Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1992 » No. 465-467
Karl Pfeifer

Vojvodina, Herbst 1992

Kleinlicher, gewalttätiger Nationalismus

Wahr ist ferner, daß in dieser Region wirrste politische Philosophien und grobschlächtigste politische Lügen wuchern, die in Gesellschaften mit einer gesunden Entwicklung nicht einmal formuliert werden könnten, geschweige denn glaubwürdig wären. Es wäre aber kindisch zu glauben, daß wirre Philosophien oder böswillige propagandistische Hetzkampagnen allein die Deformation einer politischen Kultur bewirken könnten. Wirkliche Massenstimmungen können sich nur aus Emotionen entwickeln, Emotionen aber wieder nur aus realen Erlebnissen. Die Halbwahrheiten oder die lügnerische Propaganda wirrer Philosophien haben auf Individuen oder Gemeinschaften nur dann einen Einfluß, wenn diese über furchtbare und irreführende, in jedem Fall aber intensive Erlebnisse eine Anfälligkeit produzieren, diese Halbwahrheiten und Lügen zu glauben, weil sie auf dieser Grundlage den Selbstbetrug untermauern, eitle Hoffnungen nähren können und falsche Vorstellungen verfestigen dürfen, wodurch gewisse Emotionen ihre Befriedung finden. Halbwahrheiten und Propagandaparolen prallen von ausgeglichenen Seelen einfach ab. Die Frage ist also, was die Völker Mittel- und Osteuropas so unausgeglichen gemacht hat.

Alles verweist auf eine politische Hysterie, und wenn wir diese politische Hysterie analysieren wollen, ist es unsere allererste Aufgabe, die historischen Erschütterungen aufzudecken, die die Entwicklung und das Gleichgewicht dieser Länder gestört haben. Die Erschütterungen in Mittel- und Osteuropa hängen mit dem qualvollen Prozeß der Nationwerdung zusammen ...

Infolge des Zerfalls Deutschlands und Italiens sowie der Gründung des Habsburgerreiches und des Osmanischen Reiches waren die staatlichen und nationalen Grenzen nicht deckungsgleich, dies führte zur Geburt des Sprachnationalismus und zur vollkommenen Destabilisierung der hiesigen nationalen Rahmen. Es fehlte die Realität des eigenen nationalen und staatlichen Rahmens.

Istvan Bibó [1]

Die Vojvodina 1941-1945

Der ungarische Schriftsteller Tibor Cseres hat mit seinem 1964 veröffentlichten Buch Die kalten Tage, das später in Ungarn verfilmt wurde, ein Kapitel der ungarischen Geschichte beschrieben, das heute in Ungarn gern vergessen wird, nämlich die Novi Sader Razzia im Jänner 1942, als ungarische Gendarmen und Soldaten tausende Serben und Juden kaltblütig ermordeten. Cseres hoffte, daß auch jemand auf serbischer Seite die Rache der Partisanen 1944/45 beschreiben würde. Doch leider hatte er sich geirrt. Serbische Nationalisten benützten diese selbstkritische Auseinandersetzung mit der ungarischen Vergangenheit für ihre eigenen Zwecke.

Am 10. Dezember 1940 schloß Ungarn mit Jugoslawien einen „ewigen Freundschaftsvertrag‘“, der kein halbes Jahr hielt. Nachdem das serbische Volk am 27. März 1941 die nazifreundliche Cvetkovic-Regierung stürzte, wandte sich Hitler sofort mit der Bitte an Horthy, den Durchmarsch deutscher Truppen durch Ungarn zu gestatten und sich am Krieg gegen Jugoslawien zu beteiligen. Horthy teilte bereits am 28. März mit, daß Ungarn bereit wäre, den deutschen Forderungen nachzukommen. Die ungarische Regierung nahm die Entstehung eines kroatischen Staates als Vorwand, um die Besetzung der Bácska und anderer jugoslawischer Gebiete zu rechtfertigen. Am 11. April überschritten ungarische Truppen die Grenze zu Jugoslawien, um bis „zur tausendjährigen südlichen Grenze“ vorzudringen. Es gab sporadische Versuche serbischer Freischärler, die Ungarn aufzuhalten, die sofort niedergeschlagen wurden. Erst danach begann die mörderische „Säuberungsaktion“ gegen „serbische Freischärler“, zu denen man auch Juden und Kommunisten zählte. Der auf „christlicher, nationaler Grundlage“ stehende ungarische Kulturverein stellte „Zuverlässigkeitszeugnisse“ für Serben aus. Diejenigen, die solche Zeugnisse nicht erhalten konnten, wurden in Massen interniert. Die ungarische Administration machte die Bodenreform der Zwischenkriegszeit rückgängig und vertrieb 25.000 nach 1918 angesiedelter Serben. Ungarn siedelte seinerseits Szekler aus der Bukovina und Csángós aus Moldau in der Bácska an, die ein paar Jahre später nach Ungarn flüchten mußten. Obwohl Ungarn auch das zu einem Drittel von Ungarn bewohnte Banat annektieren wollte, gaben die Deutschen nicht nach. Dieses Gebiet blieb nominell unter serbischer, praktisch aber unter deutscher Verwaltung. Die Srem aber wurde Kroatien zugeschlagen.

Die Kampfaktionen der Partisanen und der Widerstand gegen die Besetzung können hier nicht näher beschrieben werden. Tatsache ist, daß Ende Oktober 1944 fast die gesamte Vojvodina befreit war. Der Herbst 1944 brachte nicht nur den Frieden, sondern auch eine gesellschaftliche Revolution. Die überlebende südslawische Minderheit konnte sich als Bürger und Soldaten eines starken, siegreichen Landes fühlen. Die Ungarn, die noch ein paar Wochen zuvor den Status einer herrschenden Nation hatten, wurden wieder zur Minderheit. Die Verbrechen des Horthyregimes wurden von den Volksgerichten schwer bestraft. Die in der Vojvodina verbliebenen und die zurückgekehrten Südslawen fühlten wegen dieser Verbrechen einen verständlichen Haß. Es kam, noch bevor geregelte Verhältnisse geschaffen wurden, zu einer wahllosen Racheaktion, die auch viele unschuldige ungarische Opfer forderte. Eine genaue Anzahl wurde bis heute nicht festgestellt. Das Thema wurde in der Vojvodina bis 1990 tabuisiert.

Am 22. Oktober 1944 wurde die militärische Administration in der Bácska und im Banat eingeführt. Die Begründung: „... weil auf unserem Gebiet besonders viele Deutsche und Ungarn leben, die sich während der Besetzung der slawischen Bevölkerung gegenüber feindlich verhielten und an solchen Verbrechen teilnahmen, die die Besetzer gegen unser Volk organisierten. Insbesondere die hiesigen Schwaben benahmen sich barbarisch gegenüber den Serben und anderen Schichten unseres Volkes. Deswegen müssen wir mit allen Schwaben und allen Ungarn, die Verbrechen begangen haben, gründlich abrechnen.“ Tatsächlich wurde im benachbarten Ungarn noch gekämpft und man rechnete mit Sabotageaktionen, zu denen es aber nicht gekommen ist. Laut einem Beschluß der AVNOJ (Antifaschistischer Volksbefreiungsrat Jugoslawiens) wurde das Vermögen der Deutschen sowie der Kriegsverbrecher und ihrer Bediensteten beschlagnahmt. Neben den meisten Deutschen wurden auch viele Ungarn interniert. Doch den Ungarn gegenüber wurde die Politik bereits am 1. Dezember 1944 mit einer Verordnung der Militärverwaltung radikal geändert. Die Internierung der Ungarn in Arbeitslagern wurde aufgehoben, die nicht zur Armee eingezogenen Ungarn mußten in Arbeitsregimentern dienen. Die herrschende kommunistische Partei besann sich des Internationalismus. Nach der Befreiung Ungarns drohte Jugoslawien vom Norden keine Gefahr mehr. Am 15. Februar 1945 wurde die Vojvodina wieder unter zivile Verwaltung gestellt.

Nach 1945

Der bedeutende ungarische Soziologe István Bibó beschrieb in seiner 1946 entstandenen Arbeit [1] den großen Optimismus, der nach dem Krieg herrschte: „Interessanterweise gibt es heute einen einzigen Versuch mit Erfolgsaussichten, bei dem ein nationaler Rahmen auch über die Sprachgrenzen hinaus eine Anziehungskraft ausübt, doch stützt man sich hier nicht auf historische Grundlagen, sondern auf die kohäsive Kraft eines demokratischen Freiheitskampfes, und dies ist der jugoslawische Versuch. Den Kern der Nation bildet auch hier die sprachliche Einheit, aber die Rolle, die sich die jugoslawische Nation in der Frage der europäischen Befreiung erkämpft hat, sichert dieser Nation heute eine Anziehungskraft, die weit über den sprachlichen Rahmen hinausweist.“ Bibó beruft sich auf Ortega y Gasset, „daß die Nationen nicht nur von ihrer gemeinsamen Vergangenheit, sondern auch von ihrer gemeinsamen Zukunft zusammengehalten werden, also von jener Perspektive, die den gemeinsamen Plänen und Unternehmungen eines Kollektivs Prestige, Optimismus und Schwung verleiht“.

Es ist heute üblich, das Nachkriegsjugoslawien als eine finstere, die Völker unterdrückende Diktatur zu charakterisieren. Der ungarische Verteidigungsminister Lajos Für schrieb aber 1981: „Unter unseren nationalen (magyarischen) Minderheiten kann die Lage des jugoslawischen Ungarntums und die Lage der dortigen ungarischen Wissenschaft als die beste beschrieben werden.“ Bereits im August 1945 wurden neben 15 serbischen Mittelschulen auch drei ungarischsprachige geöffnet. Das ungarischsprachige Schulnetz in den mehrheitlich ungarischen Gebieten entspricht den Wünschen der Bevölkerung. Allerdings befinden sich die meisten Schulen der Minderheiten in alten Gebäuden und ihre Ausrüstung ist nicht auf dem modernsten Stand, doch die Schulbücher sind nicht schlechter als diejenigen der Mehrheitsschulen.

Radio Novi Sad sendet 24 Stunden ein niveauvolles ungarisches Programm. Die Nachrichten über den innerjugoslawischen Konflikt werden ausgewogen, ohne jede Propaganda gebracht. Selbstverständlich kommen alle Vertreter der ungarischen Minderheit zu Wort. Es gibt auch ungarischsprachige Sendungen des Fernsehens und diejenigen, die es wünschen, können das ungarische Fernsehen problemlos empfangen. In Novi Sad erscheint die gut redigierte Tageszeitung »Magyar Szó«. Eine Reihe von ungarischsprachigen Zeitschriften werden in der Vojvodina publiziert und der mehrsprachige Verlag »Forum« gibt jährlich 40-170 ungarischsprachige Bücher heraus.

Die postulierte nationale Gleichberechtigung wurde auf einigen Gebieten konsequent durchgeführt. Doch manches blieb toter Buchstabe und das Leben der ungarischen Minderheit in Jugoslawien war (und ist) keineswegs so problemlos, wie es die offizielle jugoslawische Propaganda hinausposaunte.

1948 kam es zum Bruch mit Stalin und dem Kominform. Für die ungarische Minderheit bedeutete dies zunächst, daß Jugoslawien sich von Ungarn abgrenzte. Ihre Wahl war: Sympathie mit dem stalinistischen Ungarn oder aber jugoslawischer Patriotismus. Die ungarische Intelligenz wählte fast ausnahmslos den zweiten Weg und schuf ein „Vojvodina-Bewußtsein“. Tatsache aber ist, daß viele ungarische Intellektuelle 1944/45 sich nach Ungarn absetzten, so daß die Minderheit führungslos war. Im Gegensatz zur angeblichen Herrschaft der Arbeiter und Bauern, besuchten nur wenige deren Kinder die Universitäten. Viele ungarische Intellektuelle wählten die Assimilation, d.h. viele leben heute in einer Mischehe, sprechen mit ihren Angehörigen und Mitarbeitern serbokroatisch und geben ihre Kinder in serbokroatische Schulen. 1956 gab es nur 18 Prozent Mischehen in der Vojvodina, Anfang der achziger Jahre stieg der Prozentsatz auf vierzig. Die Kirchen haben sich in der Regel nicht um die Bewahrung des Ungarntums gekümmert. Die offizielle Ideologie war ihnen auch nicht günstig gestimmt und die Serben stehen in ihrer Mehrheit der Religion gleichgültig gegenüber. Erst in der letzten Zeit ist das Interesse für die Religion gewachsen.

Die früher mehrheitlich ungarischen und deutschen Städte sind heute infolge einer gezielten Ansiedlung von einer serbischen Mehrheit dominiert. Doch diese serbische Mehrheit hat viel von den urbanen Gewohnheiten der ungarischen Städtebewohner übernommen.

Während meines kurzen Aufenthaltes in Novi Sad bin ich viel mit dem Autobus gefahren und habe mit meiner Begleiterin ungarisch gesprochen. Im Gegensatz zu meinen Erfahrungen in der Slowakai wurden wir kein einzigesmal angerempelt oder angepöbelt. Das alltägliche Zusammenleben ist auch heute ungestört. In dieser toleranten Atmosphäre können sich diejenigen, die das wünschen, relativ leicht assimilieren.

Überproportional viele junge Ungarn gingen als Gastarbeiter in den Westen. 1979 waren 28% aller im Ausland arbeitenden Bürger der Vojvodina Ungarn. Viele kehren nicht mehr zurück und die meisten der Rückkehrer lassen sich in mehrheitlich serbischen Städten nieder und nicht in den kleinen ungarischen Ortschaften.

Nationale Identitätsstörung

In der Vojvodina gab es vor 1918 einen ungarischen Assimilationsdruck. In der Zwischenkriegszeit, als die ungarische Minderheit noch ein strukturiertes Gemeinschaftsleben hatte, gab es schon Ungarn, die sich an die Serben anpaßten. Nach der Befreiung verstärkte sich diese Tendenz. Zunächst einmal begünstigte auch die offizielle kommunistische Ideologie die Assimilation. Die Mythen des ungarischen Nationalismus wirkten nach der Erfahrung der ungarischen Herrschaft 1941-1944 nur mehr beschränkt.

Nach dem Bruch mit Stalin gab es einen enormen Druck, sich mit der Unabhängigkeit Jugoslawiens zu identifizieren. Diejenigen, die Ambitionen hatten, die hofften in der gesellschaftlichen Hierarchie aufzusteigen, neigten selbstverständlich mehr zu Assimilation als die Arbeiter und Bauern. Die Staatsprache war obligatorisch und da sich insbesondere viele Intellektuelle assimilierten, blieb die Masse der Ungarn wiedereinmal führungslos.

Jugoslawien war bis zum Ausbruch des gegenwärtigen Konflikts viel liberaler und offener als Ungarn, was die Assimilation ebenfalls förderte.

Trotz der Gleichheits-Postulate hat die Regierung durch ihre Investitionspolitik, mit der Mittel aus der Vojvodina abgezogen wurden, die Ungleichheit in diesem Gebiet gefördert. Andersseits wurden diese Mittel im Süden Jugoslawiens investiert, um den krassen Unterschied zwischen dem Norden und den Süden aufzuheben oder wenigstens zu mindern.

Die Ungarn werden auch dem Druck des serbischen Nationalismus ausgesetzt, der von ihnen mehr „Loyalität“ fordert. In dieser Atmosphäre neigen viele Ungarn zu Angstlichkeit und Furcht. Leider ist diese in vielen Fällen nicht unbegründet. Eine Anzahl von Ungarn schämten sich ihres Ungarntums und versuchten, sich krampfhaft der Mehrheit anzugleichen. Zu den schlimmsten Einpeitschern des serbischen Nationalismus gehören auch vor nicht allzulanger Zeit assimilierte Ungarn, die ihre Karriere durch grundlose Beschuldigung ihrer ehemaligen Gemeinschaft fördern wollen. Die Forderung von nationalen Minderheiten- und Menschenrechten ist kein Nationalismus. Es ist überall Aufgabe der Bevölkerungsmehrheit, den Minderheiten ein Leben ohne Furcht zu garantieren.

Beschwerden der ungarischen Minderheit

Ein Gespräch mit János Vékás, dem Vizepräsidenten des Demokratischen Verbandes der Ungarn der Vojvodina VDMK (die bei allen Mehrparteienwahlen der Vojvodina 80-95% der ungarischen Stimmen erhielt) zeigt, mit welchen Problemen heute die Ungarn der Vojvodina konfrontiert sind. Die Führung der VDMK ist mit dem gegenwärtigen Status der Ungarn nicht zufrieden. Sie beklagen sich darüber, daß Serbien. keinen Dialog mit ihnen führt. Sie betonen immer wieder, daß sie die Probleme auf dem Verhandlungsweg lösen möchten:

Die Ungarn fordern eine dreifache Autonomie, nämlich eine territoriale im Norden der Bácska, in dem die Ungarn die Mehrheit bilden, eine kulturelle für alle in Serbien lebenden Ungarn sowie eine lokale für die mehrheitlich von Ungarn bewohnten Ortschaften der Vojvodina, die außerhalb der nördlichen Bácska liegen.

Die in der Vojvodina regierenden „Sozialisten“ hatten die immer noch de jure bestehende Autonomie 1990 auf ein Minimum eingeschränkt und sie weigern sich, die alte Eigenstaatlichkeit der Vojvodina wiederherzustellen.

In Hrtkovci (nur 30km von Belgrad entfernt) kam es im August zu nationalistischen Ausschreitungen. Hier hatte Ostoja Sibincic, der selbsternannte „Bürgermeister“, die Macht im Dorf übernommen und die nichtserbischen Einwohner mit Gewalt gezwungen, ihre Häuser den aus Kroatien geflüchteten Serben zu überlassen. Als sich ein kaum noch ungarisch sprechender Bürger bei der Polizei beschwerte, sagte ihm der Polizist „das gescheiteste ist, von hier wegzuziehen, denn unlängst hat man hier einen Menschen vier Stunden lang mit Stromschlägen gefoltert, brauchen Sie das?“ Auf Grund der Beschwerden der Bevölkerung wurden Sibincic und ein anderer Rädelsführer am 21. August in Hrtkovci verhaftet. Doch der ungarische Justizminister Jugoslawiens Dr. Tibor Várady hatte einen Monat gebraucht, bis er seine serbischen Partner überzeugen konnte, daß man die Täter verhaften muß. Solche Fälle wie in Hrtkovci gab es auch in anderen Ortschaften der Vojvodina. Am 6. Mai rief der nationalistische serbische Politiker Vojislav Seselj die Dorfbewohner in Hrtkovci auf, 19 Kroaten zu verjagen. Serbische Nationalisten kamen ins Dorf und befragten die Bevölkerung nach ihrer Nationalität, die Nichtserben und die in Mischehen lebenden Bürger wurden bedroht, geschlagen, man schoß über ihren Kopf und man zeigte ihnen Handgranaten. Dann kamen serbische Flüchtlinge, die sich auf Sibincic beriefen und sie aufforderten, ihre Häuser zu übergeben. Hrtkovci hatte Anfang Mai 3.800 Einwohner, 70% Kroaten, 20% Ungarn und 10% Serben. Bis Ende Juli änderten sich die Verhältnisse, von den 5.000 Einwohnern waren 5% Kroaten, 12% Ungarn und 83% Serben. Bis zum 8. Juli unterschrieben 149 Familien „unter Druck“, daß sie ihre Häuser mit Flüchtlingen tauschen. Laut Behauptungen des Sibincic hatten 350 kroatische Familien ihr Heimatdorf Hrtkovci „von der Liebe zu ihrer Heimat“ geleitet, freiwillig verlassen und „sie sangen patriotische Ustaschalieder“ dabei. Sibincic taufte das Dorf in „Srbislavci“ („Dorf der serbischen Glorie“) um. Das Dorf heißt heute wieder Hrtkovci (ungarisch Herkóca). Es bleibt abzuwarten, ob die verhafteten Täter auch vor ein Gericht kommen und ob sie abgeurteilt werden.

Während die Ungarn nur 3 Prozent der Bevölkerung Serbiens ausmachen, sind 10% aller eingezogenen Soldaten der jugoslawischen Armee Ungarn. Bisher wurden Waffendienstverweigerer nicht von einem Gerichtshof verurteilt, doch in Ada (eine Ortschaft mit ungarischer Mehrheit) wurden 1991 Friedensdemonstranten von Polizisten geschlagen. Eine besondere Rolle spielen bei diesen Ausschreitungen frustrierte serbische Polizisten, die aus Kroatien in die Vojvodina geflüchtet waren und in die lokale Polizei integriert worden sind.

Noch sind Fälle wie Hrtkovci Einzelfälle, doch serbischer Chauvinismus bestärkt die Ängste aller Minderheiten.

Eindrücke in Belgrad und Novi Sad

Im Gespräch mit Rajko Bogojewic, dem Direktor des serbischen Außenministeriums wird mir wieder der Unterschied zwischen einer staatstragenden Nation und einer nationaler Minderheit klargemacht. Er, aber auch Botschafter a.D. Demajo erwarten, daß bei den kommenden Wahlen die nationalistischen Extremisten Stimmen verlieren werden. Im Prinzip, meint Herr Bogojewic, könnte man auch über eine „Südtirol-Lösung“ für die jugoslawischen Minderheiten verhandeln.

Die Führung der bisher nicht anerkannten „Bundesrepublik Jugoslawien“ (SRJ), die nur noch aus Serbien und Montenegro besteht, hat — vielleicht auch mit Rücksicht auf internationalen Druck — ein Ministerium für Einhaltung der Menschen- und Minderheitenrechte eingerichtet. Ich konnte mit den stellvertretenden Ministern Dr. M. Memic, einem Moslem aus dem Sandschak, und Dr. L. Józsa, einem Ungarn aus Subotica sprechen. Beide betonten, nur drei Tage im Amt zu sein und lediglich ihre persönliche Meinung auszudrücken. Sie erklären, besorgt zu sein über nationalistische Ausschreitungen wie in Hrtkovci und hoffen auf Ministerpräsident Panic, Justizminister Várady und das Prestige ihres Chefs, des serbischen Universitätsprofessors Momcilo Grubac, der die Probleme in seiner heimatlichen Vojvodina kennenlernen konnte. Wann immer ein Fall von Verletzung der Menschen- oder Minderheitenrechte gemeldet wird, wollen sie energisch einschreiten. Sie haben einen Aktionsplan ausgearbeitet, um die dringendsten Probleme zu lösen. Die Regierung möchte eine bürgerliche Gesellschaft von oben einführen und so die ethnischen Konflikte abbauen. Die Idee „einer Nation in einem Land“ kann am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts nicht mehr verwirklicht werden. Die Lage der Vojvodina ist, so meinten meine Gesprächspartner, nicht mit dem Kosovo zu vergleichen.

Meine Gesprächspartner betonten: Die Ungarn der Vojvodina, aber auch die Albaner des Kosovo konnten mit jugoslawischem Reisepaß in der Welt herumfahren, als die Bürger ihres Mutterlandes davon nicht einmal zu träumen wagten. Freilich wird das neu geschaffene Ministerium auch bemüht sein, die Rechte der Serben in den heute unabhängigen Nachbarländern zu verteidigen. Es gab und gibt Meinungen, daß dies nur mit der Waffe in der Hand geschehen könne, doch meine Gesprächspartner teilen diese Meinung nicht.

In Belgrad und in Novi Sad konnte ich schon die Resultate der Wirtschaftsblockade sehen, die Autobusse verkehren selten und sind überfüllt. Auffallend ist, daß die Passagiere sich — soweit ich das beobachten konnte — zivilisiert benehmen. Wann immer ich im Autobus oder auf der Straße Passanten nach einer Straße englisch befragte, erhielt ich stets eine freundliche Antwort. In einem Fall wurde ich von einer Dame gefragt, von wo ich komme. Als ich sagte „aus Wien“, fragte sie mich: „Warum haßt uns Herr Mock derartig?“ Ich mußte die Antwort schuldig bleiben.

Im jugoslawischen Bürgerkrieg ist es auf allen Seiten zu Erscheinungen der Barbarei gekommen. Alle Serben, mit denen ich sprach, bedauerten das und viele hoffen, daß die Persönlichkeiten, die dies verschuldet haben, von der politischen Bühne verschwinden werden.

Leider distanziert die sich sozialistisch nennende Partei von Milosevic sich nicht vom extremen, gewalttätigen, serbischen Chauvinismus. Allerdings werden die Menschenrechtsverletzungen in den Printmedien thematisiert, insbesondere in der Tageszeitung »Borba« und der oppositionellen Wochenzeitung »Vreme«. Im Gegensatz zu Kroatien herrscht in Serbien Pressefreiheit, so konnte in der ungarischsprachigen vojvodiner Wochenzeitung »Napló« (Szabadka/Subotica) folgende Karikatur [2] veröffentlicht werden:

Im alltäglichen Leben merkt man in Novi Sad fast nicht, daß man sich in einem kriegführenden Land befindet. Allerdings floriert der Schwarzhandel und mit Devisen kann man alles kaufen. Die Masse der Bevölkerung leidet unter Geldmangel. Der durchschnittliche Verdienst beträgt den Gegenwert von 700 Schilling und Pensionisten müssen manchmal von weniger leben.

Schlußfolgerung

Man kann nichts gegen die deklarierten Prinzipien des Bundesstaates Jugoslawien oder der serbischen Republik, die ein Staat aller Bürger zu sein postuliert, einwenden. Doch kommt es auf die Praxis an. Weniger Zentralisierung und mehr Verhandlungen mit den Minderheiten würden auf allen Seiten Spannungen abbauen. Auch in Serbien zeigt man auf die Nachbarn und erzählt, daß es dort noch viel schlimmer zugehe. Das erinnert an die ungarische Anekdote aus dem Ersten Weltkrieg, als der Dorfrichter, die Trommel zuvor rührend, verkündete: „Die Russen haben an einem Tag 20.000 Soldaten verloren.“ Ein Dorfbewohner fragte: „Und wie viele haben wir verloren?“ — „Das wird“, so der Trommler, „vom russischen Dorfrichter verkündet.“

Österreich hätte bei der Versöhnung der südslawischen Völker eine Rolle spielen können. Doch diese Chance hat Österreich wegen parteilicher Außenpolitik und verzerrenden Medienberichten verspielt.

[1Istvan Bibó, Die Misere der osteuropäischen Kleinstaaterei, verlag neue kritik, 1992

[2Die Zeichnung ist im Original in die rechte obere Ecke eines ganzseitigen Fotos teilweise nackter Lagerhäftlinge einmontiert.

Quellen:

  • Vojvodina, Tatsachen und Zahlen, Provinzkomitee für Informationen Novi Sad 1985, Redaktion: Jarmila Struhar
  • Accomplishing the equality of nations in the autonomous province of Vojvodina, vervielfältigt, ohne Impressum, nach der Volkszählung 1991
  • A. Sajti Enikö: Delvidék, 1941-1944, Kossuth Könyvkiadó, Budapest 1987
  • Hódi Sándor: A nemzeti identitás zavarai, Forum Könyvkiadó, Ujvidek 1992
  • Lajos Arday und Lajos Für in Medvetánc, Jelentesek a határokon túli magyar kisebbségek helyzetéröl, Budapest 1988

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
1992
No. 465-467, Seite 26
Autor/inn/en:

Karl Pfeifer:

Karl Pfeifer, Jahrgang 1928. Im Alter von 10 Jahren Flucht mit seinen Eltern nach Ungarn. Mit 14 gelingt ihm die Auswanderung nach Palästina, wo er nach einer Ausbildung im Kibbuz im israelischen Unabhängigkeitskrieg kämpft. 1951 kehrt er nach Europa zurück, arbeitet seit 1979 als Journalist in Wien, schreibt u. a. für die Wiener Illustrierte Neue Welt und die Berliner Wochenblätter Jüdische Allgemeine und Jungle World.

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