwierigkeit, die wir überwinden müssen. Das zweite große Problem ist, daß wir uns ständig der Frage gegenübersehen: „Welche Alternative gibt es? Was könnt ihr uns bieten, das besser wäre als das, was wir haben?“

Ich glaube nicht, daß wir diese Fragen einfach beiseite schieben und sagen sollten: „Zunächst muß zerstört werden, danach sehen wir weiter.“

Wir können ganz einfach deshalb nicht so argumentieren, weil unsere Ziele, unsere Werte: unsere Moral aus unserem Handeln ersichtlich sein müssen.

Wir müssen uns bemühen, die neuen Menschen, die wir schaffen wollen, selbst zu sein, und zwar jetzt und hier.

Wir müssen ein wenn auch noch so unvollkommenes Modell des zukünftigen Menschen vorzeigen können.

Ich glaube noch immer, daß der Sozialismus die Alternative ist. Nicht ein Sozialismus stalinistischer oder nachstalinistischer Prägung, sondern jener Sozialismus der persönlichen Freiheit, der immer beabsichtigt war und der nur allzu leicht entstellt und unterdrückt wird.

Wie vermitteln wir nun diese Vorstellungen den Leuten, die um sich sehen und fragen: „Wo ist dieser Sozialismus zu finden? Zeigt ihn uns.“

Wir werden antworten, daß er vielleicht, ja wahrscheinlich in Kuba im Aufbau ist, daß er sich vielleicht in China verwirklicht und daß er ganz sicher im Augenblick in Vietnam gegen ein Riesenungeheuer zu kämpfen hat.

Aber die Leute werden sagen: „Nein, das ist nicht Sozialismus. Der Sozialismus, den wir sehen, ist das, was in der Sowjetunion praktiziert wird, Sozialismus, das ist der Einmarsch in die Tschechoslowakei.“ Mit anderen Worten: Sozialismus ist ein Verbrechen.

Wie können wir diesen Vorstellungen begegnen?

Radikale Umwälzung ohne Massenbasis scheint unvorstellbar. Doch ebenso unvorstellbar erscheint das Schaffen einer Massenbasis für jenen Sozialismus der persönlichen Freiheit, zumindest auf absehbare Zukunft.

Die Antwort ist einfach: Wir müssen versuchen, diese Massenbasis trotzdem zu begründen.

Dabei stoßen wir an die Grenzen der Möglichkeit, demokratische Überzeugungsarbeit zu leisten. Warum gibt es solche Grenzen?

Weil ein großer, vielleicht der entscheidende Teil der Mehrheit, nämlich die arbeitende Klasse, weitgehend in das System eingegliedert ist, und zwar auf einer ziemlich soliden materiellen Grundlage, nicht nur oberflächlich.

Der zweite Grund, warum unsere demokratischen Mittel der Überzeugungsarbeit beschränkt sind, liegt darin, daß die Linke keinen angemessenen Zugang zu den Medien der Massenkommunikation hat. Wenn wir die gleichwertige Sendezeit, den gleichwertigen Anzeigenraum nicht kaufen können: wie sollen wir dann die öffentliche Meinung ändern, eine öffentliche Meinung, die auf monopolistische Weise erzeugt worden ist?

Wir stehen in dieser Pseudodemokratie einer Mehrheit gegenüber, die sich um sich selbst dreht, die sich selbst als konservative Majorität ständig neu zu schaffen scheint und die immun gegen radikale Veränderungen ist.

Aber dieselben Umstände, die einer demokratischen Überzeugungsarbeit im Wege stehen, verhindern auch die Schaffung einer revolutionären zentralisierten Massenpartei im Sinn des traditionellen Modells. Man kann heute eine solche Partei nicht gründen. Nicht nur, weil heute der Unterdrückungsapparat so unendlich viel wirksamer und mächtiger ist als je zuvor, sondern hauptsächlich deshalb, weil Zentralisierung kein Rezept mehr für Veränderungen zu sein scheint.

Die Widersprüche im Kapitalismus sind heute so tiefgreifend wie eh und je. Doch sind die Machtmittel des Kapitalismus nicht nur groß, sondern täglich größer infolge der geheimen Zusammenarbeit zwischen den USA und der Sowjetunion.

Wir sehen uns einer zeitweiligen Stabilisierung des kapitalistischen Systems gegenüber, und in einer solchen Phase der Stabilisierung hat die Linke die Aufgabe der Aufklärung, der Erziehung, der Entwicklung politischen Bewußtseins.

Das alte Modell hilft nicht weiter. Der Gedanke, daß in einem von einer autoritären Partei zentral geregelten Land wie den Vereinigten Staaten große Massen auf Washington marschieren, das Pentagon besetzen und eine neue Regierung installieren, scheint ziemlich unrealistisch. Wir müssen uns darüber im klaren sein, daß das System aufgelockert, zergliedert, weitmaschig ist und seine Schwerpunkte, seine Wirksamkeit auf die regionale und lokale Ebene verlagert hat.

Zweitens geht es um die Rolle der neuen arbeitenden Klasse. Wir müssen Tendenzen begreifen, die uns der materielle Produktionsprozeß im Kapitalismus vor Augen führt: nämlich, daß mehr und mehr hochqualifizierte Angestellte, Techniker, Spezialisten usw. maßgebende Rollen im materiellen Produktionsprozeß einnehmen und, selbst im Marxschen Sinn, gerade dadurch zu Angehörigen der industriellen Arbeiterklasse werden.

Was ich vorschlage, ist Erweiterung der potentiellen Massenbasis über die traditionelle Industriearbeiterklasse hinaus zu neuen Arbeiterklassen, die die Zahl der Ausgebeuteten erweitert. Diese Ausweitung auf eine große, aber sehr diffuse und zergliederte Massenbasis ändert das Verhalten zwischen den politisch militanten Kadern der Linken und der Masse. Was wir uns vorzustellen haben, ist keine große, zentralisierte und koordinierte Bewegung, sondern sind regional und lokal durchzuführende politische Aktionen gegen spezifische Mißstände.

Aufstände, Rebellion in den Gettos usw., das sind sicher Massenbewegungen, aber solche, denen weitgehend das politische Bewußtsein fehlt und die deshalb mehr denn je auf politische Führung und Lenkung seitens militanter Führungsminderheiten angewiesen sein werden.

In dem Maß, in dem der pseudodemokratische Prozeß mit Hilfe des Teilmonopols an den herkömmlichen Massenmedien eine sich gleichbleibende Gesellschaft und damit eine weitgehend immune Majorität produziert und reproduziert, in demselben Maß muß politische Bildung und Vorbereitung über die traditionellen liberalen Formen hinausgehen. Politisches Handeln und politische Aufklärung müssen über Lehren und Zuhören, Diskutieren und Schreiben hinausgreifen.

Die Linke muß angemessene Mittel finden, das konformistische Universum der politischen Sprache und des politischen Verhaltens zu zerbrechen.

Die Linke muß versuchen, das Bewußtsein und das Gewissen der anderen wachzurütteln.

Auszubrechen aus dem korrupten Sprach- und Verhaltensmuster, aus einem Muster, das jedweder politischen Handlung aufgezwungen wird, ist eine fast übermenschliche Aufgabe und erfordert eine fast übermenschliche Vorstellungskraft. Es erfordert das Finden einer Sprache und neuer Organisationsformen, die mit dem bekannten politischen Usus nichts mehr gemein haben.

Dem Establishment und der etablierten Vernunft würde und muß ein solches Vorhaben närrisch, kindisch, irrational erscheinen. Doch könnte es sehr wohl der Auftakt zu einem zumindest zeitweilig erfolgreichen Versuch sein, das repressive Universum des etablierten Verhaltens zu sprengen.

Ich habe schon die Hinfälligkeit traditioneller Organisationsformen, z.B. einer Parlamentspartei, betont. Ich kann mir heute keine Partei vorstellen, die nicht binnen ganz kurzer Zeit der allgemeinen und totalen politischen Korruption zum Opfer fiele. Deshalb: keine politische Partei, aber auch keinen revolutionären Zentralismus und keinen Untergrund — weil sie allzu leicht eine Beute des intensivierten und reibungslos arbeitenden Repressionsapparates werden.

Die Linke wächst durch Spaltung

Ich möchte anfügen, was vielleicht ketzerisch erscheint: Keine voreilige Vereinheitlichung der verschiedenen Strategien. Die Linke ist gespalten. Die Linke war stets gespalten. Nur die Rechte, die für keine Idee zu kämpfen braucht, ist einig.

Die Stärke der Linken könnte sehr wohl bei jenen kleinen, miteinander wetteifernden Gruppen liegen, die gleichzeitig verschiedenenorts aktiv sind; also eine Art politischer Guerillaverbände im Frieden, oder im sogenannten Frieden.

Was mir aber am wichtigsten erscheint, ist, daß solche Kleingruppen mit ihrer lokal begrenzten Aktivität auf etwas hindeuten, was aller Wahrscheinlichkeit nach die Basisorganisation des freiheitlichen Sozialismus sein dürfte — nämlich Räte, Sowjets, wenn man den Ausdruck noch verwenden kann; ich möchte das organisierte Spontaneität nennen.

Ein paar Worte zum Eingehen von Bündnissen:

Kein Bündnis mit den Liberalen! Sie verrichten die Arbeit des Ausschusses für antiamerikanische Umtriebe, indem sie die Linke denunzieren.

Statt dessen Bündnisse mit all jenen, ob bourgeois oder nicht, die wissen, daß der Feind rechts steht, und die dieses Wissen unter Beweis gestellt haben.

Ich bin der Auffassung — das ist kein Glaubensbekenntnis, sondern zumindest zu einem großen Teil das Ergebnis dessen, was man eine Analyse der Fakten nennen könnte —, daß die neue Linke heute unsere einzige Hoffnung ist. Sie hat die Aufgabe, sich in Gedanken und Handlungen, moralisch und politisch, auf den Zeitpunkt vorzubereiten, da die inneren Konflikte des korporativen Kapitalismus seinen repressiven Zusammenhalt aufbrechen und einen Riß hervorrufen, an dem die wirkliche Arbeit für den freiheitlichen Sozialismus beginnen kann.

Die Aussichten der neuen Linken sind gut, wenn sie ihre augenblickliche Aktivität aufrechterhalten kann. Es gibt immer Zeiten des Rückschritts; keine Bewegung schreitet unentwegt voran. Deshalb wäre das Beibehalten unserer Aktivität schon ein Erfolg.

Die, welche die Jungen der neuen Linken denunzieren, als infantile Radikale und snobistische Intellektuelle hinstellen, beschwören Lenins berühmtes Pamphlet „Der linke Radikalismus — eine Kinderkrankheit im Kommunismus“ und begehen damit eine histotische Fälschung. Lenin ging gegen Radikale vor, die sich gegen eine starke revolutionäre Massenpartei stellten. Eine solche Partei gibt es heute nicht. Die Kommunistische Partei hat sich in eine Partei der Ruhe und Ordnung verwandelt und bezeichnet sich selbst so.

Weil eine revolutionäre Partei fehlt, sind diese angeblich infantilen Radikalen meiner Meinung nach die schwachen und verwirrten, aber wahren historischen Erben der großen sozialistischen Tradition. Wir alle wissen, daß ihre Reihen durchsetzt sind von Agenten, Narren und Verantwortungslosen. Aber in ihren Reihen finden sich auch Menschen, die hinreichend frei sind von den unmenschlichen Sünden der Ausbeutergesellschaft, hinreichend frei also, an einer Gesellschaft mitzuarbeiten, in der es keine Ausbeutung mehr geben soll.

Mit ihnen werde ich zusammenarbeiten, solange ich kann.

Herbert Marcuse im FORVM

  • Die Gesellschaft als Kunstwerk, November/Dezember 1967
  • Gibt es noch Christen?, Aug./Sept. 1968
  • Friede als Utopie, Nov./Dez. 1968
  • Revolution 1969, Jänner 1969

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Erstveröffentlichung im FORVM:
August
1969
No. 188/189, Seite 485
Autor/inn/en:

Herbert Marcuse:

Geboren 1898 in Berlin, gestorben 1979 in Starnberg. Philosoph, Politologe und Soziologe, Schüler von Edmund Husserl und Martin Heidegger. 1930 war er neben Heidegger und Erich Fromm Mitbegründer des Frankfurter Instituts für Sozialforschung. Zwei Jahre später siedelte Marcuse angesichts der politischen Entwicklung in Deutschland in die USA über. In New York schloss er sich dem Institut für Sozialforschung an der Columbia University an. 1940 wurde er US-amerikanischer Staatsbürger.

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