Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1969 » No. 183/I
Elisabeth Stengel

Wer Germanist ist, bestimme ich

Die Erforschung der Eigenart eines Volkes aus seinen kulturellen Leistungen heraus ist jederzeit ein durchaus legitimer Gegenstand wissenschaftlichen Forschens.

Herbert Seidler, 1967

Das Volk wird nun auch für die Literaturwissenschaft zum einzig gültigen Wertmaßstab ... denn darum geht es nun letztlich: Wachstum und Gepräge, Daseinssinn und Wirkungsraum der Dichtung im Aufbau der Nation zu erkennen ...

Heinz Kindermann, 1943

Herbert Seidler hat sich geärgert über einen Angriff auf die Germanistik, der „in einer Wiener Zeitschrift von einem aus Prag gebürtigen, jetzt in den USA wirkenden Deutschen erschienen ist“. Er hat daher „von Wien aus versucht, in wissenschaftlicher Darstellung die Lage der deutschen Literaturwissenschaft zu beleuchten“. [*]

Es muß einen Grund geben, daß zwar nicht die Argumente aus dem Angriff von Peter Demetz zitiert werden, sondern daß Peter Demetz als ein aus Prag gebürtiger Deutscher eingeführt wird, der in den USA wirkt. In seiner wissenschaftlichen Darstellung „blendet“ Herbert Seidler weder mit „Aperçus“ noch mit „thetorischen und stilistischen Finessen“, denn das sei Sache des „bloßen Journalismus“; nein, die Beschwörung von Stämmen und Landschaften soll die Diskussion vom Gegenstand auf den Gegner ablenken. Das Argument von Peter Demetz wandte sich gegen den Provinzialismus, die Selbstflucht und die Wertschau der deutschen Germanistik, und sein Gegenvorschlag war eine „erneuerte Allianz mit der sogenannten vergleichenden oder allgemeinen Literaturwissenschaft.“ Die Antwort von Herbert Seidler ist eine ebenso umständliche wie langweilige Verteidigung der nationalen Grenzen einer nationalen Literaturwissenschaft. Und worauf zielt dabei die biographische Lokalisierung von Peter Demetz? Man muß sich durch einige Seiten literaturwissenschaftlicher Beleuchtung hindurchlesen (die oft lange vor der Erfindung der Elektrizität installiert wurde und ein trübes Licht verbreitet), ehe man auf den aggressiven Kern der Beweisführung stößt:

Wir erfahren, daß „der Nationalismus in der deutschen Literaturwissenschaft“ als „Hinüberschreiten ins Außerwissenschaftliche ... heute von jungen deutschen Literaturwissenschaftern besonders gut bekämpft wird“. Um dieses „heiße Eisen“ in „aller Ruhe und Sachlichkeit“ anpacken zu können, vollzieht Herbert Seidler eine streng wissenschaftliche Operation: er trennt die „politischen Mißbräuche und Entartungen“ des Nationalsozialiimus von „geistigen Bewegungen“, die „einfach geschichtlich ernst genommen werden sollten“.

Die Ergebnisse dieser Betrachtung sind weder wissenschaftlich noch geschichtlich, sondern sie wären einfach lächerlich, wären sie nicht zu gefährlich:

Es beginnt ganz einfach bei der Liebe zum deutschen Volk, deren sich die Literaturwissenschaft immer wieder schuldig gemacht habe. Zunächst einmal hat Liebe und Begeisterung im Kopf und Herzen eines Wissenschafters einen Platz? Es kann angenommen werden, daß Liebe zu einem Gegenstand, etwa zur Mathematik oder Dichtung, eine sehr wertvolle Voraussetzung für wissenschaftliches Arbeiten auf diesem Gebiet ist — natürlich dieses nicht ersetzen kann. Für die Literaturwissenschaft gilt wie für jede Kunstwissenschaft, daß an ihrem Anfang das Ergriffensein vom Kunstwerk steht. Denn nur im Ergriffensein haben wir es in seiner Ganzheit als Gegenstand gegeben, und bevor ein Gegenstand nicht gegeben ist, wenigstens in den ersten Umrissen, kann er nicht wissenschaftlich analysiert werden. Der nächste Schritt ist sofort getan: Liebe zur eigenen Muttersprache und zur Dichtung in ihr als Antrieb zu ihrer Erforschung.

Herbert Seidlers Antwort auf die Kritik am Nationalismus der deutschen Literaturwissenschaft ist eine Beschreibung seiner Entstehung aus dem (geschichtlich ernst genommenen) Gefühlen „Liebe“ und „Begeisterung“. Das Beispiel des Mathematikers ist entlarvend für den unlogischen Gedankensprung: wenn einer die Mathematik noch so sehr liebt, wird ihm das nichts helfen, wenn er falsch rechnet und seine Ergebnisse nicht stimmen. Die Frage, ob ein Mathematiker die Mathematik liebt, ist ebenso unwissenschaftlich wie die Frage, ob ein Literaturwissenschafter das deutsche Volk liebt. Die emotionellen Motive für eine wissenschaftliche Arbeit sind irrelevant für die Beurteilung dieser Arbeit. Es interessiert mich deshalb „ganz einfach“ nicht, ob Herder oder die Brüder Grimm das deutsche Volk geliebt haben, wenn ich ihre Schriften als Beitrag zur Literaturwissenschaft betrachte.

Bis hierher wäre das Argument nur falsch, aber nicht besonders gefährlich. Eine Warnung ist jedoch das Wörtchen „wertvoll“, das anläßlich der Liebe des Wissenschafters zu seinem Gegenstand auftaucht. Hier wird das Gefühl der Liebe und Begeisterung mit einem Werturteil verbunden.

Inzwischen ist aber schon nicht mehr von der „Liebe zum deutschen Volk“ die Rede, sondern von der „Liebe zur Dichtung“ bzw. zum Kunstwerk bzw. vom „Ergriffensein vom Kunstwerk“. Von diesem Kunstwerk erfahren wir, daß es nur im Ergriffensein in seiner Ganzheit als Gegenstand gegeben sei. Die Implikationen dieser irrationalen Behauptungen sind schon so oft und überzeugend widerlegt worden, daß es sich nicht lohnt, sie hier ausführlich zu kritisieren. Mich interessiert hier nur das Ziel, zu dem diese Gedankensprünge von einer Hypothese zur anderen führen:

Das Ergriffensein vom Kunstwerk sei also Voraussetzung zur wissenschaftlichen Analyse des Kunstwerks. Auf derselben Ebene liegt „die Liebe zur eigenen Muttersprache und zur Dichtung in ihr“. Da Herbert Seidler „Liebe“ und „Begeisterung“ und „Ergriffensein“ gleichsetzt, kann man daraus schließen, daß nur derjenige berufen ist, deutsche Literaturwissenschaft zu betreiben, der dank seiner Liebe zur deutschen Muttersprache von den deutschen Dichtungen ergriffen werden kann.

Und nun ist die Begriffsverwirrung bereits weit genug gediehen, um „in aller Ruhe und Sachlichkeit“ fordern zu können, daß in den höheren Schulen „neben Wissensvermittlung auch die Liebe ... gegenüber Werten und Gütern“ gepflegt und gebildet werden soll.

Diese Liebe zu den Werten kann, wie wir erfahren haben, nur von Leuten gelehrt werden, die dank ihrer Liebe zur deutschen Muttersprache auf dem Umweg über das Ergriffensein die Werte analysiert haben. Und damit ist die Gleichsetzung von deutscher Sprache und deutschem Volk und deutschen Werten zementiert.

Ein aus Prag gebürtiger Deutscher, der in den USA wirkt, darf da freilich nicht mehr mitreden.

[*Der Artikel von Peter Demetz erschien im „Neuen FORVM“, Februarheft 1967; der Artikel von Herbert Seidler im Dezemberheft 1967 von „Wissenschaft und Weltbild“.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1969
No. 183/I, Seite 189
Autor/inn/en:

Elisabeth Stengel: Jahrgang 1938, hat in Wien ihre germanistischen Studien mit einer Dissertation über Heimito von Doderer abgeschlossen. Nachdem sie im FORVM bereits mit kleineren Beiträgen vertreten war („Doctor Doderers Wuthäuslein“, Heft IX/108; „Ein Philosoph für die Dichter“, Heft X/114; „Mißbehagen am Mittelmaß“, Heft X/115-116), wird sie unserer Redaktion nunmehr als ständige Mitarbeiterin verbunden sein.

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