FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1979 » No. 309/310
Günther Nenning

Kopfarbeiter aller Länder, vereinigt euch!

Zum Tod Herbert Marcuses, Mitglied des NF-Redaktionsbeirates

0 Auf der Suche nach dem revolutionären Subjekt

Ob Marcuse ein guter Philosoph war, weiß ich nicht. Ich glaub eher nicht. Aber es interessiert mich nicht wirklich. Den Lustgewinn, den Marcuse für uns Linke rehabilitiert hat, hol ich mir anderswo (Marx, Hegel, Augustinus).

Hier geht’s nicht um Lust, sondern Pflicht — Lob des Toten, auf daß er uns fürderhin beistehe. Da bleiben wir eisern bei der Folklore. Sie ist sinnreich, fast immer. Auch wir Linke können bitte nicht leben ohne Fürsprache unserer guten Geister. Wir nennen das: enge Verbindung von Theorie & Praxis.

Unsere guten Geister sind lauter Juden, lauter Deutsche, lauter Bildungsbürger. Marx, Freud, Marcuse. Wir sind gute Theologen: Wir nehmen nicht, was geschrieben steht, sondern stellen es vom Kopf auf die Füße, von den Füßen wieder auf den Kopf, und noch ein paarmal so. Wir nennen das: ständige Weiterentwicklung der Theorie.

Marcuse, Freud, Marx , auch etwas Lenin und Mao, nicht zuviel Adorno, ein bissel Nietzsche, ziemlich viel Bakunin, wenig platten Engels. Wie viele Engels haben auf einer Nadelspitze Platz? — jene, mit der wir in den Elefantenarsch des Kapitalismus stechen. Wir nennen das: gewaltlose Revolution.

Mit unseren Göttern in der Hand kommen wir durch’s ganze Land. Wenn wir die Wirklichkeit marxistisch anblicken, blickt sie auch uns marxistisch an. Wenn nicht, desto schlimmer für die Wirklichkeit. „Marx hat recht gehabt“ — „Marcuse hat recht gehabt“.

Wirklich, Marcuse hat recht gehabt.

  1. Die Arbeiterklasse der „fortgeschrittenen Industriegesellschaft“ ist integriert — die reinen Lamperln.
  2. Der Kapitalismus herrscht über sie, indem er sie ideologisch manipuliert — lauter Zombis.
  3. Die Revolution hat ihren Ursprung nicht bei den Massen, sondern bei der Minderheit — die Intellektuellen sind entweder Knechte des Kapitals oder aber Berufsrevolutionäre.

1 Ein Proletariat aus Lamperln

Marcuse wurde vom Proletariat furchtbar enttäuscht. Marx hat dekretiert: Die Befreiung der Arbeiterklasse kann nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein. Was macht sie statt dessen? Verbürgerlicht. Fällt hinein auf die primitiven Tricks der Manipulateure. Fährt sinnlos mit dem Auto herum, statt Revolution zu machen. Das wird die Linke dem Proletariat nie verzeihen.

Marx ist der umgekehrte Zauberlehrling. Die er rief, die Geister, wurden ihn los.

Lenin hatte es noch schön, als er die englische Arbeiterklasse beschimpfte als „Arbeiteraristokratie‘‘, gestopft und korrumpiert mit den blutbefleckten Profiten des Empire. Heute ist alle Arbeiterklasse der „fortgeschrittenen Industriegesellschaft“, West wie Ost, „Arbeiteraristokratie“. Gibt’s ärgere Spießbürger als die Enkel des großen roten Oktober?

Wir haben, wie immer in der Welt, zwei Möglichkeiten: Wir machen uns weiterhin Illusionen, oder wir machen uns keine.

In Illusionen sind die Linken groß. Wenn sie von den Massen reden, sind’s halt wenige. Und Arbeiterklasse sind halt zweieinhalb wild gewordene Bürgerkinder.

Marcuse hat die Illusion preisgegeben, das Proletariat gewogen und zu leicht befunden. Gott Geist der reinen Theorie veranstaltet mit den Arbeitern Sturz der gefallenen Engel. Jetzt siedeln sie im Höllenkessel der „fortgeschrittenen Industriegesellschaft“, gezwickt von allen Teufeln der Manipulation.

Geschieht ihnen recht, vergessen wir sie.

Dann gibt’s noch die langweilige, sozialdemokratische Möglichkeit: Organisation der Arbeiterklasse als unmittelbare Interessenbewegung. „Was wir erwarten von der Zukunft Fernen: / Daß Brot und Arbeit uns gerüstet steht / Daß unsere Kinder in der Schule lernen / Und unsre Alten nicht mehr betteln gehn.“

Altes Arbeiterlied; sonst wollen die gar nichts? Lebensstandard — Bildung — Vorsorge fürs Alter. Wer das hat, scheint’s so gut zu haben wie die Bürger. Die Verbürgerlichung der Arbeiterklasse liegt im unmittelbaren Interesse der Arbeiterklasse.

Warum soll sie das nicht wollen dürfen? Die Arbeiter wollen Bürger sein, weil Bürger sein schöner ist als Arbeiter sein. Das eigene bessere Leben interessiert sie mehr als edles Werkzeug zu sein für eine radikale bürgerliche Intelligenzija, die Revolution machen will, aber selber nicht kann.

Marx beschimpfte seine eigene Bürgerklasse, weil sie keine richtige Revolution zusammenbrachte (in Deutschland) oder die Revolution im Stich ließ für Profit (in Frankreich, England). Auf Ausschau, wer denn machen könnte, was er als radikaler bürgerlicher Intellektueller sich so vorstellte, entdeckte er das Proletariat. Ihm gedachte er die weltgeschichtliche Ehre zu, die von seiner eigenen Klasse stehengelassene Revolution fortzuführen und zu vollenden.

Es blies ihm was.

Seither ist es auf der Linken üblich, die Arbeiterklasse, weil sie sich nicht revolutionieren läßt, zu beschimpfen. Nicht so direkt, weil vielleicht läßt sie sich endlich doch noch revolutionieren, aber in leicht verschlüsselter Form. Beschimpft werden die historischen Organisationsformen, in denen sich die Masse der Arbeiterklasse zusammenfand, die „revisionistischen“ SPen, gleich mitsamt den „revisionistischen“ KPen, und die „reformistischen“ Gewerkschaften.

Mit diesem Quidproquo hat Marcuse Schluß gemacht. Er schimpft gleich direkt auf die Arbeiterklasse. Die Arbeiterklasse hat die Arbeiterklasse verraten. Der Arbeiterklasse treu geblieben ist nur die radikale bürgerliche Intelligenz. Wohin gelangt man von hier aus? Heia, ins Nichts.

Außer man erfängt sich noch rechtzeitig. Schreibt einer, geübt im rechtzeitigen Sich-Erfangen, weil aus Wien und aus dem Austromarxismus stammend. André Gorz, in der Pariser Libération, 31. Juli 1979:

Marcuse hatte auf allen Linien recht. Nicht weil er sagte, das Proletariat sei integriert. Was wichtiger ist in seinem Denken, ist ... daß Theorie und Bewußtsein von Revolution nicht entstehen können und nie entstanden sind im Proletariat. Es ist keine Revolution möglich ohne Proletariat, sagte er, aber der Katalysator des Bruches mit den bestehenden Zuständen sind nicht die Massen, sondern die Minderheiten.

Reim dich, oder ich friß dich: Proletariat ist integriert. Aber das ist nicht so wichtig, denn es macht keine Revolution. Aber ohne Proletariat gibt’s keine Revolution. Aber das Proletariat ist kein Katalysator von Revolution. Aber wir werden es schon katalysieren. Daß es integriert ist, ist daher nicht so wichtig. Denn es macht keine Revolution. Aber ohne das Proletariat ...

Da capo, sine fine. Aufgabe des Revolutionärs ist es, die Revolution zu retten.

Bild: Libération

Da helfen ihm keine solchen Kunststückerln. Er braucht ein neues revolutionäres Subjekt. Das sind bestimmt nicht Marcuses „Minderheiten‘‘, Neger, Mexikaner, Strafgefangene, Gammler, Hascher, Iren, Basken. Sie holen die brave alte Arbeiterklasse nicht weg von ihrer bürgerlichen Ruhe und Ordnung, sondern im Gegenteil.

Ein Prophet darf sich irren, wenn er außerdem auch recht hat. Marcuse zeichnet nämlich den Schattenriß des neuen revolutionären Subjekts — in einem dialektischen Dreierschritt, der aus dem Takt geraten ist:

  1. (These): Die Arbeiterklasse, das erhoffte revolutionäre Subjekt, integriert sich.
  2. (Synthese): Es entsteht ein kompakter bürgerlicher Menschheitsbrei aus eindimensionalen Leistungs-, Konsum- und Medienidioten.
  3. (Antithese): Aus der Welt der Väter- und Mutteridioten wächst die Revolte der Studenten. Sie wird niedergeschlagen. Darüber stirbt Marcuse, und wir vielleicht auch. Aber die Revolte der jungen Kopfarbeiter war nur das aktionistische Vorspiel zur kommenden Revolution der Kopfarbeiter schlechthin. Sobald sie angewachsen sind zur Mehrheit der Arbeiterklasse, zur neuen Arbeiterklasse.

Dank Marcuse und ein bißchen Mühe haben wir wieder so etwas wie ein revolutionäres Subjekt.

2 Eine Menschheit aus Idioten

Einst litten die Arbeiter an allem Nötigen Mangel. Das haben sie sich nicht gefallen lassen.

Jetzt leiden die Arbeiter an allem Unnötigen keinen Mangel. Jetzt geben sie Ruh.

Was für herrliche Zeiten, als Dr. Marx den Lehrstuhl innehatte für Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft. Kapitalist beutet Arbeiter aus. Arbeiter verelendet. Kapitalist steckt alles ein. Arbeiter erhebt sich. Marx-Freund Heine hörte schon „im Korridor die marmornen Tritte der neuen Götter, welche ohne anzuklopfen in den Festsaal eintreten werden und die Tische umstürzen“.

Einen Schmarrn. Der Hendl-Jahn hat für sie die geschmackvollen „Wienerwald“-Gaststätten eingerichtet. Die Tische sind dort angeschraubt.

Schon vor -zig Jahren hatte der miese Henry Ford die Idee, statt aus dem Schweiß seiner Arbeiter kostspielige Automobile an die Bourgeoisie zu verkaufen, aus dem Schweiß seiner Arbeiter billige Automobile an die Arbeiter zu verkaufen. Er zahlte sie besser, borgte ihnen Geld zum Autokaufen, wurde Milliardär, fraß oder erschlug seine vornehmen Konkurrenten Pontiac, De la Haye oder wie sie hießen, die die sündteuren, handgearbeiteten wunderschönen Oldtimer machten für Ausbeuter mit Chauffeur.

Der alte Bourgeoiskapitalismus war ein ehrlicher Schurke. Er beschiß den Arbeiter in der Produktion, wie Marx dies so schön schilderte, damit basta. Der neue Volkskapitalismus ist ein abgefeimter, doppelter, dreifacher Schurke:

Er beutet uns in der Produktion aus, nach wie vor, wie Marx dies so schön schilderte.

Dann beutet er uns nochmals im Konsum aus, hängt uns, wie einst den Wilden die Glasperlen, immer neuen glitzernden Plunder an.

Und drittens deckt er mit der zweiten Ausbeutung die erste zu. Denn wer ein Auto hat, eine schöne Wohnung mit Möbeln aus Eiche, Leder und Sonnenblumen auf den Badezimmerkacheln — ist nicht ausgebeutet. Wer die Wahl hat zwischen Opel und Volvo, Omo und Persil, Kunz und Meinl, F1 und F2 — ist ein freier Mensch.

Täglich, stündlich schampunieren Spezialisten unsre Gehirnwindungen mit frischer Medienscheiße — wir sind informiert.

Bild: Libération

Der Bourgeoiskapitalismus unterdrückte die Arbeiter so ungeschickt, daß sie sich erheben konnten. Außerhalb der Produktion blieben ihnen Dimensionen, wo sie sich organisieren, bilden, empören konnten. Der Volkskapitalismus unterdrückt uns so, daß wir liegenbleiben. Produktion, Konsum, Medien, Freizeit — überall walzt er uns platt. „Der eindimensionale Mensch.“

Marcuse schrieb dieses Buch, 1964, sein schönstes, wichtigstes, im heiligen Zorn. Er war ein Hedonist — in seinen letzten Tagen, erzählt uns Jean Marabini in Le Monde (3. August 1979), wollte er noch nach Venedig zum Musikfest, um Vivaldi zu hören.

Und lebte in einer Menschheit, für die „Vivaldi‘‘ wie der Name des neuesten Duftsprays klingt, mit dem man sich und seinen Partner glücklich machen kann.

Marx hat uns die materielle Veredelung des Arbeiters erklärt, Marcuse die seelische Verelendung des Leistungs-, Konsum- und Medienbürgers. Den Schlüssel zur bürgerlichen Anatomie fand Marx in der Politischen Ökonomie — wie er sie nannte zum Unterschied von der wirtschaftlichen Haushaltung des Privatbürgers. Den Schlüssel zur Seele hinter den bürgerlichen Rippen fand Marcuse in der Politischen Psychiatrie -— so könnte man sie nennen zum Unterschied von der seelischen Haushaltung des Privatbürgers.

Marx holte die Naturwissenschaft vom hehren Sockel der uninteressierten Forschung und enthüllte sie als Bedienerin des Kapitalismus. Sie streift umher in der Wunderweit der Natur, aber genauer darf sie nur in die Ecken schauen, wo’s was zu verdienen gibt. Für neue Rüstung und neues Waschpulver kriegt sie Taschengeld, für saubere Energie, saubere Umwelt nicht oder erst neuerdings, seit’s dort was zu verdienen gibt.

Marcuse nahm den gleichen Entweihungsvorgang mit der Psychoanalyse vor. Sie streift umher in der Wunderwelt des Unbewußten, aber gleichfalls als Bedienerin des Kapitalismus. Ihr Abrakadabra wird reduziert auf Volkspsychiatrie: Fit Mach Mit in der Produktion. Fit Mach Mit im Konsum.

Die eingespannte Naturwissenschaft sorgt für immer bessere Maschinen, die eingespannte Psychoanalyse für immer bessere Maschinenanhängsel namens Menschen. Die Psychoanalyse ist eine unmittelbare Produktivkraft des Volkskapitalismus.

Marx hat Hegel vom Kopf auf die Füße gestellt, Marcuse Freud. Unterhalb des frei schwebenden Hegelschen Weltgeistes wühlte Marx, das Schwein, in den materiellen Niederungen des bürgerlichen Wirtschaftslebens. Oberhalb des von Freud freigelegten und gleich wieder zugeheilten gutbürgerlichen Trieblebens wühlte Marcuse, das Schwein, in den Direktionsetagen des Volkskapitalismus und enthüllte dort den Skandal „Triebstruktur und Gesellschaft“.

Marcuse gab diesem Buch, 1955, seinem schwierigsten, gründlichsten, den Untertitel „Ein philosophischer Beitrag zu Sigmund Freud“. Er trägt nicht bei, er dreht um. Freud hat die Schmutzigkeit des bürgerlichen Seelenlebens erforscht, aber er wollte die Kloake unter Verschluß halten; die aufsteigenden Dünste sublimieren; den bürgerlichen Patienten einzelweise wieder tauglich machen für die bürgerliche Gesellschaft. Ohne Sublimation keine Kultur.

Schon Wilhelm Reich wollte das Gegenteil. Der Kapitalismus unterdrückt die Triebe, der Sozialismus beseitigt alle Unterdrückung, auch die der Triebe. Ohne Entsublimierung kein Sozialismus. Erstens ist das seinen hochsublimierten Genossen sehr verdächtig vorgekommen -— zwischen Sowjetunion und rotem Wien war da kein Unterschied. Zweitens hat Reich den Kapitalismus weit unterschätzt — wie das revolutionären Ungeduldigen immer passiert.

Der alte Bourgeoiskapitalismus hat die Triebe rechtschaffen unterdrückt, sublimiert in endlosen Frust. Der Volkskapitalismus leitet sie um in ein patentiertes System, wo sie ständig massiert und gekitzelt werden. Er baut aus dem Pudertier ein Leistungstier, aus dem Lusttier ein Kauflusttier, aus dem Frusttier die demokratisch lackierten Faschisten, Rassisten und Medienzombis.

Der Volkskapitalismus ist viel produktiver als der alte Bourgeoiskapitalismus. Er fängt mit den Trieben was Nützliches an. Er produziert nicht nur immer neue Produkte, sondern vorsorglich auch immer neue Bedürfnisse nach immer neuen Produkten. Er baut uns eine neue Triebstruktur, damit wir glücklich sein können.

Wie gelangt man von einer Menschheit aus glücklichen Idioten vorwärts zum Sozialismus?

Darüber stirbt Marcuse, und wir vielleicht auch. Aber er wie wir mit halb optimistischem, halb resigniertem, unkorrigierbar weitsichtigem Seitenblick auf die Revolte der jungen Kopfarbeiter.

3 Die Revolution der Kopfarbeiter

Marcuse war eigentlich ein Aufklärer der alten Schule, ein Kathedersozialist: Die Kraft zum grundstürzenden Umbau des Menschen und der Gesellschaft kommt primär nicht aus den materiellen Verhältnissen, materiellen Interessen, sie kommt aus der Vernunft. Das Neue ist: Die Vernunft, die allein den Umschwung bewirken kann, bewirkt nichts mehr. Sie hat ihren Adressaten verloren, den der Aufklärer vom Katheder herunter aufklären könnte. Arbeiterklasse integriert, idiotische Gesellschaft allumfassend.

Marcuse stellt den auf dem Kopf stehenden Hegel mit doppeltem Salto wieder auf den Kopf. „Die theoretische Arbeit“, schreibt Hegel in einem Brief, „bringt mehr in der Welt zustande als die praktische; ist das Reich der Vorstellung revolutioniert, so hält die Wirklichkeit nicht stand.“

Marx, Hegel vom Kopf auf die Füße stellend: Ist das Reich der Wirklichkeit revolutioniert, so hält die Vorstellung nicht stand — Sein bestimmt Bewußtsein.

Marcuse, Hegel weiterrotierend: Ist das Reich der Vorstellung revolutioniert, so hält die Wirklichkeit trotzdem stand — Bewußtsein bestimmt nicht Sein.

Üblicher Bankrott des Aufklärers. Volk hört nicht zu.

Revolutioniert ist aber auch erst das Reich der Vorstellung des Herbert Marcuse.

Habermas (in: Gespräche mit Herbert Marcuse, Frankfurt 1968, S. 32): Aber gestritten wird ...
was uns glücklicher macht ... was das Leben lebenswert macht.

Marcuse: Aber das weiß man doch.

Habermas: Da spricht der alte Philosoph aus Ihnen: Das weiß man doch.

Die Vernunft, die Marcuse hat, schüfe die Revolution, die Marcuse will. Konjugieren im Konjunktiv: „Vernunft und Revolution.“ Marcuse schrieb dieses Buch 1941, sein philosophischestes, abstraktestes, ein Vierteljahrhundert bevor ihn die Medienfritzen zum „Vater der Studentenrevolte“ empordenunzierten.

Das hat sich niemand entgehen lassen beim Nachrufen am 31. Juli 1979, nicht die fürnehme Presse, nicht die bemühte Kleine Zeitung, nicht die betuliche Arbeiter-Zeitung, nicht Liberalkathole Anton Pelinka im profil (6. August 1979). Einzig der tapfere Scheißliberale Iring Fetscher in der Zeit (3. August 1979) hat sich’s verkniffen.

Marcuse hatte einen untheoretischen, viszeralen Horror vor Gewalt, einschließlich Gegengewalt gegen Staatsgewalt, einschließlich „Gewalttätigkeit“ der Neuen Linken, als sie hauptsächlich darin bestand, daß die Studenten und vor allem -innen von Polizisten mit pflichtgetreuem Sadismus verprügelt wurden. Jean Duvignaud schildert in Le Monde, 3. August 1979, wie Marcuse im Mai 1968 in Paris eintraf, als die Steine flogen und die heiligen Autos brannten. Durch das Tränengas im Quartier Latin irrte er rat- und hilflos, schrieb Duvignaud, „wie ein Zombi“.

Die Staatspolizei beschattete ihn. Sie hatte von ihren bundesdeutschen Kollegen den Zund, er sei „Anstifter der Berliner Studentenunruhen“. Außer der Polizei kannten ihn nur sonstige Eingeweihte, ältere revolutionäre Intelligenz, nicht nur praktizierende Jugend.

„Ich kenne Marcuse nicht“ sagte Studentenführer Jacques Sauvageot zu Le Monde (zitiert in Libération, 31. Juli 1979). „Ich habe von Marcuse nichts gelesen, aber ich bin sicher, daß seine Theorien falsch sind.“

Bild: Libération

Kritische Theorie begegnet kritischer Praxis. Die Begegnung findet nicht statt. Die drei M auf Pariser Wänden — Marx, Mao, Marcuse — sind die gemeinsame Erfindung von Staatspolizei und Gedankenpolizei; ein Medienmythos.

Die meisten supersozialistischen Jungbürger sind unterwegs mit kärglichem geistigem Proviant. Das ist ungerecht hinsichtlich einer Elite:

Winter 1961/62 hatten Lucien Goldmann und Serge Mallet, Alt-Gurus der Pariser Linksintelligenz, Herbert Marcuse für ihre Studenten an die Sorbonne geholt; im Gefolge erschienen „Vernunft und Revolution“, „Eros und Zivilisation“ auf französisch.

Mit deutscher Gründlichkeit betrieb Marcuse-Studien die SDS-Elite, voran Rudi Dutschke. 1964, 1966, 1967 sprach Marcuse in Heidelberg, Frankfurt, Berlin.

Erzählte Rudi in einer Sendereihe der BBC über die Frankfurter Schule (Gespräche mit Herbert Marcuse, Frankfurt 1978, S. 133):

Ausgangspunkt unsres Denkens war die Niederlage, die der Stalinismus für die Arbeiterklasse heraufbeschworen hatte ... Deshalb habe ich mich selbst und haben andere Radikale sich sehr gründlich mit der Geschichte der Arbeiterbewegung beschäftigt. Im Zusammenhang damit erörterten und reflektierten wir Diskussionen, die von der Frankfurter Schule geführt wurden, speziell von Herbert Marcuse ... Vor allem sein Buch „Die Gesellschaftslehre des sowjetischen Marxismus“ (englisch 1941, deutsch 1964) wurde für uns sehr wertvoll ...

Wir luden Marcuse ein, weil wir in seinem Denken eine internationalistische Dimension entdeckten ..., die es weder in den deformierten sozialistischen Ländern gab noch in einer der westlichen sozialistischen oder kommunistischen Gruppierungen.

Dies war der Grund, ihn zu Diskussionen (auch) über die Widersprüche in den hochentwickelten kapitalistischen Ländern zu bitten. Es war Marcuse, und niemand sonst, der ernsthaft versuchte, über die Frage der gesellschaftlichen Emanzipation in unserer gegenwärtigen historischen Epoche nachzudenken.

Die Frankfurter Schule der Kritischen Theorie, Horkheimer, Adorno, Fromm, Marcuse usw. landeten 1934 mitsamt ihrem „Institut für Sozialforschung“ in New Yorker Emigration und tiefem Frust. Die Frankfurter waren insofern orthodox-marxistisch: Sie sahen sich als theoretischen Flügel der kämpfenden Arbeiterklasse. Aber die Arbeiterklasse hatte nicht gekämpft.

Marcuse kam vom Regen in die Traufe. Vom Land, wo soeben das Proletariat sich kampflos in den Faschismus integriert hatte, ins Land, wo längst das Proletariat sich kampflos in den Kapitalismus integriert hatte. Das Proletariat gibt’s nimmer:

Wenn die Rede heute an einen sich wenden kann, so sind es weder die sogenannten Massen noch der einzelne, der ohnmächtig ist, sondern eher ein eingebildeter Zeuge, dem wir es hinterlassen, damit es doch nicht ganz mit uns untergeht.

Koketterie der Hoffnungslosen: „G’scheit, wie wir sind, müßte doch irgendwer auf uns hören“: Horkheimer/Adorno, „Dialektik der Aufklärung“, 1944. Zwanzig Jahre später ist Marcuse fast noch ebendort, „Der eindimensionale Mensch“ (englisch 1964; deutsch 1967; folgende Zitate Luchterhand-Neuauflage 1977, S. 264ff) — an der Klagemauer betreffend das doppelt bis dreifach verlorene Proletariat, integriert im Faschismus, integriert im Stalinismus, integriert im faschistoid-stalinistoiden Konsumkapitalismus:

Ohne diese materielle Gewalt bleibt auch das geschärfteste Bewußtsein (seines! — G. N.) ohnmächtig ... Einsicht in die Notwendigkeit (seine! — G. N.) hat niemals genügt, die möglichen Alternativen zu ergreifen ... „das Volk“, früher das Ferment gesellschaftliicher Veränderung, ist „aufgestiegen“, um zum Ferment gesellschaftlichen Zusammenhalts zu werden.

Daraus folgt das blanke Prinzip Hoffnungslosigkeit:

Aus theoretischen wie empirischen Gründen spricht der dialektische Begriff seine eigene Hoffnungslosigkeit aus ... Nichts deutet darauf hin, daß es ein gutes Ende sein wird ... Barbarei kann durchaus das fortbestehende Imperium der Zivilisation selbst sein ... Die kritische Theorie der Gesellschaft ... will ... jenen die Treue halten, die ohne Hoffnung ihr Leben der Großen Weigerung hingegeben haben und hingeben. Zu Beginn der faschistischen Ära schrieb Walter Benjamin: Nur um der Hoffnungslosen willen ist uns die Hoffnung gegeben.

Der Sprung vom Prinzip Hoffnungslosigkeit zum Prinzip Freiheit gelingt Marcuse mehr schlecht als recht:

Unter der konservativen Volksbasis befindet sich das Substrat der Geächteten und Außenseiter ... ihr Leben bedarf am unmittelbarsten und realsten der Abschaffung unerträglicher Verhältnisse ... Wenn sie sich zusammenrotten und auf die Straße gehen, ohne Waffen, ohne Schutz ... anfangen, sich zu weigern ... kann (dies der) Beginn des Endes einer Periode (sein) ... Das Gespenst ist wieder da... es besteht die Chance ... nichts als eine Chance ...

Fünf Jahre später, „Versuch über die Befreiung“ (englisch und deutsch 1969), ist die Hoffnung stärker aufgeblüht. Die Studentenbewegung ist auf die historische Bühne getreten. Der Denker, dessen kritische Theorie die Wirklichkeit bewegen will, folgt getreu der praktischen Bewegung der Wirklichkeit — das hätte er beim alten Karli nachlesen können. Marcuse (a.a.O., S. 80 ff) schwärmt:

... dieses neue Bewußtsein und die triebmäßige Revolution ... in aktiven Minderheiten, vorwiegend bei der jungen bürgerlichen Intelligenz und den Ghettobevölkerungen ... Katalysatoren innerhalb der Mehrheiten ... kämpferische Intelligenz ... langsame Herausbildung einer neuen Basis, die das neue historische Subjekt des Wandels in den Vordergrund rückt.

Nochmals acht Jahre später, und aus den neuen, aktiv revoltierenden Minderheiten wird fast schon eine neue, potentiell revolutionäre Mehrheit. Marcuse im Juli 1977 (Gespräche mit Herbert Marcuse, Frankfurt 1978, S. 57):

Daß das Proletariat integriert ist, ist nicht mehr der richtige Ausdruck ... Heute, im Spätkapitalismus, ist in der Arbeiterklasse das Marxsche Proletariat, sofern es überhaupt noch existiert, nur eine Minorität ... Die erweiterte Arbeiterklasse, die heute 90 Prozent der Bevölkerung ausmacht und die große Majorität der „White collar workers“ ... einschließt ... bleibt zwar der potentielle Agent, das Subjekt der Revolution; aber die Revolution selbst wird ein ganz anderes Projekt sein, als sie es für Marx gewesen ist.

Auf der Suche nach dem neuen revolutionären Subjekt landet Marcuse bei der Suche nach dem neuen revolutionären Projekt. Entweder man findet ein neues revolutionäres Subjekt, mit dem man die Revolution alten Stils machen kann; oder aber man findet keines außer die neue 90-Prozent-Arbeiterklasse, die nicht im alten Sinn revolutionierbar ist — dann braucht man ein neues revolutionäres Projekt:

Das läuft letzten Endes darauf hinaus, daß ... die Revolution nicht aufgrund von Verelendung usw. ausbricht, sondern auf der Basis der sogenarinten Konsumgesellschaft.

Kommt der Mohammed nicht zum Berg, kommt der Berg zum Mohammed: Kehrt die Arbeiterklasse nicht zur Revolution zurück, muß die Revolution zur Arbeiterklasse zurückkehren:

Die Theorie muß umformuliert werden ... ein Revisionsmodell suchen ... Die Revolution im Kontext der Konsumgesellschaft ist heute das Problem.

Um die Revolution zu retten, muß der Revolutionär Revisionist werden. Über dieser speziellen Art von Hoffnung ist Marcuse gestorben.

4 Die Revolution der Sozialdemokratie

So ging’s mit Marcuse:

  1. Vierziger Jahre: gar keine Hoffnung, gemeinsam mit Adorno — Horkheimer, die weise dort steckenblieben.
  2. Sechziger Jahre: närrische, hoffnungslose Hoffnung auf ausgeflippte und ausgestoßene Eliten, „nach der Marxschen Theorie ... eine unerträgliche Abweichung ... ein Rückfall in bürgerliche oder, schlimmer noch, aristokratische Ideologien“ („Versuch über Befreiung“, S. 81).
  3. Ende der siebziger Jahre: weise gewordene Hoffnung auf eine mehrheitliche, neu zusammengesetzte, um immer mehr Kopfarbeiter erweiterte Arbeiterklasse als neues, aber nicht revolutionäres, aber „potentiell“ revolutionäres Subjekt — weise gewordene Hoffnung auf ein diesem neugefundenen revolutionären Subjekt angepaßtes, revidiertes revolutionäres Projekt: „Revolution ... auf Basis der Konsumgesellschaft“.

Was ist dran so weise?

Der Abstieg aus hegelianisch-idealistischem Gewölk in die materielle Niederung, wo Ökonomie Voraussetzungen für geschichtliche Aktion schafft. Hinab zu den Müttern, zurück zu Marx.

Kapitalismus ist auch darin irr produktiv, daß er sich immer neue potentielle Totengräber schafft: Kopfarbeiterklasse wird immer nötiger für die Produktion — wissenschaftliche, technische, managerielle, mediale, kulturelle, ideologische Intelligenzija. Davon ist ein Teil brav dienstbar, kriegt dafür ein dickes Geld- und Status-Zuckerl, wird aber innerlich immer hiniger, kriegt an den Hebeln der Macht immer mehr Durchblick, Ekel, Frust.

Also wird ein Teil rebellisch. Eine junge Minderheit in totaler Revolte. Sie wird niedergehaut. Vom Schlachtfeld der Niederlage sickert Rebellenblut homöopathisch verdünnt in die ganze Schichte der Kopfarbeiter-Intelligenz, verschmutzt, vergiftet sie, endlose Serien von Furunkeln, Abszessen, Umweltschützer, Atomgegner, Bürgerinitiativen.

Während Marcuse wie ein Schas in der Trommel quer durch die Zeitgeschichte raste auf Suche nach dem neuen revolutionären Subjekt — hat der Kapitalismus es für ihn her- und bereitgestellt. Und trägt täglich dafür Sorge, durch hektische Modernisierung der Produktion, daß die alte Handarbeiterklasse ausstirbt, erledigtes Subjekt der Integration, die neue Kopfarbeiterklasse anwächst, potentielles Subjekt der Revolution.

Knapp vor seinem Tod ist Marcuse draufgekommen (vgl. insbes. seinen Text, den letzten den er schrieb, im NF Juli/August 1979).

Kapitalismus produziert, wie das neue revolutionäre Subjekt, das neue revolutionäre Projekt. Während Marcuse, das ist seine bleibende großartige Leistung, als absoluter Philosoph des deutschen Idealismus seinen absoluten Ekel niederschreibt vor der tatsächlich grauslichen Leistungs- und Konsumgesellschaft — produziert die kapitalistische Ökonomie die Voraussetzungen für deren Abschaffung.

Großer Sprung vorwärts in der Produktivität durch neue Technologie — reale Voraussetzung für mehr Freizeit, mehr „Arbeitslosigkeit“: Absterben der Leistungsgesellschaft.

Großer Sprung aufwärts in Kosten und Knappheit von Energie und Rohstoffen — reale Voraussetzung für sparsamere, dauerhaftere, weniger idiotische, verwüstende, vergiftende Technologie: Absterben der Konsumgesellschaft.

Im „System“ steht vor der Produktion von neuen Produkten die Produktion von Bedürfnissen nach neuen Produkten. Die Produktion von Bedürfnissen besorgen die kapitalistischen Werbeagenturen, im weitesten Sinn, einschließlich der neuartigen marcusianischen Werbeagentur für neue Bedürfnisse, neue Sensibilität, neue Menschen.

Die Menschen — schrieb der alte Fritz Engels -— machen Geschichte, aber unter vorgefundenen (kapitalistischen) Bedingungen. Was herauskommt, ist nicht ganz, was sie sich wünschen.

Absolute große Weigerung führt ins absolute Nichts. Relative Weigerung, praktiziert von tausendundeiner Bürgerinitiative, ist immer noch groß genug. Sie führt wohin.

Alte Handarbeiterklasse, hoffnungslos integriert, wird von den Integratoren selbst: Kapital, Profit, Technik — von der Bühne getreten. Die Bürgerklasse, in ihrer alten Formation aus lauter „Selbständigen“ ökonomisch unnütz, wird umgebaut in abhängige Kopfarbeiterklasse. Sie hat in sich alle Unwerte und Werte der Bürger, auch ihre kulturellen, ästhetischen, rebellischen, revolutionären.

Neuer Stoff für neue Menschen. Sieh da, nicht die Menschen sind eindimensional, sondern der Philosoph.

Knapp vor seinem Tode entdeckt er dies neue potentiell revolutionäre Subjekt: die mehrheitliche, neue und immer neuer zusammengesetzte Gesamtarbeiterklasse — aber ihre historische Klassenorganisation im Westen, das sind die sozialdemokratischen und sozialdemokratoid-eurokommunistischen Parteien und Gewerkschaften.

Die Revolution auf Basis der Konsumgesellschaft, dies jüngst gefundene revolutionäre Projekt Marcuses — aber das ist der Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus, gewaltlos, so rasch wie möglich, also so langsam wie nötig, wie er in den sozialdemokratischen und sozialdemokratoid-eurokommunistischen Parteiprogrammen steht, als einleitender und/oder abschließender Fanfarenklang.

Das ist furchtbar. Marcuses jüngstes „Revisionsmodell ... Revolution nicht aufgrund von Verelendung usw., sondern auf der Basis der sogenannten Konsumgesellschaft“ (a.a.O.) — ist verzweifelt identisch mit dem Endzielkapiteln der SP-Programme.

Zum Glück ist er gestorben, ehe er’s gemerkt hat.

„Herr Dahrendorf“, fragte man in einem BBC-Interview (Gespräche mit Herbert Marcuse, Frankfurt 1978, S. 137f), „wie beurteilen Sie den Einfluß der Frankfurter Schule und nicht zuletzt Marcuses Einfluß auf die deutsche Politik?“

„Es handelt sich um einen Beitrag“, antwortete voll aufgeschlossen der Liberal-Professor, „der in gewisser Weise mit ... Marx zu tun hat ... Diese Vorstellung von einem Menschen, der seine Fähigkeiten voll entfaltet ... hat in politische Zielvorstellungen wie die von der ‚Lebensqualität‘ Eingang gefunden, und in dieser Hinsicht hat die deutsche Sozialdemokratie tatsächlich einige Ideen von Marcuse aufgenommen, allerdings nicht die Theorie, die dahintersteht.“

War auch nichts aufzunehmen für SP-Politokraten. Denn jeweils nach Pflicht und Kür auf dem negativ-dialektischen Hochreck bleibt der kritische Philosoph im freien Luftraum kerzengerade schweben. Bewundernswert unpraktisch ruft er zu uns herunter („Der eindimensionale Mensch“, a.a.O., S. 268):

Die kritische Theorie ... besitzt keine Begriffe, die die Kluft zwischen dem Gegenwärtigen und seiner Zukunft überbrücken könnten; indem sie nichts verspricht und keinen Erfolg zeigt, bleibt sie negativ.

„Marcuse hat nie versucht“, erinnert sich Dutschke (BBC-Gespräch, a.a.O., S. 138), „ein Handbuch wie etwa Lenin mit ‚Was tun?‘ zu schreiben, Anleitungen zum Handeln zu geben. Das haben wir verstanden. Er hat analysiert und gedacht.“ Aber irgendwann, eher bald, muß man aus dem Luftraum immer wieder mal zurück ins Leben. „La socialdemocratie, c’est la vie“, erläutert Jean-Pierre Chevènement („Le vieux, la crise, le neuf“, Paris 1974, S. 12f, 241): Führer des neulinken Flügels rund ums theoretische Institut CERES der französischen SP, dorthin übergewechselt aus der Studentenbewegung wie zahlreiche andere Infiltranten:

Natürlich hatten wir keine Illusionen ... Unser Zweifel war tief ... Haß und Verachtung der Intelligenz für die alte Sozialdemokratie ... fast intellektueller Selbstmord ... Aber ohne linken Support in einer Massenpartei ist ein Linker, ob er’s weiß oder nicht, nichts als ein Rechter, der die Zukunft vorbereitet, nämlich seine zukünftige Karriere im System ... Der scheinbar tote Baum der Sozialdemokratie hat seine lebendigen Wurzeln im Boden der Arbeiterklasse.

Des alten Marcuses Übergang von Hoffnung auf revoltierende Minderheiten zur Hoffnung auf eine mehrheitliche, neu zusammengesetzte Arbeiterklasse und die zugehörige Revolution auf Basis Konsumgesellschaft — ist Widerspiegelung im theoretischen Luftreich:

  1. Widerspiegelung der Praxis des Kapitalismus, der neue Kopfarbeiter, neue Totengräber produziert und neue Technologie, die zum Absterben der Konsumgesellschaft führt;
  2. Widerspiegelung der praktischen Bewegung mit der älter gewordene junglinke Exstudenten infiltrieren in SPen und Euro-KPen (etwa ein Drittel; ein weiteres ging in K-Gruppen und verkrümelte sich dann; ein weiteres verkrümelte sich gleich, verhaschte, verspießbürgerte).

Chevènement und seine Neulinken hatten besonderes Glück. Mitterrand brauchte ihre Delegierten, um auf dem Parteitag von Epinay 1971 Erster Sekretär zu werden. Sie kauften sich dafür seine Zusage: Ihr schreibt das neue Programm. „Ein Kind des Mai 1968“ nennt es Chevènement (a.a.O., S. 52). Im neuen SPF-Programm 1972, „Das Leben ändern“ steht der ganze Marcuse, homöopathisch verdünnt.

Marcuse irrte durch alle möglichen Himmel und Höllen, Hegel und Nietzsche, Heidegger und Husserl, Freud und Reich, und immer tapfer deutsch-idealistisch. Die Sozialdemokratie blieb in drei Punkten treu marxistisch:

Ihr Subjekt ist die Arbeiterklasse in Fleisch und Blut, nicht die sein sollende, sondern die abhängige große Mehrheit des Volkes.

Ihr Projekt der Übergang von der kapitalistischen zur sozialistischen Epoche, nicht der vorgestellte, watscheneinfache, sondern der wirkliche, korrumpierte, komplizierte.

Ihre Fortbewegungsweise folglich die materiell-historische, ursächlich verknüpft mit der Fortbewegung der kapitalistischen Produktionsweise und peinlich verstrickt in den daraus resultierenden politischen Überbau.

Zu diesen schiachen alten Sozi sind also die neuen Linken zurückgekommen, oder so und so viele von ihnen. Zu ihrer Heimkehr wird ein Kalb geschlachtet. Wir brauchen die verlorenen Söhne und Töchter. Ihr Umweg war lohnend. Sie haben viel mitgebracht.

Schluß der Meuterei der jungen Kopfarbeiter. Es ging ihnen, wie Marx und Engels im Manifest beschrieben: „Stellenweise bricht der Kampf in Emeuten aus. Von Zeit zu Zeit siegen die Arbeiter, aber nur vorübergehend. Das eigentliche Resultat ist nicht der unmittelbare Erfolg, sondern die immer weiter um sich greifende Vereinigung der Arbeiter.“

Die Vereinigung der alten Hand- und der neuen Kopfarbeiterklasse, mit ihren sehr diversen Interessen, ist ein vertrackter Prozeß. Er wird die Sozialdemokratie beinah auseinanderreißen. Aber wir halten viel aus.

Die Integration der jungen Kopfarbeiter und überhaupt der neuen Kopfarbeiterklasse insgesamt in die Sozialdemokratie ist eine Frage auf Leben und Tod. Sonst verliert sie ihr historisches Gütesiegel: Organisation der Gesamtarbeiterklasse, also der Mehrheit des Volkes.

Das Hereinholen der Kopfarbeiterklasse wird nicht gelingen, ohne jenen neuen Revisionismus, der das Lebenswerk Marcuses ist.

Erleichtertes Mediengeseire, daß der Bursche endlich tot ist. Nein, er ist ein höchst aktueller Philosoph. Sein Leben beginnt erst.

Herbert Marcuse

  • geboren am 19. Juli 1898, Berlin, großbürgerlich-jüdische Familie; studiert in Berlin und Freiburg, dort bei Heidegger und Husserl, „Väter‘‘ des Existenzialismus;
  • 1932 Mitglied des Instituts für Sozialforschung, begründet von Felix Weil und dem Wiener Austromarxisten Carl Grünberg, der 1930 die Leitung an Max Horkheimer übergibt; neben diesem sind führende Köpfe Theodor W. Adorno und Erich Fromm;
  • 1933 Übersiedlung mit dem Institut nach Genf;
  • 1934 wiederum mit dem Institut nach New York, an die Columbia University; im Zweiten Weltkrieg Sektionschef im Office of Strategic Services (OSS; US-Spionage-Abwehr, Keimzelle der CIA); 1945 als US-Offizier nach Deutschland für das State Department, Division of Research and Intelligence, tätig in Entnazifizierung und „Umerziehung zur Demokratie“;
  • Lehrauftrag an der Harvard University; 1954 Professor of Political Science Brandeis University Waltham Mass.; Lehrauftrag an der University of California in La Jolla;
  • Winter 1961/62 Vorlesungen an der Sorbonne, École Pratique des Hautes Études, eingeladen von Lucien Goldmann und Serge Mallet;
  • 1964 Sprecher am Heidelberger Kongreß des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS);
  • Mai 1966 Sprecher am Frankfurter Vietnam-Kongreß des SDS;
  • Juli 1967 viertägiges Teach-in an der Freien Universität Berlin auf Einladung von Rudi Dutschke;
  • April 1974 Vorlesungen an der Universität Vincennes;
  • 1978 zweite Heirat, mit seiner ehemaligen Schülerin Erica Sherover, 30;
  • Ende Mai 1979 Teilnahme an den Frankfurter „Römerberg-Gesprächen“; Gast der Max-Planck-Gesellschaft auf Einladung von Jürgen Habermas; Krankenhausaufenthalte in Frankfurt und München wegen Herz- und Kreislaufschwäche;
  • gestorben am 29. Juli 1979 im Kreiskrankenhaus Starnberg.

Marcuse-Bibliographie

  1. Hegels Ontologie und die Grundlegung einer Theorie der Geschichtlichkeit (Habilitationsschrift), 1932
  2. Reason and Revolution. Hegel and the Rise of Social Theory, New York 1941 = Vernunft und Revolution. Hegel und die Entstehung der Gesellschaftstheorie, Luchterhand, Neuwied 1962
  3. Eros and Civilization, Boston/Mass. 1955 = Eros und Kultur, 1957 = Triebstruktur und Gesellschaft. Ein philosophischer Beitrag zu Sigmund Freud, Suhrkamp, Frankfurt 1966
  4. Soviet Marxism, 1958 = Die Gesellschaftslehre des sowjetischen Marxismus, Luchterhand, Neuwied 1964
  5. One-Dimensional Man. Studies in the Ideology of Advanced Industrial Society, Boston/Mass. 1964 = Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, Luchterhand, Neuwied 1967
  6. Kultur und Gesellschaft I & II, Suhrkamp, Frankfurt 1965
  7. Kritik der reinen Toleranz, mit Robert Paul Woolf und Barrington Moore, Suhrkamp, Frankfurt 1966
  8. Ideen zu einer kritischen Theorie der Gesellschaft, Suhrkamp, Frankfurt 1969
  9. Counterrevolution and Revolt, 1972 = Konterrevolution und Revolte, 1973
  10. Zeit-Messungen, 1975
  11. Die Permanenz der Kunst. Wider eıne bestimmte marxistische Ethik, Hanser, München 1977
  12. Antworten auf Herbert Marcuse. Hg. v. Jürgen Habermas, Suhrkamp, Frankfurt 1968 (Alfred Schmidt, Klaus Offe, Reimund Reiche u.a.)
  13. Gespräche mit Herbert Marcuse. Suhrkamp, Frankfurt 1978 (Habermas, Bovenschen, Pinkus, Alfred Schmidt, Dahrendorf, Popper, Rudi Dutschke u.a.)

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Erstveröffentlichung im FORVM:
September
1979
, Seite 38
Autor/inn/en:

Günther Nenning:

Geboren 1921 in Wien, gestorben 2006 in Waidring. Studierte Sprachwissenschaften und Religionswissenschaften in Graz. Ab 1958 Mitherausgeber des FORVM, von 1965 bis 1986 dessen Herausgeber bzw. Chefredakteur. Betätigte sich als Kolumnist zahlreicher Tages- und Wochenzeitungen sowie als Moderator der ORF-Diskussionsreihe Club 2.

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