FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1954 » No. 10
Friedrich Torberg

Sartre oder Die ehrbare Koexistenz

Zur Wiener Affäre um die „Schmutzigen Hände“

Die rechtliche Seite des Falles ist klar. Wäre sie es nicht, hätte auch nur die geringste Unklarheit bestanden und damit die Möglichkeit, eine Aufführung der ‚‚Schmutzigen Hände“ zu unterbinden — es wäre von einer solchen Möglichkeit ganz bestimmt Gebrauch gemacht worden. Offenbar gab es keine. Sondern es gab einen rechtsgültigen Vertrag zwischen dem Volkstheater und dem Bühnenvertrieb, der die Aufführungsrechte des Stücks verwaltet, seit sechs Jahren schon, obgleich Jean Paul Sartre seit mindestens zwei Jahren die „Schmutzigen Hände“ nicht aufgeführt wissen will, gegen geplante Aufführungen (wie die des ‚„Parkring-Theaters“) persönlich eingeschritten ist, und auch sonst alles tut, um seinen Standpunkt zu erhärten. Warum der regsame Existentialdramatiker gerade seinen Theateragenten immer noch schalten und walten läßt, statt ihm das Schicksal des Hinaus-Geworfenseins zu bereiten, ist unerklärlich, und die legalistischen Formalitäten, auf die er bei seiner Wiener Pressekonferenz hinwies, sind keine Erklärung. Die wäre wohl eher darin zu suchen, daß es bis in die jüngste Vergangenheit zu zeitweiligen Reibungen zwischen Sartre und der Kommunistischen Partei kommen konnte, und tatsächlich wurden die Aufführungsrechte just in einem solchen Zeitpunkt an das Volkstheater vergeben. (Ob Sartre ihre Vergebung begünstigt hat, wird sich schwer feststellen lassen; behindert hat er sie nicht — das ging aus einem Pressebulletin des Europa-Verlags eindeutig hervor.) Indessen ist zwischen Jean Paul Sartre und den Kommunisten eine Einigung erfolgt, die allem Anschein nach auf festerer Basis ruht als zuvor und die durch eine Reise in die Sowjetunion noch weiter gefestigt wurde. In Wien war es denn auch der kommunistische „Weltfriedensrat“, der Sartres Protestaktion aufzog — freilich ohne als Aufzieher hervorzutreten: die Eilbriefe, die zu Sartres Pressekonferenz ins Hotel Sacher luden, entbehrten jeglicher Absenderadresse. Bei der Konferenz selbst ließ sich die vornehme Anonymität nicht mehr wahren. Sartres Auftreten vollzog sich inmitten kommunistischer Funktionäre und Parteijournalisten, die auch der kommunistischen Dolmetscherin hilfreich beisprangen, wenn sie nicht gleich das Richtige oder das Vorteilhafte zu treffen wußte. Als Sartre z.B. in der Beantwortung einer ausnehmend vernünftigen Frage, die ihm der Vertreter des wallstreetfaschistischen Rot-Weiß-Rot-Senders gestellt hatte, sich kollegial an seinen ‚‚confrere‘‘ wandte, und als die Dolmetscherin vor einer entsprechend höflichen Übersetzung dieses höflichen Ausdrucks sichtlich zurückschrak, wurde sie durch Zuruf belehrt, daß confrere mit „Fragesteller‘‘ zu verdeutschen sei. (Die Belehrung erfolgte allerdings durch den Theaterkritiker des „Abend‘, welcher die deutsche Sprache nur mangelhaft beherrscht.)

Aber dergleichen Kinkerlitzchen konnten dem Gesamteindruck nichts anhaben. Wir dürfen nicht länger daran zweifeln, daß Jean Paul Sartre mit aller ihm zu Gebote stehenden Vorbehaltslosigkeit seinen Platz an der Seite der Kommunisten bezogen hat, daß er die Sache des Friedens nach sowjetimperialistischem Konzept zu fördern gedenkt, und daß ihm die „Schmutzigen Hände“ in dieses Konzept nicht passen. Er wünscht nun endgültig keine weiteren Aufführungen des Stücks, besonders nicht an so „‚neuralgischen Punkten“ wie Wien und Berlin. Die prekäre Unterscheidung zwischen „nicht“ und „besonders nicht“ gehört noch zum überalterten Gerümpel seiner formalistischen Logik; sicherlich wird er sie sich abgewöhnen, sobald man ihm erst beigebracht hat, daß alle Punkte jenseits des kommunistischen Machtbereichs neuralgisch sind, nicht nur Wien und Berlin. Im übrigen ließ er nichts darüber verlauten, an welchen andern Punkten das Stück vielleicht aufgeführt werden dürfte. Mit einer Aufführung in Moskau, so erklärte er auf Befragen, wäre er hingegen einverstanden, aber da fehlt es nun wieder am Einverständnis Moskaus, wo man den „Schmutzigen Händen“ — in verwirrender Übereinstimmung mit der reaktionären Hetzpropaganda — eine gewisse antikommunistische Deutbarkeit nicht gänzlich abzusprechen scheint, obgleich der Autor ausdrücklich angibt, daß sein Stück niemals antikommunistisch gemeint, sondern nur von der bürgerlichen Presse so interpretiert worden sei. Auch gegen Änderungen, die man in Moskau etwa vornehmen würde, hätte er nichts einzuwenden, wohl aber gegen die Änderungen, die der Direktor (und Regisseur) des Volkstheaters vorgenommen hatte, um dem Autor zuliebe die antikommunistische Tendenz des Stücks zu mildern. Er wünsche keine Änderungen, betonte Sartre, er wünsche, daß das Stück so, wie es ist, unaufgeführt bleibe. Er desavouiere es nicht, er distanziere sich nur davon. Das Kind soll ihm nie wieder unter die Augen kommen, aber es muß dazu den blauen Matrosenanzug tragen, den er ihm gekauft hat.

Wenn das überhaupt etwas heißen soll, dann kann es nur heißen, daß Sartre die „Schmutzigen Hände“ in ihrer damaligen Form als adäquaten Ausdruck seines damaligen Standpunkts ansieht und lediglich befürchtet, daß man seinen damaligen Standpunkt auch für seinen heutigen halten könnte. Diese Befürchtung ist verständlich und berechtigt. Sie ließe sich jedoch durch mancherlei andre Maßnahmen aus der Welt schaffen als durch die drastische, die Sartre zu ergreifen strebt; z.B. durch einen Vermerk auf den Plakaten und Programmen, oder indem der Abendregisseur vor den Vorhang tritt und dem Publikum von der Umdisposition des Autors Mitteilung macht. Damit wäre allen Mißverständnissen vorgebeugt und das Publikum könnte selbst entscheiden, welchen der beiden Standpunkte des Autors es teilt. Die Untauglichkeit, ja Widersinnigkeit eines Aufführungsverbots wird schon daran offenbar, daß die Buchausgabe der „Schmutzigen Hände“ nicht nur im Handel geblieben ist, sondern mit keinem wie immer gearteten Vermerk der angedeuteten Art versehen wurde. Und was Sartre gegen die „Schmutzigen Hände“ unternehmen würde, wenn sie überhaupt nur als Buch und in Form eines erfolgreichen Romans vorlägen, ist vollends nicht zu entdecken. Der ganze Aufwand und das ganze Aufgebot moralischer, ideologischer und juristischer Spitzfindigkeit reduziert sich also auf die simple Tatsache, daß Jean Paul Sartre den Kommunisten um keinen Preis unangenehm werden will.

Nun, er ist weiß Gott nicht der einzige, der diesem Bestreben obliegt: viele feine Herrschaften tun dasselbe, und man möchte es gar nicht glauben. Aber Jean Paul Sartre ist einer der wenigen, die es zugeben, ist keiner von jenen, die in ihren prokommunistischen Bekenntnissen immer schon den Raum für das nachfolgende Dementi ausgespart halten und im Dementi immer schon den Raum für ein neues Bekenntnis. Er hat nichts von der schwammigen Verlogenheit des bürgerlichen Rückversicherers, der sich unter Berufung auf die von ihm durchschaute Dekadenz des Bürgertums bei den Kommunisten lieb Kind macht (oder lieb Greis), der aber, wenn man ihn beim Ausfertigen der Rückversicherungspolizze erwischt, sich flugs wieder auf seine Zugehörigkeit zum Bürgertum beruft und es für platterdings grotesk erklärt, einen Mann wie ihn des Kommunismus zu verdächtigen (was natürlich niemand getan hat — aber da ist man schon in die Verteidigung gedrängt und muß, statt jenem das Leumundszeugnis zu verpatzen, schon um das eigene besorgt sein). Jean Paul Sartre läßt sich des Kommunismus ohne weiteres verdächtigen, weil er sich entschlossen hat, den Kommunismus für nichts Verdächtiges zu halten. Er unterschreibt kommunistische Friedensmanifeste, ohne sich nachher naiv zu erkundigen, warum er denn nicht für den Frieden sein dürfe, und ohne mit dem holden Augenaufschlag der Unschuld zu fragen: „Mama, was ist das, ein Kommunist?“ Er weiß ganz genau, was das ist. Denn Jean Paul Sartre unterscheidet sich von den meisten intellektuellen Mitläufern des Kommunismus dadurch, daß er intelligent ist. Freilich macht das sein Mitläufertum nur desto rätselhafter, und die Wahrscheinlichkeit, daß es nicht lange dabei bleiben wird, nur desto größer. Aber damit soll nicht gesagt sein, daß Sartre mit dem Kommunismus unbedingt brechen müsse. Er kann — wenn er’s nicht schon geworden ist — ebensogut ein regulärer Parteikommunist werden. Die verruchte Lockung des Experiments, wieweit man sich mit geistigen Mitteln und bei eisig klarem Bewußtsein seiner eigenen Urteilsfähigkeit entäußern kann —: diese halb schizophrene, halb flagellantische Lockung mag ihn immerhin zur Probe auf ein Exempel verführen, das ihm nur noch den letzten Beweis seiner Philosophie erbrächte. Denn von da an ist es nur noch eine Frage der existentiellen Fügung, ob er oder ob das Exempel die Probe besteht, nur noch eine Anwendung des alten Nestroyschen Konflikts: „Ich möcht’ doch sehn, wer stärker ist — ich oder ich“. So daß in jedem Fall er der Stärkere bleibt, und das heißt: der Intelligentere. Ganz gewiß ist er intelligenter als alle die Tröpfe, die seiner „Bekehrung zum Kommunismus“ Beifall klatschen und sie schmunzelnd exploitieren. Es wäre sogar möglich, daß er ihnen insgeheim genau jenes Gefühl entgegenbringt, das sonst immer sie den Exploitierten entgegenbringen: Verachtung. Sogar möglich, daß nicht sie ihn exploitieren, sondern er sie. Und vielleicht — man kann das bei intelligenten Menschen nie wissen — vielleicht ist er sogar ein Zyniker und noch nicht ganz verloren.

Einmal, ein einziges Mal, hatte es auf seiner Pressekonferenz diesen Anschein. Im Verlauf einer Wechselrede empfahl er denen, die über den Kommunismus urteilen wollten, sich von den Zuständen im kommunistischen Machtbereich persönlich zu überzeugen und hinter den Eisernen Vorhang zu reisen. Befragt, wie man das denn anstellen solle, antwortete er: ganz einfach, man brauche nur auf das betreffende Konsulat zu gehen und um ein Visum anzusuchen, er selbst hätte das vor kurzem auch getan, als er in die Tschechosiowakei fahren wollte, und das Visum wäre ihm binnen drei Stunden erteilt worden.

Das sagte Jean Paul Sartre. Und das war eine so parteigefällige, so propagandafromme, so atembeklemmend blöde Antwort, daß er sie unmöglich im Ernst gemeint haben kann. Man darf also noch hoffen.

Es ist jedenfalls ein sehr aufregendes Schauspiel, die Koexistenz Jean Paul Sartres mit dem Kommunismus. Beinahe so aufregend wie „Die schmutzigen Hände“.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1954
No. 10, Seite 16
Autor/inn/en:

Friedrich Torberg:

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