FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1995 » No. 496-498
Franz R. Härtel

Besuche bei Freunden

Ächz’ und Stöhn’, daß Gott erbarm’, unter dem Druck des Verbotsgesetzes. Aus den geheimen Aufzeichnungen von Reinhold, dem Redaktionsschelm. Wir distanzieren uns nachdrücklich und unwiderruflich von den unten wiedergegebenen Ansichten des FORVM. Was sie uns erzählt haben, ist, so unglaublich es klingen mag, absolut ungeschönt. Desto aufkärungsbedürftiger, finden wir, ist es.

Mittwoch, 8. März 1995

Der Türöffner

Um 14. 30 Uhr trifft das FORVM nach vier Jahren den Detektiv Kommerzialrat Walter Jaromin wieder, den wir im seinerzeitigen Lokal Objektiv kennengelernt hatten. Damals war Jaromin mit Kommerzialrat Peterle, dem ehemaligen ÖVP-Obmann vom dritten Wiener Gemeindebezirk, und Dr. Karl Steinhauser an der Bar gestanden. Heute haben wir Jaromin gegen 11.00 Uhr Vormittag in seiner Detektivagentur in Wien 3, Rennweg 37, unter der Telefonnummer 7126226 angerufen und diesen Termin vereinbart. Wir stellten uns mit dem richtigen Pseudonym vor und baten ihn um eine detektivische Beratung; erzählten, daß wir an der ersten Briefbombenserie arbeiten und unsere Recherchen ergeben haben, daß auf keinen Fall die beiden Beschuldigten Peter Binder und Franz Radl jun. die Täter sein könnten.

Wir tragen unsere Bedenken vor, wie:

  • daß Radl schwerst sehbehindert ist — auf einem Auge 17 Dioptrien, auf dem anderen Auge 20 Dioptrien;
  • daß Peter Binder zwar ausgezeichnete elektronische Kenntnisse besitzt, aber kaum die chemischen Fähigkeiten hat, um eine derart perfekt gebaute Briefbombe herzustellen.

Er stimmt zu und meint, daß diese Anschläge von »den Linken« gemacht wurden oder von einem ausländischen Geheimdienst. »Wem nützt es? das ist die wesentlichste Frage in dieser Angelegenheit«, sagt Jaromin, »da kommen der Balkan und Israel in Betracht. Österreich hat sich vor den Zahlungen an Israel im Zuge der Wiedergutmachungen und der Rückgabe von enteignetem Besitz besser drücken können als die Deutschen. Österreich hat sich mit seiner Flüchtlingspolitik und mit seiner Außenpolitik am Balkan unbeliebt gemacht.«

»Unter dem Hitler hät die Außen- und Innenpolitik anders ausgeschaut«, antworte ich ihm, »außerdem wäre die Gestapo wesentlich effizienter gewesen.«

»Ah, Sie sind ein Nationaler?«, fragt Jaromin.

»Ja, ich habe 1983 Dr. Burger bei einer Wahlveranstaltung kennengelernt. Mein Großvater war der Handelsbevollmächtigte der Dings-Rüstungsbetriebe im Bumstal. Er hieß Ganz So. «

Er bietet einen Kaffee an, den seine Sekretärin Anita serviert. Jaromin wechselt das Thema und erzählt von seinen derzeitigen Ermittlungen in der Causa M.

»Der Masser von der Bundesländer Versicherung hat mir seinerzeit den Auftrag gegeben, ein Gutachten zur Lucona Affäre zu erstellen und den M. zu motivieren, daß er die Akten, welche er seinerzeit von Masser erhalten hat, wieder zurückgibt. Auch der Hans Pretterebner war einmal bei mir und wir haben über den Versicherungsbetrug gesprochen. Ich war ja die Haus- und Hofdetektei von der Bundesländer«, erzählt er. »Aber nach meiner 78er Affäre haben die dann erst einmal Abstand genommen. Nun komme ich schön langsam wieder ins Geschäft. Könnten Sie mir als Journalist behilflich sein in der Geschichte M.?«

»Ja gerne«, antwortet das FORVM.

Wir vereinbaren, daß wir morgen um 10 Uhr Vormittag wiederkommen, um den Akt D. M. kennenzulernen.

Donnerstag, 9. März

Pünktlich um 10.00 Uhr erscheint das FORVM im Büro von Walter Jaromin. Er geht sofort zu seinem Bücherschrank und zeigt uns ein Buch des Verlages Edition S mit dem Titel Kriminalchronik. Autoren dieser Publikation sind Max Edelbacher, Vorstand des Wiener Sicherheitsbüros im Polizeipräsidium, und Franz Seyrl. Auf dem Schmutzblatt des Buches eine handschriftliche Widmung:

»Für den Detektiv Jaromin, meinen lieben Freund. Im Februar 1994, Max Edelbacher«.

Ich zeige Jaromin, daß ich sehr beeindruckt bin und frage ihn, ob er gute Beziehungen zu Edelbacher habe.

»Ja, wenn ich was dringend brauche, gehe ich zu ihm ins Büro. Früher war’s öfter, jetzt so drei bis viermal im Jahr. Das ist ein reiner Parteibuchroter, ein nationaler Roter, so wie es auch viele im 34er Jahr gegeben hat. Ein korrekter Mann und er mag den Bögl nicht. Er ist sein heftigster Gegner; sagt, daß der Bögl von nichts eine Ahnung hat und es am besten ist, wenn man diesen Präsidenten bei bestimmten Fällen erst gar nicht informiert. Aber der neue Polizeipräsident zu werden, das glaubt er selber nicht. Der Innenminister hat da nämlich was mitzureden und eine starke Polizeilobby hat er auch nicht so hinter sich.«

Wir gehen die Akte M. durch, reden über den Fall Lucona. Jaromin sagt, seine Ermittlungen hätten ergeben, daß Proksch mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht die Lucona gesprengt, aber mit Sicherheit den Versicherungsbetrug gemacht hat.

»Der blöde M. hat seinerzeit als Konfident für einen Kriminalbeamten gearbeitet und bei diesem die Mordanzeige abgegeben. Da ist damals sogar der Masser explodiert. Der Pretterebner wurde dann in der Folge beauftragt, ein Buch über die Affäre zu schreiben, weil die Staatsanwaltschaft und die Stapo nicht mehr zu bremsen waren. Da gab es die CV-Falken, die ihr eigenes Süppchen kochen wollten. Außerdem hat der Blecha sich dilettantisch verhalten. Aber lesen’s den Bericht, den ich damals dem Masser geschickt habe«, und reicht mir einen roten Ordner mit dem Titel »Proksch/Masser«. »Der BLV ist es nur um den Versicherungsbetrug gegangen, die Sprengung war ihnen wurscht. Ich glaube, daß in der BLV noch jemand sitzt, der eigentlich alles weiß. Nicht einmal der Masser ist ja voll informiert. Dem habe ich noch einiges sagen müssen, aber auch nicht alles.« Gegen 21.30 gehen wir weg.

Freitag, 10. März

Um 10.00 Uhr erscheint das FORVM wie vereinbart in der Detektei Jaromin. Jaromin bietet uns an, bei ihm zu arbeiten. Wir sagen ihm, daß wir uns das noch ein wenig überlegen möchten, weil das FORVM ein Journalist ist, aber kein Detektiv, und dies sei doch etwas anderes. Jaromin meint daraufhin, daß wir ja eine Probezeit vereinbaren könnten, und diesem Vorschlag stimmen wir zu.

Wir erzählen ihm von unserer Bekanntschaft mit Schaller, dem wir angeboten haben zu versuchen, Entlastungsmaterial für seinen Mandanten Radl jun. zu beschaffen.

»Sie haben mich an ihn erinnert, ich muß ihn sowieso heute anrufen«, sagt Jaromin.

»Lassen Sie ihn von mir schön grüßen«, antworte ich.

Daraufhin ruft er sofort Schaller an und vereinbart mit ihm für Montag den 13. März 1995 um 8. 30 Uhr im Cafe ‚Monopol‘ einen Termin, an dem ich teilnehmen soll. Jaromin zeigt uns das Versteck für den Büroschlüssel, damit wir, wenn wir uns entschlossen haben, am Fall M. mitzuarbeiten, sein Büro jederzeit betreten können. Gegen 17.00 verlassen wir ihn.

Samstag 11. März

Bei Otto Roßkopf in Perchtoldsdorf Kunigundenbergstraße 9

In der Villa von Hofrat Dr. Otto Roßkopf befindet sich der Sitz der Kameradschaften »Walter Nowotny« und »Prinz Eugen«. Um 16.00 Uhr treffe ich ein, wo mich ein Vortrag von Dr. Heinz Neworal, Mitarbeiter des Innenministeriums mit Zuständigkeit für fremdenpolizeiliche Angelegenheiten, zum Thema »Sicherheitsperspektiven für Europa und die Auswirkungen des organisierten Verbrechen« erwartet. Fast alle Teilnehmer sind schon da: Konrad Windisch, Herbert Schaller, Otto Scrinci, Elisabeth Ofner (Ehefrau von Harald Ofner, sie wird auch mit Frau Minister angesprochen), Horst Jakob Rosenkranz, Andreas Thierry, Sigrun Schleipfer und Walter Jaromin sowie andere Personen, die wir namentlich nicht kennen.

Nach dem auch mit Aktualitäten reich gewürzten Neworal-Vortrag wird das FORVM von Jaromin einer Frau Schleipfer vorgestellt, die uns erzählt, daß sie ein Runen-Seminar am Agathenhof des Kameraden Thierry abgehalten hat und daß es im Sommer wieder so etwas geben soll.

Gegen 20.00 Uhr gehen wir zu einem Heurigen und das sogenannte Abtrinken des Abends beginnt. Gegen 23.00 löst sich die Versammlung auf.

Montag, 13. März

Meeting mit Jaromin im Büro. Wir recherchieren den Fall M., kopieren u.a. zugehörige Aktenstücke.

Dienstag 14. März, 8.30, Café Monopol

Mélange à trois

Schaller: Wie hoch war das Sparbuch?

Jaromin: 1, 3 Millionen.

FORVM: Herr Dr. Schaller, es gab ja mal früher dieses »Überlebenshilfekonto Gerd Honsik«.

Schaller: Jaja.

FORVM: Gibt’s das noch?

Schaller: Ja das gibt’s, ja das gibt’s.

FORVM: Es gibt nämlich ein paar Kameraden, die ihm was zukommen lassen wollen. Das wäre ja ganz gut, aber die wollen das anonym machen, weil sonst gibt’s Probleme.

Schaller: Ja, geht. Ja, natürlich.

FORVM: Wie geht’s ihm denn jetzt? Will er nicht nach Hause?

Schaller: Wollen schon. Können vor Lachen. Weil es ist ja, die haben das ja genial gemacht. Sie haben die Schuldspruchbestätigung, das heißt: die Berufung ist noch ausständig. Das heißt, der Staatsanwalt hat gegen die eineinhalb Jahre berufen und ich auch.

Jaromin: Das ist ja wie beim Verbelen.

Schaller: Nein Nein, die geben ihm einen Fünfer, wenn er kommt. Der Rebhandel, der ist 1973 oder 1974 — ein kleines schmächtiges Manderl, hat eine Frau, die jünger ist als er, aber die schwer krank ist und rund um die Uhr gepflegt werden muß. Rund um die Uhr. Die kann nichts selbst machen. Die muß auch bei jeder Verhandlung mit, die war im Rollstuhl im Gerichtssaal. Die Richter in Salzburg waren noch so menschlich, die haben ihn zwar verurteilt, aber haben ihm ein Jahr bedingt gegeben. Was sagt der unmenschliche Oberste Gerichtshof? Er kriegt ein halbes Jahr unbedingt dazu. Unbedingt. Die Frau sitzt da. Von ihm allein betreut, muß betreut werden. Rund um die Uhr. Das ist heute die Justiz. Es ist unmenschlich. Wegen einer gewaltfreien Meinungsäußerung, bitte. Solche Leute sitzen im Obersten Gerichtshof und höhnisch: das ist Sache des Strafvollzuges. Dabei weiß der Präsident Steininger natürlich, jetzt ist er OGH Präsident, daß’ im Strafvollzugsgesetz nicht einmal ein Fuzerl dafür gibt. Da gibt’s nichts.

FORVM: Aber es gab doch früher verständnisvolle Richter und Staatsanwälte, alte Kameraden.

Jaromin: Na bitte, heute wird doch die Justiz angeschossen, nicht.

FORVM: Wir hatten doch früher viele Kameraden im Justizapparat, die sind ja zum Teil ja noch existent. Ich verstehe das nicht, daß da nichts zu machen ist.

Jaromin: Wenn Sie genau hineinschauen, waren sie immer, zeit ihres Lebens, immer auf der Seite der Stärkeren und gegen die Schwächeren.

Schaller: Bei Gott. Aber mir macht das nichts.

FORVM: Und die Privatanklage in der Sache Honsik?

Schaller: Die habe ich mit, gegen das ‚Profil‘

FORVM: Und die geht durch?

Schaller: Ich glaub’ schon.

FORVM: Ja?

Schaller: Ja wissen Sie, die Rechten haben kein Recht. Haben kein Recht. Aber in dem Zusammenhang ist es so, bei dem übergroßen, den Artikel beherrschenden Foto, ja — sehen Sie her, was das ‚Profil‘ gemacht hat.

Jaromin: Das ist typisch.

Schaller: Die haben über einen Bombenartikel, »tödliche Verdrängung, die Ursachen und die Pannen der Fahndung«, der Bombenterrorist: das Bild. Wie kann man sich das vorstellen. Der hat damit überhaupt nichts zu tun. Und das haben sie ins ‚Profil‘ geschrieben und dagegen mache ich jetzt eine Privatanklage: Im Zusammenhang mit dem übergroßen und den Artikel beherrschenden Bild des Privatanklägers wird der auf die Fahndung nach dem Bombenterroristen hinweisenden Überschrift, samt ausdrücklicher Nennung des Namens des Privatanklägers, wird, für den durchschnittlichen ‚Profil‘-Leser erkennbar, gegen den Privatankläger ein ehrenrühriger Vorwurf erhoben. Der beleidigende Sinngehalt dieses Vorwurfes liegt darin, daß der Privatankläger in einen unmittelbaren Zusammenhang mit der Briefbombenserie und den nachfolgenden Bombenanschlägen gebracht wird. Denn diese Bombenanschläge — eh klar. Da mache ich diese Privatanklage und benütze natürlich einen Vergleich, wie der Student, der immer nur die Würmer gelernt hat, dem wird leider ein Elefant gebracht, sagt er ...

Jaromin: Das habe ich nicht gehört.

Schaller: Nein? Da sagt er, die Elefanten marschieren in Afrika, da ist weiche Erde und da sitzen die Würmer und setzen die Reise fort. Und so kommen bei mir bei jeder Gelegenheit die Gaskammern vor.

FORVM: Wirklich?

Schaller: Ja, Und zwar sage ich so: Der aus der Bild- und Artikelüberschrift sich ergebende ehrenrührige Vorwurf gegen den Privatankläger wird in diesem Artikel des der extremen Linkem zuzuordnenden ‚Profils‘ — wird der Vorwurf des ‚Profils‘ noch verstärkt. Indem auf Seite 28 angeführt wird, »daß sich nach der Verhaftung Küssels im Jahr 1992 braune Zellen formiert hätten, über welche auf Seite 30 berichtet wird, daß sie von einem spezialisierten Referat der Staatspolizei bekämpft werden und daß der Justizflüchtling Gerd Honsik, Verstoß gegen das Verbotsgesetz usw. Und jetzt nehme ich das zum Anlaß: Das ‚Profil‘ ist jedoch in voller Kenntnis, daß die 1992 wegen Paragraph 3g erfolgte Verurteilung des Privatanklägers — das Gericht zur Erkenntnis kam, daß der Privatankläger mit den braunen Zellen und mit den Bombenanschlägen nicht das Geringste zu tun hat. Die Verurteilung erfolgte vielmehr wegen eines reinen politischen Deliktes und zwar wegen einer gewaltfreien Meinungsäußerung, zur Frage der Existenz von NS-Massenmordgaskammern, »Hitler — 36 ungehörte Zeugen«, wobei in diesem Buch hierzu gar keine apodiktische Behauptung aufgestellt wurde. Sondern beim Herrn Justizminister eine Überprüfung durch österreichische Gerichte und österreichische Sachverständige angeregt wurde. Daß im seinerzeitigen Strafverfahren des Privatanklägers, auf Antrag, Seite 87, [der] vor dem Landesgericht für Strafsachen Wien zum Sachverständigen bestellte Prof. Jagschitz, nach rund vierjähriger Befundaufnahme, dem Gericht im Jänner 1991 einen Zwischenbericht übermittelt hatte, laut welchen der von den Strafgerichten bisher angenommenen Notorietät der Gaskammern nicht im entferntesten die Rede ist. Dieses Gutachten gibt es. Und daß in dieser prekären Lage der Gesetzgeber den Anhängern der Gaskammern entgegenkommen mußte, nach der Überarbeitung von weiteren Sachverständigen, indem mit dem Verbotsgesetz 1992, die Notorietät der Gaskammern mittels eines Bundesverfassungsgesetzes einfach staatlich dekretiert wurde und der Bestreiter mittels Strafandrohung 1 bis 20 Jahre einfach mundtot gemacht wurde. Zweck eines solchen Artikels ist offenbar die Hoffnung der linken Szene, der gefürchteten geistigen, wissenschaftlichen und technischen Auseinandersetzung mit den Sachargumenten der Revisionisten, mit dem Privatankläger, unter Ausnutzung dieser Bombenserien dadurch entgehen zu können, da dieser, der ohnehin schon, der unter der Meinungsfreiheit unterdrückenden Strafandrohung steht, auch noch in die Nähe der abscheulichen Bombenverbrechen gerückt wird. Obwohl es dafür nicht den Schimmer eines Anhaltspunktes gibt.

Jaromin: Ich wollte unlängst einen Antrag bei Gericht stellen, festzustellen, was ist ein Geheimnis bei der Polizei. Denn ich bin auf dem Standpunkt gestanden, geheim ist fast jede Planung, aber nicht ein Akt, der sich in der freien Wildbahn abgespielt. Weil mit viel Aufwand kann ich ja auch feststellen, was im Polizeiakt drinnensteht. Es gibt ja Zeugen von Betroffenen. Es gibt einen Kreis in Oberösterreich, die sich zur Kritik am NS-Gesetz ankämpfen, ich weiß leider nur nicht genau, wo und wer.

Schaller: Ich habe jetzt ein Buch bekommen, vom Krauland Verlag, das sie kaum verbieten werden können.

FORVM: Warum?

Schallen Na weil’s eben wissenschaftlich aufgezogen worden ist, und da gibt’s den Passus, daß die freie Wissenschaft nicht behindert werden darf. Und das ist ein trockenes 400 Seiten dickes Buch, ungefähr von dieser Größe so, mit einem hellblauen Einband »Handbuch zu Fragen der Zeitgeschichte«. Und da stehen also saftigste Sachen drinnen.

FORVM: Was ich nie verstanden habe ist, daß der Bekennerbrief ...

Schaller: Den kann ich Ihnen zeigen, den krieg’ ich demnächst.

FORVM: Den habe ich, den neun Seiten-Brief.

Schaller: Den haben Sie? Na, ich sehe schon, meinen Brief habe ich noch nicht, aber er hat ihn schon. Ha, ha, ha. Am Montag haben die sich vom Justizministerium entschuldigt, daß sie ihn noch nicht geschickt haben. Ich habe ihn ungeöffnet weitergegeben. Weil kein Absender drauf war. Wenn ein Absender drauf gewesen wäre, dann hätte ich es nicht erlaubt. Aber wenn er wirklich zur Ausforschung der Bombenattentäter führt, dann habe ich nichts dagegen.

Jaromin: Ich habe auch nichts dagegen, an sich.

Schaller: Ja schauen Sie, jedes Wort im Satz ist von mir in Deutschland ziseliert und vom deutschen obersten Gerichtshof, beim Bundesgerichtshof ... Aber die scheißen, wenn ein Artikel ins Blatt kommt, die scheißen sich ja an. Aber ich werde jetzt versuchen, in der ÖJZ einen Artikel, einen Gegenartikel unterzubringen. Schauen Sie, mit der Notorietät ist es so: Nur ganz kurz. Was ist in der Strafjustiz notorisch? Was ist eine notorische Tatsache? Das ist eine Meinung über Tatsachen, die wahr oder falsch ...

Jaromin: Das ist ...

Schaller: Nein, nein, lassen wir die Politik mal beiseite. Gehen wir es ganz juristisch an. Das ist ohne jeden Zweifel, das stammt nicht vom Schaller, sondern das ist Judikatur des BGH, der anerkannteste BGH, des deutschen Bundesgerichtshofs. Eine notorische Tatsache ist eine Meinung über Tatsachen. Ist eine Meinung über Tatsachen, und das ist der entscheidende Punkt. Und jetzt macht der österreichische Gesetzgeber, die österreichische Justiz ein Gesetz, baut auf einer Meinung auf, die wahr oder unwahr sein kann, und verbietet gleichzeitig die Durchführung des Sachbeweises, weil es gibt ja Dinge, wo man nie einen Beweis führen kann. Dann zählt die Notorietät, das ist dann die Ausführung. Also ob es die Massenmorde gegeben hat, da kann man heute noch nachschaufeln, das ist derartig primitiv, oder man kann die Räume begutachten.

Jaromin: Es kommt ja auf die Zahl der Gaskammern an.

Schaller: Jaja. Es geht mir nicht, ob vier oder einen. Ich sage null. Null. Nuuull. Es gibt keinen einzigen Gaskammer-Toten, das ist es. Und dieser Sachbeweis ist anzutreten. Man muß sich das vorstellen, aufgrund einer Meinung, die wahr oder unwahr sein kann, wird ein Gesetz. Und es steht außerdem außer Zweifel, daß das mit der Notorietät auch so ist, weil eben notorisch eben zugleich wahr ist. Ist anerkannt. Nur nicht für die NS-Sachen. Sonst ist das völlig anerkannt, für jeden Mörder, jeden Kinderschänder ist das ganz klar. Weil das ein dynamischer Begriff ist, der unterliegt der Wandlung. Was heißt das? Am besten ist das, das stammt wieder nicht von mir, das habe ich vom deutschen Oberlandesgericht: Urteil, sogar der Petitionsausschuß des deutschen Bundestages hat das anerkannt, nicht: Wenn ich heute rechtskräftig verurteilt bin, Klientengelder unterschlagen zu haben, ist das Urteil rechtskräftig. Ich bin schuldig und es ist rechtskräftig. Aber es ist nicht die Gewährleistung gegeben, daß es wahr ist.

Jaromin: Na sowieso.

Schaller: Und weil das so ist, und weil das der Gesetzgeber — ein rechtskräftiges Urteil, zwar rechtskräftig ist, aber nicht die Wahrheit sein muß, hoffentlich oft ist, aber in Einzelfällen nicht sein muß, kennt er das Institut der Wiederaufnahme des Strafverfahrens aufgrund neuer Tatsachen und/oder der Beibringung neuer Beweise, die allein oder in Verbindung mit alten Beweisen geeignet sind, den Freispruch herbeizuführen. Genau analog das gibt es für die notorische Tatsache und das wird bereits in Deutschland, in Österreich und in der Schweiz ...

Jaromin: Sie sind ja gleich ein Verbrecher. Es ist gerichtsnotorisch bekannt, daß zu einem Sittlichkeitsverbrechen ein Penis gehört. Den haben Sie ...

Schaller: Hahaha, nein nein, so einfach ist das nicht. Aber ich glaube, das ist am verständlichsten. Ein rechtskräftiges Urteil ist ein Heiligtum für die österreichische Justiz, aber sogar der Gesetzgeber kennt das, daß das nicht wahr sein muß. Und die notorische Tatsache ist viel weniger als ein rechtskräftiges Urteil.

FORVM: Warum hat der Gerd nie unter einem Pseudonym geschrieben? Das habe ich nie verstanden.

Schaller: Wer?

FORVM: Der Honsik. Der hätte viel einfacher operieren können, da gibt es das Mediengesetz, Paragraf 35, Redaktionsgeheimnis, den Informantenschutz bzw. ...

Schaller: Wenn Sie es drucken und vertreiben, das nützt Ihnen nichts, das wird beschlagnahmt. Ist kein objektives Verfahren, da hilft gar nichts.

FORVM: Hat er ein neues geschrieben?

Schaller: Ja, Ja. »Schelm und Scheusal«, über den Wiesenthal (macht Kußhände) — ganz süß, ganz süß. Und ich habe natürlich ...

FORVM: Ich habe ja eh eines von Ihnen bekommen.

Schaller: Ach ja. Ja, stimmt. Und dann kann man ja lesen, was ich dazu geschrieben habe. Die haben dann eingeleitet, wegen hunderter Delikte haben sie dann eingeleitet das Strafverfahren und haben beschlagnahmt. Und da habe ich dann fast zweihundert Seiten Beschwerde gemacht, jeden Punkt in der Luft zerrissen. Das können Sie haben, wenn Sie es überhaupt lesen wollen, da habe ich jeden Punkt, den die anklagen, widerlegt. Das hat ihn so getroffen, den Fasching, des ist so ein Halbnarr, ein juristischer ...

Jaromin: Stimmung des Gerichts. Sie haben ja beim Ochensberger die Zeugen von Amerika bereits dort gehabt, beim Prozeß.

Schaller: Ja. Beim ersten Ochensbergerprozeß, weil sonst hätte der nie einen Freispruch gekriegt. Vorm Gerichtssaal standen der Leuchter, der Marwed Weber, der Professor Faurrison und noch andere. Es war ganz einfach. Ich habe im 87er Jahr im ‚Inlandsreport‘ den Rabl gehört, wie er den Dürr, den Robert Dürr vom Burgenland, der diese Bauernaufstände geleitet hat, wie er den interviewt und sagt: »Und in dieser — in so einem Nazi-Schundblatt veröffentlichen, und da im ‚Sieg‘. Ich habe immer alles gelesen, von links bis rechts. Alles. Denk ich mir, ich kenne keinen ‚Sieg‘. Ich habe auch kein ‚Halt‘ gekannt, man muß sich das vorstellen, weder ‚Sieg‘ noch ‚Halt‘. Und jetzt habe ich gesucht und gewassert von 87 bis Frühjahr 89 habe ich kein ‚Sieg‘ bekommen. Und gegen Ende März hat mir mein Buchhändler gesagt, ich hab ein ‚Sieg‘, da schauen Sie her, beschlagnahmt, und gab es mir unter der Budl. Dabei war es gar nicht beschlagnahmt, nur Angst vor der Presse. Da drinnen war ein Einlegeblatt: »Erster österreichischer Gaskammerprozeß, Feldkirch am 4. April.« Und es war der 25. März. Was? In Österreich der erste Gaskammerprozeß und ich nicht dabei? Ich kenne doch überhaupt keinen anderen, der nur annähernd in der Lage wäre, so einen Prozeß zu führen. Nach diesem Bericht habe ich mir gedacht, ruf ich ihn an und so und so. Bin also auf eigene Kosten hinauf gefahren, mit ihm einmal das besprechen, und er hat einen nationalen Anwalt gehabt, der hat ihm folgendes gesagt: Ich übernehme die Verteidigung, ist ja notwendig eine Verteidigung, ich verstehe davon überhaupt nichts, also, er soll sich selbst verteidigen und ich werde nur auf den Artikel, was weiß ich, des Staatsgrundgesetzes der freien Meinungsäußerung plädieren. Völlig sinnlos. Zweihunderttausend Schilling — 200.000 Schilling für zwei Tage Verhandlung. Darauf habe ich gesagt: Schauen Sie, ich kann Ihnen gar nichts sagen, jeder ist der Herr seines Schicksals, ich sage, was hier angemessen ist: erstens kündigen, zweitens die 200.000 Schilling nehmen und die Zeugen einfliegen lassen, die kommen ja nicht ohne Geld, wie sollen die kommen, aus Amerika, aus Australien, aus Frankreich.

Jaromin: Ja sowieso.

Schaller: Die 200.000 Schilling nehmen, sofort alles einfliegen lassen, ich verteidige Sie und verlange null. Ich habe mir die Fahrt nach Feldkirch und zurück selber bezahlt, keinen Groschen verlangt, und ich mache einen Superbeweisantrag in ein paar Tagen. Bin hinauf übersiedelt zu ihm, habe die dann auch geschrieben, so vierzig bis fünfzig Seiten. Mit fast keine Mittel, nur mit meinem Allgemeinwissen. Und durch diesen Freispruch, da waren Leute aus der Schweiz, aus Amerika, aus Deutschland, waren die alle so begeistert, daß man mir jetzt Material gegeben hat. Damals war ich der Krieg des armen Mannes, jetzt habe ich alles. Ich das Original-Auschwitzurteil, das Original-Treblinkaurteil. Ich habe alles, alles. Was Phantastisches habe ich bekommen. Harmlos die Menschen: »Ja, ich hab’ ein Urteil in Norddeutschland, darf ich es ihnen schicken?« — »Sind Sie wahnsinnig, das verschwindet bei der Post, das ist ja unersetzlich.« Ich bin dann auf meine Kosten nach Norddeutschland gefahren und habe es geholt. Ist ja ein Heiligtum.

Jaromin: Na sowieso.

Schaller: Das sind die gesammelten Werke der allerdümmsten Dummheit die man sich vorstellen kann. Un-faß-bar. Jedes Bezirksgericht würde rot werden und vor Scham in die Erde versinken, so primitivst. Jeder Verkehrsunfall, wo es um 5.000 Schilling geht, wird besser beurteilt als die Sache mit den Gaskammern. Un-faß-bar. Und ich gebe nicht auf. Vor allem beim Honsik. Beim Rebhandel, dem Salzburger, bin ich jetzt in Straßburg und denen schicke ich auch das Buch — das Buch habe ich jetzt geschickt: allen Mitgliedern des Obersten Gerichtshofes, die in Strafsachen tätig sind, Präsident und Vizepräsident.

Jaromin: Das kostet ein Vermögen.

Schaller: Das — da hat sich ein Sponsor gefunden, das Buch kostet 50 Mark.

Jaromin: Ja eben.

Schaller: Da habe ich allein 20 Bücher an den OGH geschickt. Ein einziges kam ungeöffnet zurück; eines. 19 haben es übernommen. Ich habe geschickt: an die drei Nationalratspräsidenten, an alle fünf Parteiobmänner und ObmännInen. Eines kam zurück, vom Herrn Fischer.

Jaromin: Nanona.

Schaller: Hahaha. Das gefällt mir. Und jetzt geht es weiter an das Oberlandesgericht, an den Strafsenat. So lange ich lebe, werde ich dafür kämpfen, solange mein Hirn in Ordnung ist, meine Feder und meine Papp’n. Solange wird gekämpft. Nur eine Frage habe ich noch, kann mir jemand einen Fünfer wechseln? Nur eine Frage habe ich noch. Sie sagen, bitte, Sie haben eine Möglichkeit, den Täter zu enthüllen oder den Konstrukteur. Ich frage mich ...

FORVM: Ich habe drei Monate jetzt gebraucht dazu.

Schaller: Wieso ist das Ihnen möglich und hundert Leuten von der ETB nicht? Und zweite Frage, noch wichtiger: Lassen Sie ihn auffliegen oder nicht? Das sind ja vier Millionen, nein sogar zehn Millionen.

FORVM: Nein, ich lasse ihn nicht auffliegen. Und ich sage Ihnen drei Gründe warum. Unter anderem ganz kurz. Erstens: Der Konstrukteur ist noch immer nicht der Verteiler, es ist auch nicht der Bekennerschreiber, wenn ich die auffliegen lasse, dann habe ich damit nichts gewonnen. Ja?

Schaller: Ist eine Beweisfrage.

FORVM: Die Beweisführung, ist auch schwer zu beweisen.

Schaller: Noch dünn.

FORVM: Sehr dünn. Zweitens: Warum gelingt es mir, und der ETB nicht. Dann schauen Sie sich nur die Mitarbeiter der ETB an. Die können nicht einmal zwischen dem Starhemberg von 1638 und dem von 1934 unterscheiden.

Schaller: Ja ja. (Lacht)

FORVM: Denen muß man das einmal erklärn. (Schaller lacht. ) Dann müssen Sie einmal das Starhemberg-Bataillon in Bayern einmal kennenlernen, nicht, die Österreichische Legion, wie sie geheißen hat. Das haben Sie auch nicht gewußt, von wegen Bajuwarische Befreiungsarmee. Und da kriegt man ja ein bißchen eine Assoziationskette, dann hat man ja irgendeine Ahnung, warum die sich »Bajuwarische Befreiungsarmee« nennen und »Graf Starhemberg«. Da muß man auch wissen, wer der Reinhard Günther war, der der erste war, der die Auflösung der Parteien damals gefordert hat und ein geistiger Wegbereiter war der nationalsozialistischen Bewegung. Der hat ja schon von einer Bewegung gesprochen, und nicht von einer Partei gesprochen.

Schaller: Jaja.

FORVM: Dann muß ich auch wissen, daß auf der Waxenburg in Waxenberg nach wie vor ein Sitz der Burschenschaft Starhemberg existiert. Man muß also ein paar so Sachen wissen, das haben die ja nicht gewußt.

Schaller: Hahaha.

FORVM: Dann mußt’ auch ein paar kritische Sachen lesen, die käuflich erwerblich sind, wie zum Beispiel den Herrn Botz, Gewalt in der Politik, da findet man ein Pendant vom 18. September 1935, wo das Starhemberg-Bataillon zehn Briefbomben von Linz-Urfahr an den Salzburger Klerus verschickt hat, wos, die abgefangen wurden von der Post und ein Postler dabei schwer verletzt worden ist und die Bauweise eine sehr ähnliche war, ja, auch diese Geschichte. Dann kommt man ein bißchen ran, daß das nicht unbedingt Neonazis sein müssen, das kann ja auch aus national-klerikal-monarchistischen Kreisen kommen, die ja, weil nämlich, der Witz ist ja, es fällt nämlich keinem ein, hab’ ich gesagt, schauen Sie, erstens ein Neonazi würde zum Beispiel nicht sagen: »Roma, geh’ ham nach Indien«, sondern er würde sagen »Zigeuner, geh’ nach Indien«. Damit fangt es sich einmal an. Die Diktion unterscheidet sich sehr wesentlich. Das Zweite, was ich gesagt habe: Es gibt keinen einzigen Hinweis, keinen einzigen antisemitischen Ausspruch. Nicht einen. Wenn des ein Neonazi ist, dann kommt mindestens einmal das Wort Jud vor.

Schaller: Jaja, das ist richtig. (Lacht hell auf).

FORVM: Wenn man sich die ganzen Bekennerschreiben durchliest. Also ich hab’ eine ganze Menge denen einmal erzählt, was aber eigentlich, wenn man gutes Archivmaterial, zugänglich, also wenn man weiß, wo man suchen muß, ja. In der Geschichte.

Jaromin: Bekennerschreiben kommen ja selten vom Täter.

Schaller: Jaja, auch das.

FORVM: Noch dazu. Und was haben Sie beim Bekennerschreiben — die waren bei mir.

Schaller: Wer?

FORVM: Die ETB stand am Sonntag vor vierzehn Tagen bei mir in der Türe.

Schaller: Warum?

FORVM: Ich hatte einen Computerexperten beauftragt, sich dieses Bekennerbriefschreiben sich anzuschauen. Der hat gesagt — das, was alle Anwälte zugeschickt bekommen haben, das war schon eine Kopie von einer Kopie, das heißt, das ist ausgedruckt auf einem Laserprinter, nicht auf einem Matrixdrucker oder Nadeldrucker. Da könnte man ja auf Grund der Druckstärke verifizieren, welche Maschine das war, beim Laserprinter ist das unmöglich.

Schaller: Unmöglich?

FORVM: Unmöglich (Schaller lacht auf.) Und außerdem ist es mit Sicherheit ist es ein Laserprinter oder eine Kopie, weil leichte Staubreste auf bestimmten Buchstaben zu finden sind, die ja unvermeidlich sind bei einer statischen Aufladung von einer Glasplatte. Das nächste, was ich ihm erzählt habe, ist: Wir haben dann ausgezählt, sämtliche Begriffe. Ausländerfeindliche Begriffe sind es — jetzt habe ich das nicht mit — sind es siebenundzwanzig, zweihundertsechsundfünfzig sprengtechnische, hundertsiebenundachtzig militärische Ausdrücke, neunundsechzig politische Ausdrücke, sechsundfünfzig juristische Ausdrücke, nur siebenundzwanzig ausländerfeindliche Ausdrücke. Also das kommt mit Sicherheit irgendwo aus monarchistischen Militärkreisen, dieses Bekennerschreiben, der zumindest mit Behörden, mit Verwaltungsrecht oder Justiz oder zumindest militärrechtliches Wissen hat, weil sonst kann der das so nicht so schreiben.

Schaller: Unglaublich.

FORVM: Sagen die: Glauben Sie das? Sag’ ich, na möglich, ein Neonazi war das nicht oder ein Nazi schreibt das nicht so. Die Nazis in Österreich sind einfach zu deppert. Schauen Sie sich den Herrn Küssel an ...

Schaller (lacht: ) Genau, genau, ein Volltrottel.

FORVM: Und der Herr Radel ...

Schaller: Eine Preßwurscht.

FORVM: Möglicherweise, der Herr Radel könnte möglicherweise, ja, irgendwelche Texte schreiben, das ist ein Philosoph, aber wissen Sie, daß der solche Aschenbecher hat, eine Bombe kann der nicht bauen, der darf sich nicht vergreifen, ja, sonst ist er nämlich in seiner Wohnung in der Otto Probst-Gasse in die Luft geflogen.

Schaller: Daher behaupten sie ja, er ist der Anstifter. Man muß sich das vorstellen, er hat den Binder gedungen dazu.

FORVM: Da kommt noch dazu, bei dieser ganzen Angelegenheit ...

Schaller: Bitte zahlen.

FORVM: ... die ich ziemlich klar sagen kann, daß die ETB keine Information, keine Ermittlungsergebnisse bekommt die in die Hand. Entschuldigen Sie, diese dilettantische Entsorgung dieser Bomben, die dilettantische Untersuchung. Jetzt haben sie’s in die Schweiz geschickt. Ob die Schweizer Labors besser ausgerüstet sind — angeblich — und andere Spuren finden. Und das Bekennerschreiben, das ist eine Bankrotterklärung sämtlicher erkennungsdienstlichen Abteilungen in unserem Land.

Schaller: Und wir waren einmal das Vorbild der Welt. Die Polizeidirektion Wien war Weltvorbild.

Jaromin: Heute auch. Aber wie kommt man an diese Information?

FORVM: Also ich sage Ihnen eines: nicht, weil ich den Radl so gut kenne, oder so mag, ich halte ihn für einen Spinner.

Schaller: Ja, das ist er.

FORVM: Er schadet dem nationalen Lager.

Schaller: Absolut. Absolut.

FORVM: Mit seinen blöden Aktionen ...

Schaller: Habe ich ihm immer gesagt. Seine Aufgabe ist zu studieren und was zu werden.

Jaromin: Werden, genau richtig, aus sich was zu machen.

FORVM: Und es ist so, daß ich es nicht zulasse, daß eine verbohrte Presse und verbohrte Leute, wenn sie keine Ermittlungserfolge haben, zwei Rotzg’schichten ...

Schaller: Schlachtopfer!

FORVM: Ja, aufbauen zu Tätern mit einer Medienkampagne, nicht ...

Jaromin: Die haben die Mentalität natürlich

Schaller: Jajaja. Völlig daneben.

Jaromin: Was machen die? Die machen Anzeigen von vierzehn oder sechzehn Autobesitzern, denen sind die Pneus aufgestochen worden. Da gibt es die Tagesbesprechungen, wo alles gesagt wird: Soviele Selbstmorde, Soviele Einbruchsanzeigen undundund. Was macht die Staatspolizei — mir gesagt worden, war nicht dabei. Macht einen Aktenvermerk, Anruf, des waren Leute von der Burger-Szene. Worauf die das benützen, jetzt umzurühren. Nicht.

FORVM: Wissen Sie, daß er den Skorzeny getroffen hat in Spanien. Ich bin ganz fertig gewesen, wie ich das gehört hab’.

Schaller: Hahaha.

Jaromin: Ist ja eh in der Zeitung gestanden.

Schaller: Ja wenn irgendetwas Konkretes ist, dann würde ich fast ...

Jaromin: Im Jänner glaube ich.

Schaller: Vom März. Seither ist nichts dazu gekommen.

Jaromin: Ah so.

Schaller: Nein, aber den habe ich natürlich der Presse gegeben. Aber nichts anderes.

Jaromin: Bei mir war folgendes: Im Februar läutet es, war ein Sonderkommando-Einsatz.

Schaller: Maria.

Jaromin: Nein, in Zivil, sehr freundlich. Ist bei Ihnen ein gewisser Willi beschäftigt? Sag’ ich nein. Kennen Sie einen Willi? Sag ich, ich kenn zig Willi, was meinen Sie? Blöd, ich hab ja gleich gewußt, wer es ist: Bei mir verkehrt, das heißt, ich kenne den Vater vom Ehmayer von — eine National-Konservative Partei hat er sogar gegründet.

Schaller: Aha.

Jaromin: Ein bißchen ein Spinner.

Schaller: Nie gehört.

Jaromin: Schwer schwarz, schwer schwarz, also sagen wir die alte österreich-patriotische, und und und, nicht monarchistisch, aber ein ehrlicher Mensch zumindestens. Und nachdem ich mir ja keine Angestellten leisten kann und er da seine National-Konservative Zeitung schreibt, sagte ich, schreibt bei mir. Hab’ ich wenigstens einen beim Telefon.

Schaller: Jawoll, Telefondienst. Sehr gescheit.

Jaromin: So, was war? Der ist auch bei Studentenverbindungen und so weiter.

Schaller: Ach so. Der Sohn?

Jaromin: Der Sohn, eh klar. War folgendes: Kriegt der einen Anruf von einem Journalisten, ja, am 6. Dezember, Krampustag. Er soll für, er soll den sogenannten Küssel-Nachfolger, Endress, eine Verbindung schaffen, die wollen ihn interviewen. Hat der gewußt irgendwie, der Endress ist in der Küssel-Wohnung wohnt. Weil er selber keine Wohnung hat. Deswegen wird er ja als Küssel-Nachfolger wird er gehandelt.

Schaller: Aber er ist ein intelligenter Bursch.

Jaromin: Worauf der von mir aus anruft in der Küssel-Wohnung. Dort rennt ein Anrufbeantworter, erreicht niemanden. Sagt, ich glaub’, Gerd heißt der Endress oder so ähnlich irgendwie, wenn Du z’haus kommst, rufe mich an, ich bin die ganze Nacht erreichbar unter 712 6226, so.

Schaller: Maria. Hahaha.

FORVM: Wird ja abgehört.

Schaller: Na klar.

Jaromin: Ist ja wurscht. Die haben das ausgewertet, das war am 6. Dezember, und im Februar kommen die.

Schaller lacht schallend: Das ist aber wahr?

Jaromin: Worauf der sehr, wie soll ich sagen, sehr konzilliant war, sagt, was ist Ihre Meinung, fachlich? Sag’ ich, eine Gruppe war es sicher nicht. Sagt er, wieso? Sag’ ich, weil in der STAPO Spitzel drinnen ist.

FORVM: Also unglaublich, was sich da abspielt, wirklich unglaublich.

Schaller: Völlig klar.

FORVM: Vor allem ist die Geschichte nämlich total daneben, jetzt hab ich’s vergessen, was ich sagen wollte.

Jaromin: Schauen Sie, der Nationalsozialismus war eine Kompromißlösung, politisch, zwischen Kommunismus im Osten und Kapitalismus im Westen. Genauso wird es wieder zu einer Kompromißlösung kommen, zwischen Kapitalismus und den Kommunisten, wird es geben. Wird es geben müssen.

FORVM meets VAPO und wird deren Mitglied

Gegen 20 Uhr des selben 14. März besucht das FORVM, im Schlepptau von Jaromin, die Währinger Wohnung von Gottfried Küssel. Jaromin wird von den Anwesenden — u.a. Wilhelm Ehemayer (Mitarbeiter der Firma Jaromin), Anton Baumgartner, Herbert Schweiger — freudig begrüßt. Einer bespricht mit Jaromin die Möglichkeiten einer Wiederaufnahme seines Verfahrens. Jaromin erzählt, daß Schaller kaum reale Chancen sieht, beim OGH einen Wiederaufnahmeantrag durchzubringen. Anschließend stellt er das FORVM als neuen Mitarbeiter vor: »Ein Nationaler und Bekannter von Schaller.«

Einer bringt eine Kiste Diebl Altbier, die er von Kameraden in Norddeutschland als Geschenk für die Bude erhalten habe.

Jaromin erzählt, er habe von der FPÖ den Auftrag erhalten, einen Informationsdienst einzurichten: »Also Burschen, wenn ihr Material über linke Sauereien hört, dann sagt’s mir des.«

Gegen 23.00 beginnt das übliche »Abtrinken« des Abends und das FORVM wird zur Mitgliedschaft bei der VAPO eingeladen — es sagt mit Begeisterung zu, lehnt aber Gewaltakte ab. »Ich bin nur für gewaltfreie Aktionen zu haben«, sagt es. Man fragt nach dem zweiten Vornamen, um das FORVM dann zu unterweisen: »Immer wenn Du mit uns in Kontakt treten willst, dann melde Dich nur mit Deinem zweiten Vornamen.« Jaromin meint dann: »Wenn sich der Kamerad Reinhold bewährt, mache ich ihn zum Kanzleileiter.« Einer flüstert dem FORVM zu, es solle dies nicht so ernst nehmen, denn immer wenn Jaromin etwas getrunken habe, dann verspreche er einem das Blaue vom Himmel. Gegen Mitternacht geht das Treffen zu Ende.

Was wir dort sonst noch besprochen haben? — Als volkstreues, wenn auch eisern gewaltfreies Mitglied der VAPO, wird niemals und nichts und niemanden jemals verraten, Euer altes FORVM

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1995
No. 496-498, Seite 63
Lizenz dieses Beitrags:
Copyright

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