FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1972 » No. 217
Ernest Mandel

Zur Krise des Sowjetkommunismus

I. Ausbleiben des Weltoktobers

Die kommunistische Weltbewegung ist am Ende des Ersten Weltkrieges entstanden als Reaktion auf drei welthistorische Ereignisse: das Versagen der zweiten, sozialistischen Internationale, die am Anfang des Ersten Weltkrieges ins Lager des Imperialismus, ins Lager der imperialistischen Landesverteidigung jeweils der eigenen Bourgeoisie hinüberglitt; die sozialistische Oktoberrevolution, dem ersten Sieg einer proletarischen Revolution in einem ganzen Land; der internationalen Ausdehnung der revolutionären Kämpfe am Ende des Ersten Weltkrieges in einer ganzen Reihe von Ländern West-, Mittel- und Osteuropas und zum Teil sogar der übrigen Welt.

Die Errichtung der Kommunistischen Internationale war der erste organisatorische Ausdruck des Aufkommens dieser kommunistischen Weltbewegung. Aber sie war schon vor der Gründung dieser Kommunistischen Internationale eine Wirklichkeit in der linken Fraktion, die sich innerhalb der sozialdemokratischen Parteien vieler Länder gebildet hatte. Und sie war vor allem eine Wirklichkeit in der Praxis, d.h. in den großen Klassenkämpfen, die der Errichtung der Kommunistischen Internationale vorangingen, z.B. im Augenblick des Ausbruchs der deutschen, deutsch-österreichischen und ungarischen Revolution 1918-1919.

Die Gründer der Kommunistischen Internationale und die Massen von Jugendlichen und von Arbeitern, die anfangs 1919 Kommunisten wurden, waren fest davon überzeugt, daß der Sieg der internationalen Revolution in ziemlich kurzer Zeit vor der Tür stehe. Wir dürfen heute, wenn wir die Neigung haben, über diese Hoffnung zu lächeln und sie für naiv zu erklären, nicht vergessen, daß an mehreren Augenblicken des Jahres 1919 tatsächlich nur einige hundert Kilometer die ungarische, bayerische und russische Rote Armee voneinander trennten. Es wird die historische Schuld unter anderem der österreichischen Sozialdemokratie bleiben, daß sie an diesem entscheidenden Punkt der Weltgeschichte nicht nur nichts getan hat, um die Vereinigung der ungarischen, der russischen, der deutschen, der italienischen und der österreichischen Revolution zu verwirklichen, sondern alles in die Wege leitete, um diese Vereinigung zu verhindern.

Die Hoffnungen, die die russischen und internationalen Kommunisten auf die deutsche Revolution setzten, waren keine unbegründeten, utopischen Hoffnungen. In der Entwicklung Deutschlands nach dem 9. November 1918 gab es mehrere Höhepunkte des revolutionären Klassenkampfes, d.h. die objektive und subjektive Möglichkeit einer Eroberung der Staatsmacht durch die deutsche Arbeiterklasse und die Errichtung einer deutschen Räterepublik. Um nur zwei solcher Augenblicke zu nennen: den erfolgreichen Generalstreik gegen den Putsch des Generals Kapp 1920, da die unmittelbare Übernahme der Staatsmacht in der Weimarer Republik durch die in Einheitsfront marschierenden Arbeiterorganisationen durchaus möglich war; und die Monate Juli, August, September und Oktober 1923, nach einem weiteren erfolgreichen Generalstreik gegen den reaktionären Reichskanzler Cuno, als die Kommunistische Partei Deutschlands die Mehrheit im deutschen Metallarbeiterverband erobert und ohne Zweifel die Mehrheit der organisierten und kämpfenden deutschen Arbeiterklasse hinter sich hatte.

Es waren keine Hirngespinste oder Wunschträume, nicht irgendwelche von der Wirklichkeit losgelöste Schemen, die die Gründer der Kommunistischen Internationale bewegten; vielmehr zeigt die historische Analyse, daß mit dem Ende des Ersten Weltkriegs tatsächlich eine revolutionäre Phase in einem bedeutenden Teil der Welt angebrochen war; bei richtiger Strategie und Taktik hätten die revolutionären Kräfte die Möglichkeit besessen, den Sieg der russischen Oktoberrevolution in einen internationalen Sieg zu verwandeln.

Mit dem Jahr 1921 setzte ein erster vorläufiger Rückgang der internationalen revolutionäre Bewegung ein; damals standen die russischen und internationalen Kommunisten einem Problem gegenüber, das bei Gründung der Kommunistischen Internationale kaum erfaßt worden war. Zwar hatte sich die internationale Bourgeoisie und deren Konterrevolution als zu schwach erwiesen, den ersten Arbeiterstaat, die russische Räterepublik, zu schlagen und den Kapitalismus in Rußland wiederherzustellen; sie blieb aber stark genug, um vorläufig eine Ausdehnung der russichen Revolution auf mehrere andere Länder zu verhindern — dies vor allem mit Hilfe der reformistischen Kräfte in der Arbeiterbewegung dieser Länder. Es stand auf internationaler Ebene das gleiche Problem vor der kommunistischen Bewegung, mit dem bereits im Augenblick des Waffenstillstands mit den Zentralmächten Anfang 1918 die russischen Kommunisten konfrontiert worden waren: das Problem der Atempause.

Durch die Geschichtsfälschungen des Stalinismus und auch teilweise der bürgerlichen Geschichtsschreibung ist heute weitgehend verschüttet, was die Antwort der russischen Räterepublik und der damaligen Führung der Kommunistischen Internationale auf diesen vorläufigen Rückzug der internationalen Revolution war: Es war nicht die Strategie der friedlichen Koexistenz, wie es heute in einem gemeinsamen Chor sowohl die stalinistischen wie die bürgerlichen Geschichtsfälscher behaupten, sondern es war die Politik der Atempause, eine Politik der notwendigen Konsolidierung der ersten Räterepublik bei gleichzeitig völlig freier Hand für die internationale kommunistische Bewegung nicht nur um starke kommunistische, revolutionäre Parteien in allen Ländern der Welt aufzubauen, sondern auch und vor allem, um jede Chance, jede Möglichkeit eines siegreichen Durchbruchs der sozialistischen Revolution in einem anderen Land zu benützen.

Zu Lenins und Trotzkis Zeiten, vor 1923, gab es keinen Widerspruch zwischen einer Politik der Verteidigung der Sowjetunion, der Konsolidierung des ersten Arbeiterstaates und einer Politik der Begünstigung einer sich ausdehnenden internationalen Revolution. Weder ein lächerlicher, durch Geschichtsfälschung Trotzki zugeschriebener künstlicher Export der Revolution, unter Aufopferung der bestehenden Möglichkeiten zur Konsolidierung des russischen Arbeiterstaates, noch die Unterordnung der Interessen der Internationalen Revolution unter jene der sowjetischen Diplomatie war die Generallinie der Kommunistischen Internationale und der russischen Regierung zu Zeiten von Lenin und Trotzki, sondern ein dialektisches Zusammenspiel zwischen dem Aufbau einer starken kommunistischen Weltbewegung und der Ausnützung jeglicher revölutionärer Chance in der Welt einerseits, und einer gleichzeitigen Stärkung des Sowjetstaates andererseits, bis zu dem Augenblick, wo ein Sieg der internationalen Revolution diesen endgültig aus der kapitalistischen Umzingelung befreite.

Wenn sich diese Politik nach 1923 entscheidend geändert hat, so nicht — wie es wiederum gleichzeitig manche stalinistische und bürgerliche Historiker behaupten —, weil sie sich als unrealistisch erwiesen hätte. Aus der Geschichte der zwanziger und dreißiger Jahre läßt sich ohne Schwierigkeit feststellen, daß es in dieser Periode, trotz der allgemeinen Richtung eines Niedergangs der revolutionären Tätigkeit eine aufeinanderfolgende Reihe von Möglichkeiten gab, revolutionäre oder vorrevolutionäre Krisen zur Eroberung der Macht durch die Arbeiterklasse auszunützen. Es gab eine große revolutionäre Krise in China zwischen 1925 und 1927; es gab die entscheidende revolutionäre Krise in Deutschland, Herbst 1923; es gab eine gewaltige gesteigerte Dynamik der englischen Arbeiterklasse, die im Generalstreik 1926 gipfelte; es gab den Anfang der spanischen Revolution 1931, ihren Höhepunkt 1936. Es gab eine starke Radikalisierung der belgischen und französischen Arbeiterklasse 1932, 1933, 1934 und 1936, gipfelnd in zwei erfolgreichen Generalstreiks, Juni und Juli 1936.

Man könnte eine ganze Reihe anderer Beispiele aus anderen Ländern zitieren, zusätzlich zu den eben angedeuteten; eine Politik, die bei gleichzeitiger Wahrung der staatlichen Interessen der Sowjetunion jede Entwicklung der internationalen Revolution als einen Schutz des Sowjetstaates und nicht als dessen Gefährdung angesehen hätte, war durchaus realistisch, stimmte mit den realen Möglichkeiten überein und hätte den staatlichen Interessen der Sowjetunion selbst gedient.

Wenn diese Politik nach dem Tode Lenins grundsätzlich in ihr Gegenteil umgewandelt wurde, wenn nach dem Tode Lenins die Kommunistische Internationale mehr und mehr herabsank zu einem einfachen Werkzeug der Sowjetdiplomatie, die die Strategie und Taktik der verschiedenen Kommunistischen Parteien den jeweiligen Manövern der sowjetischen Regierung unterordnete, so kann das nicht aus der Notwendigkeit erklärt werden, die staatlichen Interessen der Sowjetunion unter ungünstigen internationalen Verhältnisse besser zu verteidigen. Kein Mensch kann heute, historisch rückblickend, behaupten, daß die verbrecherische Politik, die die Kommunistische Internationale und vor allem Stalin der deutschen Kommunistischen Partei 1930-1933 aufzwangen und die zum kampflosen Siege Hitlers in Deutschland führte, im Interesse der Konsolidierung des Sowjetstaates lag. Sie hat dem Sowjetstaat 15 bis 20 Millionen Tote und fürchterliche Zerstörungen gebracht.

II. Funktionswandel der Internationale

Die Bürokratisierung und Entartung der Kommunistischen Internationale, von einem Instrument zum Kampf für die Weltrevolution in ein Instrument zur Erhaltung des internationalen Status quo, widerspiegelte die innere Wandlung der sowjetischen Staatsführung. Sie war Ausdruck der politischen Machtergreifung durch die Sowjetbürokratie als eine privilegierte gesellschaftliche Schicht, die die Verteidigung ihrer Interessen vor die Verteidigung der Gesamtinteressen der sowetischen und internationalen Arbeiterklasse stellte. Der konservative Charakter dieser privilegierten Gesellschaftsschicht erklärt die konservative Außenpolitik der Sowjetunion und die Verwandlung der Kommunistischen Internationale aus einem Revolutions- in ein Konservierungsinstrument. Gibt man die Schuld daran der Struktur der Kommunistischen Internationale, so übersieht man die gesellschaftlichen Wurzeln dieses Prozesses; dieser hat nichts mit demokratischem Zentralismus oder zu großer Zentralisierung zu tun, sondern entspringt objektiven Wandlungen der Sowjetgesellschaft.

Umgekehrt: Wenn es eine stärkere Kommunistische Internationale gegeben hätte, die fähig gewesen wäre, ihre Disziplin auch der Kommunistischen Partei der Sowjetunion aufzudrängen, so wäre der Bürokratisierungs- und Entartungsprozeß dieser Partei aufgehalten und nicht etwa beschleunigt worden. In diesem Sinne kann man die Bedenken, die Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht kurz vor ihrem Tode äußerten, durchaus verstehen: ohne Zweifel wäre es besser gewesen, wenn das Zentrum der Kommunistischen Internationale nicht in Moskau, sondern in Berlin oder in einer anderen Stadt Mitteleuropas gewesen wäre.

Man braucht aber nur die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse zu bedenken, die es damals in Mitteleuropa gab: die Jagd auf Kommunisten, der Meuchelmord an vielen Revolutionären, um zu verstehen, daß die Verwirklichung dieses Wunsches den siegreichen Durchbruch der Revolution in einem anderen Lande als Rußland vorausgesetzt hätte. Das Ausblieben dieses Durchbruches verkettete das Schicksal der Kommunistischen Internationale mit jenem der Kommunistischen Internationale mit jenem der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und förderte die Bürokratisierung der Kommunistischen Internationale als Folge der Bürokratisierung der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und des Sowjetstaates.

Dieser Bürokratisierungsprozeß hatte als Ursache gesellschaftliche Änderungen innerhalb der Sowjetunion: die sinkende politische Tätigkeit der russischen Arbeiterklasse; die dadurch bedingte Aushöhlung des Rätesystems; die dadurch erleichterte Monopolisierung der Machtausübung durch die Staats- und Parteifunktionäre; alles dies seinerseits bedingt durch Hunger, materielle Not und niedrigen Kulturstand. Ein langwieriger Prozeß, der sich über zehn Jahre hinzog. Revolutionen sind zähe gesellschaftliche und historische Gebilde, die sich nicht im Handumdrehen ersticken lassen.

Der langwierige Kampf zur Behauptung eines Teils des politischen Erbes der sozialistischen Oktoberrevolution endete mit der Niederlage der oppositionellen Strömungen innerhalb der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und der sowjetischen Gesellschaft. Aber es verblieb ein bedeutsames gesellschaftspolitisches und ökonomisches Ergebnis: Dank dem Kampf der Opposition gegen die Gefahr einer Restaurierung des Kapitalismus in Rußland ab 1923 wurde — zu spät und dadurch unter zu vielen Opfern — eine gesellschaftliche und ökonomische Entwicklung eingeleitet, die die Restaurierung des Kapitalismus letzten Endes verhindert hat.

So kam es zur Doppelnatur der Sowjetunion heute: wohl haben wir es mit einem verbürokratisierten Staatsgebilde zu tun, wo keinerlei direkte Machtausübung durch die Arbeiterklasse stattfindet; aber der Kapitalismus wurde nicht restauriert, vielmehr blieben die wichtigsten gesellschaftlichen und ökonomischen Errungenschaften der Oktoberrevolution bewahrt: Planwirtschaft, Verstaatlichung der großen Produktionsmittel, Außenhandelsmonopol. Dies ist in einem großen Ausmaß ein Ergebnis des politischen Kampfes der oppositionellen Kräfte innerhalb der Kommunistischen Partei und innerhalb der Kommunistischen Internationale.

Der Bürokratisierungsprozeß innerhalb der Kommunistischen Internationale kann in drei Formen zusammengefaßt werden: Funktionswandel; Strukturwandel; Wandel des Programms.

Funktionswandel: Die Kommunistische Internationale, wie sie von Lenin, Trotzki, Sinowjew und Bucharin geführt wurde, war ein Instrument zum Sieg der Weltrevolution. Führende Genossen begingen taktische oder strategische Fehler, aus mangelnder Erfahrung oder mangelnder Einsicht, aber nicht als Agenten oder Repräsentanten von dem Proletariat feindlichen Gesellschaftsgruppen und Gesellschaftsschichten. Mit dem beginnenden Bürokratisierungsprozeß wandelt sich diese Funktion grundlegend. Die Kommunistische Internationale wurde zum verlängerten Arm der Sowjetdiplomatie, d.h. nicht der Diplomatie zum Schutz des Sowjetstaates, sondern der Diplomatie zum Schutz der Sonderinteressen der privilegierten herrschenden Schicht dieser Gesellschaft.

Zweitens, Strukturwandel: Anstelle des demokratischen Zentralismus zur Zeit Lenins, Trotzkis, Sinowjews usw. tritt bürokratischer Zentralismus; Unterdrückung der Tendenz- und Fraktionsfreiheit ist wahrscheinlich der entscheidende Punkt, denn demokratischer Zentralismus ist unmöglich, sobald die Minderheit oder die Mitgliedschaft nicht die Möglichkeit hat, gegen die Zentralisierung der Führung ihre eigene Zentralisierung zu setzen, d.h. gegen die Möglichkeit der Führung, die Masse der Mitglieder durch zentralisierte Informationen und zentralisiertes Auftreten zu beeinflussen, ihre eigene Zentralisierung der Informationen und ihr eigenes zentralisiertes Auftreten zu stellen.

Der demokratische Zentralismus mit Tendenz- und Fraktionsfreiheit, wie er in den Zeiten der ersten Kongresse der Kommunistischen Internationale praktisch funktionierte, ist eine viel demokratischere Form der Parteistruktur als heute in den stalinistischen oder neostalinistischen Parteien, oder auch in den sozialdemokratischen bzw. sozialistischen Parteien. Man zeige mir eine einzige solche Partei, wo eine Minderheit das Recht hat, vor einem Parteitag ihre eigene Meinung jedem einzelnen Mitglied dieser Partei schriftlich darzulegen; wo eine Minderheit das Recht, hat, in jeder einzelnen Parteiabteilung, in jeder einzelnen Parteizelle ihre Meinung gegenüber der Meinung des Parteivorstandes zum Ausdruck zu bringen. Das war die Struktur der Kommunistischen Internationale, das war die Struktur der Kommunistischen Parteien in den ersten Jahren nach der Oktoberrevolution. Das ist die bisher demokratischste Struktur, die wir in der Geschichte der revolutionären Arbeiterbewegung gekannt haben.

Nach der Verwandlung des demokratischen in einen bürokratischen Zentralismus wurde dieses Tendenz- und Fraktionsrecht aufgehoben, aber diese Aufhebung ist langsam und generell geschehen.

Im Augenblick des Kronstädter Aufstandes beging die Führung der Bolschewistischen Partei einen politischen und ideologischen Fehler, der sich für die weitere Geschichte des Weltkommunismus als schwerwiegend erwies; das hat auch Trotzki am Ende seines Lebens anerkannt. Das Fraktionsrecht innerhalb der russischen Partei wurde aufgehoben — mit einer Begründung, die daraus ganz eindeutig eine vorläufige und nicht eine prinzipielle Maßnahme machte. Wer diese Aufhebung des Fraktionsrechtes als Beweis wertet, daß Lenin den Weg für Stalin bereitet hätte, sollte lesen, was Lenin auf demselben Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, wo das Fraktionsrecht vorläufig aufgehoben wurde, einem seiner etwas übereifrigen Jünger, dem Genossen Rjasanow, einem ganz „jungen“ Bolschewiken, antwortete, als dieser gleichzeitig die Aufhebung des Tendenzrechtes und des Rechtes des Vorbringens oppositioneller Plattformen auf Parteitagen der Kommunistischen Partei forderte. Lenin antwortete auf demselben Parteitag und nach Kronstadt, man dürfe in einer lebendigen Partei Opposition und Absprachen untereinander nicht unterbinden, wenn man nicht die Diskussion unterbinden wolle.

Die historische Erfahrung hat bewiesen: Der Versuch der stalinistischen Fraktion nach 1927 auch das Tendenz- und Plattformrecht innerhalb der Kommunistischen Partei zu unterdrücken, bewirkte tatsächlich das, wovor Lenin 1921 gewarnt hatte: diese Partei wurde aus einer lebendigen zu einer toten Partei. Auch Parteien mit Hunderttausenden Mitgliedern werden tote Parteien, wenn sie nicht mehr frei über ihre eigene Politik diskutieren und bestimmen können.

Die dritte Wandlung, die zur Veränderung der Kommunistischen Internationale aus einem Instrument der Weltrevolution in ein Instrument der Außenpolitik der Sowjetbürokratie führte, war eine Wandlung der Doktrin — wahrscheinlich die auf lange Sicht verhängnisvollste der drei Wandlungen, weil sie einem Weg zurück den größten Widerstand entgegenstellt. Die kommunistische Doktrin, der Marxismus oder, wie man später sagte, der Marxismus-Leninismus, wurde aus einer wissenschaftlichen Theorie in eine apologetische Ideologie verwandelt. Es handelte sich nicht mehr um eine genaue wissenschaftliche Analyse der gesellschaftlichen Entwicklung der Welt, der verschiedenen Staaten, der Sowjetunion selbst, als Waffe um die Wirklichkeit revolutionär zu verwandeln. Es handelte sich nur noch darum, die jeweils notwendigen Marx- und Leninzitate aufzustöbern, um die jeweiligen Kursänderungen der sowjetischen Staatsführung bzw. der Führungen der Kommunistischen Parteien untermauern zu können. Dieser neue Beruf der Zitatensammlung und der Zitateninterpretation entwickelte sich zu hoher Perfektion; dieselben Genossen sammelten zu denselben Fragen in sechs oder zwölf Monaten Zitate, mit denen sie zueinander völlig im Widerspruch stehende Taktiken und Strategien rechtfertigten. Es gab eine Zitatensammlung zur Bestätigung der verrückten Politik gegen die Sozialdemokratie als „Sozialfaschismus“ in Deutschland bis 1983; und es gab eine durch dieselben Genossen durchgeführte Zitatensammlung zur Politik des Bündnisses, nicht nur mit der sozialdemokratischen Führung, sondern sogar mit dem sogenannten liberalen Bürgertum, anderhalb Jahre später.

Die Mehrheit der Mitglieder der Kommunistischen Parteien in all diesen Jahren und Jahrzehnten, und in einem weitgehenden Maße sogar noch heute, gehen in diese Parteien, weil sie ehrliche Revolutionäre sind, den Kapitalismus bekämpfen und stürzen wollen, und nicht weil sie Agenten der Sowjetbürokratie oder Helfershelfer der russischen staatlichen Diplomatie sind. Diese Genossen stoßen früher oder später darauf, daß die Struktur ihrer Organisation geändert, daß der Funktionswandel, dem diese Organisation unterlag, rückgängig gemacht werden muß, damit revolutionäre Ziele verwirklicht werden können. Was sie dann daran hindert, dies wirksam zu tun, ist weder das Kommando aus Moskau, noch das Kommando der kleinen lokalen Bürokraten, die man mit einer Handbewegung zur Seite schieben kann, wenn man dazu das nötige politische Verständnis hat. Was dann fehlt, ist gerade dieses politische Verständnis, denn die Erziehung innerhalb dieser Parteien in den letzten dreißig Jahren ist nicht mehr Erziehung in Marxismus und Leninismus als revolutionäre Theorie, sondern die Erziehung in einer schematischen und dogmatischen apologetischen Ideologie. Dadurch fehlen die nötigen analytischen Instrumente zur Kritik und Selbstkritik.

III. Polyzentrismus und Krise

Der Machtergreifung der Sowjetbürokratie ist es gelungen, die Kommunistische Internationale von Grund auf zu ändern und letztlich auch formal aufzulösen. Die gesamte Politik der sowjetischen Bürokratie, die gesamte Ausrichtung der Kommunistischen Parteien war von einem einzigen zentralen Dogma beherrscht: daß die Verteidigung der Sowjetunion als Staat Vorrang über jede andere nationale oder internationale revolutionäre Entwicklung haben müsse.

Diese Ideologie hatte einen Schein von Relevanz, solange tatsächlich die internationale Revolution im Rückgang war; solange war sie nur Ausdruck des wachsenden Pessimismus und der wachsenden Skepsis der kommunistischen Funktionäre über die Möglichkeit eines neuen Aufstiegs der internationalen Revolution. Aber als dieser Aufstieg in der Tat wieder anfing: als mit der Erhebung der jugoslawischen Partisanen der Faschismus die ersten entscheidenden Niederlagen in Europa erlitt; als Mussolini gestürzt wurde; als die revolutionäre Bewegung in China immer stürmischer wurde; als am Ende des Zweiten Weltkriegs die koloniale Revolution große Teile Asiens ergriff: an diesem Wendepunkt der Geschichte, als sich die Wogen der Weltrevolution in steigender und nicht in rückflutender Richtung entwickelten, war Stalin am Ende seines Lateins.

Von dem Augenblick an, wo die Revolution neue Erfolge in anderen Ländern außerhalb der Sowjetunion erreichte, kam es zum Absterben des stalinistischen Monolithismus, des Gedankens, daß die kommunistische Weltbewegung sich ausschließlich den durch die Sowjetbürokratie interpretierten staatlichen Interessen der Sowjetunion unterzuordnen hatte.

Nachdem man solange über Trotzkisten lächelte, weil man sagte: Das sind ja Leute, die sich dauernd spalten —, muß man heute die Frage stellen: In wie viele Fraktionen, Strömungen und Unterströmungen ist denn die offizielle komunistische Bewegung heute gespalten? In die russische, chinesische, koreanische, vietnamesische, kubanische, französische, italienische, rumänische — und die Liste ist noch lange nicht zu Ende. In dem Sinne können wir von einer völligen und endgültigen Niederlage des Versuches Stalins sprechen, dieser Bewegung einen monolitischen Charakter zu geben.

Dieses Auseinanderfallen der Einheit der offiziellen, von der Sowjetbürokratie geführten Weltbewegung ist nicht nur eine Niederlage Stalins, sie ist auch ein Produkt Stalins:

Wenn wir uns die Frage stellen, ob es denn im Wesen der sozialistischen Revolution liegt, daß sie verschiedene Arbeiterstaaten gegeneinander, ausgehend von nationalen Interessen, auf die Beine bringt; ob es im Interesse des Weltproletariats liegt, daß es in seinen eigenen Reihen die nationalen Gegensätze aus bürgerlichen und kleinbürgerlichen Quellen reproduziert — dann können wir nur schließen: das alles hat mit den Interessen, dem Wesen und der Tradition der internationalen Arbeiterklasse nichts zu tun. Der Polyzentrismus ist nicht Produkt der Kommunistischen Internationale, nicht Produkt der Doktrin von Marx und Lenin, schon gar nicht Produkt der Interessen der internationalen Revolution. Er ist das Produkt einer spezifischen Ideologie, des kleinbürgerlichen Nationalismus, den Stalin erst nur für seine eigene Clique einführte; durch die unausweichliche Logik dieses Prozesses bürgerte es sich dann immer mehr für alle kommunistischen führenden Bürokratengruppen ein.

Wenn wir sehen, wie heute in der Welt eine Tendenz zur Internationalisierung von Wirtschaft, Technik, Wissenschaft, Kultur vorherrscht und offensichtlich der inneren Logik der Entfaltung der Produktivkräfte entspricht; wenn wir sehen, wie Probleme der internationalen Kooperation von den sowjetischen Bürokraten als selbstverständlich nicht nur mit Vertretern von Arbeiterparteien, sondern mit Vertretern der mächtigsten imperialistischen Regierungen der Welt diskutiert werden; und wenn wir gleichzeitig feststellen müssen, daß dieselben Bürokraten es nicht verstanden haben, mit dem mächtigsten Arbeiterstaat außerhalb ihres eigenen Einflußbereiches, nämlich mit der Volksrepublik China, eine normale wirtschaftliche, politische und diplomatische Koexistenz zu verwirklichen — dann sehen wir darin den völligen Bankrott der kleinbürgerlich-nationalistischen Ideologie, die von Stalin zur herrschenden Ideologie des „Weltkommunismus“ gemacht wurde.

Lenin hatte in dieser Hinsicht, wie in vielen anderen Hinsichten, einen beinahe unglaublichen prophetischen Blick. Am Ende seines Lebens warnte er seine eigene Partei, daß der großrussische Nationalismus das Ansehen der russischen Kommunisten bei den Kommunisten Asiens und Afrikas, die die aufsteigende Kraft in der Welt seien, zutiefst erschüttern könnte, wenn sich dieser kleinbürgerliche Nationalismus weiterhin in der Partei breitmache. Diese Prophezeiung hat sich bewahrheitet; die gesellschaftlichen Kräfte, deren Ausdruck letztlich dieser kleinbürgerliche Nationalismus war, die Kräfte der privilegierten sowjetischen herrschenden Schicht, der sowjetischen Bürokratie, siegten im Kampf gegen die Vertreter der sowjetischen und internationalen Arbeiterklasse innerhalb der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, unter den konkreten historischen Bedingungen der zwanziger Jahre.

Wenn wir heute von einer Krise der kommunistischen Weltbewegung reden, so handelt es sich nicht mehr um dieselbe Krise wie in den zwanziger, dreißiger und Anfang der vierziger Jahre. Es handelt sich nicht um eine Krise der Ideologie, der Funktion, der bürokratischen Struktur. Sondern es handelt sich um einen grundlegenden historischen Konflikt zwischen einem konservativen Apparat, der zum Verteidiger des internationalen Status quo geworden ist, und all jenen revolutionären Kräften, inklusive den zahllosen revolutionären Kräften innerhalb der Kommunistischen Parteien, die sich unter dem Druck der aufsteigenden internationalen Revolution wiederum zu einer revolutionären Strategie und einer revolutionären Taktik emporschwingen wollen.

In den imperialistischen Ländern drückt sich die Krise der kommunistischen Weltbewegung in der Unfähigkeit der diese Parteien kontrollierenden Apparate aus, konkrete vorrevolutionäre Krisen, wie in Frankreich und Italien 1968/69, für die Arbeiterklasse dieser Länder im Sinne eines Durchbruchs zum Sozialismus auszunützen. Die herrschenden Apparate dieser kommunistischen Parteien spielen in ihren Ländern eine ähnliche Rolle wie die klassische Sozialdemokratie sie gespielt hat. Ich sage: klassische Sozialdemokratie, unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg, ich sage nicht: heutige Sozialdemokratie; so tief sind die kommunistischen Parteien Frankreichs und Italiens noch nicht gefallen.

Im großen und ganzen sind diese Parteien reformistische Parteien, das heißt Parteien, die eine reformistische Praxis, ausschließlich gestützt auf Wahlvorbereitungen und Lohnkämpfe, verbinden mit einer manichäischen Erwartung der sozialistischen Revolution, irgendwo in ferner Zukunft als Ergebnis der Weltauseinandersetzung zwischen dem Guten und dem Bösen; das Gute verkörpert die Sowjetunion, das Böse die antisowjetischen oder antikommunistischen Kräfte; eine Erwartung ohne Zusammenhang mit dem Klassenkampf, so wie er sich in der heutigen Weltlage abspielt.

Zu den Ländern der 3. Welt beziehen die Kommunistischen Parteien eine Stellung, wie sie im offiziellen Parteiprogramm der KPdSU aufscheint, das am 22. Parteitag angenommen wurde: Zwischen der Epoche der kapitalistischen Entwicklung, der Epoche der Vergangenheit und der Epoche der Sozialistischen Revolution, die die Epoche der Zukunft ist — wir erfahren nicht genau, welche Zukunft, ob im 23. oder 24. Jahrhundert, aber das ist eine Nebenfrage —, zwischen diese beiden Epochen schiebt sich eine Phase der nationalen Demokratie, die Phase der nichtsozialistischen und nichtkapitalistischen Entwicklung. Hinter diesem Wortschwall steht etwas sehr Konkretes: die Politik der Führung der Sowjetunion und der Kommunistischen Parteien in diesen Ländern in Richtung auf einen Block mit der sogenannten „nationalen Bourgeoisie und dem nationalistischen Kleinbürgertum, unter Verzicht auf jede selbständige Rolle der Arbeiterschaft und der armen Bauern, d.h. unter Verzicht auf jede Dynamik im Sinne der permanenten Revolution, der Errichtung der Diktatur des Proletariats und der armen Bauern.

Diese Strategie hat der internationalen Arbeiterbewegung in den letzten Jahren furchtbare Niederlagen eingetragen, Tausende und Tausende Tote in Brasilien, eine halbe Million Tote in Indonesien. Zur Stützung dieser Strategie wird argumentiert, daß der US-Imperialismus noch sehr stark ist. Er verfügt noch über die Mittel, um die Welt und die Menschheit zu zerstören, indem er einen Atomweltkrieg auslöst. Wir müssen deshalb auf jede Aktion verzichten, die den Imperialismus reizen würde; und was würde ihn mehr reizen als eine nationale Ausdehnung der Revolution.

Die historischen Wurzeln dieser Argumentation sind sehr interessant. Sie sind spezifisch sozialdemokratischer Natur. Sozialdemokraten sagten immer, daß Faschismus oder reaktionäre Diktatur nur das Ergebnis dessen sind, daß die Revolution oder die Arbeiterklasse die Unternehmer, das Großkapital, gereizt hatten. Es sind genau dieselben Argumente, mit denen die rechtesten, aber nur extremrechtesten, sozialdemokratischen Führer in den dreißiger Jahren zum Phänomen des aggressivsten Imperialismus, nämlich des Naziimperialismus Stellung genommen haben. Man darf den Feind nicht reizen, denn wenn er gereizt wird, greift er zu Aggressionen. Man muß also vor den Aggressionen zurückweichen. Wir kennen die historische Bilanz der damaligen Entwicklung. Wir wissen, wie dieses Zurückweichen vor dem Feind nicht nur den Sieg Hitlers in Deutschland, sondern in ganz Europa und die Auslösung des Zweiten Weltkrieges begünstigt hat.

Zu glauben, daß man dadurch einen imperialistischen Weltkrieg verhindert, daß man vor imperialistischen Aggressionen ausweicht, daß man revolutionäre Kämpfe dämpft, daß man revolutionäre Möglichkeiten zerschlägt, ist genauso reaktionäre Utopie, wie ähnliche Ansichten in den dreißiger Jahren bezüglich des Naziimperialismus.

Zusätzich kann man den chruschtschowistischen Ideologen Unehrlichkeit vorwerfen und fehlende Konsequenz. Denn wenn man schon davon spricht, man dürfe den Imperialismus nicht reizen, so muß man die Frage stellen: Was fürchtet Washington heute mehr? Einen Sieg der Revolution in Vietnam, in Peru oder Bolivien, oder die dauernde Ausdehnung der Militär- und Wirtschaftsmacht der Sowjetunion? Dann muß jeder vernünftige Mensch zugeben, daß für den amerikanischen Imperialismus die Stärkung der russischen Fernraketen, die Stärkung der russischen Atomwaffen eine viel stärkere, unmittelbare Bedrohung darstellt, als die siegreiche Revolution in einem kleinen Land wie Bolivien oder Peru.

Würden sie konsequent sein, so müßten die chruschtschowistischen Ideologen also sagen: Um den Feind nicht zu reizen, werden wir nicht nur jede Revolution unterdrücken, sondern werden wir auch den weiteren Ausbau unserer Bewaffnung und unserer Wirtschaft einstellen. — Aber das sagen sie natürlich nicht; und indem sie das nicht sagen, bezeugen sie die grundlegende Verlogenheit ihrer Argumentation.

Wenn sie gegen jede Ausdehnung der internationalen Revolution sind, so nicht, weil sie befürchten, daß das sofort einen dritten Weltkrieg hervorrufen würde; ein dritter Weltkrieg wäre Selbstmord für die amerikanische Bourgeoisie, vom rein physischen Standpunkt. Zu glauben, daß diese Leute bereit sind, Selbstmord zu begehen, bei dem Reichtum und der Macht, über die sie heute verfügen, allein weil Vietnam oder Bolivien sozialistisch werden, ist absolut unrealistisch.

Wenn die Chruschtschowisten diese Revolutionen verhindern wollen, anstatt sie zu fördern, so nicht, weil sie fürchten, daß dies den dritten Weltkrieg hervorrufen würde, sondern weil sie fürchten, daß dies einen internationalen Status quo zerschlagen würde, worauf ihre eigene Macht innerhalb der Sowjetunion gegründet ist; weil sie fürchten, ihre Privilegien zu verlieren, wenn die russische Arbeiterklasse unter einem Einfluß des internationalen Erfolgs der Revolution wieder politisch aktiv wird.

In diesem Sinne können wir zwei Aktionen verstehen, die die sowjetische Bürokratie praktisch gleichzeitig durchgeführt hat: ihre konterrevolutionäre Intervention in Frankreich im Mai 1968, wo sie die Möglichkeit einer Revolution unterdrückt hat, und ihre konterrevolutionäre Intervention in der ČSSR im August 1968. Mit Reizen oder Nichtreizen des amerikanischen Imperialismus hat keine dieser beiden Aktionen irgend etwas zu tun, aber mit Schutz der eigenen Privilegien, des eigenen Herrschaftsmonopols im eigenen Land haben sie wohl etwas zu tun. Denn es gibt keine andere logische Interpretation für die Intervention in der ČSSR, die dem internationalen Kommunismus, dem Ansehen und sogar den diplomatischen Manövern der Sowjetregierung unerhört geschadet hat, als die Furcht, die unmittelbare gesellschaftliche Furcht dieser Leute, daß sich der Prager Frühling in die Sowjetunion ausdehnen würde und daß er durch eine neuerliche politische Tätigkeit der sowjetischen Arbeiterklasse und der sowjetischen Intelligenz die Privilegien der herrschenden Schicht dort zum Einstürzen bringen würde.

International gesehen zeigt sich die Krise der kommunistischen Weltbewegung in der Unfähigkeit, irgendeine gemeinsame Strategie, irgendeine gemeinsame Konzeption der internationalen Revolution, fußend auf dem proletarischen Internationalismus, den eigenen Mitgliedern vorzusetzen. Wenn kommunistische Parteien zusammentreten, wenn sie internationale Konferenzen abhalten und gemeinsame, einstimmige Resolutionen abstimmen wollen, dann sind sie gezwungen, zuerst zwei oder drei Dutzend Streitfragen auszuklammern und in diesen Resolutionen überhaupt nicht zu behandeln. So haben wir das erstaunliche Schauspiel erlebt der ersten großen internationalen Konferenz der kommunistischen Parteien nach der Invasion in der ČSSR, wo man über alle möglichen Weltfragen gestritten, bzw. nicht gestritten hat, aber wo kein Wort, nicht ein Wort in der Resolution stand über das Problem, das 99 Prozent der Anwesenden wirklich bewegte, nämlich die Stellungnahme zur Invasion in der ČSSR.

IV. Wege aus der Krise

Ausgehend von dem gesamten historischen Hintergrund und von dem Stand, den die Krise der kommunistischen Weltbewegung heute erreicht hat, zeigt sich eine Reihe falscher Lösungen, falscher Auswege aus dieser Krise, vorgeschlagen von verschiedenen Strömungen innerhalb der kommunistischen Bewegung, ehrliche, nichtbürokratische oder halbbürokratische, zentristische Strömungen.

Die erste solcher falschen Lösungen ist der sogenannte Polyzentrismus oder das Aufbauen des Sozialismus, je nach den nationalen Bedingungen jedes Landes, oder das Aufstellen eines eigenen nationalen Weges zum Sozialismus in jedem Land. Es ist offensichtlich, daß in diesen Formeln ein kleiner Kern Wahrheit steckt. Dieser Kern Wahrheit ist der Wille, aufzuhören mit der schablonenhaften mechanischen Übertragung nicht russischer, sondern falscher Schemata. Sie sind nicht deshalb unübertragbar, weil sie zufällig aus Rußland stammen, man könnte in einigen Fällen sogar den Beweis bringen, daß sie gar nicht aus Rußland, sondern irgendwo anders her stammen, z.B. aus Deutschland.

Der Wunsch ist berechtigt, beim Kampf um die Eroberung des Einflusses über die Mehrheit der eigenen Arbeiterklasse in jedem Land den nationalen, spezifischen Zügen dieser Arbeiterklasse, den historischen Besonderheiten des eigenen Landes, der spezifischen Struktur der Gesellschaft, dem spezifischen Gewicht des ländlichen und städtischen Kleinbürgertums, usw. usf. Rechnung zu tragen.

Aber das hat alles mit einem sogenannten nationalen Weg zum Sozialismus nichts zu tun, und noch viel weniger mit Polyzentrismus, d.h. mit Zersetzung der zentralen Errungenschaft der internationalen Arbeiterklasse seit dem Jahre 1848. Seit damals wissen wir, daß der Kampf gegen das Kapital nur ein internationaler Kampf sein kann und daß sich die Proletarier aller Länder vereinigen sollen. Eine gebrannte Katze will ihre Pfoten nicht mehr ins Feuer legen; deshalb wird heute etwa scheuer entgegengehalten: nicht daß die Proletarier aller Länder sich vereinigen sollen, sondern daß die Proletarier aller Länder „brüderliches Verständnis“ gegenseitig zeigen, und sich nicht in die „inneren Angelegenheiten“ anderer Länder einmischen sollen.

Die Formel „Proletarier aller Länder, vereinigt euch“ bleibt die einzig mögliche Organisationsform der internationalen Revolution im Zeitalter der internationalen Wirtschaft, der internationalen Politik und der internationalen Klassenkämpfe, die wir heute erleben.

Eine andere falsche Lösung der Krise der kommunistischen Weltbewegung ist die sogenannte „Liberalisierung“. Wie sollten „Demokratisierung“ und „Liberalisierung“ sehr scharf voneinander trennen. „Demokratisierung“ heißt Wiedereroberung elementarer Rechte der freien Meinungsäußerung, der Versammlungsfreiheit, der Pressefreiheit, der Demonstrations- und Organisationsfreiheit und des Streikrechtes durch die Arbeiterklasse Osteuropas und der Sowjetunion — dem kann jeder aufrechte Kommunist nur beistimmen. Jeder Schritt in diese Richtung ist nicht ein Schritt zur Schwächung des sozialistischen Weltlagers, sondern zu dessen Stärkung. Denn nur die Verteidigung dieser Arbeiterstaaten durch die bewußte politische Aktivität der Arbeiterklasse ist auf die Dauer eine wirksame Verteidigung. Eine Verteidigung, gestützt auf Geheimpolizei und fremde Besatzung ohne Anteilnahme oder gar bei wachsender Feindschaft der eigenen Arbeiterklasse, ist eine furchtbare Bedrohung dieser Staaten.

Wir dürfen die Wiedereroberung der Arbeiterdemokratie, der Rätemacht, diesen Kampf um politische Revolution in der Sowjetunion und in Osteuropa, nicht verwechseln mit der sogenannten ökonomischen Liberalisierung. Eines der größten Verbrechen Stalins war es, daß er den Marxschen Begriff der sozialistischen Planwirtschaft, des unmittelbar gesellschaftlichen Charakters jeder Arbeit nach gemeinschaftlicher Inbesitznahme der Produktionsmittel zutiefst diskreditiert hat durch seine bürokratisch-zentralistischen Praktiken und die fürchterlichen Vergeudungen in der Sowjetwirtschaft. Das hat u.a. dazu geführt, daß am Tag von Stalins Tod die Prokopfproduktion an Weizen und Fleisch in der Sowjetunion geringer war als zur Zeit des Zarismus. Aber eines ist es, die Schwächen dieser bürokratisch-zentralistischen Planung zu erkennen und zu korrigieren, und etwas anderes ist die vollständige Dezentralisierung durch die sogenannte „sozialistische Marktwirtschaft“. Einschlägige Erfahrungen gibt es — vor allem in Jugoslawien —, wo dieser Prozeß am weitesten vorangetrieben wurde: wachsende gesellschaftliche Ungleichheit, unvermeidliches Wachstum der inneren Gegensätze und Spaltung in der Arbeiterschaft, von dem Augenblick an, wo anstelle assoziierter Produzenten, einander befehdende, miteinander konkurrierende und einander bekämpfende Produktionsgenossenschaften auftreten, dies ist nur die traurige Bestätigung einer Voraussage, die Karl Marx vor mehr als 120 Jahren in seiner großen historischen Debatte mit Proudhon gemacht hat.

Der richtige Ausweg für revolutionäre Kommunisten, für Marxisten-Leninisten, ist Ablehnung dieses Dilemmas, in das man uns einsperren will: entweder stalinistisch-bürokratisierte Überzentralisation oder titoistische Überdezentralisation und Marktwirtschaft. Der Ausweg liegt in der Formel: demokratisch-zentralistische, geplante Selbstverwaltung: Alle Macht nicht einzelnen Räten über einzelne Produktionsmittel, in getrennten Betrieben, sondern alle Verfügungsmacht über die Produktionsmittel muß einem demokratisch gewählten, jeweils abwählbaren Rätekongreß zukommen, der durch Gewährleistung der Rätedemokratie, durch politische, Organisations-, Presse- und Streikfreiheit sicherstellt, daß in seinem Rahmen eine überwältigende Mehrheit von weiterhin im Produktionsprozeß stehenden Produzenten, und nicht hauptamtliche Funktionäre, Technokraten, Ingenieure oder Berufspolitiker stehen — ein Rätekongreß, der die tatsächliche Macht ausübt, und der diese Ausübung der Macht so artikuliert, daß Beschlüsse immer dort getroffen werden, wo sie am wirksamsten erreicht werden können, d.h. gewisse Beschlüsse in jedem Betrieb, andere auf lokaler und regionaler Ebene, andere wiederum auf nationaler, wenn nicht in wachsendem Ausmaß auf internationaler Ebene.

Eine weitere falsche Lösung der Krise der kommunistischen Weltbewegung ist das Spiel mit dem Ersetzen des Marxismus und des Leninismus als wissenschaftliche Theorie der modernen revolutionären Arbeiterbewegung und der modernen Arbeiterklasse durch alle möglichen Varianten, wie „arabischer Sozialismus“, „afrikanischer Sozialismus“, „lateinamerikanischer Humanismus“ und wie sie alle heißen. Man muß verstehen, was dahinter steht: ein fürchterliches historisches Versagen der Kommunistischen Parteien in diesen Ländern, die in den letzten 20 Jahren unfähig gewesen sind, mit der ruhmvollen Ausnahme von Vietnam, auch nur eine einzige erfolgreiche Revolution in einem Land der dritten Welt zu führen, wo es Dutzende revolutionäre Bewegungen gegeben hat.

Daß der Sieg der kubanischen Revolution, nicht nur nicht unter Führung der KP Kubas, sondern direkt gegen die Anweisungen dieser KP stattfinden konnte, hat das Prestige dieser kommunistischen Parteien in Lateinamerika zutiefst erschüttert.

Desgleichen erleben wir heute in so wichtigen Ländern der Welt wie Indien, daß nicht nur rechtskommunistische Parteien, sondern sogar Parteien, die sich „linkskommunistisch“ nennen und die vor kaum zwei Jahren sich noch maoistisch nannten, Koalitionsregierungen mit dem Bürgertum bilden, auf Streikende schießen, Bauern, die Land von Großgrundbesitzern besetzen, durch die Polizei verjagen lassen; auch dies hat das Prestige des Kommunismus in Afrika, Asien und Lateinamerika erschüttert. Tragisch, daß die junge Generation von Revolutionären, die mit den chruschtschowistischen KPen gebrochen hat, glaubt, sie müsse von einer Tabula rasa ausgehen: als gebe es überhaupt keine Kampferfahrung, keine Vergangenheit, keine Lehren, die man aus dieser Vergangenheit ziehen kann. Sie verurteilt sich selbst, all jene Fehler zu wiederholen, die die kommunistische Bewegung in diesen Ländern in ihrer Jugend bereits begangen hatte und danach ziemlich schnell überwinden konnte.

Ich möchte hier nicht über das Unwesen des Putschismus und des Abenteuertums im allgemeinen reden, über die völlige Aussichtslosigkeit, die Gesellschafts- und Staatsstruktur in einem Land durch die Aktion winziger Gruppen umwälzen zu wollen, ohne Verbindung mit den Massen. Diejenigen, die die Erfahrung der kubanischen Revolution in diesem Sinne deuten, kennen deren Geschichte nicht; sie wissen nicht, daß es sich um eine Massenbewegung handelte, die in jeder Stadt Kubas ihre Zellen und Sektionen hatte, die große Streiks, sogar einen Generalstreik organisieren konnte. Sie ahmen nur einen technischen Aspekt des Kampfes der kubanischen Revolutionäre nach, der losgelöst von diesem Zusammenhang nicht zum Erfolg führen kann.

Kinderkrankheiten der revolutionären Bewegung werden heute leider von einigen Gruppen wiederholt, die mit dem Chruschtschowismus und Stalinismus gebrochen haben. Es sind Kinderkrankheiten, die der internationalen Arbeiterbewegung in der Vergangenheit riesigen Schaden verursacht haben. Ich meine die Ablehnung der Arbeiterdemokratie, die Ablehnung der Demokratie in den Reihen der Revolutionäre selbst, der Versuch, Auseinandersetzungen mit anderen Strömungen innerhalb der Arbeiterschaft, der Gewerkschaften, der anderen Massenorganisationen der Arbeiter oder armen Bauern durch physische Gewalt zu lösen. Diejenigen, die das heute in ihrer Jugend versuchen, kennen nicht die fürchterlichen Folgen desselben Terrors, angewandt durch Stalinisten und durch sozialdemokratische Bonzen, gegen revolutionäre Minderheiten in der Vergangenheit. Sie verstehen nicht, daß sie hier buchstäblich mit dem Feuer spielen, das sie selbst in jedem Augenblick verbrennen kann und um so mehr verbrennen wird, als sie schwach, klein und isoliert sind.

Wir bedürfen heute im Kampf gegen das Kapital und gegen die stalinistische Bürokratie eines Prinzipes, das wir überall aufrechterhalten müssen: völlige Solidarität aller Revolutionäre, aller fortschrittliichen Tendenzen gegen jeden Versuch der physischen Unterdrückung auch nur eines einzigen überzeugten Sozialisten, sei es seitens eines bürgerlichen Staates, sei es einer Sowjetbürokratie, sei es seitens einer kleinen, terroristischen, ultralinken Gruppe.

Wenn es uns nicht gelingt, dieses Prinzip der vollständigen Solidarität gegen die Repression und der vollständigen Durchsetzung der Arbeiterdemokratie in den eigenen Reihen zu gewährleisten, dann stärken wir nur die gewaltigen Feinde, die wir zu besiegen haben, in erster Reihe die Bourgeoisie mit ihrem starken Staat und mit einem aufziehenden Neofaschismus, sodann die Sowjetbürokratie und ihre Agenten.

Diese falschen Lösungen, die unvermeidlich heute aus der Krise des Weltkommunismus entstehen, sind nur Ausdruck einer Wachstumskrise dieser Bewegung. Denn insoweit diese Krise heute im großen und ganzen durch den Aufstieg und nicht durch den Niedergang der internationalen Revolution bestimmt wird, werden in diesem Aufstieg selbst die nötigen politischen und organisatorischen Kräfte freigemacht, um diese Kinderkrankheiten, rechte wie linke, zu überwinden und den Weg zum Leninismus zurückzufinden.

Zuversicht kann geben, daß aller Terror Stalins — Millionen getöteter Kommunisten in der Sowjetunion, Versuch der systematischen Ausmerzung der leninistischen Tradition — nichts genützt hat. Es gibt heute eine wachsende Zahl junger Revolutionäre in der Sowjetunion, die zusammen mit den letzten Überlebenden der alten Bolschewiki, wie den alten Kommunisten Kosterin, oder wie Generalmajor Grigorenko, ausrufen: Stalinismus nie, Leninismus ja. Diese Botschaft wird heute in die sowjetischen Betriebe und in die sowjetischen Universitäten genauso hineingetragen, wie sie in die Universitäten und Betriebe Prags hineingetragen wurde, als die politische Revolution 1968 anschwoll.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1972
, Seite 23
Autor/inn/en:

Ernest Mandel:

Nationalökonom, u.a. Autor einer zweibändigen marxistischen Wirtschaftstheorie, Mitglied der IV. Internationale (Trotzkisten), Chefredakteur von „La Gauche“, Brüssel.

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