Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1971 » No. 208/I/II
Günther Nenning

Zum Andruck auf der eigenen Maschine

Ansprache am 8. März 1971
„Nennings Neues Forum in das Getto gestolpert“
(Schlagzeile in der „Kleinen Zeitung“)

Was Sie vor sich sehen, ist die erste Druckpresse in Österreich und umliegenden Ländereien, die den Redakteuren selbst gehört.

Was Sie mit dieser Tatsache anfangen können, weiß ich nicht. Ich will Ihnen sagen, was wir damit anfangen können.

Die eigene Druckerpresse verschafft uns Unabhängigkeit: nicht Unabhängigkeit schlechthin, aber mehr Unabhängigkeit.

Wir laufen der sogenannten „normalen“ Geistesentwicklung immer um ein paar Kilometer voraus, geraten daher immer wieder in Konflikt mit der „Normalität“. Wir schreiben, die Antwort sind materielle Pressionen. Das ist „normal“.

Die eigene Druckpresse macht uns in Zukunft unabhängig von einem Druckereiunternehmen, das uns die Druckpreise beliebig hinaufsetzen kann, letzthin z.B. um 60%.

Die eigene Druckerpresse macht uns unabhängiger von anderen Geldquellen, als es Leser und Abonnenten sind, weil wir auf dieser Presse — auch unter Einrechnung der Abzahlung der Maschine — billiger produzieren können als bisher. [1]

Dies auch deshalb, weil wir mit der Druckkapazität, die übrig bleibt nach Druck der eigenen Zeitschrift, einiges zusätzliches Geld verdienen können.

Wir wissen schon, daß wir nur ein kleiner Fisch, ein seltener Vogel, ein spezieller Fall sind.

Das gilt auch für unsere Redakteursgesellschaft, die Eigentümer der Zeitschrift und nunmehr auch der Druckerpresse ist.

Aber diese Redakteursgesellschaft beginnt dennoch in gewissem Sinn Schule zu machen, d.h. sie spukt in den Köpfen von immer mehr Journalisten. Sie beginnen darüber nachzudenken und zu diskutieren. Mehr ist noch nicht zu erwarten. Mehr ist noch nicht möglich.

Wir sind sicher, daß dasselbe auch vom nunmehr geschaffenen Präzedenz des Eigentums der Redakteure an ihrem drucktechnischen Produktionsmittel gelten wird. Auch das wird Schule machen. Auch das zunächst nur in den Köpfen der Redakteure.

Wir experimentieren. Wir können dabei bös ausrutschen.

Aber wir wollen weiterexperimentieren. Als nächstes wollen wir die Mitbestimmung der Leser — sie steht in unserem Statut — aktivieren, z.B. durch Veranstaltung von Leserkonferenzen.

Dabei soll stückerlweise nachgeholt werden, was bei diesem Andruck aus Zeit-, Raum-, Geldmangel, obwohl angekündigt, nicht zustandekam: ein Fest nicht nur der Redakteure und ihrer engeren Freunde, sondern jeweils auch ihrer engsten Freunde, der Leser.

Einige der gespendeten Forum-Bausteine.
Hinter der Mauer A. Krims, Kassier der Redakteursgesellschaft.

Zwei Telegramme und ein Brief

DDr. GÜNTHER NENNING

POLITISCH ANDERS ZU DENKEN KANN WEDER EIN ANLASS ZU PERSÖNLICHER ENTZWEIUNG NOCH ZU UNVERSÖHNLICHER ABNEIGUNG SEIN, HÖCHSTENS: ZUR BEHUTSAMKEIT, JEDEN VERDACHT AUSZUSCHLIESSEN, DEN POLITISCH ANDERS DENKENDEN ZU HINDERN, SEINE MEINUNG ZU SAGEN UND ZU DRUCKEN.

GUTE WÜNSCHE ZUM NEUEN BEGINN

BRUNO KREISKY

AUF DASS GELINGE EINE ROTE PRESSE OHNE ROTE ZAHLEN: SOLIDARISCH - EUER

FRITZ VILMAR

Sehr geehrte Damen und Herren,

die an mich samt Begleitung gerichtete Einladung zum Andruck von Ihrer neuen Presse sowie zur anschließenden bis 4.00 Uhr anberaumten Nachfeier kann ich schon deswegen nicht unbeantwortet lassen, weil Sie in aller Form um eine Antwort bitten. Ersparen Sie mir, bitte, anläßlich des für Sie freudigen Anlasses den Grund meines Fehlens und lassen Sie mich bei der Gelegenheit den Wunsch wiederholen, daß es sich in unserem Fall wenigstens um eine ordentliche und anständige Gegnerschaft handelt.

Es empfiehlt sich als ehemaliger Mitarbeiter
Ihr

Heinrich Drimmel
Mühl im Mantel
Mendt

[1Vgl. Bilanz 1970 sowie Perspektiven 1971, 1972, 1973 im vorigen „Forum des Forums“, NF Februar/März 1971, S. 6 f.

„In Augenhöhe“

Bücher-Herzogs erste österreichische Schaufenster-Blätter

Paul Flora hat mit seinen Zeichnungen die aus dem Jahr 1956 stammende und heute mehr denn je gültige „Verordnung der Bundespolizeidirektion Innsbruck über den Betrieb von Bordellen im Gebiet der Landeshauptstadt Innsbruck“ reichlich illustriert. Er hat das für die im Pornographie-Verdacht stehende Wiener Monatsschrift „Neues Forum“ Jänner/Feber 1971 ausdrücklich macht. Die Nummer hat bleibenden Wert, weit über den Fasching 1971 hinaus, mit dem sie eigentlich nichts zu tun hat. Auf den Zeichnungen befinden sich fünf nackte, aber behutete Tirolerinnen, acht ausgezogene, aber behutete Tiroler und ein ausgezogener, jedoch mit drei Orden geschmückter und unbehuteter Tiroler. Auch wer niemals die sittenpolizeilich verordneten Innsbrucker Bordelle besuchen wird, sollte sich nicht entgehen lassen, die 27 verordneten Paragraphen zu studieren und Floras kongeniale Kunstwerke zu bewundern. Text und Bild gehen hier eine Einheit ein, wie sie für Nord- und Südtirol unerreichbar ist.

Oscar Bronners „Profil“, das neue Monatsmagazin Österreichs, wurde im Feber zweimal beschlagnahmt. Nun interessiert die Frage des Überlebens und der künftigen Haltung. Österreich wäre ohne „Profil“ ärmer. „Profil“ und „Forum“ kosten je 20,—. Wer beide kauft, erspart sich, vier Päckchen „Falk“ zu rauchen.

Kajetan Sandler

Arbeitskreis Kritischer Alkoholismus Arbeitspapier 1

Um inhaltliche Kritik an seiner Zeitschrift zu verhindern, setzt Nenning seine Redakteure unter Alkohol, damit sie sich um so lieber vor dem NDR als Kasperl aufführen im Interesse der Publicity. Dem Otto Mühl (bekannter Wiener „Aktionist“) ist das sowieso wurscht.

Vorschlag: setzt Nenning unter Alkohol, damit er endlich etwas nicht Realpolitisches von sich gibt.

Um die Arbeit der Regierung nicht zu behindern, quatschen wir in den Räumen des Neuen Forum gegen die Arbeit der Regierung.

Wenn alle schimpfen und keiner was tut dann ist das Nennings Redakteure-Brut.

Neues Forum: Hier können Familien Kaffee kochen.

(Flugblatt während des Andrucks, 8. 3. 1971)
Flora
Andruck

DAS REDAKTIONSKOMITEE IST EINE FARCE! NENNING AGIERT WIE JEDER ANDERE KAPITALIST!

PROGRESSIV DYNAMISCH PHANTASIEVOLL ABER AUTORITÄR.

UND DAS HEFT MUSS IN EINER SCHÖPFERISCHEN ERLEUCHTUNG HERGESTELLT WERDEN, UND DIE ERLEUCHTET NUR NENNING.

DIALOG KRITIK ANTIKOMMUNISMUS SPARTAKUS

BRECHT DEN NENNING DIE GRÄTEN, ALLE MACHT DEN FORUM-RÄTEN!

BRANDTSTALLER COUDENHOVE KALERGI GEYRHOFER GREUSSING KRUNTORAD LESER PELINKA PRIESSNITZ SAGERSCHNIG SCHÖNWALD SPRINGER SIND SELBER SCHULD.

(Flugblatt während des Andrucks, 8.3.1971)
von Freunden gespendetes Offsetgummituch
Foto: Leo Ziganek (profil-trend)

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1971
No. 208/I/II, Seite 5
Autor/inn/en:

Günther Nenning:

Geboren 1921 in Wien, gestorben 2006 in Waidring. Studierte Sprachwissenschaften und Religionswissenschaften in Graz. Ab 1958 Mitherausgeber des FORVM, von 1965 bis 1986 dessen Herausgeber bzw. Chefredakteur. Betätigte sich als Kolumnist zahlreicher Tages- und Wochenzeitungen sowie als Moderator der ORF-Diskussionsreihe Club 2.

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