FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1977 » No. 280/281
Fritz Herrmann

Trara Trara die Hochkultur!

Beiträge zu dieser
Zeichnungen: Klaus Pitter

Viel zu selten geschieht es, dass kunstvolle Spottgedichte
so punktgenau treffen und so ungepolsterte
Wirkung tun, wie im Falle der immer noch
unübertroffen schönen 37 G’stanzeln
wider die Hybris der Hochkultur
.

Melodie: Fritz Herrmann

1.

 
Ein jeder Mensch hat sei’ Kultur,
dem Volk steht nur die niedre zua‚
doch d bessern Leut zieht’s von Natur
trara trara
zur Hochkultur!
 

2.

 
So mancher hat zwar Wohnkultur,
Agri-, FKKa- und Eßkultur,
was fehlt zum Glücklichsein ihm nur?
Trara trara
die Hochkultur!
 

3.

 
Seit die TVau-Reform vollbracht,
hat dortamts der CVau die Macht,
die Weis & Mayer beten vur:
Gegrüßest seist
du, Hochkultur!
 

4.

 
Am Schluß der ZiB-Kultur ’s geht furt
in d Kuchl sie, er au’m Aburt,
’s Kind siecht a Bibel in Fraktur
und sagt: „’fui gack
die Hochkultur!“
 

5.

 
Ausm Zweier rinnt der Podiumschlatz:
„Kultur ... Niwoh ... Volk ... Sinowatz ...“
lm Einser: „Mord in Singapur“!
Rrrtsch obidraht
die Hochkultur!
 

6.

 
Am schönsten, wann s im Telewischn
den Wolfg’ang Kraus dazwischenmischn!
Ein Mann, noch fixer als sein Jour
den gunn i ihr,
der Hochkultur!
 

7.

 
An der Burg ein Mime spielt sich kühn
bis zum Pragmatisiertwerdn hin,
geht dann spaziern und hat sei’ Ruah
14mal jährlich
Hochkultur!
 

8.

 
Fünf Stund lang spieln s „Die Orestie“,
die oben sind scho halbert hii,
die unt ham gnua und schaun auf d Uhr —
schnarch schnarch pst pst
die Hochkultur!
 

9.

 
An der Burg ein Regisseur streicht keck
bei einem Stück ein Stückl weg
und nimmt a Million dafur —
klingeling klingeling
die Hochkultur!
 

10.

 
Zum Opernball‚ falls d da hingehst
im Smoking, bist d glatt underdressed,
Brillantenauffahrt, Volksgeglur —
trare trara
die Hochkultur!
 

11.

 
Der Böhm, bald hundert, au’m Podest,
die Abonnenten halb verwest,
zweihundert Jahr die Partitur —
Einsturzgefahr! —
die Hochkultur!
 

12.

 
Das Volk, gewohnt ein Nichts zu sein,
zahlt den Betrieb, doch geht’s nicht rein,
im Halbschlaf nur fragt’s ab und zua:
Was isn dees,
die Hochkultur?
 

13.

 
Winkt wo ein Superhonorar‚
fliegt fort der Philharmonikar,
in Wien spieln d Substituten nur —
täträ-tä-tä-tähh
die Hochkultur!
 

14.

 
Aus Salzburg quetscht der Karajan
zu Ostern auße, was er kann,
ab Juli melkt er nach die Kuah —
ein Leben für
die Hochkultur!
 

15.

 
Es scheißt der Herr von Karajan
bei jedem falschen Ton sich an
und wascht sein Arsch im Goldlawu
anal sein g’hört
zur Hochkultur!
 

16.

 
Die Um-weg-ren-ta-bi-li-tät
macht, daß sich Salzburgs Werkl dreht,
Mozart g-moll, Profit in Dur —
trara trara
die Hochkultur!
 
 

17.

 
Hoch drobn in Alpbach retten sie
Europa vor der Anarchie,
gern jodelt drum der Halterbua
aus vollem Kropf:
Ho- Hochkultur!
 

18.

 
Kaufts Aktien an der Wand, man weiß,
die Wiener Schule steigt im Preis,
nur beim Verkauf kriegst nix dafur —
dann sitzt d halt auf
der Hochkultur!
 

19.

 
Die Euro-Art verkauft euch flugs
fürn Arbeitsplatz ein’ schönen Fuchs‚
ihr singts im Fließbandtakt dazua:
Trara trara
die Hochkultur!
 

20.

 
Wannst ausstellst, kommt kein Fernsehn nicht,
d Mäzen bleibn z’haus, nirgndst ein Bericht,
nur d Galerie schickt was: d Faktur —
Hochachtungsvoll
die Hochkultur!
 

21.

 
Wer kommtn nachn Wotruba?
D Professer schrein: „Kein Hrdlicka!
Gibt’s kein’ mit kleinerer Statur?“
Dreikäsehochvorschlag
und Hochkultur!
 

22.

 
Vor lahmen Kindlein, Herr, verschon
den Wotru-bi-ba-bo-Beton,
sonst litte, bitte, die Kontur! [1]
Versehrt mir nicht
die Hochkultur!
 

23.

 
Buchautor bitt’ um Bucheinsicht,
Verleger sagt: „Das spiel m’r nicht,
fünfhundert — und wir sind à jour!“
Ein Buckerl vor
der Hochkultur!
 

24.

 
Wer wart’ aufn neu’sten Lyrikband?
Acht Käufer und des Dichters Tant!
Der Rest: A Bunzl-Biach-Fuhr —
tandaradei
die Hochkultur!
 

25.

 
Professer werdn ... Es tribelliert
so mancher, bis er’s endlich wird.
Jetzt g’hört der goldene Hamur
vom Conrads aa
zur Hochkultur!
 

26.

 
Geht es um Kunst im Parlament,
hat’s Hohe Haus sich gschwind verrennt,
drei Mann als Plenum preisen stur —
trara trara die Hochkultur!
 

27.

 
Ein Minister lad’t n Biermann ein,
drauf fangen d Sumper an zu schrein: [2]
A Kummerl und a Jud dazua —
pfui nieder! Hoch
die Hochkultur!
 

28.

 
Aus Musils Buch sog Kreisky Kraft,
jetzt hat er jede Eigenschaft
von jener großen Hauptfigur [3]
trara trara
der Hochkultur!
 

29.

 
Symposium, Festspiel, kalts Büfett,
stets steht der Busek wo und red’t,
weil ohne eahm gang in Verlur —
blabla blabla
die Hochkultur!
 

30.

 
Kommerzialrat Bergers Welt:
Göld, Weiwa, Kunst (teils ’kauft, teils g’hehlt).
VPeh-Mandat, Barockskulptur —
auch d e r war für
die Hochkultur!
 

31.

 
SS-Mann Peter wiederum
bracht’ keinen Juden niemals um,
bracht’ vielmehr nur nach Rußlands Flur —
piff paff des Führers
Hochkultur!
 
 

32.

 
Der Staberl in der „Krone“ rührt
im Schlamm, bis es ganz finster wird,
doch hint im Blatt bricht Licht hervur —
der Dichand und
die Hochkultur!
 

33.

 
Mit bürgerlichem Kunstgequatsch
macht die „A-Zet“ ihrn Leser matsch,
der gähnt, doch hörst du kein Gemurr —
uah uahhh-h
die Hochku/tur!
 

34.

 
Es kämmt der Nenning neuerdings
das FORVM mehr auf mitte-links,
die realistische Frisur
paßt fesch zum Gsicht
der Hochkultur!
 

35.

 
„Die Presse“ meld’t aus Übersee,
s Kulturleben Chiles is okeh.
Das bissl Foltern? A, geh zua! —
ln God we trust
and Hochkultur!
 

36.

 
’s lobt im „Kurier“ manch käuflich Weib
per Inserat den eignen Leib,
der Löbl lobt hingegen nur —
trara trara
die Hochkultur!
 

37.

 
Sie hängt am Tropf und kriegt net gnua:
Der Alten hilft ka Wunderkur,
drum ab ab ab in d Prosektur
ohne Trara
die Hochkultur!

[1Auf dem Georgenberg in Mauer steht seit dem Vorjahr die von Fritz Wotruba gebaute Kirche — eine sich formierende Pressuregroup aus Kunstsenat-‚ Kirchen-‚ Kulturjournalisten- und reaktionären Pädagogenkreisen versucht nun den Bau eines nahebei projektierten Bundesheimes für querschnittgelähmte Kinder zu hintertreiben: weil sonst die Silhouette der geschmackvollen Wotruba-Skulptur an Wirkung verlöre. Der Bund hat für die Planung des Heimes schon mehrere Millionen Schilling ausgegeben. Die Kirche ist auf einem vom Bund seinerzeit gratis abgegebenen Grundstück erbaut worden, wobei die Kirchenbauer von den Bauabsichten des Bundes wußten und damals rasch ihr Einverständnis erklärten — es ging ihnen ja nur um das bißchen Grund für ihre heiligmäßigen Kunstzwecke.

[2Ausgeklügelte schriftliche parlamentarische Anfragen von ÖVP und FPÖ, kleiner ÖVP-Wirbelsturm bei der Erörterung des Themas im Nationalrat, hämische Glossen der unabhängigen Presse und ein Postkartenschreiber macht, mit vollem Namen und unter Angabe der Adresse „Hochschule f. Bodenkultur“, akademisch besorgt aufmerksam: „S. g. Hr. Minister! Ein Mann wie Sie sollte längst wissen, daß wir in Österreich weder Kommunisten noch Juden haben wollen. Biermann ist beides!“ (Hervorhebungen vom Kartenschreiber).

[3„Ich bin der Meinungen ...“

Die G’stanzeln erregten 1977 die erwartbare Aufregung und mehr als die ahnbaren Folgen: Ein an seinem Nerv getroffener Maestro erklärte, keinen Fuß mehr nach Wien zu setzen und auch die Philharmoniker nur noch sonstwo zu dirigieren. Der Bundeskanzler Sinowatz fuhr eilends nach Salzburg, warf sich vor Karajan in den Staub und entschuldigte sich für seinen Mitarbeiter. Dann sogte er dafür, dass sämtliche Akten sorgfältig an Herrmann, von dem das Kleinbühnenkonzept stammte und der auch für andere Nicht-Hochkultur-Kunst zuständig war, vorbei geleitet wurden. Hermetisch isoliert und kaltgestellt verließ Herrmann schließlich das Bundesministerium für Unterricht und Kunst, zog sich auf seinen hübschen Landsitz Samersdorf bei Deutschkreuz im mittleren Burgenland zurück, wo er sich fortan als Teichwirt bezeichnete, Blumen, Karpfen und Kräuter züchtete, natürlich auch schrieb, unter anderem fürs FORVM als dessen Beirat und geschätzter Onkel, der am Land lebt.* G.O.


* Einmals sogar als solcher zitiert, in: G.O., Die Werte der Republik siehe „frohe Feste genannt“.

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Fritz Herrmann (Publizist) bei Wikipedia

Fritz Herrmann (* 30. November 1922 in Wien; † 9. November 2003 in Neckenmarkt im Burgenland) war ein österreichischer Journalist, Publizist, sozialdemokratischer Kulturtheoretiker, -Politiker und -Praktiker mit anarchoider Neigung, sowie Hörspiel- und Bühnendichter.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Herrmann war der Sohn eines Brigittenauer Eisendrehers. Nach der Matura in Wien studierte er zwei Semester Elektrotechnik an der Technischen Hochschule Wien, weswegen ihn die deutsche Wehrmacht zu den Funkern einzog, mit Stationierung in Italien (auf Lampedusa und in Catania, Sizilien). Nach dem Krieg studierte Herrmann Germanistik und wurde 1950 mit einer Dissertation über Jura Soyfer zum Dr. phil. der Universität Wien promoviert.

Gemeinsam mit seiner Frau Edith Herrmann[1] gründete er die einzige linke Boulevardzeitung Österreichs nach dem Zweiten Weltkrieg, das „Favoritner Wochenblatt“, erstmals erschienen am 1. Jänner 1957. Das eng begrenzte Bezirksblatt erreichte bei damals 120.000 Einwohnern binnen 34 Wochen eine verkaufte Auflage von 25.000 Exemplaren, erweiterte sein Verbreitungsgebiet nach und nach durch 16 mutierte Ausgaben („Donaustädter Wochenblatt“, „Leopoldstädter...“, „Ottakringer...“, „Hernalser...“ usw.) auf den Großteil Wiens und nannte sich ab 1960 „Wiener Wochenblatt“. Noch im selben Jahr wurde die Zeitung von Fritz Molden gekauft, Fritz Herrmann blieb bis 1968 Chefredakteur, Edith Herrmann bis 1978 Verlagsleiterin.

1970 holte der Bundesminister Leopold Gratz Fritz Herrmann als Berater ins Bundesministerium für Unterricht und Kunst, wo er ein Kulturkonzept entwickelte, das die bildungsbürgerliche Trennung von Kultur und Ökonomie aufheben sollte, um eine sozialistische Kultur als „prinzipiell neue Möglichkeit des menschlichen Existierens“ in einer „Gesellschaftsform jenseits kapitalistischer Zwangs- und Herrschaftsverhältnisse“ zu etablieren: „Sozialist sein heißt eine neue Kultur suchen“.[2] Tatsächlich etablierte er ein neues Modell der Film- und Kleintheater-Förderung, das nicht-kommerzielle Filmprojekte und freie Theatergruppen stützte und noch ins 21. Jahrhundert hineinwirkte.

Mit Gratz´ Nachfolger ab 1971 als Minister, dem späteren Bundeskanzler Fred Sinowatz, verstand sich Herrmann zunächst sehr gut, bis er die konzeptwidrig unverändert großzügige Förderung der hochkulturellen Einrichtungen (Bundestheater mit Staatsoper, Burgtheater etc.; Salzburger Festspiele, Salzburger Osterfestspiele etc.) und Vernachlässigung der Graswurzel-Kultur nicht mehr ertrug. Mit der Veröffentlichung von 37 Schnaderhüpfeln „Trara Trara, die Hochkultur!“[3] dokumentierte Herrmann seine Missbilligung des Förderprimats der Hochkultur und zeigte damit die Zerrüttung des wechselseitigen Vertrauensverhältnisses zwischen ihm und dem Minister. Als Herbert von Karajan wegen der Stanze Nr. 15[4] erklärte, nie wieder in Wien dirigieren, ja Wien nie wieder betreten zu wollen, und Minister Sinowatz zu dem Dirigenten nach Salzburg fuhr, um sich für die Ungehörigkeit seines Mitarbeiters zu entschuldigen, war die Zusammenarbeit beendet.

Herrmann, der ab 1982 auch Redaktions-, ab 1986 Herausgeber-Beirat des FORVM war, zog sich als „Teichwirt“[5] auf sein burgenländisches Landgut Samersdorf zurück und widmete sich fortan dem Schreiben sowie seinen Enkelkindern und Karpfenteichen.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jura Soyfer. Die Anfänge eines volksverbundenen österreichischen Dichters. Dissertation, Universität Wien, 1949.
  • Jura Soyfer. Eine politische Einschätzung. In: „Exil“. Forschung, Erkenntnisse, Ergebnisse. Wien 1985, Nr. 1, S. 5–21.

Fernsehspiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die stummen Affen (Tragikomödie 1969),
  • Bakunins Sterbetag – Ein anarchistisches Traktat (ORF 1976, Regie Franz Nowotny)

Hörspiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die Evolution der Vögel (Ö1 1990)
  • Die Erhebung einer Prostituierten in den Sternenhimmel (1991)
  • Talpa oder Da unten ist´s gar fürchterlich. Dauer: 48 Minuten 32 Sekunden. Regie: Georg Herrnstadt und Thomas Thieme (ORF 1992).
  • Todesstrafe untertänigst. Des geheimen Hof- & Kriegsrates Johann Wolfgang Goethens gar nicht so geheimes Berufsleben. Dauer: 49 Minuten 32 Sekunden. Komposition: Georg Herrnstadt, Regie: Georg Herrnstadt und Markus Boysen (ORF 1995).

Theaterstücke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Edith Herrmann (* 30. September 1925 in Wien) promovierte gleichfalls 1950 an der Universität Wien, mit der Dissertation Dr. Ferdinand Bruckner (Theodor Tagger). Leben und Werk eines österreichischen Dramatikers bis 1948.
  2. Fritz Herrmann: Einen sozialistischen Kulturbegriff entwickeln. In: Rote Markierungen, Beiträge zur Ideologie und Praxis der österreichischen Sozialdemokratie. Europaverlag, Wien 1972, S. 79 ff.
  3. NEUES FORVM, Nummer 280/281, Heft April/Mai, Wien 1977, S. 50 ff.
  4. „Es scheißt der Herr von Karajan / bei jedem falschen Ton sich an / und wascht sein Arsch im Goldlawua / anal sein g´hört / zur Hochkultur!
  5. Selbstbezeichnung im Klappentext seiner Theaterstücke in der Edition Wilde Mischung.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1977
No. 280/2811
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