FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1970 » No. 202/II/203/I
Michael Siegert

Revolution, Atheismus, Pornographie

Sade-Studien — 3. Folge

IX. Luxus und Kapitalismus

Sades Werk quält insbesondere die Marxisten, indem es ihnen als Naturphänomen gegenübertritt: Widersprüche werden weder verdeckt noch aufgelöst, nur Abgründe aufgetan. Wenn ganze gesellschaftliche Formationen wie das Rokoko vom Geschlechtssaft überschwemmt werden, kann man das ja wohl nicht ignorieren. Glücklicherweise hat Werner Sombart eine allgemeine ökonomische Formel gefunden, um das Sexualgespenst, das im dogmatischen antifreudianischen Marxismus um- und umgeht, wieder einzufangen. Er behauptet nämlich die Geburt des Kapitalismus aus dem Geist des Luxus (siehe seinen „Modernen Kapitalismus“, und die ergänzende Schrift „Liebe, Luxus und Kapitalismus“, dtv 458).

Das geht etwa so. Aller Reichtum war ursprünglich (das heißt im Mittelalter) Grundbesitz. Dann gibt die Ausplünderung der Kolonien den entscheidenden Anstoß: zwischen 1600 und 1800 entstehen die großen Kaufmannsvermögen. Die Naturalwirtschaft wird durch Geldwirtschaft (sexuell: das ius primae noctis des Grundherrn durch die „Käuflichkeit der Liebe“) ersetzt. Händler und Handwerker bilden um Häfen und Burgen Städte. In den Großstädten um die absolutistischen Fürstenhöfe verwandelt sich das Handwerk in Industrie. Hof, Bürokratie und Militär bilden den Markt der Luxusindustrie, anlagesuchendes Handelskapital und Arbeitskräfte streben ihr zu, und der rasche Wechsel der erzeugten Produkte schult die Beweglichkeit im Sinne kapitalistischer Organisation. Die Kurtisanenwirtschaft bedeutet Ausweitung des Marktes, Anstoß für die „ursprüngliche Akkumulation“ des Industriekapitals. So wird die Erotisierung des Rokoko zum Ökonomischen Faktor: indem die Aristokraten sich für ihre Mätressen ruinieren (Sade für die Beauvoisin), vergrößern sie den Markt für Luxusgüter. Die Nouveaux riches werden nobilitiert und treten neben den Uradel, den Lehensadel, in die Herrscherklasse ein.

Man kann den Vorgang aber ebensogut als Verbürgerlichung des Adels ansehen. Dieser Prozeß vollzieht sich auf zwei Wegen; einem ökonomischen: Industrieproduktion auf Adelsgütern, etwa Holz- und Textilindustrie (für Österreich vgl. Otto Brunner, Adeliges. Landleben und europäischer Geist, Salzburg 1949, S. 319 ff.), durch Verkauf von Gütern an Bürgerliche (in Frankreich ab 1600), durch Kauf von Adelstiteln, etwa unter dem französischen Absolutismus („unmoralisch“ unter der mittelalterlichen Ethik — da galt nur die militärische Leistung); dann ein sexueller Weg: Nobilitierung durch Heirat. Waren früher durch Ehen Güter zusammengelegt worden, so jetzt Geldvermögen, Kapitalien.

Bleiben wir gleich bei diesem Thema. Sades Vater, kalt, distanziert, beschränkt, der sich „ohne jede Phantasie ruiniert hat“ (Bourdin), vielleicht aber auch einfach aus Mangel an Initiative — zwingt seinen Sohn in eine Ehe mit der Tochter des ehemaligen Oberfinanzgerichtspräsidenten de Montreuil, der sich vermöge seines Schlüsselpostens ein ungeheures Vermögen erwirtschaftet hat. Die Montreuils waren junger Juristenadel und sahen die Chance, in eine Nebenlinie des Hauses Bourbon einzuheiraten.

Donatien-Alphonse-François rast aber gerade hinter einem Fräulein de Lauris her, die ihm eben einen Tripper angehängt hat (Gilbert Lely, Leben und Werk des Marquis de Sade, Düsseldorf 1961, S. 37 f. — Französische Ausgabe als Bd. 1 und 2 der Oevres Complètes du Marquis de Sade, Paris 1966, dort Bd. 1, S. 70). Sade eilt zu der Braut seiner eigenen Wahl nach Avignon und gefährdet damit die Hochzeit, dabei ist sie ihm untreu — einen Monat vor Unterzeichnung des Ehevertrages am 15. Mai 1763 tobt er noch um die andere. Ein unwahrscheinlicher Wirbel von Leidenschaft, Geld, Geschlechtskrankheit, Postkutschen, Eheversperchen, Schwüren und Treubruch.

Kalt und nackt der Heiratsvertrag mit seinen Ziffern (a.a.O., Bd. 1, S. 84 ff). Dabei wird der junge Marquis recht kurz gehalten, denn er ist ja noch „leichtsinnig“. Familieninteresse präponderiert. Seine Antwort: 1771/72 geht er ein leidenschaftliches Verhältnis mit der Schwester seiner Frau ein, reist mit ihr durch Italien. 1783 schreibt er der Marquise aus dem Gefängnis: „Wie Ihre Niedrigkeit, die Ihrer Herkunft und Ihrer Eltern in allem durchbricht!“ (a.a.O., S. 77).

Soweit klingt das Ganze mehr wie ein Schundroman, nämlich genau wie der, den Atze Brauner 1970 unter dem Titel „Das ausschweifende Leben des Marquis de Sade“ verfilmt hat. Im Individuellen, im Familienkonflikt, spiegelt sich aber ein gesellschaftliches Verhältnis, nämlich der wirtschaftliche Niedergang des Adels. „Um so adelsstolzer, je machtloser“, lautet die knappe Charakteristik des „robespierristischen“ Historikers der französischen Revolution, Albert Mathiez (Die Französische Revolution, Hamburg 1950, Bd. 1, S. 14). Die Ausweitung des kapitalistischen Sektors in der Wirtschaft führt zu einem Sinken der Grundrente, die Geldentwertung mindert den Pachtzins — ein vordergründiges Moment, das eine reale Machtverschiebung zwischen den Klassen verhüllt. Die fortschreitende erbteilige Güterdrittelung und der Privilegienverkauf schafft im 18. Jh. eine „adelige Plebs“. Der Ruin der Familie Sade liegt auf dieser Linie.

Im Laufe des 18. Jahrhunderts gehen Bergbau, Hütten- und Textilindustrie aus dem Eigentum des Adels in die Hand der Bankiers über. Der Händlerberuf war dem Uradel verschlossen. Politisch wurden die Landjunker durch den Absolutismus entmachtet, der sich gleichsam als Schiedsrichter zwischen den konkurrierenden Klassen etabliert (Ludwig XIV., Richelieu). Die Bürokratie (Juristenadel usw.) wuchs ungeheuer. Zur Zeit der Revolution waren von 17.000 aristokratischen Familien schon 8000 aus Beamtenadel, weitere 6000 hatten den Adel gekauft (Bourgeois), und nur bei 3000 war der Adelsbrief älter als 400 Jahre (davon beruhten wieder 1500 auf mittelalterlichen Lehen — siehe Sombart, Der moderne Kapitalismus, München 21916, Bd. 1, S. 856).

Zur Eigentumsumschichtung zwischen Adel und Bourgeoisie: wir wollen nicht vergessen, daß es die ökonomische Seite der sogenannten „Schreckensherrschaft“ Robespierres war, daß der Adel Besitztümer um vier Milliarden Livres verkaufen mußte. Sade konnte seine Güter nicht loswerden und erhielt auch keine Revenuen mehr. Die Revolution machte ihn zum Bettler. Sein Briefwechsel mit dem Provinzanwalt Gaufridy gibt bewegtes Zeugnis von verzweifelten Versuchen, die Zerstörung seines Schlosses La Coste durch aufrührerische Bauern zu verhindern und irgendwelche Einkünfte zu erhalten. In dem Brief vom 5. Mai 1793 lesen wir: „Sie bringen mich an den Bettelstab ... Ja, so steht es mit mir! ... Genau so! Seit vier Tagen habe ich keine Dienstboten mehr, weil ich sie nicht ernähren kann, ich selber kann mich nur behelfen, indem ich bald hier, bald dort esse ... Das, worum ich Sie bitte, ist Geld, das, was ich haben will, ist Geld, das, was mir fehlt, ist Geld. Ich besitze Güter für fünfhunderttausend Francs, verkaufen Sie unverzüglich für dreizehntausend Livres ein Stück dieses Bodens, so daß ich bis zum nächsten Mai davon leben kann, um mir die schreckliche Angst zu nehmen, mit der Sie mir zu Anfang jedes Vierteljahres das Herz zerreißen ... Also! tun Sie es ... tun Sie es um Gottes willen, verfahren Sie, wie Sie wollen, mit Saumane, Mazan, mit Arles, mit La Coste! Beschneiden Sie, verkleinern, verpfänden, verkaufen Sie, heizen Sie tüchtig ein, tun Sie den Teufel, aber schicken Sie mir Geld, denn ich muß es sofort haben, denn ich pfeife aus dem letzten Loch!“ (Marquis de Sade, Briefe, Düsseldorf 1962, S. 229 ff).

X. Adelsrevolte

Der Zusammenbruch des Ancien regime erfolgt in dem Augenblick, wo die Verschiebung der Klassenkräfte zum Bürgertum hin den Absolutismus aus dem Gleichgewicht bringt. Wie Mathiez sagt, bewirkt nicht das Elend (Mißernte, Hunger) den Umsturz, sondern der Verlust im Gleichgewicht der Klassen (a.a.O., S. 24). Die marxistische Analyse krankt bisher daran, daß sie die echte Zwischenposition des Absolutismus zwischen Feudalismus und Kapitalismus nicht zu fassen imstande ist.

Der dynamische Faktor bei der Auslösung der französischen Revolution ist der Aufstieg der Bourgeoisie. Das drückt sich in immer größeren Konzessionen des Hofes aus. Der Ruin des Staates bewirkt die Wiederingangsetzung des alten Ständeapparates zur Steueraufbringung. Aber der Adel spielt nicht mehr mit: unter der Führung der Parlamente (Berufungsgerichte) tritt er in praktischen Steuerstreik; gleichzeitig wehrt sich die Aristokratie dagegen, daß dem Tiers état mehr Macht in den Anfang 1787 einberufenen Generalständen eingeräumt werden soll. Die Adelsrevolte von 1787 ist der eigentliche Beginn der Revolution, die Bourgeoisie kommt erst im Gefolge des Adels in Bewegung.

Bourgeoisie und Adel sind sich nur gegen den Absolutismus einig. Sofort nach dem Sturz des Ministers Brienne und der Wiederkehr des Bürgerministers Necker im August 1888 erfolgt die Trennung der Allianz von Aristokratie (die zum alten Ständesystem zurück will) und dem dritten Stand (der auf die Konstituante hindrängt).

Am 12. Dezember 1788, ein halbes Jahr vor dem Ausbruch, veröffentlichen fünf königliche Prinzen, unter ihnen die Brüder des Königs und der Prinz Condé einen Aufruf: „Die Rechte des Throns sind in Frage gestellt worden, über die Rechte der beiden obersten Stände des Staates sind die Meinungen geteilt, bald werden die Rechte des Eigentums angegriffen und die Ungleichheit des Besitzes als Gegenstand der Reformen zur Diskussion gestellt werden“ (Mathiez a.a.O., S. 48).

Das sollte dem dritten Stand Angst machen. Sade hat in der Tat später derartiges gefordert, und zwar in dem Pamphlet „Français, encore un effort ...“, der Bestandteil der „Philosophie dans le boudoir“ ist und 1795, also nach der „Schreckensherrschaft“ Robespierres, geschrieben wurde, als Sade selbst schon als freier Autor, das heißt de facto Lohnabhängiger, leben mußte. Sades Held Dolmancé postuliert: „Ich will es sogar wagen, die unparteiische Frage zu stellen, ob denn der Diebstahl, dessen Ziel es ist, die Unterschiede des Reichtums aus der Welt zu Schaffen, in einem auf Gleichheit gerichteten Staat als großes Übel gelten darf? Zweifellos nicht, denn der Diebstahl neigt dazu, beide Parteien gleich zu machen ... Ich frage Euch weiter, ob das ein gerechtes Gesetz ist, das dem Besitzlosen Respekt vor dem Besitze anbefiehlt? Was sind die Elemente eines Gesellschaftsvertrages? Sollte ein Gesellschaftsvertrag nicht eben darin bestehen, daß man von der eigenen Freiheit und vom eigenen Besitze ein Geringes abgibt, um die Erhaltung der Freiheit und des Besitzes zu gewährleisten und zu fördern? ... Seid Ihr aber erst einmal überzeugt von der Barbarei dieser Ungleichheit (und Ihr solltet es sein), dann verschärft sie nicht, indem Ihr den Armen straft, weil er es wagte, dem Allesbesitzenden etwas zu nehmen; Euer ungerechter Eid rechtfertigt ihn mehr denn je. Wenn Ihr ihn durch diesen Eid zu einem absurden Meineid zwingt, rechtfertigt Ihr gleichzeitig alle jene Verbrechen, zu denen dieser Meineid führt; deshalb besitzt Ihr gar kein Recht, jene Vergehen zu strafen, an denen Ihr selbst schuld seid.“

Mit solch egalitärem Radikalismus kommt Sade in die Nähe der radikalsten Fraktion der Bourgeois-Revolutionäre, etwa Marats, Heberts, Roux’, der Enragés — nicht freilich „Gracchus“ Babeufs, der schon auf die Arbeiter setzte. Zu Arbeitern hatte Sade aber noch ein negatives Verhältnis, wie — bei aller Ironie im Ton — aus dem Dialog „Philosophie dans le boudoir“ hervorgeht. Als nämlich der Chevalier mit der Verlesung des oben zitierten Aufrufs beginnen will, wird der einzige Proletarier der Runde, der Gärtnerbursche Augustin mit dem überdimensionalen Schaft, der alle gerade kräftig gefickt hat, weggeschickt: „Hinaus mit dir, Augustin“, ruft seine ihm sonst sich gerne neigende Herrin, die Madame de Saint-Ange — der heilige Engel —, „das ist nicht für dich bestimmt.“

XI. „Orgien“

Eine bestimmte Kontaktnahme mit dem proletarischen Milieu sollte für Sade verhängnisvolle Folgen haben. Am Ostersonntag 1768 liest der Marquis eine bettelnde arbeitslose Baumwollspinnerin von der Straße auf; sie heißt Rose Keller, ist 36 Jahre alt und Witwe eines Konditorgehilfen, eine „Deutsche“ aus dem Elsaß, die nur gebrochen französisch spricht. Er bringt sie in sein Haus in Arcueil, wo er sie zwingt, sich auszuziehen und sie schließlich bäuchlings auf dem Bett festbindet. Dann peitscht er sie leicht mit Rute und neunschwänziger Katze; wenn Wunden entstehen, reibt er sie mit einer Heilsalbe ein. Schließlich werden die Schläge härter und rascher, Sade stößt „sehr hohe und sehr schreckliche Schreie aus“ — ein Orgasmus (Lely, Bd. 1, S. 173). Die Arbeiterin, die sich konventionell vielleicht vom Grandseigneur hätte ficken lassen, so aber völlig verstört war, flüchtet und zeigt Sade an. Durch Interventionen bleibt die Strafe auf eine kurze Haft beschränkt.

Wir übergehen einige unwichtige Zwischenfälle. Ein weiteres Abenteuer mit vier Mädchen in Marseille 1772 führt zum endgültigen „Sturz“ des Marquis. Die Elemente der Orgie sind Peitschung mit Besen (aktiv und passiv), Sodomie (im damals üblichen Sinn von Analverkehr), Einbeziehung des Dieners, Kantharidin-Bonbons (ein zeitgenössisches Aphrodisiakum). Den Mädchen wird schlecht, Magenkrämpfe, Blasenkatarrh usw., und die Sache kommt heraus. Der Marquis muß nach Italien flüchten, er wird zum Tode verurteilt und in effigie hingerichtet. — Fortschritte der Chemie! Wenn wir Heutigen etwa unsere Berührungssensibilität steigern wollen, nehmen wir LSD und es geschieht das Gewünschte. Sade mußte jahrzehntelang im Gefängnis büßen.

1777 wird der Marquis de Sade verhaftet und trotz juridischer Annullierung seiner Strafe im folgenden Jahr gemäß einem „Lettre de cachet“ des Königs weiterhin gefangengehalten. 1784 wird er in die Bastille verbracht, wo er fünf Jahre zubringt, und erst 1790 befreit ihn die Revolution aus dem Irrenhaus Charenton.

Um Sades Schicksal erklären zu können, muß man seine spezifische Position im Ancien régime und die seiner Familie miteinbeziehen. Mütterlicherseits stammte er aus der Familie der Prinzen von Condé, einer Nebenlinie des Hauses Bourbon. Zur vorhergehenden Generation der Condés gehörte Charles de Bourbon, der berühmte Graf von Charolais (1700-1760), der den Ruf eines Sadisten weit eher verdiente als Sade. Schon mit 17 Jahren ging er nach Ungarn, um mit Prinz Eugen gegen die Türken zu kämpfen (der Marquis de Sade nahm übrigens 1757—1763 am Siebenjährigen Krieg teil). Der Graf von Charolais war berühmt dafür, daß er sich damit vergnügte, Dachdecker abzuschießen, um ihren Todessturz zu erleben (Michaud, Biographie universelle, Paris 1854, Bd. 7, S. 372). In „Français, encore un effort ...“ erzählt Sade die Anekdote, wie der König auf den Fall reagierte: „Ich begnadige Sie“, sagte Ludwig XV. zu Charolais, der einen Menschen zum Vergnügen getötet hatte, „aber ich begnadige auch den, der Sie töten wird.“

Charolais starb acht Jahre vor Sades Affäre mit Rose Keller, und es ist sehr wohl möglich (Maurice Heine unterstellt es), daß man den Marquis de Sade dem Unmut der Öffentlichkeit über die ungesühnten Taten seines entfernten Verwandten opferte. Auch hatte er das Pech, durch seine Heirat in die Montreuil-Familie in das Schußfeld alter Richterfeindschaften zu geraten, seine beiden Verurteilungen erklären sich zum Teil aus Justizkabalen. Wobei man allerdings hinzufügen muß, daß mit einem Mann minderer Stellung viel weniger gefackelt worden wäre — für „Sodomie‘“ galt damals noch die Todesstrafe.

Geboren und aufgewachsen im Hôtel de Condé, war Sade Spielgefährte des um vier Jahre älteren Prinzen Louis-Joseph de Bourbon, der 1789 die gegenrevolutionäre Condé-Armee aufstellen sollte und das Palais Bourbon erbauen ließ. Schon hier erlebte der — wie die meisten Mutterkinder — Frühreife die Rangkonflikte, die später seine Haltung in der Adelsrevolte bestimmen sollten. Im Roman „Aline et Valcour“ erzählt Sade eine autobiographische Episode mit dem Prinzen: „... beeilte man sich, mich ihm nahezubringen ... aber meine momentane Eitelkeit, die diese Berechnung nicht begriff, ereiferte sich eines Tages bei unseren kindlichen Spielen, weil er mir etwas streitig machen wollte, und noch mehr, weil er zweifellos glaubte, sein Rang berechtige ihn zu solchen Ansprüchen. Ich rächte mich mit zahlreichen Schlägen für seinen Widerstand, ohne daß irgendeine Überlegung mir Einhalt gebieten konnte, und nur der Kraft und der Gewalt konnte es gelingen, mich von meinem Gegner zu trennen.“

XII. Sades Atheismus

Der tiefgehende Autoritätskonflikt um die Willkürhaft politisierte den bis dahin bloß als Libertin exzedierenden Marquis. Als er das dritte Jahr auf den bloßen Befehl des Königs hin in Vincennes einsitzt, schlägt er zurück: er schreibt — im Alter von 42 Jahren — sein erstes schriftstellerisches Werk, den „Dialog zwischen einem Priester und einem Sterbenden“ (1782). „Dein Gott“, ruft der Moribunde dem Priester zu, „ist eine Maschine, die du fabriziert hast, damit sie deinen Leidenschaften dienen soll, und du läßt sie nach deren Wünschen sich bewegen“. Der Anthropomorphismus Gottes: Sade ist Schüler Lamettries, des Verfassers von „L’homme machine“.

Später wird Sade die Kirche in ganz modern anmutender Form als durch ökonomische Bindung an Herrschaft geknüpftes System bekämpfen. Im ersten Teil der „Juliette“ heißt es: „Zweifellos haben die Priester ihre besonderen Gründe, die lächerliche Fabel von der Unsterblichkeit der Seele zu erfinden, wie könnten sie sonst Sterbende bewegen, ihren Obulus zu zahlen?“ Und der Minister Saint-Fond erklärt im zweiten Teil: „Die Macht des Systems beruht auf der Macht des Krummstabs, die beiden Autoritäten haben das größte Interesse an gegenseitiger Hilfe; die Massen können ihr Joch nur abschütteln, wenn es ihnen gelingt, die beiden zu trennen. Nichts macht den Menschen so unterwürfig wie religiöse Angst; es ist nur recht, daß sie ewige Verdammnis fürchten sollen, wenn sie gegen ihre Könige revoltieren, deshalb sind die europäischen Mächte immer so gute Freunde Roms.“

Mit seiner Gottesfeindschaft tritt Sade über den Rahmen hinaus, den sich die von der Zensur bedrängte Enzyklopädie eine Generation zuvor noch setzen mußte (fast gemahnt Sade in seinem monomanen, gottsucherischen Streit mit Gott an Nietzsche; in der Negation hypostasiert er in Wirklichkeit Gott: so taucht sein eigener Autoritätsanspruch wieder auf). Voltaires Candide, der das Vorbild für Sades Justine ist, staunt im kirchenlosen Land Eldorado: „Wie! Ihr habt keine Mönche, die predigen, disputieren, regieren, intrigieren und die Leute verbrennen lassen, die nicht ihrer Meinung sind?“

Über die soziale Bedeutung des Kirchenkampfes informiert uns Diderot, der Herausgeber der „Enzyklopädie“ (erschienen 1751—1764), wenn er wie nebenbei in einem Artikel des Nachschlagwerkes über „politische Obrigkeit“ eine Definition Gottes gibt: „Das ist Gott, dessen Macht stets dem Geschöpf gegenwärtig ist, ein Herrscher so eifersüchtig wie absolut, der niemals seine Rechte verliert und sie auch nicht teilt. Er gestattet, daß die Menschen zum Wohl des Ganzen und für die Erhaltung der Gesellschaft unter sich eine Unterwerfungsordnung einrichten und einem unter ihnen gehorchen. Aber er will, daß dies durch Verstand und Maß geschehe und nicht mit Blindheit und ohne Zurückhaltung.“ Das deuten wir so: indem Diderot das projektive Verhältnis des Anthropomorphismus voraussetzt (Gott ist ein Abbild des irdischen Herrschers, er herrscht über die gesamte Natur wie dieser über die Menschen), bildet er sich einen „konstitutionellen“ Gott, um auf Erden die konstitutionelle Monarchie folgern zu können.

Damit aber transzendiert Diderot den Absolutismus — Diderot, der mit Holbach und Lamettrie den linken Flügel der enzyklopädistischen Schule bildet. Er ist nicht mehr Höfling, wie noch ein Teil seiner Mitarbeiter, sondern bereits Bürger, freier Schriftsteller: die Enzyklopädie ist ein kommerzielles publizistisches Unternehmen. Sade, der Atheist, wird als einer der wenigen Aristokraten den Weg über die Gironde hinweg in die Anfänge des robespierristischen Regimes finden, er wird einer der ersten sein (als Mitglied von Robespierres Section des Piques!), die den Kultus der Vernunft an Stelle von Religion propagieren.

Es wird allerdings oft übersehen, daß schon der Absolutismus in einem gewissen Grad kirchenfeindlich war. Es wäre sonst nicht möglich, daß Voltaire und Rousseau mit ihren Theaterstücken und Opern Hofleute sein konnten. Besonders gilt das für den österreichischen Absolutismus, der gewisse bourgeoise Aufgaben mit übernahm, die in Frankreich vom Regime der Revolution besorgt wurden. Man könnte den Josephinismus als Bündnis von Adel und Bourgeoisie auf Kosten der Schmälerung geistlicher Güter und Positionen definieren. Die Säkularisation bedeutet den Abstieg einer bestimmten überflüssig gewordenen Eigentumsform.

Die Legierung von adelsstolzer Rebellion und individualistischem Bürgergeist verkörpert insbesondere Sade, und um die antiklerikale Frontstellung zu verstehen, müssen wir auf die Rolle der Kirche im Mittelalter zurückgehen. Der Libertin ist nämlich nichts anderes als ein Aristokrat, der die schon morschen Bande, die ihm das Interesse des Grundeigentums in Gestalt von Familie und Moral auferlegt, in dem Augenblick abwirft, wo dieses Eigentum ökonomisch zum Teufel geht.

XI. Sade und die Klöster

Wenn Sade in einem fast manisch wirkenden Feldzug die Klöster als Orte der Unzucht und des sexuellen Terrors denunziert, so drückt er damit den Verfall einer Eigentumsform aus: wenn der Grundbesitz käuflich wird, bricht der ethische Überbau über dem Lehenswesen zusammen. Wo Güter durch Befolgung der alten Regeln verlorengehen, wird die Sexualaskese zur Farce.

Wenn die Mönche des Klosters Sainte-Marie-des-bois in Justine gerade das bindungslose Individuum sehen, das ihnen als sexuelles Spielzeug dient, so meint das eben den Rollenwandel, die Sinnentleerung des Klosters als Institution. Es ist frappierend zu sehen, wie sehr die aus dem sozialen Kontext gelösten Monasterien Sades zu KZ-artigen Herrschaftssystemen entarten, was bis in die Details der Häftlingsuniformierung geht. Es sei ein einziges Beispiel angeführt, das wir auf den letzten Seiten der „120 Tage von Sodom“ finden (wir setzen hier die Isomorphie von Sades Klöstern und der Gesellschaft vom Schloß Silling voraus). Dort wird einem Teil der Mannschaft ein grünes Band verliehen, „unter der Bedingung, daß derjenige, der es erhält, gewillt ist, bei der Tötung der anderen Opfer Hand anzulegen“. Das erinnert an die Rolle der sogenannten „Capos“ aus den Reihen der „Berufsverbrecher“ in Hitlers KZs, die bekanntlich grüne Winkel trugen.

Die mittelalterlichen Klöster hatten die Aufgabe, die „überzähligen“ Adelssöhne und -töchter aufzunehmen, wenn die „Funktionen“ in den Stammburgen besetzt waren. Vor allem unverheiratete Frauen konnten dem Kloster kaum entkommen. Dieser Sektor durfte sich dann (legaliter) nicht weiter vermehren. Die Ausschließung von der Familienbildung sollte eine Erbteilung verhindern. Die Sexualaskese bildete den ethischen Überbau auf einem begrenzten, abgeschlossenen Eigentums- und Familiensystem. Nach außen hin wirkte der Klerus als starke staatsartige Elite, und durch Aufnahme von Unterklassigen „legierte“ er das System. Notwendigerweise war gerade der Klerus, dieses „Zwischenglied“ der mittelalterlichen Gesellschaft, das erste Opfer der Verschiebung des Klassengleichgewichts in der Zeit des aufgeklärten Absolutismus.

Die Moral wandelte sich, die strenge Sexualaskese schien plötzlich nicht mehr „notwendig“: in das abgeschlossene System der Feudalburgen mit ihrem ewig gleichen landwirtschaftlichen Kreislauf war der Kapitalismus eingebrochen — Handel, Städte, Handwerk.

Die Nichterblichkeit des klerikalen Eigentums, die Familienlosigkeit der Kleriker schien im Mittelalter die eigentümliche Stärke des Klerus als Korporation auszumachen. Der bürokratisch-gesamtheitliche Zug der Klerisei war das gerade Gegenbild des Grundsatzes vom heiligen Egoismus des Individuums, den die bürgerliche Aufklärung verfocht, der wieder nichts anderes war als der ethische Ausdruck der liberalen Konkurrenzwirtschaft. So standen einander auch auf dem Felde der Moral zwei unversöhnliche Anschauungen gegenüber: auf der einen Seite der Zölibat, die Abwertung, die Ächtung des Geschlechtlichen, auf der anderen Seite die wildeste Entfaltung sexuellen Selbstverwirklichungsdranges, in radikalster Form beim Marquis de Sade.

XIV. Mann und Weib

„Es gibt keinen lebendigen Mann“, sagt unser ‚Chefideologe‘ Dolmancé, „der nicht den Despoten spielen will, wenn er steif ist ... Würde der Gipfel der Lust eine Art Terror sein, wenn es nicht die Absicht dieser Mutter aller Menschenart wäre, daß man sich während der Kopulation verhält wie im Zorn?“ Die absolute Ich-Setzung enthält nicht nur das revolutionäre Element, sondern ist auch geprägt von bürgerlicher Beschränktheit. Der Bourgeois ist in seinem Verhältnis zur Frau patriarchalisch wie der Aristokrat.

Justine und Juliette, das Schwesternpaar, bietet zwei Seiten ein und derselben Medaille. Justine, die nur leidet, wirkt als pures Opfer der Männerherrschaft, und indem sie so gar nicht reagiert, wird das Patriarchat absurd auf die Spitze getrieben. Juliette kehrt den Spieß um, im wahrsten Sinne des Wortes. „Als von der männlichen Logik ganz Erfaßte“ (Horkheimer/Adorno) übt sie als Amazone den Terror mit dem und gegen den Mann. Sie verfremdet die Logik der Männergesellschaft. „Alle, Männer wie Frauen, sind böse, weil sie es sein müssen: wenn darin irgend etwas absurd oder ungerecht ist, so ist es das vom Mann gemachte Gesetz, der die idiotische und leere Anmaßung wagt, das Gesetz der Natur zu unterdrücken oder zu bekämpfen“ (Juliette, 5. Teil).

Eine weich gewordene, politisch entsagende Bourgeoisie begibt sich des „männlichen“ (id est Herrschafts-) Impulses und will vom Weib geschlagen, gequält werden. Im Wien des Fin de siècle, das wir, ein Wort Walter Benjamins auf das Paris des 19. Jahrhunderts variierend, die „Hauptstadt der Jahrhundertwende“ nennen möchten, regiert das Weib. Freilich mehr die Literatenseelen als die reale Gesellschaft. Die Frau wird zwar ernst genommen, man unterwirft sich ihr, wie man sich Sades Juliette unterwirft — aber sie darf nur den Sexualpart spielen, in ihrer gesellschaftlichen Position bleibt sie unterdrückt.

Immerhin, Sacher-Masoch, Weininger, Karl Kraus erkannten der Frau eine sexuelle Subjektivität zu, wobei sie das gegenseitige Verhältnis als ein wechselwirkendes sahen, das im Mann weibliche und im Weib männliche Züge induziert. Unter dem Einfluß des Arztes Wilhelm Fließ übernahmen so unterschiedliche Theoretiker wie Sigmund Freud und Alfred Schuler die Theorie vom ursprünglichen Hermaphroditismus, der zwiegeschlechtlichen Anlage des Menschen. Schuler schloß das Modell an alte Mythen an, was dann über Klages und den George-Kreis für die Konstituierung der NS-Ideologie relevant wurde — allerdings unter Verdrängung des sexuellen Gehaltes aus den bewußten Schichten, bei überwucherndem Mystizismus.

(Wird fortgesetzt)

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1970
No. 202/II/203/I, Seite 964
Autor/inn/en:

Michael Siegert:

Geboren am 12. Oktober 1939, gestorben am 23. Oktober 2013 in Wien; war von 1973 bis 1982 Blattmacher des FORVM.

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