FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1974 » No. 244
Michael Siegert

Sehnsucht nach aristokratischem Umgang

Karl Kraus und Sidonie Nádherný von Borutin

1065 Briefstücke! Ein Kontinent ist aufgetaucht, wo sich Naturereignisse abspielen: Gefühlsstürme, Thränensturzbäche, Eiszeiten und Schmelzperioden, Steinschlag, tektonische Wanderungen und Blitze aus heiterem Himmel. Der aufmerksame Fackel-Leser wird nicht überrascht sein, denn das Private steht immer schon drin — „allgemeingültig‘‘ verpackt.

Öffentliches im Privaten

Was darf sich der Leser erwarten, wenn er diesen unbekannten Kontinent betritt? Private Enthüllungen, sexuelle Sensationen? Das Private ist zugleich das Allgemeine, das alle erfahren und kennen, da gibt es nichts zu enthüllen, das ist trival: das individuell-Private ist eingeebnet im allgemein-Menschlichen. Im täglichen Stoffwechsel des Leibes und der Seele produziert auch ein origineller Schriftsteller nichts Neues.

Was kann uns also an diesen intimen Zeugnissen interessieren, was ist der öffentlichen Erörterung wert? Im Privatleben steckt das Politische, tiefer als wir selbst im Wach-Leben glauben möchten, und unwiderruflicher. Das Klassen-Unbewußte organisiert die Grundstrukturen unseres Lebens.

Wenn Karl Kraus sich dem tragikomischen Minnedienst an einer Landadeligen verschrieben hat und dabei politisch auf Positionen konservativer Grundbesitzer kam, so geschah die politische Wendung nicht, weil das Politische der privaten Bindung folgen muß, sondern es ist umgekehrt: das private Verhältnis wird in all seiner Schwierigkeit und existenziellen Unmöglichkeit hartnäckig festgehalten, weil es das Einleben in eine bestimmte, unbewußt angesteuerte Sozialhierarchie ermöglicht.

Der Absolutheitsanspruch läßt von vornherein keine Verwirklichung zu: „Es ist das Vollkommenheitsfieber, dasselbe, das mich vor einem Wunder der Sprache packt.“ (Brief vom 2./3. Dezember 1915.) Das Milieu, die Familie erzwangen ein Korsett von Schicklichkeiten: „Denn es geht ja nur in Ch[arlie]’s Abwesenheit und in Ch[arlie]’s Abwesenheit geht’s der Diener wegen nicht.“ (Brief vom 21. November 1914.) Was ging also? „Als gestern nachts hinunterkam, im Gang ein Licht gesehn. Somit weiß M. oder N., daß ich oben war. Vielleicht also gut, M. zu sagen, daß wir drei gestern noch einige Zeit zusammen waren.“ (4./18. August 1921.) Die Klassenschranke im Bett: „Bei G. heißt es heirathen bei mir ‚durchgehen‘!“ (11. Dezember 1914.) Wie hätte es auch klappen sollen („Warum wohnst Du nicht bei mir? Kein Mensch würde es je merken“), in der Wiener Kleinwohnung, mit der Vorstellung, „... daß Du den Schreibtisch mit mir teilen könntest“ (21./22. Jänner 1922) ... als Korrektorin!

Adel und Aufstieg

Verdienst-Adels-Phantasien sind ein alter Topos des schwächlichen österreichischen Bürgergemüts. Die ganze Tradition bourgeoisen Einlebens in die herrschenden Klassen Mitteleuropas ist von einer gebückt-kratzfüßigen Haltung gegenüber adeligen Salons geprägt. Der typische österreichische Konservative lebt und schmachtet in dieser Attitüde — das gilt von Gentz, Adam Müller, Stifter usw. bis Hofmannsthal, Rilke, sogar bis herauf in unsere Tage, wo bodendumpfes Journalistenmittelmaß à la Bacher und Dalma sich im Wiener CEDI-Salon der Gräfin Thurn-Valsassina tummelt.

Adalbert Stifter, vor der Wiener 1848er-Revolution nach Linz geflohen, ließ in seinem Witiko-Roman den Helden in wirrer Zeit unablässig nach dem gerechtsamen Herrn trachten, sich dadurch Verdienst und Aufstieg erwerbend; so auch Stifter selbst durch konterrevolutionäre Hetze 1848/49, etwa gegen die „rothe Schreckens-Republik“ Kossuths in Ungarn (Artikel „Die Befürchtung eines unglücklichen Ausgangs in Ungarn“ in der Linzer Zeitung vom 8. August 1849). Mit der politischen Katastrophe war Intimstes psychosomatisch verknüpft: indem Stifter die Revolution mit dem Sexualakt gleichsetzte, regredierte er psychisch in die anale Phase, wurde ein kranker alter Grantscherm.

Nebenbuhler Rilke/Kraus

Der Adels-Tick von Karl Kraus ist nicht so trivial-stumpfe Untertanenmentalität wie bei Stifter, und auch nicht ein prunkvoll ausstaffierter Snobismus wie der Rainer Maria Rilkes, des Briefpartners von Sidonie und „Nebenbuhlers“ von Karl Kraus. Rilke, als Militärschüler in Wiener Neustadt physisch und psychisch an den Rittertugenden seiner Zeit gescheitert (was ihn dem Menschentum näherbrachte), steigerte sich in die Vision einer adeligen Abstammung („Die Weise von Liebe und Tod des Cornet Christoph Rilke“). Aus dem Gefühl der „richtigen“ Klassenposition heraus glaubte Rilke sich berechtigt, Sidonie den Karl Kraus mit unterschwellig antisemitischen Argumenten auszureden: „Er kann Ihnen nicht anders als fremd sein, ein fremder Mensch“, „... ein anderes, möglicherweise sehr fremdes Dasein“; unfreiwillig komischer der Hinweis auf einen „letzten unaustilgbaren Unterschied“, und schließlich der Appell an das Klassenbewußtsein: „Überlegen Sie sich das, Sidie, — das ganze gute treue Janowitz wird Ihnen dabei beistehen.“ (Brief vom 21. Februar 1914, s.o.) Die treuen Diener & Hunde, das gute Gut, die Bodenverwurzeltheit! Daß Sidonie solchen Anspielungen zugänglich war, beweist Rilkes nächster Brief vom 25. Februar („Dank für Ihre guten, frohen, rein überzeugenden Worte“), beweist schließlich der ernüchterte Brief, den Karl Kraus am 11./12. März 1929 schreiben mußte, um ihr die „herausfordernd jüdischen Gesichter“ seiner Klavierbegleiter auszureden (Text s.o.).

Rilke, der Schloß Janowitz als mögliches Refugium ansehen mochte, konnte dort keinen anderen Schloßpoeten dulden. Den „Echtheitstest“ gewinnt aber Karl Kraus: „Als einst mein natürliches Interesse, das wir getrost Eifersucht nennen wollen, dem wochenlangen Zusammensein mit R.[ilke] eine natürliche Seite absehen wollte, da warst Du es, die die erotische Neutralität des Falles fast mitleidig betont und aus der rein weiblich-ästhetischen Einstellung des R. zur Frau erklärt hat.“ (Brief vom 8. Juni 1915.) Die Kette hat ein weiteres Glied: wie der „Aristokrat“ Rilke den „Bürger“ Kraus nicht ins Schloß einziehen lassen will, ebenso kann Kraus nicht dulden, daß etwa das literarische „Scheinmenschenthum“ Werfels sich dort breitmacht: „Hundertmal könnte so einer alle Herrlichkeit des Parks von J. ‚ausdrücken‘: sich ihn selbst aber nur einmal dort vorzustellen, dort gehend, sitzend, athmend, ja dichtend — die Vorstellung ist Selbstmord.“ (Brief vom 14. April 1915.)

Während Rilkes Briefe an Sidonie Nádherný abgerundet und ausgewogen formuliert sind und die verlogene Pose auf den Leser schon nach wenigen Seiten unangenehm wirkt, sind die Briefstücke von Kraus wie Ausrufungszeichen einer ungeschützten Seele, voller Brüche; wiewohl mit Seitenblick auf die Nachwelt stilisiert, blieb das Exaltierte stehen („die Arme“, „der Ärmste“, der die das „liebe X“, „innigstes Y“ usw.). Als Rilke sich im Weltkrieg mit Hilfe Sidonies und anderer Freunde an einen Schreibtisch des Preßquartiers in der Stiftskaserne gerettet hatte, schrieb der wegen Rückgratsverkrümmung untauglich erklärte Kraus: „R.[ilke] wird bloß die Pein des veränderten Lebens haben nichts weiter — das ist absolut sicher, da kann man ganz beruhigt sein. Jenes ist grauenhaft genug, und er thut mir so leid! Aber, Verzeihung, mit dem Auswurf in einer Heldenbeschreibungsanstalt zu sitzen — das ist schlimmer. Das hat [Ludwig von] F.[icker] abgelehnt. Wenn’s mich träfe (warum nicht, der Krieg wird noch lange dauern!): Glaubt man, ich zöge nicht die letzte körperliche Erniedrigung dieser geistigen vor?“ (Brief vom 14./15. Dezember 1915.)

„Karl von Janowitz“

Karl Kraus hat sich in den Briefen an Sidonie gelegentlich im Scherz als „Karl von Janowitz“ unterschrieben (Briefe vom 2., 9., 10., 14., 16. April 1915), und ein Brief, der im Ort Janowitz aufgegeben wurde, trägt die Unterschrift „... von Deinem/Herrn auf Janowitz/(Nicht verwandt mit dem schlesischen _Grafengeschlecht)“ (10. September 1931). Am 9. November 1915 schrieb er: „Ich lese gerade, daß ein Offizier meines Namens das Adelsprädikat ‚Krausdorf‘ erhalten hat. Ist da nicht ‚Janowitz‘ schöner?“ Freilich weiß er: „Aus mir wird ja doch kein Gutsherr.“ (Brief vom 7. März 1974.)

In den virtuellen Hahnenkämpfen, die Kraus mit den beiden Grafen Thun und Guicciardini um Sidonie ausgefochten hat, sieht er sich als Geistesadeliger, dem der Vorrang vor dem Geburtsadel gebührt. Zuerst Eifersucht von ferne: „C.[arlo] G.[uicciardini]: ---- ‚erwartet sich schöne Stunden.‘ Ich erwarte mir nichts mehr. Ich habe das Gefühl, daß dieser Krieg gegen uns wüthen wird.“ (Brief vom 11. November 1914.)

Im Jänner 1915 übt sich Kraus für Janowitz durch Reitunterricht: „Komme soeben aus der Reitschule“, „... täglich Reiten“, „Zum 8. Mal geritten ...“ (Briefe vom 18. bis. 26. Jänner 1915.) Schließlich reist er ihr nach und es kommt zur Märzkatastrophe von Rom (siehe die oben abgedruckten Briefe). Zwar siegt der italienische Graf, die Verlobung dauert aber nicht lang: die Eindruckskraft des Dichters siegt über die Trivialität adeligen Lebens.

Noch stärker wiederholt sich dieses Motiv in Sidonies Affäre mit dem Grafen Max Thun-Hohenstein. Graf Thun war es gewesen, der Karl Kraus seine Kusine Sidonie Nádherný am 8. September 1913 im Café Imperial vorgestellt hatte. Kraus war damals 39, Sidonie 28 Jahre alt. Der erzwungene Umgang mit dem Grafen entwickelte sich bald zu einer Plage für Karl Kraus. Kaffeehausgespräch: „Es war unbeschreiblich öde und resultatlos. Familienkonflikt, Pläne, Österreich und die Welt im Allgemeinen zu reformieren, Verfassungsänderung auf biologischer Grundlage, Arzt-Priesterthum, mehrere Eisen im Feuer, Freiluft, Thurnverein, Opels ‚Puppchen‘, alles mögliche, aber das Wichtigste war nicht zu erledigen, so daß hier wirklich Entfernung der einzige Abschluß ist.“ (Brief vom 27./28. Mai 1914.) Ein andermal schlägt ihm Thun vor: „... er und ich sollten sich ‚zu einem Verhältnis Faust-Mephisto verbinden‘, er mehr Mephisto, aber hauptsächlich alternierend ... Es war peinlich, aber eigentlich traurig. Ich hatte mehr denn je den Eindruck eines wehrlos jedem Bildungsdruck preisgegebenen Hirns.“ (Brief vom 10./11. Oktober 1914.) Die Eifersucht („... ich habe Angst“, 7./8. Dezember 1915) läßt Kraus ähnlich argumentieren wie Rilke: „Ich habe diesen Typus von Hemmungslosigkeit und falscher Intellektualität oft erlebt, erlitten. Er ist umso bedenklicher, je höher das ‚Milieu‘ ist, das er durch Geburt und Lebensführung kompromittiert“ (Brief vom 24. November 1915.)

Endlich der Ausbruch: „Steht Bobby [Sidonies Hund], der trotz allem nur ein Thier ist, dem Schöpfer nicht näher als der Dr Graf Thun? ... Soll dieser geistige Schmutzhaufe wirklich einmal in der Nähe der Wiese, Bobbys, von Deiner heiligen Nähe nicht zu sprechen, anzutreffen sein?“ (Brief vom 11. Dezember 1915.) Solch drängendes Eifern mußte das Verbotene geradezu herbeiführen: am 12: April 1920 heiratete Sidonie den Grafen Thun (die Ehe währte aber nur ein halbes Jahr; juridisch bis 1933). Ob es ein zufälliges Zusammentreffen ist, daß die Trennung von Karl Kraus Mitte September 1918 erfolgte, als der Zerfall der Mittelmächte sichtbar begann? (Brief vom 18./19. September 1918: „Ich verzeihe Dir.“). Am 1. Mai 1919 las Karl Kraus zum erstenmal vor Arbeitern: „Ich Außenstehender und doch einer großen Sache verbundener ...“ (Die Fackel Nr. 735, S. 59.)

Sidonie Nádherný von Borutín

Eiserne Rute Franz Ferdinands

Karl Kraus hat zweimal die Kurve vom linksintellektuellen Kritiker der Sozialdemokratie hin zum konservativen Apologeten durchlaufen, und beidemale brauchte er dafür 15 Jahre: von 1899, dem Erscheinungsjahr der Fackel, bis 1914, dem Vorabend des Weltkrieges, und von 1919, dem matten Beginn der Republik, bis 1934, dem Jahr des Arbeitermordes und der Schilderhebung Dollfuß’.

Nachdem der Thronfolger erschossen war, erschien in der Fackel vom 10. Juli 1914 der Artkel „Franz Ferdinand und die Talente“: Franz Ferdinands Herrscher-„Talente“ (im biblischen Sinn der Schöpfungs-Mitgift) gegen die journalistischen „Talente“ des Liberalismus, welche der künftige Kaiser, meint Kraus, „mit eisernen Ruten niederhalten“ hätte sollen. „Keine kleineren Mächte als Fortschritt und Bildung stehen hinter dieser Tat ...“ Franz Ferdinand habe „‚das Maß eines Mannes besessen“, während für die slawischen Nationalisten bloß das Kasino-Wort abfällt: „Fanatismus ist nur der Mut der Feigheit.“ Inmitten der „abscheulichen Heiterkeit dieses Staatswesens“, in tiefster „kultureller Verluderung“ sieht Kraus in dem, der Österreichs Kaiser Wilhelm geworden wäre (der geplante Name Franz III. allein war schon ein Programm), den Retter: „Franz Ferdinand war die Hoffnung dieses Staates für alle, die da glauben, daß gerade im Vorland des großen Chaos ein geordnetes Staatsleben durchzusetzen sei. Kein Hamlet, der, wär’ er hinaufgelangt, unfehlbar sich höchst königlich bewährt hätte, sondern Fortinbras selbst.“

Im selben Heft ein privates Bekenntnis: „Sehnsucht nach aristokratischem Umgang.“ Man werfe ihm die Resonanz vor, die er beim Adel hervorrufe: „Ich aspiriere, heißt es, mit großem Ehrgeiz auf aristokratischen Umgang und sei sehr stolz darauf, daß sich in meinen Vorlesungen“ — vermutlich sind die Prager Vorlesungen gemeint — „einige Mitglieder des ganz reaktionären Provinzadels blicken ließen, die natürlich die angeblich linksradikalen Angriffe auf die jüdischen Liberalen, Bourgeoisie und Neue Freie Presse mit sehr rechtskonservativem Wohlbehagen anhörten.“ Zynisch geißelt Kraus dann seine „radikalen literarischen Freunde“, deren er sich sicher weiß: „Sie haben meine Angriffe auf die jüdischen Liberalen, auf Bourgeoisie und Neue Freie Presse für linksradikal gehalten und nicht geahnt, daß sie, wenn ich überhaupt etwas will und wenn sich das, was ich will, auf eine staatsverständliche Formel bringen läßt, im höchsten Maße rechtsradikal sind. Sie haben geglaubt, ich sei ein Revolutionär, und haben nicht gewußt, daß ich politisch noch nicht einmal bei der französischen Revolution angelangt bin, geschweige denn im Zeitalter zwischen 1814 und 1914 ...“

Was mag Kraus an der Mentalität des brutalen Autokraten verwandt erschienen sein? — Beide hatten sich unter großen äußeren Schwierigkeiten mit einer böhmischen Adeligen verbunden. Daß Kraus diese Parallele bewußt erlebt hat, geht aus einem Brief hervor, den er an dem Tag, als die erwähnte Nummer der Fackel erschien, an Sidonie geschrieben hat, die „eine Stunde von Konopischt wohnt“ (dem Landsitz des Erzherzogs): „... aber ich weiß auch, daß man mich, immer, noch tiefer versteht. Ich spreche nicht von beiden, nicht von der mißhandelten Frau, von einem Unrecht, das jedem Gefühl eingeht. Sondern vom Mißverständnis der Persönlichkeit, also von ihm. Er war sicher eine ungewöhnliche Natur, die sich in der schlechtesten Zeit und im verlorensten Land hinter Unbegreiflichem und Ärgerlichem aufhielt. Anders wäre die Reaktion der Gewöhnlicheren gar nicht zu erklären. Ich weiß am besten, wie winzig der, der es nicht ist, dem Winzigen erscheint, wie das Gerade schließlich und auch wirklich verzerrt sein muß. Und doch spürt man da etwas, das sich gegen den allgemeinen und chronischen Charakterverlust einer Zeit wehrt.“ (10. Juli 1914.)

Franz Ferdinands Plan war es gewesen, dem österreichisch-ungarischen Dualismus das tschechische Element als dritte Säule anzufügen und diese nationalitätenpolitische Lockerung durch ein straffes Regime zu kompensieren, das sich auf die reaktionären Klassen der Teilstaaten stützen sollte. Als diese Klassen im Weltkrieg freie Hand bekamen, zuckte Kraus zurück. Er wußte natürlich, wie der Adel wirklich war: „Ja, ich aspiriere auf aristokratischen Umgang; aber ich, ewig unbelohnter Streber, finde ihn allzu selten.“ (Fackel, a.a.O.) „Ich weiß nicht, ob es nicht gerathen wäre, ehe man diesen Adel ganz fallen läßt, es noch mit einer Liga von Kammerdienern und Lakaien zu versuchen, die ihren Herren, eventuell durch Ohrfeigen, Würde beizubringen hätten.“ (Brief vom 27./28. November 1915.)

Der Abstieg des Grundadels, die Aufsaugung der Grundrente durch das Finanzkapital, ließ dem Junker zwei Möglichkeiten: entweder er wurde Industrialist und integrierte sich ökonomisch in die Bourgeoisie — diesen Weg gingen die Liechtensteins, Drasches usw., und erhielten dadurch dem Staat eine oberflächliche „Adelsherrschaft“ über einem kapitalistischen Kern —, bzw. sie scheiterten bei diesem Versuch mit Krach (Karl von Vogelsang), oder sie blieben passiv auf dem schmäler werdenden Etat der Grundrente sitzen. Letzteres war auch das Schicksal derer von Borutin: nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Gut durch eine tschechische Bodenreform beschnitten, dann kam die SS und verdrängte Sidonie in ein Verwalterhaus am Rande des Parks, und nach dem Regierungswechsel von 1948 schließlich wurde Janowitz ein Staatsgut, Sidonie ging ins Exil nach London und starb dort 1950.

Tod durch deutschen Kurs

Die Ideologie dieses versinkenden Adels war die ständische Träumerei Vogelsangs, der jahrzehntelang Leo Thuns hochkonservatives Organ „Vaterland“ redigiert hatte und Nestor der christlichsozialen Bewegung wurde. Im Verteidigungskampf gegen das Finanzkapital versuchte der Grundbesitz sich sozialpolitisch an die Arbeiter heranzumachen. In dieses Eck flüchtete sich letzten Endes auch der von der Arbeiterbewegung enttäuschte Liberalen-Sohn Karl Kraus: dem Kapital, wenn schon nicht von links, so wenigstens von rechts zu opponieren. Da wurde gar Dollfuß zum kleineren Übel, wurden die Wiener gegen die Berliner Leichen aufgerechnet. In seiner vorletzten Polemik gegen Otto Bauer schrieb Karl Kraus, „daß die sozialpolitischen Dinge ... bei Faulhaber, Innitzer und Mercier in besserer Obhut sein dürften als bei Hilferding, Bauer und Blum“. (Die Fackel Nr. 890-905, Ende Juli 1934, S. 181.) In diesem Satz zeigt sich schon das notwendige Scheitern der brüchigen „Auffangposition Dollfuß“, und wenn man ein weiteres Mal umblättert, wird die ganze Fehlrechnung klar: „... scheint der kirchliche Widerstand dauerhafter, mutiger und aussichtsvoller als der des Freidenkertums.“ (Ebenda, S. 183.) Wir wissen ja, was Faulhaber und Innitzer dann leider getan haben.

Das „leuchtend Zwerglein“ Dollfuß (Dritte Walpurgisnacht, München 1967, S. 214), die Wiedergeburt Franz Ferdinands in Gestalt eines Kaiserjäger-Homunkulus, bot „letzten Endes“ keinen Schutz. Die grüne austriakische Barriere fiel 1934-1938 langsam zu Hitler um, der innere Anschluß ergriff immer größere Fraktionen der herrschenden katholischen Partei, die auf einen Beutezug am Balkan hofften und jenem das Tor öffneten. So recht Kraus gegen Bauer hatte, wenn er ihm seine Halbheit vorhielt (eine linke Kritik, die wir heute unterschreiben würden, besonders in der Fassung „Hüben und Drüben“ der Fackel von Mitte Oktober 1932), so recht hatte Bauer in der Voraussage, daß das 34er-Regime letztlich bei Hitler enden würde. Die entscheidende Wende zum deutschen Kurs geschah 1936.

Am 14. Mai 1936 bildete Schuschnigg ein neues Kabinett, das bereits den Anschluß-Mann Glaise-Horstenau enthielt (Starhemberg, der Exponent Mussolinis, war gegangen worden). In Schuschniggs Reden wiederholte sich damals das Wort von der „politischen Konzentration“. Am 9. Juni sagte er im Wiener Rathaus, man wolle mit dem deutschen Reich in Frieden leben, und er selbst möchte „Sachwalter der deutschen Volkszugehörigkeit sein ... So wie der unvergeßliche Kanzler Dollfuß sich als Österreicher zum deutschen Kulturkreis bekannte“ (Neue Freie Presse, 10. Juni 1936). Mal Austriake, mal Deutscher — wie man’s brauchte (es stimmte auch beides, und hob sich „letzten Endes“ auf).

Das war der Tod von Karl Kraus. Am 12. Juni 1936 starb er an Herzversagen. Die Fassade eines bürgerlichen Widerstandes gegen Hitler war zusammengebrochen, das Verlassen der humanistischen Position zugunsten eines vergleichenden body counts war vergeblich gewesen. Einen Monat später, am 11. Juli 1936, schloß Schuschnigg mit Hitler das erste jener Abkommen, welche die Hebel des Anschlusses wurden.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1974
, Seite 49
Autor/inn/en:

Michael Siegert:

Geboren am 12. Oktober 1939 in Reichenberg (Liberec), gestorben am 23. Oktober 2013 in Wien; studierte längere Zeit Naturwissenschaften und Geschichte an der Universität Wien; 1963 Vorsitzender der Vereinigung demokratischer Studenten; später Mitarbeiter der sozialistischen Studentenorganisation; war von 1973 bis 1982 Blattmacher des FORVM.

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