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Günther Nenning

Das schönste Rot ist Grün

Zum Tod von Rudi Dutschke, Weihnacht 1979, 39jährig
Rudi Dutschke
bei der Club-2-Diskussion im österreichischen Fernsehen über „10 Jahre 1968“ am 13. Juni 1978

I. Er schloß die Ära Adenauer

Sozialismus ist die Fortsetzung des Kapitalismus mit anderen Mitteln. Noch schrecklicheren. Gegen diesen Sozialismus war Rudi Dutschke.

Sozialismus ist die Fortsetzung unser aller guten Träume in die Wirklichkeit. Für diesen Sozialismus war Rudi Dutschke.

Weil Träumen auf eigene Faust verboten ist, wurde Dutschke im April 1968 niedergeschossen. Wolf Biermann schrieb damals sein Lied „Drei Kugeln auf Rudi Dutschke“ (abgedruckt im FORVM Juni/Juli 1968, s. Abb. S. 17). Nicht der arme irre Attentäter Erwin Bachmann schoß, sondern die Springer-Presse. Sie war Anstifterin zur Gewalt.

Das war ein verunglücktes Argument. Denn wohin kommt man, wenn Schreiben als kriminelle Ursache für Taten abgestempelt wird? Wir wissen’s unterdessen: Man kommt zum „Gewaltparagraphen“, mit dem nun die gründlichen Deutschen auf die Meinungsfreiheit losgehen. Wie mit der „Panzerfaust gegen eine ganze junge Generation“, sagte Walter Jens so schön übertrieben auf dem jüngsten SPD-Parteitag.

Die journalistische Jauche, seinerzeit tonnenweise gegen die Studentenbewegung und ihren Anführer Dutschke verspritzt, wurde mit gutem Riecher verspritzt: Erstmals trat in der BRD eine Fundamentalopposition auf die Bühne. Erstmals wurde die westliche Option der Nachkriegsdeutschen gefährlich hinterfragt:

  • radikal, d.h. von der Wurzel her, durch ein faszinierend neu verschnürtes Ideenbündel aus Sozialismus, Psychoanalyse, Anarchismus;
  • durch eine kleine hochintelligente, tatendurstige Kopfarbeiterelite;
  • durch eine theoretisch und organisatorisch führende Persönlichkeit, deren geniales Format auch und gerade der dümmste Reaktionär sofort begriff.

Im „amerikanischen“ Deutschland gab’s auf diese Situation eine „amerikanische“ Antwort: Der Mann wurde niedergeschossen.

Freilich hatte Rudi Dutschke zu dem Zeitpunkt, da er beim Milchholen für sein Baby vom Fahrrad geknallt wurde, das real mögliche Maß seiner historischen Funktion schon erfüllt.

Die Ära Adenauer wurde nämlich nicht durch die Ära Brandt kaputtgemacht, sondern durch das Intermezzo Dutschke.

Dieses Lied schrieb Wolf Biermann
im April 1968 nach dem Anschlag auf Rudi Dutschke (Autograph)

II. Ihm war die neue Linke nicht neu genug

Nach dem Attentat, das er mühsam überlebte, gab es für Dutschke die vorgezeichnete Karriere des Invaliden aus einem großen verlorenen Krieg. Es ist der Weg, den viele gingen, ohne daß man sie niederzuschießen brauchte. Dutschke, mit jedem Anspruch auf Ruhestand, begann von vorne.

Er lernte sprechen, seine Hände bewegen, schreiben. Es war medizinisch nicht wirklich erklärbar, wieso das alles ging, bei dem Ausmaß der Zerstörung des Gehirns.

Es ging noch mehr. Dieses Gehirn zog Schlußfolgerungen aus der Studentenbewegung, aus Glanz und Elend eines neuen Sozialismus, wie sie mit gleicher Konsequenz kein heil gebliebener Neulinker zog.

Dutschkes Schluß lautete: Der neue Sozialismus war weitaus nicht neu genug.

Er starb nicht als Denkmal der nostalgisch vergoldeten alten neuen Linken, sondern als theoretischer und organisatorischer Kopf einer nochmals neuen Bewegung. Kopfüber tauchte er in das Gewimmel der Bürgerinitiativler. Antiatomkraftler, Umweltschützler, Alternativler, in Stadt und Land. Er kam ganz frisch wieder an die politische Oberfläche.

Aus dem roten Rudi wurde der grüne Rudi.

Zu Dutschkes geistiger Geschichte gehörte die Herkunft aus dem DDR-Gefängnis. Sein Sozialismus war nicht Reflex auf den Kapitalismus (wie dies Engels definierte), sondern Reflex auf den Sozialismus. Es gehört zur Schönheit bürgerlicher Ideen, daß sie immer neu entstanden in Opposition zum realen Bürgertum; diese gleiche Genese gehört auch zur Schönheit der sozialistischen Ideengeschichte.

Der „Antikommunismus“ war ein Geburtsmerkmal der Studentenbewegung, zumal der Berliner, mit ihren zahlreichen Überläufern aus der DDR.

III. Was er begann, vollendet der Ölpreis

Freilich — und das ist wiederum wie in der Geschichte des Bürgertums: Große Ideen überstehen es, daß sie durch die Wirklichkeit auf das grauslichste deformiert werden. Sonst wären uns nämlich die großen Ideen längst schon ausgegangen.

Wäre übrigens vielleicht gar nicht so schlecht.

Jedenfalls enthielt der Sozialismus auch in seiner KP-Kümmerform für Dutschke genügend Wirkstoff fürs Nachdenken nach Ankunft im freien Westen. Gleich bekam er auch Unterricht im bürokratischen Sozialismus westlicher Spielart. Beides probiert, Vergleich hinkt, ist aber durchaus möglich: Die SPD schmiß ihren Studentenverband SDS wegen falscher Ideen insgesamt aus der Partei.

Es waren demokratische Stalinisten, die dankenswerterweise selber das Startloch gruben für die neulinke Studentenbewegung. Für restlichen Antrieb sorgten die USA mit ihrem Vietnamkrieg. Noch konnten die westlichen Industriestaaten ihren glitzernden Konsumplunder zum demokratischen Lebenssinn emporstilisieren: wem’s nicht paßt, soll in den Osten gehen, im Gegenteil, die wollen ja alle lieber zu uns. Hier wurde die Axt schon an die Wurzel gelegt: nicht von den „sozialistischen Oststaaten, nicht von irgendwelchen Proletariern“ im Westen, sondern von dunkelrot sozialistischen Bürgerkindern.

Zunächst in sehr theoretischer Arbeit. Diese, weiß der alte Hegel, „ist wichtiger als die praktische. Sind die Köpfe umgewälzt, hält die Wirklichkeit nicht stand.“

Sie hielt nicht stand. Nachdem Dutschke und die Seinen Marx, Freud, Reich, Horkheimer, Adorno, Marcuse und sonstige alte Schwarten durchaus studiert mit heißem Bemühn, pinselten sie Kurzfassungen davon auf ihre Transparente und erschienen in bisher unerhörten Massen auf der Straße.

Erst gehörte die Straße ihnen, dann wieder der Polizei. Jetzt ist’s überhaupt vorbei.

Nur: alles und jedes, was heute, in stiller und finstrer gewordener Zeit, gedacht, gelebt, getan wird, in wie immer verdünnter, homöopathischer Dosis, verglichen mit damals — es zehrt von jener Hoch-Zeit.

Die schicken Alternativideen von heute sind Aufguß des Tees, der damals gebraut wurde, so stark, daß der Löffel drinnen stand.

Was Dutschkes aktionistische junge Bürger vorspielten als romantisches Theater, den Tod der westlichen Welt, wie wir sie hatten, vollendet mit groben Tritten der Ölpreis.

IV. Ein Tod auf dem richtigen Schlachtfeld

Dutschke hat sich nicht beteiligt an der Abfüllung neulinken Lebenssaftes in handliche Flaschen. Elixier für parteipolitische Reformgeister. (Ein Schluckerl für’n Blecha, ein Schluckerl für’n Busek.)

Dutschke begab sich, nach langwieriger Genesung von den Schüssen, Abschluß einer Doktorarbeit über Leninismus (den er für den Anfang des Stalinismus hielt), unverzüglich auf sein neues Schlachtfeld, wo hoffnungsvoll die „Grünen“ wimmeln. Er hat das Feld nicht entwirrt, eine Schlachtordnung nicht hergestellt. Doch starb er in der Zuversicht, auf dem richtigen Schlachtfeld zu kämpfen. Ein schöner Tod.

V. Für die grüne Guerilla

Dutschke war leidenschaftlich, wie gegen den blutigen Stalinismus, so gegen den demokratischen Stalinismus. Beide waren ihm so widerwärtig, daß er den entscheidenden kleinen Unterschied zwischen ihnen immer wieder einmal übersah — zumal im ersten Überschwang der Studentenbewegung, die ihm folgte, wie eben Deutsche einem geborenen Führer folgen.

In der ausformulierten Theorie seiner nachstudentischen Jahre war er kein Edel-Chaote, dem alles gleich faschistisch gilt, was nicht identisch ist mit ihm selber, dem einzigen und seinem Eigentum.

Und in seiner organisatorischen Praxis, schon damals in den glorreichen Jahren, da’s gegen den Vietnamkrieg ging und gegen den Schah, war er, will man’s boshaft sagen, ein ordentlicher „Sozialdemokrat“.

Er hatte die studentische Masse fest in der Hand, er hatte seine Unterführer, damit sie ihm in der Hand blieb, er hatte seine gut „sozialdemokratische“ Dialektik, aus Revolution Reform zu fabrizieren und aus Reform Revolution. Sein Motto vom „langen Marsch durch die Institutionen“, entlehnt von Mao und hingebogen in die BRD-Realität, war eben keine Anarcho-Parole zur totalen Revolution, sondern eine vorweggenommene kreuzbrave JUSO-Maxime.

Das war nicht sein letztes Wort.

Der „lange Marsch durch die Institutionen“ ist ja augenscheinlich schiefgegangen. Neulinke Naivlinge erwarteten sich, daß für den Marsch das „Establishment“ den roten Teppich ausrollt, Musik, Ehrenjungfrauen, Marschverpflegung. Einen Schmarrn.

Übrig blieb die ganze, sehr viel verzwicktere Wirkungsgeschichte neulinker Ideen, neulinken Personalien, wie sie in Dauertropfeninfusion einsickern in die spätkapitalistischen Strukturen. Es ist dies Geschichte, die nicht die frustrierte Altneulinke schreibt, sondern die Wirklichkeit selber.

Schmach und Schande: Große Bewegungen wirken nicht als solche — da werden sie niedergewalzt —, sondern in erniedrigender Verdünnung, Lebensgift einer neuen Zeit in den Kalkadern der alten.

In diesem Sinne hat seit dem Leninismus 1917 ff keine Bewegung den Westen gründlicher umgewälzt als die Neulinke der sechziger Jahre.

Dutschke hatte daran so großen Anteil, wie ein einzelner, Halbtotgeschossener ihn haben kann.

Als er, mit den Kugeln im Hirn und dem Scheitern der Studentenbewegung im Magen, überwechselte zu den „Grünen“, hatte er eine sehr gesunde Einschätzung der Meilen, die erst noch zurückzulegen waren auf dem langen Marsch, der Strapazen, die bevorstehen, ehe die „grüne“ Guerilla zur offenen Feldschlacht fähig sein könnte.

Von der Zertrümmerung der Wachstumsgesellschaft und der Stamokap-Bürokratie in den Köpfen der Kopfarbeiter ist’s wahrhaft noch weit bis zum ernsthaften, d.h. realen Abbau von Herrschaft. Zu schweigen von der Distanz bis zur herrschaftsfreien Gesellschaft, schöne Identität von Sozialismus und Anarchie.

Dutschke hat nie die Unart der Chaoten gehabt, hinter einer jeden noch so braven Aktion immer gleich den revolutionären Weihnachtsmann zu erwarten. Er bestand auf dem langen Marsch, der mühseligen Guerilla.

Einen Pedanten nannte ihn Daniel Cohn-Bendit, in seinem Nachruf in der Libération (siehe Kasten).

Dutschke war ursprünglich Theologe. Alle Propheten schauen finster. Dany war keiner. Sondern immer heiterer Situationist.

Pedanterie ist eine revolutionäre Tugend.

Rudi Dutschke und Dany Cohn-Bendit
im österreichischen Fernsehen am 13. Juni 1978

VI. Wider die asiatische Despotie

Dutschke war der erste konsequente sozialistische Kritiker des Sowjetkommunismus. Konsequent sein heißt: die volle Schärfe der historisch-materialistischen Methode anwenden, wie auf den Kapitalismus und alle möglichen Epochen der Weltgeschichte, so auch auf den Sozialismus selbst.

Der bürgerliche, sozialdemokratische und neulinke Antikommunismus haben gemeinsam, daß sie von idealistischem Standpunkt kritisieren.

Sie maßen und messen die Sowjetunion, wie sich das der kleine westeuropäische Moritz so vorstellt. Bei Marx heißt so was: „Hirnweberei“.

Der erste solche Hirnweber war der germanomanxistische Kritiker Lenins, Karl Kautsky. Sein Lebtag hatte er nicht begriffen, warum Lenin Rußland nicht so demokratisch regierte wie er, Kautsky, dies getan hätte, hätte man ihn lassen.

Auch den Ultralinken ist’s weitaus zu fad, sich mit der historischen Unterlage zu befassen, auf der aus Sozialismus Despotismus wurde. Ihnen reicht das Verdammungsurteil, und damit haben sie ja auch recht.

Rudi Dutschke, finsterbrauiger Theoretiker, ging in seiner Arbeit über Lenin (1974) genau auf jene historische Unterlage los. Er stellte als erster mit voller Pedanterie die Frage: Was wird aus Sozialismus in einer Weltgegend, die als Regierungsform bis dahin nur die asiatische Despotie kannte?

Dutschkes Antwort: In einer solchen Weltgegend wird aus dem Sozialismus nix.

Richtig fragen ist immer schwieriger als richtig antworten. Die richtige Antwort ist immer selbstverständlich.

Leninismus ist die asiatische Zwingburg plus marxistischer Festbeleuchtung. Der alte Kreml mit elektrischem Sowjetstern.

Schon mit der Oktoberrevolution — schwante Dutschke — begann die erfolgreiche Umwandlung des Marxismus in eine industrielle Erlöserreligion für die Dritte Welt.

Ein welthistorischer Vorgang, so umwerfend komisch wie die umgekehrt verlaufene Verwandlung der jüdischen Erlöserreligion ins abendländisch-kapitalistische Christentum.

Dutschkes Antikommunismus, genauer: Antisowjetismus, war wegen seiner festen historisch-materialistischen Basis niemals von jener bürgerlichen Bösartigkeit, mit der reaktionäre und sozialdemokratische Antikommunisten einander zu übertrumpfen trachten.

Für Dutschke wie für die gesamte Studentenbewegung war der Antikommunismus, obgleich eingefleischt, doch nur Folie für Herausarbeitung eines desto eigenständigeren neuen Sozialismus.

Ihr innerstes Herzblut bezog die Studentenbewegung aus jener verschütteten, unbesieglichen Quelle, die auszutreten mit gleicher Wut Bourgeoisie, Sozialdemokratie, Sowjetkommunismus sich abmühen: aus dem Anarchismus.

Dutschke, unbeschadet seines marxistischen Talents zur Theorie, seines sozialdemokratischen Talents zur Organisation, war Edel-Anarcho. In einer Welt, worin der ökonomisch-technisch-bürokratische Komplex immer mehr Herrschaft produziert, sah Dutschke, daß zugleich die realen Voraussetzungen reifen für immer weniger Herrschaft.

Auf dieser neulinken Grundüberzeugung beruhte ja die mögliche Transformation von Studentenbewegung in Bürgerinitiativen, von Rot in Grün.

Dutschke war konkreter Anarchist.

VII. Es lebe das Nullwachstum!

Die Bürgerinitiativen der „Grünen“ wollte Dutschke nicht wiederum auf langen Marsch durch die Institutionen schicken, oder doch auf besondere Weise. Nämlich als basisdemokratische Guerilla in der parlamentarischdemokratischen Struktur. Eine APO diesmal nicht der Studenten, sondern der erwachsenen Bürger. Eingenistet in den immer offenkundigeren Rissen des parteipolitischen Gebälks. Sich bewegend im parteipolitisch angefressenen Volk wie der Fisch im Wasser.

Bürgerinitiativen sind Fortsetzung der jungbürgerlichen Studentenbewegung ins nicht mehr Studentische, aber immer noch Bürgerliche: Insofern fühlte sich Rudi Dutschke von vornherein zu Hause, als er sich unter die „Grünen“ begab.

Drachensaat, hoffte er, mit der das Stamokap-Establishment nicht fertig werden wird.

Bürgerinitiativen sind das Gegenteil von zentralisierter Bürokratie — wirksames Gegenteil nur unter zwei Voraussetzungen:

  1. Die Ökonomie selbst zieht der zentralen Bürokratie den Teppich unter den Füßen weg. Es muß jenes ökonomische System zum Absterben gelangen, das eine solche zentrale Bürokratie braucht und folglich für sie zahlt.
  2. Die Intelligenzija, massenhaft gezüchtet von jener zentralen Bürokratie zugunsten des Stamokap, treue Dienerin des Systems, muß massenhaft untreu werden. Aufsässig wenigstens im Kopf, erkennend ihre eigenen Bedürfnisse, gewinnt sie ihr eigenes historisches Momentum.

Der menschliche Kopf hat diese bedenkliche Eigenschaft: in Gang gesetzt für bestimmte Zwecke, bleibt er bei diesen nicht stehen, sondern er denkt weiter. Das ist schon die Nacherzählung, wie aus der technokratischen Hochschulreform die rote Studentenbewegung wurde.

Zentrale Bürokratie und „Überschuß-Ökonomien“, gehören zusammen: Es muß einen gewissen Luxus an Ressourcen geben, es muß deren zentrale Administration nötig und möglich sein. Das Modell reicht von den hydraulischen Gesellschaften des alten Morgenlandes (Klerus als zentrale Bewässerungsbürokratie) bis zu den Wachstumsgesellschaften des modernen Abendlandes.

Hingegen können sich „Spar-Ökonomien“ eine üppige Zentralbürokratie nicht leisten und brauchen sie auch nicht. Das gilt wiederum quer durch die Weltgeschichte von urwüchsigen Jägern, Sammlern, Viehzüchtern, Ackerbauern, inklusive unserer frühen Feudalgesellschaft, denkbarerweise bis zu unserer künftigen Nullwachstumsgesellschaft.

Voraussage der OECD für 1980: in ihren 24 Industrieländern ein Wachstum von „höchstens 0,3 Prozent“.

Wie sagte der gute alte Karli, der wirklich klaß war im Prophezeien: Sollte der Fall der Profitrate gegen Null konvergieren, würde „das Feuer der Produktion überhaupt erlöschen“.

Wachstum ist für die Kapitalisten Wachstum des Profits, für die Sozialdemokraten Wachstum des Lebensstandards, für die „Grünen“ Wachstum der Greuel.

Wächst der Profit nicht mehr, verlieren die Kapitalisten die Lust; wächst der Lebensstandard nicht mehr, verlieren die Sozialdemokraten die Wahl. Daher pushen, ködern, schmeicheln sie müde Kapitalisten ins Produzieren.

In der Epoche des Nullwachstums wird die Sozialdemokratie nun erst recht zum „ideellen Gesamtckapitalisten“.

Auf dieser soliden ökonomischen und politischen Grundlage werden die „Grünen“ weiterwachsen wie die Schwammerln. Die neulinken Studenten waren, die Bürgerinitiativen sind nur schwache Vorklänge.

In den Bürgerinitiativen wächst der Sozialismus unserer Tage.

Das schönste Rot ist Grün.

VIII. Gelobt sei der Zweifel!

Das also sah Dutschke mehr oder minder deutlich:

  1. Die Wachstumsgesellschaft wächst quer gegen das Glück der Menschen. Sie ist lebensfeindlich und sinnlos.
  2. Mit dem Ölpreis wird ihr der ökonomische Teppich unter den Füßen weggezogen. Gott sei Dank.
  3. Es kommt das Absterben des bürokratischen Sozial- und Parteienstaates. Die Bürgerinitiativen sind Vorboten sozialer und politischer Organisation der Zukunft.
  4. Der „Klassenkampf“ unserer Tage geht zwischen Technohierarchen, die Leben zerstören, und Bürgerinitiativen, die sich dagegen wehren.
  5. Träger der neuen Bewegung ist die neue Kopfarbeiterklasse, deren Vorhut die Studentenbewegung war, deren Fortschritt die „Grünen“ sind.

Zu seinen neuen Überzeugungen gelangte Rudi Dutschke nicht auf dem Weg des Zweifels am Kapitalismus; den brauchte er als Sozialist sich nicht erst zu erwerben. Sondern er zweifelte neu am Sozialismus. Insofern der Sozialismus, Kommunismus, Marxismus Fortsetzung, ja Eskalation des bürgerlichen Wachstumswahns ist, schien er Dutschke so nekrophil wie dieser.

Und dann mag es geschehen, daß ein Argwohn entsteht. / Und eines anderen Tages streicht ein Mensch im Merkbuch des Wissens / Bedächtig einen Satz durch / Gelobt sei der Zweifel! Ich rate euch, begrüßt mir / Heiter und mit Achtung den, / Der euer Wort wie einen schlechten Pfennig prüft.

(Bertolt Brecht)

Eine Kurzfassung erschien in der Wiener Wochenzeitung profil Nr. 1/1980.

Selbsttätigkeit und Gammeln

Letztes Interview mit Dutschke
1. Frage: Was erhoffen Sie von den achtziger Jahren?

Mal wieder in dem Lande zu leben, aus dem ich am Ende der sechziger Jahre (11.4.1968) physisch-politisch davongejagt worden war. Bei den Bremer Bürgerschaftswahlen (1979) fühlte ich mich bereits ziemlich wohl. Ob es nach den Bundestagswahlen sein wird, ist nicht sicher, allerdings beileibe nicht unmöglich. Ich hoffe jedenfalls in den Achtzigern zu denen zu gehören, die eine erste Wende der weiterhin zunehmenden Atomisierung und Chemisierung in der Gesellschaft erkämpfen. Freiheit, Frieden und Sicherheit in einem sozialen und befreienden Sinne, d.h. Demokratie und Sozialismus, ist weiterhin meine Grundhoffnung.

Von den Regierungen in Ost und West erwarte ich keine Befriedung.

2. Frage: Was fürchten Sie in den achtziger Jahren am meisten?

Eine Hetze und Denunziation gegen die gesellschaftlich immer relevanter werdende „grüne Opposition“, will doch keine der herrschenden drei Parteien einen Platz im Parlament verlieren. Strauß hat Angst vor einem Sprung der „Grünen“ über die antidemokratische Fünfprozentklausel, Genscher zittert, und Schmidt ist bisher dennoch nicht bange: der Bundeskanzler scheint sich seiner nächsten Atomkraftwerkekoalition sicher zu sein. Den tobsüchtigen Raketensystemen auf beiden Seiten der Großmächte sollen nun immer mehr Atomkraftwerke hinzugefügt werden.

„Keine Experimente“ hieß es einmal in einem betrügerischen Sinne bei Adenauer, um die Wahlen von 1957 zu gewinnen. Treiben Schmidt, Genscher und Strauß mit ihrem Atomkonzept nicht das gefährlichste Experiment nach dem Zweiten Weltkrieg?

3. Frage: Worauf können Sie in den achtziger Jahren herzlich gern verzichten?

Gestatten Sie mir bitte zu träumen: Wir sind

I.

 
die deutschen Soldaten,
und haben die Taschen
voller Tomaten.
 

II.

 
Die wünschen wir nicht allein
zu genießen,
wollen die DDR-Kameradden
ja nicht verdrießen.
 

III.

 
Mein Kollege Hon. und ich,
Eure Schmiede,
werden die Waffen auflösen
um uns alle zu erlösen.
 

IV.

 
An Arbeit wird es dann
nicht mangeln,
denn das Neue wird heißen:
Selbsttätigkeit und Gammeln.

„Solch ein Gewimmel möcht ich sehen“, ... was wird da nicht alles geschehen, vergehen und neu entstehen? Würde schließlich das Ausland nicht voller Entzücken rufen: Solch ein Deutschland will ich sehen, ein Land, wo dann mit Sicherheit keine Kriege mehr entstehen. Und wer möchte nicht auf Atomwaffen und Atomkraftwerke verzichten?

Süddeutsche Zeitung
31. Dezember 1979

Ein großherziger Pedant

Daniel Cohn-Bendit über Rudi Dutschke

Diese verfluchte Kugel, abgefeuert von einem kleinen Idioten, den die Leitartikler des Springer-Konzerns zur Weißglut gebracht hatten — 12 Jahre hat sie also gebraucht, um meinen Freund Rudi fertigzumachen.

Ein verdammter, heiliger Neugieriger, dieser ehemalige Theologe, der sich dem heißen Marxismus zuwendet, sobald er vom Osten nach dem Westen wechselt. Ein Fragesteller, Kritiker, Polemiker in Rede und Schrift, wahrhaft besessen vom Dämon Politik. Er suchte immer dort eine Perspektive, wo ihm die Bäume den Wald verstellten.

Rudi war theoretisch kein Dogmatiker, sondern antiautoritär; praktisch war er Puritaner und Moralist. Ein deutscher Intellektueller — sympathisch und ein Hohepriester, großherzig und ein Pedant. Er wußte, daß es eine Masse Dinge gibt, von denen er nichts verstand. Er mußte sich um sie kümmern, denn es handelte sich um Wünsche und Sehnsüchte, denen auch er anhing. Aber er konnte ihnen in seinem Leben nicht immer Ausdruck geben.

Libération, Paris
27. Dezember 1979

Heiland reiß die Himmel auf

Brief aus Berlin

Vorgestern war Rudis Beerdigung hier. B. und ich sind mit ziemlich gemischten Gefühlen hingegangen. Kälte auf dem Friedhof, Massen von bunten jungen Leuten und Gollwitzer, alt geworden und pessimistisch, mit und ohne protestantische Ethik. Ziemlich grotesk war die Zeremonie, mit „O Heiland reiß die Himmel auf“ und irgendeinem neuen Lied, in dem die Rede war, von sich vermehrendem Brot und Banknoten, die im Winde verwehn. Man fragt sich wo ... aber niemand hat gelacht, niemand geweint, man rauchte und rieb sich die erfrorene Nase. Hinterher die Trauerfeier war auch unter dem Strich.

Das widerlichste Phänomen war Erich Fried, der ein miserables Gedichtchen (das schon eher eine Ballade war) vortrug. Immer hat er was in der Tasche, wenn’s not tut. Auch Bernd Rabehl war von widerlicher Larmoyanz. Zur Stimmungskanone wurde endlich Wolf Biermann, an seinen schlaff-sentimentalen Zupfgeigenliedchen kam dann endlich so etwas auf, wie „echte Trauer“, womit nichts gemeint ist als irgendein tieferes Gefühl.

Jedenfalls hat dieser Anlaß immerhin den Zeitgeist ein bißchen destilliert, flüchtig, sage ich Dir.

F. K.
Berlin, 5. Jänner 1980

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1980
, Seite 15
Autor/inn/en:

Günther Nenning:

Geboren 1921 in Wien, gestorben 2006 in Waidring. Studierte Sprachwissenschaften und Religionswissenschaften in Graz. Ab 1958 Mitherausgeber des FORVM, von 1965 bis 1986 dessen Herausgeber bzw. Chefredakteur. Betätigte sich als Kolumnist zahlreicher Tages- und Wochenzeitungen sowie als Moderator der ORF-Diskussionsreihe Club 2.

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