Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1969 » No. 184/I
Gerd-Klaus Kaltenbrunner

Von Dühring zum Diamat

Das Leben Eugen Dührings (1833-1921) — Fortsetzung

II

Die Vorlesungen des jungen Dozenten Eugen Dühring gehörten bald zu den meistbesuchten an der Universität Berlin. In rascher Folge ließ er Bücher erscheinen, die von einer enzyklopädischen Weite seiner Interessen zeugen: allein im Jahre 1865 kamen heraus „Capital und Arbeit“, „Natürliche Dialektik“, „Careys Umwälzung der Volkswirtschaftslehre und Sozialwissenschaft“ und „Der Wert des Lebens“. [24] Es folgten bahnbrechende Arbeiten auf dem Gebiet der Wissenschaftsgeschichte: „Kritische Geschichte der Philosophie von ihren Anfängen bis zur Gegenwart“ (1869), „Kritische Geschichte der Nationalökonomie und des Socialismus“ (1871), „Kritische Geschichte der allgemeinen Principien der Mechanik“ (1872) sowie die systematischen Werke: „Kritische Grundlegung der Volkswirtschaftslehre“ (1866), „Cursus der National- und Socialökonomie“ (1873), „Cursus der Philosophie“ (1875), „Logik und Wissenschaftstheorie“ (1872), außerdem eine weitere Apologie des amerikanischen Nationalökonomen Henry Charles Carey, dem er neben Friedrich List besonders verpflichtet war. [25]

Seine „Kritische Geschichte der allgemeinen Principien der Mechanik“, die von Ernst Mach hochgeschätzt wurde, erhielt den Bercke-Preis der Universität Göttingen, während die „Kritische Geschichte der Nationalökonomie und des Socialismus“ bis in unsere Zeit als wissenschaftlich bedeutendste und vorbildliche Darstellung der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen galt.

Seine Bestrebungen in dieser von fast beispiellosen Erfolgen gekrönten Periode charakterisierte Dühring in Wendungen, die wie ein Widerhall des Programms von Marx und Engels wirken: „Mein System ging darauf, die äußersten Enden der menschlichen Interessen zusammenzufassen und den Bau vom materiellen Fundament bis zum geistigen Gipfel in einerlei Stil aufzuführen“, wobei er sich „am Leitfaden der Materialität oder, was dasselbe heißt, am Leitfaden der wahrnehmbaren Kräfte“ orientierte. [26]

Der Mensch hat ... mit nichts anderem als dem Boden unter sich, der Luft über sich und seinesgleichen neben sich zu schaffen. [27]

Wie kein zweiter schien Dühring dazu prädestiniert, einem Volke von so hochgespannter idealistischer Geistigkeit und verwegener Romantik, als welches sich die Deutschen von Madame de Staël bis tief ins 19. Jahrhundert in gemeineuropäischer Sicht präsentierten, die metaphysischen Mucken auszutreiben, es als ein Schulmeister des Objektiven ins positiv-wissenschaftliche Zeitalter hineinzuführen.

Die Zeit war günstiger denn je: Hegel starb zwei Jahre vor seiner Geburt, dessen intimer Feind Schopenhauer ein Jahr vor seiner Promotion. Der deutsche Idealismus war passé, und nach dem gescheiterten Versuch einer bürgerlichen Revolution 1848 verlagerte sich der lange gehemmte Drang zur Praxis energisch auf den rasch expandierenden Komplex Naturwissenschaft—Technik—Industrie, den Motor der modernen Zivilisation.

Dieser Trend verstärkte sich noch, als das Deutsche Reich von oben gegründet worden war. Im Zuge der rapiden Industrialisierung entstand in den Städten eine neue, traditionslose Klasse: das Proletariat. Der Religion entfremdet und von der bürgerlichen Kultur ausgeschlossen, wartete es auf die ihm gemäße politische Formel. Lassalle war 1864 gestorben; Marx und Engels im fernen London vermochten nur unzulänglich die soziale Bewegung in Deutschland zu überblicken und in ihrem Sinne zu dirigieren, wie die scharfe Kritik Marxens am Gothaer Programm von 1875 beweist. [28]

Dühring hatte sich inzwischen vom Sozialreformer, der die Grundlagen der bestehenden Wirtschaftsordnung wie Privateigentum und Lohnarbeit prinzipiell anerkannte, zu einem eigenwilligen Sozialisten entwickelt, dessen „sozialitäres System“ scharf mit den kapitalistischen Produktionsverhältnissen kontrastierte.

Die sozialphilosophischen Grundlagen dazu hatte Dühring in seinem „Cursus der Philosophie“ gelegt. In der 1876 erschienenen zweiten Auflage des „Cursus der National- und Socialökonomie“ entwickelte er sein neues sozialistisches Modell in concreto. Ziel ist Aufhebung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, eine Gesellschaft von Freien und Gleichen. Das bisherige industrielle und landwirtschaftliche Privateigentum soll durch „Wirtschaftskommunen“ ersetzt werden, die jedem Arbeitswilligen und Arbeitsfähigen offenstehen. Dühring meint damit:

Vereinigung von Personen, die durch ihr öffentliches Recht der Verfügung über einen Bezirk von Grund und Boden und über eine Gruppe von Produktionsetablissements zu gemeinsamer Tätigkeit und gleicher Teilnahme am Staate verbunden sind. [29]

Da in diesem System der Ausschließlichkeitscharakter des Eigentums abgeschafft ist, hat jedermann freien Zugang zu den Produktionsmitteln. Unabhängige Produzenten verbinden sich zu genossenschaftlichen Selbstorganisationen öffentlichen Rechts, zwischen denen freie Konkurrenz besteht. Der volle Arbeitsertrag gehört den Mitgliedern der Kommunen, da Besitzrente und Kapitalzins — in Dührings Sprache: das „Gewalteigentum‘“ — beseitigt sind. Benedict Friedlaender, ein jüdischer Anhänger Dührings, charakterisierte das System der Wirtschaftskommunen auf plastische Weise:

An die Stelle der industriellen und landwirtschaftlihen Unternehmer oder Herrschaften wären also nach Dührings System Genossenschaften zu setzen, kleine ökonomische Republiken anstatt der wirtschaftlichen Monarchien. [30]

Schon bevor Dühring diese an manche sozialen Experimente des sogenannten utopischen Sozialismus erinnernde Konzeption verkündete, hatte man in sozialdemokratischen Kreisen seine akademische und literarische Tätigkeit mit Sympathie verfolgt. Eduard Bernstein erinnerte sich noch im Alter gut an den tiefen Eindruck, den Dühring in den frühen siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts auf die junge Sozialdemokratishe Arbeiterpartei gemacht hatte:

Anstelle des Schlachtrufes hie Marx, hie Lassalle schien sich ein anderer Schlachtruf anzukündigen, nämlich: hie Dühring, hie Marx und Lassalle. Und daran war in nicht geringem Grade meine Wenigkeit schuld ...

Im Spätherbst des Jahres 1872 erschien Eugen Dührings Schrift ‚Cursus der Nationalökonomie und des Sozialismus‘. [31] Sie steigerte mein Interesse für den blinden Gelehrten, dessen ‚Kritische Geschichte der Nationalökonomie und des Sozialismus‘ ich nun schon gelesen hatte, ganz bedeutend. Bekannte er sich doch in ihr unumwunden zum Sozialismus, und die pragmatisch-positive Form, in der er diesen dort lehrte, sprach mich um so mehr an, als der Sozialismus in Deutschland seit den Tagen des Marx-Engelsschen Manifests der Kommunisten keine zusammenfassende Darstellung der Grundgedanken und Ziele der sozialistischen Bewegung hervorgebracht hatte, das Manifest selbst aber sich mit summarischen Feststellungen begnügte, die den Bedürfnissen der Bewegung auf dem Stande, den diese nun erreicht hatte, mir nicht mehr zu genügen schienen.

Und ähnlich wie mir ist es ziemlich allen Sozialisten ergangen, die ich, von Dührings Werk begeistert, mit diesem bekannt machte. Einer der ersten davon war August Bebel, den ich im Sommer 1873 in Hubertusburg besuchte, wo er inhaftiert war, und bei dieser Gelegenheit mit einem Exemplar des ‚Cursus‘ bedachte. Er schrieb mir, als er ihn gelesen, einen begeisterten Brief darüber, auch feierte er das Buch in einem „Ein neuer Kommunist“ überschriebenen Artikel, der im Frühjahr 1874 im Leipziger ‚Volksstaat‘, dem Zentralorgan der Sozialdemokratie Eisenacher Programms, erschien.

Nicht minder nahm das Buch etwas später den vielgenannten Agitator Johann Most, dem ich es gleichfalls geschenkt, und andere Parteigrößen der Eisenacher gefangen ... Man mag es Eklektizismus oder was sonst nennen, mir schien die sozialistische Bewegung umfassend genug, um einen Marx und einen Dühring zu gleicher Zeit zu vertragen ... [32]

Doch nicht lange sollte dieser liberale Traum dauern. Im Sozialismus war kein Platz für hundert blühende Blumen. Immerhin spricht es für die Großzügigkeit und Toleranz der beginnenden Sozialdemokratie, aber auch für die nur oberflächliche Rezeption des Werkes von Marx, dessen „Kapital“, Band I, schon 1867 erschienen war, daß derartig divergierende Lehrmeinungen damals noch gleichberechtigt zur Debatte stehen konnten.

Wichtiger als die theoretischen Differenzen war den Arbeiterführern die Tatsache, daß ein Mann aus dem Lager des bürgerlichen Klassengegners, der noch dazu eine verheißungsvolle akademische Laufbahn angetreten hatte, sich in aller Öffentlichkeit immer mehr dem Sozialismus zuwandte. (Von Wilhelm Liebknecht auf die methodischen Unterschiede zwischen Dühring und Marx aufmerksam gemacht, entgegnete Bebel: „Ich pfeife auf die Methode, wenn die Sache gut ist.“ [33]

Selbst über bedenkliche Seiten Dührings glaubte man stillschweigend hinweggehen zu können: so über seinen Antisemitismus, der auch vor Marx nicht haltmachte. In der zweiten Auflage der „Kritischen Geschichte der Nationalökonomie und des Socialismus“, die 1875 erschien, interpretierte Dühring den Konflikt zwischen Marx und Bakunin als „Rassengegensatz in der Internationale“. Des russischen Anarchisten Widerwille gegen „das jüdische Blut und den deutschen Gelehrsamkeitsballast“ von Marx sei „begreiflich“, ein Zeichen dafür, daß sich „die Emanzipation der Arbeit nicht nach Art einer Alliance Israélite bewerkstelligen“ lasse. [34]

In diesen Wendungen aus dem 19. Jahrhundert wird bereits das faschistische Schlagwort des 20. vom „jüdischen Bolschewismus“ vorweggenommen.

Sosehr man Äußerungen wie die erwähnten von Dühring als reaktionär einschätzte, sowenig war man sich damals ihrer giftigen Gefährlichkeit bewußt. Selbst Bernstein, der jüdischer Abstammung war, sah den Antisemitismus dem verbitterten Mann nach. [35]

Vielfach deuteten führende Sozialdemokraten den unmittelbar nach der Einigung Deutschlands ins Kraut schießenden Judenhaß als Wasser auf die Mühlen der Revolution, gleichsam als noch nicht zum Bewußtsein gekommenen Sozialismus. Der antikapitalistische Zug der sich gegen den Liberalismus wendenden antisemitischen Strömungen — man denke an die Christlich-Sozialen Parteien des Hofpredigers Stöcker in Berlin und des Bürgermeisters Karl Lueger in Wien — war zwischen 1870 und 1890 nicht zu übersehen.

Daß der Antisemitismus einmal auch zur extremsten Gegenideologie gerade gegen den marxistischen Sozialismus werden würde — Rassenkampf gegen Klassenkampf —, ahnte damals niemand. Dazu kam noch, daß schon früh in der sozialistischen Bewegung — und zwar nicht nur in der breiten Masse, sondern auch bei so hervorragenden Gestalten wie Charles Fourier und Proudhon — eindeutig antijüdische Affekte zu verzeichnen waren. [36]

Eugen Dühring ist eine Übergangserscheinung: gehörte er bis um 1880 noch in jene antisemitische Tradition des Sozialismus, in der das sozialistische Element das antisemitische überwog, so führte ihn seine spätere Entwicklung zu einem Rassenantisemitismus, der im Sozialismus nur noch eine Ausgeburt des gehaßten Judentums erblickte. Der Zeitgenosse Marx’, Engels’ und Proudhons wurde so zum Wegbereiter jener, die das sozialistische Firmenschild nur noch in zynisch-demagogischer Absicht gebrauchten. [37]

Wie reagierten Marx und Engels auf Dührings wachsenden Einfluß in der deutschen Arbeiterbewegung? Der Berliner Konkurrent war ihnen schon früh aufgefallen: Dühring hatte den ersten Band des „Kapitals“ unmittelbar nach Erscheinen in einer ausführlichen Rezension angezeigt. [38] Marx mokierte sich zwar über verschiedene Punkte, räumte jedoch ein, daß sie fair sei. [39]

Nachdem Marx noch Dührings Schrift „Die Verkleinerer Careys“ gelesen hatte, meinte er zu Engels: „Was sehr auffallend, ist der saugrobe Ton dieses berlinerischen Gespreizten gegen Mill, Roscher etc, während er mich doch mit ängstlicher Vorsicht behandelt!“ [40]

Im Rückblick erscheint diese beiderseitige Zurückhaltung als Ruhe vor dem Sturm. Bald befleißigte Dühring sich auch Marx gegenüber eines schmähsüchtigen Jargons, von dem wir bereits einige Beispiele zitierten. Vor allem war Dühring inzwischen vom bloßen Rezensenten zum Rivalen Marx’ geworden. Bebel scheute sich nicht, in einem allerdings anonymen Artikel zu erklären, „daß nach Marx’ ‚Kapital‘ Dührings neuestes Werk zu dem Besten gehört, was auf ökonomischem Gebiete die neueste Zeit hervorgebracht hat“. [41]

Inzwischen wurden die Bemühungen der sozialdemokratischen Dühringianer immer reger. Die Parteizeitung sollte in eine Tribüne für ihren Meister umgewandelt werden. Eine grundsätzliche Abrechnung ließ sich nicht mehr länger vermeiden. Neben Liebknecht drang nun auch Marx auf Engels ein. Dieser antwortete am 28. Mai 1876 aus Ramsgate, zu Beginn des Briefes noch etwas verdrossen, gegen Ende jedoch bereits für die neue, unerwartete Arbeit erwärmt:

Du hast gut sprechen. Du kannst im warmen Bett liegen — russische Bodenverhältnisse im besonderen und Grundrente im allgemeinen treiben und nichts unterbricht Dich —, ich aber soll auf der harten Bank sitzen und den kalten Wein saufen, plötzlich wieder alles unterbrechen und dem langweiligen Dühring auf den Pelz rücken. Indes, es wird wohl nicht anders gehn, wenn ich mich auch in eine Polemik einlasse, deren Ende gar nicht abzusehen ist; ich bekomme sonst doch keine Ruhe ... Die Sache fängt an, in meinem Kopf Form zu bekommen, und das Bummeln hier an der Seeseite, wo ich mir die Einzelheiten im Kopf herumgehn lassen konnte, hat nicht wenig dazu beigetragen ... [42]

So entstand der „Anti-Dühring“, der die deutschen Genossen wenigstens in der Theorie zur marxistischen Räson bringen sollte. Von Jänner 1877 bis zum Juli 1878 erschien Engels’ großangelegte Polemik fortsetzungsweise im Leipziger „Vorwärts“, bald darauf auch als selbständiges Buch.

Der Widerstand der Anhänger Dührings war energisch, aber auch „alte Eisenacher“ wie August Bebel und Karl Julius Vahlreich waren über die Form und das Ausmaß der Engelsschen Fehde konsterniert. Abraham Ensz, einer der begeistertsten Dühringianer, veröffentlichte sogar ein Pamphlet „Engels’ Attentat auf den gesunden Menschenverstand oder Der wissenschaftliche Bankerott im marxistischen Sozialismus“ (1877).

Was sollte denn dieses Gelehrtengezänk, das für die meisten Genossen unverständlich war und die politische Tagesarbeit belastete, mochten die Parteiführer in ihrem pragmatischen Biedersinn grollen. Ihre nüchterne, schlichte Geistigkeit wirkt sympathisch nach einem Jahrhundert ideologischer Überproduktion, in dem, mit Franz von Baader zu sprechen, auch das Verbrechen seine öffentliche Doktrin und sein gedrucktes System hatte.

In ihrem unwilligen Mißtrauen gegen weltanschauliche Duelle auf der politischen Agora verrät sich ein heilsamer Sinn für politische Zivilisiertheit und Urbanität. Standen sich doch in Dühring und Engels die Protagonisten jener Großideologien gegenüber, die in unserem Zeitalter tellurischer Revolutionen und Gegenrevolutionen explodieren sollten. Der „Anti-Dühring“ wurde zur Magna Charta des dialektischen Materialismus: auf ihm beruhten Lenins und Stalins ideologische Direktiven, also der ganze Sowjetmarxismus.

Indem Engels es mit den von Scharlatanerie nicht freien enzyklopädischen Ansprüchen Dührings aufnahm, gelangte er wider Willen dazu, den historischen Materialismus aus einer an kritischer Praxis orientierten Revolutionstheorie in eine naturalistische Ontologie zu verwandeln. Was dann im Leninismus, im behördlich verordneten Diamat der sowjetischen Partei- und Staatsscholastik manifest wurde, war bereits im „Anti-Dühring“ angelegt: die Aufblähung und Entleerung der Dialektik zu einer universalen Weltformel; die Depravation der revolutionären Gesellschaftskritik zu einer monistischen Ursprungsphilosophie; die Verdinglichung der menschlichen Geschichte zu einer zweiten Natur; selbst die berüchtigt gewordene Formel, Freiheit sei „die Einsicht in die Notwendigkeit“, findet sich schon hier. [43]

Wir müssen es uns versagen, in diesem Zusammenhang auf die ganze Problematik der angedeuteten Umwandlungen des Marxismus näher einzugehen. Jedenfalls war es Eugen Dührings Avancement in der jungen deutschen Sozialdemokratie, wodurch Engels dazu herausgefordert wurde,

ihm überall hin zu folgen und seinen Auffassungen die meinigen entgegenzusetzen. Die negative Kritik wurde damit positiv; die Polemik schlug um in eine mehr oder minder zusammenhängende Darstellung der von Marx und mir vertretenen dialektischen Methode und kommunistischen Weltanschauung, und dies auf einer ziemlich umfassenden Reihe von Gebieten. [44]

Die Anklagepunkte Engels’ lassen sich etwa wie folgt zusammenfassen: Dühring verwerfe und verkenne die Dialektik; sein materialistischer Ausgangspunkt sei nicht entschieden genug; [45] als Ökonom sei er dilettantisch und vulgär, Marx teils plagiierend, teil verdrehend; als Sozialist repräsentiere er einen Rückfall in den utopischen Sozialismus, ja sogar noch hinter ihn. Dührings immer heftiger werdender Antisemitismus dagegen wird von Engels nur gestreift.

War durch Engels’ Attacke Dührings Stellung innerhalb der sozialistischen Arbeiterbewegung erschüttert worden, so hatte fast gleichzeitig auch seine akademische Karriere ein skandalöses Ende genommen. Es begann damit, daß dem erblindeten Gelehrten allmählich bewußt wurde, daß er wohl nie vom Privatdozenten zum Professor aufsteigen würde. Eine Denkschrift, die er für Bismarck angefertigt hatte, erschien zwei Jahre später ohne sein Wissen als anonyme Broschüre, dann sogar unter dem Namen des Geheimen Rats Hermann Wagener. [46] Aus Mißtrauen gegen seine Verleger bedingt sich Dühring nun aus, daß jedes Exemplar seiner Bücher von ihm signiert werden muß. Seine immer heftiger werdenden Angriffe auf Kollegen, vor allem die „Kathedersozialisten“, tragen ihm einen Verweis ein.

Dühring hört nicht auf, die Universität und ihre Lehrer zu verunglimpfen. Wenn seine Bücher neu aufgelegt werden, entstellt er sie durch grelles Geschimpfe, so auch die zweite Auflage seiner preisgekrönten „Kritischen Geschichte der allgemeinen Principien der Mechanik“, die 1877 erscheint. Sie enthält schärfste persönliche und wissenschaftliche Vorwürfe gegen Hermann von Helmholtz, dem er vorwirft, Robert Mayers physikalische Entdeckungen bewußt unterdrückt zu haben. Der Skandal läßt nicht auf sich warten: Dühring wird die Lehrbefugnis entzogen, und er darf sich nicht einmal von seinen Studenten verabschieden. [47]

Noch einmal wenden sich dem Angegriffenen die Sympathien zu. Der „Vorwärts“ publiziert am 6. Juli 1877 eine Ode auf Dühring, und selbst Engels sprach von dem „schmählichen Unrecht“, das Dühring von seiten der Universität widerfahren sei. Brieflich äußerte er sich drastischer:

Was muß der Helmholtz ein elend kleinlicher Mensch sein, daß er sich über Äußerungen eines Dühring auch nur ärgert, und noch dazu derart, daß er der Berl(iner) Fakultät die Alternative stellt: entweder Dühring wird gegangen oder ich gehe! Als ob sämtliche Schriften Dührings, mit all ihrem wütenden Neid, in der Wissenschaft auch nur das Gewicht eines Furzes hätten! [48]

[24Eugen Dühring: Der Wert des Lebens. Eine Denkerbetrachtung im Sinne heroischer Lebensauffassung, 1865 (8. Auflage: Leipzig 1922). — Friedrich Nietzsche hat sich mit diesem Werk eingehend beschäftigt: vgl. Gesammelte Werke (Musarion-Ausgabe), Bd. 7, S. 392 ff.; 426. Aus dieser Tatsache haben Dühringianer die verstiegene Behauptung abgeleitet, Nietzsche — von Dühring meist als Nichtske tituliert und mit unflätigsten Schmähungen bedacht — sei ein Plagiator Dührings: vgl. den ungezeichneten Beitrag „Um- und Un-Werthe des Lebens schießen wie Giftpilze auf“. In: Personalist und Emancipator, Nr. 240, Mitte September 1909, S. 1914-1916; Eugen Dühring: Die Judenfrage, Leipzig 1930, S. 70 f.; Ernst Wachler: Eugen Dührings Einstellung zu den Größen der modernen Literatur. In: Hammer, Jg. 36, Nr. 825, September 1937, S. 308 ff.

[25Eugen Dühring: Die Verkleinerer Careys und die Krisis der Nationalökonomie. Sechzehn Briefe, Breslau 1867.

[26Eugen Dühring: op. cit. Anm. 17, S. 353 ff.

[27Eugen Dühring: Cursus der Philosophie als streng wissenschaftlicher Weltanschauung und Lebensgestaltung, 1875, S. 6 f.

[28Karl Marx: Kritik des Gothaer Programms. In: Franz Borkenau (Hrsg.): Karl Marx. Fischer-Bücherei Bd. 112, 1956, S. 199 ff.

[29Eugen Dühring: Cursus der National- und Socialökonomie, 1876, S. 322.

[30Benedict Friedlaender: Die vier Hauptrichtungen der modernen sozialen Bewegung, Berlin 1901, Bd. 2, S. 63.

[31Bernstein meint den „Cursus der National- und Socialökonomie“. Vgl. Anm. 29.

[32Eduard Bernstein: op. cit. Anm. 16, S.9 ff. Vgl. dazu August Bebel: Aus meinem Leben, Berlin 1947, Bd. 2, S. 317 f.

[33Zit. bei Eduard Bernstein: op. cit. Anm. 16, S. 10.

[34Eugen Dühring: Kritische Geschichte der Nationalökonomie und des Socialismus, 2. Aufl. Berlin 1875, S. 572 ff.

[35Eduard Bernstein: op. cit. Anm. 16, S 11.

[36Vgl. dazu Edmund Silberner: Sozialisten zur Judenfrage, Berlin 1962; Jochanan Bloch: Sozialismus und Judentum. In: Neue Deutsche Hefte, H. 93, Gütersloh 1963, S. 86 ff., bes. 89 ff.

[37Vgl. Ernst Niekisch: Das Reich der niederen Dämonen, Hamburg 1953, S. 23 ff., 29 ff., 39 f., 46 f., 51 f.

[38Sie ist erschienen in den „Ergänzungsblättern zur Kenntniss der Gegenwart“, Bd. 3, H. 3, Hildburghausen 1867, S. 182-186.

[39Karl Marx — Friedrich Engels: Werke, Bd. 32: Briefwechsel von Januar 1868 bis Mitte Juli 1879, Berlin (Ost) 1965, S. 9 (Brief von Engels vom 8. Januar 1868).

[40Ebd.: S. 30 (Brief vom 4. Februar 1868). — Vgl. auch S. 11 f. (Brief von Marx an Engels vom 8. Januar 1868) und S. 538 f. (Brief von Marx an Ludwig Hugelmann vom 6. März 1868).

[41Ein neuer Kommunist. In: Volksstaat, Nr. 33, 20. März 1874.

[42Karl Marx — Friedrich Engels: Ausgewählte Briefe. Hrsg. vom Marx-Engels-Lenin-Institut, Moskau, unter Redaktion von V. Adoratskij, Moskau 1934, S. 281 ff.

[43Friedrich Engels: op. cit. Anm. 2, S. 138.

[44Ebd.: S. 7.

[45Vgl. dazu W. I. Lenin: Werke, Berlin 1955 ff, Bd. 14 (Materialismus und Empiriokritizismus), S. 239 f., 333.

[46Vgl. Eugen Dühring: Die Schicksale meiner socialen Denkscrift für das Preußische Staatsministerium, Berlin 1868; ders.: Sache, Leben und Feinde, Leipzig 1903.

[47Vgl. neben Dührings Darstellung in „Sache, Leben und Feinde“, die er in zahlreichen Nummern seiner Zeitschrift „Personalist und Emancipator“ wiederholt hat, die offizielle Version: „Aktenstücke in der Angelegenheit des Privatdozenten Dr. Dühring, veröffentlicht durch die Philosophische Fakultät der Kgl. Universität zu Berlin“, Berlin 1877.

[48Brief an Wilhelm Bracke vom 27. Juni 1877. Zit. in der Einleitung zu op. cit. Anm. 2, S. XIX.

Schluß im nächsten Heft

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1969
No. 184/I, Seite 263
Autor/inn/en:

Gerd-Klaus Kaltenbrunner:

Geboren 1939 in Wien, studierte Rechts- und Staatswissenschaften, Soziologie und Philosophie. Seit 1964 ist er Lektor in einem Münchner Verlag. Veröffentlichte in Zeitungen und Zeitschriften Aufsätze über Paul Lafargue, Franz von Baader, Ferdinand Ebner, Alfred Schuler und verschiedene Frühsozialisten, daneben zahlreiche Rezensionen. Seine besonderen Interessengebiete sind Marxismus, Ideologiekritik, Geschichte der Utopien und des Irrationalismus. 1966 edierte er in der „sammlung insel“ Franz von Baaders „Sätze aus der erotischen Philosophie und andere Schriften“.

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