FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1980 » No. 323/324
Eike Geisel • Jakob Moneta • Jakob Taut

Die Judenfalle

Hersch Mendel — wie ostjüdische Arbeiter Zionisten wurden

Über Wege, Umwege und Sackgassen der jüdischen Arbeiterbewegung im Osten sprach der deutsche Journalist Eike Geisel mit zwei deutschen Juden, Jakob Moneta und Jakob Taut, die beide aus Polen stammen. Anlaß war das Erscheinen der Autobiographie eines Proletariers aus Warschau:

Hersch Mendel: Erinnerungen eines jüdischen Revolutionärs. Rotbuch Verlag, Berlin 1979, 271 Seiten, DM 25, öS 195

Jüdischer Schmied in Polen
(Aufnahme aus 1925)

Ostjuden ohne Arbeit

Hersch Mendel hat die letzten Jahre seines Lebens in Israel gelebt. Du warst mit ihm befreundet.

Taut: Ich habe Hersch Mendel Ende der 50er Jahre durch Vermittlung von Freunden aus Frankreich kennengelernt. In dieser Zeit erschien auch sein Buch, seine Memoiren, und er hat mir ein Exemplar mit einer Widmung geschenkt. Er war von großer Bedeutung wegen seiner eigenen Geschichte und vor allem wegen seiner Herkunft aus dem jüdischen Milieu von Warschau. Er selbst kam nicht aus einer Arbeiterfamilie, vielmehr aus einer deklassierten Schicht. Seine Eltern lebten von dem, was sie gerade auftreiben konnten; sein Vater hat ohne viel Erfolg ab und zu mit irgendwas gehandelt, bei Gelegenheit gearbeitet. Das war ein Milieu, das man im wörtlichen Sinn als Unterwelt bezeichnen muß, und dementsprechend fließend waren auch die Grenzen zu den Dieben, Gaunern und Herumtreibern.

In einem Alter, in dem Jugendliche heute vor der Entscheidung stehen, ob sie weiter die Hauptschule besuchen oder zum Gymnasium wechseln, stand Hersch Mendel, wie er schreibt, vor der Alternative zwischen Unterwelt und Anschluß an die sozialistische Bewegung.

Taut: Man kann sich von diesem Milieu, das Hersch Mendel so großartig beschreibt, heute nur noch über Bücher informieren. Der heute in Deutschland vergessene Schriftsteller Schalom Asch hat in seinem Roman „Motke Gannew“, das heißt Mottke der Dieb [erschienen 1916], ein Bild dieses damals so lebendigen jüdischen Milieus geliefert. Das war die Welt, in der Hersch Mendel lebte, darüber hat er oft mit mir gesprochen, um mir zu erklären, wie die jüdische Gesellschaft in Warschau aussah, in der die Unterwelt eine ziemlich große Rolle spielte. Denn die Juden, das muß man verstehen, waren zum größten Teil vom normalen Produktionsprozeß ausgeschlossen und mußten eben auf anderen Wegen die Mittel zum Lebensunterhalt erwerben.

Sind Hersch Mendels Erinnerungen typisch für die Biographie eines damals in Warschau geborenen Juden?

Taut: Ja, typisch für die Juden, die in seinem Viertel aufgewachsen sind. Allerdings waren die ersten Führer der jüdischen Arbeiterorganisation, die allgemein als „Bund“ bekannt ist, weitgehend assimilierte jüdische Intellektuelle, denen die polnische und russische Literatur und Kultur viel geläufiger war.

Moneta: Diesen Typus von Juden charakterisiert Isaac Deutscher in der Einleitung zu Mendels Erinnerungen glänzend. Er sagt, daß hier eine jüdische Arbeiterklasse war, die politisiert war aufgrund ihrer doppelten, der sozialen und nationalen Unterdrückung, die auch eine Avantgarde bildete für die russische Arbeiterklasse — eine Menge von Dingen, die Lenin später entwickelt hat, hat er eigentlich beim „Bund“ schon vorgefunden. Diese Bewegung wurde nicht nur durch die Nazis in Polen vernichtet, sondern auch durch den Stalinismus in der Sowjetunion.

Hersch Mendel ist eine ungewöhnliche Figur, weil er praktisch alle Stadien der Arbeiterbewegung durchgemacht hat. Er begann im sozialistischen Bund; durch seine ungeheure Enttäuschung über den Verrat der II. Internationale, die während des Weltkriegs auseinanderbrach, wo jede sozialistische Partei ihr eigenes „Vaterland“ verteidigte, kam er eine Zeitlang in die Nähe des Anarchismus; danach, als die Oktoberrevolution kam, führte sie ihn in die bolschewistische Partei. Er war ein Mitbegründer der Kommunistischen Partei Polens, auch des jüdischen Teils der polnischen KP; dann führten ihn seine Erfahrungen mit dem Stalinismus in der Sowjetunion zur linken Opposition, zum Trotzkismus.

Adelheid Popp aus Wien, erfolgreiche Reformerin

Wie siehst du Hersch Mendel im Kontext der europäischen Arbeiterbewegung? Zwischen ihm und — sagen wir — Scheidemann oder Ebert oder Walter Ulbricht, da klaffen doch Welten.

Moneta: Der Hauptunterschied ist der, daß hier ein revolutionärer Arbeiter seine eigene Biographie geschrieben hat, das ist schon sehr selten. Ich habe kürzlich eine solche Biographie gelesen, die Geschichte von Adelheid Popp, [1] einer österreichischen Arbeiterin, die zur Sozialdemokratie kommt in einer Zeit, in der dort ähnliche Verhältnisse herrschen, wie sie Hersch Mendel für Polen beschreibt. Was sie von Hersch Mendel unterscheidet, ist der Umstand, daß sie in eine Arbeiterbewegung hineingekommen ist, die eine ganz reformistische Periode durchgemacht hat, einen regelrechten Aufschwung, die Eroberung des Achtstundentags zum Beispiel — das war schon praktisch Sozialismus für sie! Sie wurde zu einer großen reformistischen Führerin — während Hersch Mendel der Reformismus aufgrund der Umgebung, in der er groß geworden ist und gelebt hat, überhaupt nichts hat bedeuten können. Denn in Polen in der Zeit von 1918/1919, als die Polen ihre nationale Unabhängigkeit erobern konnten, bis zum Krieg 1939 hat sich wirtschaftlich kaum etwas geändert; die Wirtschaft hat stagniert, die jüdische Arbeiterklasse ist eigentlich weiter verarmt, und die Bauernschaft Polens hat in einem absoluten Elend gelebt.

Maiaufmarsch der Arbeiterzionisten in Chelm
(1932)

Die jüdische Bourgeoisie hat sich assimiliert

Taut: Um das Besondere an Hersch Mendel zu verstehen, muß man den Unterschied zwischen der jüdischen Arbeiterklasse in Osteuropa und der Arbeiterklasse in Westeuropa verstehen. Die westeuropäische Arbeiterklasse stand ihren Kapitalisten direkt gegenüber und kämpfte gegen sie in den Betrieben mit Hilfe ihrer Gewerkschaften. Die Juden in Osteuropa waren weitgehend aus dem Produktionsprozeß ausgeschlossen, vor allem aus den Schlüsselindustrien. Jüdische Arbeiter waren meistens in kleinen Betrieben und Werkstätten beschäftigt, wo es oft kaum mehr als einen Arbeiter gab und der Besitzer meist auch nicht besser dran war als ein Arbeiter. Er mußte selbst arbeiten und hatte in der Regel kein höheres ökonomisches und kulturelles Niveau als der bei ihm beschäftigte Arbeiter.

Die politische Aufgabe der verschiedenen Richtungen in der jüdischen Arbeiterbewegung oder der Juden in der PPS [der Polnischen Sozialistischen Partei] oder später in der KP war kompliziert: sie mußten nicht nur gegen soziale, sondern auch gegen nationale Unterdrückung kämpfen. Die jüdischen Massen in Osteuropa stellten wirklich eine nationale Minderheit dar, sie hatten ihre eigene Sprache, Jiddisch, ihre eigene Literatur. Die jüdische Literatur von Peretz, Scholem Alejchem, Mendele Mocher Sfurim und anderen wäre gar nicht möglich gewesen ohne diese hochentwickelte jüdische Arbeiterbewegung, die sich hauptsächlich im „Bund“ artikulierte. Nur unter diesem Aspekt, der doppelten Unterdrückung, ist zu verstehen, warum die jüdische Arbeiterbewegung die erste organisierte Arbeiterbewegung im Zarenreich gewesen ist.

Wichtig ist auch zu sehen, daß in der jüdischen Arbeiterbewegung nicht nur der Drang, sondern auch jede Basis für die Entwicklung einer Bürokratie fehlte, wie sie sich schon zu Beginn der westeuropäischen Arbeiterbewegung herausbildete, in geringerem Umfang auch in der russischen Sozialdemokratie. Man kann das an Hersch Mendel selbst sehen. Er war Arbeiter und arbeitete mal hier und mal dort — in diesem Milieu wurde er Arbeiterführer.

Die jüdische Bourgeoisie hat sich relativ schnell an die polnische und russische Umgebung assimiliert, also auch an deren Sprache und Kultur, während die Arbeiter zu den Trägern der jüdischen Kultur wurden.

Es gibt aber doch noch einen anderen wichtigen Unterschied, wenn wir Lebensläufe in der europäischen Arbeiterbewegung vergleichen. Wenn jemand aus der deutschen Arbeiterbewegung seine Erinnerungen aufschreibt, dann schreibt er über eine Tradition, die verschüttet ist, wenn es um Tradition von unten geht ...

Moneta: Ich würde das nicht so ohne weiteres sagen. Ich habe einige solcher Bücher gelesen, zum Beispiel von Willi Bleicher, [2] der in der Weimarer Republik Arbeiter war, sich mit einem Teil der kommunistischen Opposition identifiziert hat, der jahrelang im KZ war — solche Arbeiter gibt es, aber ich glaube, man hat sie bisher nicht gehört oder gar nicht zu Wort kommen lassen. Die junge Generation hat ganze andere Erfahrungen gemacht und wird von den Kämpfen nach 1945 ausgehen müssen, auch den Streikkämpfen in der Metallindustrie. Dort sind immer wieder auch junge Arbeiter an die Spitze gelangt, und vielleicht werden sie über diese Erfahrungen auch eines Tages schreiben.

Ich meinte etwas anderes. Wie verschüttet die Tradition der deutschen Arbeiterbewegung auch sein mag, der Unterschied besteht doch darin, daß es ein Subjekt gibt, das an sie anknüpfen könnte, während die jüdische Arbeiterbewegung völlig vernichtet worden ist.

Moneta: Das stimmt. Das ist die wirkliche Tragödie, daß diese Arbeiterbewegung einfach ausgerottet worden ist, daß die Geschichte nicht mehr weitergeht. In den USA, zum Beispiel in der Konfektionsindustrie, hat das jüdische Proletariat eine sehr große Rolle gespielt, es gab eine große jiddische Tageszeitung, den Vorwärts, die Gewerkschaften in dieser Branche waren jüdisch, die Massen wie die Führer, Dubinski zum Beispiel — sie kamen alle ursprünglich aus der russischen Sozialdemokratie oder aus dem polnischen „Bund“ und waren nicht-zionistisch. Aber dank der verschiedenen Einwanderungswellen hat in den USA ein ständiger Assimilationsprozeß stattgefunden, ältere Einwanderer assimilierten sich, die Arbeiter stiegen auf, und die nächste Welle, die nach den Juden gekommen ist, waren zum Beispiel Italiener, die die Massen der jüdischen Gewerkschaftsmitglieder ersetzt haben; insofern gibt es auch dort diese Tradition nicht mehr, und die jiddische Tradition ist auch in den USA ausgelaufen. Das hängt natürlich auch damit zusammen, daß die englische Kultur sehr viel reicher ist und mehr zu bieten hat als die Kultur einer — von den USA aus gesehen — kleinen Minderheit.

Es gibt übrigens auch in der Sowjetunion immer noch einen Teil, der jiddisch spricht. Ich habe in Moskau einmal die Redaktion einer jiddischen Zeitschrift besucht, die Redaktion von Sowjetisch Hejmland. Es erscheint noch heute eine jiddische Tageszeitung in Birobidschan, wo etwa 25.000 Juden angesiedelt sind, [3] es gibt ein jiddisches Theater aber all das hat insofern keine Zukunft mehr, als ein Teil sich heute, aus Opposition zum Regime, mit dem Zionismus identifiziert und ein anderer Teil sich russisch assimiliert. Und der kleine Teil, der festhält an der jiddischen Tradition, hat möglicherweise gar keine Zukunft, weil man sie jahrelang daran gehindert hat, diesen Weg zu gehen — sie waren durchaus dazu bereit.

Wie das Jiddische in Israel ausgerottet wurde

Was hat es mit der Renaissance jiddischer Literatur auf sich, die wir jetzt beobachten?

Moneta: Das kommt heute als Nostalgie wieder, nicht als echte Volksbewegung oder gar als Arbeiterbewegung. Übrigens hat es auch in Palästina ursprünglich eine Fortsetzung der jiddischen Kultur gegeben, sie wurde aber in der zionistischen Zeit heftig verfolgt. Es erschienen jiddische Zeitungen, und es gab deswegen dauernd Auseinandersetzungen und Schlägereien, als ich in Palästina war, in den 30er Jahren, als man versucht hat, Hebräisch, das Ivrith, mit aller Gewalt gegen das Jiddisch durchzusetzen, denn man betrachtete Jiddisch als eine Tradition des Exils und nicht als Erneuerung des jüdischen Volkes — obwohl das etwas ganz anderes war, eine außerordentlich reiche Kultur, viel reicher als die hebräische ursprünglich gewesen war.

Abgesehen davon gab es jiddische Schriftsteller, die auch hebräisch schrieben. Man vergißt auch leicht, was sich in der Sowjetunion abgespielt hat, wo es eine ganze Generation hervorragender jiddischer Schriftsteller gab, und ein großer Teil von ihnen ist nicht nur in den stalinistischen Prozessen der 30er Jahre, sondern auch noch nach dem Krieg ermordet worden. Über sie redet heute keiner mehr, obwohl manche ihrer Publikationen heute wieder in den jiddischen Periodika in der Sowjetunion erscheinen.

Jüdische Kinder lernen Hebräisch
(Lublin 1924)
Wie kann man Hersch Mendels späte Wendung zum „proletarischen Zionismus“ erklären? Verständlich wäre, daß jemand angesichts des Stalinismus zum rigiden Antikommunisten wird, zu einem, wie Isaac Deutscher sagt, „seitenverkehrten Stalinisten“, wie ihn der kalte Krieg auf westlicher Seite gebrauchen konnte — das ist Hersch Mendel nicht geworden.

Taut: Daß Hersch Mendel nach Israel kam, hat seinen Grund in der großen Tragödie der europäischen Judenheit, besonders der osteuropäischen. Es gibt außer ihm noch andere, die in der osteuropäischen Arbeiterschaft eine Rolle gespielt haben — ich möchte bloß Isaac Deutscher oder die in Israel lebenden Leopold Trepper [4] und Maria Joffe anführen — sie alle sind nach der Vernichtung der Juden in Europa, nach dem Irrsinn des Stalinismus, dem Hunderttausende zum Opfer gefallen sind, verzweifelnd, ob die europäische Arbeiterklasse den Sozialismus verwirklichen kann, gelegentlich zu der Schlußfolgerung gelangt, daß sie wieder zu ihren jüdischen Arbeitern zurückkehren müßten. Der Internationalismus dieser Menschen war nur möglich, solange ihr Rückgrat, die jüdische Arbeiterklasse in Osteuropa, existiert hat; als das zerstört war und zusätzlich noch der stalinistische Irrsinn auftrat, da verloren sie ihren Glauben und suchten einen neuen Stützpunkt. Den fanden sie in der „Renaissance des jüdischen Volkes“, wie sie es nennen, und besonders in der jüdischen Arbeiterbewegung in Israel.

Zionisten auf Zeit

Aber der „Bund“ und auch alle anderen politischen Richtungen, denen Hersch Mendel angehört hat, waren doch Gegner sowohl des bürgerlichen Zionismus, wie auch seiner sozialistischen Variante.

Taut: Hersch Mendel war in verschiedenen politischen Richtungen aktiv, das Buch schildert alle Phasen seiner politischen Arbeit, vom Bund über den Anarchismus, über die KP bis zu seinem Ausschluß und der Gründung der polnischen trotzkistischen Opposition zusammen mit Isaac Deutscher. Sein Zusammenbruch erfolgte, als die jüdische Bevölkerung in ganz Osteuropa von den Nazis ausgerottet wurde. Er war immer auf ganz selbstverständliche Weise Internationalist gewesen, er hat sich immer für die internationale Arbeiterbewegung eingesetzt, ob in Warschau, in Frankreich oder anderswo.

Aber in dem Augenblick, als die jüdische Bevölkerung, auch die jüdische Arbeiterklasse ausgerottet war, da war auch sein Rückgrat gebrochen. Nicht nur seine Familie ging zugrunde, sondern das ganze Milieu, in dem er aufgewachsen war und aus dem er seine Kraft bezogen hatte, um in der internationalen Arbeiterbewegung wirken zu können. Deshalb verlor er jeden Glauben an den sozialistischen Internationalismus, deshalb ging er nach Israel.

Zu unseren ersten Unterhaltungen gehörte seine Stellungnahme zum Zionismus, zur zionistischen Bewegung und zum Staat Israel; er hat versucht, seine Position theoretisch zu begründen. Er sagte, er sei zu der Schlußfolgerung gelangt, er könne nur mit einer jüdischen Arbeiterklasse kämpfen. Nur in Israel existiere heute noch eine jüdische Arbeiterklasse, sonst nirgends auf der Welt, und für einen jüdischen Sozialisten sei Israel der einzig mögliche Ort, für den Sozialismus zu kämpfen. Er nannte das „proletarischen Zionismus“, oder „sozialistischen Zionismus“ und erklärte sich solidarisch mit der israelischen Arbeiterbewegung als einer strategischen Basis für den Kampf um eine sozialistische Zukunft für die Juden — das waren genau seine Worte.

Moneta: Wenn dieses Milieu noch irgendwo bestanden hätte in der Welt, oder wenn es hätte wiederbelebt werden können, dieses Milieu der jüdischen Arbeiterklasse, die ihm praktisch die „Nestwärme“ gegeben hat, dann wäre die Wendung von Hersch Mendel zum Zionismus sicher nicht geschehen. Gerade die furchtbare Vernichtung ließ ihm keinen anderen Ausweg mehr. Man kann nicht einmal von Verrat reden, man kann nur sagen, daß es ein furchtbarer seelischer Zusammenbruch gewesen ist. Es gibt ja in den Memoiren die wirklich erschütternde Szene, am Schluß des Buches, wo Mendel schildert, wie er unter deutscher Besatzung nach Grenoble kommt und Zeuge wird, wie man die Juden aus den Häusern herausholt. Ein kleiner Junge wird herausgeholt, alles steht herum und weint, die ganze französische Bevölkerung, nur eine Frau weint nicht, die Mutter des Jungen, sie ist Jüdin und hat Angst, daß man sie als Jüdin erkennt. Und Hersch Mendel sagt dazu: Ich habe in mir die ungeweinten Tränen dieser Frau gespürt.

Er spricht immer wieder und zu Recht davon, daß man Revolutionär und Marxist nicht nur durch das Lesen von Büchern wird, sondern daß da auch die ganze Gefühlswelt angesprochen ist.

Jakob Moneta,
auf einer SPD-Veranstaltung im Oktober 1980 Opfer eines neulinken Happenings

Trotzki: Palästina ist eine Falle für die Juden

Wie begegnet man solchen Menschen wie Hersch Mendel in Israel, die als „Shipwreck of a Generation“ nach Israel kommen? Joseph Berger-Barsilai, einer der Mitbegründer der Kommunistischen Partei Palästinas, hat mit diesem Titel seine Biographie überschrieben. Sind solche gebrochenen Menschen nicht der lebendige Beweis für die Richtigkeit der zionistischen Ideologie und gutes Propagandamaterial?

Moneta: Sicher, aber Hersch Mendel hat sich dazu nicht hergegeben. Es gibt andere, die das getan haben, wie der eben erwähnte Barsilai, der interessanterweise sein ganzes Leben über Stalinist geblieben ist. In den stalinistischen Prozessen ist es ja häufig so gewesen, daß am Anfang die Oppositionellen drangekommen sind, zum Schluß aber auch eine Reihe von treuen Stalinisten, die man dann auch zu Gefängnis und Konzentrationslager verurteilt hat. Berger-Barsilai war selbst, so erinnere ich mich, viele Jahre eingesperrt.

Natürlich ist die Konfrontation mit solchen Leuten für den Zionismus sehr befriedigend, weil er nachweisen kann, daß der Sozialismus keine Lösung ist. Bloß muß man sich gerade angesichts der jetzigen Situation fragen: ist denn der Zionismus eine Lösung? In welche Situation ist denn Israel heute gekommen, nach so vielen Jahren scheinbarer Erfolge, nach so vielen Kriegen? Die Juden sind heute praktisch wieder gefährdet, es ist ein großes Ghetto entstanden. Trotzki sprach einmal davon, daß Palästina eine furchtbare Falle für die Juden werden könnte — und heute sieht es ganz danach aus.

Hersch Mendel schreibt an einer Stelle, daß Trotzki von der Notwendigkeit gesprochen habe, ein eigenes Territorium für die Juden zu schaffen.

Moneta: Ich glaube, das ist ein Irrtum. Trotzki hat sich sehr häufig zu diesen Fragen geäußert, aber über Dinge, über die er nicht genau Bescheid wußte, hat er nicht abschließend geurteilt. Er hat sich offenbar mehr danach erkundigt, was in Palästina passiert, aber er hat bis zum Schluß nicht an eine Lösung durch den Zionismus geglaubt, niemals.

Die Überlegungen zu einer territorialen Lösung waren ja nicht neu, das betrifft nicht nur Palästina, solche Vorstellungen gab es ja schon längst in der Sowjetunion. Ein großer Teil der Bundisten und ehemalige Zionisten sind ins bolschewistische Lager übergegangen und haben Bündnisse mit den Kommunisten geschlossen. Es gibt dazu das außerordentlich interessante Buch von John Bunzl [5] über die Geschichte des „Bund“, das leider in der Bundesrepublik zu wenig bekannt ist, in dem alle diese Stränge aufgezeigt werden. In der Führung der „Jüdischen Sektion der Kommunistischen Partei der Sowjetunion“ vereinigten sich damals alle diese Tendenzen, da gab es Vertreter einer jüdischen Autonomie wie einer territorialen Lösung, nur sind sie in der stalinistischen Periode alle abserviert worden, und Stalin hat sich durchgesetzt. Interessant ist, daß diese territorialen Projekte auch von einigen jüdischen Millionären in Amerika unterstützt wurden.

Schreibende Weltbürger, bodenständige Arbeiter

Wahrscheinlich aus einer ähnlichen Haltung heraus wie Baron Hirsch im 19. Jahrhundert die jüdischen Einwanderer aus Osteuropa unterstützt hat. Er hat sie mit Reisegeld versorgt, damit sie Deutschland verlassen, die jüdischen Millionäre haben „Bleibegeld“ geschickt, damit sie nicht nach Amerika kommen.

Moneta: Das war sicher ein Motiv. Tatsache ist ja, daß es Möglichkeiten gegeben hätte, Hunderttausende, wenn nicht Millionen von Juden zu retten, wenn damals die sogenannten demokratischen, die imperialistischen Staaten sich den Juden geöffnet hätten. Es gab im Jahr 1938 in New York eine Massendemonstration, auf der gefordert wurde: Öffnet die Tore Amerikas für die Juden aus Deutschland!, weil damals schon klar war, was mit ihnen geschehen würde; aber an dieser Demonstration haben sich die Zionisten nicht beteiligt. Dort demonstrierten jüdische Arbeiter der USA, mit der Sozialistischen Partei an der Spitze — doch die Tore wurden nicht geöffnet.

Isaac Deutscher, der 1968 verstorbene marxistische Historiker, hat die Einleitung zu den Erinnerungen von Hersch Mendel geschrieben. Ohne den Namen zu nennen, hat er ihm auch in seinem Essayband „The Non-Jewish Jew“ [6] bewegende Passagen gewidmet.

Taut: In vieler Hinsicht war Isaac Deutscher Schüler von Hersch Mendel. Hersch Mendel hat mir in Israel mehrmals mit großer Erbitterung gesagt: Ja, der Isaac Deutscher kann es sich leisten, heute in London zu sitzen. Er kommt aus einer wohlhabenden Familie, hat eine große Bildung, spricht mehrere Sprachen, kann ausgezeichnet schreiben und ist ein großer Historiker — all das kann ich nicht. Das waren seine Worte, die ich hier nur wiedergebe. Auch über eine nichtzionistische Abgrenzung von Israel, die Deutscher in seiner Einleitung zu den Erinnerungen von Hersch Mendel formuliert hatte, war er sehr verbittert. Diese kurze Passage ist in der jiddischen Originalausgabe nicht enthalten [in der deutschen Übersetzung ist sie nachzulesen].

Hersch Mendel hat keine eigentliche Erziehung genossen, Lesen und Schreiben hat er gelernt, als er bereits politisch tätig war, er kannte keine Fremdsprachen, selbst seine Muttersprache Jiddisch sprach er nur so wie das gemeine Volk. Er schrieb sehr einfach, auch Polnisch und Russisch, was er später natürlich lernte, beherrschte er nur mündlich und sehr beschränkt.

Bei Deutscher erscheint eine ganz ähnliche Position wie bei Hersch Mendel, vor allem in seinen Schriften in den 50er Jahren, in denen eine starke zionistische Tendenz hervortritt, die im Lauf der Zeit dann allerdings wieder verschwindet. Das ist kein Zufall, denn auch bei Isaac Deutscher war das Rückgrat gebrochen, auch seine Vergangenheit war in Warschau unter den jüdischen Arbeitermassen. In gewisser Weise konnte Isaac Deutscher als Intellektueller auch ohne die Arbeitermassen auskommen und Bücher schreiben. Das hat Hersch Mendel so verbittert, und deshalb sprach er Deutscher auch das Recht ab, sich vom Zionismus abzugrenzen. Hersch Mendel hat meiner Meinung nach nicht recht damit, aber nur so ist es zu erklären, warum er und andere zum Zionismus gekommen sind.

Markt in Kremieniec,
einem der ältesten jüdischen Dörfer in Ostpolen

Antisemitismus wieder erlaubt?

Jakob Moneta, du warst es, der Wolf Biermann auf die Hymne des „Bund“ hinwies, die er in sein Repertoire aufgenommen hat; jetzt erschienen die Memoiren von Hersch Mendel, die du zusammen mit Nele Löw-Beer übersetzt hast. Woher diese Hinwendung zur Geschichte der jüdischen Arbeiterbewegung?

Moneta: Das Buch soll einen verschütteten Zugang zur Geschichte der Linken freilegen helfen. Für die deutsche Linke bedeutet das vor allem die Konfrontation mit einem anderen Typus von Juden, als sie ihn entweder hier in der Bundesrepublik kennenlernen — Reste aus den Ghettos, die überlebt haben —, und auch einen anderen Typus von Juden als den nationalistischen Zionisten aus Israel. Das ist wichtig, denn ich glaube, daß man in der Vergangenheit einen gewaltigen Fehler gemacht hat, als man versucht hat, bestimmte Probleme mit Philosemitismus zuzudecken. Das war völlig falsch.

Jetzt droht meiner Meinung nach sogar ein gewisser Rückschlag. Früher hat man alles verteidigt, was Israel getan hat, auch die Politik gegenüber den Arabern, das war ein Tabu, das man nicht durchbrechen durfte — und jetzt, da man von den Arabern das Öl braucht, droht genau das Umgekehrte, daß man jetzt beginnt, sozusagen alte antisemitische Vorurteile gegen Israel aufzuwärmen.

Im Augenblick ist in der Linken hier eine große Diskussion ausgebrochen, die alle Gemüter erregt: eine Diskussion über die eigene Geschichte. Tatsache ist, daß die Linke ihre Geschichte nicht kennt oder sie verdrängt. Das trifft für die deutsche Geschichte zu wie für die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Noch mehr gilt das für die Geschichte der Welt-Arbeiterbewegung, darunter die jüdische Arbeiterbewegung. Die Aktualität Hersch Mendels liegt darin, daß durch seine Memoiren die hierzulande gängige Gleichsetzung von zionistischer Bewegung mit der jüdischen proletarischen Massenbewegung aufgebrochen werden kann.

Zweitens, vor dem Hintergrund der Ölkrisen, müssen wir uns immer wieder vergegenwärtigen, daß der latente Rassismus jederzeit an die Oberfläche treten kann. Die Assimilation wie als Vorstellung in den Köpfen der liberalen Bürger ist absolut gescheitert, und die bürgerliche Gesellschaft beweist immer aufs neue, daß sie unfähig ist, die Assimilation bis zum Ende durchzuführen. Zwar spielt die Judenfrage in der Bundesrepublik eine relativ geringe Rolle, ungefähr 30.000 Juden sind am Leben geblieben oder als Überlebende zurückgekehrt.

Aber im Grunde ist es so, daß die nationalen Probleme in dem Augenblick, in dem diese Gesellschaft in wirtschaftliche Krisensituationen hineingerät, sich aufs neue verschärfen. Wir erleben das zum Beispiel heute mit den sogenannten Gastarbeitern, mit den Arbeitern aus dem Ausland; wir erleben es in England, wo in den letzten Krisen ein starker Rassismus erzeugt worden ist und man versucht, die durch die Arbeitslosigkeit entstandenen Probleme auf dem Rücken der dort lebenden ausländischen Arbeiter zu lösen.

Wir erleben heute sogar eine neue Welle von rassistischen Vorstellungen in Frankreich, in der Partei von Giscard d’Estaing rühren sich neue Rassentheoretiker. Die Ermordung von Pierre Goldmann kann von daher kommen. Es sieht so aus, als gäbe es unter höheren Polizeioffizieren Todesschwadrons wie in Brasilien, berichtet die französische Polizeigewerkschaft.

Anderseits darf man auch nicht daran vorbeisehen, daß die bürokratisierte Gesellschaft im Osten, die sich sozialistisch nennt, das Problem auch nicht gelöst hat. Sie hat ebenfalls Schwierigkeiten, weil sie nicht bereit war, den Menschen selbst die Lösung zu überlassen, entweder den Weg der Assimilation für diejenigen, die sich assimilieren wollten, oder eine nationale Autonomie, wie sie der „Bund“ vertreten hatte, oder aber auf der Grundlage eines Territoriums, wie man es ja versucht hat in Birobidschan oder auf der Krim, wo jüdische Siedlungen geschaffen wurden. Man hat diese Bewegungen ständig von oben kontrolliert, und da es keine Demokratie gab und weder Juden [7] noch die anderen nationalen Minderheiten ihr eigenes Leben gestalten konnten und ständig mit Russifizierungstendenzen zusammengestoßen sind, ist auch dort eine Lösung bisher noch nicht gefunden worden.

[1Adelheid Popp: Die Jugend einer Arbeiterin, Dietz Verlag, Berlin 1977; vgl. die Rezension von Heidi Pataki im FORVM März/April 1978

[2Willi Bleicher/Helmut Simon: Beispiel für aufrechten Gang, Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt 1979

[3Die Tageszeitung heißt Birobidzhaner Shtern; die jüdische Bevölkerung in Birobidschan beträgt nach neueren Berichten aber nur mehr 12.000 (Anm. d. Red.)

[4Leopold Trepper: Die Wahrheit, dtv, München 1978

[5John Bunzl: Klassenkämpfe in der Diaspora. Zur Geschichte der jüdischen Arbeiterbewegung, Europa Verlag, Wien 1975

[6Isaac Deutscher: Die ungelöste Judenfrage, Rotbuch Verlag, Berlin 1976

[7Zum Antisemitismus in der Sowjetunion vgl. Michael Siegert: Stinkende Bettwanzen, FORVM Mai/Juni 1980

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
1980
, Seite 18
Autor/inn/en:

Eike Geisel:

Aus der deutschen Studentenbewegung kommend, gab eine Zeitlang die Zeitschrift Die Front (PFLP- und KBW-nahe) heraus, die für eine Verständigung zwischen Palästinensern und Juden eintrat. Edierte einige Bücher über die jüdische Frage.

Jakob Moneta:

Der Übersetzer von Hersch Mendels Erinnerungen wurde 1914 in Polen geboren und kam als Fünfjähriger mit seiner Familie nach Köln. Nach dem Abitur entkam er 1933 den Nazis nach Palästina, arbeitete dort auf einer Orangenplantage und später in einem Kibbutz. Wegen Solidarität mit den arabischen Opfern der zionistischen Siedlungspolitik aus dem Kibbutz ausgeschlossen, wurde er von der britischen Mandatsmacht ins Gefängnis geworfen und zweieinviertel Jahre ohne Prozeß dort festgehalten (siehe seine autobiographischen Notizen im Kursbuch 51/März 1978). 1948 kehrte er über Frankreich und Belgien nach Deutschland zurück, arbeitete eine Zeitlang im diplomatischen Dienst und war als Chefredakteur der Gewerkschaftszeitung Metall eine führende Gestalt der Gewerkschaftlinken.

Jakob Taut: In Polen geboren, kam schon mit seinen Eltern als Kind nach Berlin. Er wuchs dort im Judenghetto, dem sogenannten „Scheunenviertel“, auf und brach als Jugendlicher mit dem orthodox-jüdischen Milieu, indem er dem Kommunistischen Jugendverband beitrat. Anfang der 30er Jahre Bruch mit der KPD (Taut wurde einer „Rechtsabweichung“, nämlich des „Brandlerismus“ beschuldigt). 1933 floh er mit seiner Frau über Dänemark nach Palästina, wo er seither lebt. Er gehört zur Revolutionär-Kommunistischen Liga, einer linken Fraktion des Matzpen.

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