FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1972 » No. 219
Peter Jirak • Georg Kohlmaier

Revolution der Mieter

Italienische Modelle

I. Betrieb und Wohnung

In den letzten drei Jahren verschärfte sich der Klassenkampf in Italien, indem er sich auf alle großen Industrieregionen ausdehnt: Pirelli/Mailand, Fiat/Turin, Rhodia Verbania, Alfa/Innocenti, Siemens/Mailand, Piaggio/Pontedera, und in den Betrieben von Italsider in Neapel, Taranto und Portomaghera.

Vergeblich versuchten Kapital, Gewerkschaft und PCI (kommunistische Partei) die Kämpfe einzudämmen, indem sie sie auf den Mechanismus von Lohn und Preis reduzierten. Neue Formen des Kampfes erschienen außerhalb der Fabrik: im sozialen Sektor, im Transportund Kommunikationswesen, im Wohnsektor.

Die Wohnung ist für die Arbeiter ein primäres Lebens- und Kommunikationsmittel. Der Kapitalistenklasse, die den Arbeitern diese Wohnungen zur Verfügung stellt, ist die Wohnung ein Hilfsmittel für den Produktionsprozeß, da sie zur Reproduktion der Ware Arbeitskraft unerläßlich ist; darüber hinaus streicht sie über die Miete, die die Arbeiter zahlen müssen (von einem Drittel bis zur Hälfte des Monatslohns) einen Teil des Lohns wieder ein, und letztlich gelingt es ihr, durch Wohn- und Stadtbaupolitik die Arbeiterklasse räumlich zu isolieren und derart zu vereinzeln, daß keine Vereinigung zur Klasse und kein Bündnis zustande kommt.

In den Metropolen Mailand, Turin und Rom entwickelten sich in den Stadtteilen autonome Kampfformen, die über Massendemonstrationen, Verkehrsblockaden und Barrikadenbildungen, Hausbesetzungen, Mietstreiks zum vereinigten Miet- und Fabriksstreik führten. Die erste Stufe war die Massenbewegung der „Baraccati“ (Barackenbewohner), die bereits in den sechziger Jahren Tausende von Häusern besetzten. Die Baraccati-Bewegung war reformistisch, weil sie praktisch und theoretisch über Teilziele nicht hinausging, sich mit der Besetzung oder staatlich autorisierten Zurverfügungstellung einzelner Wohnungen an einzelne begnügte.

Gewerkschaft (CGIL = Einheitsgewerkschaft der italienischen Linksparteien; dort sind die Kommunisten PCI, die Sozialisten/PSI und die Einheitssozialisten/PSIUP vertreten, wobei der Einfluß der PCI überwiegt; mit Gewerkschaft ist im folgenden immer die CGIL gemeint) und Mietervereinigung (es gibt die Unione Inquilina und die Nationale Mieterunion/UNIA) nutzten die Spontaneität und die Notlage der Massen aus. Die Massen konnten zwar radikale Forderungen nach Veränderung ihrer Produktions- und Lebensbedingungen stellen, hatten aber noch keine entwickelte Organisation zur Verfügung. So wurden Teilziele zum Inhalt der Kämpfe gemacht, dadurch die Initiativen verbogen und auf der Ebene des Reformismus neutralisiert.

In der letzten Zeit aber gaben die Hausbesetzungen von Casalbruciato und Centocelle in Rom (Bezirk Tiburtino), die Massenaktionen in der Via MacMahon und in der Via Tibaldi in Mailand und nicht zuletzt die Straßenschlachten in Turin Lehrstücke für die Durchsetzung nicht-reformistischer Ziele.

II. Hausbesetzungen

Zum Äußersten entschlossene Barackenbewohner und Obdachlose in Palermo, Messina, Neapel, Florenz, dem Dreieck Mailand—Turin—Genua, in Triest und in Rom besetzten leere Häuser. Seit dem „heißen Herbst“ 1969 hat Italiens Nationale Mieterunion mehr als 5.000 Besetzungen geleitet, deren Ziel immer leerstehende Häuser waren, die der hohen Miete wegen jahrelang unbewohnt geblieben waren.

Die Baraccati verbrennen ihre Hütten, um keinen Rückweg offenzuhalten. So bleibt der Exekutive keine andere Wahl, als die Besetzer in den Häusern zu belassen. „Den Anfang zu Italiens Wohnungselend hat Benito Mussolini gesetzt. Um die Reste des antiken Rom in der nackten Schönheit zeugen zu können, die ihm vorschwebte, ließ der faschistische Diktator in den dreißiger Jahren ganze Straßen mit Elendshäusern im Zentrum von Rom abreißen. Ihre Bewohner fanden sich auf staatliche Order draußen am Rande der Stadt in Neubauten wieder“ (Frankfurter Rundschau, 14.2.1970). Was der Faschismus nach den Aspekten ästhetischer Zielsetzung auf Kosten der Proletarier zerstörte, vernichtet heute unter dem Aspekt fortschrittlicher Stadtsanierung (Ihr Arbeiter sollt es besser haben) der gewöhnliche Kapitalismus, der aus ökonomischen Zwängen die Stadtzerstörung zum Prinzip erhebt.

„Nicht alle, die nach Rom kamen, waren mittellos. Viele von ihnen hatten als Bauern ihr Brot verdient und für ihre steinigen Felder einige 10.000 Lire kassiert, ehe sie nach Norden zogen. Sie kauften sich von Bodenspekulanten ein wenige Quadratmeter großes Grundstück irgendwo im weiten Umkreis von Rom, wo bisher nur Mais und Getreide gewachsen waren. Die römischen Behörden hatten diese Neuzuwanderer, die sich beiderseits des Autobahnringes um die Stadt ansiedelten, nicht eingeplant. Das bedeutete für den Alltag der Neubürger: kein Licht, kein Wasser, keine Kanalisation. Auf mehr als der Hälfte der Fläche, die die Stadt Rom bedeckt, versickern deshalb heute die Abwässer ungeklärt und unkontrolliert im Boden. Die Obdachlosen haben sich selbst geholfen, und deshalb ist das Wohnungselend in Rom lange Zeit nicht explosiv gewesen. Doch das hat sich seit 1969 geändert. Die arbeitsamen Menschen aus Italiens Süden und den unterentwickelten Provinzen beschränken sich nicht mehr darauf, Bretter zusammenzunageln, um sich gegen Wind und Regen zu schützen. Sie haben sich entschlossen, für eine menschenwürdige Wohnung zu kämpfen. Für eine Wohnung, die nicht nur in Gesetzesentwürfen zu finden ist, sondern in richtigen Straßen, in richtigen Häusern“ (Frankfurter Rundschau, 14.2.1970).

III. KP als Sozialdemokratie

Die Baraccati gehen in ihrem Kampf von ihren unmittelbaren Bedürfnissen aus. Das bestehende System bietet ihnen von sich aus keine Chance, sich auf legalem Weg die Mittel hiezu anzueignen. Vielmehr müssen sie durch Selbsthilfe ihre Elendsquartiere errichten, um am Rande des gesellschaftlichen Fortschritts überleben zu können. Durch Eigeninitiative entbinden sie den Staat von seinen in den Grundgesetzen festgelegten Versorgungspflichten. Im langen und vergeblichen Warten auf die Zuweisung von Wohnungen und Arbeitsplätzen erfahren sie im Zwangskollektiv des Elends ihre objektive Klassenlage.

Der nächste Schritt ist konsequenterweise die gewaltsame Besetzung von menschenwürdigem Wohnraum in der Stadt. Diese Handlung bedroht den „sozialen Frieden“. Auch die PCI und ihre Initiativkomitees, die Mieterunionen, müssen jetzt aktiv werden. Als erstarrte und bürokratische Organisationsform kann die PCI die Dynamik dieses revolutionären Prozesses nicht aufgreifen. Um sich als Sozialpartner zu bewähren, muß sie die Initiativen zerbrechen und kanalisieren. An den Besitzverhältnissen ändert sich nichts.

Um das durch die Aktionen der Baraccati im Handstreich eroberte Terrain für ihre eigene Position ausnützen zu können, fordern die klassischen Arbeiterparteien im Parlament eine allgemeine Mietensenkung (Aktion „Miete runter“). Sie formieren aus den Baraccati eine Interessengemeinschaft von Mietern, die in Selbsteinschätzung den Mietsatz der einzelnen Wohnungen durchschnittlich um 30% senken und bis zur endgültigen Regelung durch die Regierung alle weiteren „Störungen“ unterlassen sollen, ausgenommen vereinzelte Werbedemonstrationen für die PCI. Von Zeit zu Zeit werden sie mit Kind, Kegel und Transparenten im Verkehrsgewühl der Innenstadt vorgeführt.

Die Regierung verspricht Mietenstopp bis 1973, die Enteignung passener Grundstücke und eine Verdreifachung des Bauvolumens im öffentlichen Massenwohnbau. Gegen diese von der PCI stimulierten und vom Staat zaghaft in Angriff genommenen Reformen wenden sich die neuen Linksgruppen im Bündnis mit Massenaktionen.

Links von der PCI haben sich revolutionäre Kader gebildet, die unter der Führung von „II Manifesto“, „Lotta Continua“, „Avanguardia Operaia“ und „Potere Operaio“ stehen. Diese Gruppen formierten aus den Betriebskämpfen bei Rhodia, Chatillion, Ducati, Sacib, Alfa, Borletti, Siemens etc. eine Arbeiterlinke, die, in kritischer Opposition zur Gewerkschaftsführung, zur Politisierung der Betriebs- und Stadtteilkämpfe entschlossen ist. Die Studentenkämpfe, die sich anfangs auf den Bildungssektor beschränkten, wurden sehr rasch allgemein-politisch: In den Metropolen Italiens beginnen sich auf den Straßen antireformistische Bündnisse herauszubilden, die nicht mehr als „Minderheiten“ abgetan werden können. Ausschlaggebend war dabei der endgültige, nunmehr auch äußerlich vollzogene Standortwechsel der PCI und der Gewerkschaften: „Die kommunistische Partei ist heute nicht mehr nur eine Partei, deren strategisches Konzept nicht imstande ist, eine revolutionäre Krise zu provozieren und zu lösen. Sie ist vielmehr eine wichtige Kraft, die diese Krise verhindert, die subversive Ausbrüche des Klassenkampfes unter ihre Kontrolle bringt, in der Hoffnung, daß sie bei einer Reformlösung an der Macht partizipiert“ (Il Manifesto, Nationale Arbeiterkonferenz, Mailand, 30/31. Januar 1971).

Vor der Plattform von „Il Manifesto“ gab es weder eine theoretische Konzeption noch eine praktische Organisation, die der neuen Situation gerecht geworden wäre (Vgl. „Il Manifesto“, Merve-Verlag, Berlin 1971, sowie andere Publikationen desselben Verlages; auch: Peter Schneider, Die Massen, die Gewerkschaften und die politischen Avantgarten, in: Kursbuch 26). Il Manifesto hat diese Neuentwicklungen wie folgt kommentiert:

Ein weiterer Bereich (neben den Betrieben), in dem die Arbeiterklasse den Kampf aufnehmen muß, ist der Bereich der öffentlichen Dienstleistungen und Einrichtungen: Wohnungsbau, Gesundheitswesen, öffentliche Transporte, Bildung. In diesen Sektoren nämlich akkumuliert sich die Rückständigkeit des Systems. Wenn das System gezwungen ist, sich zu modernisieren und zu rationalisieren, so geschieht dies im Hinblick auf unmittelbaren Profit, d.h. im Rahmen des Unternehmens. Außerdem versucht das Kapital, über diese Sektoren zurückzubekommen, was es den Arbeitern im Betrieb zugestehen mußte. Der schwerste Fehler wäre also, den Reformisten diese brisanten Themen zu überlassen. Wir müssen daher für diesen Bereich unmittelbare Ziele festlegen, die vor der Eroberung der Macht realisiert werden können, um dem Kapital eine Verbesserung der Lebensbedingungen für die Massen abzuringen. Nur die gerissene Mentalität der Opportunisten und der infantilste Extremismus identifizieren die revolutionäre Linie mit der Parole: alles oder nichts. Ebenso wie wir die Arbeiterklasse zum Kampf für bessere Löhne aufrufen, obwohl unser Ziel die Abschaffung der Lohnarbeit ist, rufen wir zum Kampf für mehr Wohnungen und niedrige Mieten auf, obwohl wir wissen, daß nur ein kommunistisches Produktionssystem das Problem der gesellschaftlichen Konsumtion lösen kann.

Die Reformpolitiker wollen bloß die Staatsmacht selbst individuell konsumieren.

IV. Gewerkschaft als Bauunternehmer

(Auszug aus der Flugschrift: Aujourd’hui nous prenons les maisons, demain la ville, Edition Git-le-Coeur, Paris 1971. Text der Gruppe „Lotta Continua“, Übersetzung G.
Kohlmaier.)

Man weiß, daß ein großer Teil der Mietkosten weder durch die Baukosten, noch gar durch die betrügerische Verschwendung von Materialien verursacht wird, sondern umgekehrt: das hohe Mietniveau erzeugt für alle Eigentümer die bestimmte Hoffnung, beträchtliche Gewinne aus der Differenz vom kapitalisierten Wert der Rendite und den Baukosten zu ziehen. Der Wert dieser Differenz ist nichts anderes als der Marktpreis des Bodens. Also: wie kann man behaupten, daß man die Spekulation mit Immobilien bekämpfen will, wenn man nur den Mietstopp für drei Jahre verlangt?

Die Konzentration des öffentlichen Bausektors sollte in drei Jahren mehr als 100 heute bestehende Unternehmen vereinigen. Die PCI würde diese Neustrukturierung unter der Führung der GESCAL durchführen, um ihren Einfluß auszuweiten. (GESCAL und IACP sind öffentliche Unternehmen mit Gewerkschaftsbeteiligung, die Häuser besitzen und Wohnungen verwalten.) Ein Dreijahresplan beinhaltet die Bewilligung eines 2.500-Milliarden-Kredites für die Errichtung von Volkswohnungen. Dieses Geld sollte dazu dienen, in drei Jahren 250.000 Wohnungen zu bauen. Italien benötigt jedoch 450.000 Wohnungen pro Jahr!

Der Gesetzentwurf sieht keine allgemeine Enteignung vor, also die Enteignung allen Bodens, auf dem Häuser gebaut werden. Man will nur 60% des Baulandes enteignen. Die restlichen 40% der Bodenfläche sollen nicht enteignet werden, was bedeutet, daß nahezu die Hälfte des Baulandes ein Jagdgebiet der Privatspekulation bleiben würden. Das heißt, daß man nach dieser Reform einerseits Kaninchenställe für Menschen haben wird, andererseits Luxushäuser und Villen.

Was macht die GESCAL, deren Geldfonds teils aus Lohnabzügen, teils vom Staate gespeist werden, mit unserem Geld? Wir wissen, daß die GESCAL vom Juli 1963 bis heute ungefähr 176 Milliarden in Bauten investierte und daß sie bei den Banken 283 Milliarden akkumuliert oder in Wertpapieren investiert hat. Man sieht, daß mehr als die Hälfte unseres Geldes sicher nicht für den Bau von Volkswohnungen Verwendung finden. Wenn man das Bankgeheimnis lüften könnte, würde man entdecken, daß die vom Lohn der Arbeiter gemachten Abzüge nicht für den Bau von Volkswohnungen, sondern vor allem für den Bau von Privathäusern, Autobahnen, Supermärkten, Privatindustrien gedient haben, und daß einige dieser Milliarden sogar im Ausland angelegt worden sind.

Die von den Gewerkschaften gewollte Wohnreform bringt weder mehr Wohnungen, noch geringere Mieten. Die Gewerkschaften sagen nicht einmal offen, was die GESCAL oder die anderen Unternehmen sind, wie sie sich ständig auf Kosten der Arbeiterlöhne mästen, weil sie nämlich in Wirklichkeit mit von der Partie sind, wenn sie auch in den Verwaltungsräten noch die Minderheit darstellen. Das Ziel der Gewerkschaften ist es, die einzelnen Bauunternehmen zu liquidieren und in der GESCAL zusammenzufassen, und dann im Verwaltungsrat die absolute Mehrheit zu erreichen. Auf diese Weise würde die Gewerkschaft Besitzer aller sozialen Wohnbauten und vor allem ein dicker Finanzkapitalist, dank der Hunderte von Milliarden, die sie verwalten würde.

Die PCI zeichnet für diese Gewerkschaftsperspektive verantwortlich: sie ist die parlamentarische Wortführerin der Gewerkschaft und nimmt sowohl in den Kommunen wie in den Provinzen (und bald auch in den Regionen) an der Politik der Baugesellschaften, das heißt eigentlich der „Nichtbau-Gesellschaften“, teil. Die PCI wartet also auf einen günstigeren Augenblick, um in die Regierung einzutreten ...

Die Stadt ist Netz und Instrument der Ausbeutung und Herrschaft. Die Stadt ist vor allem ein riesiger Schlafsaal, wo die Proletarier ihre durch die Arbeit erschöpften Kräfte wieder sammeln. Das Wohnhaus ist aber auch ein Mittel, um uns zu trennen. Jede Fabrik, sie möge noch so schmutzig sein und rauchen, ist von Wohnhäusern umgeben; aber wir können sicher sein, daß diese Häuser beinahe niemals von den Arbeitern dieser Fabrik bewohnt sind. Wer in einer Fabrik arbeitet, wohnt meist in einem anderen Dorf oder auf der entgegengesetzten Seite der Stadt. So verliert er im Straßenverkehr die freien Stunden, die ihm bleiben. Er ist von seinen Arbeitskameraden getrennt und kann ihnen außerhalb der Fabrik nicht begegnen. Er lebt, arbeitet, reist immer inmitten von Fremden. Die Menschen, die zusammengedrängt leben, die dasselbe Vorzimmer und denselben Gang teilen, haben einander nichts zu sagen. Das Wohnhaus schafft enorme Unterschiede zwischen den Proletariern, z.B. zwischen Arbeitskameraden (Reihenhausbesitzer, Mieter, Untermieter ...). Es gibt keine reinen Arbeiterwohnungskomplexe mehr, Bollwerke des Klassenkampfes. Heute findet man im selben Haus nebeneinander den Arbeiter, den Angestellten, den Polizisten und den Kleinhändler. Es wird schwierig, seine Feinde zu kennen und wiederzuerkennen.

V. Verbindung vom Stadtteil zum Betrieb

Jede Sanierungsmaßnahme schiebt das Problem der allgemeinen Wohnungsnot vor sich her: am Rande der Metropolen wachsen die Blechhüttenstädte (borghetti), in denen sich Tausende von Italienern zusammendrängen, die aus Apulien, Kalabrien, Sizilien und Neapel gekommen sind, um Arbeit zu finden, und die darauf warten in die „strahlende Stadt“ einzuziehen. In den alten Stadtteilen, wo bisher die Massen ihre Wohnbezirke mit ausgeprägtem Eigenleben hatten, zerstört die Spekulation die Häuser und Straßen, wo Bürobauten, Schnellstraßen und Luxusappartements emporschießen. Das verschärft die Wohnungsnot derart, daß im Jahr 1971 17% der italienischen Familien, im Süden sogar 28%, kein Dach über dem Kopf hatten.

Die Proletarier müssen den Kampf vom Haus über den Verkehr auf die ganze Stadt bis zur Fabrik ausdehnen, indem sie die Machtfrage nicht am Ende dieser Entwicklung, sondern von Punkt zu Punkt der einzelnen Phasen des Kampfes immer wieder stellen: Ausdruck ihres wiedergewonnenen Klassenbewußtseins.

Diese Kämpfe stellen, im Unterschied zu denen der Baraccati, die Machtfrage derart, daß der Staatsmechanismus sein Funktionieren gefährdet sieht und mit massiver Gewalt eingreift. Durch die Besetzungen von Casalbrusciato und Centocelle, wo Hunderte von Familien gemeinsam mit Tausenden Proletariern zehn Tage lang kämpften, war der Staat gezwungen, die Wohnbezirke der Massen militärisch zu besetzen.

Die Proletarier verteidigen nicht nur ihre von Zerstörung bedrohten Wohnbezirke, ihr Kampf wird offensiv von Stadtteil zu Stadtteil getragen, wobei eine neue Kommunikationsform entsteht, die von der PCI unabhängig ist. Die besetzten Häuser werden sehr rasch ein Versammlungsort, wo zwischen Besetzern und Genossen aus anderen Bezirken, Studenten und Arbeitern, Betroffenen und Bündnispartnern, konkrete politische Begegnungen stattfinden.

In den besetzten Gebieten entstanden neue Organisationsformen, die von der kleinsten Zelle, den Stiegenhauskomitees, über Wohnbezirksversammlungen zu Stadtteilkomitees sich entfalten. Die Formen der autonomen Organisation in den Wohnbezirken entsprechen den Organisationsformen in den Fabriken: Banddelegation, Abteilungsdelegation, Fabriksdelegation. In beiden Bereichen ist die Organisationsform vorstrukturiert durch die materiellen Produktions- und Kommunikationsmittel.

Ziel des Kampfes in den Betrieben ist die kollektive Aneignung der ganzen Fabrik. Ziel des Kampfes im Wohnsektor ist die Inbesitznahme der ganzen Stadt als Lebensmittel und materielles wie kulturelles Kommunikationsmittel. Die Inhalte des Kampfes in den Stadtteilen richten sich auf die Selbstbestimmung der Miete (Betriebskostenmiete), auf die Selbstverwaltung der Wohnbezirke mit dem notwendig damit verbundenen Aufbau sozialer Dienstleistungen (Sozialisierung der Infrastrukturen, des Transports, der Fürsorge, der Bildung usw.).

Die entwickelte Organisationsform der Klassenkämpfe konnte sich nur dort entfalten, wo die größte Akkumulation des Kapitals mit der größten Agglomeration der Bevölkerung bereits räumlich verbunden ist: in der Industrieregion Turin. Bei Fiat in Turin sind die Widersprüche des italienischen Kapitals am schärfsten entwickelt:

  • niedere Reallöhne unter dem Druck des internationalen Wettbewerbs,
  • absolute Verschlechterung der Arbeitsbedingungen durch extensive und intensive Ausbeutung,
  • außerordentliche Verteuerung der Lebenshaltungskosten (Lebensmittel, Mieten, Dienstleistungen),
  • politische Krise der herrschenden Klasse als Krise der Institutionen und sozialen Kontrollinstanzen,
  • Widersprüche von Stadt und Land, Nord und Süd (80 Prozent der Fiat-Arbeiter sind aus dem Süden).

Die Kämpfe bei Fiat, die 1967 begannen, bezeichnen das Ende der Passivität der italienischen Arbeiterklasse. In der ersten Phase wird die Produktion aus Mangel an Teilen eingestellt, was die Arbeiter an den Bändern ihrerseits veranlaßt, den Kampf aufzunehmen. „Die Parzellierung der Arbeit selbst ist es, die die Funktion des kollektiven Arbeiters evident macht“ (Il Manifesto). Durch gezielte Teilstreiks konnte die Parzellierung der Arbeit aufgebrochen werden, die Arbeiterkontingente lösen sich von den Montagebändern. Sie ziehen zu den Kollegen und fordern sie auf, es ihnen gleich zu tun. In dieser Phase des Kampfes treten politische Kader von außen auf, die den Zusammenschluß der Arbeiter beschleunigen, um den Arbeitskampf auf den ganzen Produktionsbereich auszudehnen. Pausenlos ziehen demonstrierende Arbeiter durch die Fabriken, ständig finden irgendwo Arbeiterversammlungen statt. „Lotta dura“ heißt die Losung.

Den spontanen Streiks setzt das Kapital Aussperrung und Polizeiterror entgegen. Den Arbeitern gehört die Fabrik noch nicht. Sie müssen sich außerhalb versammeln, um eine dauerhafte und umfassende Organisation aufbauen zu können. Gemeinsam mit studentischen Kadern, zu denen die Arbeiter ausgezeichnete Verbindungen haben, richten sie in den Stadtteilen Versammlungsorte ein. Die permanent tagende Arbeiter- und Studentenversammlung verbindet die bisher vereinzelten und unkoordinierten Kämpfe in den Produktionszweigen und Branchen der Industrieregion. Durch dieses Bündnis wird eine neue Organisationsform sichtbar (comitato unitario dibase = CUB).

Ein von der Gewerkschaft am 3. Juli 1959 gegen die Mieten ausgerufener Generalstreik wird von der Avantgarde zum Anlaß genommen, innerhalb der Arbeiterquartiere eine Demonstration zu formieren, um der ganzen Stadt die Erfahrung des autonomen Kampfes zu vermitteln. Was eine friedliche Kundgebung hätte sein sollen, wird durch Polizeiterror zu einer Straßenschlacht, an der die Bevölkerung teilnimmt.

Durch die Konteroffensive des Kapitals (am 3. und 4. September sperrt Agnelli 40.000 Arbeiter in Mirafori, Lingotto und Rivalta aus) eskalieren die Kämpfe und setzen sich auf einer höheren Stufe fort: die Arbeiter besetzen bereits am Tage nach ihrer Aussperrung die Fabrik und blockieren die gesamte Produktion.

Doch der Kampf bleibt nicht auf die Fabrik beschränkt. Als die Arbeiter am 15. Oktober 1969 in ihren Lohntüten nicht den vollen Lohn, sondern nur ein paar tausend Lire finden, wird ihnen sofort klar, daß Agnelli sie jetzt buchstäblich aushungern will, und sie beantworten diese neue Repressalie damit, daß sie ein weiteres Mal ihren Kampf auf dieBereiche außerhalb der Fabrik ausdehnen: organisiert verweigern sie die Bezahlung der Mieten, organisiert verweigern sie die Tarife der Verkehrsmittel, mit denen sie Tag für Tag zur Arbeit fahren müssen.
Tausende von Arbeitern ziehen in Demonstrationszügen durch die Wohnviertel ihrer Klassengenossen und verteilen dort Flugblätter, um den noch zögernden Arbeitern zu zeigen, daß sie den Kampf gegen die Ausbeutung außerhalb der Fabrik, gegen die Mieten und Lebenshaltungskosten ebenso geschlossen führen müssen wie ihren Kampf innerhalb der Fabrik, und daß beide Ebenen des Kampfes unmittelbar verbunden sind.

(Vgl.: Fiat-Streiks, Trikont-Verlag, München 1970)

VI. Nicht-reformistische Reformpolitik?

Die Arbeiteroffensive der Jahre 1968/69 zwang die Unternehmer zu Konzessionen, die Mechanismen der kapitalistischen Akkumulation wurden substantiell angegriffen. Der Versuch der Bourgeoisie, die Klassenkämpfe und Antagonismen zu stabilisieren und das klassische Gleichgewicht wiederherzustellen, scheiterte an der Kampfbereitschaft der Arbeiter, die sich in den letzten drei Jahren im Widerstand gegen Disziplinierung, forcierte Ausbeutung und autoritäre Hierarchie bewährt. Dies wäre ohne die Bildung einer revolutionären Avantgarde, die sich im Gegensatz zu Deutschland aus der wirklichen Erfahrung des unmittelbaren Klassenkampfes und nicht aus einer windigen akademischen Marx-Rezeption entwickelte, nicht möglich gewesen. Waren die Kämpfe der Baraccati in den Stadtteilen zunächst unkoordiniert, so entstanden doch in der zweiten Phase der Kämpfe („Rote Woche“ in Rom) organisierte und koordinierte Formen, welche ganze Stadtteile erfaßten, und schließlich kam es (wie bei Fiat/Turin) zu koordinierten Kämpfen in den Fabriken und Stadtteilen.

Die Macht der Bourgeoisie ist nicht stark genug, um die Arbeiterklasse durch eine deflationistische Politik, die in solchen Situationen ihre übliche Waffe ist „zur Vernunft zu bringen“. Umgekehrt hat die Arbeiterklasse nicht politische Macht genug, um einen Frontalangriff gegen das System zu lancieren. Wenn sie konsequent bliebe, würde das genügen, um das System funktionsunfähig zu machen und die Herrschaft des bürgerlichen Staates zu beenden. Diese konkrete Möglichkeit befürchten die traditionellen Klassenorganisationen: sie weigern sich, eine revolutionäre Krise anzusteuern, und schüchtern die Massen ein, indem sie die Gefahr einer reaktionären Offensive und eines wirtschaftlichen Chaos aufzeigen, die letzten Endes auf Kosten der Arbeiter gingen.

(André Gorz, in: Les Temps modernes, No. 296)

Die Konsequenz, wie Gorz sie fordert, wird zur Realität, wenn die Arbeiterklasse

  • die Kämpfe auf alle Bereiche der Kapitalsmacht ausdehnt,
  • mit den fortgeschrittensten Kräften der Gesellschaft Bündnisse eingeht, und
  • durch entsprechende Organisation alle Fronten des Kapitals gegen-besetzt und diese Positionen zu einer einheitlichen Kampflinie verbindet.

Das Kapital herrscht auch über den Handel, über die Wohnungen, über die „Freizeit“, über alle Lebensbedingungen der Massen. Es hat also keinen Sinn, in den Fabriken um Lohnerhöhungen zu kämpfen, wenn nicht zugleich die Instrumente und Institutionen angegriffen werden, über welche die Unternehmer verfügen, um die eroberten besseren Löhne durch Preiserhöhungen wieder zu anullieren. Ebenso wenig sinnvoll erscheint es, in der Fabrik für menschliche Arbeitsbedingungen zu kämpfen, wenn die Forderung nach Realisierung gesamtgesellschaftlicher Arbeits- und Lebensbedingungen dabei unerfüllt bleibt.

Aufgaben dieser Art konnten die klassischen Arbeiterorganisationen, die Gewerkschaft und die PCI, nicht erfüllen, weil durch die entwickelten Widersprüche des Kapitals in Italien die Stunde des Reformismus geschlagen hat: in den letzten Jahren hat jeder Reformversuch sofort eine schwere Krise des gesamtgesellschaftlichen Systems heraufbeschworen. Bei konsequenter Durchsetzung der Reformen erhält die Krise den Charakter der Permanenz. Reformen können nicht mehr in einem aus dem Gleichgewicht gebrachten System durchgesetzt werden, weil die ökonomische Struktur des Kapitals sich derart radikalisiert hat, daß kleinste reformistische Eingriffe zu einer schweren Erschütterung des Gesamtsystems führen, und das Kapital letztlich zum Spiel mit dem Faschismus veranlassen.

FORVM des FORVMs

Vorgeschaltete Moderation

Dieses Forum ist moderiert. Ihr Beitrag erscheint erst nach Freischaltung durch einen Administrator der Website.

Wer sind Sie?
Ihr Beitrag

Um einen Absatz einzufügen, lassen Sie einfach eine Zeile frei.

Hyperlink

(Wenn sich Ihr Beitrag auf einen Artikel im Internet oder auf eine Seite mit Zusatzinformationen bezieht, geben Sie hier bitte den Titel der Seite und ihre Adresse bzw. URL an.)

Werbung

Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1972
No. 219, Seite 17
Autor/inn/en:

Peter Jirak: 1939 geb. in Marburg/Drau‚ Studium der Malerei bei Gütersloh (Wien) und Hegedusic (Zagreb), Studium der Philosophie an der Wiener Universität, dissertierte über „Den Staatsbegriff bei Hegel und Marx“, war ein Rädelsführer der Neuen Linken (SOS, Sozialistischer Österreichischer Studentenbund, später FNL, Föderation Neuer Linker) an der Wiener Universität, 1968. Später Lektor bei Luchterhand, wo auch die Gesammelten Werke von Georg Lukács erschienen. Gastrosoph und Vorsitzender der Slow-Food-Bewegung, lebt in Wien und Norditalien.

Georg Kohlmaier: Geboren 1937 Graz, Dipl.-Ing. 1960 Wien, 1967-1969 Paris bei Jean Prouve (Stahlbau). 2. Preis Wettbewerb für TU Berlin 1968. Teilnahme an Bürgerinitiativen in Kreuzberg und Schöneberg. Lebt in Berlin, beschäftigt sich mit Architekturtheorie. Zeitschriftenpublikationen.

Lizenz dieses Beitrags:
Copyright

© Copyright liegt beim Autor / bei der Autorin des Artikels

Diese Seite weiterempfehlen