FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1973 » No. 234
Wilhelm Burian

Der Stalinismus ist tot

Zum Buch von Roy Medwedew

Stalinismus — das ist heute noch Schimpfwort, Mythos und gebrochene Moral. Für die Sozialdemokraten gilt Stalin als Paradigma des Kommunismus, als Versatzstück des vulgären Antikommunismus und Gegenstück des „demokratischen Sozialismus“ à la Kreisky oder Brandt. Die junge kommunistische Bewegung, aus der antiautoritären Jugendbewegung gewachsen, die nur scheinbar mit dem Erbe der alten Linken gebrochen hat, greift die alten Themen auf. Die junge Linke sucht Trost bei den Mythen, einem Pantheon von Heiligen: Lenin, Trotzki, Stalin ... Die gedankenlose Wiederholung der Polemik zwischen Trotzki und Stalin flammt wieder auf. Nicht das Denken Lenins und Trotzkis wird rekonstruiert, sondern Phrasen und abgelegte Polemiken werden aufgeboten und als Widersprüche vorgesetzt. In diesem Prozeß der Mystifikation, hervorgerufen durch die Krise der kommunistischen Bewegung, kann es geschehen, daß sogar Stalin einen Ruf als Theoretiker und Revolutionär erringt, obwohl gerade unter Stalin die revolutionäre marxistische Theorie als Werkzeug der bewußten Umgestaltung der gesellschaftlichen Wirklichkeit preisgegeben wurde und zu einem Dogma erstarrte. Anderseits ist es notwendig, die historischen Konflikte zu begreifen, aber nicht als Rechtfertigung oder Bestätigung, sondern als Erklärung für das Gegenwärtige, nicht als Ideologie, sondern als Teil einer Analyse: als Überprüfung der eigenen theoretischen Grundlagen.

Auch für eine weitere Gruppe ist der Stalinismus unbegriffen, Rest einer unbewältigten Vergangenheit: für jene, die sich von der kommunistischen Bewegung abgewendet, reformistische Splittergruppen gebildet haben oder überhaupt ins bürgerliche Lager übergelaufen sind, für sie kann Stalin nur als Problem innerhalb des Humanismus oder als Frage der Moral, der Standhaftigkeit diskutiert werden.

Diese Haltung verzichtet auf theoretische und politisch-praktische Analyse des Stalinismus und zieht sich auf eine Position zurück, die entschiedene Ablehnung oder blanke Zustimmung abfordert — der Typus einer existentiellen Entscheidung. Unbefragt bleibt der historische Zusammenhang, ob revolutionäre Gewalt gerechtfertigt, der Terror als Durchsetzung einer rationalen gesellschaftlichen Entwicklung erlaubt ist.

Schon Merleau-Ponty hat in „Humanismus und Terror“ (1947) versucht, das Problem revolutionärer Gewalt als ein politisches Phänomen zu reflektieren: indem der Kommunismus revolutionäre Gewalt übt, unternimmt er den Versuch, zwischen den Menschen menschliche Beziehungen herzustellen. Es bleibt die Frage, welche Maßstäbe anzuwenden sind, zuletzt: ob wir uns dem Urteil der Geschichte zu unterwerfen haben, im Sinne der existenzialistischen Entscheidung Merleau-Pontys: „Denn es ist sicher, daß der Terror weder für Bucharin noch für Trotzki, noch für Stalin einen Wert an sich darstellt. Jeder von ihnen beabsichtigt, durch ihn hindurch die wirkliche, noch nicht begonnene Geschichte der Menschheit zu realisieren, und darin liegt ihrer Meinung nach die Rechtfertigung der revolutionären Gewalt. Anders ausgedrückt: alle drei erkennen als Marxisten das Faktum der Kontingenz und des Terrors an, sind aber, ebenfalls als Marxisten, der Meinung, daß diese Gewalt einen Sinn habe, daß es möglich sei, sie zu verstehen, aus ihr eine rationale Entwicklung abzulesen, eine menschliche Zukunft zu ziehen.“

Diese plumpe Gleichsetzung entstellt nicht nur die historische Realität, sie läuft auf eine Apologie des Stalinismus hinaus.

1 Anfänge

Genosse Stalin hat dadurch, daß er Generalsekretär geworden ist, eine unermeßliche Macht in seinen Händen konzentriert, und ich bin nicht überzeugt, daß er es immer verstehen wird, von dieser Macht vorsichtig genug Gebrauch zu machen ... Stalin ist zu grob, und dieser Fehler, der in unserer Mitte und im Verkehr zwischen uns Kommunisten erträglich ist, kann in der Funktion des Generalsekretärs nicht geduldet werden. Deshalb schlage ich den Genossen vor, sich zu überlegen, wie man Stalin ablösen könnte ...

(W. I. Lenin, Brief an den Parteitag, „Testament“, Dez. 1922-Jänner 1923)

Der vollständige Text des „Testaments“ wurde 1956 in der SU veröffentlicht, Auszüge wurden mit Trotzkis Hilfe 1926 publiziert. Fraglich ist, ob eine Intervention Lenins die sozialen Voraussetzungen des Stalinismus [1] getroffen, sein Ansehen die gesellschaftliche Entwicklung hätte hindern können. Dieser Widerspruch zieht sich durch die ganze Literatur über Stalin und den „Personenkult“: ein Schwanken zwischen mehr oder minder verhülltem Objektivismus — die Metapher von der „historischen Notwendigkeit“ — und einer psychologisch-individualistischen Deutung. Die Dialektik von objektiven und subjektiven Faktoren, die Dialektik von historischer Gegebenheit und historischer Möglichkeit entgleitet den meisten Biographen und endet in der bürgerlichen Geschichtsschreibung der „großen Männer“ der Weltgeschichte. Unter dieser Spannung steht auch Roy A. Medwedews Arbeit „Geschichte und Folgen des Stalinismus.“

Der erste Eindruck des Buches ist eine Unsicherheit des Autors: Schwäche und Verschwommenheit des theoretischen Aufbaues, Unsicherheit in der Bewertung von Ereignissen und historischen Begebenheiten. Es ist das Schwanken eines Beteiligten, der den Hergang einer bestimmten Phase der gesellschaftlichen Entwicklung erst begreifen lernt. Um es vorwegzunehmen, Medwedew besitzt weder in der Theorie, im Inhalt noch im Stil die Autorität der Arbeiten von Isaac Deutscher über Stalin oder die geschliffene Polemik von Trotzkis Stalinbiographie, erst recht fehlt ihm die Souveränität in der Behandlung des Materials, die man bei V. Serge, Portrait de Staline, findet, oder bei B. Souvarine, Staline — Aperçu historique du bolchevisme. Das Besondere der Arbeit Medwedews liegt allein darin, daß der Autor sich auf sowjetische Unterlagen stützen muß, die Werke von Bucharin, Sinowjew, Radek, Trotzki usw. waren ihm offensichtlich nicht oder nur teilweise zugänglich, vereinzelt bringt er neues Material, das uns mehr die kritische Argumentation sowjetischer Historiker als neue Fakten näherbringt.

Entscheidender Mangel der Medwedewschen Darstellung ist die ausgewogene Beschreibung der innerparteilichen Auseinandersetzungen. Er geht nur formal mit der Leninschen Darstellung konform: die quantitative und qualitative Schwäche des Proletariats in Rußland, die Gefahr einer Bürokratisierung auf der Basis des alten Staatsapparates, die Notwendigkeit, zwischen Arbeitern und Bauern das Einvernehmen herzustellen, um die Stabilität der Partei und des Zentralkomitees zu gewährleisten. Mit dem Übergang vom „Kriegskommunismus“ zur „Neuen ökonomischen Politik“ entschloß sich die Partei zu einem „gemischten“ Wirtschaftssystem, mittlere und kleine Privatunternehmen wurden wieder zugelassen, für die Bauern die Naturalsteuer eingeführt, die Geldwirtschaft und ein freier Markt restauriert. Der sozialistische Sektor der Wirtschaft sollte den privaten überragen, der Staat den Kapitalismus kontrollieren; die Banken blieben in den Händen des Staates, ebenso wie das Außenhandelsmonopol. Mit dem Übergang zur NEP verschwand auch die Hoffnung auf einen unmittelbaren Sieg der Weltrevolution. Die Entwicklung des Sozialismus war für eine historische Spanne auf ein Land konzentriert. Diese unerwünschte Isolierung begleitete die sozioökonomische Entwicklung: Druck der kapitalistischen Vergangenheit, numerische Schwäche des Proletariats, Mangel an technischen Fähigkeiten usw. Diese Einschätzung veranlaßte Lenin, schon 1920 zu sagen:

Wir haben in Wirklichkeit nicht einen Arbeiterstaat, sondern einen Arbeiter- und Bauernstaat ... unser Staat (ist) ein Arbeiterstaat mit bürokratischen Auswüchsen ... Unser heutiger Staat ist derart beschaffen, daß das in seiner Gesamtheit organisierte Proletariat sich schützen muß, wir aber müssen diese Arbeiterorganisationen zum Schutz der Arbeiter gegenüber ihrem Staat und zum Schutz unseres Staates durch die Arbeiter ausnutzen.

Die Gefahr der Bürokratisierung war bereits durch die spezifische Situation in der Sowjetunion gegeben, das erlaubt aber nicht, einfach von einer „bürokratischen Reaktion“ unter der Führung Stalins zu sprechen, wie das im Rückblick Trotzkis geradezu zur einzigen Erklärung wird. „Die Dialektik der Geschichte hat sich seiner (Stalin) schon bemächtigt und wird ihn noch höher tragen. Alle brauchen ihn: die müde gewordenen Revolutionäre, die Bürokraten, die Nepleute, die Kulaken, die Emporkömmlinge, die Bedientenseelen, alle diese Würmer, die über den von der Revolution umgepflügten Boden kriechen ... Der Kampf, der geführt wird, um die Massen zu befreien, verlangt andere Eigenschaften. Dafür aber, Männer für privilegierte Posten auszusuchen, sie im Kastengeist aneinander zu schweißen, die Massen zu schwächen und zu unterjochen, dafür waren Stalins Eigenschaften unschätzbar, und sie machten ihn zum Führer der bürokratischen Reaktion“ (Trotzki in seinem Stalin-Buch). Stalins Weg zur politischen Macht ist nicht auf Trotzkis Formel „vom Obskurantismus zum Triumvirat“ zu bringen. Stalin hatte bereits durch den Posten des Generalsekretärs der Bolschewiki die Organisation unter weitgehender Kontrolle. „Bereits zwei Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs stand die russische Gesellschaft weitgehend unter Stalins Herrschaft, ohne daß sie auch nur den Namen ihres Herrschers kannte“ (Deutscher, Stalin).

Mit dem Tode Lenins steigert sich bei Medwedew die Verwirrung. Er schreibt: „Als Lenin aus der Parteiführung ausgeschieden war, meldete sich als erster Leo Trotzki mit ... dem kaum verhüllten Ehrgeiz, die Partei zu führen“ (48). Das ist falsch — Trotzki stand seit 1923 unter vehementen Angriffen des Triumvirats, vor allem Kamenew und Sinowjew (vgl. Trotzkis Polemiken in „Der neue Kurs“ und „Die Lehren des Oktober“). 1925 wurde er vom Posten des Kriegskommissars abberufen. Nichts kann die Unentschlossenheit Trotzkis besser kennzeichnen als die Verlesung des Leninschen Testaments im Zentralkomitee: „Stalin schien vernichtet ... Aller Augen richteten sich nun auf Trotzki ... Er sagte kein Wort ... Er brachte es nicht fertig, sich zu einer Sache zu äußern, bei der es so offensichtlich um seine eigenen Belange ging“ (Deutscher, Trotzki).

Medwedew kennt auch die Literatur aus der Zeit der Fraktionskämpfe nicht, sonst könnte er nicht behaupten: „in seinem Buch ‚Die Lehren des Oktober‘ übertreibt Trotzkij den Wert seiner Dienste an der Revolution und verzerrt damit die Position und Rolle Lenins“ (51).

Medwedew gibt gerade die entscheidende Phase vom Tod Lenins bis zum Beginn der Massenkollektivierung entstellt wieder und führt zu falschen Folgerungen. Das Resümee des Kapitels „Stalins Kampagne gegen die Opposition“ lautet: „Nachdem die letzte Oppositionsgruppe kapituliert hatte, ging es mit der Partei bergab ... Einen guten Teil der Verantwortung dafür trägt auch die Opposition ... daß die Opposition von Leuten wie Trotzkij, Sinowjew und Bucharin geführt wurde, die keine brauchbare Alternative zur Führung Stalins anzubieten hatten“ (86).

2 Kollektivierung

Sicheren Boden erreicht Medwedew wieder mit der Schilderung der Kollektivierung und Industrialisierung, eine Übersicht über die theoretischen Kontroversen und deren Auswirkungen auf den wirtschaftlichen Aufbau fehlt jedoch. Die Linksopposition hatte schon vor 1927 in ihrem Programm die allmähliche Kollektivierung der Bauernschaft und die Schaffung einer eigenen Industrie propagiert. Mit dem Sieg über die Linksopposition übernimmt Stalin auch wesentliche Teile ihrer Vorschläge. Die Linken hatten fortschreitende Industrialisierung und Steigerung der Konsumgüterproduktion gefordert, um das Interesse der Bauern am Absatz zu erhöhen. Gleichzeitig waren sie für progressive Besteuerung der Kulaken und der reichen Bauern, für die Unterstützung der armen und mittleren Bauern, die sie für die Kollektivierung zu gewinnen hofften. Erst drohende Hungersnot veranlaßte Stalin 1929 die Kollektivierung einzuleiten. „Stalins schlechte Führung war einer der Gründe, derenthalben die wirtschaftliche Entwicklung Ende der zwanziger, Anfang der dreißiger Jahre sehr viel kostspieliger war, als sie bei vernünftiger Planung und Leitung hätte sein müssen. Vergleicht man die ungeheuren Mühen und Opfer der Beteiligten mit den Ergebnissen, so kommt man nicht an dem Resultat vorbei: Ohne Stalin wäre der Erfolg sicher größer gewesen“ (126). Typisch für das Verhalten Stalins war, daß er die Fehler allen anderen anlastet, und das gilt nicht nur für die Etappe der Kollektivierung. Medwedew bringt den Brief eines Arbelters an Stalin (105):

Genosse Stalin!

Ich, ein einfacher Arbeiter und Leser der Prawda, habe in jüngster Zeit aufmerksam die Zeitungen gelesen. Kann man denen einen Vorwurf machen, die wohl oder übel den Lärm um die Kollektivierung und um die Führung in den Kollektivwirtschaften anhören mußten? Wir alle, einfache Parteimitglieder und auch die Presse, haben in der wichtigen Frage, wer in den Kollektivwirtschaften die Führung haben soll, lauter Unsinn gemacht, während Genosse Stalin unterdessen, wie es scheint, schlief wie ein Gott, nichts hörte und die Augen vor unseren Fehlern schloß. Auch Sie müssen getadelt werden. Aber der Genosse Stalin gibt nun alle Schuld den örtlichen Behörden, er und die oberste Führung sind es nicht gewesen.

Istoritscheskij archiv [Historisches Archiv], 1962, Nr. 2, S. 197.

3 Terror und „Personenkult“

Der Stalinismus wurde von der bürgerlichen Theorie als einzige Form des Sozialismus vorgestellt. Im Totalitarismusvorwurf meint die Bourgeoisie: Einparteienherrschaft, Terror, Rechtsunsicherheit, Personenkult. Mit dieser Verdrehung ist sehr lange überhaupt jede Variante des Sozialismus bedacht worden.

Medwedew beschreibt systematisch den allmählichen Aufbau des Terrors, den Beginn der Prozesse mit der Schachty-Affäre 1930, sehr detailliert beschäftigt er sich mit der Ermordung Kirows, bis zu den Moskauer Prozessen 1936-1938. „Im Laufe dieser Prozesse erschienen auf der Anklagebank alle die Männer, die einst das Politbüro Lenins gebildet hatten, mit Ausnahme von Stalin selber und von Trotzki. Der letztere war der Hauptangeklagte“ (Deutscher). Ein Beispiel für den Ablauf der Verhandlungen gibt das Verhör und die Verteidigung Bucharins, deutlich ist die ganze Irrationalität der Anklage erkennbar:

„Wyschinsky: Angeklagter Bucharin, waren Sie bei Chodshajew in seinem Landhaus?

Bucharin: Ja.

Wyschinsky: Führten Sie ein Gespräch?

Bucharin: Ich führte auch ein Gespräch, und der Kopf saß mir die ganze Zeit auf den Schultern, aber daraus folgt nicht, daß ich ein Gespräch darüber geführt habe, worüber jetzt Chodshajew sprach ...

Wyschinsky: Ich frage nicht über ein Gespräch schlechthin, sondern über dieses Gespräch.

Bucharin: In der Logik Hegels wird das Wort „dieses“ als das schwierigste angesehen ...

Wyschinsky: Ich bitte das Gericht, den Angeklagten Bucharin darüber aufzuklären, daß er hier nicht als Philosoph, sondern als Verbrecher steht, und was die Hegelsche Philosophie anbelangt, so wäre es für ihn nützlich, sich zu enthalten, über sie zu sprechen.

Bucharin: Vielleicht ein Philosoph-Verbrecher ...

Wyschinsky: Und Sie hielten sich für einen Ideologen? Auch Lenin scheint ihn für einen Ideologen gehalten zu haben, sogar den besten jungen Theoretiker der Partei! (Hier bezieht sich Wyschinsky, wie man sieht, auf das heute völlig verleugnete Testament Lenins, in dem Bucharin als der beste junge Theoretiker der Partei bezeichnet wurde.) Bucharin: ... Sie würden es natürlich vorziehen, wenn ich sagen würde, daß ich mich als Spion betrachte, aber ich betrachte mich nicht und betrachte mich auch nicht als solchen.“

Im Schlußwort verneint Bucharin ausdrücklich jede Spionagetätigkeit und widerlegt die gesamte Anklage des Staatsanwaltes.

„Bucharin: Der Bürger Staatsanwalt hat in seiner Anklagerede auseinandergesetzt, daß die Mitglieder einer Räuberbande an verschiedenen Stellen rauben können und doch einer für den anderen verantwortlich ist. Das letztere ist gerecht, aber die Mitglieder einer Räuberbande müssen einander kennen, um eine Bande zu sein und miteinander in mehr oder minder enger Verbindung zu stehen. Aber ich sah zum erstenmal in der Anklageschrift Scharangowitsch, und ihn selbst sah ich zum erstenmal vor Gericht. Zum erstenmal erfuhr ich von der Existenz Maximows. Niemals war ich mit Pljetnow bekannt, niemals war ich mit Kasakow bekannt, niemals sprach ich mit Rakowsky über konterrevolutionäre Angelegenheiten, niemals sprach ich über diesen Gegenstand mit Rosengolz, niemals sprach ich darüber mit Selenski, niemals im Leben sprach ich mit Bolanow usw. Übrigens hat auch der Staatsanwalt mich nicht mit einem Wort über diese Personen befragt.

Der Block der Rechten und Trotzkisten ist vor allem ein Block Rechter und Trotzkisten. Wie kann dazu überhaupt (der Arzt) Lewin gehören, der hier vor Gericht ausgesagt hat, daß er auch jetzt noch nicht weiß, was Menschewiki sind? ...

Zweitens: Der Block der Rechten und Trotzkisten, der wirklich bestand und von den Organen des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten zertrümmert wurde, hat sich historisch herausgebildet ... Er entstand historisch. Ich hatte ausgesagt, daß ich erst im Jahre 1928, während des VI. Kongresses der Komintern, die ich damals leitete, zum erstenmal mit Kamenew gesprochen habe. Wie kann man behaupten, daß der Block im Auftrage des faschistischen Spionagedienstes organisiert wurde? Und das eben im Jahre 1928? Übrigens wurde ich damals beinahe von einem Agenten der polnischen Defensive getötet, was allen, die der Parteiführung nahestanden, ausgezeichnet bekannt ist.

Drittens bestreite ich kategorisch, daß ich mit ausländischen Spionagediensten verbunden war ...“

Die Folgen der großen „Säuberungen“ waren katastrophal. Es wurden nicht nur die Parteikader und führende Persönlichkeiten beseitigt (Bucharin, Sinowjew, Kamenjew, Smirnow, Radek, Pjatakow usw.), die Rote Armee verlor ein Viertel ihres Offiziersbestandes, entscheidende wissenschaftlich-technische Institutionen wurden „gesäubert“, unrühmlich bekannt ist T.D. Lysenko, der einen Verleumdungsfeldzug gegen führende Biologen und Agrarwissenschaftler unternahm (253). Besonders die Verhaftungen und Morde in der Roten Armee hatten beträchtliche Auswirkungen auf den Verlauf des Zweiten Weltkrieges. „Die erschreckende Wahrheit kann schlicht so ausgedrückt werden: Keine Armee hat im Krieg so viele Offiziere verloren wie die Rote Armee in dieser Periode des Friedens ... Die Vernichtung der besten Offiziere der Roten Armee erfüllte die Deutschen mit Siegeszuversicht. Sie war ein Hauptfaktor in Hitlers Angriffsplänen gegen die UdSSR“ (238).

Die Ratio der Massenvernichtung, die schwindelerregenden Geständnisse der Gefolterten und Gepeinigten, die lähmende Unsicherheit, die sich über die Sowjetunion breitete, liegt in der Ausschaltung der Opposition: damit war die Führung Stalins die einzig denkbare geworden. Alle jene wurden ausgeschaltet oder vernichtet, die an die Vergangenheit und die Prinzipien des Sozialismus erinnerten. Die Grausamkeit der Abrechnung verrät den Haß der „neuen Herrscher“ gegen die Revolutionäre, die Brutalität Stalins und seiner bürokratischen Handlanger verliert in manchen Phasen jeden Sinn, der Sowjetstaat scheint im Chaos unterzugehen.

4 Welche Voraussetzungen?

Der zweite Teil von „Die Wahrheit ist unsere Stärke“ beschäftigt sich mit den Voraussetzungen der Politik Stalins, den objektiven Bedingungen der Massenrepression. Das Problem „War Stalin verantwortlich“ (Kap. IX) wird von Medwedew mit Akribie gehandhabt, in Wahrheit kann es aber nicht zu einer Klärung beitragen. Auch die Annahme, es handle sich um eine Geistesstörung, verschiebt nur die Fragestellung. Eine Klärung des Zusammenhanges kann auf dieser Ebene nicht erfolgen. Welche Ursachen lassen sich finden, die außerhalb der Person Stalins liegen? Medwedew selbst bietet zahlreiche Hinweise.

Es muß hervorgehoben werden, daß hervorragende Menschen zwar bestimmte Züge einer Epoche, bestimmte Ereignisse und ihre Konsequenzen beeinflussen, die Tendenz einer historischen Epoche kann von ihrem Willen nicht umgestaltet werden, sie ist den gesetzmäßigen Abläufen der gesellschaftlichen Entwicklung unterworfen. Die Massenverfolgungen der dreißiger Jahre, der ökonomische und soziale Druck, waren nur möglich, weil sie die stillschweigende Zustimmung der Massen fanden. „Zu den scheußlichsten Aspekten der Repression der dreißiger Jahre gehört, daß sich die Massen daran beteiligten, weil sie der Partei und Stalin vertrauten. Und im Mai 1937 verabschiedete die Moskauer Parteikonferenz folgende Resolution: ‚Jeder Blutstropfen, den die Feinde der UdSSR vergießen, soll mit Eimern von Blut der Spione und Diversanten abgewaschen werden.‘ Alle Zeitungen im Gebiet Moskau druckten diese Resolution ab und verlangten Massenerschießungen als Vorbild. Solche Appelle hatten dann auch massive Resultate“ (388).

Marx hat einmal geschrieben: „Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient.“ Das trifft erst recht auf die Sowjetunion zu, darf aber nicht mit „historischem Schicksal“ gleichgesetzt werden. „Die Stalinsche Diktatur hat sich wie ein Parasit von den Mängeln der Massen des revolutionären Rußland genährt. Stalin nutzte geschickt die revolutionäre Leidenschaft der Massen, ihren Haß auf die Feinde der Revolution, ihr niedriges kulturelles Niveau“ (475). Die unterentwickelte Industrie, das Übergewicht der bäuerlichen Ideologie sind Faktoren, welche die Degeneration des Marxismus verstehen helfen: „Die ökonomische Macht, die der proletarische Staat Rußland in Händen hat, genügt vollauf, um den Übergang zum Kommunismus zu sichern. Woran also mangelt es? Es liegt klar auf der Hand, woran es mangelt: Es mangelt der Schicht von Kommunisten, die leitende Funktionen in der Verwaltung ausüben, an Kultur“ (Lenin).

Zu den wesentlichen Merkmalen der Medwedewschen Arbeit zählt nicht nur Reichtum an Fakten, seltenen Dokumenten und Biographien, die eine hinlängliche Deutung der Revision des Sozialismus unter Stalin erlauben. Ich habe schon anfangs auf die Unsicherheit Medwedews hingewiesen, vor allem in der Beurteilung der Fraktionskämpfe in den zwanziger Jahren und der Machtergreifung Stalins. Dieses Schwanken des Autors hat tiefere Gründe, offensichtlich genügt ihm die Fülle des Materials zur Interpretation des Stalinismus nicht, daher setzt er die „theoretische“ Kategorie Zufall ein. Zufall ist keine Kategorie des Marxismus: Die Geschichte macht sich so, „daß das Endresultat stets aus den Konflikten vieler Einzelwillen hervorgeht, wovon jeder wieder durch eine Menge besonderer Lebensbedingungen zu dem gemacht wird, was er ist; es sind also unzählige einander durchkreuzende Kräfte, eine unendliche Gruppe von Kräfteparallelogrammen, daraus eine Resultante — das geschichtliche Ergebnis“ (Engels an Bloch, 21. September 1890). „Zufall“ gibt es nur soweit, als sich Geschichte über den Willen eines einzigen hinwegsetzt, im Kapitalismus verläuft Geschichte nach Art eines Naturprozesses. Erst die Machtübernahme des Proletarlats erlaubt es, Geschichte bewußt zu gestalten. Die geschichtsphilosophische Fragestellung kann hier nicht erschöpfend erörtert werden, es soll nur der Antagonismus zwischen historischem Materialismus und der „Theorie“ Medwedews veranschaulicht werden. „Ich gehe aus von der Annahme, daß in fast allen politischen Systemen und fast allen politischen Ausgangslagen mehrere Entwicklungsmöglichkeiten stecken. Daß eine davon sich durchsetzt, hängt nicht nur von objektiven Gegebenheiten und Voraussetzungen ab, sondern auch von solchen subjektiver Art, und davon wieder sind einige zufälliger Natur“ (398). Diese allgemeine Feststellung bekommt noch eine Zuspitzung, Medwedew glaubt an eine Laune der Geschichte. „Es war ein historischer Zufall, daß Stalin, der die schlimmsten Züge der russischen revolutionären Bewegung verkörperte, an der Spitze auf Lenin folgte, der alles verkörperte, was gut daran war“ (400).

5 Welche Lehren?

Der Stalinismus hat seine Wurzeln in den objektiven Bedingungen der besonderen Entwicklung Rußlands, insgesamt gesehen war er keine „historische Notwendigkeit“, die Massenunterdrückung hat den sozialistischen Aufbau behindert und zurückgeworfen. Das ist das Ergebnis von Medwedews „Die Wahrheit ist unsere Stärke“.

Der Stalinismus hat einige Elemente des Leninismus bewahrt, verschiedene andere beiseite geschoben. Der Stalinismus war gewiß nicht die konsequente Fortsetzung der Politik Lenins.

Der Stalinismus ist eine Revision des Kommunismus, allerdings nicht in dem Sinn, wie der Begriff Revisionismus auf Eduard Bernstein angewandt wurde. Die „Theorie“ Stalins beruht nicht auf Abstraktion, sie war bloß die Rechtfertigung seiner Herrschaft. Medwedew bemerkt dazu treffend: „Will man überhaupt von einer Stalinschen Phase der Theorie sprechen, so kann es nur eine des vorübergehenden Absinkens und der Stagnation sein ...“ (578).

Nachdem es in Rußland zur Errichtung des Sowjetstaates gekommen war, dachten die Bolschewiki, daß sie die Avantgarde der Arbeiterklasse der Welt seien und die Arbeiterschaft des Westens ihrem Beispiel unmittelbar folgen würde. Die sozialistische Umwälzung im Westen ist jedoch ausgeblieben, der Sozialismus war gezwungen, in Rußland selbst eine industrielle Basis zu bilden. Lenin hat die Gefahr der Isolierung begriffen und wußte um die Schwächen der bolschewistischen Partei, er wußte, daß unter ungünstigen historischen Bedingungen der Bolschewismus seine revolutionäre Kraft einbüßen konnte. Lenin erklärte noch am XI. Parteitag im März 1922:

Es kommt vor, daß ein Volk ein anderes Volk besiegt ..., das ist sehr einfach und allen verständlich. Aber was geschieht mit der Kultur der Völker? Das ist nicht so einfach. Ist das Siegervolk dem besiegten kulturell überlegen, so zwingt es Ihm seine Kultur auf, ist es aber umgekehrt, so pflegt der Besiegte dem Sieger seine Kultur aufzuzwingen. Ist nicht etwas Ähnliches in der Hauptstadt der UdSSR geschehen und ergab es sich nicht dort, daß 4700 Kommunisten (fast eine ganze Division und die allerbesten von allen) der fremden Kultur unterlagen.

I. Deutscher hat diese Analogie Lenins noch weiter getrieben und kommt zum Schluß, daß der Sieg des Stalinismus ein Sieg über den „westlichen“ Marxismus war, die Anpassung an das bäuerliche, unterentwickelte Rußland, das gegen den übermächtigen kapitalistischen Westen kämpfen mußte. Diese Angleichung an Rußland begann schon in den zwanziger Jahren. Ein Moment dieses Widerspruchs sehen wir schon in Lenins Kampf zwischen proletarischer Demokratie und bürokratischer Autokratie. Er selbst führte die Partei kraft seines Intellekts und seiner Moral nicht wie Stalin, der Partei und Staat durch den Apparat unterdrückte.

Anpassung an das „halbbarbarische“ Rußland gab es auf allen Gebieten: in der Führung der Regierung, im Herangehen an die Probleme der Erziehung, in der Außenpolitik in Gestalt einer neuen Ära des russischen Nationalismus, im Absinken des politischen Bewußtseins der Massen usw. Auch die Industrialisierung und die Massenkollektivierung, unzweifelhaft positive Errungenschaften des Sozialismus, wurden mit Methoden betrieben, die nur in despotischen Gesellschaften zu finden sind.

Erleichtert wurde diese Entwicklung durch mehrere Umstände. Nach der Februarrevolution 1917 zählte die bolschewistische Organisation im ganzen 40.000 Mitglieder. Das waren jene Kader, die dem Zarismus standgehalten hatten, das war der zuverlässigste Teil der Avantgarde. Schon im Juli 1917 zählte die Partei an die 250.000 Mitglieder, das war jener Teil der Massen, der durch den revolutionären Aufschwung nach links getrieben wurde. Nach der Oktoberrevolution schlossen sich der Partei Hunderttausende an, sie wurden zu Recht als die „Oktobergefallenen“ bezeichnet. Unter Lenins Führung wurde ein Teil dieser Karrieristen, die in die neue „Staatspartei“ eingetreten waren, wieder ausgeschlossen. Von 1921 (732.000 Mitglieder) sank der Mitgliederstand 1923 auf 386.000. Nach Lenins Tod steigerte sich die Zahl durch das „Leninaufgebot“ auf 735.000 im Mai 1924. Gerade diese neuen Mitglieder verkörperten nicht die bolschewistische Vergangenheit, das revolutionäre Bewußtsein, sondern die allgemeine Lage der UdSSR. Das war: ideologischer Druck von außen, die Schwierigkeiten in der Wirtschaft, die Enttäuschung um die Fehlschläge des sozialistischen Aufbaus. Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielte die um sich greifende politische Gleichgültigkeit, die Apathie, welche das russische Volk nach den Entbehrungen der letzten Jahre ergriffen hatte. Das war die Situation für die Usurpation der Macht durch Stalin.

Mit dem Tod Stalins hat auch der Stalinismus seine historische Funktion aufgegeben. [2] Die stalinistische Regierungsform konnte nicht mehr fortgesetzt werden. Sie entsprach der Phase der Verzweiflung und Apathie der Massen, paßte aber nicht mehr einer gewaltigen Industriemacht. Die Erben Stalins sahen sich unmittelbar neuen Forderungen gegenüber — nach Hebung des Lebensstandards der Massen, Beseitigung des Polizeiterrors und nach kulturellen Freiheiten. Die neue herrschende Schicht und die Bürokratie waren gezwungen, den dringendsten Bedürfnissen des Volkes nachzugeben. Die „Reformen“ (Dezentralisierung der Wirtschaftsleitung, Beseitigung der Ablieferungspflicht für Nahrungsgüter, Rechtsreform u.a.) stellten in Wirklichkeit die Rückzugslinie der Bürokratie dar. Die Unzufriedenheit der Arbeiterklasse — im Unterschied zu 1917 die stärkste Klasse der UdSSR — fand keinen spezifischen politischen Ausdruck. Alle Bemühungen endeten in der Opposition gegenüber dem Stalinismus. Als dieser schließlich beseitigt war, mußte die Arbeiterklasse erst wieder zu einem Bewußtsein über sich selbst kommen. Dieser Prozeß ist noch nicht abgeschlossen, er spiegelt sich sowohl in vereinzelten Streiks sowjetischer Arbeiter wider, als auch in demokratischen Kämpfen der Intellektuellen, nicht zuletzt im Versuch der herrschenden Schicht und der Bürokratie, durch die Restauration der kapitalistischen Ökonomie, die Errungenschaften der Oktoberrevolution endgültig zu beseitigen.

Roy A. Medwedew: „Die Wahrheit ist unsere Stärke. Geschichte und Folgen des Stalinismus“, S. Fischer Verlag, Frankfurt 1973, 636 Seiten, öS 328,—.

Literaturhinweise

  • Goehrke/Hellmann/Lorenz/Scheibert, Rußland, Fischer Weltgeschichte, Band 31. Frankfurt 1972.
  • W. I. Lenin, Ausgewählte Werke, Berlin 1970.
  • W. I. Lenin, Für und wider die Bürokratie, Rowohlt Taschenbuch, 1971.
  • A. Rosenberg, Geschichte des Bolschewismus, Frankfurt 1967 (Berlin 1932).
  • I. Deutscher, Stalin. Die Geschichte des modernen Rußlands, Stuttgart 1951.
  • l. Deutscher, Russia After Stalin, London 1969 (London 1953).
  • I. Deutscher, Die unvollendete Revolution, Frankfurt 1967.
  • B. Souvarine, Staline, Paris 1935.
  • L. Trotzki, Stalin (2 Bände), Rowohlt Taschenbücher, 1971.
  • V. Serge, Die große Ernüchterung, Hamburg 1950.

[1Unter Stalinismus verstehen wir nicht wie die bürgerliche Totalitarismustheorie Einparteienherrschaft, Personenkult u.ä., sondern ein sozioökonomisches System, das sich unter den spezifischen Bedingungen des Aufbaus des Sozialismus mit Industrialisierung und Massenkollektivierung herausgebildet hat.

[2Alle Versuche Medwedews, die chinesische Kulturrevolution und Mao Tse-tung als „neuen Stalinismus“ zu brandmarken, gehen völlig in die Leere, sie scheinen auf Unkenntnis der wirklichen Vorgänge zu beruhen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1973
, Seite 26
Autor/inn/en:

Wilhelm Burian: Medizinstudent und Mitglied des Zentralrates des Verbandes Sozialistischer Studenten Österreichs.

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