FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1971 » No. 214/I/II
Lutz Holzinger

Technokratensozialismus

Zum „Richta-Report“ (makol-Verlag Frankfurt)

der gegensatz zwischen produktions- und marktökonomie ist ein grundwiderspruch des monopolkapitalismus: er reflektiert die private aneignung des gesamtgesellschaftlich produzierten mehrwertes als konstitutiven faktor der kapitalistischen gesellschaft. die rational organisierte technologie der produktion trifft im markt auf einen mechanismus, der irrationalen faktoren gehorcht und auf jene rückwirkt. der monopolkapitalismus vermittelt die kontrastierenden bereiche durch konsumterror: er hat die handgreiflicheren repressionen des faschismus abgelöst. beide sind vehikel, die krisenanfälligkeit der privatwirtschaftlich organisierten produktionsverhältnisse abzuschwächen.

die konsumideologie erfaßt zunehmend auch die kommunikation und beschränkt sich nicht bloß auf die materielle reproduktion der arbeitskraft, wobei der konsum um des konsums und nicht des bedarfs willen stimuliert wird. die massenmedien bieten eine konsumgerecht aufbereitete ersatzwirklichkeit an: sie wird vom markenartikel bevölkert und lädt dazu ein, in ihr zu versinken. die produktion braucht nicht mehr den bedürfnissen der käufer angepaßt zu werden; sie gehorcht vielmehr ihren eigenen gesetzen, welche allerdings nur als gesetze der arbeitstechnologie, nicht aber in ihrem — wesentlichen — verhältnis zwischen produktionsmittel und arbeitskraft, als gesetze der produktionsverhältnisse, rational sind. „Selbst die Erleichterung der Arbeit wird zum Mittel der Tortur, indem die Maschine nicht den Arbeiter von der Arbeit befreit, sondern seine Arbeit vom Inhalt“ (karl marx, das kapital, MEW Bd. 23, 1. bd. p. 445/6). der technologisch organisierte produktionsprozeß macht eigene ansprüche geltend. sie richten sich nicht nach dem bedarf, sondern erzwingen die installierung aufwendiger marketing- und werbeapparate, die den verbrauch nach der rationalität der automaten steuern.

die automatisierten produktionsmittel des entwickelten kapitalismus unterjochen einerseits die arbeitskraft und gewinnen anderseits so zentrale bedeutung, daß sie als „sachzwänge“ entwicklung und konstruktion der gesellschaft determinieren. „Es ist ein Produkt der manufakturmäßigen Teilung der Arbeit, ihnen (den Arbeitern) die geistigen Potenzen des Produktionsprozesses als fremdes Eigentum und sie beherrschende Macht gegenüberzustellen. ... Dieser Scheidungsprozeß vollendet sich in der großen Industrie, welche die Wissenschaft als selbständige Produktionspotenz von der Arbeit trennt und in den Dienst des Kapitals preßt“ (karl marx, a.a.O., P. 382).

im monopolkapitalismus lösen wissenschaft und technik den humanismus als herrschende ideologie ab, um den bestand der bürgerlichen herrschaft zu sichern. der monopolkapitalismus klebt sich die etikette der wissenschaftlichtechnischen revolution auf, um sich vor einer sozialen zu schützen. unter verweis auf den fortschritt auf diesem gebiet wird eine paradiesische zukunft prognostiziert. die zukunftsforscher bieten ausblicke auf eine ideale gesellschaft an. sie soll bloß durch den einsatz von wissenschaft und technik erreichbar sein, ohne daß dazu politische veränderungen notwendig wären. die zukunftsforschung hat es eben darauf angelegt, dem menschen eine welt einzurichten, die heil ist, ohne daß er sich modifizieren müßte. absurdidäten der industriellen entwicklung und ihrer randerscheinungen werden nicht abgeschafft, sondern einfach durch technologisch perfekte lösungen ihres irrsinns entkleidet.

Die Futurologie — oder wie sonst ihre verschiedenen Namen lauten — ist zum einen sozialtechnische Methode der Generalstrategie plankapitalistischer Krisenverhinderung. Sie ist zum andern, da sie nicht kritisch noch politisch werden will, ideologische Bestätigung einer Ordnung, die den Schleier des Neuen vorzieht, um alles beim Alten zu lassen.

(claus koch, kritik der futurologie; in: kursbuch 14, 1968, p. 2)

die „produktionspotenz“ der wissenschaft und ihrer praktischen anwendung in der technik innerhalb des kapitalistischen systems ist produkt der teilung geistiger und körperlicher arbeit (vgl.: alfred sohn-rethel, geistige und körperliche arbeit — zur theorie der gesellschaftlichen synthesis, suhrkamp-verlag, ffm. 1970). ihre trennung reflektiert den antagonismus zwischen den produzenten und den aneignern des mehrwertes. die technokratische intention, wissenschaft und technik unbefragt als die primären faktoren der gesellschaftlichen entwicklung, als träger einer „revolution“ (der wissenschaftlich-technischen) anzusetzen, ist reaktionär, weil sie unpolitisch ist.

zwar entfalten wissenschaft und technik scheinbar eine eigenständige dynamik, die tiefgreifende strukturänderungen im bildungswesen und in den produktionsbedingungen nach sich zieht, aber gerade dann, wenn man diesen prozeß sich selbst überläßt, wird der mensch zur sekundärfunktion technologischer notwendigkeiten. die technokratische realutopie zeichnet sich bereits ab: einerseits wird sie in grenzen dem durch automaten und apparaturen definierten produktionsprozeß gerecht, unterschlägt aber anderseits den menschen, um ihn total den erfordernissen der produktions- und reproduktionsprozesse unterzuordnen. die verknüpfung des absurden begriffes der wertfreiheit mit der wissenschaft ist ideologisch, weil dies die kongruenz von politischem und naturwissenschaftlichem herrschaftssystem verschleiert. unbegründet ist ferner die erwartung, daß die notwendigen innovationen in den leitungsmechanismen und -formen zur wissenschaftlichen systemsteuerung politische umwälzungen initiieren; jene laufen vielmehr der verbesserung des politischen krisenmanagements parallel. die herrschaftsformen werden nur differenzierter und subitiler.

die deformation des ostblocksozialismus geht im wesentlichen davon aus, daß seit dem beginn der neuen ökonomischen politik lenins nie der versuch unternommen wurde, die künstliche trennung von hand- und kopfarbeit aufzulösen. auf wirtschaftlichem gebiet wurde der politische führungsanspruch des proletariats zugunsten von sachzwängen zurückgestellt, die sich aus wissenschaftlich-technologischen normen herleiten. die wirtschaftsführung der ostblockstaaten stellt somit keine alternative zum kapitalistischen wirtschaftssystem dar, sondern regrediert auf die konkurrenz mit diesem, ohne, mit ausnahme der veränderten besitzverhältnisse an den produktionsmitteln, eine grundsätzliche umstrukturierung der unmittelbaren arbeitsbedingungen vorweisen zu können.

der industrielle aufbau der sozialistischen staaten in europa ist eindrucksvoll, wird aber so lange hinter dem stand der kapitalistischen entwicklung herhinken, als man diesen mit seinen eigenen waffen zu schlagen versucht, indem man das vom kapitalismus geprägte wissenschaftssystem unkritisch übernimmt. es nimmt so auch gar nicht wunder, daß sämtliche in den letzten jahren im ostblock unternommenen versuche eine veränderung der gesellschaftlichen situation herbeizuführen, zu plumpen anlehnungsversuchen an das ideologische fundament der bürgerlichen gesellschaft verkommen: einerseits humanismus im polnischen oktober (vgl. in diesem heft: leszek kolakowski), anderseits wissenschaft und technik (ota sik) im prager frühling.

die technokraten des ostblocks bauen auf einen organisatorischen vorsprung ihres staatskapitalismus und sehen darin die chance, die sich abzeichnende „wissenschaftlich-technische revolution“ besser zu meistern und künftig im weltmaßstab die führung auf wirtschaftlichem gebiet zu übernehmen. ein bezeichnendes dokument dieser entwicklung ist der „richta-report“ eines tschechoslowakischen wissenschaftlerkollektivs, erschienen 1968 (richta report, politische ökonomie des 20. jahrhunderts — die auswirkungen der technisch-wissenschaftlichen revolution auf die produktionsverhältnisse, makol-verlag, ffm 1971). der forschungsbericht wurde ursprünglich mit einer auflage von über 50.000 exemplaren veröffentlicht. nach der intervention der warschauer-pakt-staaten in der cssr wurde der großteil der auflage ein- und die an verlage in großen westeuropäischen ländern vergebenen übersetzungsrechte zurückgezogen.

die autoren des richta-reports extrapolieren voraussetzungen und folgen einer vollständigen automatisierung der produktion. das faktum, daß nach einer totalen automatisation der produktionsanlagen 60 prozent der arbeitskräfte mittelschulabsolventen und 40 prozent akademiker sein werden, verführt zur politisch unvermittelten und mechanistischen erwartung einer gesellschaft ohne klassenunterschiede. die anforderungen an die ausbildung der arbeitskraft werden mit deren befreiung verwechselt. dieses mißverständnis gestattet, die utopie — weil sie politisch nicht vermittelt ist — einer gesellschaftlichen konstruktion zu zeichnen, die nicht nur die autonome entfaltung des individuums erlaubt, sondern zu ihrem bestand voraussetzt. die undifferenzierte wissenschaftsgläubigkeit der prager autoren signalisiert die bedenkenlose unterordnung der menschlichen bedürfnisse unter vorfindliche tendenzen einer technologischen entwicklung, die nur unter der kontrolle gesamtgesellschaftlicher interessen nutzbringend sein kann.

am beispiel des „richta-reports“ läßt sich die technokratische ideologie besser als im futurologen-gewäsch westlicher autoren festmachen, denn das autorenkollektiv geht auf grundsätzliche fragen der wirtschaftlichen entwicklung und der veränderung der produktionsverhältnisse ein.

richta und seine mitarbeiter stellen sich das problem der trennung von geistiger und körperlicher arbeit allerdings nicht. sie übersehen, daß es sich nicht durch eine anhebung des allgemeinen bildungsniveaus (übrigens eine sozialdemokratische illusion) beseitigen läßt, sondern ganz im gegenteil alle sektoren gesellschaftlicher relevanz prägt. diese sehstörung erklärt die übertriebenen erwartungen der autoren in den wissenschaftlich-technischen fortschritt:

... die Wissenschaft und ihre verschiedenartige Anwendung hängt viel enger und ursächlicher mit der Entfaltung des Menschen zusammen als die einfache abstrakte menschliche Arbeit ... Im industriellen Wachstumsmodell der Produktionskräfte hat der Mensch im Grunde einen einzigen Gebrauchswert: sofern er eine weitere einfache Arbeitskraft vorstellt. In der wissenschaftlich-technischen Revolution ist vielmehr das Gegenteil der Fall: es kommt jetzt viel mehr darauf an, wie der ergiebige Inhalt der Wissenschaft — als Produktivkraft — durch die menschliche Tätigkeit zum Einsatz gelangt.

(r-r., p. 50)

aber unter dem zeichen der teilung von hand- und kopfarbeit bleibt die geistige arbeit ein herrschaftsinstrument, das die ausbeutung der körperlichen perpetuiert. dieses faktum wird nicht einfach weggezaubert, wenn die anwendung der von kopfarbeitern entwickelten produktionsmittel eine höhere schulbildung der handarbeiter voraussetzt; die konvergenz ist eine scheinbare: sie verdeckt bloß die tatsächlichen produktionsverhältnisse. die autoren des richta-reports haben sich ihr dennoch verschrieben. sie meinen die notwendigkeit der sozialen revolution durch den prozeß der wissenschaftlich-technischen entfaltung ersetzen zu können. dabei wird übersehen, daß die herrschenden produktionsverhältnisse tendentiell immer mehr mitglieder von berufen, die ihrem selbstverständnis nach intellektuelle tätigkeiten ausüben, in den materiellen produktionsprozeß einbauen, sie proletarisieren und zu handarbeitern neuen stils machen.

die absage an die revolution substituiert den historischen materialismus durch einen a-historischen mechanismus:

Die Lösung der Industriezivilisation und die Beseitigung der von ihr hervorgerufenen Gegensätze ist keine Errungenschaft der sozialistischen Produktionsverhältnisse, die durch Umwälzungen im Bereich der Macht und des Besitzes zustande kamen, und kann es auch nicht sein. Als wirklich entscheidend kann allein die Tatsache gelten, daß die großen Probleme der industriellen Zivilisationsbasis auf dem Boden des Sozialismus lösbar werden, allerdings auf dem Weg (und unter der Voraussetzung) einer völligen Umwandlung der gesamten Struktur der Produktivkräfte, der gesamten Zivilisationsgrundlage des menschlichen Lebens.

(r-r., p. 60)

dieser prozeß ist kein dialektischer vorgang, sondern soll von der wissenschaftlich-technischen revolution bewerkstelligt werden, die wiederholt — ähnlich dem antiken fatum — als schicksalsmacht angerufen wird. sie

beginnt ... als verborgene Unrast, als anonymer ‚Imperativ des Wachstums‘ aufzutreten, auf dem nicht geschrieben steht, woher er kommt, der für alle eine schicksalhafte Voraussetzung darstellt, mit der man rechnen muß.

(r-r., p. 75/6)

diesem technokraten-mystizismus entsprechend, soll auch der kapitalismus sich selbst überlassen bleiben:

Der Kapitalismus kann nur dadurch überwunden werden, daß er gezwungen wird, maximal zur Geltung zu bringen, was die stärkste Seite der Industriezivilisation war und worauf er noch heute — und dies vor allem — seine Position aufbaut, nämlich auf dem Fortschritt in der Produktion, und daß er dabei offenbaren muß, inwieweit er außerstande ist, dieses progressive Menschenwerk zu verwirklichen.

(r-r., p. 77)

da man ohnedies alles der „schicksalhaften Voraussetzung“ getrost überlassen kann, stellt sich die zukunft überhaupt als zivilisationsidylle dar: ein schlaraffenland der permanenten revolution, die keine ist, weil sie statt sozialer veränderung die anpassung des einzelnen an die normen wissenschaftlich-technischer errungenschaften zum ziel hat.

Mit der wissenschaftlich-technischen Revolution erhält die Zivilisationsentwicklung endlich eine vielseitige universelle Gestalt. Revolutionen, die neue Bewegungsdimensionen eröffnen, werden allmählich zu einer alltäglichen Angelegenheit. Diese Wandlung ist durch den Charakter des zeitgenössischen Zivilisationsprozesses gegeben. ... Nunmehr nähern wir uns einem Punkt, wo wir mit einer Bewegung der Gesetzmäßigkeiten rechnen müssen ...

(r-r., p- 229)

die im richta-report gezeichnete neue gesellschaft ähnelt fatal der konsumgesellschaft. die autoren stellen es als notwendig hin, die wirtschaftliche entwicklung durch die stimulierung der materiellen interessen des einzelnen voranzutreiben.

Jene Triebkraft, die imstande ist, nicht nur die wissenschaftlich-technische Revolution in Gang zu setzen, sondern sie auch bis in alle Konsequenzen zu realisieren, kann der Logik der Dinge nach nur das Bemühen der ganzen Masse der Werktätigen (oder wenigstens der überwiegenden Mehrzahl der Menschen), eines jeden persönlich um ein unaufhörliches maximales Produktivitätswachstum der gesellschaftlichen Arbeit sein ... dieses Bedürfnis verschmilzt mit dem Interesse an der Ausweitung des Konsums und der Lebensprozesse aller.

(r-r., p. 86/7)

was hier noch allgemein und verschleiert formuliert ist, gerät immer deutlicher zur apologie der konsumgesellschaft.

... von einem bestimmten Punkt an (Übergang zur wissenschaftlich-technischen Revolution) wird sogar die allgemeine Konsumerweiterung zu einer ... unerläßlichen Voraussetzung des Wirtschaftswachstums ...

(r-r., p. 191)

die prager autoren haben keine alternative zur konsumgesellschaft des kapitalismus vorzuweisen; vielmehr orientieren sie sich an ihr. sie spekulieren bloß mit der überrundung des kapitalismus durch ihren „sozialismus“, der so weit gefaßt ist, daß er die übernahme verlogener werbeideologien ohne weiters erlaubt:

Die Bedürfnisse werden durch ihre Befriedigung veredelt; die Dinge — wenn es ihrer genug gibt — drängen auf die Intensivierung der Fähigkeit zu wählen und erweitern das Warnehmungsvermögen; jenseits einer bestimmten Grenze ermöglicht der Massenverbrauch die Entfaltung der Individualität; er demokratisiert die Voraussetzungen der menschlichen Entfaltung, ist jedoch mit ihr nicht identisch.

(r-r., p. 194)

die wegmarken, welche der richta-report (originaltitel: „zivilisation am scheideweg“) anzeichnet, führen schnurgerade zum kapitalismus, zur übernahme seiner ideologie vom konsumparadies.

die illusion und utopien der technokraten sind an der falschen bewertung von wissenschaft und technik als „produktivkraft“ festgemacht. „Der Begriff des produktiven Arbeiters schließt ... keineswegs bloß ein Verhältnis zwischen Tätigkeit und Nutzeffekt, zwischen Arbeiter und Arbeitsprodukt ein, sondern auch ein spezifisch gesellschaftlich entstandenes Produktionsverhältnis, welches den Arbeiter zum unmittelbaren Verwertungsmittel des Kapitals stempelt“ (karl marx, a.a.O., p. 532). die technokratischen utopisten unterschlagen den zweiten teil dieser feststellung. die einzige unmittelbare produktivkraft, die arbeitskraft, meinen sie durch wissenschaft und technik substituieren zu können, während sie nur durch den arbeiter vermittelt zur anwendung gelangen. dieses verhältnis bleibt auch dann bestehen, wenn es den anschein hat, als würde die automatisation den direkten zusammenhang zwischen tätigkeit und nutzeffekt der arbeitskraft aufheben. dies ist nicht grund genug, die wissenschaftlich-technische revolution mit dem heraufkommen einer neuen „produktionskraft“ gleichzusetzen, denn die errungenschaften der wissenschaft sind nur durch ihre technische anwendung als produktionsmittel einerseits und durch die anhebung des bildungsniveaus der arbeitskräfte anderseits vermittelt. an der grundstruktur der produktionsverhältnisse ändert dies nichts: weder am antagonismus zwischen gesamtgesellschaftlicher produktion und privater aneignung des mehrwertes, noch an der trennung von geistiger und körperlicher arbeit.

gerade die veränderung der produktionsverhältnisse ist aber voraussetzung für die positive entfaltung von wissenschaft und technik als produktivkräfte. was marx zum übergang vom feudalismus zum kapitalismus anmerkt, trifft angesichts der sprunghaften entwicklung der arbeitstechnologie auf die gegenwärtige situation zu:

Auf einer gewissen Stufe der Entwicklung dieser Produktions- und Verkehrsmittel entsprachen die Verhältnisse, ... die ... Eigentumsverhältnisse den schon entwickelten Produktivkräften nicht mehr. Sie hemmten die Produktion, statt sie zu fördern.

(manifest der kommunistischen partei; in: k. marx und f. engels, ausgewählte werke, moskau 1971, p. 39)

unter diesen umständen kehrt sich der auf gesamtgesellschaftlichen anstrengungen beruhende technologische fortschritt gegen die einzelne arbeitskraft.

Da also die Maschinerie an sich betrachtet die Arbeitszeit verkürzt, während sie kapitalistisch angewandt den Arbeitstag verlängert, an sich die Arbeit erleichtert, kapitalistisch angewandt ihre Intensität steigert, an sich ein Sieg des Menschen über die Naturkraft ist, kapitalistisch angewandt den Mensch durch die Natur unterjocht, an sich den Reichtum des Produzenten vermehrt, kapitalistisch angewandt ihn verpaupert usw., erklärt die bürgerliche Ökonomie einfach, das Ansichbetrachten der Maschinerie beweise haarscharf, daß alle jene handgreiflichen Widersprüche bloßer Schein der gemeinen Wirklichkeit, aber an sich, also auch in der Theorie gar nicht vorhanden sind.

(karl marx, das kapital, 1. bd., p. 465)

genau dasselbe versuchen uns futurologen und „sozialistische“ technokraten weis zu machen, nur daß sie anstelle von „maschinerie“ von automaten sprechen.

die gegenwärtigen produktionsverhältnisse des kapitalismus — aber auch des staatskapitalismus der ostblockstaaten — hemmen die entfaltung von wissenschaft und technik als produktivkräfte, verhindern, daß ihr einsatz zu einer erleichterung für den arbeiter führt. eine bessere gesellschaft kann nicht durch blindes vertrauen in die selbsttätige entwicklung von wissenschaft und technik als „produktivkraft“ errichtet werden. das ziel ist ein politisches: der weg dahin führt über die politische veränderung des systems, der gesellschaft als einem reflex der produktionsverhältnisse.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1971
, Seite 17
Autor/inn/en:

Lutz Holzinger:

Jahrgang 1944, Dr. phil. (Germanistik), war Mitglied der KPÖ und Redakteur der Volksstimme sowie von Gründung bis Einstellung Chefredakteur des Salto. 1971/1973 war er Redaktionsmitglied des NEUEN FORVMS.

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