FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1984 » No. 364/365
Jürg Jegge

Schnaps statt Schule

Nur mehr 7% Analphabeten in Österreich — eine schöne Kennziffer für die Bilanz von 200 Jahren allgemeiner Schulpflicht. J.J. macht sich für eine Rede vor der Schulgemeinde Bellach im Kanton Solothurn weitergehende, vielleicht auch weiterführende Gedanken.

Liebe Zuhörer, zuerst möchte ich Ihnen eine Geschichte erzählen; eine, wie man so treffend zu sagen pflegt, am Leben abgelauschte.

Die allg. Essenspflicht

Ich weiß ein Land, da kennt man eine seit alters bewährte Einrichtung: Die Jugend wird mindestens neun Jahre lang vom Staat mit Essen versorgt. Mit dem siebenten Lebensjahr beginnt die Essenspflicht, das Essen wird in Großküchen zubereitet und ist zunächst für alle gleich. Dann — so zwischen dem vierten und sechsten Lebensjahr — wird differenziert. Den einen verlängert man die Essensberechtigung bedeutend, sie erhalten weiße Tischtücher und Silberbesteck; dann geht’s über gutbürgerlich und Eintopf bis zu Schweinswürstchen mit Brot.

Natürlich sind dort nicht alle mit dieser allgemeinen Abspeiserei einverstanden. Es gibt Eltern, die sich für ihre Kinder einen Privatkoch leisten. Andere tun sich zusammen und stellen nach eigenem Gusto Köche an, so zum Beispiel eine Gruppe, die ihre Kinder vorwiegend mit Chili con carne, eine andere, die sie mit biologisch-dynamischem Manna verköstigt. Das ist im Prinzip alles erlaubt, nur muß man seinen Beitrag an die allgemeine Speisung trotzdem bezahlen.

Auch innerhalb der staatlichen Einrichtungen gibt es Köche, die, oft mit dem ausdrücklichen Segen des Nährmittelamtes, andere Speisekarten, kleinere Zubereitungsmengen usw. ausprobieren, Schonkost für Diabetiker oder andere Diät kochen, Mikrowellenherde einsetzen. Sie werden von der Öffentlichkeit und von den anderen Köchen, je nachdem, belächelt oder beneidet, unterstützt oder bekämpft.

Eines Tages kamen ein paar Kinderärzte auf eine eigentlich recht naheliegende Idee: Sie wollten herausfinden‚ ob das Zeug, das die Kinder da zu Essen vorgesetzt erhalten, diesen überhaupt bekomme. Es wurde eine recht langwierige Untersuchung, einige machten buchstäblich den Doktor. Schließlich stellte sich etwas höchst Erstaunliches heraus: Ungefähr die Hälfte aller Kinder überstand das Essen, die andere Hälfte aber bekam Bauchweh, Magenkrämpfe‚ dreißig Prozent mußten erbrechen und etwa acht Prozent waren nur mit intensiver Diätkost am Leben zu erhalten. Und noch etwas fanden die Ärzte heraus: Das Essen schadete den Kindern nicht, die auch zuhause gesund lebten, die viel Sonne, gute Luft erhielten, häufig gebadet wurden usw.

Wissen Sie, was geschah, als diese Untersuchungsergebnisse bekannt wurden? Es geschah nichts. Die Kinder erhielten weiterhin dasselbe Futter, einzelne Köche durften weiterhin experimentieren, und wenn ihre Versuchsperiode um war, wurden sie entsetzlich gelobt und durften anschließend wieder in der Großküche arbeiten.

Vielleicht werden Sie jetzt sagen: „Ja, leben denn in diesem Land lauter Wahnsinnige? Wenn bei uns von einem Nahrungsmittel nachgewiesen würde, daß nur die keine Beschwerden kriegen, die auch sonst gesund leben, daß noch rund die Hälfte der Konsumenten Bauchweh, Magenkrämpfe oder schlimmeres bekommt‚ wäre dieses Produkt zum letzten Mal auf dem Markt gewesen. Zumindest würden doch die Leute nachhaltig unterstützt, die hier etwas ändern wollen. Aber eben: Andere Länder, andere Sitten.“ Vielleicht werden Sie auch meinen: „Dann ist eben der Ernährungsdirektor ein ausgesprochener Bösewicht. Oder das Ganze läuft nur so, weil natürlich die chemische Industrie an dieser allgemeinen Marodität gewaltig verdient.“

Krankheit ist aber tragbar

Ich meine‚ die Sache hat einen anderen Grund: Die Leute, die in jenem Land dort das Sagen haben, im Ernährungswesen zum Beispiel, sind in der Regel solche, die als Kind zu der „gesunden“ Hälfte gehört haben. Sie kennen Magenkrämpfe nur vom Hörensagen und das Kotzen nur aus der Literatur — aus dem schönen Buch Krankheit ist lernbar zum Beispiel. Sie sind weder stumpf noch bösartig, nur ging es ihnen halt nie, im wahrsten Sinne des Wortes, unter die Haut. Selbstverständlich gibt es auch solche, die selber auch Bauchweh hatten. Aber sie haben das Gefühl: „Was mich geschunden hat, hat mich zu dem gemacht, was ich jetzt bin. Also kann es nicht schlecht gewesen sein.“ Und so „verleugnen“ sie jetzt nachträglich ihr Bauchweh, vor den anderen und vor sich selber. Vielleicht ist auch irgend ein Vereinzelter darunter, der noch von einer Magenentzündung irgendwo ganz weit innen eine leicht rötliche Stelle hat. Aber der schämt sich beinahe deswegen und tut auch so, als sei Bauchweh für ihn irgend ein Fremdwort wie Pädagogik.

Bleibt also auf die Frage „Warum ändert sich denn nichts?“ nur die Antwort: „Weil es immer so war“. Merkwürdige Leute, in diesem Land dort, aber so ist eben der Mensch. Womit wir über „den Menschen“ [im Original fehlendes Satzende].

Unnötige Aversionen

Ich möchte, bevor ich hier weiterfahre, noch etwas zu der in meiner Geschichte erwähnten Untersuchung sagen. (Sie sind es ja vermutlich gewöhnt, Geschichten nicht ganz ernst zu nehmen — im Gegensatz etwa zur Atomphysik, die Sie‚ eigenartigerweise, als seriös betrachten.) Diese Untersuchung hat tatsächlich stattgefunden.

Bekannt geworden ist sie als „Winterthurer Studie“. In Winterthur wurden im Jahr 1976 Kinder mit Schulschwierigkeiten untersucht, von einer Gruppe von Kinderärzten, Genetikern (!), unter der Leitung des Humangenetikers Prof. Werner Schmid. Winterthur hatte in jenem Jahr rund 1200 Elfjährige. 33,8% von ihnen waren aber nicht, wie ihre Altersgenossen, in der fünften Klasse anzutreffen. Sie hatten repetieren oder einer Sonderklasse zugeteilt werden müssen. Wenn man jetzt noch weiß, daß eine ziemlich große Zahl von Schülern mit Nachhilfeunterricht, Therapien und dergleichen mühsam sich „am Leben hält“, begreift man Schmids Aussage: „Die Untersuchung in Winterthur hat gezeigt, daß etwa die Hälfte der Kinder mit den Anforderungen unserer zürcherischen Primarschulen große Mühe hat. Ihre kontinuierlichen Mißerfolgserlebnisse führen dazu, daß die Schule, das Lernen‚ Bildung überhaupt, ganz unnötigerweise Aversionen erregen. Aber auch die schulisch bessere Hälfte ist mit der von der Selektion geprägten Schule immer weniger einverstanden. Besonders deutlich artikuliert sich das verbreitete Unbehagen in den Mittelschulen und im Anschluß an die Matura.“

Unter den Winterthurer Fünftklässlern befanden sich 13,5% Repetenten. Diese Zahl schaut heute für den ganzen Kanton Zürich etwas anders aus: 12,4% bis zum sechsten Schuljahr, für 1980. Im selben Jahr wies der Kanton Bern bis zum sechsten Schuljahr 7,2% Repetenten auf, also gut die Hälfte. Sie können daraus ersehen, daß das Schulwesen im Kanton Bern nicht so hoch entwickelt ist wie das des Kantons Zürich. Solothurn hat schon respektable 13,3%.

Die untersuchenden Kinderärzte fanden, daß die wichtigsten Probleme beim „Schulversager“ überhaupt nicht medizinischer Art seien. Als viel wichtiger erwiesen sich z.B. das Bildungsniveau der Eltern (bis 22% der Familien müssen der „Grundschicht“ zugezählt werden, bei den Kindern ohne Schulschwierigkeiten 0%), Scheidung oder Trennung der Eltern, überhaupt schwere familiäre Konflikte, mehrmaliger Wohnungswechsel usw. Schmid: „Man kann die Sache drehen wie man will, man kommt nicht darum herum, anerkennen zu müssen, daß es Kaskaden von psychosozialen Risikofaktoren sind, die beim Schulversagen weitaus das größte Gewicht haben.“

Das bedeutet: Die Schule wird von den Kindern „überlebt“, die von zuhause unterstützt oder zumindest nicht zusätzlich belastet werden. Genau wie in meiner Geschichte.

Interessiert es sie, zu hören, was der Regierung des Kantons Zürich zu dieser Studie einfiel? In ihrer Antwort auf eine Interpellation im Kantonsrat lobt sie zunächst die Sorgfalt der Untersuchung, stellt dann aber die Diagnose der Kinderärzte und die von ihnen vorschlagene „Therapie“ in Frage:

Die Autoren folgern, daß die ursächlichen Faktoren psychosoziaIer Art infolge der vorherrschenden gesellschaftlichen Entwicklungen auf absehbare Zeit nahezu schicksalhaft festgelegt seien. Unter diesen Umständen sei der Schluß zu ziehen, daß die einzige Variable, die im ganzen Gefüge innert möglicher Frist geändert werden könne, das Schulsystem sei. (...)

Der Regierungsrat kann sich dieser Argumentation nicht anschließen. (...) Gleichzeitig muß aber betont werden, daß die Maßnahmen zur Verbesserung des Schulwesens im allgemeinen und zur Förderung benachteiligter Schüler im besonderen zahlreich sind. Man denke beispielsweise an die Senkung der Klassenbestände‚ die Reform der Lehrerbildung, die Revision des Sonderklassenreglements, die Förderung der Gastarbeiterkinder, der Ausbau der Schulpsychologischen Dienste, die Schulversuche zur Individualisierung des Unterrichts, die Lehrerfortbildung im psychologischen und pädagogischen Bereich usw. Schließlich sei auch an den ausführlichen Bericht des Regierungsrates zum Postulat Nr. 1434 vom 15. März 1978 betreffend die Reduktion der Repetentenzahlen erinnert.

Der Regierungsrat wird sich zusammen mit Schulbehörde und Lehrerschaft weiter für die Qualität der Schule einsetzen, worunter auch die Behebung von Schwierigkeiten von Schülern zu verstehen ist. Die zur ’Winterthurer Studie’ gezogenen Folgerungen sind aber kein Anlaß, die Schule von Grund auf zu verändern.

Wir dürfen annehmen, daß in der Zürcher Regierung nicht allzuviele revolutionäre Sozialisten sitzen, welche die negativen psychosozialen Einflüsse ausschalten wollen. Zieht man das in Betracht, so bedeutet die Antwort der Regierung: „Wir versuchen zwar, die Schule zu verbessern, aber im Grunde ist sie schon in Ordnung. Wir müßten eben andere Schüler dafür haben.“ Esser mit Hornhaut-Kutteln gewissermaßen.

Warum ich Ihnen das alles erzähle? Sehen Sie, da veranstaltet die Schulbehörde Ihres Wohnorts einen Abend zum Thema „Gehen unsere Kinder in die richtige Schule?“ Es kommt mir fast vor, als ob der Papst eine Expertise bestellte: „Ist das Christentum noch zeitgemäß?“ Sie haben ja gar keine andere Möglichkeit, als Ihre Kinder jeden Tag in die Schule zu schicken, selbst als Lehrer dorthin zu gehen oder als Schulbehördemitglied, und ich denke mir, daß Sie auch Ihre Einflußmöglichkeiten für relativ gering ansehen. Mein gott, was soll ich Ihnen dazu sagen?

Es gibt, soweit ich sehe, drei Antworten auf Ihre Frage.

Die erste: Da müssen Sie halt im Schulzeugnis Ihres Kindes nachsehen. Sind die Noten durchschnittlich bis gut, dann geht es wahrscheinlich in die richtige Schule. Sollte es trotzdem nachts nicht schlafen können, Fingernägel kauen oder einen nervösen Tick aufweisen‚ hat es wahrscheinlich „persönliche Probleme“ und gehört zum Psychologen. Vielleicht stellt sich halt dann heraus, daß in Ihrer Familie nicht alles ganz so heil ist, wie in den Familien der Leute, die Sie in die Behörden wählen, aber der Psychologe darf das ja nicht weitererzählen.

Die zweite Antwort ist differenzierter, und Sie kommen dabei besser weg: Unsere Welt ist komplizierter geworden. Wir haben uns mit Problemen herumzuschlagen, von denen unsere Großeltern keine Ahnung hatten. Das geht nicht spurlos an unseren Kindern vorbei. Deshalb ist es nötig, die Schule immer wieder zu verändern, zu verbessern natürlich. Uneinigkeit besteht darüber, in welche Richtung diese Verbesserung gehen soll. Auf der einen Seite zielen Versuche in Richtung Leistungssteigerung‚ weil ja auch die Anforderungen der Umwelt wachsen. Andere wollen vor allem eine menschlichere, kindgerechtere Schule. (Wahrscheinlich haben Sie erwartet, von mir in dieser letzteren Richtung etwas zu hören. Ich denke mir, Sie laden wohl kaum den Autor von „Dummheit ist lernbar“ zu einem Vortrag ein und erwarten dann, daß er über einen effizienteren Mathematikunterricht berichtet.)

Aber eigentlich kann ich es mir hier leicht machen. Im eben skizzierten Spannungsfeld finden normalerweise die Schuldiskussionen statt, die Sie ja sicher kennen. Auch die vorhin verlesene Antwort des Zürcher Regierungsrates bewegt sich in diesem Rahmen, die Spannweite reicht von „Wir müssen grundsätzlich nichts ändern“ bis zur ausführlichen Antwort auf das Postulat Nr. 1434.

Es gibt aber noch eine dritte Antwort auf Ihre Frage, eine, die Sie vielleicht überraschen wird: „Ihre Kinder gehen auf jeden Fall in die falsche Schule, einfach deshalb, weil es eine Schule ist.“ Wären Sie denn einverstanden damit, daß das Essen für Ihre Familie aus einer Großküche ausgeliefert wird?

Kaum, Sie wissen ja, daß Karin keine Leber mag und Vater keinen Schnittlauch auf den Kartoffeln. Den Hunger und den Durst Ihrer Familie stillen Sie in eigener Verantwortung, da lassen Sie sich nichts dreinreden. Natürlich gehen Sie hin und wieder ins Gashaus, aber auch da bestimmen Sie, in welches. Und manchmal lassen Sie vermutlich auch die Kinder kochen, oder mitentscheiden, was es denn zu essen gibt.

Wie steht es aber mit dem Hunger nach Information und Anregung, mit dem Wissensdurst? Wenn der Kanton Solothurn Ihnen befehien wollte, Sie hätten am 15. jedes Monats Schweinsbraten zu essen, wenn er durch regelmäßige Urinproben zu kontrollieren versuchte, was es in Ihrer Familie zu trinken gibt, würden Sie sich bestimmt dagegeben wehren. Aber in die Schule schicken Sie Ihre Kinder jeden Tag, Sie schauen, daß die Kinder auch brav aufessen, was sie da vorgesetzt erhalten und bei Prüfungen sind Sie erpicht darauf, daß diese auch bestanden werden.

Ich weiß: das Bild stimmt nicht ganz. In einer Großküche wird nämlich niemand bestraft, wenn er das Essen verweigert, es erwächst ihm kein weiterer Nachteil daraus. In der Schule ist das anders:

„Kind zu sein, scheint als ein Verbrechen betrachtet zu werden, das mit mehrstündigem täglichem Arrest bestraft werden muß.“

So ungefähr schrieb zu Anfang dieses Jahrhunderts der deutsche Schulreformer Berthold Otto. Zu Anfang dieses Jahrhunderts — daß das heute noch dermaßen „progressiv“ tönt, daran kann man den Fortschritt der Pädagogik ablesen. Es hat, im Gegenteil, eine gewisse Haftverschärfung [siehe Kasten] stattgefunden, wenn man an die überall gestiegenen Anforderungen denkt.

Schauen Sie sich einmal in irgend einer durchschnittlichen Volksschulschlußklasse um. Wie uninteressiert, wie „abgelöscht“ sitzen da die Leute herum. Man darf gar nicht an die Begeisterung der Erstklässler denken, die mit ihrem ersten Leseblättchen nach Hause gerannt kommen. Wenn Sie jemanden finden wollen, der mit einer vergleichbaren Lustlosigkeit im Essen herumstochert, müssen Sie schon in eine Kaserne oder in ein Gefängnis gehen.

Warum unterrichten Sie eigentlich Ihre Kinder nicht selber? Wenigstens in den ersten paar Volksschuljahren ginge das doch ohne weiteres, und später können Sie sie ja immer noch ins Wirtshaus schicken. Aber eben: Es wäre erstens pädagogisch falsch, zweitens verboten [1] und drittens — ja? nur Mut! — drittens hat man doch selber das meiste wieder vergessen. Aha. Nur: Weshalb sind Sie denn der Ansicht, daß Ihre Kinder das auch lernen müssen? Einfach, weil es Ihnen auch nicht geschadet hat?

Die Sechstklässler im Kanton Zürich, die im Frühling 1982 in die Sekundarschule eintreten wollten, mußten siebentens folgende Rechenaufgabe lösen: [siehe „7. Peter läßt einen Gummiball aus dem Fenster fallen.“ im Kasten „Das Verbrechen ...“]

Könnten Sie das lösen? Und vor allem: Sind Sie seit Ihrer Schulzeit jemals wieder einem solchen Problem begegnet? Oder haben Sie seither jemals wieder einen Aufsatz, eine Nacherzählung geschrieben? (Ich weiß: Falls jemand Journalist werden möchte. Aber reden Sie einmal mit einem Journalisten über seine Schulaufsätze. Er wird Ihnen mit einer gewissen Begeisterung bestätigen, daß er nicht jeden Artikel beginnen kann mit „Brr, der Wecker rasselte“.)

Der Rest sind Wissenstrümmer, Dinge, an die Sie sich vereinzelt erinnern, wie z.B. die Zusammensetzung des Granits: „Feldspat, Quarz und Glimmer, das vergeß’ ich nimmer“ oder: „1315: Schlacht bei — ?“ Aber was fangen Sie damit an? Wo haben Sie denn die Dinge gelernt, die für Sie jetzt wichtig sind? Wirklich in der Schule?

1 Verdacht

Sehen Sie‚ ich habe den Verdacht, Sie hätten in der Schule schon ein paar wichtige Dinge gelernt. Z.B. jemanden so anzuschauen, daß der glaubt, man höre ihm zu. Oder es hinzunehmen, daß die Welt eingeteilt, verwaltet werden muß, von vorne (Lehrer) oder von Oben. Deshalb macht Ihnen vermutlich auch Eindruck‚ daß das Selber-Unterrichten verboten ist. Aber: Ist das „pädagogisch richtig“?

Ich selber bin übrigens dagegen‚ daß Eltern ihre Kinder einfach selbst unterrichten. Es gibt genug Eltern, die ihre Kinder mit dem Essen nachhaltig quälen und sie so auf das „harte Leben“ vorbereiten. Das geht mit Dreisätzen mindestens so gut wie mit Spinat. Zudem habe ich als Bub oft genug davon profitiert, daß man zuhause nicht alles wußte‚ was ich in der Schule angestellt hatte und umgekehrt. Ich meine aber:

Es gibt viele andere Wege, sich Wissen zu erwerben, als über die Schule. Und es ist durchaus möglich — um jetzt auf den Papst zurückzukommen — daß man in späteren Zeiten unsere allgemeine Schule so betrachten wird, wie viele heute die katholische Kirche betrachten: Als eine etwas abseitige Einrichtung, die einmal unheimlich bestimmend war, neben der es aber seither auch andere Wege gibt, um zum Heil zu gelangen.

Verstehen Sie jetzt meine Verlegenheit? Ihnen gegenüber ist das, was ich jetzt als dritte Antwort vorgetragen habe, ziemlich gemein. Sie haben ja im Augenblick weder als Schüler noch als Lehrer noch als Eltern die Möglichkeit, einfach so locker aus dieser Einrichtung „Schule“ auszusteigen. Zudem können sich die meisten von uns diese Einrichtung kaum anders vorstellen, und eine Welt ohne diese Einrichtung schon gar nicht.

Gleichwohl muß ich darauf bestehen: Leben ist unendlich kostbar und unendlich vielfältig, und deshalb ist jede Vereinfachung, jede Verallgemeinerung äußerst problematisch. Ich denke mir schon, daß solche Überlegungen für Sie Konsequenzen haben könnten. Und sei es nur die, daß Sie Ihr Kind oder Ihren Schüler wichtiger nehmen als die Einrichtung „Schule“. Sie haben ja kaum ihren Lebenspartner ausgesucht nach dem Gesichtspunkt, ob er auch Kartoffelsalat ißt.

Liebe Zuhörer, dafür, daß das ein Vortrag über „Schule“ hätte sein sollen, ist etwas viel vom Essen die Rede gewesen. Ich hoffe, Sie verdauen es. 1 Schnaps hilft bisweilen.

[1In Ö ist „häuslicher Unterricht“ zulässig (Schulpflichtgesetz § 11) — Red.

Materialien zur Strafverschärfung

Das Verbrechen, Kind zu sein

 

Sekundarschulprüfung*
der Stadt Zürich, Frühling 1934
schriftliches Rechnen Serie IIIb

  1. Verschiedene Reparaturen, die ein Dachdecker auszuführen hat, erfordern eine Arbeitszeit von 14 1/2 Std. Der verrechnete Stundenlohn beträgt Fr. 2,80. Wie hoch beläuft sich der Arbeitslohn?
  2. 16 Arbeiter verdienen in 18 Tagen die Lohnsumme von Fr. 3916,80. Wie groß ist der Taglohn eines Arbeiters?
  3. Wie viele Hemden können an einem Waschseil von 35,7 m Länge aufgehängt werden, wenn jedes 0,85 m Platz erfordert?
  4. 11 2/3 Dutzend Bleistifte kosten Fr. 12,60. Was kostet ein Dutzend?
  5. Um einen Gartenweg abzugrenzen, braucht man 165 Sträuchlein, wenn man sie 0,3 m auseinander setzt. Wie viele P?anzen sind erforderlich, wenn die gegenseitge Entfernung 50 cm beträgt?
  6. Zu welcher Summe wachsen Fr. 12.360,— zu 3 1/2 % in einem Jahre an?
  7. Ein Spezereihändler bezieht 170 kg Kaffee zu Fr. 3,60 per kg und erhält 3 1/2 % Skonto. Wieviel beträgt die Barzahlung?
  8. Ein Kaufmann kauft 3 1/2 q einer Ware für Fr. 266‚—. Wie teuer muß er verkaufen, wenn er 25 % gewinnen will?
  9. Fensterglas enthält zu 5/8 Quarz, zu 5/16 Pottasche und als Rest Kreide. Wieviel von diesen drei Stoffen ist in 544 kg Glas enthalten?
  10. Für das Bemalen einer Saaldecke von 15 m Länge und 12,8 m Breite werden Fr. 336‚— verlangt. Wie hoch stellt sich der Preis für 1 m2?

Sekundarschulen der Bezirke Meilen,
Horgen und Zürichland
Aufnahmeprüfungen Frühling 1982
schriftliches Rechnen, Serie 2

  1. 7 3/4 Aren + 827 m2 + 103 Aren 7 m2 + 17/25 Are = ? Aren
  2. 326 2/3 : 5 5/6
  3. (12 x 7 3/8) + (50 x 9,27)
  4. Wie oft sind 1 Stunde 36 Minuten in 7 Tagen 8 Stunden enthalten?
  5. Von zwei Brunnenröhren liefert die eine in jeder Minute 12 Liter, die andere 15 Liter. Die erste Röhre allein würde den Brunnentrog in 2 Stunden 42 Minuten füllen. Wie viele Stunden und Minuten brauchen beide Röhren zusammen, um den ganzen Trog zu füllen?
  6. Herr Trüb verdient im Monat Fr. 4560,—. Er hat jedesmal 16 2/3 davon für ein neues Auto beiseite gelegt. Dieses kostet Fr. 17640,—. Er verkauft das alte Auto für Fr. 3200,— und hat nun genügend Geld, um das neue zu kaufen. Wie lange hat er gespart?
  7. Peter läßt seinen Gummiball aus dem Fenster fallen. Dieser schlägt zweimal auf dem Boden auf und springt nach jedem Aufprall wieder hoch, auf 3/5 seiner vorherigen Höhe. René fängt den Ball 70 cm über dem Boden auf, gerade noch, bevor er zum drittenmal den Boden berührt hätte. Welchen Weg hat der Ball im ganzen zurückgelegt, wenn Peter ihn 15 m über dem Boden losgelassen hat?
  8. Vier Ansichtskarten von je 14,8 cm Länge und 10,5 cm Breite werden in einem Wechselrahmen so angeordnet wie in der Zeichnung. (Die Zeichnung zeigt zwei Karten oben, zwei unten‚ ohne Zwischenraum aneinandergeführt.) Es bleibt rundherum ein Rand von 3 cm Breite frei. Berechne die Fläche dieses Randes in cm?
  9. Herr und Frau Hauser geben für eine Reise mit Schiff und Bergbahn total Fr. 75,30 aus. Für die Fahrt mit der Bergbahn müßte ein Erwachsener normalerweise Fr. 35,20 bezahlen. Herr und Frau Hauser kaufen aber Spezialbillette, die 25 % billiger sind. Wieviel muß ein Erwachsener für die Schiffahrt bezahlen?
  10. Herr Bührer und Herr Iseli legen ihren 12 km langen Arbeitsweg an 5 Tagen in der Woche viermal täglich zurück. Sie benützen dabei gemeinsam nur ein Auto, wobei jede Woche abgewechselt wird:
    1. Woche: Sie fahren mit Herrn Bührers Kleinwagen, der für 100 km Fahrt 7,5 Liter Benzin verbraucht.
    2. Woche: Sie benützen Herrn Iselis Mitteiklassewagen, der für die gleiche Strecke 11,5 Liter Treibstoff benötigt.
    Wieviel Benzin wäre insgesamt mehr verbraucht worden, wenn jeder zwei Wochen lang allein in seinem eigenen Auto gefahren wäre?

*) Im Schweizer Kanton Zürich erfolgt der Übertritt in die Sekundarschule nach 6 Grundschuljahren.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1984
No. 364/365, Seite 30
Autor/inn/en:

Jürg Jegge: Geboren 1943 in Zürich, war Lehrer, Fernseh­moderator, Radio­mitarbeiter, ist Buchautor und Liedermacher. Von 1985 bis 2011 leitete er den „Märtplatz“ in Rorbas, eine berufliche Ein­gliederungs­stätte für junge Menschen mit „Start­schwierigkeiten“; schrieb im FORVM ab 1982 zahlreiche Beiträge, darunter die theaterfreundliche Serie „Pawlatschenreport“. Wird alles (hoffentlich:) bald hier wiederveröffentlicht werden.

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