FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1995 » No. 496-498
Jakov Lind

Jeder Tag ist ein Freudentag
oder
Das erste Gebot

Krieg und Gewalt, Auschwitz und Hiroshima ist für alle, die das Schlamassel am eigenen Körper, in meinem Fall in falscher Haut, erlebten und nur durch Wunder überlebten, kein Thema für Ansprachen oder Vorträge. Aber persönlich-privates Trauma, Zeugenaussage, eine Art Bekenntnis. Über einen Alptraum läßt sich kein gelehrter Vortrag halten. Ähnlich wie bei der Obduktion, lernt man dabei zwar die Funktion der inneren Organe sowie ihr Krankheitsbild kennen, nur zu spät. Der Tote läßt es sich gefallen, er dient der Wissenschaft und kann nichts dazu sagen. Die trauernden Überlebenden stehen draußen im Gang. Nach fünfzig Jahren haben wir uns über Vergangenes längst ausgeweint, was nicht heißen will, daß uns deshalb viel zum Lachen blieb. Wie dem auch sei.

1938. Ich hatte das Privileg vom wahrhaft gottlosen Verein der Nazis ausgeschlossen zu sein, und das war das Lebensgefährliche an der damaligen Situation. Selbst der feurigste Kommunist konnte, am liebsten rechtzeitig, noch ehe es ihm an den Kragen ging, zu seinen Feinden überlaufen. Dem Verein, dem ich angehörte, war kein Übertritt gestattet. Und das ist wichtig: Daß wir ausnahmslos ausgesperrt waren. Noblesse oblige.

1943. Ich mußte untertauchen. Ich tauchte erst in Holland, dann in Deutschland. Mein Versteck war weiter nichts als Papier, ein holländischer Paß. Damit konnte ich ins lichterloh brennende Deutschland wie in die Hölle fahren. Ich fuhr auf einem Rheinschlepper, wir luden Kohle und Ingot in der Ruhr z. B., um sie dann in Mannheim, Heidelberg oder Heilbronn zu löschen. Amerikanische und britische Bomber und Spitfires im Tiefflug haben uns überall hin eskortiert. Es regnete Tod vom Himmel, den irdischen fürchtete ich schon bald nicht mehr. Nicht meine Feinde, meine Freunde werden mich noch in Deutschland umbringen, und das, ohne es zu wollen. Das könnte mir passieren. Zum Glück bin ich aber am 13. geboren, in der Ennsgasse 13. Der Krieg war zwar, wie jeder wußte, nach Stalingrad verloren, aber noch lange nicht vorbei. Der Stand der Dinge ließ sich aus den Wehrmachtsberichten abhören. Hieß so ein OKW Bericht »schwere Kämpfe an der Ostfront«, war dies für uns Fremdarbeiter ein O. K. ohne W. Denn schwere Kämpfe bedeutete »Rückzug«. Vor zwei Jahren, 1941, war der Wehrmacht das Kämpfen nirgends schwergefallen. Von Narvik bis Afrika, von der Maas bis an die Wolga, es stand überall zu lesen: V für Viktoria. Deutschland siegt an allen Fronten. Und so sah es auch aus. Ein neues Reich siegte hier, ein wahrhaft »evil empire«, war hier im Entstehen.

Das Undenkbare war denkbar und nur teilweise geheim. Sein Programm: die Ausmerzung minderwertiger Rassen. Menschen wie Insekten vertilgen, falls sie sich vertilgen lassen. Ein Programm, das sich ein normales zivilisiertes europäisches Volk 1933 wählte, mit Führer und Unterführern und allem, was so dazugehört. Man darf nicht darüber hinwegsehen, Hitler hat nicht putschiert, er wurde gewählt. Und dieser Klimawechsel zu Anfang der 30er Jahre, im Herzen Europas, hat dazu geführt, daß unser Jahrhundert in der Produktion von Leichen bisher von keinem vorhergehenden übertroffen wurde. Intelligenz und Technik im Dienste am Morden haben Unerhörtes, Neues geschaffen. Vom Morden verstehen wir heute wirklich allerhand.

Mißverstanden aber wird noch immer, und im allgemeinen, das Motiv. Ich glaube, Genozid, auch wenn man ihn noch so rationalisiert, ist eigentlich, im besten Sinne, nutzlos und kann keinem etwas nützen, auch wenn man sich da etwas Vormacht. Plünderung ist nicht, wie man es gerne haben möchte, der Grund zum Mord. Auschwitz planen hieß natürlich auch Planen, wie man die Beute verteilt. Aber die Lust, nichts als die Lust, an der vollkommenen Vernichtung des Erzfeindes ist das eigentliche Motiv. Ein ausgesuchter Erzfeind sind vor allem Juden, aber auch Slawen, Zigeuner, Geistesgestörte, Körperbehinderte, alle sozial »Nutzlosen« kamen den Mördern zum Nutzen der Lust am Morden. Und diese war, zu jener Zeit, nicht einmal eine rein deutsche Angelegenheit, sie war auch japanisch. Wer Krieg macht, dem wird mit Krieg heimgezahlt. Der völlig überraschende Angriff auf den amerikanischen Stützpunkt Pearl Harbour hat natürlich dazu beigetragen, um die Millionen an Kostenaufwand zum Bau der Atombombe zu unterschreiben. Das überrascht keinen, oder kann das jemanden überraschen? Zwei von diesen Bomben genügten, 4 Jahre später Japan zur Kapitulation zu zwingen. Im gleichen Jahre des Angriffs auf Amerika, 1941, wollte Hitler seinen Lebensraum nach Osten ausbreiten. Auch das hat ihm nichts genützt. Und hatte der Angriff auf Pearl Harbour wirklich mehr Sinn, als den gehaßten Amerikanern eines auszuwischen? Städte wie Dresden, Berlin oder Köln auslöschen, hatte das, wenn man sie heute in ihrer wiedererstandenen Pracht besucht, wirklich Sinn?

Aber dann, was für einen Sinn hatte es, sich in 1933 einen Führer und ein Programm zu wählen, das die Welt zu einem SS-Staat macht, einen Staat, in dem arische Herrenmenschen niedrige Untermenschen als Sklaven hielten, sie wie Vieh züchteten. Die man dann wie Vieh, oder wie Menschen, wie man will, dem großen nordischen teutonischen Gott Wotan jederzeit opfern kann. Hat sowas Sinn? Es ist kaum zu glauben! Warum ausgerechnet Juden und gewisse Nicht-Juden, die der schnurrbärtige österreichische Radaumacher und Haudegen zu seinen Feinden erklärte, die ersten Opfer spielen mußten, versteht sich heute von selber. Jeder der die Zeitung aufschlägt, das Fernsehen andreht, lernt die, die es heute schaffen, to get away with murder, kennen. Jene, die es immer so weit treiben, bis sie weder Gesetz noch Gericht zu fürchten brauchen. Nicht nur die Thronfolger, der Papa Doc, Senior und Junior, die Idi Amins, Kannibalen wie Bokassa, Pol Pot in Kambodscha und ihre hunderttausenden namenlosen Helfershelfer, die ihrem Führer treu folgten, got away with it, jeder »gets away with it«. Morden ist etwas (wie bei den Jivaros) für furchtlose Krieger. Furchtlos wie Selbstmörder. Mögen sich die Unteren die Beute teilen, sich daran ergötzen. Die Höheren, die Ideologen der Bewegung, finden das unwichtig. Wie das bei Brecht heißt und stimmt, »Der Mensch lebt nur von Missetat allein«. Die Zerstörungsfreude meiner Gattung hat weder noch braucht sie ökonomische Gründe. Der Zweite Weltkrieg, der mit Warschau, Rotterdam und Pearl Harbour anfing, wurde nicht durch den Bedarf an Rohstoffen ausgelöst. Das stimmt nicht, wird aber überall gern als letzte — und sie ist die allerletzte marxistische — Weisheit verzapft. Das vielbegehrte Öl fließt ja, wie jeder weiß, schneller, besser, billiger — ohne Krieg.

Quälen, Unterdrücken, ja sogar Greuel, die Freude am Tod anderer, dieser Hokus-pokus, sich des Todes zu wehren, indem man tot macht, dieses magische Primitive im 20. Jahrhundert, macht einen für das nächste fürchten. Kollektiv oder privat, Mordlust macht Mörder, soviel läßt sich mit Bestimmtheit sagen.

In der jüngsten Kriminalgeschichte Amerikas steht ein besonderer Massenmörder, ein junger, nett aussehender Mann, Modell seiner Zeit. Er hat 27 Menschen umgebracht, denn das wollte er. Vielleicht kam er für den Vietnamkrieg zu spät, wo es noch erlaubt war. Es beweist, die private Lust am Töten kann immer wieder politisch ausgebeutet werden. Zum Glücke extremistischer Patentlöser, mit dem sie so leicht ihre Aktivisten mobilisieren. Diabolische Bosheit lebt von Schadenfreude. Erst mit Gesetzen, Verbotsmaßnahmen, erst mit geistigen Foltern, einem das Leben vergällen, ehe man es dir nimmt. Heute weiß man, das ist nicht mehr spezifisch jüdische Erfahrung. Auch das schreibe man sich hinter die Ohren. Juden haben es sich in dieser Beziehung längst überlegt, ob sie wirklich zum Lamm Gottes erkoren und auserwählt sind. Vielleicht war es und ist’s einer unter ihnen, aber als Volk nicht. Die Macht über die völlig Machtlosen, nicht Beute, andere abhängig machen wollen, andere vor dir kriechen lassen, anderen den Fuß ins Genick setzen, darum geht es! (Man sehe sich Schindlers Liste an, es ist zwar kein wirklich guter, aber ein lehrreicher Kinostreifen.)

An diesem Punkt angelangt, weiß man, der Mordrausch der systematischen Ausrottung von Familien in Europa 1941-45 hat mit Dresden und Hiroshima absolut nichts gemeinsam. Natürlich vergoß man heiße Tränen über Dresdens Kunstschätze und die unschuldigen Bombenopfer, zumindest jene, die damals nicht dazu neigten, über Warschau, Coventry, Rotterdam oder Warschau nur eine Träne zu verlieren. Die gleichen Leute verlieren auch selten ein Wort darüber, wie Deutsche und Japaner sich mit ihren Siegen freuten, solange sie nur siegten. Vergessen sind die Tage, ja, drei Jahre lang sogar, in denen man glauben konnte, die Achsenmächte Tokyo und Berlin könnten aus der Welt tatsächlich ein Super-KZ machen. Es war keine gute Idee, dieser Wahn. Und schon deshalb konnte sie nicht gelingen. Die Welt hat sich gegen Wahn wehren müssen.

Wie gesagt, bereits nach Stalingrad war das Ende des verlorenen Krieges abzusehen. Und gerade zu dieser Zeit fing das Schlachten in Europa und Asien erst richtig an. Um Rohstoffe ging es ja schon längst nicht mehr, nur noch ums nackte Leben. Der Wahn mußte endlich aufhören, deshalb hörte er drei Jahre später, 1945, auf. Den Sieg über diesen Gehirntumor verdanken wir bei Gott nicht unseren seichten Pazifisten, lauwarmen Christen und aufrechten Humanisten, bis auf noble Ausnahmen im Widerstand. Um es geradeaus zu sagen, die Befreiung vom schwarzen Kreuz mit den vier Haken verdanken wir der Roten Armee und den Luftflotten der Alliierten. Man muß es nur immer wieder und bei jeder Gelegenheit wiederholen. Es war nicht der erste Religionskrieg und wird nicht der letzte sein, die Zeitung bringt die Beispiele bereits auf der ersten Seite.

Es sollte uns dazu verleiten, das erste Gebot zu bedenken. Das erste Gebot wie auch die übrigen neun ist ein Gebot der Vernunft. Es sagt, du sollst mich, deinen Gott, der dich geschaffen hat, verehren. Das heißt, dem Feind, der dich töten will, darfst du es nicht erlauben. Um am Leben zu bleiben, mußt du den Feind töten, erst töten. Das allererste Gebot menschlicher

Vernunft läßt sich nicht vermessen, ewig wie Gott zu sein. Wir müssen uns als Sterbliche handhaben und allererst am Leben bleiben. Unsere Frommen haben dieses erste Gebot nicht anders verstanden, als es zu brechen. Sonst hätten sie ihre Folgsamen vielleicht zum Aufstand statt zur Resignation gemahnt. Es war eine harte Schule für alle, manche haben manches, andere nichts daraus gelernt.

Eines steht fest für alle: Seit Mai 1945, als die Deutschen, und seit August 1945, als die Japaner kapitulierten, ist jeder Tag ein Grund zur Freude und zur Feier. Wer das noch immer nicht begriffen hat, weiß nicht, was damals vorging, weiß nicht, was heute vorgeht, versteht nichts vom Wunder und schon gar nichts vom Leben. Das Endspiel 45, wie ich es erlebte, war keine großartige wagnerische Götterdämmerung, weder Bayreuth Oper noch Weltuntergang, sondern nur eine widerliche, krankmachende Misere überall in Europa. In einem unvergleichlich schönen Frühling. Das genügt doch.

Und zuletzt als Trost den Trauernden für das, was damals geschah. Die Populisten, die heute den alten Trödelkram vom nationalen Eigendünkel in neuer Auflage und unter neuem Titelbild verkaufen wollen, haben es heute nicht so leicht, wie es manchmal den Anschein hat. Man hört nicht nur besser hin, was sie sagen, man schaut ihnen auch auf den Mund und auf die Finger und vor allem in die Augen. Auch wenn sich wenig geändert hat, hat sich ja trotzdem etwas in der Welt geändert: Populisten, die sich an Schlagwörtern wie an Kokain berauschen, haben am Ende nichts anzubieten, das einen beglücken könnte, der diesen Rausch nicht gut verträgt. Die alte Front links-rechts ist längst zerbrochen. Die neue heißt: Jeden, der mit der Untergrundbahn fährt, vergasen oder ein Riesengebäude in der Hauptstraße einer Provinzstadt sprengen. Auch wenn’s das eigene Leben kostet. Die kosmopolitische Revolution ist nichts anderes, als sich ein Weltbild schaffen — das sich das nächste Jahrhundert ohne Gewalt, ohne Krieg, ohne Terror vorstellen kann, zumindest ausdenken muß.

Rede am 23. April im Wiener Rahmenprogramm zur Ausstellung »200 Tage + 1 Jahrhundert« des Hamburger Instituts für Sozialforschung

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1995
No. 496-498, Seite 50
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