FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1979 » No. 307/308
Wolfgang Harich • Hanswerner Mackwitz

Der Stern von Zwentendorf zog mich her

Von der DDR nach Österreich aus ökologischen Gründen

Wie jetzt bekannt wurde, wird der Philosoph Wolfgang Harich, 55, von einer nach Spanien und Österreich unternommenen Reise vorerst nicht in die DDR zurückkehren, sondern sich in Wien niederlassen. Hier sprach mit ihm über seine Motive der Diplomchemiker und Wissenschaftspublizist Hans Werner Mackwitz.

Wolfgang Harich in Wien:
herzkrank, doch guten Mutes in die Zukunft blickend

An Österreich ein Beispiel nehmen?

FRAGE: Herr Doktor Harich, warum sind Sie jetzt im Westen?

HARICH: Ich bin jetzt Invalidenrentner, wegen eines Herzleidens. Um die mir noch verbleibende, reduzierte Leistungsfähigkeit sinnvoll zu nutzen, möchte ich mich fortan ganz in den Dienst der ökologistischen Bewegung Westeuropas, der sogenannten „Grünen“ oder Alternativen, stellen, frei von irgendeinem Broterwerb. Zu diesem Zweck habe ich Anfang März das Staatsoberhaupt der Deutschen Demokratischen Republik, Erich Honecker, darum gebeten, mir die Ausreise zu gestatten. Mein Gesuch wurde genehmigt. Mitte April konnte ich mich nach Österreich und, für drei Wochen, auch zu Vorträgen und Diskussionen nach Spanien begeben, wo Anfang des Jahres eine Übersetzung meines Buches „Kommunismus ohne Wachstum?“ erschienen ist.

FRAGE: Warum wählen Sie ausgerechnet Wien zu Ihrem Wohnsitz?

HARICH: Das tue ich vor allem unter dem Eindruck der Zwentendorf-Abstimmung vom 5. November. Ich bin konsequenter, kompromißloser Gegner jeglicher Nutzung von Kernenergie. Als solcher möchte ich mich demonstrativ zu denen bekennen, die in dieser Frage für die gesamte internationale Umweltschutzbewegung ein Zeichen von weltgeschichtlicher Bedeutung gesetzt haben. Auch glaube ich, hier an Ort und Stelle viel davon lernen zu können, wie nun ein ganzes Land im Herzen Europas den Versuch unternimmt, seine Energieversorgung unter Ausschluß der Kernkraft zu sichern. Ich bin überzeugt: Bald werden Ost und West, Nord und Süd sich da an Österreich ein Beispiel nehmen müssen.

FRAGE: Fühlen Sie sich als Dissident?

HARICH: Ich habe ganz andere Sorgen als diejenigen Oppositionellen im Osten, die man gewöhnlich als Dissidenten zu bezeichnen pflegt. Meine Gedanken kreisen immer mehr, immer ausschließlicher um die furchtbaren Weltkrisen, die wir, bei Fortdauer der gegenwärtigen Trends, schon in den achtziger Jahren durchzustehen haben werden. Daß ich großtechnische Exzesse und weiteres Wirtschaftswachstum verneine, bedingt natürlich eine kritische Einstellung zu wesentlichen Aspekten auch der Politik sozialistischer Länder, einschließlich DDR. Aber ich bejahe deren Machtstrukturen und Eigentumsverhältnisse, die ich für potentiell viel geeigneter halte, jene Weltkrisen aufzufangen und zu meistern, als die des Westens.

FRAGE: In dem Wort „potentiell“ liegt eine Einschränkung.

HARICH: Das will ich nicht leugnen.

Ökologen im Osten haben’s schwer

FRAGE: Und dennoch sind es politische Gründe, aus denen Sie die Emigration gewählt haben.

HARICH: Als Emigranten verstehe ich mich eigentlich nicht. Denn ich bin nach wie vor Staatsangehöriger der DDR und halte mich in Österreich lediglich aufgrund eines zunächst für zwei Jahre gültigen Ausreisevisums auf.

FRAGE: Ihre Ausreise aus der DDR hängt doch aber offenkundig damit zusammen, daß Ihr Buch bisher nur im Westen erscheinen konnte. Oder hat diese Publikation im Osten etwas bewirkt?

HARICH: Vorläufig nichts. Schon 1976 ist mein Buch in der Einheit, dem theoretischen Organ der SED, negativ bewertet worden. Noch schärfer und direkter wurde ich im Vorjahr im „Marx-Engels-Jahrbuch“ des Instituts für Marxismus-Leninismus angegriffen. Und jüngst hat sogar einer der Vizepräsidenten der Akademie der Wissenschaften der UdSSR, der Philosoph Fedossejew, zu meinen Darlegungen ablehnend Stellung bezogen. Unter diesen Umständen kann es nicht wundernehmen, daß dreieinhalb Jahre lang meinen hartnäckigen Bemühungen kein Erfolg beschieden gewesen ist, in der DDR durch Eingaben, Denkschriften usw. Vorschläge zum Tragen zu bringen, die den ökologistischen Intentionen des Buchs entsprachen. Ich lasse mich dadurch jedoch nicht beirren, sondern halte an meiner Ansicht fest, daß die Menschheit mit den katastrophenschwangeren Herausforderungen der nächsten Zukunft nur unter der Voraussetzung eines wachstumslosen, homöostatischen Kommunismus wird fertig werden können, der allen auf materiell bescheidenem Niveau soziale Sicherheit gewährleistet. Eine Gesellschaft dieses Typs ließe sich von den strukturellen Bedingungen des real existierenden Sozialismus her insofern leichter verwirklichen, als es dort dazu keiner Revolution mehr bedürfte. Es ist aber eines, über solche günstigeren Strukturen zu verfügen, und etwas ganz anderes, von ihnen auch den richtigen Gebrauch zu machen. Dem stehen im Osten noch erhebliche objektive und subjektive Hindernisse im Wege. Das am schwersten zu überwindende objektive Hindernis ist zu suchen in dem west-östlichen Wohlstandsgefälle. In dem Maße, wie ich das begriff, wurde mir klar, daß ich mit meinen Aktivitäten in der DDR wahrscheinlich jahrelang den Fehler begangen hatte, das Pferd am Schwanz aufzuzäumen. Und seit dem vergangenen Sommer, seit im Westen die Grünen sich zur politischen Bewegung formierten, reifte in mir allmählich die Einsicht heran, daß ich wohl besser daran täte, mich ihnen beizugesellen.

Konsumerismus am Ursprung bekämpfen

FRAGE: Mancher Dissident, wie z.B. der Schriftsteller Jürgen Fuchs aus der DDR, der jetzt in West-Berlin lebt, leidet seit seiner Emigration — sie erfolgte bei ihm im Juni 1977 — an dem Trauma, er habe falsch gewählt, als er den Entschluß faßte, wegzugehen. Sicher spielen da auch persönliche Empfindungen, über den Verlust der Heimat und der Freunde, eine Rolle. Aber Fuchs meint, es sei ein Unterschied, ob man in der DDR ab und zu die strahlendweißen Zähne der westlichen Verkaufswelt serviert bekommt oder ob man ständig von ihnen umgeben ist. Erleben Sie die Begegnung mit dem Westen ebenfalls als einen solchen persönlichen Konflikt?

HARICH: Mir ist die westliche Verschwendungs- und Verkaufswelt seit jeher widerwärtig gewesen, schon wegen ihrer kulturellen Hohlheit, und sie wurde mir immer suspekter, je unerbittlicher die Befunde ökologisch fundierter Zukunftsforschung mir ihren für die Menschheit schlechthin selbstmörderischen Charakter bewußt machten. Gerade die Tatsache, daß nun diese Welt ihre „strahlendweißen Zähne“ auch in die DDR vorschob, daß es da auf einmal Spraydosen zu kaufen gab, daß der Individualverkehr zunehmend motorisiert wird, daß die volkseigene Produktion sich durchwegs an westlichen Konsumnormen orientiert, daß wir den Wechsel so gut wie aller westlichen Moden mit- und nachvollziehen, womit auch bei uns ungefähr 70 Prozent aller Industrieerzeugnisse völlig überflüssig sind, das war es, wogegen ich mich zur Wehr setzte. Und aus dem Scheitern meiner so beschaffenen Opposition — einer gänzlich anders motivierten als der von Jürgen Fuchs — zog ich die Konsequenz: Ich muß diesen Konsumerismus eben nicht in seinen immer noch kümmerlichen, relativ bescheidenen östlichen Ablegern bekämpfen, sondern an seinem Ursprung, d.h. im Westen selbst. Das bedeutet aber auch, daß mich hier in der Beziehung nun gar nichts mehr erschüttert. Ich bin ja von vornherein als Todfeind der ganzen westlichen Lebensweise hergekommen, und wenn ich etwas bereue, dann nur, daß ich diese Entscheidung erst jetzt, erst so spät getroffen habe, allzu lange gehemmt durch das moralisierende Vorurteil, es müsse jeder zuerst vor der eigenen Türe kehren. Nein, gekehrt werden muß da zuerst, wo am schlimmsten geschlemmt, gepraßt, vergeudet wird.

FRAGE: Wie sehen Sie Ihre Tätigkeit hier in der Zukunft?

HARICH: Ich möchte mich als Invalidenrentner ehrenamtlich der „grünen“, der alternativen Bewegung zur Verfügung stellen und habe mich daher zunächst einer ihrer wichtigsten Gruppierungen in Wien, nämlich dem „Forum Alternativ“, angeschlossen. Dabei kenne ich die „Grünen“ bisher nur aus der Ferne und nur aus zweiter Hand. Und da sie mir sehr zersplittert erscheinen, innerhalb und außerhalb der traditionellen Parteien, muß ich mich als erstes über alle ihre Richtungen, von den konservativen Varianten bis zu den ultralinken, mit dem guten Willen zur Unvoreingekommenheit informieren. Ich will mit ihren Theoretikern in Gedankenaustausch treten und mich an der Praxis ihrer Militanten, soweit ich sie gutzuheißen vermag, nach Kräften beteiligen. Wenn ich dabei, wo unnötiger Streit herrscht, zur Einigung oder wenigstens zu gegenseitigem besserem Verstehen sollte beitragen können, so wäre ich überaus glücklich. Und ich hoffe, mit alledem auch in kritisch-freundwilligem Geist, loyal, ohne gehässige Polemik die Entfaltung politisch-ökologischen Problembewußtseins nunmehr indirekt in der DDR fördern zu helfen.

FRAGE: Ihre umweltbewußten Kritiker hier werfen Ihnen vor, Ihr ökologischer Denkansatz, nämlich die gerechte und radikale Verteilung des Mangels, könne nur mit Hilfe einer globalen Zwangswirtschaft, durch zentralistische Behörden, die mit ungeheuren Vollmachten ausgestattet sind, durchgesetzt werden, Ihr Konzept beschwöre also dieselben Horrorvisionen herauf, die Robert Jungk in seinem Buch „Der Atomstaat“ beschrieben hat. Glauben Sie dennoch, daß Sie im Westen Verbündete für Ihre ökologische Verteilungsthese finden werden?
W. H., acht Jahre in der DDR eingesperrt
wegen Frühliberalismus, jetzt Ökostalinist

Lieber arm und rein als reich und ungesund

HARICH: Ich habe nicht vor, den Leuten nach dem Munde zu reden — eine schlechte Angewohnheit, zu der die pluralistische Demokratie ihre politischen Repräsentanten verdirbt. Und der Horror der Kernkraftwerksunfälle, der schleichenden Vergiftung der Milch in den Brüsten stillender Mütter, der durch Kohlenmonoxyd verpesteten Luft unserer Städte, der Tankerhavarien, der Erdbeben, der Horror hingemordeter Wälder und eines immer unberechenbarer werdenden Klimas usw. — um nur einiges zu nennen —, all dies erscheint mir grauenhafter als solche Harmlosigkeiten wie Rationierungskarte und Bezugsschein. Was den Zentralismus betrifft, da freilich habe ich inzwischen, vor allem dank der ja erst nach meinem Buch erschienenen Werke Carl Amerys und Jona Friedmans, manches hinzugelernt und meinen Standpunkt modifiziert. Auch ich bin heute Anhänger einer möglichst weitgehenden lokalen Autarkie, die zweifellos basisdemokratische Lösungen im politischen Raum sowohl voraussetzt als auch nach sich ziehen wird. Aber die globalen weltweiten Rahmenbedingungen dafür werden von einem mit diktatorischen Vollmachten ausgestatteten Machtzentrum, zu dem sich bei fortschreitender Weltrevolution die UNO umbilden dürfte, geschaffen werden müssen. Dabei bleibe ich. Wie anders sollte sich, beispielsweise, die Reinhaltung der Ozeane durchsetzen lassen? Lokale Autarkie kann da doch höchstens für eine Welle, auf der zufällig ein Boot schwimmt, kompetent sein. Und wie sollte der Völkerfrieden auf immer gesichert werden, wenn nicht durch einen Weltstaat, der die Machtmittel besitzt, jeden lokalen Konflikt im Keim zu ersticken? Der Weltsicherheitsrat der UNO ist doch wohl keine entbehrliche Einrichtung, und selbst in seiner heterogenen, ja antagonistischen Zusammensetzung ist er nicht immer völlig erfolglos gewesen. Nun stellen Sie sich einmal vor, seine Mitglieder wären sich stets einig, kraft einer Harmonie der Interessen, die in einer homogenen gesellschaftlichen Basis gründet. Wäre das schlecht? Ist das eine Horrorvision? Ich denke nein. Mit einem Wort: Es käme darauf an, zwischen den extrem autarkistischen Lösungen, wie sie Amery bzw. Jona Friedman vorschweben, und meinem — zugegeben ebenfalls einseitigen — Zentralismus den goldenen Mittelweg zu finden.

FRAGE: Sie kommen als Philosoph und Geisteswissenschaftler, als Literatur- und Theaterkritiker eigentlich aus einer ganz anderen Richtung intellektueller Betätigung. Woher rührt Ihr Interesse an Umweltproblemen?

HARICH: Gerade als marxistischer Philosoph der östlichen, orthodoxen Variante, die den Marxismus nicht bloß als Gesellschaftstheorie auffaßt, sondern als eine allgemeine, umfassende Weltanschauung, habe ich mich schon sehr früh, vor über 30 Jahren, mit Ökologie befaßt, und das machte mich dann später so „anfällig“ für Gordon Rattray Taylors „Selbstmordprogramm“, für die Studien des „Club of Rome“ usw. Von meinen literaturwissenschaftlichen Ambitionen habe ich mich in den letzten Jahren schon wegen der begrenzten Leistungsfähigkeit, die durch mein Herzleiden bedingt ist, trennen müssen — in einem Ablösungsprozeß, der für mich übrigens ebenso schmerzlich war wie jetzt das Fortgehen aus meiner preußisch-märkischen Heimat, der mir aber gleichfalls um einer wichtigeren Verantwortung willen unumgänglich schien.

Harich:
schmerzlicher Ablösungsprozeß, freien Grund ersessen

Publikationen von Wolfgang Harich (im Westen):

  • Jean Pauls Kritik des philosophischen Egoismus, Frankfurt 1968
  • Zur Kritik der revolutionären Ungeduld, Basel 1971 (edition etcetera)
  • Jean Pauls Revolutionsdichtung, Hamburg 1974 (Rowohlt)
  • Kommunismus ohne Wachstum? Hamburg 1975 (Rowohlt)
  • Der Club of Rome wird ernst genommen, Technologie und Politik 2, Hamburg 1975 (Rowohlt)

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juli
1979
, Seite 17
Autor/inn/en:

Hanswerner Mackwitz:

Geboren 1945 in Minden, gestorben 2010 in Wien. Chemiker und Umweltaktivist, veröffentlichte Bücher, Reportagen und Fachartikel und produzierte Fernsehdokumentationen sowie Theaterstücke. Er war in den 1980er Jahren Berater der Grünen im deutschen Bundestag und politischer Berater der Grünen im Parlament in Österreich.

Wolfgang Harich:

Geboren 1923 in Königsberg i.Pr., gestorben 1995 in Berlin, war Philosoph und Journalist. Er war einer der bedeutendsten, aber auch widersprüchlichsten marxistischen Intellektuellen der DDR.

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