FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1969 » No. 184/II
Günther Nenning

Thesen zwecks Politisierung der Schüler

Kurzreferat vor Gymnasiasten

In der Monarchie gab es den Satz „Der Mensch fängt erst beim Baron an“; in unserer Demokratie gibt es den Satz „Der Mensch fängt erst an, wenn er aufhört, Schüler zu sein“. Ich bin gegen diesen Satz. Auch Schüler sind Menschen. Und der Mensch ist ein politisches Tier. Ergo: Schüler sollen politisch sein.

Natürlich muß ich nun rasch hinzufügen, was ich unter Politik verstehe: Politik ist nicht identisch mit Parteipolitik. Politik ist Denken und Handeln zugunsten der Polis. Und nicht alle Parteipolitik ist dies.

„Was geht das den Schüler an?“ werden manche Schüler, manche Lehrer, manche Eltern fragen. „Der Schüler soll lernen, damit basta.“

Natürlich soll der Schüler lernen. Man muß sogar fragen: Lernt er auch genug? Gibt es nicht Dinge, die er lernen müßte und die ihm niemand lehrt? Wo lernt der Schüler Demokratie? Wer lehrt ihm Demokratie?

Unter Demokratisierung versteht man meist Verbesserung der demokratischen Institutionen: Wahlrechtsreform, Parlamentsreform, ein neuer Grundrechtskatalog, mehr Volksabstimmungen und Volksbegehren, direkte Demokratie in der Gemeinde und im Betrieb. Aber die schönste Reform der Institutionen nützte nichts, wenn es zu keiner Reform in den Köpfen der Bürger kommt.

Das schönste Wahlrecht hilft nichts, wenn die Bürger einen Nazi wählen. Die beste Geschäftsordnung für das Parlament hilft nichts, wenn darin die falschen Abgeordneten sitzen. Der modernste Grundrechtskatalog bleibt auf dem Papier, wenn in den Köpfen der Bürger der Obrigkeitsstaat fortdauert. Und bei den demokratischesten Volksabstimmungen und Volksbegehren, in den demokratischesten Gemeinde- und Betriebsparlamenten kann der größte Unfug herauskommen, wenn es in den Köpfen der Bürger undemokratisch zugeht.

Demokratisierung heißt vor allem: Demokratisierung der Köpfe. Aber wie soll es in den Köpfen demokratisch zugehen, wenn:

  1. in der Familie die Eltern die absolute Autorität über die Kinder beanspruchen;
  2. in der Schule die Lehrer die absolute Autorität über die Schüler beanspruchen;
  3. in der Schule der Erwachsenen, das sind Zeitungen, Illustrierte, Romanhefte, Rundfunk, Fernsehen, der Bürger nicht zum eigenen Denken, zum Gebrauch seiner kritischen Vernunft erzogen wird.

ad 1) Demokratisierung der Familie. Der Mensch ist ein Nesthocker; biologisch bedingt ist das Menschenkind, zum Unterschied von den meisten Tierkindern, extrem lange Zeit hilflos, es bedarf der Leitung durch die Menscheneltern; das ist die biologisch bedingte Funktion der Eltern. Darüber hinaus gibt es eine gesellschaftlich bedingte Funktion der Eltern: in der Familie herrschen autoritäre Beziehungen, weil auch draußen in der Gesellschaft autoritäre Beziehungen herrschen; das autoritäre Verhalten der Eltern gegenüber den Kindern dient dazu, das autoritäre Verhalten der Obrigkeit gegenüber den Untertanen einzuüben, so daß sie als Erwachsene die autoritäre Gesellschaftsstruktur widerspruchslos akzeptieren. Der Keim zur Demokratie wird in der Familie gelegt. Es muß schon in der Familie ein Staatsbürger herangezogen werden, der nicht blindlings gehorchen, sondern kritisch denken lernt; der gewöhnt ist, nach den Gründen für Anordnungen zu fragen; der gewöhnt ist, daß Entscheidungen durch gemeinsame Diskussion gleichberechtigter Diskussionspartner zustande kommen; der gewöhnt ist, daß er Subjekt in eigenem Recht ist, nicht Objekt, über das von außen verfügt wird.

ad 2) Demokratisierung der Schule. Der Lehrer soll Autorität haben, nicht weil er von außen, vom Staat, dem Schüler vor die Nase gesetzt wird, sondern er soll funktionale Autorität haben: er soll mehr wissen als der Schüler; er soll imstande sein, dieses Wissen auch zu vermitteln; er soll durch seine Persönlichkeit Vorbild sein für den künftigen Bürger. Überdies soll es in der Schule bereits institutionelle Formen der Demokratisierung geben:

a) Mitwirkung der Schüler am Lernprozeß. Die österreichische Umgangssprache hat für „lernen“ wie „lehren“ dasselbe Wort, nämlich „lernen“: „Ich werd’ dir das schon lernen“, sagt der Lehrer. Das ist verräterisch; es wird damit gesagt, daß der Lehrer auch beim Lernen Hauptperson ist. Demgegenüber hat die moderne Lernpsychologie überwältigend klargemacht, daß Lernen etwas ist, das der Lernende am besten selber leistet; der Lehrer soll nur Information bieten, das heißt Voraussetzungen, Anstöße für das Lernen. Von daher ist die weitestgehende Mitwirkung der Schüler nicht nur eine Forderung der Demokratie: Vorbereitung des Bürgers auf seine selbständige Tätigkeit als regierender Souverän, sondern überdies ein lernpsychologisches Postulat.

Konkret heißt dies unter anderem: im Lernprozeß soll es nicht einfach ein Oben und Unten geben, dessen Symbol der Katheder ist, von dem der Lehrer ex cathedra lehrt: er ist der allein aktive Teil, die Schüler sind die passiven Zuhörer. Der Lernprozeß soll Gemeinschaftsleistung sein, der Lehrstoff soll in Diskussionen und Arbeitskreisen gemeinsam erarbeitet oder vertieft werden. Interessen der Schüler außerhalb des Lehrplanes sollten auf gleiche Weise berücksichtigt werden; die Lehrer, aber auch Personen außerhalb des Lehrkörpers, für die sich die Schüler interessieren, sollten den Schülern hiefür zur Verfügung stehen.

b) Information der Schüler. Das autoritäre Oben und Unten ist nicht nur im Lernprozeß selbst zweifelhaft, sondern auch bei der Feststellung der Resultate des Lernprozesses. Hier geht es um Beseitigung der Arkanmaxime, wie sie im Obrigkeitsstaat herrscht: statt des Geheimprinzips soll das Öffentlichkeitsprinzip gelten. Gewählte Schülervertreter sollen bei den Notenkonferenzen anwesend sein, um ihre Mitschüler entsprechend informieren zu können (zumindest bis zur Abschaffung der sehr fragwürdigen Benotung).

c) Berufungsrecht der Schüler. Ein demokratisches Berufungsrecht des Schülers gegen Noten, die er für ungerecht hält, wäre die logische Ergänzung; auch bei dieser Berufung an höhere Instanzen sollen gewählte Schülervertreter mitwirken, solcherart die Geltung des Öffentlichkeitsprinzips sichern.

d) Mitwirkung der Schüler an der Schulverwaltung. Die Schüler sind die künftigen Bürger und die künftigen Steuerzahler; sie müssen die Struktur der Schulverwaltung rechtzeitig von innen kennenlernen. Die Schüler sollen durch gewählte Vertreter in Angelegenheiten der Schulverwaltung mitwirken, insbesondere auch bei Abfassung der Schulordnung.

e) Schülerselbstverwaltung. Die Schüler sollten ihre eigenen Angelegenheiten auch im eigenen Wirkungsbereich besorgen, das heißt in Autonomie, durch Organe, die nicht vom Lehrkörper ernannt, sondern echt gewählt werden und auf die der Lehrkörper keinen manipulierenden Einfuß ausübt. Es soll ein „Schülerparlament“ geben aus gewählten Klassenvertretern, welche ihrer Klasse jederzeit Rechenschaft legen müssen und jederzeit von der Klasse abberufen werden könnnen.

ad 3) Demokratisierung der Massenmedien. Der Schüler sollte sich rechtzeitig vertraut machen mit dieser Schule für die Erwachsenen. Er sollte kritisch prüfen lernen, ob und inwieweit die Massenmedien objektiv informieren, zu eigenem Denken anhalten. Das Ergebnis solcher Prüfung wird derzeit nicht ohne weiteres erfreulich sein, trotz erheblicher Verbesserung der Information zum Beispiel durch Rundfunk und Fernsehen. Oft wird der kritische Schüler lernen, daß an Stelle von Information Manipulation tritt, daß nicht die kritische Vernunft angesprochen, sondern der Bürger durch Reize gesteuert wird wie der Pawlowsche Hund.

Der Schüler wird daher durch eigene Information, durch kritisches Denken die Mängel der Massenmedien zu ersetzen versuchen müssen. Hiebei kann eine autonome Schülerzeitung gute Dienste leisten.

ad 1 bis 3) Ich habe mich auf jene Lebensbereiche beschränkt, die den Schüler direkt betreffen — nicht um ihn davon abzuhalten, sich mit der Politik der „Erwachsenen“ draußen in unserer Demokratie zu beschäftigen, das soll er vielmehr, und zwar kritisch; aber ich wollte insbesondere zeigen, daß die Demokratie draußen nicht funktionieren kann, wenn es nicht Abbau von Herrschaftsstrukturen in der Familie und in der Schule gibt. Das sind Bereiche, in denen Schüler selber denken und handeln können.

Daß das Baby nicht mit der Mutter diskutieren kann, wann es sein Fläschchen bekommen soll, ist klar. Daß Volksschüler nicht darüber abstimmen können, ob 2 x 2 vier ist oder vielleicht sechs, ist auch klar. Aber sehr oft ist das Argument, man könne nicht alles demokratisieren, eine Ausrede, hinter der der Wille steht, gar nichts zu demokratisieren.

Man kann viel mehr demokratisieren, in Familie und Schule, als dies viele Schüler, Lehrer, Eltern wahrhaben. Wir brauchen mehr Phantasie, mehr Experimente, mehr Lust zum Abenteuer zugunsten der Demokratie.

Literatur

  • Rolf Schmiederer, 55 Thesen über Bildung, NEUES FORVM, Nov./Dez, 1968.
  • Gerd Bacher, Bildung durch ORF, NEUES FORVM, Nov./Dez. 1968.

FORVM des FORVMs

Vorgeschaltete Moderation

Dieses Forum ist moderiert. Ihr Beitrag erscheint erst nach Freischaltung durch einen Administrator der Website.

Wer sind Sie?
Ihr Beitrag

Um einen Absatz einzufügen, lassen Sie einfach eine Zeile frei.

Hyperlink

(Wenn sich Ihr Beitrag auf einen Artikel im Internet oder auf eine Seite mit Zusatzinformationen bezieht, geben Sie hier bitte den Titel der Seite und ihre Adresse bzw. URL an.)

Werbung

Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1969
, Seite 309
Autor/inn/en:

Günther Nenning:

Geboren 1921 in Wien, gestorben 2006 in Waidring. Studierte Sprachwissenschaften und Religionswissenschaften in Graz. Ab 1958 Mitherausgeber des FORVM, von 1965 bis 1986 dessen Herausgeber bzw. Chefredakteur. Betätigte sich als Kolumnist zahlreicher Tages- und Wochenzeitungen sowie als Moderator der ORF-Diskussionsreihe Club 2.

Lizenz dieses Beitrags:
Copyright

© Copyright liegt beim Autor / bei der Autorin des Artikels

Diese Seite weiterempfehlen

Themen dieses Beitrags

Begriffsinventar