Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1969 » No. 190
Guy Sitbon

Wie errichtet man eine Kommune?

Die Entwicklung von Großfamilien in Skandinavien
Zeichnungen von Paul Flora (Diogenes)

I.

Die Sache ist einfach. Mittels elementarer Mathematik kann man die Gesamtzahl der Liebeskombinationen errechnen, die innerhalb einer Gruppe entstehen können. Die Formel lautet:

n (n-i)
───────
   2

„N“, sagte mir der Verwalter der Finanzen des Kollektivs von Kana, „ist die Anzahl der Individuen, die das Kollektiv umfaßt. Unser Kollektiv ist weder Kibbuz noch Genossenschaft noch handelt es sich um ‚freie Liebe‘; es ist eine neue Art des Familienlebens.“

In Kopenhagen, Hauptstadt Dänemarks und des guten Lebens, entstehen seit Jahresbeginn 1969 monatlich mindestens zwei solcher Kollektive.

In Kana, einem winzigen Dorf 30 Kilometer von Kopenhagen, leben 15 Personen, Männer und Frauen zwischen 21 und 30 Jahren, in dieser Ehe neuen Typs: acht Männer und sieben Frauen.

Die Älteste, Ines, ist Pädagogin. Nach ihrer Scheidung lebt sie hier mit ihren beiden Kindern, dem achtjährigen Niz und der sechsjährigen Aija.

Erik, der jüngste, ist 21 und studiert Soziologie. Erik und Jette, eine 23jährige Stewardeß, sind ein Paar.

Das Kollektiv von Kana wurde sehr rasch bekannt. Aus allen Gegenden Dänemarks kamen Leute. Man wollte sehen, wie es diesen Menschen gelungen war (sagte mir der Finanzverwalter), „der schmutzigen Welt der modernen Wohnkomplexe zu entrinnen, wo man einander nicht kennt, aber ununterbrochen beschnüffelt“.

Wie es ihnen gelungen ist (sagte mir der Finanzverwalter), „die einsame Zweisamkeit eines jungen Haushalts zu durchbrechen, der sich langsam, aber unentrinnbar auflöst, weil zwei isolierte. Partner sich wechselseitig zerstören, bis nur noch die Langeweile übrigbleibt“.

Amerikanische Soziologen wollen in Kana „eine nene Lebensform für die moderne Großstadt“ entdeckt haben. Aus einem halben Dutzend Ländern kamen schon Junge und Alte nach Kana: hat man hier die magische Formel zur Lösung unserer Alltagskonflikte gefunden?

Als ich an einem Samstag gegen drei Uhr nachmittags in Kana ankam, nahm ein Dutzend Männer, Frauen und Kinder im Garten gerade ein Sonnenbad. Nina saß mit nackten Brüsten da und kämmte sich sorgfältig ihr langes rotes Haar. Vermutlich hatte sie vergessen, auch ihr himmelblaues Höschen auszuziehen, das letzte Kleidungsstück, das sie trug.

Nur ihr vierjähriger Sohn Mike interessierte sich für sie. Er zog sie an den Schultern und sekkierte: „Komm, lauf mit mir!“

Nina kämmte sich majestätisch weiter. Niemand beachtete sie.

In einer Ecke diskutierte man über Politik: soll man der Sozialdemokratischen Partei beitreten, um das System von innen her zu verändern, oder soll man in linken Kleingruppen kämpfen?

Eine rundliche Blondine teilte aus einer großen, roten Emailkanne Kaffee aus. Jeder war beschäftigt. Niemand außer mir schenkte der schönen nackten Nina Aufmerksamkeit. Ihre Brüste gingen sanft mit bei jeder Bewegung des Kammes. Sie schien überrascht, daß ich ihr mehr Beachtung schenkte als der Kaffeekanne.

Glücklicherweise brachte der kleine Mike seine Mutter schließlich dazu, daß sie mit ihm, lachend, über die frischgemähte Wiese lief. Es war höchste Zeit, ich hätte riskiert, wegen Unsittlichkeit aus Kana weggeschickt zu werden, noch ehe meine Untersuchung begonnen hatte.

II.

Die sich’s vor mir in der Sonne bequem machen, gehören nicht alle zur großen Familie. Es ist Wochenende und schönes Wetter. Freunde verbringen hier einige Stunden oder Tage: in dem großen Landhaus, das sich das Kollektiv gekauft hat. Die Gäste müssen, was sie hier konsumieren, bezahlen. Neben dem Kühlschrank steht hierfür eine Schachtel.

Die Familienmitglieder haben sich auf der Universität von Kopenhagen kennengelernt, manche studieren noch dort. Verwandte politische Überzeugungen — im allgemeinen „linke“ —, Sympathie, Zuneigung, manchmal Liebe, haben aus ihnen im Lauf der Jahre eine immer einheitlichere Gruppe geformt.

Paare (traditionelle, wie sie sagen) haben sich gebildet und Ehen (noch traditionellere) wurden geschlossen.

Dennoch blieb die Gruppe beisammen; fast jeden Abend bis spätnachts in einer der Zweizimmerwohnungen, in denen die einzelnen Paare wohnten. „Wir zögerten jeden Abend den Augenblick der Trennung hinaus“, sagte Henrik (26, Anthropologe), „das heißt, den Augenblick, in dem man wieder allein war mit seiner Freundin oder Frau. Im Winter mußte man in der Kälte nach Hause gehen. Überdies hatten wir, jeder für sich, unsere kleinen häuslichen Probleme, unsere kleinen Eifersüchte. Die Idee der Großfamilie lag damals bei uns in der Luft. Viele solcher Kollektive waren in Dänemark bereits entstanden. Dann machten wir den entscheidenden Schritt: wir haben uns zusammengetan.“

III.

Ein junger dänischer Industrieller, Bjord Selden, lançierte die Idee der Großfamilie im November 1967. Bjord ist heute 30, Direktor und Eigentümer einer kleinen Wäschefabrik, die er mit 23 gründete. Er hat Geld und kämpft in Organisationen für die Reform der Familienstruktur.

Ein Geschäftsmann, der langes Haar und fleckige Blue Jeans trägt wie ein gewöhnlicher Hippie.

Mit Hilfe einer Journalistin einer großen Kopenhagener Tageszeitung lançierte er in der Presse den Vorschlag, daß alle jungen Menschen, die an der Errichtung von Großfamilien interessiert sind, sich an ihn wenden sollten.

„Dreißig oder vierzig Personen antworteten. Viele mußten wir wieder ausscheiden, weil sie nur miteinander schlafen wollten. Die anderen haben wir lange über ihre Motive befragt. In endlosen Diskussionen, in denen jeder ganz aus sich heraus mußte. Schließlich gründete die erste Gruppe ihr Kollektiv. Jetzt gibt es schon an die 50 Kollektive. Weitere sind im Entstehen.“

„Handelt es sich um Mode? Eine neue Art von Protest der Jugend?“

„Zunächst muß man betonen, daß sich nicht nur Junge auf diese Weise zusammentun. Ich kenne Alte, die nicht allein leben oder in ein Greisenasyl ziehen wollen, sondern ein Kollektiv gründen. Sie kennen sich seit langem und können sich bei einem solchen Zusammenleben Bedienerinnen und ein schönes Haus leisten. Vor allem werden sie sich nicht mehr langweilen. Aber es stimmt, hauptsächlich sind es junge Menschen.

Sobald ein junges Paar in der Kleinfamilie unserer Kultur ein Kind hat, wird ein normales Leben unmöglich. Es gibt keine Großmutter mehr, die abends die Kinder hütet, man kann nicht mehr ausgehen, man sieht seine alten Freunde immer weniger und schafft sich keine neuen. Wenn man mit alten Freunden zusammenkommt, dann bei Besuchen zwischen acht und Mitternacht, die immer fader werden, je älter man wird. Was macht man bei solchen Besuchen? Man vergleicht, bewußt oder unbewußt, seine eigene soziale Position mit der der anderen: Was haben die erreicht? Was haben wir erreicht? Bestenfalls redet man von der Zeit, in der die Freundschaft noch wirklich lebendig war — wie Soldaten von ihrer Kampfzeit. Man kann sich nicht mehr richtig miteinander unterhalten, und wenn einem die Frau des Freundes gefällt, muß man sie heimlich treffen.

Warum sollen bewußt lebende junge Menschen dieses Schicksal akzeptieren, zu dem sie sich fast zwanghaft verurteilt fühlen? Sie werden immer weniger Kinder in die Welt setzen, was zu einer gesellschaftlichen Katastrophe führen wird — schon jetzt fällt die Geburtenrate Jahr für Jahr. Sie lassen sich immer häufiger scheiden, und fast immer in unsinnig dramatisierten Formen. In Kopenhagen kommt auf drei Ehen eine Scheidung. Es ist klar, daß die Kleinfamilie für die Jungen nicht mehr die einzige Möglichkeit sein kann.

Außerdem gibt es ja nicht nur die Familie, die aus Vater, Mutter und Kindern besteht, es gibt ja, wegen der vielen Scheidungen, eine noch engere Formel: Mutter mit Kindern, ohne Vater. Ein Widersinn, der beweist, wie wenig die derzeitige Familienstruktur unseren Bedürfnissen angepaßt ist.

Für die Jungen ist das Bedürfnis nach der Großfamilie um so stärker, als der Sexualtrieb bei ihnen stärker entwickelt ist. Nach einer bestimmten Zeit läßt bei einem jungen Paar die gegenseitige sexuelle Anziehung nach, die beiden Partner befriedigen nicht mehr ihre Bedürfnisse, die in ihrem Alter noch sehr groß sind. Das ist eine der wichtigsten Ursachen für die Auflösung der Kleinehe.

In einer Großfamilie hingegen lebt man auch mit anderen Partnern als seinem Mann oder seiner Frau zusammen, Partnern, mit denen man sexuelle Beziehungen unterhalten kann — und sehr wahrscheinlich auch unterhalten wird. Es ist nicht notwendig, daß alle Mädchen der Reihe nach mit allen Burschen schlafen. Jeder macht, was er will. Aber schließlich wird es doch fast immer dazu kommen.“

„Tritt man in das Kollektiv paarweise ein?“

„Nicht notwendigerweise, aber sehr häufig. Manchmal tritt man verheiratet ein, läßt sich scheiden, bleibt aber weiter im Kollektiv. Für die Kinder, die dadurch weiter mit ihren beiden Eltern leben, ist dies ein enormer Vorteil.“

„Eifersucht gibt es nicht mehr?“

„Die Eifersucht verschwindet nicht sofort. Wir sind von Jahrhunderten gekennzeichnet, in denen Partner einander in der Ehe als Privateigentum auffaßten: Eine Frau ist persönliches Ergentum wie eine Zahnbürste. Bei uns in Skandinavien hat die Freiheit, die man der Literatur und den pornographischen Magazinen gewährte, viel zum Fortschritt auf diesem Gebiet beigetragen. In allen Kiosken sieht man Photos, auf denen drei oder vier Personen miteinander schlafen. Die Leute haben diese Illustrierten gekauft und darüber diskutiert. Die einen waren dagegen, ihnen gefiel es nicht, die anderen waren dafür und praktizierten häufig Gruppensex. Dies wird zu einer geläufigen Erscheinung. Wissen Sie, wenn ein Mann sieht, wie seine Frau mit einem anderen Mann schläft, trägt dies wesentlich zum Rückgang der Eifersucht bei.“

Bevor sich die 15 Ehegatten von Kana entschlossen, zusammenzuleben, gab es endlose Diskussionen. Bis eines Tages Ruth (29, Soziologin) explodierte:

„Jetzt oder nie. Wir müssen ein großes Haus finden, und zwar schnell.“

Die Hochzeit von Kana

Die „Fünfzehn“ und einige Freunde klapperten die Realitätenbüros von Kopenhagen und Umgebung ab. Am vierten Tag entdeckten sie ihr Traumhaus: 30 Räume, 3 Badezimmer, 700 Quadratmeter Wohnraum, 4.000 Quadratmeter Garten, vier Hektar bebaubares Land, 400.000 Kronen (ungefähr 1,4 Millionen Schilling). 300.000 mußten in bar erlegt werden, auf jeden entfielen also 70.000 Schilling. Die meisten hatten die Summe oder konnten sie sich verschaffen. Die sie nicht hatten, liehen sie sich bei den reicheren Mitgliedern des Kollektivs und verpflichteten sich, sie innerhalb eines Jahres zurückzuerstatten.

Henrik, der Anthropologe, hatte die Kaufsumme für das Haus schließlich in dicken Bündeln von Hundertkronenscheinen beisammen. Als er sie beim Notar hinterlegte, schlug sein Herz so schnell wie bei Armstrong, als er auf dem Mond landete.

„Wer von Ihnen ist der neue Eigentümer?“ fragte der Notar.

„Alle fünfzehn.“

„Sie haben mich schlecht verstanden. Ich frage nicht, wer das Haus bewohnen wird, sondern in wessen Eigentum es übergeht? Wer wird den Kaufvertrag unterzeichnen?“

„Alle fünfzehn. Wenn die Kinder unterzeichnen können, noch vier Personen mehr.“

Der Notar war wütend. Diese Leute, die zwar schön, aber wirr sprechen, die zwar Geld haben, aber nicht wissen, was es heißt, ein Haus zu kaufen.

„Fünfzehn Personen können nicht gemeinsam ein Grundstück kaufen. Das Gesetz legt fest, daß dies nicht mehr als fünf tun können, und selbst dieser Fall tritt fast nie ein. Im übrigen ist Ihre Angelegenheit nicht ganz klar. Ich werde die derzeitige Eigentümerin fragen, ob sie einem Verkauf noch immer zustimmt.“

Schließlich wurde die Sache geregelt. Fünf durch Los ausgewählte Partner unterzeichneten den Vertrag und verpflichteten sich gegenüber den zehn anderen in einem zweiten Dokument. Das Eigentum an dem Haus ist also kollektiv. Aber im Konfliktfall würden die dänischen Gerichte nur die fünf Vertragskontrahenten anerkennen.

Ein anderes Kollektiv, die „Kommune O“, die mitten in Kopenhagen wohnt, wollte darauf bestehen, ihr Haus als Kollektiveigentum zu kaufen. Man nahm einen Anwalt, der von Behörde zu Behörde ging. Schließlich erklärte ein Beamter offen: „Wir können diesen Typ von Familie und kollektivem Eigentum nicht akzeptieren. Diese Leute handeln gegen die Moral. Wohin soll das noch führen?“

Auch in Kana gab es einige kleine Konflikte. Der Bürgermeister wurde unruhig, als diese seltsamen Leute in seine Gemeinde zogen. Er schrieb einen Brief an die zuständige Behörde, um sie wieder loszuwerden, aber ohne Erfolg. Heute sind die Beziehungen zwischen Bevölkerung und Kollektiv ausgezeichnet. Das Kollektiv ist als neue Familie in die Gemeinde aufgenommen.

„Als wir hier begannen“, erklärte Henrik, der Anthropologe, „war unser großes Haus völlig verfallen. Alle Räume mußten hergerichtet und neu eingeteilt werden. Jeder Erwachsene und jedes Kind bekam sein eigenes Zimmer. Unter uns fünfzehn gibt es drei Paare. Die Paare haben ihre beiden Zimmer vorzugsweise nicht nebeneinander. Die beiden jüngsten, Erik, ein Soziologiestudent (21), und Jette, eine Stewardeß (23), bestanden auf zwei nebeneinander liegenden Zimmern. Sie wollten sogar, daß man die Trennwand durchbricht. Die übrigen rieten ihnen ab. Wir fürchteten nicht, daß sich eine Kleinfamilie innerhalb der Großfamilie etablieren könnte; das ist wenig wahrscheinlich, die Beziehungen innerhalb der ganzen Gruppe sind zu eng. Es war eine prinzipielle Frage; anderseits wollten wir die beiden nicht kränken. Sie brachen also zwischen ihren beiden Zimmern eine Verbindungstür durch. Heute kommen Erik und Jette weniger gut miteinander aus. Ihre Kleinfamilie wird sich wahrscheinlich auflösen, aber beide bleiben in der Großfamilie. Sie wollen nur, daß die Tür wieder vermauert wird, damit jeder, wie alle anderen, sein eigenes Zimmer hat.

Das eigene Zimmer gehört zum Prinzip aller unserer Großfamilien. Aber ein Kollektiv, die ‚Kommune O‘ vermischt damit ein zweites Prinzip: neben dem eigenen Zimmer noch ein kollektiver Schlafraum. Untertags hat man sein eigenes Zimmer; nachts schlafen alle (drei Männer und drei Frauen) in einem großen Raum, der fast zur Gänze mit einem gewaltigen, sehr niederen Bett ausgefüllt ist. Es ist so groß, daß noch zwei oder drei Personen darin bequem schlafen könnten.“

„Schlafen Sie auch miteinander?“ (fragte ich ein Mitglied der „Kommune OÖ“).

„Wer Lust hat: natürlich. Manchmal gibt es dabei Probleme. So hatten wir zwei, die dabei beträchtlichen Lärm machten, noch dazu sehr lang. Für die, die schlafen wollten, war das nicht gerade angenehm. Sie sind weggegangen, aber nicht deswegen. Wir verstanden uns nicht sehr gut. Aber ich bleibe dabei, daß man aus Disziplin gemeinsam schlafen soll.“

„Aus Disziplin?“

„Wir werden niemals erwachsen werden, solange wir nicht die Askese praktizieren, die darin besteht, daß ich zusehe, wie mein Freund mit meiner Frau schläft, ohne daß ich dabei das Gefühl habe, daß mein Eigentumsrecht verletzt wird. In den meisten Kollektiven schlafen fast alle Mädchen mit fast allen Burschen. Im allgemeinen schon vor der Gründung der Großfamilie. Wenn man beginnt, gemeinsam zu leben, beherrscht dann nicht dies, sondern vielmehr die Aktivität des gemeinsamen Alltags, das Gruppenleben.

Eine neue Lebensweise muß erfunden werden. Das ist gar nicht einfach.

Zusammen zu leben, wirft zunächst ein wirtschaftliches Problem auf. In der Kleinfamilie ist die Gütergemeinschaft total. In den neuen Großfamilien ist dies meist nicht der Fall. In Kana zum Beispiel verwendet jeder sein Einkommen wie er will. Es gibt drei Paare, neun alleinstehende Personen und vier Kinder. Jeder Erwachsene zahlt monatlich in die gemeinsame Kassa: 250 Kronen für die Raten des Hauskaufes, 250 Kronen für die Nahrung und 100 Kronen für den Transport (ein kleiner Volkswagen bringt jeden Morgen die einen ins Büro, die anderen auf die Universität), insgesamt 2000 Schilling pro Person. Die Kinder leben auf Kosten der Gemeinschaft.

Wenn sie allein lebten, wären sie arm ...

Wenn sie allein lebten, wären sie mit dieser Summe arm, als Großfamilie sind sie fast reich. Der enorme Kühlschrank ist schon ein ganzer Lebensmittelladen. Man kauft en gros ein, um 30 Prozent billiger als in den Geschäften. Das Scheckheft steht allen zur Verfügung, alle fünfzehn sind zeichnungsberechtigt. Der Bankbeamte war überrascht.“

„Und wenn jemand von Euch drei Kilo Kaviar kauft?“

„Dann muß er eben einen Monat lang mit uns Kaviar essen. Bis jetzt hat noch niemand kiloweise Kaviar gekauft, aber es ist vorgekommen, daß manche, die bei ihren Eltern an ein aufwendiges Leben gewohnt waren, zu teuer einkauften. Später haben sie damit aufgehört.“

Die älteren Kollektive, die ihre Ersteinrichtung schon bezahlt haben, sind reicher als Kana. Die „Kommune O“ kauft gerade ein Schiff. In Troro ist man dabei, eine großartige Bibliothek aufzubauen, und plant die Anstellung von Hauspersonal. Die Kollektivmitglieder stehen meist links; Bedienerinnen, Hausangestellte zu haben, heißt sich verbürgerlichen. Die Frage ist noch nicht gelöst. In Kana sorgt jeder selbst für sein Zimmer.

Einmal in der Woche, am Samstagvormittag, wird gründlich aufgeräumt. Damit es weniger langweilig ist, macht man daraus ein Fest. Freunde werden eingeladen, der Plattenspieler auf maximale Lautstärke gestellt, die Hausarbeit geht — so höre ich — in einem Wirbel von Musik, Gesang, Tanz vonstatten.

In Kana kocht jeden Tag eine Person, eine andere wäscht. das Geschirr. Nur eine Mahlzeit, das Nachtmahl, ist gemeinsam.

„Gibt es etwas Dümmeres in unserer Gesellschaft“, sagt mir ein weibliches Mitglied der Großfamilie, „als diese Absurdität, daß alle Frauen, und häufig auch die Männer, täglich zur selben Stunde in die Küche gehen und dasselbe tun: für zwei Personen kochen? Mit demselben Aufwand könnte man für 20 kochen und 19 andere wären frei.“

Frei wofür? Das reiche Kollektiv von Troro, das sich in einem alten Kloster eingerichtet hat, kaufte ein vollständiges Photolabor. Außerdem baute man sich ein Zeichen- und Malatelier. In der früheren Kapelle hat man, weil die Akustik so gut ist, eine kostspielige High-Fidelity-Anlage installiert. Ferner hat man Maschinen gekauft, um die von einem Mitglied des Kollektivs entworfenen Polsterfauteuils herstellen zu können. Sie sind aus billigem Material (Plastikabfall). Sie sollen in größeren Mengen hergestellt und verkauft werden.

Die große Versuchung für diese neuen Familien besteht darin, daß man nicht nur gemeinsam leben, sondern auch gemeinsam arbeiten will, daß man das Kollektiv in eine Genossenschaft oder eine politische Gruppe umwandelt. Ein Koordinationskomitee für den Austausch von Informationen umfaßt bereits eine größere Zahl solcher Kollektive und tendiert auf eine revolutionär-politische Organisation. Aber die meisten Kollektive sind gegen eine solche Orientierung.

„Es geht nicht darum“, sagte man mir, „neue industrielle Strukturen oder Gruppen für gemeinsamen Kampf in der Gesellschaft zu bilden. Für diese Aufgaben gibt es bereits Organisationen, andere sind im Entstehen. Manche von uns werden sich vielleicht persönlich an solchen Organisationen beteiligen. Aber hier wollen wir einfach besser leben, jetzt gleich und wir selbst, und nicht das Glück unserer Ururenkel in kommenden Jahrhunderten vorbereiten.“

Sorgen sie sich wenigstens um das Glück ihrer Kinder? Sehen wir uns den Fall Ines an (30 Jahre, Pädagogin). Sie hat zwei Kinder, ist geschieden, lebt in Kana. Im Kollektiv haben Aja (6 Jahre) und Niz (8 Jahre) zwei Freunde gefunden, die ungefähr im selben Alter stehen. Mit ihnen gehen sie in die Schule, spielen sie im Garten, machen ihre Aufgaben usw. Wenn sie von der Schule heimkommen, arbeitet ihre Mutter noch, aber im Haus gibt es immer jemanden, der auf sie aufpaßt, ihnen ein Butterbrot streicht oder ihre Aufgaben überwacht.

Fast alle Mitglieder des Kollektivs wollen Kinder haben. Alle Kinder, die bei ihnen leben, sind ihre Kinder. Sie hängen an ihnen und kümmern sich mehr um sie, als Eltern es je könnten.

Sie haben es mir gesagt, ich habe es gesehen, es stimmt.

Schluß folgt

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1969
No. 190, Seite 531
Autor/inn/en:

Guy Sitbon:

Mitarbeiter des „Nouvel Observateur“, Paris.

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