Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1967 » No. 164-165
Ephraim Kishon • Friedrich Torberg (Übersetzung)

Liebe Freunde, Generäle und Genossen!

Zum israelisch-arabischen Krieg hat natürlich auch Ephraim Kishon Stellung genommen. In seinem ständigen Sprachrohr, der hebräischen Tageszeitung „Ma’ariw“, gab er während der kurzen Dauer des Krieges und unmittelbar danach seinen satirischen Glossen die Form „Offener Briefe“, die bisher außerhalb Israels noch nicht veröffentlicht wurden. Sie werden in der neuen Satirensamrnlung Kishons enthalten sein, die im Herbst unter dem Titel „Wie unfair, David!“ bei Langen-Müller erscheint. Die Übertragung ins Deutsche besorgte Friedrich Torberg.

An Nasser

(„Ma’ariw“, 8. Juni 1967)

Lieber Gamal!

Ich muß mich auf diesem Weg an Dich wenden, da der Postverkehr zwischen unseren beiden Ländern noch nicht wiederhergestellt ist. Hoffentlich brauchen wir jetzt nicht mehr lange darauf zu warten.

Du hast Dir alles ganz anders vorgestellt, ich weiß. Nachdem Du der ganzen Welt erklärt hattest, was Du mit uns zu tun gedächtest, und die ganze Welt mit verschränkten Armen Deinen Vorbereitungen zusah, mußtest Du ja überzeugt sein, daß auch alles weitere wunschgemäß vonstatten gehen würde. Wir würden uns abschlachten lassen, hast Du geglaubt, und würden höchstens in den Vorzimmern der UNO um Hilfe betteln: „Bitte, das steht doch im Widerspruch zum Absatz soundsoviel der Charter ... bitte, wir haben doch Verträge und Garantien ... man hat uns doch damals, 1956, feierlich zugesichert ...“ und so weiter. Nun, diesmal ist nicht damals, das haben wir zum Glück noch rechtzeitig bemerkt. Und zwar warst es Du selbst, der uns darauf aufmerksam gemacht hat. In einer Deiner blutrünstigen Drohreden hieß es ganz ausdrücklich: Wir schreiben jetzt 1967, nicht 1956, das sollten sich die Israelis gesagt sein lassen! Und genau das haben wir getan.

Dabei hat es uns sehr geholfen, daß die großen Seemächte, die Schirmherren unserer Durchfahrtsgarantien, uns wissen ließen, daß sie gegen provokative Durchfahrten sind, und uns empfahlen, auf friedlichem Wege ein Übereinkommen über die Prozedur unserer Vernichtung zu treffen. Daraufhin ließen wir alle Künste unserer Diplomatie spielen und hatten tatsächlich einen sensationellen Erfolg zu verzeichnen: unser Vertrags- und Garantiepartner Amerika ist diesmal nicht gegen uns, sondern bleibt neutral. Phantastisch, wie?

Für Dich muß das eine unvergeßliche Zeit gewesen sein, lieber Gamal. Sogar Deine Enkelkinder werden Dich eines Tages fragen: „Erzähl uns doch, Großpapa, wie war das damals bis zum 5. Juni 1967, acht Uhr morgens?“ Und Du wirst ihnen erzählen, daß bis dahin jeder Tag ein Tag des Sieges war, ein Tag des beifallumrauschten Triumphs Deiner unumstrittenen Führerschaft in der arabischen Welt. Was nach diesem Datum geschah, ist nicht der Mühe wert, rekonstruiert zu werden. Man kann sich schließlich nicht alles merken.

Soeben hören wir im Radio, daß die Sowjets von beiden Parteien den Rückzug auf die Ausgangspositionen und die eigenen Grenzen verlangen. Damit sind offenbar auch wir gemeint. Und da sich innerhalb unserer Grenzen niemand außer uns aufhält, schließen wir, daß israelische Truppen die ägyptischen Grenzen überschritten haben, oder mit anderen Worten, daß Du den Krieg verloren hast. Lieber Gamal, wenn ich Dir raten darf, dann hörst Du von jetzt an ausschließlich Radio Kairo, da gibt es nur Siegesnachrichten.

Aber ich muß zugeben, daß wir Dir gegenüber einen unfairen Vorteil hatten. Du, lieber Gamal, mußtest Deine Pläne und Maßnahmen mit einem halben Dutzend Alliierter koordinieren. Wir hingegen haben nicht einen einzigen Verbündeten. Wir kämpfen ganz allein.

Da ist es natürlich keine Kunst, einen Krieg zu gewinnen.

An de Gaulle

(„Ma’ariw“, 12. Juni 1967)

Mon Général!

Sicherlich wußten Sie, daß wir Ihnen heute schreiben würden. Sie wissen ja alles im voraus.

Wir schreiben Ihnen mit großer Trauer im Herzen, obwohl wir an Enttäuschungen gewöhnt sind und uns über die internationale Politik keine Illusionen machen. Die Volksmeinung ist immer für uns und die Außenministerien sind immer gegen uns. Das ist das Gesetz der großen Zahlen und damit haben wir uns abgefunden. Aber daß auch Sie, mon Général, uns verraten haben, tut weh. Nicht nur deshalb, weil ein Wortbruch zu einem General besonders schlecht paßt, noch viel schlechter als zu den anderen, die jetzt wortbrüchig geworden sind. Und nicht nur deshalb, weil wir Sie bisher für unseren einzigen echten Freund und Verbündeten gehalten haben. Sondern weil Ihr Wortbruch auch noch ein politischer Fehler war, wie wir ihn gerade von Ihnen nicht erwartet hätten. Sie haben sich an ein paar jämmerliche, bankrotte Diktatoren angebiedert und für ihr anerkennendes Schulterklopfen die Sympathien der ganzen freien Welt hingegeben, vielleicht sogar die Sympathien Ihres eigenen Volkes. Das soll gute Politik sein? So handelt der große Europäer de Gaulle, dieser Leuchtturm staatsmännischer Weisheit, dessen Licht über ganz Europa strahlte?

Aber auch als General können wir Sie nicht mehr so hoch einschätzen wie früher. Sie verurteilen uns als Aggressoren, weil wir angeblich den ersten Schuß abgefeuert haben. Mit dieser albernen Phrase nehmen Sie es ganz genau, viel genauer als mit dem uns gegebenen Wort. Aber selbst wenn Ihr Vorwurf zuträfe, mon Général: dürfen wir fragen, wie Sie in der gleichen Lage gehandelt hätten? Hätten Sie einem zahlenmäßig weit überlegenen Gegner, der sich aus längst vorbereiteten Stellungen von allen Seiten her zu Ihrer Vernichtung anschickt, auch noch gestattet, gemächlich den für ihn günstigsten Augenblick zu bestimmen, in dem geschossen werden soll? Mit dieser Auffassung von Strategie sind Sie General geworden?

Wie traurig, wenn sich ein Feldherr plötzlich in einen Rekruten verwandelt und ein Leuchtturm in eine Taschenlampe ...

Es ist Ihr gutes Recht, alles zu tun, wovon Sie glauben, daß es den Interessen Frankreichs nützt. Wir haben dafür das Recht, eine der schmerzlichsten Enttäuschungen zu schlucken, die uns jemals zugefügt wurden. Im übrigen wird sich an der Politik und an der Haltung Israels nichts ändern. Wir werden, wenn Sie sich entschließen, wieder Geld von uns zu nehmen, auch weiterhin französische Flugzeuge kaufen, wir werden das französische Volk, die französische Sprache und Kultur weiterhin lieben. Aber wir werden heuer im Sommer nicht nach Paris fahren und überhaupt bis auf weiteres nicht. Aus Rücksicht auf Sie, mon Général. Es könnte ja sein, daß Sie einem von uns begegnen — und vielleicht wären Sie dann nicht imstande, ihm in die Augen zu schauen. Vielleicht schämen Sie sich ein wenig, mon Général.

An Kossygin

(„Ma’ariw“, 16. Juni 1967)

Werter Genosse Kossygin!

Ob Sie es glauben oder nicht — wir haben erst gestern von Ihnen gesprochen, meine Frau und ich. „Weißt du, was ich täte, wenn ich Kossygin wäre:“ fragte ich sie. „Was?“ fragte sie zurück. — „Ich würde mich säubern“, sagte ich. — „Warum?“ fragte sie. Und daraufhin begann ich es ihr zu erklären.

Sie müsse sich vorstellen, sagte ich, wie dem werten Genossen zumute sei, wenn er die Ereignisse der letzten Zeit überdenkt. Da waren also 60 Millionen Araber, deren Ziel darin bestand, den Staat Israel auszulöschen und seine 2½ Millionen Juden ins Meer zu treiben. Nun hat der werte Genosse, wie so viele fortschrittliche Menschen, die Juden nicht besonders gern, denn sie stören den Fortschritt. Sie stören ihn dadurch, daß sie ihn ernst nehmen, oder daß sie an Gott glauben, oder an Menschlichkeit und Gerechtigkeit. Außerdem sind sie immer wieder in Pogrome und ähnliche schmutzige Angelegenheiten verwickelt. Kurz und gut: sie stören. Schon aus diesem Grund hat also der werte Genosse gegen die Pläne der Araber nichts einzuwenden. Sein großes sozialistisches Herz weitet sich und seine friedliebenden Waffenlager öffnen sich. „Kommt, Brüder, und nehmt“, sagt er. Und die Araber bestellen. „Bitte 100 Migs ... und 15 neue U-Boote ... auch von diesen hübschen grünen Panzerwagen möchten wir ein paar Dutzend haben ...“ und was man eben braucht.

Natürlich braucht man dazu auch eine gewisse Schulung. Also übt man im Jemen das Zusammenschießen von Beduinen, übt Bombenangriffe auf wehrlose Dörfer und — weil man doch auch selbst eine Kleinigkeit beisteuern will — die Verwendung von Giftgas. Das Ergebnis ist so eindrucksvoll, daß die Vereinten Nationen und ihr hoch über dem Getriebe stehender Generalsekretär vor Respekt verstummen. Nachdem die gelehrigen Schüler noch bei diversen Siegesparaden ihren außerordentlichen Kampfgeist bewiesen haben, besteht kein Zweifel mehr, daß sie bereit und fähig sind, ihre lang proklamierten Vernichtungspläne gegen Israel zu verwirklichen. Der werte Genosse gibt seinen Segen, der werte Generalsekretär wird in Kairo von einer begeisterten Menschenmenge mit dem tobenden Ruf „Wir wollen Krieg, wir wollen Krieg!“ empfangen, und da es nicht seine Aufgabe ist, dem Volkswillen entgegenzuhandeln, erläßt er sofort die entsprechenden Anordnungen: er schickt die Feuerwehr nach Hause, damit sie den Brand nicht gefährde.

Jetzt ist alles wunschgemäß vorbereitet. Nur die USA, dieser ewige Kriegshetzer, steht noch im Wege, wenn auch nicht sehr. Der werte Genosse greift zum Privattelephon und bringt die Sache durch ein intimes Gespräch mit Präsident Johnson in Ordnung. „Auf meiner Seite stehen zehn Kämpfer und auch auf deiner Seite steht einer“, sagt er. „Wenn niemand von uns beiden sich einmischt, siegt die Gerechtigkeit.“ Wohl oder übel muß Johnson diese Logik anerkennen. Und schon geht’s los. Kairo meldet schwere Straßenkämpfe in Tel-Aviv, die arabische Legion vollendet die Eroberung Jerusalems, die Syrer machen die israelischen Siedlungen, die immer auf ihre Bergstellungen hinaufgeschossen haben, dem Erdboden gleich. Und der werte Genosse geht mit dem wunderbaren Gefühl schlafen, daß wieder ein großer Schritt zur Verwirklichung des Sozialismus getan ist. Am nächsten Morgen wacht er auf und ruft den Chef seines Nachrichtendienstes. „Nun“, fragt er, „wo stehen Nassers Truppen?“ — „Auf dem Papier“, antwortet jener. „In Wirklichkeit laufen sie.“ „Und die unbezwingbaren Legionäre des jordanischen Sozialismus?“ — „Bekamen von ihrem fortschrittlichen König soeben den Befehl, die feindlichen Panzer mit Zähnen und Fingernägeln zu vernichten. Etwas anderes haben sie nicht mehr.“ In diesem Augenblick läutet das Telephon und Johnson erkundigt sich aus Washington, wie das Wetter in Moskau ist.

Und das, so erklärte ich meiner Frau, war der Augenblick, in dem ich mich, wenn ich Kossygin wäre, gesäubert hätte.

Werter Genosse Kossygin, man kann sich wirklich auf nichts und niemanden verlassen, nicht auf Johnson und nicht auf die Araber und nicht einmal auf Eschkol. Auch er ist umgefallen. Denn daß er sich im letzten Augenblick entschlossen hat, Mosche Dajan in die Regierung zu nehmen, war einfach niederträchtig. Ihr UNO-Vertreter Fedorenko hatte ganz recht, uns mit den Nazis zu vergleichen. Überhaupt muß seine Rede auf jeden anständigen Menschen den tiefsten Eindruck gemacht haben. Immer, wenn er auf seinen Zettel sah, um sich eine neue Inspiration zu holen, diente er der Sache des Friedens und des Fortschritts. „Aggressoren ... Gangster ... Lügner ... Mörde r... Kriegsverbrecher ... Faschisten ... Nazis ...“ — der Wucht dieser Argumente konnte sich niemand verschließen. Was half es da unserem Vertreter Rafael, in der gehässigsten Weise die Erinnerung an das Jahr 1940 heraufzubeschwören, als Sie gewisse Schwierigkeiten hatten, die Aggression des finnischen Kolonialismus zurückzuschlagen. Was half es unserem Außenminister, die zahllosen Verletzungen der UNO-Charter aufzuzählen, deren Ihr Land im Laufe der Jahre schuldig geworden ist. Die wahren Provokateure sind wir. Einfach dadurch, daß wir vorhanden sind.

Und wissen Sie was, werter Genosse Kossyginz Wir gedenken es zu bleiben.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
August
1967
No. 164-165, Seite 620
Autor/inn/en:

Friedrich Torberg:

1908 in Wien geboren, war Erzähler, Essayist, Kritiker und Übersetzer. Bis 1938 als Publizist und Theaterkritiker in Prag und Wien tätig, flüchtete über die Schweiz nach Frankreich und 1940 in die USA, wo er als Drehbuchautor in Hollywood und New York lebte. 1951 Rückkehr nach Wien; 1954 Mitbegründer und bis 1965 Herausgeber des FORVM, Herausgeber der Werke von F. von Herzmanovsky-Orlando. Torbergs Bekanntheit gründet sich vor allem auf den Roman Der Schüler Gerber hat absolviert und die beiden Erzählbände um die Tante Jolesch. Torberg erhielt 1976 das Österreichische Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst, 1979 den Großen Österreichischen Staatspreis. Friedrich Torberg starb 1979 in Wien.

Ephraim Kishon:

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