FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1981 » No. 327/328
Michael Siegert

In die Ecke Trotzki, Lenin!

Danzig = Kronstadt
Feuer auf die Dritte Revolution:
Trotzkis Truppen beschießen die Aufständischen von Kronstadt

Nach dem Bürgerkrieg waren einige der roten Armeen nicht demobilisiert, sondern in Arbeitsarmeen umgewandelt worden. Trotzki sah in dieser Militarisierung der Arbeit das beste Mittel zur Wiederbelebung der Produktion. Als Chef des Militärs hatte er die Idee, die Soldbücher in Arbeitsbücher zu verwandeln und die entlassenen Soldaten unter militärischer Disziplin an die ihnen zugewiesenen Arbeitsplätze zu instradieren. „Arbeitsdeserteure“ sollten in Strafbataillone oder Konzentrationslager kommen.

Trotzki war zynisch genug, russischen Gewerkschaftern 1920 zu erklären, daß ihre Rolle als unabhängige Arbeitervertreter damit ausgespielt sei: „Stimmt es, daß der Arbeitszwang immer unproduktiv ist? ... Das ist das elendste liberale Vorurteil: auch die Sklavenwirtschaft war produktiv.“ [1]

Trotzki übernahm 1920 auch die Verantwortung für die Ingangsetzung des Eisenbahnwesens. Als sich die Eisenbahnergewerkschaft gegen seine militärischen Methoden wehrte, setzte Trotzki ihre Führer einfach ab und ließ bequemere ernennen. Die Gewerkschaften sollten Tritt fassen und einen „produktionistischen“ Kurs einschlagen, d.h. sich um das Wachstum der Produktivität kümmern. Das trotzkistische Gewerkschaftsprogramm scheiterte damals am Widerstand Lenins. Stalin hat es Ende der zwanziger Jahre durchgesetzt. In Polen wurde es 1980 erstmals wieder aufgehoben.

Am 10. Parteitag der Bolschewisten im März 1921 — es sind jetzt genau 60 Jahre her —, hatte Trotzki die Machtphilosophie der Partei auf eine endgültige Formel gebracht: „Die Partei ist verpflichtet, ihre Diktatur zu behaupten, ohne Rücksicht auf ein zeitweilliges Schwanken in der Massenstimmung, ohne Rücksicht auf die vorübergehenden Unsicherheiten in der Arbeiterklasse.“ [2] Zu dieser Zeit befanden sich Trotzkis Truppen schon im Kampf mit den aufständischen Matrosen der Kronstädter Garnison. „Bedingungslose Übergabe“ hatte er in seinem Befehl verlangt. Waren die Kronstädter in Trotzkis früheren Reden die Avantgarde der Revolution, so nannte er sie jetzt „weißgardistische Meuterer“. „Wie Rebhühner werden wir euch abknallen“, überliefert ein Zeitgenosse ein Trotzkiwort. [3] Es gab Tausende Opfer auf beiden Seiten.

Kronstadt ist eine befestigte Insel vor St. Petersburg (Leningrad). In seiner revolutionären Unruhe war es seit 1917 stets die Vorhut der russischen Sozialbewegung.

1921 stöhnten die Bauern unter den Requisitionen, und die Arbeiter hatten trotzdem nichts zu essen. Die 14 Ausgaben der Kronstädter Iswestija (Nachrichten), in Geist und Inhalt ein Pendant zu den 13 Nummern der Streikzeitung Solidarnosc (Solidarität) von Danzig, geben beredtes Zeugnis von der damaligen Lage in Rußland: „Recht hatte der Bauer, der auf dem 8. Sowjetkongreß erklärte: ‚Alles steht zum besten, bloß ... das Land gehört zwar uns, aber das Brot gehört euch; das Wasser gehört zwar uns, aber die Fische darin gehören euch; die Wälder gehören zwar uns, aber das Holz gehört euch.“‘

Am 28. Februar 1921 beschloß die meuternde Besatzung des Linienschiffs Petropawlowsk ein Forderungsprogramm von 15 Punkten, das am nächsten Tag, dem 1. März, von einer 15.000-köpfigen Volksversammlung am Ankerplatz von Kronstadt angenommen wurde. Die Parallelen zu den 21 Punkten von Danzig sind verblüffend (siehe Kasten). Pressefreiheit, Gewerkschaftsfreiheit, Freilassung der politischen Gefangenen, Rationierung der Lebensmittel, Verfügungsgewalt über den Boden durch die Bauern — alles Forderungen, die heute auch in Polen erhoben werden.

Eine einzige Forderung findet sich in den 21 Punkten von Danzig nicht, die in Kronstadt an der ersten Stelle stand: die Forderung nach freien Wahlen. Sie wurde auf der Besprechung vom 16. August 1980, als der Katalog von Danzig formuliert wurde, auch dort von den Arbeiterdelegierten erhoben, und es war ausgerechnet der Vertreter des KOR, Bogdan Burusewicz, der davon abriet, diesen Punkt aufzunehmen, indem er argumentierte, 1968 hätte nicht zuletzt diese Forderung zum Sowjeteinmarsch in die CSSR geführt. Er hätte auch Tuchatschewskis Sturm auf Kronstadt anführen können ...

Kronstadt und Danzig, die beiden revolutionären Ostseeschwestern, kämpften jede zweieinhalb Wochen. Danzig siegte und Kronstadt unterlag. Lenin sagte damals — ein französischer Parteifreund hat es uns überliefert: „Das ist der Thermidor ... Wir machen selbst Thermidor!“ [4]

Der russische Robespierre Lenin führte selbst in die Direktoire-Phase der Sowjetrevolution hinein und verkündete noch am 10. Parteitag ein Lockerungsprogramm, die „Neue ökonomische Politik“ (NEP). Landwirtschaftliche Requisitionen seien durch Ankauf zu ersetzen, freie Märkte müßten zugelassen werden, desgleichen bekamen private Handwerker und Händler wieder Spielraum. Was in Polen heute angepeilt wird (und was Rußland noch bevorsteht, unter Breschnews Nachfolgern), ist faktisch eine Neo-NEP.

In beiden Fällen, in Danzig wie in Kronstadt, begehrt der Geist einer anarchistischen Revolte, gespeist aus den Traditionen der nationalen Geschichte, gegen den ideologischen Import auf. Auch in Kronstadt gab’s (wie in Danzig) Gottesdienste für die Revolutionäre. [5] Die Sprache der Kronstädter schöpfte, wie 40 Jahre zuvor die Bewegung „Land und Freiheit“, aus dem Vokabular des bäuerlichen Rußland und nicht aus dem Marxismus, man sang die Marseillaise und nicht die Internationale.

Das Programm von Kronstadt ergab sich vielfach schon aus der alten russischen Volksopposition gegen den Staatszentralismus. „Vom Sklaven des Kapitalisten wurde der Arbeiter in einen Sklaven der Staatsunternehmen verwandelt“, schrieb die Kronstädter Iswestija. Freie Wahlen zu den Gewerkschaften wurden verlangt, damals schien es noch möglich, auf diesem Weg eine „Selbstbestimmung“ der Arbeitervertretung zu erreichen. „Wir müssen den Behörden für jedes Stück Brot, für jeden Knopf die Hand hinstrecken ... die Diktatur der kommunistischen Partei mit ihrer Tscheka (Geheimpolizei) und ihrem Staatskapitalismus ... Sowjetrußland ist zu einem allrussischen Konzentrationslager geworden.“ [6]

Die Kronstädter Arbeiter verlangten — statt Staatsverwaltung unter (scheinhafter) Arbeiterkontrolle — Arbeiterselbstverwaltung unter Staatskontrolle. Das wurde den Polen 1956 von Gomulka versprochen, dann gebrochen, jetzt hören sie es wieder ...

Die Losungen von Kronstadt waren: „Freie Sowjets!“ „Alle Macht den Sowjets, aber nicht den Parteien!“ (d.h., die Kronstädter waren auch gegen den bürgerlichen Parlamentarismus einer Konstituante — das mag ein Unterschied zu Polen sein, obwohl, man hat die polnischen Arbeiter noch nicht befragt; sicher ist, daß sie nicht zum Kapitalismus zurückwollen). „Nieder mit der Kommissarokratie!“ „Dritte Revolution!“ So wie Danzig 1980 nicht das letzte Wort der polnischen Geschichte war, so waren Kronstadt 1921 und Nowotscherkassk 1962 sicher nicht das letzte Wort der sowjetischen.

Freie Wahlen, freie Gewerkschaften

Die Forderungsprogramme von Kronstadt und Danzig
Kronstadt, August 1921Danzig, August 1980
1. Arbeiter- und Bauernsowjets: „Unverzüglich geheime Wahlen ... volle Freiheit für die Agitation
2. „Rede- und Pressefreiheit“ für : „Arbeiter, Bauern, Anarchisten, ... Linkssozialisten“ „Meinungs- und Publikationsfreiheit“ ohne „Repressalien gegen unabhängige Veröffentlichungen‘‘ (3)*
3. „Allen „Gewerkschaften und Bauernorganisationen“ die „Versammlungs- und Organisationsfreiheit“ Zulassung von „unabhängigen freien Gewerkschaften“ (1) mit „Recht auf Streik“ (2)
4. Eine „überparteiliche Konferenz“ der Soldaten des Petersburger Gebiets Diskussion über ein „Reformprogramm“ (6)
5. Freilassung aller „politischen Gefangenen“ aus den sozialistischen Parteien sowie aller aufständischen Arbeiter, Bauern und Matrosen „Freilassung aller politischen Häftlinge“ (4)
6. Überprüfung der Gefangenen „in Gefängnissen und Konzentrationslagern“ Wiedereinstellung der 1970 und 1976 Entlassenen (4)
7. Abschaffung der „politischen Abteilungen“ (Parteipropagandastellen) Bekanntgabe der „realen gesellschaftlich-wirtschaftlichen Situation“ (8)
8. Abschaffung der „Kontrollabteilungen‘‘ (der Wegzollämter vor den Städten)
9. „Gleiche Lebensmittelrationen für alle Werktätigen“ „Lebensmittelkarten für Fleisch und Tierprodukte“ (11)
10. Abschaffung der „Kommunistischen Spezialabteilungen“ und „Betriebsschutzgruppen“ „Abschaffung der Privilegien für Miliz, Sicherheitsdienst und Parteiapparat“ (13)
11. „Den Bauern volle Verfügungsgewalt über ihr Land“
12. Eine mobile „Kontrollkommission“
13. „Freies Handwerk“ (ohne Fremdausbeutung)
14. Alle Soldaten sollen sich mit Kronstadt solidarisch erklären
15. Veröffentlichung der Beschlüsse in der Presse Veröffentlichung der Forderungen in den Medien (5)

*) Die Ziffern in Klammern geben die Nummer der jeweiligen Forderung im Danziger Katalog an.

[1Isaac Deutscher: Trotzki, Bd. 1, Stuttgart 1962, S. 477

[2Deutscher: a.a.O., S. 477

[3Volin: Die unbekannte Revolution, Bd. 2, Hamburg 1976, S. 205

[4Victor Serge: Erinnerungen eines Revolutionärs, Frankfurt 1967, S. 150

[5Paul Avrich: Kronstadt 1921, Princeton 1970, S. 174

[6Avrich, a.a.O., S. 165 ff.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1981
, Seite 26
Autor/inn/en:

Michael Siegert:

Geboren am 12. Oktober 1939 in Reichenberg (Liberec), gestorben am 23. Oktober 2013 in Wien; studierte längere Zeit Naturwissenschaften und Geschichte an der Universität Wien; 1963 Vorsitzender der Vereinigung demokratischer Studenten; später Mitarbeiter der sozialistischen Studentenorganisation; war von 1973 bis 1982 Blattmacher des FORVM.

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