FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1992 » No. 460/461
Ladislav Mňačko

Verbrennt alle Akten!

Dieser Tage erschien — als aktuelles Statement zur heutigen Situation — in der Slowakei der nachstehende, leicht gekürzte Diskussionsbeitrag unseres Autors vom »II. Kongreß der tschechoslowakischen Schriftsteller 1956«. »Radio Free Europe« verbreitete bereits eine Stunde nach dem Statement, L. M. sei deswegen verhaftet worden, worauf dieser im Fernsehen vorgezeigt wurde, um darzutun, daß das nicht stimmte; zur Widerlegung der Behauptung, L. M.’s Meinungsäußerung werde in der ČSSR unterdrückt, druckten sie damals die Zeitschriften beider Schriftstellerverbände.
Der Auftritt markierte den Auftakt der Rebellion der tschechischen und slowakischen Intellektuellen gegen die totalitäre Diktatur und den Beginn einer nicht mehr unterdrückbaren Diskussion, die zuletzt, nach 12 Jahren, in den Monaten des »Prager Frühlings« von 1968 gipfeln sollte.
Bei uns, Travnicek, könnte sowas natürlich niemals passieren.

In mir rumort die brennende Frage — wer bin ich eigentlich?

Man versucht mir einzureden, daß ich Ingenieur der menschlichen Seelen bin. In letzter Zeit spricht man davon, daß der Schriftsteller zur Institution der öffentlichen Kontrolle berufen sei, daß er das Gewissen des Volkes repräsentiere. Ob ich persönlich diese Funktion bis jetzt erfüllt habe und auch jetzt erfülle, weiß ich nicht und bin gezwungen, intensiv darüber nachzudenken. Das kostet Zeit, schlaflose Nächte und innere Zweifel an sich selbst. Hier möchte ich aber ein offenes Wort hinzufügen — ich kann nicht einen Menschen, der heute Worte der Anderen wiederholt, wie er früher auch Worte anderer Anderen wiederholt hatte, schätzen. Besonders nicht einen, der mit gespielt unschuldiger Miene erklärt

Aber das ist doch abscheulich, was man vielen Menschen angetan hatte! Ich habe davon nichts gewußt! Man hat vor uns geheimgehalten, daß bei uns unschuldige Menschen in Kerker gesteckt worden sind!

Wo lebte denn so einer?

Es entspricht nämlich nicht den Tatsachen, daß man nur die Literatur und die kommunale Schlamperei kritisieren durfte. Ab und zu richtete sich scharfe Kritik auch gegen kardinale Fehler und Inkompetenz der Mächtigen. Wirkungslos. Einen, der es wagte, hat man als Don Quijote ausgelacht. Jetzt gehört es zur Mode, den Schriftsteller zu kritisieren wegen Belanglosigkeit seiner literarischen Wirkung, man spricht von uns mit Despekt, stempelt uns zu Schematikern, die keinerlei Kenntnisse über das wirkliche Leben im Lande besitzen. Nun, ich bin der Meinung, daß manche von uns hier Versammelten moralisch und fachmännisch wohl gut vorbereitet sind, literarisch hochwirksame und gesellschaftlich relevante Werke zu schreiben.

Es liegt nicht an mangelnden Fähigkeiten der Schriftsteller, daß die publizierte Literatur so blutarm, so vermeidbar ist. Da von uns Mittelmäßigkeit verlangt, sogar gefördert wird, wird sie auch von etlichen von uns präsentiert und sogar von höheren Stellen gewürdigt. Ondulierte Wahrheiten und bürgerliches und litararisches Nullengagement stehen einzig hoch im Kurs der Mächtigen. Darin ist der Fluch der heutigen Literatur zu suchen.

Natürlich nicht nur darin. Vor kurzem wurde einer meiner guten Freunde verhaftet. Ich schätzte ihn sehr, ich liebte ihn. Als ich erfuhr, daß er wegen hochverräterischer Tätigkeit angeklagt wurde, beschäftigte mich die beunruhigende Frage — ist es wahr? Du kennst ihn doch, die Beschuldigung kann nicht stimmen, es muß sich um einen Irrtum handeln! Aber zugleich besann ich mich meiner Parteidisziplin. „Weißt du wirklich alles über ihn? Kann es nicht trotz deiner Zweifel doch stimmen?“ Das Gewissen rebellierte, der kollektive Verstand, dem auch mein eigener damals noch zuzurechnen war, versuchte, das Unerklärliche doch zu erklären. Es war bequemer, das Ereignis zu akzeptieren, als sich innerlich damit zu plagen. Es war eben die Zeit der Verdrängung aller unangenehmen Gedanken. Diese, nicht gestellt, türmten sich zu einem Hochgebirge seelischer Belastungen und drohten uns moralisch zu ersticken. Ich zog aus dieser beschämenden Zeit eigene Gesetze des Handelns. Ich sagte mir, irren ist menschlich, vielleicht irrst du auch, aber handle nach drei dir selbst gestellten, die Menschenwürde fördernden Gesetzen: Dort, wo das Wissen, der Glaube und die Gefühle nicht eine harmonische Einheit bilden, dort sei mißtrauisch, dort überprüfe sorgfältig alles, ehe du über egal wen zu urteilen hast, und dort, wo du zur Überzeugung gelangst, daß etwas um dich faul sei, zögere nicht, riskiere und handle.

Warum die Literatur, trotz großen Auflagen, kaum etwas bewirkt, ist leicht zu erkennen. Der Bürger, der Leser spürt genau, wann wir die Wahrheit frisieren, wann wir sie entstellen. Dies ist irgendwie erkennbar. Was du nicht wagst, was du vorgibst, was du auf Rosa lackierst, ondulierst, falls du lügst, dies alles ist an deinem Werk erkennbar, ein falsch klingender Satz, eine unaufrichtige Geste, und dein Werk verfehlt seine Funktion, wirkt unglaubwürdig, unaufrichtig, und folgendermaßen grau und kalt. Ein Schriftsteller, der bei der Erwähnung der Arbeiterklasse mit überlauter Stimme ruft (oder schreibt) „Ich diene!“ kann nur Gestalten von entindividualisierten Besserwissern präsentieren. Arbeiterklasse als ein Engelschor, als Alleswissende und aber eben dadurch Alleslösende, graue gesichtslose Masse, in der sich das Menschliche verliert, das ist das Resultat von manchen Mühen. Dies ist für die Literatur ein Weg ins Nirgendwo.

Richten wir die Literatur an das Menschliche, beleben wir sie mit vollblütigen Menschenschicksalen, echten Problemen, vertiefen wir uns in die Kompliziertheit und die Geheimnisse der menschlichen Natur. Hören wir auf zu kalkulieren, welche Vorteile und welche Risken es uns bringen könnte. Hören wir auf, für die Zensur zu schreiben, an unser eigenes „Kaderprofil“ zu denken. Vergessen wir, daß an bestimmten Stellen und Ämtern Dossiers über jeden von uns angelegt wurden. Ächten wir diese Überwachungspraxis, die die Karrieristen und Streber und moralisch defekten Kollegen bevorzugt und schätzt. Ich finde, es ist höchste Zeit, die Geheimarchive, die „Kaderdossiers“ der Staatspolizei aus ihren Regalen zu holen, auf dem Wenzelsplatz aufzuhäufen, sie restlos unter dem Jubel der tanzenden Bürger anzuzünden und zu verbrennen. Das wäre ein anderes Volksfest, als die aufgezwungenen Pflichtübungen unserer frustrierten Jugend!

Wer bin ich eigentlich? Ich weiß es nicht genau, denn ich kenne „meine“ Geheimakte nicht. Ich weiß nicht, was dort mit roter Tinte unterstrichen ist und was noch dazukommt. Eins aber weiß ich ganz bestimmt: ich für meine Person werde nie mehr irgendeinen Fragebogen der „Kaderabteilung“ ausfüllen. Nie mehr im Leben!

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
1992
, Seite 64
Autor/inn/en:

Ladislav Mňačko:

Geboren 1919 in Valašské Klobouky, gestorben 1994 in Bratislava. Nach der deutschen Besetzung der damaligen Tschechoslowakei wurde er als Zwangsarbeiter in ein Essener Bergwerk „dienstverpflichtet“. Bekannt geworden durch Reportagen aus der Welt der Arbeit, wurde er in den 60-er Jahren zunehmend kritisch gegenüber der Sowjetunion und der tschechoslowakischen KP. Emigirerte 1967 nach Israel, kehrte während des Prager Frühlings in die Tschechoslowakei zurück, emigierte nach dessen Niederschlagung nach Österreich und kehrte 1991 in die Slowakei zurück.

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