FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1969 » No. 184/I
Kurt Greussing

Nenning in uns, Kreisky in uns

I.

ZWINGT NENNING RAUS! Die Anhänger des einen, des Gewitzten und Trickreichen, waren in Erwartung eines finessengespickten Schauspiels gekommen, heimlich sich sehnend, der strahlende Siegfried möge an der Hinterlist dieser Welt scheitern, auf daß germanischem Todestrieb und dem Nibelungenlied neuerlich Erfüllung beschieden sei. Die Fans des andern, des cleveren Harten, waren weniger lyrisch besaitet und feuerten ihren Champion mit Rufen an, wie: „Hau eam zsamm, des Gfraßt, tritt eam eine, dem Pülcher!“

Doch was sich als knallharter Fight angelassen hatte, endete zur grenzenlosen Enttäuschung des Publikums in einer — wenngleich kühlen — Umarmung. Die Blutrünstigen mit ihrer etwas undifferenzierten Präferenzstruktur beruhigten sich denn auch bald, sie waren eigentlich schon mit dem prächtigen Muskelspiel ihres Idols zufriedengestellt. Nicht so die Ballettfreunde: sie hatten von ihrem Liebling einen Wirbel intelligenter Attacken erwartet, tänzelnde Schrittkombinationen, gefolgt von blitzschnellen Schlägen. Und am Schluß natürlich ein tristesse-umflortes Begräbnis des Helden, damit auch die Melancholie zu ihrem Recht komme.

Doch nichts von alledem. Jetzt riefen sie „Schiebung“, und ihrer Schöngeistigsten einer, Humbert Fink nämlich, rächte sich gar damit, im ORF das nachzudenken, [1] was alle andern auch schon dachten: daß das Trachten des vormals so Mutigen eher politischer Ranküne denn einem Logensitz im Walhalla der Unbeirrbaren gelte. Was nämlich im Nibelungenlied nicht vorgesehen war, hier trat es ein — Siegfried entpuppte sich unversehens vom blonden Recken zum wendigen show-businessman, dem „öfter mal was Neues“ mehr zusagte als die treudeutsch-beharrliche, jedoch „unterdessen langweilig gewordene Fortführung“ eines Familienstreits.

II.

Das Verhältnis der Gesellschaftskritik zu ihrem Gegenstand scheint in Österreich einer höchst einseitigen Abhängigkeit unterworfen zu sein. Allein, es kann schon nicht die Rede davon sein, Kritik in diesem Land verhalte sich irgendwie zu ihrem Objekt, vielmehr hält sie sich an ihm fest, verklammert sich darin. Sie strickt an den Netzen der Herrschaft betulich weitere Maschen hinzu, unfähig, eine Distanz zu finden, die erst ein Verhältnis zur Gesellschaft erlaubte, das mehr wäre als ein eingeplantes Komplement der Macht, mehr als die Rolle des Hofnarren, dessen fürwitzige Späße den Herrschenden jenes wohlfeile Gefühl der Relativierung verschaffen sollen, das ihnen die weiterhin ungebrochene Absolutheit ihrer Macht um so schmackhafter erscheinen läßt.

Macht erfährt sich subjektiv stets nur an ihrer Verhältnismäßigkeit, am „es könnte auch anders sein“, und wo sie dies nicht durch Terror an den „andern“, den außer ihr Stehenden, zu erfahren vermag, hat ihr machtlose Kritik Verständnis und Gefühl ihrer selbst zu erbringen.

Derartiger Kritik ist vornweg ihr wirkungsloser Idealismus immanent. Moralisierende Treibjagden auf Bösewichte sind denn auch die gängige Beschäftigungstherapie, die die Kritiker bei der Feder, das Volk bei Laune und die Herrschenden an der Herrschaft hält.

Denn eine spannend inszenierte Hatz, die zitternden Hände des einst mächtigen Angeklagten in Großaufnahme im TV, das kompensiert für die eigene Machtlosigkeit (auch die des Kritikers), das macht das anonyme Publikum zu imaginären, doch in ihrem Selbstverständnis durchaus realen Richtern. Ihnen wird die Beschränkung, so sie nur durch die Massenmedien massenhaft und dadurch uneinsehbar wird, nachgerade zum Subsistenzmittel ihres ohnmächtigen Daseins.

Galionsfigur des Protestes

Die gelegentliche Verfolgung von Erscheinungen der Macht leistet die gelenkte Befriedigung des Bedürfnisses, sich in der verordneten Aggression freizuspielen, wodurch Macht selbst und ihre Voraussetzungen jeglichem Zugriff entzogen bleiben sollen.

Kritik greift nicht weiter aus als zur unverbindlichen Transkription ihrer Objekte ins vermeintlich Positive. Fern aller politischen Praxis, d.h. aktiver Veränderung des Kritisierten, verfällt sie individueller Moralisiererei. Solche Dialektik bleibt in sich geschlossen, das Darüberhinaus wird schon im Ansatz ruiniert: dort, wo Kritik, die nur Systemeffekte kritisiert, sich selbst als dankbar geduldeten Effekt eines folglich dankbar zu duldenden Systems begreift. Das Bestehende sei zwar schlecht, so heißt es, doch das Beste, in dem zu leben wäre. Entsprechend bezieht sie ihre Position: „Der alltägliche Ärger mündet in Schweigemärsche, die zuvor angemeldet und genehmigt wurden“ (Günter Grass).

Es führte wohl in platteste Apologie, nun zu meinen, der Teil sei einmal nicht besser als das Ganze, und Kritik in einer zurückgebliebenen Gesellschaft wie der österreichischen müsse ebenso zurückgeblieben sein wie diese. Schlechte Mechanistik war immer schon eine gute Verklärung jener Mechanismen, die sie nicht durchschaute. Der Weg von der zum Zwang erhobenen Ratlosigkeit zur Dummheit, die mit Präpotenz zu kaschieren sucht, was sie in der Analyse nicht zu leisten vermag, ist folglich nur kurz. Bei Herbert Eisenreich liest sich das — „Geist, richtig schöner Geist“ (W. Neuss) — in einem „Nachruf zu Lebzeiten“ so: [2]

Er wähnte — in einer uns unverständlichen Hybris —, die Kunst habe nicht die Funktion, unsere Meinung zu ändern, sondern die, unsere Haltung zu formen. Wie wir in Wahrheit über den Israelkonflikt oder über die Hungersnöte in Indien denken, das offenbare sich, nach Eisenreich, nicht in dem, was wir diesbezüglich meinen, sondern in dem, was wir unabhängig davon tun; und ein Schriftsteller deutscher Zunge könne angesichts des Israelkonflikts oder angesichts der Hungersnöte in Indien nichts Besseres tun als: möglichst gute deutsche Sätze schreiben.

Ein Engagement bei ORF konnte bei so gutem Deutsch schwerlich ausbleiben.

Die etablierte politische wie kulturelle Kritik markiert in Eisenreich ungetrübt, was als Tendenz durchgängig in ihr angelegt ist: die bruchlose Eingliederung in das System vereinzelnder Arbeitsteilung. Kritik machen die Kritiker, Politik die Politiker. Und die übrigen schauen zu.

III.

Günther Nenning ist nicht Herbert Eisenreichs Gegenstück. Erstens macht er außer guten deutschen Sätzen noch was anderes, und zweitens hat er’s nicht nötig, sich seinen Nachruf selbst zu schreiben. Gleichwohl verdeutlicht auch er jenen desolaten Zustand österreichischer Kritik, in den unweigerlich jedermann gerät, der unter politischen Galionsfiguren als Galionsfigur des Protests sich zu etablieren gezwungen ist.

Zweifelsohne hat Nenning nicht die wenigsten Ingredienzien zu diesem seinem Image beigesteuert. Doch kann hier nicht der Ort sein, subjektives Verhalten zu werten, zumal später noch darauf zu verweisen sein wird, wie sehr Nennings Position als Starkritiker (und er handelt durchaus im Bewußtsein, ein solcher zu sein) gerade Produkt der objektiven Schwäche aller kritischen Opposition in Österreich ist.

Die Machtlosigkeit der Kritik in Österreich besteht als Ergebnis jener Fehlentwicklung seit 1848, die etwa in Deutschland ein Treitschke mit dem Hinweis zu apologisieren wußte, die Gesellschaftswissenschaft (und Kritik hätte, auch in der Literatur, sehr wohl Gesellschaftswissenschaft zu sein) sei eine Wissenschaft ohne Gegenstand. Denn die Gesellschaft sei entweder Sache der Staatswissenschaften oder der Polizei. Da die Polizei nicht gut in ein Moment der Kritik umfunktioniert werden konnte, blieb nur noch die Staatswissenschaft.

Also wurden die Kritiker Staatswissenschafter, kritische Staatswissenschafter wohlgemerkt, und da der Staat ja doch nicht so ganz „wir alle“ ist (das hatten die kritischen Staatswissenschafter bald erkannt), sondern eher die, die ihn regieren (das hatten die kritischen Staatswissenschafter bald geglaubt), ging’s ans eifrige Kritisieren von Charaktermasken. Daß die Kritiker da unversehens selbst zu Charaktermasken werden, entspringt der unausweichlichen Dialektik von resignativer Abseitshaltung der Massen und opportunistischen Windmühlenkämpfen der Kritiker.

Wo nämlich kritisches Potential sich ohnmächtig glaubt, nicht praktisch wird, sondern das NEUE FORVM liest, deriviert es sein Selbstverständnis aus der Identifikation mit der „Macht“ des Starkritikers. Die publizistich wohlverwertbaren Kämpfe der Verbalgladiatoren ersetzen den Beschauern aktives politisches Engagement dort, wo von ihnen selbst Freiheitsträume geschaffen werden müßten: an den Universitäten, Schulen, in den Kirchen, Betrieben, Massenmedien.

Der Starkritiker gerät so nolens volens zum Blitzableiter, der die ungerichtete, weithin unartikulierte, da mit keiner adäquaten Praxis korrespondierende Unzufriedenheit seines Publikums bindet. Selbst offenbare Fehlleistungen, obwohl auf die wahren Dimensionen verweisend, können da bestenfalls nur noch Mißverständnisse erzeugen.

Die Auseinandersetzung Nenning—Kreisky, mit so hochpolitischen Attributen sie von Nenning anfangs bedacht wurde, entrang sich quick zum „Familienstreit“, dessen Ende nun die weithin geglückte Identifikation mit Nenning plötzlich in Frage stellt. Statt aber nun zu erkennen, daß hier tatsächlich ein Familienstreit, nicht aber politisch aktivierende Kritik stattfand, sehen sich die Beschauer auf ihre ohnmächtige Position zurückgeworfen, finden sich — Fortsetzung des apolitischen Idiotismus [3] — von ihrem ehemals so frappierenden Boxidol verraten.

Eine Triebfeder solchen Verhaltens mag Projektion heimlicher Todessehnsucht sein, der Wunsch nach des Heroen rauschendem Untergang, der so als Alibi für die Aussichtslosigkeit eigener Aktivität stünde. Das Leichenbegängnis hätte sie dann alle am Grabe des NEUEN FORVM versammelt, und Solidarität wäre — durchaus angemessen — in protestschwangeren Trauerreden zum Ausdruck gekommen.

Nicht um Nenning geht es, sondern um die Verhältnisse, die Nenning notwendig machen. Nicht um die subjektiven Motivationen für seinen Haltungswechsel geht es, nicht um dieses beliebte Rätselsujet, das den Ohnmächtigen gegenüber den Großen bleibt, wenn sie ihre eigene Haltung nicht zu ändern imstande sind. Es gilt vielmehr, die Personifizierung von Konflikten ihrer ablenkenden Wirkung zu überführen, Autoritarismus nicht an Personen dingfest zu machen, auf daß von den Strukturen der Macht abgelenkt werde. Denn „Kreisky“ ist nicht nur in der SPÖ — wer weiß schon, ob er überhaupt dort ist.

Macht vergegenständlicht sich nicht zuletzt in der angstvollen Passivität des einzelnen, in Angst, die natürlich Verhältnisse zwischen Personen bezeichnet, doch mehr als Personen: nämlich die abgeriegelten Möglichkeiten, sich mit den andern durch politische Praxis zu größerer Freiheit zu befördern. Diese Möglichkeiten heißt es aufzubrechen, und in diesem Aufbruch die Stellvertreter des Protestes und ihre Popanze hinter sich zu lassen.

[1Ö1, 27. Februar, 19.35 Uhr, Kulturpolitische Perspektiven. Text hinter Greussings Text. — D. Red.

[2„Die Presse“, 15./16. Juni 1968.

[3Vereinzelung, Privatheit.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1969
, Seite 267
Autor/inn/en:

Kurt Greussing:

Jg. 1946, studierte an der Hochschule für Welthandel, Wien, Mitarbeiter des Fernsehens, Sozialist neu-linker Observanz. Mitglied des Verbandes Sozialistischer Studenten, FORVM-Mitherausgeber.

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