FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1974 » No. 249/250
José Baptista

Von der Kapitalbürokratie zur Sozialbürokratie

Bürokratie in Ost und West

1 Die Ost-West-Links-Rechts-Verkehrung

Die gegenwärtige Situation der Linken in den Industrieländern ist, offen gesagt, beklagenswert. Ein großer Teil dieser Linken ist schon etabliert oder ist gerade im Begriff, sich in das gesellschaftliche Establishment zu integrieren. Diesem Teil der Linken sollte daher die Bezeichnung „Linke“ nicht mehr zugesprochen werden. Der Teil der Linken, der am weitesten von der etablierten Gesellschaft entfernt ist, befindet sich nun auch nicht gerade in einer blendenden Situation. Durch unmittelbare Interessen oder durch ideologisch-affektive Beziehungen an verschiedene sogenannte „sozialistische“ Bürokratien gebunden, hat diese Linke es nicht zustande gebracht, eine klare Perspektive des gesellschaftlichen Prozesses unserer Zeit herauszuarbeiten. Deshalb kann ihr Projekt der Transformation der Gesellschaft keine wirklich radikale Alternative zu den entfremdeten Strukturen der heutigen Gesellschaft bieten.

Sehr oft wird die westliche Linke von der osteuropäischen Linken kritisiert: „Wenn ihr schon nicht in beschämender Weise mit unserer reaktionären Herrschaft kollaboriert, so ist eure Kritik doch zumindest sehr schüchtern, und sie wird zaghaft vorgebracht. Ihr tendiert hier, was uns betrifft, stark dazu, euch der hiesigen konservativen und reaktionären Rechten anzuschließen.“ Nicht weniger oft habe ich die gleiche Kritik westlicher Linker an den osteuropäischen gehört. Die Symmetrie ist praktisch vollständig. Haben vielleicht die Stalinisten doch recht, wenn sie die Progressiven des Ostens als rechts bezeichnen ? Ist der „Eiserne Vorhang“ eine Linse, die ganz einfach die politischen Bilder umkehrt?

Werden die fortschrittlichen Kräfte der einen Seite Kollaboranten oder Konservative, sobald sie die Grenze überschreiten, und umgekehrt? Das Skandalöse an der Situation ist, daß dies alles stimmt. Ist das nur durch den Mangel an Informationen erklärbar? Gerade dieses Argument wird zum Beispiel bei der Affäre Solschenizyn—Sacharow vorgebracht. Wir stehen vor Problemen, die um einiges komplexer sind als bloßer Informationsmangel. Die Linke im Osten wie im Westen befindet sich in einer tiefen Sackgasse. Sie geht über partielle Kritik an der Wirklichkeit nicht hinaus, es werden nur bestimmte Erscheinungsformen kritisch beleuchtet.

Wir sind an der Grenze der bürokratischen Zivilisation angelangt, und die kapitalistische Zivilisation geht ihrem Ende zu. [1] Die Klassengesellschaft hat, entgegen den Annahmen von Marx, beträchtliche Adaptionsfähigkeit bewiesen. Während die Gesellschaft ihren Klassencharakter beibehalten hat, hat sie sich doch von vielen Widersprüchen des Kapitalismus befreit. Marx glaubte, daß nur der Sozialismus aus der Krise des Kapitalismus herauswachsen könne. Dies war das Resultat einer noch zuwenig entfalteten gesellschaftlichen Entwicklung. Erst heute können wir erkennen, daß die verschiedenen historischen Wege der Überwindung der kapitalistischen Strukturen nur verschiedene Formen eines Prozesses darstellen: der Bürokratisierung immer breiterer Sektoren des gesellschaftlichen Lebens. Heute beginnt man zu begreifen, daß die bürokratischen Strukturen, trotz ihrer Vielfalt, eine gesellschaftlich ontologische Identität haben. Dies kann nicht als Zufall angesehen werden. Vielmehr bedeutet dies die Antwort auf klar bestimmbare Anforderungen des historischen Prozesses. In den westlichen Industriegesellschaften beherrschen die bürokratischen Strukturen bereits wesentliche Bereiche des politischen, ökonomischen, kulturellen Systems und anderer Sektoren der Gesellschaft. Aber die Herrschaft der Bürokratie ist nicht total. Sie wird geteilt mit den alten herrschenden Klassen.

In den westlichen Industriestaaten ist das System der Bürokratie im allgemeinen weniger homogen und integriert, differenzierter und besteht aus mehreren autonomen Machtzentren. Vor allem kontrolliert es nur einen Teil der Gesellschaft. Dieser Teil umfaßt aber auf jeden Fall die entscheidenden Sektoren der fortgeschrittenen Industriegesellschaft. [2]

2 Ein wissenschaftliches Tabu

Es ist einigermaßen erstaunlich, daß Analysen des bürokratischen Prozesses nur sehr selten versucht wurden (einige: Max Weber, Bruno Rizzi, Georges Gurvitch, Claude Lefort, Andras Hegedüs, Alain Touraine, Galbraith, Marc Paillet ...). Verständlich erscheint das mangelnde Interesse bei der bürokratischen Linken; das heißt bei der Linken der großen bürokratischen Organisationen, der politischen Parteien, Gewerkschaften und Staaten. Hingegen ist die geringe Beschäftigung mit diesen Problemen bei der von Apparaten unabhängigen Linken schwieriger zu begreifen.

Drei Faktoren scheinen das zu erklären. Erstens: der Einfluß der mächtigen bürokratischen Linken. Zweitens: der linke Konservativismus, d.h. die Angst, alte Wahrheiten, Glaubenssätze, Werte und Einstellungen, welche noch Prestige besitzen, über Bord zu werfen. Das Infragestellen von alten Wahrheiten des Radikalismus des vorigen Jahrhunderts kann Abgründe auftun. Es ist bequemer, die alten Wahrheiten aufrechtzuerhalten, als sich neuen Realitäten zu stellen. Drittens: die Makrotheorie der Bürokratie nach dem Zweiten Weltkrieg wird häufig mit reaktionären Ideologien assoziiert, vor allem, weil so wichtige Bürokratietheoretiker wie Michels und Burnham in das Lager der Reaktion übergewechselt sind. Es muß auch betont werden, daß die Theorie Max Webers lange unbeachtet geblieben ist. Dort wo sie eine Renaissance erlebt hat, wie in den Vereinigten Staaten, wurden die Weberschen Interpretationen durch Empiriker, Sozialtechniker und Mikrosoziologen grundlegend deformiert. So wurde die (Makro)theorie der Bürokratie höchstens teilweise verstanden und an die alten Dogmen angepaßt (z.B. bei C. W. Mills), im allgemeinen jedoch von der Linken abgelehnt, selbst wo sie von den partikularen Interessen aller Arten von Apparaten unabhängig war.

3 Ein Modell aus Asien

Die bürokratischen Strukturen sind nicht erst mit der Industrie entstanden. Nur ihre modernsten und „rationellsten“ Formen. Die bürokratischen Strukturen transzendieren die industrielle Gesellschaft. Marx war einer der Denker des 19. Jahrhunderts, der im besondern sein Augenmerk auf den Gesellschaftstypus gerichtet hat, den er „asiatische Produktionsweise“ oder „asiatische Gesellschaft“ nannte: das soziale System in den alten Reichen Chinas, Persiens, Ägyptens, Indiens, der vorkolumbianischen Gesellschaften Amerikas usw.

Ferenc Tökei, der ungarische Historiker und Philosoph, nennt diese Gesellschaften „bürokratische Patriarchate“ [3] und weist darauf hin, daß es sich dabei um Gesellschaften handelt, deren herrschende Klasse eben die Bürokratie ist. Der Historiker K. Wittfogel und der Soziologe S. N. Eisenstadt [4] haben die Bedingungen, Faktoren und Charakteristika der bürokratischen Strukturen dieser Gesellschaften beleuchtet. Max Weber hat sich ebenso, wenn auch nicht systematisch, damit beschäftigt.

Wenn man die Geschichte überblickt, so entdeckt man Gesellschaften, die kaum bürokratische Strukturen hatten, z.B. im „goldenen Zeitalter“ der griechischen Stadtstaaten oder später im europäischen Frühfeudalismus. In anderen Gesellschaften waren die bürokratischen Strukturen im staatlichen Sektor ausgebildet, hatten hingegen kaum verwaltende Funktionen im produktiven Bereich. Das römische Reich ist ein Beispiel dafür. Nach der Auflösung des weströmischen Reiches konnte nur die Kirche eine bürokratische Struktur in Westeuropa aufrechterhalten. Die kirchliche Bürokratie war dann der Zement, der die lockeren Agglomerate, aus welchen die Gesellschaften des Frühfeudalismus bestanden, ideologisch zusammenhielt.

In der Folgezeit entwickelte sich der Kampf um die politische Zentralisierung so recht als Kampf zur Schaffung einer Bürokratie, die bestimmte, von den Fürsten ausgeübte gesellschaftliche Funktionen auszufüllen hatte. Dies war der Versuch der zentralisierenden Kräfte, einen mächtigen Staat aufzubauen mit dem Monopol über bestimmte administrative, richterliche, militärische, fiskalische Funktionen. Die bürgerliche Gesellschaft verlangte, daß solche Funktionen dem privaten Eigentum sowohl des Fürsten als auch des Bourgeois selbst entzogen wurden. Die Entwicklung der Handels- und Geldbeziehungen drängten zur Bürokratisierung. Die Entfaltung des Handels und des Geldwesens war zur gleichen Zeit die Basis für die Herausbildung eines stabilen bürokratischen Apparats, in dem Maße, als durch das Anwachsen des Steuerwesens die Beamten in Geldform bezahlt werden konnten. (Bis dahin wurde die Beamtentätigkeit nur in Form von Naturalleistungen, meist Grund und Boden, entgolten. Dieses System tendierte dazu, die Beamten immer unabhängiger von der Zentralmacht werden zu lassen. Es produzierte langfristig neue Feudalverhältnisse, da die Lehen immer mehr in vererbbares Privateigentum verwandelt wurden.) Der Kampf zwischen zentralisierenden und zentrifugalen Kräften führte schließlich in den absolutistischen Staaten Kontinentaleuropas zu einer Hypertrophie der Staatsbürokratie.

4 Bourgeoisie im Zwiespalt

Später erlitt die Bürokratie mit dem Aufstieg der Bourgeoisie eine relative Schwächung. Die Bourgeoisie hatte in zunehmendem Maße Interesse an einem Staat, der sich auf die Rolle eines Wächters über die Spielregeln des expandierenden Kapitalismus beschränkte. Kapitalistische Gesellschaft und bürokratisierter Staat koexistieren notwendig. Die kapitalistische Gesellschaft kann nicht mit einem Staat existieren, der sich im privaten Eigentum von einigen Individuen befindet, selbst wenn diese Mitglieder der herrschenden Klasse wären. Ein privatisierter Staat, wie es ihn im Frühfeudalismus gab, garantiert nicht die bürgerliche „Gleichheit“ und jene Voraussehbarkeit, deren die kapitalistische Ökonomie bedarf. Das erfordert einen Staat, der „über den Klassen“ und „über den partikularen Interessen der Individuen der bürgerlichen Gesellschaft“ steht. Er muß strikt von der „bürgerlichen Gesellschaft“ und von der „Privatsphäre“ getrennt sein. Er repräsentiert das „allgemeine Interesse“ schlechthin (Hegel) gegenüber der Willkürlichkeit der Privatsphäre. Die Koexistenz von bürgerlicher Gesellschaft und staatsbürokratischer Struktur ist die Basis der kapitalistischen Gesellschaft. Eine Struktur darf aber nicht die Grenzen ihres Tätigkeitsbereiches übertreten und in den Sektor der anderen eindringen. Weder darf eine öffentliche Funktion in Privathand übergehen, noch ist es zulässig, daß der Staat sich nicht-öffentliche Aufgaben aneignet.

Die reine, ideale und typische kapitalistische Gesellschaft, so wie sie der expandierenden Bourgeoisie vorschwebte, der ökonomische Liberalismus, scheidet klar die staatliche, öffentliche Sphäre vom Bereich der Privatheit. Dies ist nun aber nicht nur die Ideologie der Bourgeoisie, sondern auch die des Staates der bürgerlichen Gesellschaft, der kapitalistischen Staatsbürokratie. Die Bürokratie war in der jungen bürgerlichen Gesellschaft noch relativ unterentwickelt. In dieser Entwicklungsphase ist sie noch häufig mit dem „Bürokratismus“ (im pejorativen Sinn der Umgangssprache) und einer Fülle von Dysfunktionen (Merton) behaftet. Sie leidet an Organisationskrankheiten wie Papierkrieg und allen Nebenerscheinungen des Kafkaschen Schlosses. Selbst noch in der expandierenden kapitalistischen Gesellschaft ist die Staatsbürokratie unfähig, die Privatsphäre zu organisieren, die mit viel mehr Effizienz in den Händen der Kapitalisten aufgehoben ist. In der „reinen“ bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts sind jene Ideologien, welche die Substitution der privatkapitalistischen Verwaltung durch eine „entprivatisierte“, „entkapitalisierte“, „soziale“, staatliche Verwaltung der Gesellschaft propagieren, zu radikal für die bürgerliche Gesellschaft und deren Staatsbürokratie.

5 Dichotome Gesellschaft

Was sind nun aber die sozialen Wurzeln der bürokratischen Struktur? Kurz und synthetisch dargestellt: in jeder dichotomen Gesellschaft (oder Klassengesellschaft) bzw. allgemeiner: in jedem sozialen Sozialsystem, das große Einheiten von Menschen in Bewegung setzt, ist eine komplexe und extensive Verwaltung mit einem hohen Grad an Integration notwendig sowie eine Hierarchie, deren hauptsächliches Strukturprinzip der Besitz eines spezialisierten Verwaltungswissens bildet, und nicht die Beziehung zu irgendwelchem Privatbesitz. Die Beamten eines solchen Verwaltungsapparates müssen also nach einem Kriterium der Verwaltungsrationalität selektiert und einer autoritären Disziplin unterworfen sein, deren hierarchische Linien von oben nach unten laufen.

Unter dichotomer Gesellschaft verstehe ich eine gesellschaftliche Formation mit Arbeitsteilung, in der eine Trennung zwischen denen existiert, die über soziale Integration entscheiden und die Möglichkeit dazu besitzen (d.h.: gesellschaftliche Verwaltung plus Repression), und denjenigen, die ausführen und daher keinen aktiven Anteil am Entscheidungsprozeß über die gesellschaftliche Entwicklung nehmen können. Diese Formation wird überwunden werden können, sobald die Produktivkräfte einen Entwicklungsstand erreicht haben, wo die Mehrheit der Bevölkerung die notwendigen Fähigkeiten und Kenntnisse besitzt, um effizient und direkt am Entscheidungsprozeß der großen Linien der gesellschaftlichen Entwicklung aktiv teilzunehmen; d.h., sobald also die Dichotomie der Arbeitsteilung vermieden werden kann. Die bürokratische Struktur ist die entwickeltste dichotome Struktur, und sie ist die einzige, die ein sehr komplexes und diffenziertes gesellschaftliches Leben verwalten kann. Im Vergleich zum Kapitalismus bildet die moderne bürokratische Struktur eine fortgeschrittene Etappe der gesellschaftlichen Entwicklung. Die bürokratische Zivilisation ist somit ein Fortschritt im Verhältnis zur kapitalistischen Zivilisation. Sie ist das bis jetzt fortgeschrittenste Stadium der dichotomen Zivilisation, während der Kapitalismus das fortgeschrittenste Stadium der privatisierten Zivilisation darstellt. Der Kapitalismus ist die fortgeschrittenste Formation aller Gesellschaften mit atomisierter und personalisierter sozialer Struktur, in der das Privateigentum die entscheidende Rolle spielt. Die bürokratische Zivilisation ist im Gegenteil durch eine integrierte und depersonalisierte Sozialstruktur gekennzeichnet und mehr an unpersönlichen Eigenschaften des Individuums, an Spezialwissen und -fähigkeiten interessiert.

Je entwickelter die Produktivkräfte sind, um so mehr Alternativen der gesellschaftlichen Entwicklung gibt es. Die Wege von der kapitalistischen Zivilisation zur bürokratischen Zivilisation sind vielfältig. Hier beschäftigen wir uns mit zwei Modellen der bürokratischen Zivilisation: das eine ist das Entwicklungsmodell, das durch die Oktoberrevolution in Gang gesetzt wurde und heute die osteuropäischen Länder umfaßt. Nennen wir diesen den sozialbürokratischen Weg. Der andere ist derjenige der westlichen Industrieländer. Nennen wir ihn den kapitalbürokratischen Weg.

6 Kapitalbürokraten

Marx und Engels haben schon in ihrer Untersuchung der Aktiengesellschaften, der großen Organisationen ihrer Epoche, dieses Entwicklungsmodell vorausgeahnt: [5] „Daß nicht die industriellen Kapitalisten, sondern die industriellen managers ‚die Seele unseres Industriesystemns‘ sind, hat schon Herr Ure bemerkt ... Die kapitalistische Produktion selbst hat es dahin gebracht, daß die Arbeit der Oberleitung, ganz getrennt vom Kapitaleigentum, auf der Straße herumläuft. Es ist daher nutzlos geworden, daß diese Arbeit der Oberleitung vom Kapitalisten ausgeübt wird. Ein Musikdirektor braucht durchaus nicht Eigentümer der Instrumente des Orchesters zu sein ... Die Kooperativfabriken liefern den Beweis, daß der Kapitalist als Funktionär der Produktion ebenso überflüssig geworden, wie er selbst, in seiner höchsten Ausbildung, den Großgrundbesitzer überflüssig findet.“ Marx schreibt sogar über die „Bildung einer zahlreichen Klasse industrieller und kommerzieller Dirigenten“. Die bürokratischen Strukturen waren noch zu unterentwickelt, als daß Marx diese noch mehr oder weniger isolierten Phänomene hätte verallgemeinern und theoretisch systematisieren können.

Die großen ökonomischen Organisationen (Lenin nennt sie Monopole) bedürfen einer bürokratischen Struktur. Die Monopole haben einen bis dahin mehr oder minder durch spontane Selbstregulierung funktionierenden Markt verdrängt. Ein bürokratisierter Markt ist notwendig geworden, der einer staatlichen Reglementierung (oder wenn man will: Planung) unterworfen ist. Diese Entwicklung hat dem System der staatlichen Bürokratie einen entscheidenden Impuls gegeben. Es ist rasant gewachsen, hat sich stark ausgedehnt und ist mit der ökonomischen Bürokratie zu einer Symbiose verschmolzen. [6]

In dem Maße, als die wachsende Komplexheit der industriellen Gesellschaften große Organisationen mit bürokratischer Verwaltung auf allen Ebenen der Gesellschaft hervorrief, haben sich die westlichen kapitalistischen Gesellschaften bürokratisiert, sind die alten herrschenden Klassen (mit nicht zu kleinen Pensionen) in den Ruhestand geschickt oder zunehmend mit den aufsteigenden Bürokratien verschmolzen worden.

Das Hauptmerkmal des kapitalbürokratischen Wegs ist der evolutionäre Charakter, mit dem der Kapitalismus ohne große Umwälzungen und Brüche in die bürokratische Gesellschaft hineinwächst.

7 Sozialbürokraten

Wenn man mit Arbeiterbewegung den Widerstand der Arbeiter gegen die herrschenden Klassen meint, und wenn man die sozio-historische Bewegung der Bürokratie im revolutionären Bruch mit der kapitalistischen Gesellschaft revolutionär-bürokratische Bewegung nennt, so bestand zwischen der Arbeiterbewegung und der revolutionär-bürokratischen Bewegung oft eine solche Symbiose, daß es schwerfällt, sie voneinander abzugrenzen. Es gab eine starke Tendenz der Vereinnahmung, der „Aneignung“ der Arbeiterbewegung durch die Bewegung der revolutionären Bürokratie. Sobald die Arbeiterbewegung eine gewisse Stärke erlangt hat, große Organisationen mit vielschichtigen Aktionsfeldern umfaßt, bedarf sie eines spezialisierten Leitungsapparats, in dem „Berufsrevolutionäre“ die Entscheidungsmacht und Entscheidungsfähigkeit monopolisieren. Dies ist angesichts des dichotomen Charakters der Gesellschaft, welche die Arbeiterbewegung umgibt, notwendig. Notwendig, weil sie einer etablierten Macht paroli bieten muß, die effizienter in ihrer Organisation und der Ausübung von Repression ist. [7]

Die Tragödie der bisherigen Arbeiterbewegung besteht darin, daß sie zwischen zwei fatalen Alternativen zu wählen hatte: entweder geht sie den „libertären“ Weg, wobei bürokratische Organisationen abgelehnt werden — damit verurteilt sie sich zur Ineffizienz —, oder sie wählt den „autoritären“ Weg, der sie zum Anhängsel einer bürokratischen Bewegung macht, dem politischen Feind gegenüber jedoch mit einer effizienten Organisation ausrüstet.

Die Bürokratisierung der Arbeiterbewegung und der ersten Gesellschaft, die aus einer antikapitalistischen Revolution hervorging, ist nicht auf Verrat, Inkompetenz oder Zufälligkeiten zurückzuführen. Die russische Revolution wurde nicht verraten, wie viele ihrer Kritiker behaupten, sie ist nicht „abgewichen“ und hat sich nicht „deformiert“ — etwa aufgrund der schwierigen Situation des Eingekreistseins und def internationalen Spannungen. Die sowjetische Gesellschaft ist eine Klassengesellschaft geworden, weil sie sich dem Problem der Dichotomie nicht stellen konnte.

Es gibt viele Erklärungen für das Phänomen, das gemeinhin „Stalinismus“ genannt wird. Die wenigsten versuchen, von der gesellschaftlichen Struktur der jungen Sowjetunion auszugehen. (Auf ein solches Vorgehen würde Marx selbst großen Wert legen!) Das beginnt schon mit den zugrundeliegenden Wertsystemen. Entweder sind diese Werte jetzt nicht im Bereiche des linken Denkens angesiedelt, oder sie sind in der einen oder anderen Form an bürokratische Interessen gebunden. Wo sich solche Analysen radikal geben, befinden sie sich meist unter dem ideologischen Einfluß der Bürokratie selbst — was ich „linken Konservatismus“ nenne. Erst wenn sich die Analyse — bei Aufrechterhaltung des marxistischen Ansatzes — vom bürokratischen Marxismus befreien kann, erst wenn das Begriffssystem, das Marx entwickelt hat, um eine ganz andere Wirklichkeit zu untersuchen, beiseitegelegt wird, kann das komplexe System des Stalinismus in den Griff bekommen werden.

Es gibt jedoch schon wichtige Beiträge dazu, wie zum Beispiel den von Claude Lefort. [8] Sein Ansatzpunkt kann folgendermaßen umrissen werden: der Hauptfaktor für die Entstehung des Stalinismus war die Herausbildung einer neuen herrschenden Klasse, die quasi bei ihrer Konstitution am Nullpunkt beginnen mußte. Wegen des extremen antagonistischen Verhältnisses der Bolschewiken zu den alten herrschenden Klassen, wegen der kurz nach der Revolution durchgeführten Säuberung in den Reihen der radikalsten und revolutionärsten Teile der bolschewistischen Partei, herrschte in der sowjetischen Gesellschaft ein ungeheurer Mangel an spezialisierten Kräften für die Verwaltung.

Die Schwierigkeiten ergaben sich nicht nur daraus, daß die Parteiführer sehr wenig Erfahrungen in der Verwaltung hatten, sondern vor allem daraus, daß sie eine Gesellschaft ganz neuen Typs errichten wollten, derer Verwaltung stark konzentriert und zentralisiert werden mußte. Diese Situation wurde verschärft durch die bekannten Aggressionsakte des Imperialismus, die innere Reaktion, die Zerstörungen durch den Krieg, die allgemeine ökonomische und kulturelle Unterentwickeltheit; vor allem aber wurde die Situation erschwert durch die Ideologie der „Diktatur des Proletariats“, die außer acht ließ, daß die Verwalter einer Partei, eines Staates, oder anderer Organisationen nicht Proletarier bleiben und schnell besondere Interessen entwickeln, daß also die „Diktatur des Proletariats“ in einer Gesellschaft, die sich nicht von der Dichotomie befreit hat, eine Absurdität ist.

Eine Klasse, die sich zur herrschenden entwickelt und noch relativ stark an revolutionäre Werte und Arbeiterinteressen gebunden ist; eine als soziales System noch sehr unterentwickelte Klasse mit einer Ideologie, die sich zunehmend partikularisiert, aber immer noch zwischen bürokratischen und Arbeiterinteressen hin- und herschwankt; eine Klasse, die sich selbst erzeugt, tendiert zu einem totalitären Absolutismus. Alle Revolutionen waren von absolutistischen Perioden gefolgt, aber die Klassen, welche diese Revolution anführten, waren um einiges erfahrener in der Ausübung von Verwaltungstätigkeiten und quantitativ stärker als die russischen Bolschewiken von 1917. Um so eher mußte die neue Herrschaft eine absolutistische Form annehmen.

Der vorliegende Text ist ein geraffter Auszug aus einem längeren Manuskript, das als Buch den Titel „Bürokratische Zivilisation und Neuer Radikalismus“ haben wird.

[1Man könnte auch den Begriff „soziale Formation“ oder „sozial-ökonomische Formation“ anstelle von „Zivilisation“ nehmen. Der Begriff der „Zivilisation“ beinhaltet die Vorstellung von einer Vielfalt an differenzierteren Alternativen, welche von der marxistischen Tradition nicht erfaßt werden. Der Begriff der „Bürokratie“ wird hier in der weberschen Bedeutung, und eher makrosozial als mikrosozial verwendet. Natürlich handelt es sich nicht um eine mechanische Anwendung der weberschen Bürokratiekonzeption, vielmehr wird sie am allgemeinen Bürokratisierungsprozeß weiterentwickelt. Wir verstehen hier unter Bürokratie eine unpersönliche Struktur, die in ihrer entwickeltsten Form historisch auf die kapitalistische Struktur der sozialen Integration (Repression plus Verwaltung) folgt, und die als einzige Formation fähig ist, die industriellen Gesellschaften in ihrer jetzigen Komplexität zu integrieren.

[2Nach J. K. Galbraith beherrscht das bürokratische System die Schlüsselsektoren der Wirtschaft der Industrieländer, die mächtigsten und technologisch modernsten Firmen. Sein Beitrag zum Bruttonationalprodukt beträgt 40 Prozent. Ohne bürokratische Strukturen wäre die Verwaltung der großen Firmen einfach unmöglich. Ohne die enorme Staatsbürokratie würden die Industriegesellschaften — sowohl die Wirtschaft als auch die Gesellschaft — zusammenbrechen. Wichtig sind auch Organisationen wie politische Parteien, Gewerkschaften, Universitäten usw.

[3Ferenc Tökei: „Sur le Mode de Production Asiatique“, Akademiai Kiadö, Budapest 1966, S. 19. Natürlich betont dieser liberale ungarische Denker, daß jene Gesellschaften nichts mit den osteuropäischen zu tun haben.

[4S. N. Eisenstadt: „The political System of Empires“, Free Press, Glencoe/III. 1963; Karl Wittfogel: „Oriental Despotism“, London 1957 (deutsch: Orientalische Despotie, Köln 1961)

[5Karl Marx: Das Kapital, II. Band, MEW, Bd. 25, Berlin 1964, S. 400 ff.

[6Siehe dazu die Analysen von J. K. Galbraith, vor allem: „Der Neue Industriestaat“. Über die Trennung von Eigentum und Verwaltung und deren Bürokratisierung siehe Aaron Gordon: „Business Leadership in the Large Corporation“ (University of California Press, Berkeley 1961, I. Auflage 1945), die noch immer beste Analyse dieses Prozesses für die Vereinigten Staaten.

[7Trotz ihres reaktionären Positivismus ist die berühmte Arbeit von Robert Michels: „Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie“ (1911) die beste Analyse der deutschen Sozialdemokratie zu Anfang des Jahrhunderts, zugleich das Standardwerk zur Frage der Bürokratisierung von Organisationen der Arbeiterbewegung.

[8Claude Lefort: „Eléments pour une Critique de la Bureaucratie“, Genf 1972

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Erstveröffentlichung im FORVM:
September
1974
, Seite 40
Autor/inn/en:

José Baptista: geb. 1944 in Lissabon, verließ Portugal 1965 aus politischen Gründen (weil er nicht in der Kolonialarmee dienen wollte). Studien zunächst in Paris und dann in Budapest, wo er sieben Jahre lebte und ein Doktorat in Soziologie erwarb.

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