FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1969 » No. 186/187
Helmut Kentler

Kommt die Gruppenehe?

Wer jung verheiratet ist, merkt es noch nicht. Die ersten Wochen und Monate haben die beiden genug mit einander zu tun, um sich nicht zu langweilen, und sie finden das Alleinsein in der Zweisamkeit schön.

Irgendwann aber merken sie, wie sehr sie das Verheiratetsein von ihrem Bekanntenkreis isoliert: Der Lebensstil und die Interessen von Verheirateten und Unverheirateten sind zu verschieden; der verheiratete Mann ist für die Nochjunggesellinnen, die verheiratete Frau für die Nochjunggesellen uninteressant geworden.

Eingesperrt in die Enge des sozialen Wohnungsbaues, ohne das Zusammenleben gelernt zu haben, fällt es schwer, die ersten Konflikte so zu regulieren, daß beide daraus lernen.

Das sind die beiden entscheidenden Gründe: soziale Isolierung und Schwierigkeiten im Zusammenleben. Sie führen immer mehr junge Leute dazu, sich mit Gleichgesinnten zusammenzutun und eine Wohngemeinschaft zu gründen.

Sie meinen, daß die heutige Form der Ehe und Familie Schwierigkeiten und Probleme schafft, die nicht mehr individuell gelöst werden können, da sie strukturell bedingt sind. Neue Formen des Zusammenlebens müssen gefunden werden.

Etwa zwanzig Wohngruppen in Berlin habe ich im Laufe der letzten Monate untersucht. Keine gleicht der anderen. Was die eine Gruppe als selbstverständlich nimmt — zum Beispiel das Fortbestehen von Zweierbindungen —, wird in der anderen als Problem gesehen, so daß mit Gruppenpromiskuität experimentiert wird.

Bei aller Verschiedenheit gibt es jedoch Schwierigkeiten, die allen Gruppen gemeinsain sind.

Da ist erstens die Raumfrage. Ich kenne Wohngruppen, die einen Schlaf-, einen Wohn-, einen Eßraum für alle gemeinsam haben, Hier ist häufig starker Mitgliederwechsel zu beobachten. Kaum einer hält die Selbstkontrolle durch, die das enge Zusammenleben fordert.

Auch mit der Auflösung jeglicher Intimität durch den Zwang, ständig in der Gruppe zu existieren, ist kaum fertig zu werden: Es fällt schwer, sich vor den anderen gehen zu lassen, und wer es tut, wird häufig den anderen lästig.

So kommt es zu Spannungen, sogar heftigen Aggressionen. Es mag zwar sein, daß Individualität mit dem Bedürfnis nach Privatheit und Intimität ein Erziehungsergebnis ist — einmal erworben, läßt sie sich jedoch ebenso schwer ausrotten wie eine Naturanlage.

Auf längere Dauer ist Gruppenleben nur möglich, wenn jedes Mitglied seinen eigenen Raum hat. Daneben sind Räume nötig, die Zusammensein ermöglichen, zumindest ein Wohnraum und eine Küche, in der alle gemeinsam kochen und essen.

Ein zweites Problem: „Reflexionsfähigkeit.“ Das Gruppenleben macht die Schwierigkeiten jedes Zusammenlebens nicht einfacher. Sie vervielfachen sich und werden komplizierter. In Gruppen wohnen setzt darum Dauerreflexion auf hohem Niveau voraus.

Es kommt immer wieder die Einehe heraus

In den meisten Gruppen ist die gemeinsame Reflexion institutionalisiert; in einigen trifft man sich möglichst täglich, meist nach dem Abendessen, zur Diskussion. Sie hat nur Sinn, wenn sie sehr offen geführt wird: offen im Aussprechen der eigenen Bedürfnisse, Wünsche, Strebungen, offen in der gegenseitigen Kritik.

In einigen Gruppen werden bei diesen Diskussionen auch psychoanalytische Kenntnisse verwertet. Das kann zu einer neuen hierarchischen Struktur in den Gruppen führen, die sich äußerst repressiv auswirkt: Wer Freud am besten kennt oder von dem die anderen das glauben, gewinnt Autorität, die unbewußt zur Unterdrückung der anderen eingesetzt wird: „Darin zeigt sich doch gerade, daß ich deinen Komplex richtig beschrieben habe, wenn du dich so heftig dagegen wehren mußt!“

So wenig hilfreich sich der laienhafte Gebrauch der Psychoanalyse auswirkt, so positiv sind die Folgen, wenn Außenstehende an den Gruppendiskussionen teilnehmen. Sie verhindern, daß die Gruppe „betriebsblind“ wird. Bringen sie Kenntnisse der Gruppenforschung mit, können sie als Berater fungieren und der Gruppe helfen, daß sie nicht unnötiges Lehrgeld zahlen muß.

Außenstehende vermuten meist, das Zusammenleben mit Gruppen werde gesucht, um leichter sexuelle Befriedigung zu finden. Sie wären sicher enttäuscht, wenn sie zusehen könnten, wie harmlos sittsam es in den meisten Wohngruppen zugeht.

Mir ist bisher kein Fall bekannt geworden, wo der Versuch, Promiskuität in den sexuellen Beziehungen der Gruppenmitglieder herzustellen, gelungen wäre. Wo die Wohngruppen längere Zeit existieren, kristallisieren sich — selbst wenn man sich dagegen wehrt — immer wieder Paarbeziehungen heraus.

Es ist ziemlich müßig, darüber zu streiten, ob Abbau überflüssiger Herrschaft in mehr oder weniger lang dauernden Paarbeziehungen möglich ist oder ob dazu Promiskuität nötig ist. Als Produkte bestimmter Erziehungsprozesse scheinen sich unsere kulturell überformten sexuellen Bedürfnisse mit dauerndem Wechsel der Beziehungen nicht zufrieden zu geben.

Vielleicht liegt es auch daran, daß lustvoll gar nicht die direkte sexuelle Befriedigung, sondern nur die verzögerte, umwegig genossene Befriedigung erlebt wird, und daß das „Drum und Dran“ der Beziehung — Liebe, Verstehen — den Grad der Befriedigung mitbestimmt.

Tatsache ist jedenfalls, daß ich nur solche länger dauernden Wohngruppen kenne, in denen dauernde Paarbeziehungen erlaubt sind. Bei gegenseitiger Anerkennung und Achtung der zusammenlebenden Paare zeigt sich dann, daß in Wohngruppen Paarbeziehungen sogar leichter durchgehalten werden können, weil die Partner bei der Lösung von Spannungen und Konflikten nicht auf sich allein angewiesen sind und weil ihre Zweierbeziehung durch die Beziehungen zur Gruppe bereichert wird.

Es ist eine Frage, ob das Herrschaftsverhältnis, das in unserer Gesellschaft nach wie vor die Beziehungen zwischen Frau und Mann bestimmt, so lange nicht aufgehoben werden kann, wie die Ehe als Dauerbeziehung bestehen bleibt, oder ob dieses Herrschaftsverhältnis nicht vielmehr in der üblichen Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau begründet ist. Die Lebenspraxis wird darauf einmal Antwort geben.

Kinder ohne Ödipus

Jedenfalls aber kann man heute schon feststellen, daß das Zusammenleben der Geschlechter in Wohngruppen große Möglichkeiten bietet, die Emanzipation der Frauen weiterzutreiben, auch wenn eheähnliche Paarbeziehungen bestehen bleiben.

Das Wohnen einer Gruppe in Großwohnungen ist billiger als das Leben zu zweit. Teure Maschinen und Geräte können zur Vereinfachung der Hausarbeit angeschafft werden und rentieren sich schnell.

Da sich alle an den anfallenden Hausarbeiten beteiligen, können auch die Frauen berufstätig sein. Müssen kleine Kinder versorgt werden, ist es in manchen Wohngruppen üblich, die Elternrollen jeweils für ein Jahr von einem Ehepaar ausüben zu lassen: Dieses Ehepaar bleibt zu Hause, während alle anderen für den Lebensunterhalt sorgen.

Diese Befreiung der Frau von der Nur-Hausfrauen- und Nur-Mutter-Rolle ist der eine Vorteil, den die Wohngruppe bietet. Ein anderer Vorteil entsteht dann, wenn die Kinder aller von allen gemeinsam erzogen werden und dadurch die frühen Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen nicht auf ein Elternpaar beschränkt bleiben.

Da die sonst so enge Bindung an einen Vater und an eine Mutter bei diesen Kindern nicht entsteht, ist es sehr wahrscheinlich, daß für sie keine Ödipussituation entsteht und daß sie folglich auch ohne Ödipuskomplex erwachsen werden können.

Voraussetzung ist allerdings, daß sih die Erwachsenen auf grundlegende Erziehungsziele und -methoden einigen und dadurch den Kindern jene leicht durchschaubare Ordnung bieten, die sie brauchen, um sich sicher fühlen zu können. Bestehen in Wohngruppen unterschiedliche Erziehungsstile nebeneinander, dann reagieren die Kinder mit Unsicherheitsgefühlen, die sich vorwiegend in gesteigerter Aggressivität und Tyrannisierung der Erwachsenen ausdrücken. Können sich die Erwachsenen einigen, dann ist eine sehr viel weniger repressive Kindererziehung möglich, als es die heute sonst übliche Kleinfamilie erlaubt.

Gegenüber den bisher genannten Problemen und Vorteilen haben weitere Fragen, die Außenstehende gewöhnlich für schwerwiegend halten, nur einen Stellenwert. So macht beispielsweise die Eigentumsfrage kaum einer Wohngruppe ernstlich zu schaffen. Meist kommt das Geld, da alle verdienen, in eine gemeinsame Kasse; manchmal zahlt jeder auch nur soviel von seinem Verdienst ein, wie die gemeinsame Haushaltsführung von ihm anteilsmäßig verlangt.

Die Anschaffungen für die Gemeinschaftsräume sind fast stets Gemeineigentum der Gruppe, aber in den „Privaträumen“ der einzelnen gibt es oft Privateigentum: Seine Möbel bringt gewöhnlich jeder selbst mit und behält sie auch für sich, zumindest aber gehören jedem eigene Bücher.

Nur in jenen Wohngruppen, die sich als Kommunen organisiert haben und meist auch eine Produktionsgemeinschaft bilden, gibt es ausschließlich Gemeineigentum.

Auf die Beziehungen der Gruppenmitglieder untereinander haben solche Regelungen jedoch dann keinen feststellbaren Einfluß, wenn aus dem Eigentum keine Besitz- und Herrschaftsrechte abgeleitet werden, das heißt, wenn jeder das Eigentum des andern zwar respektiert, aber mitbenutzen kann.

Man wird auch hier vorsichtig sein müssen, das Eigentum als lediglich „bürgerliches Relikt“ abzutun. In seinem Eigentum drückt sich die Individualität des einzelnen aus, und das bereichert die Gruppenbeziehungen, wenn mit dem Eigentum nicht Vorrechte verbunden sind, und wenn alle dieselbe Möglichkeit zur Eigentumsbildung haben.

Herrschaft über andere gründet im Besitz, nicht im Eigentum.

Überblickt man die bisherigen Erfahrungen aus dem Zusammenleben in Wohngruppen, kommt man zu folgendem Resultat:

Es ist kein Wunder, daß derartige Experimente bisher vorwiegend von intellektuell geübten Menschen gemacht wurden, denn die entstehenden Probleme verlangen hohes Reflexionsniveau.

Selbstverständlich entstehen neue Zwänge und Frustrationen, die aber von sozialen und kommunikationsfreudigen Menschen gern getragen werden, weil das Gruppenleben befriedigender für sie ist als das Leben zu zweit.

Auf lange Sicht könnten die Wohngruppen, wenn sie an Zahl beträchtlich zunehmen, zu einer grundlegenden Änderung unserer Gesellschaftsordnung führen, weil die Gewöhnung zahlreicher Menschen an herrschaftsfreie Kommunikation, Kooperation und Reflexion auch im öffentlichen Leben antiautoritäre Prozesse in Gang setzt, die sich letztlich demokratisierend auswirken müssen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1969
, Seite 427
Autor/inn/en:

Helmut Kentler:

Diplompsychologe, Abteilungsleiter für Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung beim Pädagogischen Zentrum, Berlin.

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