FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1988 » No. 411/412
Jürgen Langenbach

Unter Brüdern

Die Erblast ist drückend. Denn es ist nichts mehr da für jene Generation, die um die Jahrhundertwende geboren ist, das deutsche Bürgertum hat abgewirtschaftet und hinterläßt seinen Söhnen hohle Phrasen und leere Taschen. Nimmt man die „Kinderstube“ [1] als Annäherung an die Charakterstruktur der sinkenden Schicht, dann ist es um das restliche Haus nicht besser bestellt, unversöhnbar klaffen Repräsentationsräume und kümmerliche Hinterzimmer, auftrumpfende Gebärde und schrumpfende Tat- sprich: Kaufkraft auseinander. „Nun war ich in einem Beamtenhaushalt aufgewachsen“, erinnert sich Ernst von Salomon, [2] „und erinnerte mich sehr wohl des ständigen Unbehagens, welches durch die Diskrepanz zwischen einem schmalen Einkommen und dem Zwang zu einem standesgemäßen Auftreten verursacht wurde ... So lernte ich schon frühzeitig verachten, was mein Vater bitter die ‚bürgerliche Fassade‘ nannte“ (F 210), den Glanz der Waren, die man sich nicht leisten kann, und den Pomp der Worte, die den Mangel bis zum Überdruß füllen müssen.

Mögen die Väter die Fassade zu retten suchen, in dem sie sich ihr gleich machen, mögen sie erstarren wie Senatspräsident Schreber oder im Dünkel verbittern wie Salomon senior — die Söhne halten sich beim Abklopfen der Stukkatur nicht lange auf:

Meine Eltern haben vier Söhne in die Welt gesetzt ... Alle vier haben nach einem vorsichtigen Überschlag bis jetzt etwa zwanzig Jahre ihres Lebens hinter Kerkermauern oder Stacheldraht verbracht. Ich darf wohl hinzufügen, daß in jedem einzelnen Fall der Freiheitsberaubung nichts anderes als Anlaß vorlag als gerade ein ausgeprägter Freiheitsdurst. (F 220)

Ernst von Salomon zieht seine Familienbilanz im Jahr 1950, er ist 48 Jahre alt und müde geworden im Kampf um die Freiheit. Nun sitzt er vor dem Entnazifizierungsfragebogen und soll, wie jede/r andere Deutsche auch, in 131 Positionen die Bilanz seines bisherigen Lebens legen: Sieger im Weltkrieg ist das Bureau geblieben, das nach dem Ende auf englisch fragt, was es vorher auf deutsch hatte wissen wollen. „Die Registratur ist die sublimste Form des Terrors, jene, aus der alle Formen des Schreckensregiments (der Nazi J. L.) überhaupt erst resultierten. Ein Mann in der Kartei ist schon ein so gut wie toter Mann.“ (F 40/41)

Da mag er sich lebend stellen, so listig er will, da mag er die 131 Fragen mit peniblem Pflichteifer und 700 Druckseiten Antwort konterkarieren — es nutzt ihm nicht nur deshalb nichts, weil das Bureau übermächtig ist. Sondern auch und vor allem deshalb, weil er in jenem Gefängnis, gegen das er sein Leben lang anrennt, ebensolang unvermerkt einsitzt.

Denn der Freiheitsdurstige hat nie herausgefunden aus der Zwangsgemeinschaft von Ordnung und Menschenjagd. Salomons Vater war Beamter der Kriminalpolizei und hat in Preußen die Daktyloskopie eingeführt, die Wissenschaft vom Ergreifen eines Menschen bei seinen Fingerabdrücken. Im übrigen war dieser Vater von einem „ganz ungewöhnlichen Fleiß, einem fressenden Ehrgeiz und einer fast ans Pedantische grenzenden Korrektheit“ (F 144), das wandelnde Preußenstereotyp mithin, gerade grob genug gezeichnet in seinem Muff, um die Revolte seiner Söhne zu motivieren.

Viel mehr läßt v. Salomon über seine Kindheit nicht verlauten, sein sorgsam konstruiertes Selbstbild setzt nicht mit der biologischen, sondern mit der gesellschaftlichen Geburt ein, symbolträchtiges Datum inklusive. „Und wir schrieben den 9. November 1913“ (K 33) — der 9. November wird uns später wieder begegnen —, als Ernst von Salomon in der Kadettenanstalt aufgenommen wird, er ist gerade elf Jahre alt geworden.

Auf dem Kasernenhof stehen nebeneinander fünf Recks und vor ihnen fünf Kadetten. „Langsam schwangen sie an, dann schwangen sie herum in der Riesenwelle, einer neben dem anderen, fünf kerzengerade Leiber, in exaktem Takt, keiner schneller und keiner zurück, fünf Riesenradien in pfeifendem Schwung. Nun stehen sie unbeweglich auf der schwankenden Stange ..., dann zucken die Knie an die Brust ... und fünf Körper schießen zur Erde ... und fünf stehen stramm, fünf trainierte Körper und jede Faser in Zucht.“ (K 55)

Ein Automotor könnte nicht präziser laufen, und ein Maschinengewehr auch nicht, da turnen keine Menschen, da rotieren Maschinenversatzstücke so lange, bis sie genug Schwung haben, um zu schießen. Nur die Achse, um die sich alles dreht, ist eine allzu griffige Metapher, die Brüder im Geiste Preußens brauchen ihre Hände für anderes, sie kreisen nicht um einen Gegenstand, ihr fixer Punkt ist die fixe Idee. „Als das Wort von der verdammten Pflicht und Schuldigkeit geboren wurde, da wurde Preußen geboren.“ (K 7) Und das Wort ward Fleisch: „Sie sind hier, um zu lernen, was Ihrem Leben erst die letzte Bedeutung verleiht“, begrüßt ein Offizier die frisch rekrutierten Kadetten und weiht die „Zehn-, EIf-, Zwölfjährigen“ ein in den Sinn ihres Lebens: „Sie sind hier, um sterben zu lernen!“ (K 29) Denn so einfach stirbt es sich nicht bei den Preußen. „‚Sterb’ Er anständig, Junker!‘, rief der Preußenkönig einem stöhnenden, verwundeten Kadetten zu.“ (K 8) Noch im äußersten Leid will die Ordnung über Gefühl und Individualität triumphieren, deshalb wird beides den Leibern schon im Leben ausgetrieben. Der begrüßende Offizier kommt rasch zum Ende seiner theoretischen Ausführung und geht zur Praxis über: „Sie haben von nun an keinen freien Willen mehr ... Stillgestanden!“ (K 29)

Die Erstarrung ist die eine Seite der Uniform. Sie fängt beim Körper an und hört beim schlichten Gehorsam noch lange nicht auf, auf dem Kasernenhof steht, anders als im moralisch gebrochenen und ökonomisch wankenden Bürgerhaus, die ganze Welt still, „eins war ihm hier ganz nahe und ganz stark: Daß er zum ersten Mal in seinem Leben hier unter einem Gesetze stand, und nicht unter einer Willkür“ (K 41). Unter einem Gesetz, das mühelos die unsinnigste Körperverrenkung zum Höhepunkt der Moral- und Staatsphilosophie zu weihen versteht. „Hier gewann selbst das Unscheinbarste seinen zwingenden Sinn. Aus einer einfachen Ehrenbezeigung (dem mechanischen Hand-an-den-Kopf-Reißen, mit dem der Soldat den Soldat grüßt J. L.) entwickelte sich das Symbol der Unterwerfung unter eine beide Seiten verpflichtende Autorität mit ihrer fruchtbaren Wechselwirkung ... Nicht um die Dinge zu wissen, war nötig, sondern ihnen hingegeben zu sein.“ (K 53) Allzulang macht die Hingabe an die Dienstordnung allerdings auch nicht satt. „Wir haben manchmal nicht gewußt, ob das alles richtig ist, was wir tun“, verrät außerdienstlich ein Ausbilder, „und dann haben wir so eine Leere gespürt“ (K 83).

Das Gegen- und Betäubungsmittel heißt Exerzieren und ist der Uniform andere Seite. „Exerceo“, belehrt das Wörterbuch, steht nicht nur ganz allgemein für „einüben“, sondern detailliert auch das Know-how: „in rastlose Bewegung setzen ... bearbeiten ... unaufhörlich beschäftigen ... quälen“. An all dem herrscht auf dem Kasernenhof kein Mangel. Jeder Rekrut wird, auf daß er jede Eigenständigkeit fahren lasse, ununterbrochen in Bewegung gehalten, geschliffen, bis er selbst nichts mehr ist als Bewegung, klappernde Form ohne Inhalt, einer wie der andere, Uni-Form. Im Gleichschritt wird über die Individualität hinweg zu „Gesichtern eines Typs“ (K 230) marschiert, „geschlossene Gesichter, die Augen geradeaus“ (K 227), nicht nach links und nicht nach rechts. Denn links und rechts lockt und droht die Welt, und näher links und rechts stapfen dieselben Serienprodukte im selben Schritt und Tritt: Der Prozeß der Vermassung läßt sich unter zwei Perspektiven beschreiben, Bezugspunkt ist jeweils die individuelle Charakterstruktur, nicht irgendeine zählbare Menge: In der Wandlung zur Masse lösen alle Differenzierungen und Schichtungen, beispielsweise die der psychoanalytischen Es/Ich/Überich-Topik, sich auf in Leere, in leere Ordnung und leere Bewegung. Und weil die eine Leere der anderen Leere nichts zu sagen hat, ist der Prozeß der Vermassung zugleich der Prozeß der Isolation. Zusammengehalten werden sie einzig durch etwas, das sie selbst nicht kennen:

Im Grunde lebte ich (in der Kadettenanstalt J. L.) völlig einsam ... Hier war kein Leben und kein Streben von Mensch zu Mensch gerichtet, und doch herrschte eine unverbrüchliche Gemeinschaft; denn der Sinn jedes einzelnen war auf ein und dasselbe, ein Drittes, Unsichtbares, Unaussprechbares ... gerichtet. (K 46/47)

Salomon hat einen Kameraden verpfiffen, zur Strafe wird er bäuchlings auf einen Tisch gelegt, ein schon fertiger Soldat hält ihn am Kopf fest, zwanzig andere stehen, mit Peitschen bewaffnet, um ihn herum und machen endlich auch ihn fertig:

Ich biß die Zähne zusammen und spannte meinen Körper an. Dann sauste der erste Hieb. Ich zuckte hoch, aber Glasmacher hielt fest, und dann hagelte es hernieder ..., ein wahnsinniges Feuer vor harten, klatschenden Schlägen. Meine Hände griffen umklammernd an den Tischrand, ich schlug mit Knien, Schienbein und Zehen rhythmisch auf, den rasenden Schmerz zu bannen, nun schien sich alle Qual durch den Körper hindurch auf den Tisch zu pflanzen, immer wieder prallte ich mit Hüften und Lenden gegen das mitzitternde Holz, jeder Schlag lud erneut das Bündel aus Muskeln, Haut und Blut und Knochen und Sehnen, bis der ganze Körper sich in Spannung dehnte, und drängte, nach unten durchzuplatzen. Ich gab meinen Kopf ganz in Glasmachers Hände, sperrte mich mit einem Ruck und lag schließlich stöhnend still. (K 51)

Wenn die Masse aus ihrer Erstarrung erwacht, dann schlägt sie zu, und wenn sie zuschlägt, dann entkommt das Opfer nur durch Identifikation mit dem Aggressor. Der beschriebene Orgasmus ist ein Initiationsritus: Der Körper lernt, jene Gewalt, mit und zu der er zusammengeschlagen wird, weiterzuleiten auf alles, was noch nicht zusammengeschlagen ist. Die Tischplatte ist nur der Anfang, daher der nach vorn gebannte Soldatenblick: Er hält Ausschau nach dem ominösen „Unsichtbaren“ — nach neuen Opfern. Sie müssen seine Leere füllen, und dies um so dringlicher, je reiner Ordnung und Bewegung seinen Körper beherrschen, je vollendeter die Hacken zusammenknallen, je präziser die Hand- und Gewehrgriffe sitzen. „Wer sollte es ertragen können, daß Übung immer Übung bliebe? Denn da kaum eine Bewegung um ihrer selbst willen geschah, konnte auch keine, beendet, Befriedigung erzeugen.“ (K 55) Der Horror vor dem eigenen Vakuum ist die Triebkraft der Masse, das perpertuum mobile ist erfunden: Je mehr In-sich-Stehendes vom Bewegungsrausch erfaßt, respektive erschlagen ist, desto mehr muß hineingezogen werden, heute Deutschland, und morgen die Welt. Die ersten Kadettenjahrgänge rücken ein in den Weltkrieg, Salomon ist noch zu jung und muß zuschauen:

Der Oberst hob die Hand an den Helm. Das Regiment trat auf der Stelle, viertausend Beine hoben sich auf einen Zug und stießen wieder auf den Boden, frei weg, die Beine wie an der Schnur gezogen, und hieb sie nieder auf Gras und Grund ... Die Erde stäubt vom hundertfältigen Schritt, die Erde stöhnt und dröhnt ... (Die erste Kompanie marschiert los J. L.) Zweihundertfünfzig Beine reißen in grausamem, unaufhaltsamem Rhythmus die Leiber vor ... Die zweite Kompanie, die dritte, die vierte. Immer von neuem wälztes sich heran ..., das ganze Regiment wie eine tief in Reihen gegliederte Maschine, unerbittlich, exakt ... Der Waldrand scheint zurückzuweichen, die Erde bebt und bäumt sich auf ... Die Mauer dieser aus Zucht geborenen Körper, das ist die Front, das ist die Grenze, der Angriff ... (K 87)

„Was produziert die Maschine?“ (II 179), fragt K. Theweleit in seinen „Männerphantasien“ (Frankfurt, 2 Bände, 1977/78) und gibt nach Lektüre der Salomon-Passage eine halbgare Deutung: „Die Maschine Truppe (Hervorhebung J. L.) produziert zunächst sich selbst; sich selbst als Ganzheit, die dem einzelnen Soldaten einen neuen Körperzusammenhang verleiht“ (II 182). Die „soldatischen Männer“ — in meiner Redeweise: „Masse“ — haben demnach kein Ich und keinen Objektbezug ausbilden können und investieren deshalb ihre ganze Kraft in die Erhaltung ihrer Grenze, ihres Körperpanzers bzw. dessen Eingliederung in umfassendere Einheiten. Im Inneren des Körperpanzers brodelt irgendein Unbewußtes, draußen lockt irgendeine Erfüllung, aber sie können — im Guten — zusammen nicht kommen, die Grenze wehrt sich gegen ihren Zusammenbruch. Also kommen sie in Mord und Totschlag zusammen, der Körperpanzer zertrümmert die Außenwelt, auf daß sein Inneres Ruhe gebe.

So weit, so entmottet, Theweleit räumt viel orthodoxes Gerümpel beiseite. Und putzt es neu auf: Wo kommen sie denn her, die soldatischen Männer? Vom Kasernenhof. Und woher noch? Wenn ein Kasernenhof als Maschine funktioniert, gilt dann nicht auch der Umkehrschluß? Theweleit verbaut ihn, indem er nach der „Maschine“ fragt und mit der „Maschine Truppe“ aftwortet: Er will den Erkenntnisgewinn Salomons rückgängig und die Identität (je)der Maschine mit dem Militär vergessen machen. Deshalb geißelt er Charly Chaplins geniale Darstellung des Fließbandes („Modern Times“), in der die Arbeiter an der Maschine zappeln wie sonst nur die Soldaten beim Exerzieren, als Ausgeburt bürgerlicher Vorurteile, die „die Maschine als Monster“ nehmen, „statt des Kapitalisten, der die Monster gezeugt hat“ (I 324).

Da hat der Kapitalist einiges zu tun, ist doch die unschuldige Produktion — vor des Kapitalisten Vergewaltigung — für Theweleit nichts Geringeres als „lebenzeugend“ (I 269): „Die menschlichen Produktionen führen im allgemeinen ihrem Gegenstand Leben zu. Es ist die lebendige Arbeit eines Handwerkers, der aus einem Baum einen Tisch ..., die lebendige Arbeit einer Mutter, die aus einem Neugeborenen einen Menschen entstehen läßt. Die Produktion dieser Männer (der soldatischen J. L.) verfährt gegenteilig ... Sie ist die Verwandlung von Lebendigem in Totes.“ (I 269/270)

Trotzdem hat an der Handwerkerbrust bislang noch kein Tisch zu gehen begonnen, im Gegenteil, erst muß einmal der Baum getötet werden. Theweleit sitzt Äquivokationen auf: Jede Arbeit, auch die des Tötens, auch die der „soldatischen Männer“, ist lebendige Arbeit, und ihr Gegensatz ist nicht die „tötende“, sondern die tote Arbeit, die früher bereits geleistete Arbeit, die der lebendigen Arbeit in Gestalt der Arbeitsmittel (Werkzeug, Technik) gegenübertritt. Und über ihre Qualität entscheidet: Im Werkzeug liegt die tote Arbeit einfach griffbereit herum, in der Maschine steht sie von den Toten auf: „Die Autorität des Dampfes ... (kümmert sich) keinen Deut um die individuelle Autonomie ... Der mechanische Automat einer großen Fabrik ist um vieles tyrannischer, als es jemals die kleinen Kapitalisten gewesen sind ... Wenigstens was die Arbeitsstunden betrifft, kann man über die Tore der Fabriken schreiben: Laßt alle Autonomie fahren, die Ihr eintretet! Wenn der Mensch mit Hilfe der Wissenschaft und des Erfindergenies sich die Naturkräfte unterworfen hat, so rächen diese sich an ihm, indem sie ihn, in dem Maße, wie er sie in seinen Dienst stellt, einem wahren Despotismus unterwerfen, der von aller sozialen Organisation unabhängig ist.“

Soweit Fr. Engels, dessen Analyse nur hinzuzufügen ist, daß im Zuge des Fortschrittes sich auch beim Verlassen der Fabrik keine Autonomie einstellen kann, weil einerseits die Arbeitsteilung bis hin zu stereotypen Handgriffen fortschreitet und andererseits die Welt außerhalb schwindet. Denn die Fabrik ist gefräßig und will wachsen.

„Drei Tage nach der Kriegserklärung trug ich die Ungewißheit unserer Lage nicht länger, ich ließ mich melden beim Chef des Allgemeinen Kriegsdepartements“ (27), [3] der den Konzernherrn Walther Ratenau nicht lange warten und die Ungewißheit zur Gewißheit werden läßt: Die Vorräte des deutschen Heeres sind minimal und den Aufbau einer industriellen Infrastruktur hat der militärische Generalstab glatt vergessen. Deshalb tritt ihm Rathenau als „wirtschaftlicher Generalstab“ zur Seite, er baut im Kriegsministerium die „Kriegs-Rohstoff-Organisation“ auf und stellt von dort aus die gesamte Industrie auf Kriegsproduktion um. Autarkie heißt die eine Seite des Programms, staatlich geregelter und doch flexibler Kapitalismus die andere. Kriegswichtige Rohstoffe dürfen nur noch in kriegswichtige Produkte gehen, aber welche Produkte damit wie hergestellt werden, bleibt der Unternehmerinitiative überlassen.

Mit diesem Rezept verlängert Rathenau den Krieg derart erfolgreich, daß sein kongenialer Erbe Albert Speer, der Rüstungsminister Hitlers, dem „großen jüdischen Organisator des Ersten Weltkrieges“ in seinen „Erinnerungen“ die Reverenz erweist (223). Allerdings ist Speer nur als Organisator kongenial und macht sich über den Zweck des Ganzen keine Gedanken. Rathenau denkt weiter. „Der Krieg war kein Unfug und kein Mißgeschick“, analysiert er im Nachhinein, „sondern er ist eine Weltrevolution, und diese Weltrevolution ist noch nicht beendet ... Beendet aber ist die Epoche, in der eine Handvoll erhobener Menschen in kriegerischen Uniformen und sorgsamen Gehröcken ... im Namen einer mechanisierten Weltordnung ... Leben und Tod verteilen.“ (266)

Rathenau war kein hurrapatriotischer Kriegstreiber, er hatte ihn nicht gewollt, den Krieg, diesen Krieg, und schon im August 1914 hat er vor einem bösen Ende gewarnt: „Nie wird der Tag kommen, wo der Kaiser (der deutsche Kaiser J. L.), als Sieger der Welt, mit seinen Paladinen auf weißen Rossen durchs Brandenburger Tor zieht. An diesem Tag hätte die Weltgeschichte ihren Sinn verloren. Nein!“ (249)

Warum hat er dann für diesen Krieg und diesen Kaiser die Hochrüstung betrieben? Er will den Krieg für seine „Revolution“ instrumentalisieren, will als Dritter lachen, wenn zwei Spielformen desselben Übels gegeneinander aufmarschieren.

Das Übel heißt „Mechanisierung“ und seine eine Variante ist der fortgeschrittene Kapitalismus mitsamt der Großen Industrie. „Mit Entsetzen durchschreitet ein denkender Mensch die Straßen und erblickt die Kaufläden, Magazine, Warenlager und Arbeitshöfe. Schauderhaft häßlich, gemeinen Lüsten dienend, nichtig und hinfällig ist das meiste ...: Schein und abermals Schein“ (114) und eben blendend genug, um die Menschen zur „Gerätetollheit“ (K 58) und in einen „beispiellosen Warenhunger“ (K 97) zu treiben. Als Konsumenten kommen sie nicht mehr zu Ruhe, und als Produzenten auch nicht, am Fließband sehen die Arbeitenden „keinen Anfang und kein Ende“ (K 84) ihrer Arbeit und ihrer selbst und verkümmern zum „Arbeitsdrang“ (K 34). Kurz und schlecht: „Die mechanistische Lebensform ist ein Kreislauf ohne Ziel, eine sich selbst verstärkende Maschinerie“ (K 89).

Noch verderblicher als der mechanisierte Fortschritt ist einzig sein Kriegsgegner, die mechanisierte Rückschrittlichkeit der Deutschen, näher: Der Preußen. Sie haben zwar „vorahnend“ die Mechanisierung schon betrieben, „noch bevor sie zum Weltprinzip geworden war“ (353). Aber sie setzten nicht auf der unteren Ebene, in der Produktion, an, vielmehr auf halber Höhe, in Verwaltung und Militär. Dort nimmt die Mechanisierung in den preußischen Tugenden — Sachlichkeit, Gewissenhaftigkeit, Disziplin etc. — Gestalt an und blockiert ihren eigenen Fortschritt, die industriellen Revolutionen haben andernorts stattgefunden, und die politischen erst recht. „Inmitten selbstverwalteter und selbstbestimmter Nationen blieben wir aus mangelndem Selbstbewußtsein, Willensträgheit und angeborener Dienstfertigkeit ein patriarchalisch geleitetes, von gottgesandten Fürstenhäusern und Herrenklassen bevormundetes Volk“ (328).

Nimmt man beide Stufen der Mechanisierung zusammen, dann hat man erstens eine bündige Analyse, die zweitens jenem Urteil zum Verwechseln gleicht, das Salomon über sein Elternhaus im besonderen und die Bürgerwelt im allgemeinen fällt: Lug und Trug, Lug der Waren, Trug der Phrasen, Stickluft. Die unterschiedliche Einschätzung der „Preußen“ hat ihren Grund eher in der unterschiedlichen Definition und fällt um so weniger ins Gewicht, als Rathenau seine Geschichtsphilosophie mit einer Rassentheorie überbaut, die auch Freikorpsschädeln angemessen ist: „In dem tausendjährigen Ringen um den Weltbesitz, das wir Geschichte nennen, siegte Intellekt und Zahl über Gesinnung und Tradition“ (K 130), siegte der „Furchtmensch“ über den „Mutmenschen“, der erfindungsreiche Knecht über den kraftstrotzenden Herren. Der „Furchtmensch“ hat die „Mechanisierung“ hervorgebracht, er findet sein Behagen am Glanz der Waren und in den geistlosen Proklamationen des Kaisers.

Der Unterschied zwischen Rathenau und Salomon liegt zunächst nur darin, daß der eine unten aus der Gesellschaft herausfällt und sie von dort aus in die Luft sprengen will, während der andere eine Revolution von oben im Sinn hat. Sie hatte sich gut angelassen, im Rausch der ersten Kriegsbegeisterung fallen („preußische“) Standesschranken und („kapitalistische“) Überproduktion. Der „Volksstaat“ (195) kündet sich an und die „Gemeinwirtschaft“ (185), zusammen sollen sie die Macht der Mechanisierung brechen.

Sofern nicht der symbolträchtige 9. November 1918 das blutige Spiel unterbricht. Salomon kommt zu spät. „Ich sah unterwegs die Bekanntmachungen des Arbeiter- und Soldatenrates und stand davor und las und las und verstand kein Wort und wußte nur, daß dies feindlich war“ (G 16). Dies, dies ist zunächst einmal das Ende des Krieges, dann aber auch das Ende der alten Autorität, die Preußen danken ab, Salomon kann und will kein Wort verstehen, er ist der fleischgewordene preußische Staat, und nun hat ihn der Staat verlassen.

Aber der Staat kann ihn gar nicht verlassen, er wohnt schließlich in seiner Brust, nach einem kurzen Zusammenbruch sattelt Salomon um und macht mit dem eigenen Fleisch Staat. „Wo war Deutschland? ... Deutschland war da, wo um es gerungen wurde ... Deutschland war an der Grenze ... Wir zogen aus, die Grenze zu schützen, aber da war keine Grenze. Nun waren wir die Grenze.“ (G 48-50)

Salomon ist in ein Freikorps eingetreten, eine jener marodierenden Mörderbanden, die den Krieg auf eigene Faust fortsetzen. Mit dem „Seeräuberlied“ (G 53) auf den Lippen und unter der schwarzen Fahne des Störtebeker ziehen die „Hamburger“ gen Osten, durchs halbe Baltikum, wo sie nichts verloren haben, aber etwas finden wollen. „Das Wort ‚Vormarsch‘ hatte für uns ... einen geheimnisvollen, beglückend gefährlichen Sinn. Im Angriff erhofften wir die letzte, befreiende Steigerung der Kräfte ... hofften wir, die wahren Werte der Welt in uns zu erfahren.“ (G 52) Aber die Hoffnung ist von vornherein betrogen, befreit wird einzig die Steigerung selbst, immer mehr Opfer müssen immer schneller niedergemacht werden. Die „Hamburger“ hetzen von einem Schlachten ins nächste, sie lassen sich durch nichts aufhalten, „wo ein Befehl die Fronten (der übrigen Freikorps J. L.) in Starre band, da machten die Hamburger für sich allein Krieg“ (G 53). Die einmal losgelassene Bewegung überholt unablässig sich selbst, die Semantik kann kaum folgen. „In wahnsinnigem Tempo war die Abteilung vormarschiert ... sauste ... überrannte ... stürmte ... jagte verbissen ... mit rasendem Ingriff ... kam fiebernd, heulend, mit letzter, angespannter Kraft eben zurecht“ (G 59) zur blutigen Klimax.

Zur Vereinigung von Maschine und Masse. „Das Gewehr bebte zwischen meinen Knien wie ein Tier ... War es nicht, als spürte ich an den zuckenden Metallteilen des Gewehrs, wie das Feuer in warme, lebendige Menschenleiber schlug? Satanische Lust, wie, bin ich nicht eins mit dem Gewehr? Bin ich nicht Maschine — kaltes Metall?“ (G 73) Nicht ganz, der menschliche Körper setzt der Bewegungswut Grenzen, ohne die Maschine könnte er kein Feuer spritzen. Und umgekehrt bleibt die Maschine kein kaltes Metall, es handelt sich um ein wassergekühltes Maschinengewehr, das nicht nur Saft speit, sondern auch Saft braucht. „Ich reichte den Wasserkasten herum, und wir füllten ihn unter schlechten Witzen auf eine sehr natürliche Art“ (G 118), sie urinieren hinein.

Natürlich kommen dem Blutrausch zur Übertünchung seiner selbst die dicksten Phrasen gerade recht — „Statthalter dieser Provinz für die noch ungeborene Nation“ (G 81) wollen sie sein —, aber Salomon ist, das hebt ihn unter den Freikorpstliteraten) hervor, kein schlichter Schlagetot, er hält fest an seiner Fiktion vom preußischen Staat, jenem abstrakten Gebilde aus verdammter Pflicht und Schuldigkeit. Deshalb ist er kein Nazi: Preußen ist ein Prinzip, und insofern Vernunft — Volk und Führer (statt Staat) und ihr gemeinsames Handeln nach Willkür (statt Pflicht) sind nackte Natur. Salomon verachtet sie.

Und ebenso „natürlich entsprang der Antrieb der Freikorps nicht solchen Erwägungen, sie handelten viel eher, wenn ihnen das Blut zu Kopfe stieg“ (NG 118) und haben deshalb zur Verachtung der braunen Konkurrenz wenig Grund. Denn sie rennen die Differenz zwischen ihnen und den anderen selbst in Grund und Boden, ihr Weg führt von der leeren Ordnung über die leere Bewegung zur leeren Welt. „Wir hatten nichts mehr von menschlichen Gefühlen im Herzen. Wo wir gehaust hatten, da stöhnte der Boden unter der Vernichtung ... Eine riesige Rauchfahne bezeichnete unseren Weg. Wir hatten einen Scheiterhaufen angezündet, da brannte mehr als totes Material, da brannten unsere Hoffnungen, unsere Sehnsüchte, da brannten die bürgerlichen Tafeln, die Gesetze und Werte der zivilisierten Welt.“ (G 104)

Aber der Reichstag brennt erst später. Der Spuk der Freikorps wendet sich nach Berlin und findet dort im Kapp-Putsch zunächst ein Ende. Kein Ende findet der Bewegungsdrang: „Jetzt muß jeder seinen eigenen Kampf angehen!“ (G 133) Salomon, inzwischen siebzehn Jahre alt, hält Ausschau.

Inzwischen ist auch für Rathenau der 9. November 1918 gekommen. Das Volk ist des Krieges müde, und die Oberste Heeeresleitung ruft in Panik nach dem Waffenstillstand, nur einer hat immer noch nicht genug. Am 7. Oktober veröffentlicht Rathenau in der „Vossischen Zeitung“ seinen Aufruf zum Totalen Krieg inklusive Volkssturm. „Wer die Nerven verloren hat“, heißt es dort unter Anspielung auf Ludendorff, der Ende September die Nerven verloren und allabendlich den Zusammenbruch der Front erwartet hatte, „der muß ersetzt werden“, und wer die Nerven noch hat, der möge vortreten: „Die nationale Verteidigung, die Erhebung des Volkes muß eingeleitet werden ... Wer sich berufen fühlt, mag sich melden, es gibt ältere Männer genug ...“

Folgt, später einmal, die blutige Doppelpointe. Ausgerechnet Ludendorff wird die Dolchstoßlegende erfinden, ausgerechnet Rathenau wird zu den Sündenböcken („Erfüllungspolitiker“) gehören.

Folgt, zunächst, doch der 9. November. Die Volksmassen haben sich von Rathenaus Appell nicht mitreißen lassen, Rathenau bricht zusammen und weint, nach den Erinnerungen des Max von Baden, „wie ein Kind.“

Aber er ist ein erwachsener Mann und erholt sich rascher als Salomon, anderntags entdeckt er eine neue List des Weltgeistes, die „Revolution“ soll nunmehr der Niederlage entspringen. Politisch, ökonomisch und militärisch hat Deutschland ausgespielt — bleibt ein allerletzter Weltherrschaftsanspruch: „In diesem Augenblick ergreifen ... wir Deutsche abermals die Verantwortung für das Denken der Erde“ (267). Denn „unsere faustische Seele ist nicht tot“ (330): „Geist tut not. Der Welt nicht mehr und nicht weniger als uns; doch sie wird ihn nicht schaffen.“ (ebd)

Weil aber auch faustische Geister von Luft alleine nicht leben, sucht Rathenau, nunmehr als Außenminister, die Verständigung des Deutschen Reiches mit seinen Kriegsgegnern. Darin ist er erfolgreicher als mit seiner innenpolitischen Utopie: Aus der Not der niederliegenden Nachkriegswirtschaft soll die Tugend einer Gemeinwirtschaft wachsen, die der dauernden Produktion neuer Bedürfnisse und neuer Macht ein Ende bereitet und die „verruchte Bruderknechtschaft“ (278) der Klassengesellschaft durch die Aufhebung des Erbrechtes aus der Welt schafft. Was sich nicht aus der Welt schaffen läßt, „die Wurzel des Übels“ (ebd): die mechanische Arbeit hinter den Fabrikstoren, löst Rathenau pragmatischer und phantasievoller als Marx und Engels: „Der Grundsatz des Arbeitsausgleichs verlangt: daß jeder mechanisch Arbeitende beanspruchen kann, einen Teil seines Tagewerks in angemessener geistiger Arbeit zu leisten; daß jeder geistig Arbeitende verpflichtet ist, einen Teil seines Tagewerks körperlicher Arbeit zu widmen.“ (339)

Alles zusammen bereitet nur den Boden. Zwar soll das neuerweckte Verantwortungsgefühl auch den Produktionsziffern nicht schaden, aber „der Sinn aller Erdenwirtschaft ist die Erzeugung idealer Werte“ (53): „Indem wir das Wachstum der Seelen erschauen und verkünden, bereiten wir seinen Weg durch den Aufbau der Mittelwelt, die auf Materie ruht und im Erhabenen gipfelt.“ (ebd)

Nach dem scharfsichtigen Furchtmenschen und Großindustriellen Rathenau betritt der Mutmensch und Großschriftsteller Rathenau den Souffleurkasten des Welttheaters und überbietet dort just jene Logik, die ihm an der Großen Industrie mißfällt: „Die transzendente Aufgabe lautet: Wachstum der Seele.“ (29) Und mit der einfachen Überproduktion gibt er sich bei seiner Parallelaktion nicht zufrieden: „Es kann und muß etwas beispiellos Großes geschehen!“ (102)

Nur was? „Uralt ist der Intellekt ... Jung ist die Seele, ihre Sprache ist noch ein Stammeln“ (102), aber gerade daraus zieht sie ihre Kraft und ist „doppelt ergreifend, weil sie sich anklagt, was sie ersehne, das wisse sie nicht“ (K 127), zum Ersatz wolle sie jedoch um so rascher dort sein. „Wir irren und stammeln und staunen an den Pforten des Bezirks, in den unsere Sprache nicht reicht, doch ewige Gewißheit treibt uns vorwärts“ (136) zu immer dickeren Phrasen: „Verantwortliche Herrschaft ist Dienst am idealen Gedanken ... Opferndes Schaffen aber ist tätige Liebe, die höchste Bürgschaft unseres transzendenten Rechts“ (127).

Salomon sagt es nur noch unbeholfener. Ihm fehlt Rathenaus Prophetengebärde, ihm fehlt auch der Humor, mit dem R. Musil dieselbe (im „Mann ohne Eigenschaften“) glossiert. Damit fehlt ihm auch jede Mißverständlichkeit. „Der Sinn, der Sinn? Im Wagnis lag der Sinn! Der Marsch ins Ungewisse war uns Sinn genug!“ (G 116) und der „Vormarsch“ im Baltikum hätte auch „nach Moskau führen können, er hätte rund um die Welt führen können“ (NG 43) — solange nur die Sinnleere via negationis gefüllt wird: „Die Etappen dieses Vormarsches und schließlich sein Ziel setzt allein der Widerstand“ (ebd). Wo es noch etwas niederzumachen gibt, dort treibt es sie hin.

Je länger, desto drängender. „Heißere Leidenschaften werden entfacht von höherem Willen“ (139), und wo der Komparativ nicht hinreicht, „umfaßt dereinst ein jeder die äußersten Grenzen seiner Kräfte“ (131), der „reinen Kräfte, die das künftige Willensdasein bewegen“ (124). Bewegungsrausch und Reinheitswut bringen sich immer in denselben Steigerungsformen zu Wort, die Zitate stammen diesmal allerdings von Rathenau, aus seinem Buch „Von kommenden Dingen“.

„Ich las die ganze Nacht hindurch“ (G 142), dann legt Salomon die „Kommenden Dinge“ aus der Hand, mitgerissen vom „drängenden Suchen“, abgestoßen von der „mageren Antwort“ (ebd). Denn so mager sie auch ist, die politisch-pragmatische Seite Rathenaus, sie ist doch praktikabel. Und deshalb ist die Salomon und seinen Mitverschwörern zu fett. „Er ist gefährlich“, urteilt der Kopf des Mordkommandos, der Rathenau als „Furchtmenschen“ durchschaut und darum fürchtet: „Wenn dieser Mann das Volk ... noch einmal emporrisse zu einem Willen, zu einer Form, die Willen und Form sind einer Zeit, die im Kriege starb, die tot ist, dreimal tot, das ertrüge ich nicht.“ (G 213)

Das Opfer bedroht seine Mörder, es ist ihnen zu eng verwandt, „das Blut dieses Mannes soll unversöhnlich trennen, was auf ewig getrennt werden muß“ (G 216), die Bewegung von ihrer Verunreinigung. Rathenau steht Salomon an revolutionären Impetus nichts nach, beide wollen die erstarrte Bürgerwelt niederrennen, beide erheben das ziellose Weiterrennen zum Ziel. Aber Rathenau denkt unterwegs schon an die Mittel, seine Bewegung ist verunreinigt mit dem Pragmatismus, mit dem er an den Bau neuer Fundamente geht. Ihm wäre es zuzutrauen, daß er sich an die Spitze der Bewegung setzt und sie in Bahnen lenkt.

Salomon überlebt das Attentat, er sitzt seine Strafe ab und spielt am Schreibtisch das verlorene Spiel noch einmal durch. Er verdichtet die freiheitsdurstigen Brüder Salomon zu einer Kunstfigur, die in der „Stadt“ von einer politischen Position zur nächsten hetzt, bis sie die Zirkel von links nach rechts (oder umgekehrt) durchwandert hat und von einem Polizisten mit dem Zaunpfahlnamen Brodermann erschossen wird.

Nicht von den Nazi, Salomon überlebt auch sie und denkt darüber nach, warum die Brüder im Geiste Preußens das Spiel verloren haben. „Es war nicht ganz klar, was diese Leute da (die Nazi J. L.) eigentlich wollten, aber sie wollten es wenigstens mit Entschiedenheit“ (F 36). Aber das wollten die Preußen auch. „Und diese da behaupteten, keine Partei zu sein, sondern eine Bewegung, und Bewegung, das war es, was not tat“ (ebd). Aber dieser Meinung waren die Preußen auch. Sie wollten die Bewegung nur (irgendwann) mit einer Ordnung überbauen, ihre fixe Idee vom Staat wird ihnen zum Verhängnis. Die Nazi überbieten sie — so wie sie zuvor Rathenau — an Reinheit, das Triebwerk der endlich reinen Bewegung ist „gerade der Verzicht des Nationalsozialismus, aus einer Theorie, aus einer geistigen Einheit des Sinnes zu handeln“ (F 634).

Die Preußen salutieren zum Gruß und deuten damit auf ihren ganzen Ballast, die Nazi heben ihren Arm und rufen einen Namen. „Noch niemals hatte es ein Mensch gewagt, seinen Namen in die persönlichste Beziehung einzuflechten, in den Anruf. Es forderte dies ein Maß von Entselbstung“ (F 334), der Befreiung von der Last eines Selbst, mit dem nicht einmal der Freiheitsdrang der Brüder Salomon mithalten kann. Deshalb ist er auch weniger erfolgreich. Die Nazi fordern die Entselbstung — oder auch: Vermassung — nicht, sie bieten sie an. Das Bedürfnis danach wird andernorts geweckt.

[1Vorliegender Text versteht sich als Mittelteil einer schmalen Trilogie zur Psychologie der faschistischen Masse. Der erste Teil wurde im letzten FORVM unter dem Titel „Preußische Kinderstube“ publiziert.

[2Ich stütze mich auf E. v. Salomons autobiographische Schriften und zitiere nach: „Die Geächteten“, 1962 (1929); „Die Stadt“, 1932; „Die Kadetten“, 1957 (1933); „Nahe Geschichte“, 1936; „Der Fragebogen“, 1961 (1951); verlegt allesamt bei Rowohlt. Zur Kennzeichnung gebe ich jeweils den Anfangsbuchstaben.

[3Ich zitiere nach dem von H. W. Richter herausgegebenen Auswahlband „Walther Rathenau. Schriften und Reden“ (S. Fischer 1986, 1964) und gebe den dort fehlenden Aufsatz „Zur Kritik der Zeit“ nach der Erstauflage von Rathenaus „Gesammelte Schriften. In fünf Bänden“ (S. Fischer 1918) und mit der Kennzeichnung K.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1988
, Seite 12
Autor/inn/en:

Jürgen Langenbach:

Geboren 1950 in Lahr (Deutschland). Studierte Philosophie und Sozialwissenschaften in Freiburg im Breisgau und schloss 1980 seine Dissertation an der Uni Wien ab. Als Wissenschaftsjournalist arbeitete er u.a. für „Falter“ und „Standard“. Seit 2002 schreibt Langenbach für „Die Presse“ und ist auch als Buchautor tätig, unter anderem über den Philosophen Günther Anders.

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