FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1979 » No. 301/302
Michael Siegert

Mißerfolg prolongiert

Die neue Arena im Inlandsschlachthof
Wien, am 17. Dezember 1978

Lieber Rudi, lieber Gottfried!

lhr habt nur über die alte Arena von 1976 geschrieben, nicht über die neue von 1978. Heute waren zwei Arenauten bei mir, die jetzt dabei sind und die auch schon damals dabei waren; sie haben mir folgendes erzählt.

Während der Besetzung der alten Arena im Auslandsschlachthof hatte die Gemeinde als Ersatz das Gelände des Inlandsschlachthofs angeboten, das nur zwei- oder dreihundert Meter weiter liegt und 45.000 Quadratmeter groß ist, also immerhin fast zwei Drittel des Auslandsschlachthofes (70.000 Quadratmeter). Auch die Architektur ist dort ähnlich, halt nicht ganz so schön.

Als der Verein „Forum Arena Wien” am 29. Juli 1977 das neue Gelände in Form eines Prekariums, einer Bittleihe, von der Gemeinde provisorisch bekam, war nur mehr von 10.000 Quadratmetern die Rede: Auf dem anderen Teil wurde nämlich ein großes Kühlhaus gebaut, das jetzt schon steht. Außerdem waren in der Zwischenzeit die Installationen in den Häusern und Hallen demoliert und gestohlen worden wie seinerzeit im Auslandsschlachthof.

Dieses prekäre juridische Provisorium wurde dann von der Gemeinde per Ende 1977 gekündigt. Seitdem sind die Arenauten im lnlandsschlachthof rechtlos, aber geduldet.

Die Duldung geht immerhin so weit, daß die Kommune Wien Strom und Wasser gratis aufs Gelände liefert. Ja noch mehr: Der Wiener Gemeinderat bewilligte Ende November 1977 eine Subvention von 1,5 Millionen Schilling zwecks Reparatur (Winterfestmachung einer Halle) und für den laufenden Betrieb der Arena. Die Halle wurde von der Gemeinde gerichtet, das fraß das meiste Geld, und einiges bekamen die Arenauten, um für ihr Publikum Programm zu machen; es war aber so wenig, daß sie keine Honorare zahlen konnten, das meiste ging auf Heizung und Geräte drauf.

Die wenigen verbliebenen Arena-Aktivisten legten selbst überall Hand an. Eine Endabrechnung fehlt noch; das Kontrollamt weist auf Mängel in der Buchführung hin, was vom Rathaus wieder zum Anlaß eines Subventionsstopps genommen wird. Wenn kein Geld aus dem Rathaus kommt, wird der Betrieb wohl einschlafen, das meinen auch die Arena-Leute.

Seit August 1978 ist wieder an jedem Wochenende Programm. Es gibt eine Videothek, ein Videoworkshop, Filme mit Diskussion, eine Keramikwerkstatt, eine Autoreparaturwerkstatt, eine Offsetdruckerei, ein Buffet und — wie immer als Hauptprogramm — Musikgruppen, von denen einige auch dort proben. Geplant ist eine pädagogische Wohngemeinschaft mit entlaufenen Heimkindern irgendwo in der Stadt sowie die Wiederherausgabe der Arena-Zeitung, die im Sommer 1978 eingestellt wurde Soweit die Erzählung der beiden Arenauten. Lieber Rudi, lieber Gottfried, was soll man davon halten? Ich glaube, daß es 90 Prozent Wunschdenken ist. Wie Euer Artikel nicht die wirkliche Arena darstellt, sondern Eure Projektionen, so spielt auch bei den Arenauten die Phantasie die erste Rolle. Ich war im Sommer ein paarmal dort und habe einen gewissen Eindruck von Gerümpel und Resignation davongetragen. — Die Adresse ist übrigens A-1030 Wien 3, Verlängerte Baumgasse 97-129, Telefon (solang das Geld reicht) 73 62 95. Es ist rechts das Eck auf dem Weg zur alten Arena (wo jetzt der große Schöps thront).

Wenn man die Arenauten fragt, warum sie so wenige sind, antworten sie mit Recht, daß es in der alten Arena gegen Ende auch nicht mehr waren. (Es sind ja dieselben Leute.) Wenn man auf die niedrigen Besucherzahlen hinweist, antworten sie mit Recht, daß die Medien die Termine nicht mehr ankündigen und daß sie selbst nur mehr selten plakatieren können. Sie sind jetzt, würde ich sagen, ein Jugendzentrum in Selbstverwaltung, das soviel Publikum hat wie ein Wr. Jugendzentrum ohne Selbstverwaltung. Das ist doch besser als nichts, oder? Die Arenaleute wollen natürlich mehr als bloß das 18. oder 19. Jugendzentrum der Stadt sein; fehlen uns nicht Ewachsenenzentren in Wien?

Wenn man die Arenauten fragte, warum sie immer wieder von der Gemeinde Subventionen wollen, wo sie sie doch dauernd beschimpfen und in den Boden kritisieren — könnten sie mit Recht antworten: Was wird heute bei uns nicht subventioniert? Vor allem Kritiker! Got it?

Man könnte sagen: unansehnlich, der Haufe, kein lnsidertreff, kein Knistern wie in der alten Arena. Aber was ist aus unansehnlichen Sachen nicht schon alles geworden? Geht ruhig hin und seht es Euch an.

So long Euer
Michael Siegert

FORVM des FORVMs

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1979
No. 301/302, Seite 89
Autor/inn/en:

Michael Siegert:

Michael Siegert war von 1973 bis 1982 Blattmacher des FORVM.

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