FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1977 » No. 287
Günther Nenning

Genet ist ein alter Tepp

Beitrag zur Gewalt-Diskussion

Sogar ohne das gehobene Bein einer Distanzierungsformel — riskieren wir’s.

M. S. (= Michael Siegert), Vorspann zu Jean Genet, Staatsschuld.
Die RAF hat recht, NF Oktober 1977

I.

Ich hingegen hebe das Bein, aus dem triftigen Grund, daß ich muß. Ich halt’s nicht aus, wenn linkes Gehirnschmalz dafür verschwendet wird, pseudolinkem Terrorismus die Rutsche zu legen. Wer das tut, besorgt das Geschäft des Gegners, schadet der Arbeiterbewegung, fördert die Umwandlung der parlamentarischen Demokratie, einziger Kampfboden für sozialistische Massenbewegung, in ein Regime, worin die Grundfreiheiten massakriert werden, damit jungbourgeoise Guerilleros und neototalitärer Staat ungestört Räuber und Gendarm spielen können.

Frei nach dem alten Bielohlavek, verewigt von Karl Kraus: Jean Genet ist ein alter Tepp.

Ich bin dagegen, daß ein solcher ungerügt bei uns zu Wort kommt, nur weil er weltberühmt ist und auf der ersten Seite von Le Monde stand. Ich fordere Druckfreiheit auch für Blödsinn, [1] aber mit gleicher Unerschrockenheit fordere ich Druckfreiheit für Vernunft, die zugunsten der Arbeiterbewegung operiert.

„Sie nahmen den Schleyer ...“ (Erich Fried)

Natürlich versteh’ ich alles.

Ich versteh’, daß im arbeitsteiligen Kapitalismus die Intelligenzija frustriert wird durch ihre häßliche Funktion, den Kasperl zu spielen, um die Leut’ von den wirklichen Problemen abzulenken — ich versteh’, daß gerade die sensibelsten Exemplare der Intelligenzija vor Begeisterung aufjaulen, wenn jungbourgeoise Klassengenossen wirklich tun, was sie selber sich nur geistig traun: Bomben schmeißen.

Ich versteh’, daß ein so prächtiges altes Intelligenzexemplar wie Genet seine bisherige Begeisterung für Kriminalität als Freiheitsgrad mit gleicher picksüß romantischer Überspannung weitertreibt zugunsten der viel schöneren politkriminellen RAF-Typen. Das sind jetzt seine Lieblinge.

Ich versteh’, wenn Michael Siegert, Rädelsführer im NF-Redaktionskindergarten, Beute dort grassierenden Linksfrustes, drauflosrattert: „Riskieren wir’s.“ Er weiß: die politische und materielle Verankerung dieser Zeitschrift im Raume der authentischen Arbeiterbewegung leisten andere, die auf Toleranz und Offenheit bauen können. M. S. riskiert gar nichts außer ein paar klammheimliche Schreibmaschinenschüsse.

Das alles versteh’ ich also. Aber wenn’s um die Wurst geht, heißt alles verstehen nichts verzeihen. Solcher Linksintelligenzija gehört eins auf den Deckel. Den Bürgerbubis und Bürgermädis von der Terrorszene gehört eins auf den Deckel. Aber von der richtigen Seite und auf die richtige Weise: Die Befreiung vom Terrorismus kann nur das Werk der Arbeiterbewegung selbst sein. [2]

II.

Das ist keine neue Aufgabe. Anarchistischer Terror ist stets Begleitmusik einer Frühphase der Organisation von Arbeiterklasse — einst der „alten“ Handarbeiterklasse vor der Jahrhundertwende, heute der „neuen Arbeiterklasse“ aus Angestellten, entstammend der Bourgeoisie, tätig als wissenschaftliche, managerielle, mediale Intelligenz, inklusive Studenten als Vorhut.

In solcher Frühphase scheint es jeweils hoffnungslos, die große Masse dieser Klasse zu mobilisieren durch langwierige politische Organisation. Terroristische „Propaganda der Tat“ soll diese Mobilisierung leisten ohne Plackerei, durch metaphysischen Zauberschlag. Revolution als Kunstwerk aus Dynamit.

Jubel der Intellektuellen für die Helden des terroristischen Aktionstheaters. Wie heute Genet und Sartre ihre Baader, Ensslin, Raspe lieben, so in den achtziger, neunziger Jahren Oscar Wilde, Paul Valéry, Stephan Mallarmé usw. ihre Politkiller Chavès, Ravachol, Henry.

Damals wie heute keine Rede davon, wie die von Genet zitierte unglückliche Ulrike dies meint, daß „die Aktion der Guerilla aufgezeigt hat, daß nicht das Volk vom Staat abhängig ist, sondern der Staat vom Volk“. Genau umgekehrt führen anarchistische Gewalttaten zur Beseitigung der Grundfreiheiten: Der sozialistischen Massenbewegung wird ihre wichtigste Waffe aus der Hand geschlagen. Bismarcks „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ (1878-1890) traf die authentische Arbeiterbewegung, die französischen „lois scélerates“ (1894) proklamierten bereits das Delikt der Nichtdistanzierung vom Terrorismus. Anarchistische Gewalttätigkeit ist konterrevolutionär. [3]

Daß solche Gewalttätigkeit gedeckt wird durch Marx — diese Behauptung ist eine besondere Frechheit der Anarcho-Terroristen und ihrer literarischen Liebhaber. Genet ist so ignorant, daß er den Marxschen Satz „Die Gewalt ist eine ökonomische Potenz“ dem Andreas Baader zuschreibt. Weder er noch Baader scheren sich natürlich drum, daß bei Marx („Kapital“, 1. Bd., 24. Kapitel) der Satz im Kontext einer wissenschaftlichen Schilderung der Gewalt steht, mit welcher der Kapitalismus sich die ökonomische Ausbeutung der Kolonien sichert. [4] Daß beliebig herumballernde Ausgeflippte eine ökonomische Potenz sind, ist reiner Blödsinn.

Nicht weniger unverschämt ist die Inanspruchnahme des Marxschen Satzes, den Genet wiedergibt, als lautete er: „Der revolutionäre Fortschritt bricht sich Bahn, indem er eine starke und einige Konterrevolution erzeugt, sich einen Gegner schafft, der die Umsturzpartei durch Kampf in eine wahrhaft revolutionäre Partei umschmiedet ...“ Soweit aus der Verballhornung kenntlich, stammt der Satz aus „Klassenkämpfe in Frankreich“ (1850). [5] Dort betrifft er einen „revolutionären Fortschritt“ und eine „Umsturzpartei“, welche Demokratie herstellen wollen gegen absolutistische „Konterrevolution“. In seiner Einleitung von 1895 zu diesem Werk hat Engels ergänzt, daß „revolutionärer Fortschritt“ und „Umsturz“ seit Einführung der Demokratie nicht in deren Beseitigung besteht, sondern in der Wahrnehmung von Wahlrecht, sonstigen Grundrechten und demokratischem Kampf um Positionen.

Dies alles auf die Schießübungen der RAF zu beziehen, ist ein Roßtäuschertrick. Die Geiselnahme des größten Theoretikers der authentischen Arbeiterbewegung durch Politkriminelle ist, wie alle ihre Geiselnahmen, ein Fressen für die Gegner, die draufhin desto begeisterter das Verbot aller sozialistischen, kommunistischen, marxistischen Ideen verlangen.

Hier, wie in ihrem sonstigen „gewaltsamen Aktionismus, der ... unausweichlich an den Rand des Todes führt“ (Genet), betreiben die Anarcho-Terroristen nicht nur ihre eigene geistige wie physische Vernichtung — Todestrieb ist bei Ultralinken immer im Spiel —, sondern die Vernichtung der authentischen Arbeiterbewegung in einer Zangenoperation, deren rechter Flügel von ihrer kapitalistisch gebliebenen Vätergeneration gebildet wird. (Vgl. G.N., Terrorismus, eine bürgerliche Familienaffäre, NF Oktober 1977.)

Der „neue“ Terrorismus wird geradeso bankrott machen wie der „alte“ des 19. Jahrhunderts.

III.

Dazu hat das NEUE FORVM beizutragen: nicht bloß durch Dokumentation ultralinker Texte, die in der BRD nicht mehr erscheinen können (insoweit waren die Anstrengungen der Anarcho-Terroristen erfolgreich), sondern durch saubere Analyse vom Standpunkt einer rigorosen Parteinahme für die wirkliche Bewegung zum Sozialismus. Heute, wo an jeder Ecke Medienterroristen lauern, allen Sozialismus als „Terror“ niederzumachen, soll man ihnen nicht die Freude bereiten, in ihre lustvoll offenen Messer zu rennen.

„Unzulässig und falsch“

Redaktionskonferenz 14. September 1977 (Beschlußprotokoll)

Anwesend: Siegert, Nenning, Seidl, Hopp, Pataki, Dvorak, [*] Goldberg, Rausch, Siegmeth, Geyrhofer, Aschner

Aus prinzipiellen politischen Gründen halten die Mitglieder des Vereins der Redakteure und Angestellten des NEUEN FORVM, insbesondere in ihrer Eigenschaft als Eigentümer der Zeitschrift NEUES FORVM, jede wie immer geartete Verbindung mit anarchistisch-terroristischen Gruppen für unzulässig und falsch.

Dieser Beschluß ist für alle Mitglieder des Vereins sowie für alle Angestellten des Vereins sowie der dem Verein gehörenden Schriften zur Zeit — Publikationsgesellschaft m.b.H. sowie für sonstige Mitarbeiter der erwähnten Organisationen bindend.

Sollte eine der vorerwähnten Personen gegen diesen Beschluß verstoßen bzw. im Namen der obenerwähnten Organisationen Erklärungen abgeben, die durch ausdrücklichen Beschluß der Mitgliederversammiung nicht gedeckt sind, so behält sich der vorerwähnte Verein alle geeigneten Schritte ausdrücklich vor.

Das nichtanwesende Vereinsmitglied Gerhard Oberschlick deponiert späterhin den folgenden Vorbehalt: „Verbindung ist wichtig aus journalistischen und politischen Gründen. Abzulehnen ist die Teilnahme oder. auch nur Ermutigung.“

[1Abdruck Genet wurde in Redaktionskonferenz beschlossen.

[2Das heißt: einzige wirkliche „Sicherheitsmaßnahme“ ist breiteste, angstfreie Öffnung der Demokratie für die Jugend; Darbietung einer Fülle von demokratischen Aktivitäten; Diskussion auch mit der „radikalen“ Minderheit, die in Wahrheit theoretisch und emotional schwach auf der Brust ist; eisernes Festhalten an den ungeschmälerten Grundrechten, viel mehr deren weiterer Ausbau; Sicherheitsapparat mit allen Finessen ausstatten, die nötig sind, aber fest in der Hand von Demokraten, vorzugsweise Sozialdemokraten.

[3Konterrevolutionär ist solcher Terrorismus, der keine kurz- bis mittelfristig erreichbaren realen Ziele hat, sondern die metaphysische Hoffnung, vereinzelte Gewalttat werde „das ganze System“ beseitigen. Anders steht es mit Terror, der in Übereinstimmung mit der großen Mehrheit einer Bevölkerung konkrete Ziele verfolgt, die mangels Demokratie mit anderen Mitteln nicht durchgesetzt werden können; bei Erreichung dieser Ziele erfolgt Umschwenken auf „normale“ politische Tätigkeit, vgl. PLO, Algerienkrieg, Andreas Hofer (Ziel: nationale Selbständigkeit), russischer „Nihilismus“ der achtziger Jahre (Ziel: Einberufung einer bürgerlich-parlamentarischen Konstituante); Tötung des Ministerpräsidenten Stürgkh durch den österreichischen Sozialdemokraten Friedrich Adler 1917 (Ziel: Rückkehr zum Parlamentarismus).

[4„Die verschiednen Momente der ursprünglichen Akkumulation verteilen sich nun, mehr oder minder in zeitlicher Reihenfolge, namentlich auf Spanien, Portugal, Holland, Frankreich und England. In England werden sie Ende des 17. Jahrhunderts systematisch zusammengefaßt im Kolonialsystem, Staatsschuldsystem, modernen Steuersystem und Protektionssystem. Diese Methoden beruhn zum Teil auf brutalster Gewalt, z.B. das Kolonialsystem. Alle aber benutzten die Staatsmacht, die konzentrierte und organisierte Gewalt der Gesellschaft, um den Verwandlungsprozeß der feudalen in die kapitalistische Produktionsweise treibhausmäßig zu fördern und die Übergänge abzukürzen. Die Gewalt ist der Geburtshelfer jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht. Sie selbst ist eine ökonomische Potenz.“ — „Das Kapital“, I. Bd. Kap. 24, MEW 23/779

[5„Nicht in seinen unmittelbaren tragikomischen Errungenschaften brach sich der revolutionäre Fortschritt Bahn, sondern umgekehrt in der Erzeugung einer geschlossenen, mächtigen Kontrerevolution, in der Erzeugung eines Gegners, durch dessen Bekämpfung erst die Umsturzpartei zu einer wirklich revolutionären Partei heranreifte.“ — „Klassenkämpfe in Frankreich“, MEW 7/11

[*J. Dvorak erklärt: „Nach diesem Artikel von G. Nenning ziehe ich meine Unterschrift zurück.“

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
1977
, Seite 36
Autor/inn/en:

Günther Nenning:

Geboren 1921 in Wien, gestorben 2006 in Waidring. Studierte Sprachwissenschaften und Religionswissenschaften in Graz. Ab 1958 Mitherausgeber des FORVM, von 1965 bis 1986 dessen Herausgeber bzw. Chefredakteur. Betätigte sich als Kolumnist zahlreicher Tages- und Wochenzeitungen sowie als Moderator der ORF-Diskussionsreihe Club 2.

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