FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1970 » No. 200/201
Helfried Bauer (Übersetzung) • Erich H. Jacoby

Landleben in Kuba

Der vorliegende Aufsatz entstand nach einer längeren Studienreise durch Kuba und wurde auch in der FAO-Zeitschrift „Ceres“ unter dem Titel „Cuba: The Agricultural Worker is the real Winner“ veröffentlicht. Erich H. Jacoby wird voraussichtlich im Herbst 1970 nach Österreich kommen, um auf Einladung der Österreichisch-Kubanischen Gesellschaft eine Reihe von Vorträgen zu halten.

Allgemeines

Kuba ist anders: anders als unterentwickeltes Land, anders als sozialistisches Land.

Zum erstenmal in der modernen Geschichte hat der Sozialismus ein lateinamerikanisches Land erobert. Die mexikanische Revolution war eine emotionale: eine mächtige Bauernbewegung stürzte eine brutale Minorität von Grundbesitzern und verteilte das Land unter der ländlichen Bevölkerung. Aber das war alles. Die gegenwärtige landwirtschaftliche Stagnation und das Elend in weiten Gebieten Mexikos ist teilweise die Folge der unvollendeten agrarischen Revolution. Verglichen mit alldem, was sich im Laufe der Zeit auf dem lateinamerikanischen Kontinent abspielte, ist die kubanische Revolution ein sorgfältig durchgeführtes Unternehmen.

Sicherlich begann es mit dem romantischen Heldentum einer Guerillabewegung. Aber als das Land erobert war, wurde der Versuch unternommen, Gesellschaft und Wirtschaft tiefgreifend umzuformen — manchmal eher unsystematisch, oft nach der „trial and error“-Methode. Der Mangel an Konsistenz ist ein charakteristischer Zug auch in der Geschichte der kubanischen Revolution.

Als ich kürzlich Kuba besuchte, fand ich ein lebendiges gesellschaftliches und wirtschaftliches System vor, mit dem Mut zum Experiment und zur Übernahme von — oft sogar allzu großen — Risken. Viele Menschen, vor allem unter der Jugend, schienen mir energisch und von echtem Enthusiasmus beflügelt.

Auf der anderen Seite leidet Kuba unter wachsenden Schwierigkeiten, von denen es sich einen beträchtlichen Teil selbst zugefügt hat. Zehn Jahre nach der Revolution sind deren Führer noch immer geneigt, in Kategorien des Guerillakriegs zu denken, ohne Rücksicht auf Fähigkeit oder Bereitschaft des Volkes, Entbehrungen zu erleiden und Risken zu übernehmen.

Arbeitsmarkt

Kuba ist zu einem aufstrebenden Land geworden. Von den meisten unterentwickelten Ländern unterscheidet es sich in einem grundlegend: es gibt keine Arbeitslosen, im Gegenteil, es herrscht Knappheit an Arbeitskräften.

Die beste Erklärung gab mir Carlos Rafael Rodriguez, früher Präsident des staatlichen Instituts für Agrarreform (INRA), jetzt Mitglied des ZK der Kommunistischen Partei (PCC). Er führte die folgenden Gründe für den überraschenden Erfolg im Kampf gegen Arbeitslosigkeit an:

  1. Aufhebung der Kinderarbeit durch allgemeine Schulpflicht;
  2. die mehr oder weniger umfassende Einführung des 8-Stunden-Arbeitstages, selbst während der Hochsaison in Landwirtschaft und Industrie;
  3. die beträchtliche Erweiterung der landwirtschaftlich genutzten Fläche, verbunden mit Diversifizierung der Landwirtschaft, teilweise durch Einführung von arbeitsintensiven Produkten wie Kaffee und Zitrusfrüchten;
  4. zunehmende Industrialisierung;
  5. der Bau von Straßen, Staudämmen, Häusern, Wiederaufforstung u.dgl.

Auch die Armee nimmt einen beträchtlichen Teil der vorhandenen Arbeitskräfte auf. Sie werden auch dort für Ernte-, Wiederaufforstungs- und Bauarbeiten eingesetzt.

Freie Arbeitsplatzwahl

Kuba ist das einzige sozialistische Land, das nach der Revolution die freie Mobilität des Faktors Arbeit zuließ. Hunderttausende Landarbeiter verließen die ländlichen Notstandsgebiete und vertauschten das dortige Elend mit dem Glanz Havannas und anderer Städte.

Ein Beamter der Planungskommission erzählte mir, daß dieser Exodus aus den landwirtschaftlichen Gebieten die Regierung seinerzeit zwang, die Industrialisierung zu forçieren, weit über die ursprünglichen Pläne hinaus. Jeder andere Versuch zur Lösung des Problems, jede erzwungene Beschränkung der Freiheit der Landarbeiter wäre in Widerspruch zur erklärten humanistischen Politik der kubanischen Revolution geraten. Dergleichen war in anderen sozialistischen Ländern nicht zu bemerken.

Vielleicht war diese Politik nicht nur Ausdruck der humanen Gesinnung. Der Druck der auf dem Land verbliebenen Landbevölkerung hätte die Regierung zwingen können, Grund und Boden zu verteilen, wobei es zu einer Zerstückelung der sehr wirtschaftlichen und früher von ausländischen Gesellschaften ausgebeuteten Zuckerrohrplantagen gekommen wäre.

Landreform

Die Vernachlässigung orthodoxer sozialistischer Grundsätze ist ein Kennzeichen der kubanischen Revolution und vielleicht der Grund für ihren Erfolg. Die Kubaner verzichteten auf die Kontrolle des Arbeitsmarktes, was vielleicht vom ökonomischen Standpunkt ein Irrtum sein mag. Jedoch erhielten sie die großen Zuckerrohrplantagen als wirtschaftliche Einheiten und übersprangen so die erste Stufe aller sozialistischen Revolutionen: die Verteilung von Grund und Boden an die Pächter und Landarbeiter. Dies war nicht zu schwierig, denn Kuba ist weitgehend ein Land ohne bäuerliche Tradition, besonders in den Gebieten des Zuckerrohranbaus. So konnte die kubanische Revolution sofort Staatsgüter einrichten an Stelle von Kollektivfarmen (solche existierten anfänglich für kurze Zeit in den Zuckergebieten).

Dies erleichterte die Durchführung der agrarischen Entwicklungsprogramme und verhinderte die Entstehung schwarzer Märkte.

Andererseits wurde das Pachtwesen abgeschafft. Bäuerlicher Grundbesitz wurde — wenn auch auf Kosten der Wirtschaftlichkeit — auf etwa 30 Prozent des landwirtschaftlichen Areals mit 40 Prozent der landwirtschaftlichen Bevölkerung zugelassen. Diese Form von Landbesitz ist häufig in den Tabakanbaugebieten, besonders in der Provinz Pinar del Rio. Die Tabakpflanzer stellen zu einem gewissen Grad einen agrarischen Mittelstand dar, mit einer durchschnittlichen Besitzgröße von 20 Hektar, maximal 66 Hektar, und einem Einkommen, das beträchtlich über dem der Landarbeiter liegt.

Aber vom ökonomischen und politischen Gesichtspunkt sind diese Pflanzer neutralisiert, denn es gibt keinen freien Zugang zu den Märkten. Staatliche Gesellschaften sind die einzigen Käufer. Sie zahlen stabile Preise, die nicht von der Entwicklung auf den Weltmärkten abhängig sind. So kann die Regierung über die Preise und Kredite den Lebensstandard der Farmer bestimmen.

Ich hatte Gelegenheit, mit dem Vorsitzenden der nationalen Bauernorganisation und mit einigen Tabakpflanzern zu sprechen. Mein Eindruck ist, daß zu einem gewissen Grad die ältere Generation noch immer eine konservative Einstellung besitzt. Besonders in Havanna und Umgebung pflegt man die Erinnerung an die früher höheren Preise für Gemüse und andere Agrarprodukte.

Aber die Dynamik der neuen kubanischen Gesellschaft hat vor den Söhnen und Töchtern dieser Farmer nicht haltgemacht. Erziehungsinstitutionen und streitwillige Arbeitsgruppen isolieren sie Schritt um Schritt von den älteren Leuten. Man erzählte mir, daß in vielen Fällen die Kinder ablehnten, die Erbfolge anzutreten, mit dem Ergebnis, daß beim Tod des Farmers der Besitz an den Staat fällt.

Auf einer privaten Tabakpflanzung in der Provinz Pinar del Rio sah ich die Landarbeiter, die von der Kooperative beschäftigt und bezahlt werden, in kollegialer Weise mit dem Farmer arbeiten; sie redeten ihn mit „Companero“ (Genosse) an.

Da die kubanische Revolution die junge Generation für sich gewonnen hat und schrittweise den Einkommensunterschied zwischen Landarbeitern und bäuerlichen Grundbesitzern ausgleicht, wird wahrscheinlich die Grundbesitzerklasse in Kuba innerhalb einer Generation nicht mehr bestehen.

Kuba ist anders: die gutsituierten bäuerlichen Grundbesitzer wurden weder liquidiert noch von ihren Besitzungen vertrieben. Die unzufriedene Mittelklasse hat die Möglichkeit der Auswanderung, aber ohne Mitnahme des Vermögens.

Landarbeiter

Der echte Gewinner der kubanischen Revolution ist die Landbevölkerung: die Landarbeiter haben zum erstenmal in der Geschichte Kubas soziale Sicherheit und steigende Reallöhne Früher hatten sie unter Arbeitslosigkeit und der Ungerechtigkeit eines besonders unfairen Verteilungssystems zu leiden. Heute ernten sie die Früchte der großangelegten Bewässerungsanlagen — wie die kürzlich vollendete Talsperre Carlos Manuel Cespedes in der Provinz Oriente, mit deren Hilfe 50.000 Hektar Land für den Bau von Zuckerrohr und Reis bewässert werden können. Sie werden auch im Rationierungssystem begünstigt. Zusätzlich hatten die Landarbeiter die Genugtuung, daß die Stadtbewohner, Studenten, Intellektuelle, Beamte aller Ränge, auf das Land kommen, um ihnen bei der Zuckerrohrernte zu helfen.

Arbeitsanreize

Die Ideolgie der kubanischen Revolution sieht den „neuen Menschen“ (hombre nuevo) durch den kollektiven Fortschritt motiviert und nicht durch individuelle Vorteile. Zweifellos gelang es der kubanischen Regierung, den Enthusiasmus der jungen Generation für kollektive Ziele zu wecken, der kritische Beobachter kann aber nicht übersehen, daß ein Entlohnungssystem besteht, das als Ersatz für ein Anreizsystem anzusehen ist. Der Landarbeiter erhält einen höheren Lohn für Schwerarbeit, und der private Tabkapflanzer wird angespornt, die Qualität seiner Ernte anzuheben, denn die Preise werden nach einem differenzierten Schema festgesetzt, das 52 verschiedene Qualitätsgrade des Tabaks kennt.

Die den Pflanzern gezahlten Preise enthalten sogar eine gewisse Bodenrente, denn einige der höher bezahlten Tabakqualitäten hängen nur von der Bodenqualität ab.

Lebensstandard

Vor der Revolution wurden 95 Prozent aller Agrarprodukte auf dem Mercado Unido (Großmarkt) in Havanna durch Vermittler zu den höchsten Preisen im ganzen Land verkauft. Diese „gute alte Zeit“ ist vorüber. Das Fleischangebot ist zwar sehr knapp, die verfügbaren Mengen werden jedoch einigermaßen gerecht im ganzen Land verteilt. Heute leben 70 Prozent der Bevölkerung besser als je zuvor; es gibt weder Armut noch Elend auf dem Land und mehr Schulen und Spitäler als früher.

Es gibt unterschiedliche Zuteilungsniveaus: die arbeitenden Menschen auf den Feldern, in den Fabriken, Büros, Universitäten und Schulen erhalten ihre Mahlzeiten zu niedrigen Preisen oder kostenlos, während der offizielle Preis dafür viel höher ist. Natürlich führt dieses differenzierte Verteilungssystem zu einigen Ungerechtigkeiten, aber es versetzt die Regierung in die Lage, die ländlichen Gebiete zu unterstützen, die jahrhundertelang vernachlässigt wurden und vermindert so auch die Landflucht, die Zuwanderung in die Städte.

Agrarproduktion

In den ersten fünf Jahren nach der Revolution sank die Produktion beträchtlich. Aber in der jüngsten Zeit — so erzählte man mir — konnten beträchtliche Steigerungen der Reis-, Geflügel- und Eiererzeugung erreicht werden. Eine vielversprechende Entwicklung scheint die Ausweitung der Viehproduktion durch künstliche Besamung in den sogenannten „genetic enterprises“, die für die nächsten fünf bis sechs Jahre eine mehrfach gesteigerte Fleischerzeugung erwarten läßt.

Insgesamt habe ich den Eindruck einer allgemeinen agrarischen Expansion, die eng mit der Vervollständigung der Bewässerungsanlagen und der infrastrukturellen Verbesserung zusammenhängt.

Einige Diversifizierungsversuche erscheinen mir allerdings zweifelhaft. Das Pflanzen von Millionen Kaffeebäumchen, die der Sonne ganz ausgesetzt sind, dürfte ein riskantes Unternehmen sein, obwohl kubanische Fachleute versicherten, daß diese besondere Gattung keinen Schatten braucht. Es ist eine der romantischen, aber auch gefährlichen Eigenschaften der kubanischen Wirtschaft, daß die Regierung sich Gefahren aussetzen muß, da sie keine Zeit hat, Ergebnisse sorgfältiger Versuche mit neuen Pflanzenarten abzuwarten.

Regionalplanung

Es gibt einige Anzeichen, daß Kuba darangeht, eine neue Art sozialistischer Organisation einzurichten, die auf regionalen wirtschaftlichen Planungseinheiten aufbaut, ein System einzuführen, das rasche Anpassung der Arbeitskräfteverteilung erlaubt und gleichzeitig arbeitsparend ist. Mit dem Aufbau eines solchen Systems geht jedoch die Regierung das Risiko ein, daß die Arbeiter ihre Identifizierung mit einem bestimmten Unternehmen verlieren, und sie ist gezwungen, alle Gefahren, die mit zentralen Planungs- und Investitionsentscheidungen verbunden sind, zu übernehmen.

Osthilfe

Ein besonderer Aspekt der wirtschaftlichen Entwicklung Kubas in den letzten zehn Jahren ist die technische Hilfe durch die Ostblockländer in Form von Warenaustausch und Hilfslieferungen. Soweit ich es überblicke, ist diese Hilfe wirksam. Sie wird von der kubanischen Akademie der Wissenschaften bestens koordiniert. Die Akademie erkennt jedoch auch ihre Beschränkungen; so führt sie keine Grundlagenforschung durch, sondern konzentriert alle Anstrengungen und Ressourcen auf angewandte Forschung und Feldtraining. Es steht ihr die Möglichkeit offen, sich an die Akademien der Wissenschaften der UdSSR und der DDR zu wenden, um Grundlagenforschungsprojekte für Kuba durchzuführen.

Konsumgüter

Es gibt beträchtlichen Mangel an Konsumgütern. Der an den Überfluß pittoresker Märkte in den Entwicklungsländern gewöhnte Besucher aus dem Westen wird von Kuba enttäuscht sein. Er hat fast keine Möglichkeit, Geld auszugeben, ausgenommen für Kino, Briefmarken und in Nachtlokalen. Wenn man die Konsumgesellschaft vor Augen hat, wird der Bericht aus Havanna pessimistisch sein und von langen Schlangen vor den Geschäften und von Rationierung sprechen.

Schlußfolgerung

Es gibt drei Möglichkeiten, über die Verhältnisse in einem Land zu berichten: 1. unter einem statischen Gesichtspunkt; 2. von einem rückblickenden Standpunkt und 3. vom Standpunkt der Zukunft. Alle drei Berichte können wahr sein, obwohl sie sehr unterschiedliche Aussagen treffen. Ich hielt mich an den ausgezeichneten Bericht einer Kubamission der Weltbank aus den frühen fünfziger Jahren. Durch Vergleich mit den Feststellungen dieses Berichts war ich in der Lage, den Fortschritt abzuschätzen, die Fehler und Unzulänglichkeiten zu erkennen und die Pläne für die Zukunft zu bewerten. Meiner Ansicht nach ergibt nur diese Betrachtungsweise die echte Perspektive.

(Aus dem Englischen von Helfried Bauer)

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Erstveröffentlichung im FORVM:
August
1970
, Seite 815
Autor/inn/en:

Helfried Bauer:

Student der Nationalökonomie in Wien.

Erich H. Jacoby:

Geboren in Deutschland‚ seit vielen Jahren schwedischer Staatsbürger, international anerkannter Agrarexperte, verfaßte das grundlegende Werk über die Agrarverfassung in Südostasien „Agrarian Unrest in Southeast Asia“ (London — New York 1949). Bis 1967 leitete er die Abteilung Landreform der Welternährungsbehörde der Vereinten Nationen (FAQ) in Rom. Seither arbeitet er am Institut für internationale ökonomische Studien der Universität Stockholm an der Untersuchung „Man and Land: The Key Issue in Development“. Das Werk wird Ende 1970 in England erscheinen.

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