FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1994 » No. 485/486
Peter Gutjahr

Das Jesus-Kind und das falsche Matriarchat der Christenheit

Der Wille zur Macht ist ein Naturinstinkt, er entspricht ganz dem ursächlichen Impuls alles Seins, das ein Beharren, ja ein Aufstand gegen das Vernichtende ist.

Ein Kind wird geboren als reiner Wille, der nichts von sich weiß, sein Schreien ist ein Protest gegen seine Hilflosigkeit, die es zum Objekt macht, es schreit, wenn irgendetwas seine fötale Ruhe und Geborgenheit stört, das Schreien ist seine einzige Waffe gegen das Nichts.

Die Rolle der Mutter — oder die des mütterlichen Vaters, das Geschlecht ist in dieser Hinsicht nicht von Bedeutung — besteht zunächst darin, alles das zu nichten, was dem Lebenswillen des Kindes im Wege steht. Die Mutter reagiert auf das Schreien des Babys mit Besorgnis, das heißt, mit einer Form der Angst. Das Geschrei des Babys signalisiert Gefahr für die Vitalität, die die Mutter unbewußt auf sich selbst überträgt, da sie sich in jenem Moment, da sie das von ihr geborene Kind als ihr eigenes angenommen hat, mit den Interessen dieses neuen, wehrlosen Lebens identifiziert. Die Bedrohung des Lebens ihres Kindes ist zugleich eine Bedrohung ihres Mutter-Ichs. Darum reagiert sie auf das Schreien des Kindes mit derselben Vehemenz, als ob sie selbst unmittelbar betroffen sei von dem, was die Vitalität ihres Kindes bedroht.

Das Mutter-Ich ist demnach gespalten. Es besteht zum einen im alten, individuellen Ich des lebenden Subjekts, das nur die Sorge um sich selber kennt, zum anderen aber in jenem symbiotisch gewordenen Ego, das auch das fremde andere Ich umschließt, das mit dem wehrlosen Kind geboren worden ist. Dieser Konflikt hat keine Bedeutung, solange das Kind wehrlos und seine bloße Existenz keine Bedrohung für die Mutter ist. Er wird aber virulent, wenn das Kind an Macht gewinnt oder wenn etwas die Existenz des Kindes bedroht, das stärker als die Mutter ist.

Im Zweifelsfall, das heißt, wenn die Mutterliebe das Leben der Mutter ernsthaft gefährdet, wird die Mutter ihre symbiotische Bindung lösen und das Kind der Vernichtung preisgeben, um sich selber zu retten.

Die Mutterschaft ist eine natürliche Funktion. Neben dem Fortpflanzungsinstinkt die einzige Form einer urtümlichen, selbst den primitivsten Formen des tierischen Lebens eingeborenen Sozialität.

In der menschlichen Gesellschaft wird das instinkthafte Sozialverhalten als moralische Norm reproduziert. Sowohl der Wille zur Paarung wird prinzipiell mit dem Attribut des moralisch Guten besetzt, als auch die Mutterschaft. Beide Formen des urtümlichen Sozialen sind denn auch von hohem Prestigewert in der gesunden menschlichen Gemeinschaft. Wer keinen Fortpflanzungspartner findet, ist ebenso mißlungen wie eine Frau, die nicht gebären kann.

In der modernen Massengesellschaft ist die Erfüllung der ursprünglichsten sozialen Funktionen aber keine unabdingbare Voraussetzung für die Existenz der Art. Aus diesem Grunde kann die soziale Formation das Mißlingen im ursprünglichen Sinne durchaus tolerieren. Das heißt, daß die Verknüpfung zwischen Werturteil und urtümlicher sozialer Funktion gelockert wird. Je sicherer ein sozialer Verband in seiner physischen Existenz ist, desto geringer wird der Druck der moralischen Norm auf den einzelnen.

In Massengesellschaften schwindet darum auch der Druck auf die Mutter und wird individualisiert, es wird damit aber auch das Mutter-Kind-Verhältnis sozusagen privatisiert, das Kind wird das individuelle Eigentum der Mutter, Sodaß diese in ihren vier Wänden mit dem Kind machen kann, was sie will.

In dieser neuen Situation, da die Aufzucht der Kinder keine Aufgabe der ganzen sozialen Formation mehr ist, spitzt sich das Mutter-Kind-Verhältnis zu und wird zu einem Drama. Zwei egoistische Protagonisten betreten jetzt mit der Geburt eines Kindes die Szene, und die Mutter-Kind-Beziehung wird zu einer Beziehung zwischen zwei Egoisten, deren Macht sich im Laufe der Zeit zu verändern beginnt.

Jetzt kann es durchaus geschehen, daß die Mutter vom Kind unterjocht wird, wenn diese sich gegen den Druck der moralischen Norm nicht wehren, die Ansprüche des Kindes nicht relativieren kann. Denn das Kind ist ein unbewußter, von keiner sozialen Norm belasteter oder gebremster Egoist. Darin, und daß im Unterschied zu ihm die Mutter durch die moralische Norm gebunden ist, besteht seine Macht.

Wenn die Mutter, etwa mangels einer funktionierenden sozialen Einbindung in den sozialen Verband, ihr Machtproblem nicht dadurch lösen kann, daß sie das Problem des kindlich-unschuldigen Machtanspruchs sozialisiert, das Kind somit dem Machtanspruch der Gesellschaft unmittelbar konfrontiert (in der alten Kleinfamilie übernahm diese Rolle der Vater als die den sozialen Verband darstellende Autorität ), dann wird das Problem der wachsenden Macht des Kindes für die Mutter zu einer ernsthaften Gefahr. Sie kann dieser Gefahr begegnen durch eine innerliche Abkehr von der moralischen Norm, die in ihr selber sich als Gewissen reproduziert. Das heißt, daß sie nun ihrerseits beginnen wird, das Kind zu unterdrücken und es für ihre egoistischen Zwecke zu mißbrauchen — sie stößt das Kind als fremdes Ego von sich ab und wendet sich ihm zynisch, das heißt: objektivierend zu. Sie kann aber auch versuchen, die der Auflösung zustrebende Symbiose zu vertiefen, indem sie verhindert, daß das Kind im Kontakt mit der sozialen Umwelt zu sich selbst kommen kann.

In beiden Fällen wird das Ego des Kindes gerichtet, seine natürliche Entwicklung wird gestört, es kann aus seiner kindlichen Ohnmacht nicht heraus und wir zu einem Menschen, der ohne seine Mutter — sei es die Gute, oder die Böse — angsterfüllt und hilflos ist.

Das Jesus-Kind ist ein Mutter-Kind. Das heißt, daß es keinen natürlichen Vater hat, sondern nur den himmlischen. Es ist innerlich daher nicht gebunden an die irdische, durch die Väter repräsentierte Autorität, sondern nur durch die, durch die Mutter erschlossene Macht eines individuellen Gewissens. Dieses Gewissen ist aber gegenüber den irdischen Mächten frei, weil diese nicht durch die leibliche Vaterautorität legitimiert sind.

Im Mythos vom Christuskind löst sich die gesellschaftliche Moral von der männlichen Autorität und wendet sich gegen sie. In der Geschichte vom bösen Herodes, der seine männlich-weltliche Macht durch das Kind bedroht sieht, der darum in scheinbar irrationaler Weise um sein Ego kämpft, indem er alle erreichbaren Kinder ermorden läßt, bringt der Mythos diesen Aspekt der christlichen Religion auf den Punkt. Die väterliche Macht wird durch das Christuskind nicht länger toleriert, sie wird vielmehr fundamental in Frage gestellt und veräußerlicht als angemaßte, also tyrannische Macht.

Der Mythos vom Christus-Kind entstammt einer matriarchalen Kultur, die in der Gemeinschaft der Essener lebendig war und neben, oder besser: unter der vorherrschenden patriarchalen jüdischen Kultur existierte. In diesem Mythos wendet sich eine minderprivilegierte, ihrer Differenz zur vorherrschenden Kultur sehr bewußte Schicht gegen die durch die römische Besatzungsmacht schwer angeschlagene männliche Autorität und greift in der Form einer Neuinterpretation des göttlichen Willens frontal die bloß noch von den Römern aufrechterhaltene Macht des Tempels in Jerusalem an. Darum ist der Konflikt zwischen Jesus und den Vormächten auch nicht ein Kampf eines Juden gegen die Römer, sondern der Kampf eines jüdischen Sektierers gegen die jüdische Obrigkeit, den diese nur mit Hilfe der Römer für sich entscheiden kann.

Daß der Mythos des Christus tragisch enden muß, hat seinen Grund in der realpolitischen Situation jener Zeit. Die römische Macht war eine patriarchale Macht, ihr Bündnis mit den patriarchalen Mächten des Judentums war realpolitisch naheliegend und vernünftig, wenn es auch in der Praxis der römischen Herrschaft keinen zwingenden Grund gegeben hat, eine matriarchische Macht als solche zu unterdrücken. Der römischen Macht ging es um die Herrschaft über Palästina beziehungsweise um die dort vorhandenen Produktionsmittel. Daher konnte Pilatus dem jüdischen Volk die Wahl lassen, wen es in Freiheit sehen wollte: diesen Christus, der die männliche Macht des Tempels über das Judentum in Frage stellte, oder einen Widerstandskämpfer gegen die jüdische Besatzungsmacht. Die Wahl des Volkes fiel auf den »Räuber« Barrabas. Das heißt, daß sich die Mehrheit des jüdischen Volkes nicht mit dem Kampf des Matriarchats um die Macht des Tempels identifizierte, sondern mit dem Kampf der Aufständischen gegen die Besatzungsmacht.

Jesus Christus war zwischen die Mühlsteine der realen Mächte geraten, weil sich das Volk von ihm nicht geistige Führerschaft und die Abschaffung des jüdischen Patriarchats erwartete, sondern den Kampf gegen die ausländische, das einheimische Patriarchat kastrierende Macht. Aus diesem Grunde war der triumphale Einzug Jesu in Jerusalem, den die christliche Welt am Palmsonntag feiert, zugleich auch der Auftakt für den Untergang des Jesus Christus. Im Verrat des Judas zeigt sich die Enttäuschung des Jesus zujubelnden Volkes, das ihn als den Anführer des Aufstandes gegen Rom akzeptiert hätte, seinen Kampf gegen den Tempel unter Wahrung der Vorherrschaft Roms über Palästina aber nicht akzeptierte. Jesu Tod am Kreuz war auch der Tod des Aufstandes der Essener gegen die geschwächte patriarchische Macht des Tempels über das jüdische Volk.

In der christlichen Religion wird die Autorität des Vaters ersetzt durch die Institution der Kirche. Die Kirche wird als Autorität legitimiert durch den Kult der Mutterschaft der jungfräulich gebärenden Maria. Indem die Kirche dieser Mutter dient, ihren Mythos aufrechterhält und als zentrales christliches Dogma verteidigt, verteidigt sie zugleich auch ihre eigene Macht als Repräsentant des göttlich-väterlichen Willens auf Erden. In derselben Weise, wie die jungfräuliche Zeugung des neuen Königs durch den heiligen Geist (das moralische, durch einen Vater im Himmel pädagogisch abgesicherte Prinzip) die matriar-chale Herrschaft inthronisiert, indem sie die männliche Herrschaft auf Erden angreift und delegitimiert, so inthronisiert sich die Kirche als geistliche Macht, die über den weltlichen Mächten stehen will. Die männliche Autorität auf Erden soll eine vom Matriarchat verliehene Macht sein, die Kirche tritt darum als die große Mutter auf, die den patriarchalischen weltlichen Herrschern ihre irdische Macht verleiht.

Elisabeth Kmölnigers Tierlieben

Es ist darum kein Widerspruch, wenn die katholische Kirche extrem patriarchalisch organisiert ist und fest an der männlichen Königswürde festhält. Denn nur durch die Macht des männlichen Königs über die Männer sichert sich der Geist des Matriarchats seine weltliche Herrschaft.

Das Christentum kann daher als patriarchale Verwaltung einer ihrem Inhalt nach matriarchalen Religion auf Erden verstanden werden. Es ist denn auch dieser matriarchische Geist, gegen den etwa Nietzsche vergeblich, das heißt: ohne ihn zu erkennen, rebelliert. Seine Verachtung der Weiblein deckt sich nicht von ungefähr vollkommen mit der Verachtung der Priesterkaste der christlichen Kirchen. Es sind im wesentlichen dieselben Attribute, mit denen er sie belegt, es ist derselbe Vorwurf, den er beiden macht. Es ist der Vorwurf, die männliche Autorität zu untergraben, das Männliche zu schwächen und neue, aus männlich-chauvinistischer Sicht verächtliche Werte zu installieren. Diese Werte heißen bei ihm Mitleidsmoral und sind, bei Licht besehen, die Werte einer mütterlichen, das Hilflose umsorgenden Kultur.

In Nietzsches Philosophie richtet sich, sozusagen in einem letzten Aufbäumen, das schon untergehende Patriarchat nocheinmal auf und will den Kultus der Männlichkeit reinstallieren. Diesem Zweck dient sowohl Nietzsches ästhetische Rückwendung zur tragischen Periode der alten Griechen, als auch seine Erfindung der (nicht notwendigerweise blonden, aber in jedem Falle männlichen) Bestie, die ohne Zweck und Sinn die Welt kraft ihrer physischen Überlegenheit beherrscht. Nietzsches Wille zur Macht ist der Wille zur Herrschaft: des sich als ohnmächtig empfindenden Mannes über die Frau ebenso, wie es der Wille ist, seinen als schwächlich und der praktisch-rührigen Mutter unterlegenen Vater zu überwinden, um endlich selber Mann zu werden, und zwar einer, wie es sein leiblicher Vater eben nicht war.

Indem sein leiblicher Vater für Nietzsche die schwächlichen, das heißt auch: schwächenden kulturellen Werte seiner Epoche repräsentierte, mußte Nietzsche, stellvertretend für alle Männer, diese Werte selbst überwinden. Die den Vater (einen Pastor, der die Töchter des preußischen Königs unterrichtet hatte) schwächenden Werte waren aber die christlichen gewesen. Die Hinwendung des Vaters zu den Werten des Christentums, ja seine völlige Selbstaufgabe im Dienste dieser Werte hatten ihn in den Augen des kleinen Fritz zu einem erbärmlichen Menschen gemacht, der nur für seine geistigen Werte lebte, darüber seine männliche Autorität vollständig vergaß und das Regiment im Haus vollkommen den Weibern überließ.

Der Umwerter der Werte, die Pflugschar des Bösen ist daher nichts anderes als ein Mann, der hofft, seiner eigenen Ohnmacht dadurch zu entrinnen, daß er eine neue männliche Selbstherrlichkeit inthronisiert. Sein Aufstand gegen das Christentum ist daher kein Aufstand gegen den mosaischen Gott (in diesem Sinne hat er sich öfters geäußert, und der Vorwurf des Antisemitismus geht hier tatsächlich ins Leere), sondern gegen die weiblichen Werte und damit gegen das von den christlichen Religionen installierte informelle Matriarchat.

Die christlichen Religionen verbindet, bei aller im Laufe der Geschichte erfolgten Differenzierung, das Prinzip der Trennung von geistlicher und weltlicher Macht. Diese Trennung installiert die Herrschaft der matriarchischen Werte über eine vordergründig patriarchische Welt. Es entsteht so eine Form der Doppelherrschaft, die die weltliche Macht permanent bedroht. Indem die Kirche die Mutterrolle übernimmt und sich zur Beschützerin und Anwältin macht für alle Ohnmächtigen in der von Männerbünden regierten brutalen Welt, schart sie die Unterlegenen hinter sich und installiert sich so selbst als reale politische Macht.

Die christlichen Kirchen unterlaufen in diesem Sinne tatsächlich auf eine »perfide« Weise die patriarchische Macht, indem sie diese benützen zur Durchsetzung der christlich-matriarchischen Werte. Die Folge dieser listigen Politik eines falschen Matriarchats ist eine Schwächung der politischen Autorität. Die christlichen Kirchen werden zu jener Gegenmacht, die die weltliche Herrschaft der Warlords reduziert und in ihrem Sinne zivilisiert.

Nach dem Zerfall des römischen Reichs und der Aufteilung der Herrschaft über den Mittelmeerraum und das europäische Festland unter die Heerführer der siegreichen Barbaren gibt es keine andere geistig-ideologische Macht, die diese weltliche Macht der Krieger zugleich zügeln und stabilisieren kann. Das Christentum etabliert sich als der kulturbildende Faktor in Europa, es drängt durch seinen Missionarismus jene, durch den Zerfall der römischen Autorität wiedererstarkenden, zum Teil echt matriarchischen Kulturen zurück, die sich anschicken, das römische Erbe zu übernehmen.

Auf diese Weise wird die christliche Religion mit ihren matriarchischen Werten zur wichtigsten ideologischen Stütze einer neuen patriarchischen Macht, die sich in Europa als Feudalismus installiert. Der Kampf gegen das alte Wissen, gegen das Heidentum und alle Formen eines urtümlichen Matriarchats, wie es in befriedeten Regionen urwüchsig im Stammesleben entsteht, war denn auch die wichtigste missionarische Tat der jungen Christenheit in den Urtagen der neuen europäischen Zivilisation.

Durch die ideologische Geschlossenheit des frühen Christentums wurde aber zugleich das geschaffen, was wir heute Europa nennen: ein von einheitlichen Wertmaßstäben geschaffener Kulturraum, in dem sich die weltlichen Mächte verständigen konnten, um sich, in durchaus nicht immer friedlichen, aber einer Wertesprache verpflichteten, ideologischen und militärischen Kämpfen zu dem herauszubilden, was wir heute unter dem Begriff Europa verstehen: eine Wertegemeinschaft verschiedener Völker und Nationen, das Urbild der modernen Welt.

Die Schwächung der weltlichen Mächte durch die ideologische Macht der Kirche, die für den europäischen Kulturraum typische Doppelherrschaft von geistlicher und weltlicher Macht hat aber nicht nur das geschaffen, was wir eine moderne Kultur nennen. Sie hat darüberhinaus dem Individuum selbst einen Freiraum geschaffen, indem es jedem einzelnen die Möglichkeit gegeben hat, sich zwischen den Mächten zu entscheiden. Dieses neue Selbstbewußtsein des Individuums, das in seinem Gewissen einen Pol der Gegenmacht gegen die weltliche Macht der Väter erhalten hat, ist der Ursprung des europäischen Menschen, der heute der weltweit dominierende geistige Typus ist.

Dieser neue Typus zeichnet sich aus durch eine individuelle Distanz zu den weltlichen Mächten, deren Herrschaftsideologie er nicht vollkommen unterliegt. Durch die Doppelherrschaft zwischen Kirche und Königtum entsteht ein Freiraum, in dem sich der neue Heide etabliert. Dieser neue Heide ist weder Leibeigener, noch ist er ein Agent der Religion, noch ist er gebunden an die engen Normen einer ursprünglichen, der Horde nah verwandten Gesellschaft. Er zeigt als neureicher Bürger in der Frührenaissance zum erstenmal seine geistige Macht, indem er sich als das unternehmerische, bürgerliche Individuum zwischen den Mächten etabliert und ihnen Enklaven der politischen Souveränität abtrotzt. Ohne diese europäische Konstruktion der Doppelmacht eines Matriarchats wäre das Heraufkommen des europäischen Bürgertums nicht möglich gewesen. Nur in dieser Situation der geteilten Macht zwischen der Mutter Kirche einerseits und Vater Staat anderseits konnte das Kind, das Individuum sich emanzipieren und zum Bürgerlichen werden, der aufgrund seines materiellen Reichtums sich selber regiert.

Die Wendung der jungen Bourgeoisie gegen den Absolutismus sowohl, als auch gegen den Hokuspokus des christlichen Glaubens, ist die notwendige Folge dieser Emanzipation. Diese ist als solche weder in Hinsicht auf die Moral, noch in Hinsicht auf die Vernunft besser als das Regime der alten Mächte. In der bürgerlichen Emanzipationsbewegung kommt nur eine neue mögliche Form menschlichen Seins zum Durchbruch, die ihre politische Macht durch den Begriff Eigentum legitimiert. Der Kampf für die bürgerliche Freiheit war daher zunächst vor allem ein Kampf gegen das Recht der alten Mächte, persönliches Eigentum der Bürger einzuziehen und, zu welchen Zwecken und aus welchen Gründen auch immer, zu beschlagnahmen. Erst auf dieser Grundlage konnte eine neue gesellschaftliche Schichte entstehen, diesem Zweck diente der Kampf gegen den Absolutismus und gegen die »finstere« Macht der Kirche. Die Aufklärung war keineswegs der Wille zur objektiven Wahrheit, sondern Sabotage der kirchlichen Macht, die ihre Wurzel im Glauben hat. Aus diesem Grunde fand es die Aufklärung keineswegs für geboten, radikal gegen den Gottaberglauben vorzugehen. Stellte sich die Kirche nicht gegen die bürgerliche Macht, so war das Bürgertum ohne weiteres zu einer neuen Auflage der alten Doppelmacht bereit. Selbst die Faschisten haben in diesem Sinne klug gehandelt und sich keineswegs frontal gegen Rom gestellt.

Die neue Doppelherrschaft zwischen Bürgertum und den christlichen Kirchen ist die Wiederholung der Grundformel des alten falschen Matriarchats. Das Bürgertum legitimiert sich daher keineswegs durch die brutale Macht, über die es in Wahrheit verfügt, über die es ohne zu zögern gebietet, wenn ihr Dogma, das Eigentum, angetastet wird. Es muß mit dem modernen Menschen leben, das heißt: es muß leben mit dem christlichen Gewissen, das die Macht an matriarchischen Werten mißt. Aus diesen Gründen hat sich das Bürgertum in langen inneren Kämpfen zur Formulierung eines Sozialvertrags durchgerungen, der sich sowohl mit dem Machtfaktor Eigentum, als auch mit der christlichen Moral verträgt. Der Rousseausche gute Heide ist in diesem Sinne nichts anderes, als ein anderer von Gott pauschal geliebter Mensch, dem auch der neue Machthaber, der bürgerliche, nicht schaden soll, wenn er ihn für seine Zwecke einspannt und benützt. Auf der Grundlage dieses Sozialvertrags aber entsteht nun der Staat neu als jene politische Macht, die die alte Rolle der christlichen Kirchen übernimmt.

Der Staat als Sozialstaat übernimmt in der bürgerlichen Moderne die Rolle der Mutterschaft, während das Kapital die real dominierende Rolle der rohen patriarchischen Macht spielt.

In diesem Sinne leben wir auch heute in einem falschen Matriarchat. Die christlichen Religionen spielen darin nur die Rolle einer legitimatorischen Unterstützung für die soziale Funktion des Staates. Die bürgerliche Gesellschaft ist auf die Kirchen nicht mehr angewiesen, darum geht ihr Einfluß auch drastisch zurück. Nur der Staat selbst schützt die Kirchen noch; indem er am Prinzip der Staatskirchen, wenigstens in Europa, festhält, nützt er die legitimatorische Kraft des Glaubens.

Diese relative Bedeutungslosigkeit der Kirchen äußert sich in einer Relativierung der Inhalte des Glaubens. Nicht das Dogma, nicht die Form des Glaubens ist wichtig, sondern nur, daß das Glauben an sich mit der Herrschaft des Bürgertums versöhnt. Darum sind in den USA hunderte von Kirchen möglich, ohne daß es die Staatsmacht oder auch die Gläubigen selbst im geringsten stört. Wichtig ist nur, daß der Grundkonsens gewahrt bleibt. Und dieser Grundkonsens ist das durch irgendeinen Aberglauben legitimierte falsche Matriarchat der modernen bürgerlichen Gesellschaft.

Dies ist seit 1988 der etwa zehnte Beitrag von Peter Gutjahr im FORVM, wo er u.a. Ansichten eines Belehrbaren, eines Belehrten, für Pferde und einen Idioten, gegen das Gespenst der Moderne und an Europa schrieb.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1994
No. 485/486, Seite 56
Autor/inn/en:

Peter Gutjahr: Der Autor ist im Brotberuf Drucker und lebt in Wien.

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