FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1995 » No. 496-498
Francesca Ferraris

Unumschränkt solidarisch

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich, Sie im Namen von Constantin Film und der Österreichischen Sektion von amnesty international bei dieser Galapremiere begrüßen zu dürfen.

Das Bühnenstück des chilenischen Autors Ariel Dorfman »Der Tod und das Mädchen«, das heute abend in der Verfilmung Roman Polanskis präsentiert wird, ist ein einfühlsamer Beitrag zum Thema Folter. Folter — das ist wohl etwas, was eigentlich keiner, der nicht selbst betroffen ist, wirklich im gesamten entsetzlichen Ausmaß begreifen kann. Eines der Hauptanliegen der Menschenrechtsorganisation amnesty international ist mittlerweile seit Jahrzehnten die weltweite Abschaffung von Folter.

Es sind zwei Leitgedanken, die die Arbeit von amnesty seit ihrer Gründung begleiten, und sich nun in diesem Film wiederfinden: nämlich das Nicht-Vergessen-Wollen und die unumschränkte Solidarität mit den Opfern.

Opfer von Menschenrechtsverletzungen bzw. ihre Angehörigen sind weltweit und ständig damit konfrontiert, daß Staaten, Regierungen und Gesellschaften nicht gewillt sind, Menschenrechtsverletzungen wie Folter, Verschwindenlassen oder sogenannte extralegale Hinrichtungen aufzuklären und die dafür Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Es ist vielmehr so, daß die Täter vollkommen unbehelligt von der Justiz, als ehrenwerte Mitglieder der Gesellschaft ihrem Alltag nachgehen können.

Opfer, Überlebende von Menschenrechtsverletzungen werden somit erneut zu Opfern. Statt daß sich die Regierungen und die Gesellschaft den begangenen Menschenrechtsverbrechen stellen und den Opfern damit Gerechtigkeit widerfahren lassen, setzt ein Verdrängungs- und Vertuschungsmechanismus ein. Ein Mechanismus, der z. B. die Überlebenden von Folterzentren mit dem von ihnen erfahrenen ungeheuerlichen Leid nicht nur alleinläßt, sondern sie nochmals die Ohnmächtigkeit des Opfers durchleben läßt.

Wir wissen das z. B. von vielen Frauen, Männern und Kindern, die Opfer von heute gestürzten Diktaturen in Lateinamerika waren.

Die Basis für eine friedliche, gewaltlose und menschenrechtsachtende Gesellschaft kann niemals Vergessen, Vertuschen und Verdrängen sein. Aufklärung von Menschenrechtsverletzungen, das Ausfindigmachen der dafür Verantwortlichen, die dann auch Rechenschaft ablegen müssen, muß das Ziel und die Praxis jedes Staates werden. Damit die Regierungen die strafgerichtliche Verfolgung von Folterern ernsthaft und glaubwürdig in Angriff nehmen, bedürfen Opfer von Menschenrechtsverletzungen nicht unseres Mitleids, sondern unserer unumschränkten Solidarität.

Das Opfer im Film »Der Tod und das Mädchen« ist eine Frau. Paulina steht für die 100.000en Frauen die weltweit Opfer einer sehr frauenspezifischen Menschenrechtsverletzung werden — sexuelle Folter. Besonders bei gefolterten Frauen geht die Rechnung der Folterer noch im Nachhinein auf, weil die Familien und das gesamte soziale Umfeld weniger das Verbrechen sehen als die »Schande«, die am besten verschwiegen werden sollte.

Im Vorfeld der Frauenweltkonferenz, die im September in Peking stattfinden wird, kann nicht oft genug auf die Situation von gefolterten Frauen hingewiesen werden, amnesty international hat deshalb eine weltweite Kampagne im Zusammenhang mit dieser Frauenkonferenz gestartet, ein Schwerpunkt dieser Kampagne ist der Kampf gegen sexuelle Folter.

Ich möchte dem Constantin Film danken, daß er der Österreichischen Sektion von amnesty international die Möglichkeit gegeben hat, »Der Tod und das Mädchen« zu präsentieren.

Ihnen nun gute Unterhaltung zu wünschen, wären wohl nicht die richtigen Worte.

Ich wünsche uns allen, daß der folgende Film möglichst viele Menschen erreicht. Und daß die Betroffenheit dieses möglichst großen Publikums dazu führen wird, daß die Gemeinschaft der sogenannten »Menschenrechtler« immer größer werden wird. Eine unendlich lange Kette von Menschen, die Seite an Seite mit den Opfern es eines Tages schaffen wird, daß Folter nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch auf dieser Welt nicht mehr existiert.

»Gratulieren Sie nicht. Unterstützen Sie amnesty international weiterhin.«

Vor 25 Jahren, am 4. Mai 1970, wurde die österreichische Sektion von amnesty international gegründet; Proponent war Günther Nenning, erste Vorstandssprecherin Dita Nenning, als Vereinssitz diente die Adresse des FORVM.

Mit dem anhaltend stürmischen Aufstieg der mutigen Organisation untrennbar und in Ehren verknüpft: die vielen guten Namen unbekannter Aktiver, deren öffentliche Repräsentanten Ida Seliger, Irmgard Hutter, Franz Schneider und Wolfgang Aigner waren; dazu inter alia als Sympathisanten und Förderer: Lina und Christian Broda, Heinz Fischer, Franz König ...

Die hier abgedruckte Rede einer Aktivistin — Gruppe 35 in Wien Wieden sowie AK Planung, AK Internationales, Koordinatorin Osteuropa; Germanistin; neuerdings FORVM-Autorin (s. S. 82 ff) — wurde am 11. Mai im Wiener Künstlerhaus gesprochen; sie verbindet Kino mit einer bündigen Erklärung der Leitgedanken von ai.

Wir gratulieren doch! Und nehmen den ai-Verweis zur Kenntnis, indem wir ihn doppelt gern affichieren:

»Gratulieren Sie nicht. Unterstützen Sie amnesty international weiterhin.«

FORVM des FORVMs

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Der Tod und das Mädchen (1994) bei Wikipedia

Film
Titel Der Tod und das Mädchen
Originaltitel Death and the Maiden
Produktionsland Vereinigte Staaten
Originalsprache Englisch
Erscheinungsjahr 1994
Länge 99 Minuten
Altersfreigabe
Stab
Regie Roman Polański
Drehbuch Rafael Yglesias,
Ariel Dorfman
Produktion Josh Kramer,
Thom Mount,
Bonnie Timmermann,
Ariel Dorfman
Musik Wojciech Kilar
Kamera Tonino Delli Colli
Schnitt Hervé de Luze
Besetzung
Synchronisation

Der Tod und das Mädchen ist ein Rape-and-Revenge-Drama von Roman Polański, nach dem gleichnamigen Theaterstück von Ariel Dorfman. Der Titel spielt außerdem auf das seit dem 15. Jahrhundert bekannte Motiv Der Tod und das Mädchen, sowie das damit verbundene gleichnamige dramatische Streichquartett von Franz Schubert an.

Kammerspielartig wird in dem Psychothriller die Frage nach Schuld und Sühne gestellt, indem ein ehemaliges Folteropfer, gespielt von Sigourney Weaver, auf ihren ehemaligen Peiniger trifft, der von Ben Kingsley verkörpert wird.

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fünfzehn Jahre nach dem Ende von einer nicht näher benannten Militärdiktatur ist der Rechtsanwalt Gerardo Escobar als ehemaliger Oppositionsaktivist nun Vorsitzender des Komitees zur Aufklärung von Menschenrechtsverletzungen zu Zeiten der Militärjunta. In einem einsamen Haus an der Küste lebt er allein mit seiner Frau, die ebenfalls im Widerstand aktiv war. Eines Nachts, während eines Sturmes, ist er auf die Hilfe eines Mannes aus seiner Nachbarschaft angewiesen, der ihn nach einer Autopanne während des Unwetters nach Hause fährt. Escobar bittet den Mann noch auf ein Getränk zu sich herein. Die Männer trinken Alkohol und der Anwalt versteht sich anfangs gut mit dem Arzt Dr. Roberto Miranda, den seine Frau Paulina jedoch aus der Zeit der Diktatur zu erkennen glaubt. Als ehemalige Oppositionelle wurde sie, mit verbundenen Augen, gefoltert und vergewaltigt, während dabei Franz Schuberts Streichquartett Der Tod und das Mädchen lief.

Da sie Miranda an der Stimme erkennt und ihn für den Täter hält, ist sie entschlossen ihn nicht gehen zu lassen, bevor er nicht gestanden hat. Während ihr Mann noch nicht sicher ist, ob er seine Frau aufhalten oder sie unterstützen soll, fesselt sie Dr. Miranda und bedroht ihn mit einer Waffe. Paulina greift zur Selbstjustiz, wobei sie bei ihrem Gast (frei nach dem Auge für Auge-Prinzip) dieselben Foltermethoden anwendet, mit denen ihr Peiniger sie damals gequält hat. Dabei demütigt sie ihn unter anderem, indem sie seinen Toilettengang im Laufe der Nacht überwacht. Ihr Mann hat sich mittlerweile dazu entschlossen, seine Frau zu unterstützen, auch wenn er zunächst rechtliche Bedenken hatte. Doch bei Tagesanbruch gelingt es Miranda ein Alibi zu produzieren, indem er Gerardo telefonisch bestätigen lässt, dass er zur fraglichen Zeit nicht in Südamerika war, sondern angeblich in einer Klinik in Spanien gearbeitet hat. Paulina ist jedoch überzeugt, dass es sich um den Peiniger aus ihrer Erinnerung handelt und droht ihm mit dem Tod.

Als sie ihn von einer Klippe hinunterstoßen will, gesteht er schließlich, dass er ihr Peiniger war. Er gibt zu, dass er die Vergewaltigungen mit Genuss durchgeführt hat und nichts bereut. Gerardo will Miranda von der Klippe stoßen, schafft es aber nicht; Paulina löst Mirandas Fesseln und geht weg.

Sowohl am Anfang wie auch am Ende des Films sitzen Paulina und Gerardo in einem Konzertsaal und lauschen dem Streichquartett Schuberts. Mirandas Blicke, der in einer seitlichen Loge sitzt, kreuzen sich mit denen von Paulina.

Kritiken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Internet wie auch in Fernsehzeitschriften wird der Film durchweg als meisterhaft inszeniert und emotional packend bewertet. Auf Rotten Tomatoes überzeugte er 82 Prozent der 51 Kritiker und hatte zu 82 Prozent positive Rückmeldungen vom Publikum (bei über 5.000 Votings, Stand: Januar 2024).[1]

„Ein nach einem Kammerspiel spannend inszenierter Psychothriller mit großartiger Besetzung und glänzenden Dialogen. Der Film vermittelt ein konkretes, eindringliches Bild von den unendlichen Qualen der (meist auch sexuell) misshandelten Opfer und der unauffälligen „Beschaffenheit“ des Tätertyps und verdichtet sich zudem zur Auseinandersetzung mit Rache und (möglicher) Vergebung.. Sehenswert.“

„Schuld, Sühne und die Langzeitfolgen der Diktatur sind die Themen, mit denen sich Ariel Dorfmans Kammerspiel auseinandersetzt. Meisterregisseur Polanski adaptiert das Theaterstück als intensiven Thriller. Die drei Hauptfiguren stehen symbolisch für Opfer, Täter und Anwalt im Prozess der Vergeltung unter dem Mantel Wahrheitsfindung. Auf dem Spiel steht dabei nichts Geringeres als Mirandas Leben und Paulinas Seele. Weaver und Kingsley – in seiner ersten Rolle nach „Schindlers Liste“ – brillieren mit der Darstellung von Opfer und Täter, deren Rollen vertauscht wurden… oder auch nicht.“

„Roman Polanski drehte ein intensiv gespieltes Psychodrama, dem allerdings in Folge der kammerspielartigen Inszenierung allzu deutlich anzumerken ist, dass es sich um die Verfilmung eines Theaterstückes von Ariel Dorfmann handelt. Dennoch gelang Polanski ein emotional ungemein packendes Werk um Schuld, Leid und Rache.“

Die Deutsche Film- und Medienbewertung FBW in Wiesbaden verlieh dem Film das Prädikat besonders wertvoll.

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Südamerika wurden in den 1970er und 1980er Jahren fast alle Staaten längere Zeit von politisch rechtsgerichteten, von den Vereinigten Staaten unterstützten Militärdiktaturen beherrscht. Diese unterdrückten fast durchweg mit Gewalt die meist links stehende Opposition. Ein verbreitetes Mittel dazu war die heimliche Entführung (Verschwindenlassen) von missliebigen Personen durch anonym bleibende Mitglieder von Sicherheitskräften.[5][6] Die Opfer wurden während der Haft in Geheimgefängnissen meist grausam gefoltert und erniedrigt, oftmals auch sexuell, und in sehr vielen Fällen anschließend ermordet. Allein während der Militärdiktatur in Argentinien von 1976 bis 1983 verschwanden auf diese Weise bis zu 30.000 Menschen spurlos.[5] In ganz Lateinamerika wird mit 50.000 Ermordeten, 35.000 Verschwundenen und 400.000 Gefangenen gerechnet.[7] Nach dem Übergang der Staaten zur Demokratie, meist in den 1980er und 1990er Jahren, wurde die Strafverfolgung solcher Verbrechen in vielen Ländern durch generelle Amnestiegesetze für die Täter jahrelang verhindert.[5][6] Zur Zeit der Entstehung des Films Anfang der 1990er Jahre schien es deshalb noch in vielen Ländern, als ob die Täter völlig straflos davonkommen würden. Die Amnestien wurden im späten 20. und frühen 21. Jahrhundert jedoch in mehreren Ländern rückwirkend aufgehoben, so dass zahlreiche ehemalige Diktatoren und Folterer mittlerweile bestraft wurden oder noch vor Gericht stehen.[5]

Synchronisation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die deutsche Synchronisation entstand im Auftrag der Hermes Synchron in Potsdam, nach einem Dialogbuch von Beate Klöckner und unter der Dialogregie von Clemens Frohmann.

Rolle Schauspieler Synchronsprecher[8]
Paulina Escobar Sigourney Weaver Hallgerd Bruckhaus
Dr. Roberto Miranda Ben Kingsley Peter Matic
Gerardo Escobar Stuart Wilson Wolfgang Condrus

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Death and the Maiden. 1994, Drama, 1h 43m Rotten Tomatoes, abgerufen am 6. Januar 2023
  2. Der Tod und das Mädchen. In: Lexikon des internationalen Films. Filmdienst, abgerufen am 2. März 2017.
  3. https://www.arthaus.de/der_tod_und_das_maedchen Der Tod und das Mädchen. Drama, Thriller. Frankreich / Großbritannien / USA 1994. Regie: Roman Polanski] Arthaus, abgerufen am 10. Januar 2024
  4. Der Tod und das Mädchen. In: prisma. Abgerufen am 31. März 2021.
  5. a b c d Vor 40 Jahren: Beginn der Militärdiktatur in Argentinien. Bundeszentrale für politische Bildung, abgerufen am 6. März 2019.
  6. a b Julio Segador: Aufarbeitung in Chile - Der lange Schatten einer blutigen Epoche. 2014, abgerufen am 6. März 2019.
  7. "Operation Condor": Terror im Namen des Staates. In: tagesschau.de. 12. September 2008, archiviert vom Original am 12. September 2008; abgerufen am 6. März 2019.  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.tagesschau.de
  8. Der Tod und das Mädchen. In: synchronkartei.de. Deutsche Synchronkartei, abgerufen am 17. August 2019.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1995
, Seite 46
Autor/inn/en:

Francesca Ferraris: Mitarbeiterin in dem vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung geförderten Forschungsprojekt »Stellung und Funktion des Exotismus in der deutschen Literatur der Frühen Neuzeit«, das unter Leitung von Wolfgang Neuber am Institut für Germanistik der Universität Wien seit 1991 durchgeführt und im August 1995 auslaufen wird.

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