Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1995 » No. 495
Elisabeth Kmölniger (Bilder) • Gerhard Oberschlick

Der Hai der wäre ungeboren

Evelyn, Gert & Mary haben mich nach der 3-jährigen Erscheinungspause aufgestöbert und pochen auf die veraltete Vereinbarung, wonach ich gegebenenfalls ein Exil-FORVM herausgeben muss, das sie gestalten. Ich gebe also heraus und gestehe, noch zu leben: an dem prekären Ort, wo eine bewegende, bewegliche & bewegte Gegenwart das historische Kontinuum aus der allezeit strittigen Vergangenheit und einer ungewissen Zukunft in der Breite des Bewusstseins scheinbar durchschneidet — diese Scheinbarkeit unserer Situation ist evident und vermag uns doch nicht zu entheben. Also Rechenschaft.

Der wider mich erhobene Vorwurf, dass Haider weiterlebt trotz der Gelegenheit zum Fangschuss, trifft mich zu Recht; ich möchte diesen Fehler rückblickend wieder begehen. Macht es den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs vielleicht jemand zum Vorwurf, dass sie die Atombomben verschwendet hätten? Hiroshima & Nagasaki ausradiert, statt den Ursprungsherd des Nazidumms auszubrennen? Dass sie die Nazi nicht behandelt haben nach deren eigenem Mass: die halbe Million PGs in Österreich nicht an die Wand gestellt, gemäss dem Kommissar-Befehl der Deutschen Wehrmacht? Der Hai der wäre nie geboren, denn tote Nazi zeugen nicht.

Es gibt Unterlassungen, deren Nicht-Unterlassung ebenso grauenhaft gewesen wäre wie ihre Folgen, die vorher ja auch nie so sicher zu erkennen sind.

Wenn mir jetzt vorgehalten wird, dass ich vor meiner Verantwortung damals zurückgeschreckt bin, weil auch meine Eltern Mitglieder der N.S.D.A.P. gewesen waren, so gebe ich zu, dass ich trotzdem noch immer an ihnen hänge und nicht gerne als Waisenknabe hätte aufwachsen wollen. Andere Nazi und ihre Brut sind nicht so dankbar, dass die Alliierten Gnade vor Talionsrecht ergehen liessen; sie redeten bald von »Siegerjustiz«, wo gerade eben eine Handvoll besonderer Kriegsverbrecher verurteilt und hingerichtet worden waren. Ich bin aber gegen Todesstrafen, auch gegen die.

Bevor ich (wo mich die Freundinnen fanden, fühle ich mich ebendeshalb nicht länger sicher) versuche, mich mit dem Anders-Archiv anderswo neu zu verstecken, etwas zur Zukunft:

Weiterhin wird die UNO kaum protestieren; der ideelle Weltgendarm seine Augen fest geschlossen halten; Europa uns Kriminalisierte weiterhin ausliefern, statt Asyl zu bieten. Nicht nur in Österreich werden die Menschenrechte bloss zu deklamatorischen Zwecken gebraucht.

Wir müssen also etwas warten, bis in Konsequenz der Bezeichnung »Ostdeutschland« für heute noch polnische, litauische, ukrainische und russische Gebiete der Hai der darangeht, sein dreieinhalbtes Reich mit kriegerischen Mitteln wieder herzustellen: Dann erst werden die anderen Staaten aufwachen, und dann werden sie dieses Grossdeutschland auch wieder, zum dritten Mal, niederringen — wovor mir genauso graut wie vor dem, was der Hai der schon angerichtet hat und noch anrichten wird. Aber dann erst besteht die Chance, dass sie eine österreichische Exilregierung anerkennen. Wenn A.E.I.O.U. Euch ein Trost ist, so lasst Euch vertrösten.

Aber lasst mich im Kraut mit dem Vorwurf.

Nehmt lieber Euch an den eigenen Nasen: Hättet Ihr mit volksbegehrt und vor 3 Jahren alles darangesetzt, die damals noch verfassungsgemässen Menschenrechte durchsetzbar zu machen — es stünde jetzt vielleicht doch anders.

Neger bei Klagendorf am Wörterteich
11. März 1998
G. O.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1995
No. 495, Seite 22
Autor/inn/en:

Gerhard Oberschlick:

Herausgeber der Print-Ausgabe des FORVM 1986-1995 und der Online-Ausgabe hier.

Elisabeth Kmölniger:

Geboren 1947 in Radenthein (Kärnten), gestorben 2018 in Wien, lebte und arbeitete seit 1980 in Berlin.

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