FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1976 » No. 273/274
Josef Dvorak

Philosophie in Gelb

Ideologischer Bauchladen einer Programmdiskussion
Sir Karl Popper
Liberaler schottischer Prägung aus Wien

Die Untersuchung der Wahrheit kam von den Priestern weg, und Politici legten sich beyzeiten darauf.

Jakob Brucker 1731

Obschon die Wissenschaft als Ganzes Unfug ist, ist sie lehrreich.

Gottfried Benn

Ein Philosophendach für die Schmidt-SPD

Bis 1933 müssen in der deutschen Sozialdemokratie fürchterliche Zustände geherrscht haben: Im Gegensatz zu heute, wo es den Marxisten endlich an den Kragen geht, konnten diese Burschen damals ihre „säkularisierte Heilserwartung“ durchsetzen und ließen den Standpunkt der „aufgeklärten kritischen Vernunft“ nicht aufkommen — behaupten die Herausgeber des im „sozialistischen“ Dietz-Verlag erschienenen gelben Buches mit dem Titel „Kritischer Rationalismus und Sozialdemokratie“.

So sei die „reine Quelle“ des Kantianismus „immer wieder verschüttet“ worden, die also sprudelt: „Heute wissen wir immer noch nicht, was wir wissen können. Enttäuschung und Erfüllung halten sich, wenn es gutgeht, die Waage. Wir verlangen Selbstbestimmung, und wir kämpfen gegen Entfremdung, doch wir wissen nicht, wer wir sind. Im Glauben, daß menschlicher Fortschritt durch rationale Auseinandersetzung möglich sei, daß der Probierstein des philosophisch Richtigen die gemeinschaftliche Menschenvernunft sei, treffen sich Philosophie und Politik.“

Ein wenig Leid lindern

Erst 1959 (im Godesberger Programm) habe der „ethische Realismus“ des Neukantianers Nelson den Marxismus verdrängen können (mit einer einzigen „kalkulierten semantischen Konzession“, nämlich dem Begriff „Widerspruch unserer Zeit“). Dieses Programm „erfuhr jedoch nie eine philosophische und erkenntnistheoretische Grundlegung“ (Leonhard Nelson war von der Unmöglichkeit einer Erkenntnistheorie überzeugt!), „und dies bereitete seinen Verfechtern in den letzten Jahren Schwierigkeiten, die mit dem Wiedererstarken neomarxistischer Theorieansätze in der Partei rapide zunahmen“. Schaurige Worte wie „Widerspruch“, „Systemkrise“, „Spätkapitalismus“, „Übergangsstadium“ hätten sich breit gemacht, Worte, die „sämtlich erst vor dem Hintergrund der marxistischen Geschichtsphilosophie ihren Sinn gewinnen, im Rückgriff auf die ‚dialektische Methode‘ und damit auf die ... Kategorien von Marx und Hegel“. Nunmehr sei eine Theorie nötig, die geeignet ist, den „Anflug schlechten Gewissens“ bei den „Revisionisten“ zu beseitigen, und jene alte zentristische Schizophrenie zwischen „richtigem Tun“ und dessen hilfloser Rechtfertigung in radikaler, „revolutionärer“ Sprache mit Bernsteinscher Therapie zu heilen. Zu diesem Zweck wird die spätkritizistische Modephilosophie von Sir Karl Raimund Popper als neue sozialdemokratische und sozialliberale Ideologie angeboten.

Der Spiegel (Nr. 19/1975) hat das gelbe Buch als Abschied der SPD von einer sozialistischen Glaubenslehre gepriesen: „Glück ist utopisch.“ Womit auf Poppers Mahnung angespielt wird, man solle andere Leute nicht zu ihrem Glück zwingen, sondern lediglich versuchen, ein wenig Leid zu lindern. Im Vorwort zum gelben Buch bekennt Helmut Schmidt, er habe bereits in der Einführung zum ersten Entwurf des Orientierungsrahmens ’85 Popper zum Zeugen angerufen — für das „piecemeal social engineering“, das Popper predigt und das die „Macher“ praktizieren. Offenbar identifiziert der westdeutsche Bundeskanzler (ORF-Interview vom 4. Juli 1976) seine eigenen Vorstellungen von einer „gebändigten“ (nicht bloß „sozialen“!) „Marktwirtschaft“ mit Sir Karls Verteidigung des Marktes (im Sinne des Manchester-Liberalen Hayek), also: Ablehnung planmäßiger Umbauten des sozioökonomischen Ganzen und Propagierung staatlicher Interventionstätigkeit („soweit diese nicht zu schwierig ist“). Ist der sozialliberale „dritte Weg zwischen autoritärem Kommunismus mit Staatszwang auf der einen Seite und freibeuterischem Ellbogenkapitalismus — wie es ihn auch gibt im Westen — auf der anderen Seite“ (Schmidt im ORF-Interview) die Verwirklichung von Poppers „offener Gesellschaft“?

Popper & Schmidt

Der SPD-Vize selbst ist „aus sittlicher Verantwortung heraus“ gegen große Umwälzungen, betont die Pflicht im Sinne Kants („im positiven Sinne preußisch“), den Klassenkompromiß (Vorwort zum gelben Buch). Im praktischen Ergebnis, gesteht er ein, führt das „Konsensus- und Kompromißgebot“ zwar „zu Verlusten an Stringenz und Konsequenz“, diese Verluste müßten jedoch „von Demokraten in Kauf genommen“ und könnten „relativ um so kleiner gemacht werden, je begrenzter und je konkreter der jeweilig zu beschließende Schritt geplant ist“. Eine Unterscheidung zwischen „system-stabilisierenden“ und „systemverändernden“ Reformen sei nicht berechtigt, denn Reform sei Reform und „ex definitione“ eine Veränderung des Bestehenden. Vorstellungen von einem „Grundwiderspruch, dem wir ausgesetzt“ seien, und von der „Selbstentfremdung des Menschen“, die beide aufgehoben werden könnten, seien „ebenso falsch wie gefährlich“: Das sei „Chiliasmus im Gewande von Wissenschaftlichkeit“.

Ebenso wie Popper hält auch Helmut Schmidt (im Vorwort des gelben Buches) den „harten Kampf der Argumente“ für wichtig, jedoch der Mann der Praxis, sei er Ratsherr, Gesetzgeber oder Staatsmann, erkenne bald, „wie begrenzt die Hilfe der ‚Theorie‘ nur sein kann, wie hart im Raum sich aber die Sachen stoßen“. Poppers empirische Überprüfung!

Bedauerlich sei die „Neigung einiger junger Sozialisten“ (gemeint ist der 54jährige Jochen Steffen), „lieber in der Opposition zu verharren (oder im Parlament ihre eigene Partei in die Opposition zurückkehren zu sehen), als selbst durch konkrete Handlung Staat, Gesellschaft und Wirtschaft zu gestalten“. Wie sagt doch Sir Karl? „Institutionen sind wie Festungen, sie müssen wohlgeplant und wohlbemannt sein.“ Wovon auch die Sicherheitsbehörde nicht ausgenommen ist: „Der Sozialtechniker wird Maßnahmen vorschlagen, die die Polizei zu einem Instrument der Freiheit und Sicherheit machen“ — glaubt Popper.

Freilich sollte uns dabei klar sein, „daß politische Freiheit oder irgendein Prinzip der Gleichheit vor dem Recht unmöglich ist; daß wir, da absolute Freiheit unmögich ist, die Gleichheit unter Berücksichtigung jener Freiheitsbeschränkungen fordern müssen, die die unumgängliche Konsequenz des sozialen Lebens sind; und daß schließlich das Streben nach Gleichheit, besonders in ihrem ökonomischen Sinne, eine Gefahr für die Freiheit werden kann, so wünschenswert die Gleichheit an sich auch sein mag“ (Popper in seinem Werk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“). Le Berufsverbot, wie die Franzosen sagen?

Der deutsche Bundeskanzler wehrt sich (im Vorwort) gegen eine „vollständige Handlungsanweisung“, die seinen „Handlungswillen“ und „Handlungsspielraum in beklagenswerter Weise“ beschränken könnte, und sieht den „politischen Wert einer Theorie“ in der bloßen „Dienstleistung“ für den Handelnden. Auch Hans Friderichs, FDP-Wirtschaftsminister und Vertrauensmann des westdeutschen Kapitals, empfindet theoretische Festlegungen als lästig: „Es ist schwer, liberale Programme zu entwerfen, Liberalismus läßt sich eher von Fall zu Fall nachweisen“ (Spiegel 23/1976).

In diesem Sinn also soll Poppers Kritischer Rationalismus SPD-Philosophie werden. Sir Karl habe „eine Erkenntnistheorie und eine politische Philosophie entwickelt, welche als theoretische Grundlegung eines ethischen und demokratischen Sozialismus das Erbe Kants antreten kann“, schreiben die Herausgeber des gelben Buches. Schließlich seien auch nach Max Adler „die erkenntniskritischen Fragen für den Sozialismus keine müßigen Doktorfragen“.

Sir Karl mit dem gordischen Hieb

Der Kern des Kritischen Rationalismus ist die Überzeugung, daß „Kritik als methodisches Prinzip den Motor des Erkenntnisfortschritts bildet“ und daß dieses Prinzip nicht nur auf die Naturwissenschaften anwendbar ist, sondern auch auf Politik und Gesellschaft. Die Entstehungsgeschichte dieser Ideologie skizziert im gelben Buch der britische Labour-Politiker Bryan Magee. Für ihn ist Sir Karl ein Mann, der mit einem Geniestreich sämtliche Welträtsel gelöst hat.

Zunächst habe Popper „die verborgene Leiche im Keller der Philosophie“ beseitigt, nämlich das Humesche Induktionsproblem („Wie können wir aus der Erfahrung lernen?“), indem er die schrittweise Verifikation von Allsätzen durch die Falsifikation mit Hilfe deduzierter kontradiktorischer Singulärsätze ersetzte (was derart falsifizierbar ist, aber noch nicht falsifiziert ist, gilt bis auf weiteres). Im zweiten Schritt, so Magee, „vernichtete Popper den logischen Positivismus vollständig“, indem er das empiristische Sinnkriterium beseitigte und die Kantsche Abgrenzungsfrage: „Wie unterscheide ich empirische von nichtempirischen Wissenschaften und beide von Metaphysik sowie von Pseudowissenschaft?“ durch den Grundsatz der Falsifizierbarkeit beantwortete. Mit diesen zwei vernichtenden Schritten habe Sir Karl zugleich auch die Frage nach dem Motor des Erkenntnisfortschritts beantwortet. Magee: „Tatsächlich stützt die Geschichte der Wissenschaft Poppers Ansicht.“

Dieser „Falsifikationismus“ ist nicht ganz originell. 1846 stellte Victor Hugo fest: „La science cherche le mouvement perpetuel. Elle l’a trouvé; c’est elle même.“ 50 Jahre später, 1897, erklärt Bram Stoker in seinem „Dracula“ die Funktionsweise des Perpetuum mobile Wissenschaft: „We learn from failure, not from success!“, läßt er den Vampirjäger Dr. Van Helsing sagen.

Popper stellte laut Magee fest, daß Psychoanalyse und Marxismus der Falsifizierungsmethode „nicht zugänglich“ und deshalb „unwissenschaftlich“ seien. „Diese Folgerungen sollten zu den verheerenden Angriffen auf die wissenschaftlichen Ansprüche des Marxismus auswachsen, welche Popper“ (in dem zweibändigen Werk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“) „konkretisierte.“ Darin wird dem Marxismus vorgeworfen, ein utopistisch verschärfter „Historizismus“ zu sein, der sich eines metaphysischen „Essentialismus“ sowie eines holistisch-teleologischen und verunklärend dialektisch-fatalistischen Denkens bediene.

Marxens „historische Gesetze“ seien singuläre Sätze und lieferten daher nur Pseudoerklärungen, auch Aussagen über Trends formulierten ja keine Gesetze, und gar Großprognosen seien völlig unmöglich. Der Marxismus sei empirisch falsifiziert, denn die Arbeiter müßten keineswegs verelenden, die „Zwei-Klassen-Auffassung“ sei zu einfach, gewaltsame Revolution gebäre eher mehr Gewalt als Freiheit, und auch nach der Revolution müsse Ausbeutung nicht verschwinden.

Marx völlig vernichtet

Überdies, so Magee, habe Popper „gezeigt“, daß das Verlangen nach einer „zentralgeplanten Gesellschaft“ auf einer irrigen Vorstellung von Lösungsversuchen beruht, da diese „freie Entscheidungsmöglichkeiten für alternative Lösungen verlangten, die ernsthafter Kritik zu unterziehen sind“. „Eine politische Auffassung ist eine Hypothese, und die Entscheidung für sie bedeutet ihre Überprüfung an der Wirklichkeit.“ Dies alles verweise auf die bestehende „pluralistische“ Gesellschaft, „die sich nicht mit dem Planen von idealen Zuständen befaßt, sondern mit dem nie endenden Rückkoppelungsprozeß stetiger Veränderungen, die ihrerseits dauernd zu Revisionen der Zwecke und Ziele führen, die sich ständig im Lichte fortschreitender Erfahrung ändern“.

So sei Popper, schließt Magee seine Lobhudelei, „ausgehend vom Falsifizierungsprinzip, zu einer voll ausgearbeiteten, ausgewogenen und vollblütigen Philosophie der Sozialdemokratie“ gekommen und habe „ganz nebenbei die zentralen Ansprüche des Marxismus — besonders seinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit — völlig vernichtet“. Und das, wie Magee glaubt, „ohne jede Chance auf ihre Wiederherstellung“. Sir Karl sei eine „Weltpersönlichkeit“, weil er „die vernichtendste Kritik des Marxismus“ in einer Welt zustande gebracht habe, „deren Einwohner zu einem Drittel unter marxistischen Regimen leben“.

Der vollblütige Philosoph der Sozialdemokratie aus Wien sieht sich selbst freilich als Liberalen schottischer Prägung, worunter er „nicht einen Anhänger irgendeiner politischen Partei“ versteht, „sondern einfach einen Menschen, der die individuelle Freiheit schätzt und der sich der Gefahren bewußt ist, die mit allen Formen von Gewalt und Autorität verbunden sind“ (was keineswegs antiautoritär-anarchistisch gemeint ist).

Ein in das gelbe Buch aufgenommener Artikel Max Webers aus dem Jahre 1904 („die ‚Objektivität‘ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis“) soll „vor allem den Nachweis der Kontinuität kritisch-rationalen Denkens in Deutschland“ führen. Poppers „Vorfahre“ Weber habe nämlich sowohl die Bedeutung von Kritik und Prüfbarkeit wissenschaftlicher Aussagen für den Fortschritt erkannt als auch die Vorläufigkeit wissenschaftlicher Erkenntnis unterstrichen. Gegen „Versuche, die Erkenntnis für eine bestimmte Gruppe (Klasse, Rasse o.ä.) zu privilegieren“, habe er sich ebenso gewandt wie gegen die „Taktik der Immunisierung von ‚wissenschaftlichen‘ Aussagen gegen die kritische Prüfung anhand der Erfahrungswirklichkeit“. Er habe „ebenso wie Popper die Bemühungen um ‚letzte‘ Erklärungen, die das ‚Wesen‘ der Dinge erfassen sollten“, kritisiert und „den Zusammenhang zwischen Erkenntnis und Interesse betont“.

Das ist allerdings mißverständlich formuliert, denn den Popperianern geht es — im Sinne Reichenbachs — um die säuberliche Scheidung des angeblichen „Approximationsprozesses der Erkenntnis“ (trial and error process, Rückkopplungsprozeß) in einen „irrationalen Entdeckungszusammenhang“ (Träume, Interessen, Intuitionen, Induktionen, Spekulationen usw.) und einen „objektiven Begründungszusammenhang“ (logisch reine, deduktive, empirisch falsifizierende, wertfreie, intersubjektive Bewährung der Theorien). Der Entschluß, die Genesis von Theorien zu vernachlässigen, um sich ganz dem Problem ihrer Geltung zu widmen, führt bei Popper zu naiver Verleugnung der Realität: „Solche Kleinigkeiten wie zum Beispiel der soziale und ideologische Standort des Forschers schalten sich mit der Zeit von selber aus, obwohl sie natürlich kurzfristig immer ihre Rolle spielen“, beteuert Sir Karl.

Max Weber wird auch deshalb als „Vorfahre“ in Anspruch genommen, weil er „in enger Wahlverwandtschaft zu den Ideen von Männern stand, die für die Gegenwart die kapitalistische Entwicklung bejahten, weil sie ihnen praktisch unvermeidlich und der Versuch grundsätzlichen Kampfes gegen sie nicht als Förderung, sondern als Hemmung des Emporsteigens der Arbeiterklasse an das Licht der Kultur erschien“.

Ist Marx irrational?

Werner Becker, der Autor einer „Kritik der Marxschen Wertlehre“ (Untertitel: „Die methodische Irrationalität der ökonomischen Basistheorien des Kapitals“, Hamburg 1972), bemüht sich im gelben Buch abermals um die Widerlegung von Marx’ Politökonomie. Bisher war für Becker die „Radikalität“ der Marxschen Kritik Symptom für dessen „utopischen“ Irrationalismus: Die dialektische Gegensatzbestimmtheit der Warenform „impliziert eine radikale Kritik des kapitalistischen Warenaustauschs, die derart beschaffen ist, daß sie unmittelbar in ein gesellschaftliches Alternativmodell hinüberleitet, welches mit der ökonomischen Verfassung der aus einem Prinzip erklärten und kritisierten Wirtschaftsform nichts Wesentliches gemeinsam hat“. Was Becker Tadel aus der (abtrünnigen) progressiven Fraktion der Popper-Schule eingebracht hat: So betont Helmut Spinner, daß gerade die „Maximierung von Kritik durch Denken in Alternativen gut pluralistisch“ sei.

Neuerdings argumentiert Becker so: Marx habe den Begriff „Tauschwert“ nicht definiert, sondern die objektive Werttheorie definitorisch, d.h. dogmatisch, eingeführt. Denn als empirische Theorie sei die Wertlehre (Ende des 18. Jahrhunderts, als die Investitionsmittel knapp, die Arbeitskräfte jedoch relativ billig waren) nicht aufrechtzuerhalten gewesen. Aus Lohnkosten konnten keine Warenpreise abgeleitet werden!

Das „Kunststück“, die „vergleichsweise metaphysische Größe Arbeitswert mit der Dimension des Preises in Verbindung zu bringen“, habe Marx mit Hilfe der „dialektischen Argumentationsform fertiggebracht“: Jeder Gebrauchswert wird im Tausch „zugleich und in derselben Hinsicht“ zum Wertausdruck eines anderen Gebrauchswerts (1 Rock = 20 Ellen Leinwand) und Träger einer Wertgröße (20 Stunden Arbeitszeit). Zwei einander logisch widersprechende Formulierungen der Wertgleichung seien damit von Marx durch einen „dialektischen“ Trick in objektiv gegensätzliche Eigenschaften der Warenform verwandelt worden, woraus sich die „mittlerweile so geläufig gewordene marxistische Redeweise von ‚gesellschaftlichen Widersprüchen‘ und vom ‚Klassengegensatz‘“ sowie das „‚systemüberwindende‘ Potential der Marxschen Mehrwerttheorie“ ergeben habe.

Der von Marx solcherart „enthüllte“ Gegensatz von Wert und Gebrauchswert (der Fetischcharakter der Ware) könne ja nur beseitigt werden, wenn der Markttausch abgeschafft wird. „Letzteres soll nach Marx erst im Sozialismus der Fall sein, wo nicht mehr getauscht, sondern nur nach Maßgabe der Arbeitswerte verteilt werden soll.“ Die dialektische Methode, die zu solchen Ergebnissen führt, ist nach Becker lediglich „eine geschickte Rationalisierung — trivialer gesagt: Vertuschung — der Irrationalität der Marxschen Prämissen“.

Die Herausgeber des gelben Buches nennen die Perfidie, mit der Marx vorgeht, noch deutlicher beim Namen: „Marx hat die entscheidende Schwäche seiner Beweisführung in das entscheidende Argument gegen die kapitalistische Produktionsweise verwandelt“, und sie meinen: „Die Aufdeckung der in der Wertlehre enthaltenen irrationalen Schlußfolgerung müßte zur Revision des Marxschen Theoriegebäudes Anlaß geben. Dieser Fall dürfte allerdings nur dann eintreten, wenn auch der Anhänger der dialektischen Methode die Verbindlichkeit logischer Schlußregeln anzuerkennen geneigt ist“ — was nichts anderes heißt, als daß der Dialektiker die Dialektik aufzugeben und endlich zu realisieren hat, daß es keine objektiven Widersprüche geben kann, weil sie unlogisch wären.

Selbstverständlich setzt sich der Popperismus auch mit der Systemtheorie Luhmanns auseinander — und von ihr ab. Das Enfant terrible des kritischen Rationalismus, Paul Feyerabend, sieht in der Systemtheorie „eine kräftige, neue, positive Philosophie“, ja gar eine „Religion, die sich allmählich im Rahmen der Wissenschaften selbst entwickelt“, während „die langsam alternden Wickelkinder des spätkritischen Rationalismus ihre Lehre mit weiteren und noch weiteren Epizyklen verbrämen“. Durch „Hinwegräumen von intellektuellem Mist“ möchte er die Systemtheorie „in negativer Weise unterstützen“.

Ingenieure der Seele

Niklas Luhmanns keimfreier Lehre gegenüber tut sich der Popperismus allerdings schwer, denn er hegt sozialtechnologische Sympathien für sie. Poppers Konkurrenz-Idealismus repräsentiert den alten liberalen Ideologie-Typus, Luhmanns funktionalistische Theorie den aktuelleren postliberalen: globale Steuerung ohne demokratische Kontrolle. Sir Karls Anhänger betonen jedenfalls, daß auch ein Kritizist der Ausarbeitung „funktionsäquivalenter Vorschläge“ zur Lösung sozialwissenschaftlicher Probleme zustimmen könnte (Pluralismus!). Luhmann überläßt die Entscheidung über die Alternativen dem als „bekannt vorausgesetzten System“ (das so konstruiert ist, daß es „Komplexität reduziert“, d.h. einen Großteil der Alternativen ausschließt).

Wenn also „System“ nichts anderes als „soziale Erfahrungswirklichkeit““ bedeutet, würden die Popperianer mitmachen, „denn es handelte sich lediglich um empirische Tests“, und der Unterschied zur eigenen trial-and-error-Methode wäre nicht zu groß — Luhmann allerdings hält Theorien im „Enttäuschungsfall“ für ersetzbar. (Was beide übersehen, ist die unangenehme Tatsache, daß gesellschaftlich relevante Entscheidungen nicht unabhängig von Herrschafts- und Machtverhältnissen getroffen werden!) Luhmann jedenfalls übt jungfräuliche Zurückhaltung gegenüber den Popperianern und „will von derartigen ‚Einschmelzungstendenzen‘ nichts wissen“, wie die Kritizisten klagen. Er hält vielmehr „an seiner ‚andersartigen Orientierung‘“ fest. Darum sieht sich Peter Clever genötigt, Luhmann im gelben Buch 40 Seiten lang zu widerlegen. Dabei geht es um den Begriff der „Komplexität“ und um Luhmanns ketzerische Ablehnung der Kausalanalyse.

Verfolgt man lineare Ursache-Wirkungszusammenhänge in einem Sozialgebilde, kommt man zu keinem Ende und verliert den Zusammenhang. Das Strukturelle entgeht einem. Insofern hat Luhmann sicher recht. In menschlichen Gesellschaften geht es überdies auch intentional und normativ zu. Warum sollte man die Details komplexer Phänomene nicht freilegen (= „funktional erklären“), ähnlich der Funktionsweise eines Automaten (bzw. selbstregulierenden Systems)? Luhmann möchte jedoch auf das Kausalprinzip, das philosophisch nicht unumstritten ist (und auf die zweiwertige Logik — die übrigens auch in der Alltagssprache nicht ausschließlich gilt), überhaupt verzichten und Kausalbeziehungen rein funktionalistisch deuten. Damit drückt er sich jedoch um die Frage der Genese seiner Systemstrukturen herum und ist auch nicht imstande (wie Rainer Döbert bewiesen hat), Entwicklung und Ablösung (den ,„Tod“) von Sozialsystemen zu erklären. Auch Luhmanns Äquivalenzfunktionalismus kommt zu keinem Ende und verliert den Überblick, da die Sollwerte fehlen.

Rational ohne Muse

So bleibt Luhmanns Systemtheorie Widerspiegelung der „harmonischen“ gesellschaftlichen Oberfläche und der Versuch, diese vor der ständig drohenden Krise zu bewahren. Die Popperianer verteidigen die Kausalforschungsmethode nicht nur aus dem Motiv der Intersubjektivität der Wissenschaft heraus, sondern auch, weil ihnen (irrationale) Großgebilde unheimlich erscheinen. Deshalb stellen sie die Buchhalter-Rationalität und kleinbürgerliche Humanität („Stückwerk-Sozialtechnologie“) in den Vordergrund: „Das Ergebnis ist eine Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik, die gegen bestimmte Mißstände kämpft, gegen konkrete Formen der Ungerechtigkeit oder Ausbeutung, gegen Leiden, die sich vermeiden lassen, wie etwa Armut und Arbeitslosigkeit.“

Feyerabend glaubt — im Vergleich mit J. S. Mills „On Liberty“ — nicht an den Humanismus von Poppers Philosophie: „Sie ist viel stärker spezialisiert, viel formalistischer und elitärer und entbehrt völlig des Interesses am Glück des Individuums, das für Mill so kennzeichnend ist.“ Diese Eigenheiten könne man verstehen, wenn man Poppers Hintergrund des logischen Positivismus bedenke, den „unbeugsamen intellektuellen Puritanismus“ Sir Karls und der meisten seiner Anhänger, und „wenn man sich an den Einfluß von Harriet Taylor auf Mills Leben und Lehre erinnert. In Poppers Leben gibt es keine Harriet Taylor.“

Kausal-lineares Denken kann sich — das hat der Gießener Psychologe C. Dietrich Dörner in einem Experiment nachgewiesen, in dem die Situation eines sozialtechnologischen Entwicklungshelfers simuliert wurde — gemeingefährlich und mörderisch auswirken. Dagegen müßte eingeübt werden ein „Denken in Wirkungsnetzen“, das exponentielle Verlaufskurven und Nebeneffekte, Rückkopplungen berücksichtigt und damit rechnet, daß Informationen über den gegenwärtigen Zustand eines dynamischen Systems bedeutungslos sind gegenüber Entwicklungstendenzen und deren Gesetzmäßigkeit.

Das Insistieren der Popperianer auf der alten sozialwissenschaftlichen Kausalanalyse geht auch nicht so weit, daß sie nach allgemeinen kausalen Gesetzmäßigkeiten Ausschau hielten: Hier kämen ja historische Entwicklungsgesetze ins Spiel, wie sie von den Marxisten aufgezeigt werden, hier käme jene Marxsche dialektische Differenz von Wesen und Erscheinung zum Tragen, die von Popper als metaphysisch essentialistisch diffamiert wird (obwohl dieses „Wesen“ von Marxisten lediglich als Dynamik aufgefaßt und aufgezeigt wird, die „hinter dem Rücken und auf dem Rücken“ der Subjekte abläuft, von diesen zwar verursacht, aber nicht intendiert ist).

Die Krisensymptome einer liberalen Gesellschaft im permanenten Ausnahmezustand (Carl Schmitt) werden in Aufspaltung eines „Max-Weber-Programms“ von dem „Handlungstheoretiker“ Jürgen Habermas anders thematisiert als von dem gegenaufklärerischen „Systemtheoretiker“ Niklas Luhmann (der die Gesellschaft von ihrem Steuerungszentrum her konzipiert, strukturelle Widersprüche nicht von anderen unterscheidet und Konfliktzonen einebnet). Bei dem Aufklärer Habermas ergibt sich „aus der Dichotomie zwischen normativen Strukturen und einschränkenden materiellen Bedingungen“ die Prophezeiung einer umfassenden „Legitimationskrise“ („Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus“).

Mehrdimensionaler Habermas

Mit Krisen aber wollen die Popperianer nichts zu tun haben, Krisenbehauptungen werden nach Poppers Methode streng hinwegfalsifiziert. Habermas wird daher wie zu Zeiten des „Positivismus-Streits“ (Popper und Hans Albert contra Adorno und Habermas) als eine Art unlogischer Marsmensch seziert, dessen marxistische Position (vielleicht weil dies ein reduzierter, dogmatisierter Marxismus ist), „einen Angriff lohnt“. So wird von den Herausgebern des gelben Buches zunächst mit Genuß festgestellt, daß Habermas ökonomische Krisen lediglich für den Liberalkapitalismus reserviert, diese also für den Spätkapitalismus nicht mehr in Frage kommen (das kritisierte Buch von Habermas ist 1973 erschienen!): „Da eine ökonomische Krise offensichtlich nicht mehr zu erwarten ist, der ‚Grundwiderspruch‘ freilich dem Kapitalismus nach wie vor immanent sei, vermutet Habermas eine Verschiebung der Krisentendenzen ins politisch-administrative und ins ‚legitimatorische‘ (z.B. das ‚formaldemokratische‘) System.“ Diese Verschiebung entstehe bei Habermas durch die „Strukturen des Spätkapitalismus“, die eine „Reaktionsbildung gegen die endemische Krise“ darstellten. „Zur Abwehr der Systemkrise lenken spätkapitalistische Gesellschaften alle sozialintegrativen Kräfte auf den Ort des strukturell wahrscheinlichsten Konflikts.“ Habermas konstatiere jedoch keine STAMOKAP-Planung, weil nur der gesamtwirtschaftliche Kreislauf reguliert werde und der Privatismus gewahrt bleibe. Es bestünde nach Habermas die Tendenz einer „systemnotwendigen Vermehrung systemwidriger Elemente“. „Das soziokulturelle System wird die bestandswichtigen privatistischen Syndrome auf die Dauer nicht reproduzieren können.“

Auch bei Habermas diagnostizieren die Popperianer im gelben Buch „Historizismus“ sowie „holistisch-hermeneutisches“ und „essentialistisch-idealtypisches“ Denken, gestehen dem Verurteilten aber schließlich doch zu, daß er nur „Argumente und Indikatoren sammeln“ wolle, „die die aufgestellte Hypothese für künftige empirische Nachprüfungen qualifizieren“ sollen.

Damit sei zwar der Weg des Historizismus verlassen, die Theorie habe jedoch keinen prognostischen Wert, da sie jedes mögliche Ereignis umfasse. „Ein Fall von besonders subtiler und perfekter Immunisierungsstrategie, welche die Theorie der Systemkrise dicht gegen den Windhauch der Realität abschotten soll“, lautet das endgültige Verdikt des gelben Buches. Die Krise „verschiebt sich immer wieder in andere Bereiche, die Krisenhaftigkeit aber bleibt“. Und zwar deshalb, weil Habermas’ „Theorie des Spätkapitalismus“ dessen Krisenhaftigkeit bereits voraussetze (petitio principii!): „Sie liefert nicht ein Jota mehr als die unermüdliche Beschwörung ihrer Axiome!“

Kritische Winde

Diese methologische Widerlegung der Krise wurde zu einer Zeit in den deutschen Buchhandlungen verkauft, als bereits 1,2 Millionen Arbeitslose registriert waren und sich der SPD-Slogan „Der Aufschwung kommt“ nicht und nicht bewahrheiten wollte. Wird sie dem nächsten „Windhauch der Realität“ standhalten?

Die Philosophie des Kritischen Rationalismus ist eine merkwürdige Kombination von (akademischem) Skeptizismus und Fortschrittsgläubigkeit. Verläßliche Erkenntnisquellen kann es nach Popper nicht geben, der Spaten der Erkenntnis biegt sich an keinem Felsgrund zurück, der Kritische Rationalist zieht sich wie Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf der Unwissenheit heraus. Durch Kritik: „Die rationale Diskussion besteht in dem Versuch, zu kritisieren, nicht zu beweisen oder wahrscheinlich zu machen. Jeder Schritt, der eine Auffassung vor der Kritik bewahrt, der sie absichert oder ‚wohlbegründet‘ macht, ist ein Schritt weg von der Rationalität“ — erläutert Feyerabend. Verzicht auf Schutz der Theorien vor Falsifizierung: „Jeder Schritt, der sie angreifbarer macht, ist willkommen.“

Also selektiver Kampf der Theorien ums Überleben, Eliminierung falsifizierter Theorien (Falsifikationismus, Fallibilismus). Feyerabend faßt Poppers System in seiner „anarchistischen Erkenntnistheorie“ so zusammen: „In den Naturwissenschaften ist die Kritik mit Experiment und Beobachtung verbunden. Der Gehalt einer Theorie besteht in der Gesamtheit jener Basissätze, die ihr widersprechen; er ist die Klasse ihrer möglichen Falsifikatoren. Größerer Gehalt bedeutet größere Angreifbarkeit, daher sind Theorien mit größerem Gehalt solchen mit geringerem Gehalt vorzuziehen. Vergrößerung des Gehalts ist willkommen, Verringerung zu vermeiden. Eine Theorie, die einem anerkannten Basissatz widerspricht, ist aufzugeben. Ad-hoc-Hypothesen sind verboten — usw. usw. Die Forschung beginnt mit einem Problem. Das Problem ergibt sich aus einem Gegensatz zwischen einer Erwartung und einer Beobachtung, die ihrerseits durch die Erwartung konstituiert wird. Offenbar unterscheidet sich diese Lehre von der des Induktivismus, in der objektive Tatsachen in ein passives Bewußtsein eintreten und dort ihre Spuren hinterlassen. Ein Problem lösen heißt eine Theorie erfinden, die relevant ist, falsifizierbar (in höherem Maße als jede andere), aber noch nicht falsifiziert. Als nächstes kommt die Kritik der Theorie, die zur Lösung des Problems vorgeschlagen wurde. Erfolgreiche Kritik beseitigt die Theorie ein für allemal und schafft ein neues Problem, nämlich zu erklären, warum die Theorie bisher Erfolg hatte und warum sie scheiterte. Zur Lösung dieses Problems braucht man eine neue Theorie, die die erfolgreichen Konsequenzen der älteren reproduziert, nicht aber ihre Fehler, und die neue Voraussagen macht. Gemäß diesen Bedingungen schreitet man durch Vermutung und Widerlegung von weniger allgemeinen Theorien zu allgemeineren fort und erweitert die menschliche Erkenntnis. Mehr und mehr Tatsachen werden entdeckt (oder mit Hilfe von Erwartungen konstruiert) und dann durch Theorien erklärt.“ (Paul Feyerabend, von dem diese Darstellung stammt, behauptet, daß Popper unrecht hat, weil Wissenschaft tatsächlich nicht so vorgeht und dies auch nicht möglich und nicht wünschenswert ist; Wissenschaft sei aus guten Gründen „viel ‚schlampiger‘ und ‚irrationaler‘ als ihr methodologisches Spiegelbild“.)

Ein aufklärerischer Enthusiasmus (Feyerabend nennt ihn „Ratiomanie“), der durchaus an die „menschliche Vernunft“ glaubt und auf sie hofft, vor allem in Gestalt verantwortungsbewußter und ernsthafter Forscher, deren höchstes Ziel es ist, in nie müde werdender Konkurrenz neue Theorien zu ersinnen. Die Forschergemeinschaften sind beherrscht von der regulativen Idee der „Wahrheit“, an die im Erkenntnisfortschritt eine immer größere Annäherung erzielt werden soll, obwohl sie „wie ein wolkenverhangener Berggipfel“ ist und niemals erreicht werden kann. „Wahrheit“ bleibt nach Popper unbekannt, wer dies jedoch einkalkuliert, steigt aus dem „Spiel Wissenschaft“ aus.

Weltbild eines Volksschullehrers

Damit sich das Perpetuum mobile weiter drehen kann, wird die Haltung des „als ob“ verlangt, darüber hinaus ein Glaube an die „Wahrheit“ (metaphysischer Realismus, modifizierter Essentialismus). „Der Kritische Rationalismus“, findet Feyerabend, „entstand aus dem Versuch, das Humesche Problem zu lösen und die Einsteinsche Revolution zu verstehen, und er wurde dann auf die Politik, ja sogar auf das Privatleben ausgedehnt.“ „Koche, liebe, singe, putze“, spottet Helmut Spinner, „gemäß Theorien, die den methodischen Prinzipien des kritischen Rationalismus entsprechen.“

Dieser Bilderbuch-Rationalismus wird von Popper mit dem menschlichen Fortschritt schlechthin identifiziert: Emanzipation fungiert als „Selbstbefreiung durch Wissen“. Auch die Vergangenheit wird unter diesem Gesichtspunkt interpretiert. Die verschiedenen Standpunkte, sagt Popper, von denen aus wir die Geschichte betrachten, die „zwangsläufige Vielfalt“ von Interpretationen, seien zwar alle „im Grunde gleich geistreich und gleich willkürlich“, einen vorfindbaren „Sinn der Geschichte“ gebe es nicht. Jedoch könnten wir (unter dem Blickwinkel „Selbstbefreiung durch Wissen“) der Geschichte „einen Sinn geben“ und aus ihr (aus „unseren“ Fehlern in der Vergangenheit?) „lernen“.

Wie das vor sich gehen soll, bleibt freilich reichlich unklar. Hegel, den Popper als Scharlatan einschätzt, hatte eine realistischere Einstellung: „Was die Erfahrung aber und die Geschichte lehren, ist dieses, daß Völker und Regierungen niemals etwas aus der Geschichte gelernt und nach Lehren, die aus derselben zu ziehen gewesen wären, gehandelt haben. Jede Zeit hat so eigentümliche Umstände, ist ein so individueller Zustand, daß in ihm aus ihm selbst entschieden werden muß, und allein entschieden werden kann.“ Lenin schrieb dazu die Randbemerkung: „Sehr klug!“ (Zitiert nach Feyerabend.)

Der berufsideologische und schulmeisterliche Eindruck von Poppers Philosophie (Popper war seinerzeit in Wien Lehrer und Horterzieher) verstärkt sich bei Lektüre von Sir Karls Alterswerk, der Theorie des „objektiven Geistes“, der „dritten Welt“, nach der die Geschichte aus einem imaginären Museum aller in der Vergangenheit fabrizierten Theorien, Kunstwerke usw. besteht, die nach wissenschaftslogischen, ethischen usw. Gesichtspunkten miteinander verglichen werden können: ein „Steinbruch von Ideen“. Ich sehe Sir Karl vor mir, wie er, isoliert von der Umwelt (keine Zeitungen, kein Fernsehen!), in seiner Bibliothek sitzt und Konferenz hält — nicht mit Platon, Descartes, Galilei und anderen Geistesgrößen (denn die Theorie der „dritten Welt“ ist eine „epistemology without a knowing subject“), sondern mit deren Objektiviationen ...

Da Sir Karl nicht im Besitz der Wellsschen Zeitmaschine ist, wird ihm dabei das eigentlich Historische, die gesellschaftliche Bedingtheit der jeweiligen Theorie als Teil der Gesamtarbeit jener Epoche, in der sie produziert wurde, entgehen.

In Sir Karls Metatheorie historischen Verstehens von Problemen und deren Lösungen — mit objektiver Überprüfung von Einzelfällen — soll zwar eine „Situationsanalyse“ durchgeführt, die „Logik der Situation“ untersucht werden. Postuliert wurde das schon in seiner „Offenen Gesellschaft“ anhand einer Auseinandersetzung mit der Verschwörungstheorie und dem Psychologismus, gegen Mill und, mit gewisser Freundlichkeit, gegenüber Marx. Die Oberfläche gesellschaftlicher Phänomene — Poppers „interner Kontext“ — wird dabei jedoch nicht verlassen: Den „Grund der sozialen Situation“ identifiziert Popper etwa mit der „Marktsituation“! Dagegen die marxistische Forderung: „Die wirkliche profane Geschichte des Menschen eines jeden Jahrhunderts erforschen, diese Menschen darstellen, wie sie in einem Verfasser und Schausteller ihres eigenen Dramas waren“ (Karl Marx: Das Elend der Philosophie, MEW Bd. 4, S. 135).

Popper verdrängt die Geschichte

Mit der „dritten Welt“ hat Poppers Geschichtstheorie — von Schupp in einer lesenswerten Arbeit dargestellt — ihr letztes Stadium erreicht. Im ersten, noch positivistisch akzentuierten, ging es um jenes „deduktiv-nomologische“ Erklärungsschema (Popper-Hempel-Schema, Drays „covering law model“), das sich für die Arbeit des Historikers als zu eng erwiesen hat. Psychologisch und propagandistisch im Vordergrund stand jedoch immer Poppers heftige Kritik an „Historizismus und Utopismus“ (nach seinem eigenen Eingeständnis ein „überspitztes Konstrukt“). Diese Kritik ist verständlich als Abwehr von Nationalsozialismus und Stalinismus. Karl Marx wird darin von Popper in nicht undifferenzierter Weise gründlich mißverstanden. Eine kritische Geschichtsinterpretation in „praktischer Absicht“. Gerade von hier aus, meint Schupp, ergebe sich „in sehr formaler Hinsicht“ ein Berührungspunkt, eine „Bedingung der Möglichkeit einer Diskussion mit der Geschichtsphilosophie der kritischen Theorie“.

Aber Walter Benjamins geschichtsphilosophische Thesen weisen doch in eine andere Richtung als Poppers Quasi-Relativismus. Der historische Materialist, sagt Benjamin, betrachte es als seine Aufgabe, „die Geschichte gegen den Strich zu bürsten“. Historische Artikulation des Vergangenen heiße nicht einfach „erkennen, wie es denn eigentlich gewesen ist“, sondern vielmehr, „sich einer Erinnerung bemächtigen, wie sie im Augenblick der Gefahr aufblitzt“. Gefahr für das historische Subjekt, den Bestand der Tradition und deren Empfänger. Diese besteht darin, „sich zum Werkzeug der herrschenden Klasse hinzugeben“. Deshalb müsse jede Epoche „die Überlieferung von neuem dem Konformismus abgewinnen, der im Begriff steht, sie zu überwältigen“.

Sir Karl, so Schupps „immanente“ Kritik, werte den wissenschaftlichen Status historischer Interpretationen polemisch ab, obwohl er ihn implizit selbst beanspruche, auch Interpretationen aufgrund bestimmter Interessen könnten doch der Objektivität genügen, es existierten selektive Standpunkte, die unabhängig von individuellen Interessen seien; Popper selbst spreche vom „Entdecken“ von Traditionen, „welche existieren, unabhängig davon, ob ein Beobachter sie nun entdeckt oder nicht“; es sei nicht einzusehen, „warum nicht eine rationale Diskussion auch über die Angemessenheit eines selektiven Standpunktes in der Geschichtsschreibung möglich sein sollte“. Dies selbst bei „revolutionärem Paradigmen-Wechsel: Wird die Interpretation eines Religionskrieges in der Weise neu gefaßt, daß dieser nun nicht (nur) aus Differenzen der Glaubensüberzeugung ‚erklärt‘ wird, sondern diese selbst wieder aus sozialen Ungleichheiten, so liegt hier nicht eine bloße Ergänzung, sondern ein neues Interpretationsschema vor, das jedoch durchaus objektiver Überprüfung zugänglich ist, auch wenn sich darin gleichzeitig eine Diskussion und Neuordnung des Wertungsschemas widerspiegelt“.

Popper geht, so Schupp, von einer „logisch unabhängig von historischen Bedingungen analysierbaren und diskutierbaren Theorienstruktur“ aus, also von der logischen Unabhängigkeit der Wissenschaftstheorie von der Wissenschaftsgeschichte. Was angesichts der umwälzenden Thesen Kuhns „vielleicht“ ein im Kritischen Rationalismus liegender „dogmatischer Rest“ sei, „besonders wenn Popper das metatheoretische Prädikat der ‚Wahrheit‘ oder ‚Wahrheitsnähe‘ als regulative Ideen nicht verwenden will“, welches jedoch seinerseits einen „teleologischen Rest“ enthalte. Schupp seinerseits plädiert für eine nicht-teleologische Fassung — etwa in Anlehnung an die biologische Evolution, einen systeminhärenten Optimierungsprozeß?

„Dritte Welt“ in der Philosophie

Paul Feyerabend sieht Poppers „dritte Welt“ als „philosophischen Himmel“ an, auf dessen „eingebildete Figuren zu starren“ nicht realistisch sei.

Der Feyerabend- und Lakatos-Schüler Helmut Spinner hält Poppers „‚dritte Welt‘ der Probleme, Argumente, Theorien“ für eine ungerechtfertigt „entpsychologisierte“ und „reaktionäre“, dogmatische, „hyperrealistische, in ihren problemabschneidenden und -verkürzenden Konsequenzen befremdliche Theorie“. Sir Karl analysiere hier „die wissenschaftliche Erkenntnis ausschließlich unter der Perspektive von ‚Produkten-an-sich‘ (nicht nur der Objektbereich der Theorien, sondern auch diese selbst werden realistisch ontologisiert)“, vernachlässige „die Erkenntnis als Forschungsprozeß“ und verfehle „damit (wider seine erklärte Absicht) einen wesentlichen Aspekt einer adäquaten Theorie des Erkenntnisfortschritts“: „Ein auf die Spitze getriebener, ontologisch verschanzter metawissenschaftlicher Internalismus, der mit Poppers eigenem (fallibilistischen) Erkenntnisprogramm nicht vereinbar ist.“

Der angeblich „eigentliche“ wissenschaftstheoretische Erkenntnisbereich werde isoliert und „für explanatorisch grundsätzlich autonom erklärt“. Lakatos definiert „internal (= logisch = normativ = ‚objektiv‘) = rational“ versus „external (= empirisch = deskriptiv = ‚subjektiv‘) = irrational“. Spinner: „Der internal/external-Dichotomie entsprechen grundsätzlich verschiedene Erklärungstypen: Erklärungen durch Rekurs auf Gründe und Regeln (reasons and rules) im internalistischen, Erklärungen durch Rekurs auf Ursachen und (erfahrungswissenschaftliche) Gesetze (causes and laws) im externalistischen Bereich.“ Für Popper seien externalistische Faktoren bzw. Erklärungen sogar Störungen im kognitiven Bereich der Wissenschaftstheorie. So sei Sir Karl auf seine alten Tage aus einem Kritizisten zum Platoniker geworden.

Das „Internalismus“-Problem konnte auch von Poppers Schüler und Nachfolger an der London School of Economics, dem 1974 verstorbenen Imre Lakatos, nicht gelöst werden: Unter dem Gesichtspunkt der „internen“ Wissenschaftsgeschichte werden von ihm rivalisierende Methodologien mit ihren eigenen Maßstäben beurteilt und miteinander verglichen. Was in diesem Sinn „rational“ ist (den Regeln des Wissenschaftsspiels entspricht), wird von „common scientific wisdom“ und Michael Polanyis richtender „Wissenschaftselite“ bestimmt (Habermas’ und Apels Forderung nach demokratischen Konsens-Kriterien stoßen bei Kritizisten auf taube Ohren).

Über „externe“ Rationalität — also die eigentlich interessante — kann wissenschaftstheoretisch nichts ausgesagt werden (Lakatos hat das Wahrheitsproblem einmal sogar mit Hilfe einer „induktiven hypothetisch-falliblen Metaphysik“ zu lösen versucht): „Sience is rational, but its rationality cannot be subsumed under the general laws of any methodology.“

Philosophen sind Narren

So wird verständlich, daß Feyerabend (auf dem deutschen Philosophenkongreß, Kiel 1972) die Frage gestellt hat, ob Wissenschaftstheorie nicht eine „bisher unbekannte Form des Irrsinns“ sei: „Ein Grundzug geistiger Störung ist ja, daß sich der Kranke mehr und mehr von der Wirklichkeit entfernt. Er bemerkt dieses Entfernen nicht, denn er konstruiert Gedankengebäude, die, in sich geschlossen, widerspruchsfrei sind und die Antworten geben auf die unangenehmsten Fragen. Ein wichtiger Zug der Gedankengebäude ist ihr formaler Charakter: gewisse Formeln, Gesten eingeschlossen, werden endlos wiederholt, aber so, daß ein Widerspruch mit anderen Formeln nicht eintritt ... Da haben wir die Schizophrenie (logischer Empirismus), die Hysterie (kritischer Rationalismus) und die katatonische Erstarrung (Erlanger Protozoen-Physik).“ Popper selbst hat übrigens bei den Existenzialisten — frei nach Karl Jaspers — „Hysterie“ diagnostiziert!

Eine Tendenz weg von der Wirklichkeit tritt auch in Poppers Konzept des „Fortschritts“ seiner „offenen Gesellschaft“ zur „vollständig abstrakten oder entpersönlichten“ (zurück zur „geschlossenen“ geht’s nicht mehr) zutage. Popper: „Man kann sich eine Gesellschaftsordnung vorstellen, in der sich die Menschen praktisch niemals von Angesicht zu Angesicht sehen, in der alle Geschäfte von isolierten Individuen ausgeführt werden, die sich durch maschingeschriebene Briefe oder durch Telegramme verständigen und die sich in geschlossenen Kraftfahrzeugen umherbewegen. (Künstliche Befruchtung würde sogar die Fortpflanzung ohne persönlichen Kontakt ermöglichen.)“ Was Popper dann als „neuen Individualismus“ feiert.

Der Kritische Rationalismus steht laut Popper auf „schwankender Basis“: Sein „Pseudorationalismus der Falsifikation“ (Otto Neurath 1935 in der Erkenntnis) kommt trotz Verwerfung der Induktion und der positivistischen „Protokollsätze“ um das „Basisproblem“ der Erkenntnis nicht herum. Es müssen ja die falsifizierenden Singulärsätze (Popper nennt sie ironisch „Basissätze“) empirisch wahr sein. Hier kann nicht nochmals falsifiziert werden und Popper will sich auch keinem metaphysischen „Evidenzgefühl“ überlassen (zu dem sich noch Stegmüller bekennt — Carnap ist da schon vorsichtiger geworden).

Die „Basissätze“ sind theorieabhängig, über sie muß Übereinkunft erzielt werden. Ein bißchen Induktion, ein Quentchen Konventionalismus (der ansonsten bekämpft wird), Abstriche beim Falsifikationismus (empirisch sinnvoll können auch nichtfalsifizierbare Sätze — Existenzsätze — sein sowie solche mit gemischten Quantoren, wie sie in der Physik vorkommen: diese sind weder veri- noch falsifizierbar!). Schließlich der Glaube an die „Wahrheit“ und an die Annäherung an sie durch immer tieferes Eindringen in die Wirklichkeit mit Hilfe empirisch gehaltvoller Theorien, die sich bewähren (wobei eine nicht erreichbare Endtheorie anvisiert wird, die mit „allen wirklichen Tatsachen“ übereinstimmt — das müßte eine Ontologie der Natur sein).

Real ist der Fußball

Eine echte Erkenntnistheorie lehnt Popper mit Hinweis auf die Semantik Tarskis ab, der die Adäquationsthese hinreichend rational gefaßt habe. Aber Tarskis Wahrheitsdefinition klärt lediglich die Korrelation von Objekt- und Metasprache, Aussagen über Dinge und Aussagen über Aussagen. Die Sätze (1) „Popper ist ein Philosoph“ und (2) „Der Satz ‚Popper ist ein Philosoph‘ ist wahr“ sind gehaltgleich. Tarski: „The semantic definition of truth implies nothing regarding the conditions under which a sentence like (1) can be asserted.“ Im Gegensatz zu der des Aristoteles (adaequatio rei et intellectus) ist Tarskis Definition erkenntnistheoretisch und ontologisch neutral. (Was Popper in dieser Frage sonst noch bietet, ist eine scherzhafte Metapher aus dem Fußballsport: „To call physically real what is ‚kickable‘ — and able to kick back if kicked.“)

Laufende Ausschaltung von Irrtümern könnte, wie Klaus Holzkamp geltend macht, nur dann die Wahrscheinlichkeit erhöhen, auf „Wahrheit“ zu stoßen, wenn das „Wahre“ und das „Falsche“ insgesamt eine endliche Menge darstellte, was nicht der Fall ist. Instrumentell-pragmatischer „Erfolg“ (Bewährung) einer Theorie aber sagt noch nichts über deren objektive Wahrheitsnähe aus. (Im Popperismus kann die wahre Theorie überhaupt nicht identifiziert werden.)

Poppers Lösung des Problems des Erkenntnisfortschritts hat den „Kuhn-Popperschen Froschmäusekrieg“, wie Feyerabend diese „von der Wissenschaftstheorie produzierte Kinderei“ bezeichnet, nicht gut überstanden. Nach Thomas S. Kuhn („Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“, Suhrkamp, Frankfurt 1973) werden Theorien niemals durch Poppersche Falsifikation abgelöst, sondern eine Theorie verdrängt die andere auf „revolutionäre“ Weise. Der soziale und historische Hintergrund, psychologische Faktoren, ja sogar das Generationsproblem spielen dabei eine Rolle, Propaganda, Überredung, Bekehrungserlebnisse treten in Erscheinung. Was auch auf Poppers eigene methodologische „Denomination“ zuzutreffen scheint.

Der Wissenschaftsjournalist Willy Hochkeppel machte auf die quasi-konfessionelle Funktion des Kritischen Rationalismus aufmerksam: „Seit kurzem bietet sich der Kritische Rationalismus für viele, die der dominierenden Ideologien und der unbeirrbaren philosophischen Lehrmeinungen müde geworden sind, als Alternative an. Die Entscheidung für diese Theorie kommt nicht selten einer Konversion, einer Bekehrung gleich, einem radikalen Positionswechsel zumindest. Manchmal wurden Stadien auf dem Lebensweg des Initiators des Kritischen Rationalismus, Karl R. Popper, repetiert, von denen er uns folgende mitteilt: ‚Ich wurde Marxist etwa im Jahre 1915, als ich 13 Jahre alt war, und Anti-Marxist 1919, kurz vor meinem 17. Geburtstag. Aber ich blieb Sozialist bis zu meinem 30. Lebensjahr, obwohl ich mehr und mehr daran zweifelte, daß Freiheit und Sozialismus vereinbar sind.“

Der Carnap-Interpret Wolfgang Stegmüller hat Kuhns Thesen in eine „rationale“ Form gebracht, die auch Positivisten zu beruhigen imstande ist: Im Sinne des logisch-mathematischen Strukturalismus von J. D. Sneed wird zwischen einem Theorie-Kern (ein „Fundamentalgesetz“ samt „grundlegenden Nebenbedingungen“, die eine Querverbindung zwischen allen Anwendungen herstellen) und einer empirischen (logisch nicht zerlegbaren) Aussage (= die offene Menge der intendierten Anwendungen) unterschieden. Der Kern kann erweitert werden durch spezielle Gesetze und spezielle Nebenbedingungen (plus Hinweis auf Anwendungsgebiete). Nur in diesen Erweiterungen und in der Vergrößerung des Anwendungsbereiches kann sich Hypothesenbildung abspielen. Der eigentliche Kern (und die „paradigmatische Ausgangsmenge“ der Anwendungen) ist von vornherein immun.

Lakatos, der Poppers „naiven Falsifikationismus“ für unhaltbar ansieht, startet eine — Kuhns Thesen berücksichtigende — Rettungsaktion: Sein „sophisticated methodological falsificationism“ befaßt sich nicht wie Popper mit Theorien, sondern mit Theorienserien = Forschungsprogrammen. Diese besitzen einen „hard core“, der immun ist und von einem „protective belt“ von widerlegbaren Einzeltheorien umgeben ist, die reihenweise geopfert werden.

Wie eine Gang ...

Nach Kuhn wird also „normalerweise“ der „springende Punkt“ einer Theorie gar nicht in Frage gestellt. Also Quines „natural tendency to disturb the total system as little as possible“! Poppers Falsifizierungsvorgänge finden lediglich im Erweiterungs- und Anwendungsbereich des „normalen“ Wissenschaftsbetriebes statt und stellen sozusagen systemfreundliche „kleine Schritte“ dar (ein Verhalten, das laut Feyerabend nicht nur für die „normale“ Wissenschaft, sondern auch für Verbrechergangs typisch ist). Außerordentliche Forschung dagegen versucht eine neue Theorie aufzubauen, die leistungsfähiger als die alte ist. Sie muß ihren Strukturkern allerdings erst konstruieren und den Beweis der Leistungsfähigkeit (durch Strukturreduktion) erbringen, was Zeit und den Einsatz „externalistischer“ Mittel erfordert.

Lakatos mißt den Erkenntnisfortschritt an der „progressiven Problemverschiebung“ im Gegensatz zur „Degeneration“ veralteter Forschungsprogramme. Dabei mahnt er aber zur Toleranz: Auch an angeblich überholten Konkurrenzprogrammen darf festgehalten werden — sie könnten sich, wie die alte Atomtheorie, irgendwann einmal wieder als progressiv erweisen. Feyerabend nennt Lakatos’ Versuch einen „verkleideten Anarchismus“, der „scheinbar liberal“ ist.

Scheinbar deshalb, weil Lakatos „vorschlägt, bei einem in Degeneration befindlichen Programm sollten die Herausgeber wissenschaftlicher Zeitschriften die Veröffentlichung von Aufsätzen der Wissenschaftler, die an dem Programm arbeiten, ablehnen. Und Stiftungen sollten ebenfalls die finanzielle Unterstützung verweigern.“

Stegmüllerss Schlußfolgerung aus Kuhn: Eine auf die Thesen des Kritischen Rationalismus gegründete Philosophie müßte sich „in der Aufstellung unrealistischer, nicht zu erfüllender Rationalitätspostulate erschöpfen“ und schließlich in eine „Meta-Theorie der Science-fiction“ ausarten. Naturwissenschaft wäre „damit unmöglich gemacht“.

Feyerabend der Philosophie: Dadadada ...

Gegen Poppers „law-and-order“-Philosophie entwickelt Paul Feyerabend eine „anarchistische Erkenntnistheorie“: „Die Wissenschaft ist wesentlich ein anarchistisches Unternehmen.“ Um Verwechslungen mit dem terroristischen und extrem wissenschaftsgläubigen politischen Anarchismus auszuschließen, spricht Feyerabend auch von einem „Dadaismus“: „Ein Dadaist würde keiner Fliege etwas zuleide tun — geschweige denn einem Menschen.“

Mao + Einstein + Don Juan

Der erkenntnistheoretische Dadaist „hat nicht nur kein Programm, sondern ist gegen alle Programme, obwohl er zeitweilig der lautstärkste Kämpfer für den Status quo oder gar dessen Gegner sein kann. Sein liebster Zeitvertreib ist es, Rationalisten dadurch zu verwirren, daß er umwerfende Begründungen für völlig unbegründete Doktrinen erfindet.“ Wissenschaft sei „eine Ansammlung konkurrierender Alternativen. Die ‚anerkannte‘ Auffassung ist diejenige, die zur Zeit im Vorteil ist — sei es aufgrund irgendeines Tricks oder aufgrund wirklicher Verdienste.“ „Gesetze der Vernunft“ oder der wissenschaftlichen Praxis hätten eine „verdummende Wirkung“. „Für die objektive Erkenntnis brauchen wir viele verschiedene Ideen“, seien diese nun von Einstein, Mao, dem Don Juan des Carlos Castaneda oder einem Scharlatan (den Chauvinismus der etablierten Wissenschaft, eine „unheilige Allianz von Wissenschaft, ‚Rationalismus‘ und Kapitalismus“, habe z.B. Mao Tse-tung richtig durchschaut und in einer Gegenaktion etwa die Akupunktur gefördert).

Der „einzige Grundsatz“, der den Fortschritt nicht behindere, laute: „Anything goes (Mach was du willst).“ „Kein Gedanke ist so alt oder absurd, daß er nicht unser Wissen verbessern könnte.“ Die Wissenschaft könne man auch voranbringen, indem man „kontrainduktiv“ vorgehe, „Antiregeln“ verfolge (Verwendung von Ad-hoc-Hypothesen, von solchen, die gut bestätigten Theorien oder experimentellen Ergebnissen widersprechen, die mit Tatsachen nicht vereinbar seien — Tatsachen sind ja durch ältere Theorien „konstruiert“).

„Irrationale“ Stützungsmethoden seien notwendig wegen der „ungleichmäßigen Entwicklung“ (Marx, Lenin) der verschiedenen Teile der Wissenschaft. Die neopositivistisch-popperistischen Unterscheidungen zwischen einem Entdeckungs- und Begründungszusammenhang, zwischen theoretischen und Beobachtungsbegriffen spielten in der wissenschaftlichen Praxis keine Rolle: „Der Versuch, auf ihnen zu bestehen, würde katastrophale Folgen haben.“

Bei Feyerabend verschwimmen die Grenzen von Wissenschaft und Mythos, Religion usw. (auch Poppers Abgrenzung funktioniert ja nicht, und Carnap mußte das Sinnkriterium tolerant fassen), andererseits sind zumindest die großen „kosmologischen“ Weltbilder (Kuhns Paradigmata) „inkommensurabel“. Die „Irrationalität“ der Übergangszeit von einem zum anderen Paradigma wird durch „konsequente Produktion von Unsinn“ überwunden. Gegen den „Tumor“, den „Unsinn“, die „Kindereien“ der Wissenschaftstheorie unterstützt Feyerabend die Arbeit des Kieler Professors Kurt Huebner, der mit seiner „strukturellen Theorie der Geschichte“ die „Wurzel des wissenschaftlichen Fortschritts in der gesamten geistigen und geschichtlichen Lage, in der sich der Forscher befindet“, aufzeigen will.

Schließlich plädiert Feyerabend für die Abschaffung der „Abgrenzung zwischen der Philosophie und dem übrigen menschlichen Leben“ und für eine „Lebensform, welche die Grundkomponenten älterer Mythen — Theorien, Bücher, Vorstellungen, Gefühle, Laute, Institutionen — als sich gegenseitig beeinflussende, jedoch antagonistische Elemente einführen“ soll. „Brechts Theater war ein Versuch, solch eine Daseinsform zu schaffen. Es gelang ihm nicht völlig. Ich schlage vor, wir sollten es statt dessen mit dem Film versuchen“ (aus Feyerabends Aufsatz „Wie die Philosophie das Denken verhunzt und der Film es fördert“).

Helmut Spinner tadelt am Popperismus das mangelnde Verständnis für Heuristik und die Unkenntnis der Ergebnisse der modernen Wissenschaftssoziologie. Was noch schwerer wiegt: Popper setze Rationalität mit Kritik gleich, könne aber nicht erklären, warum es rational ist, kritisch zu sein. Popper habe die Idee der Kritik „zum Allerweltsprinzip der ‚kritischen Diskussion‘ verwässert, in der es kaum noch verbindliche Regeln für den Entscheidungsprozeß gibt“. Für den Kritischen Rationalismus bestehe die „ernste Gefahr, daß im Zuge der fast schrankenlosen Generalisierung seines Erkenntnisprogramms der Begriff der Kritisierbarkeit zu dem trivialen Begriff der bloßen Bezweifelbarkeit verwässert und die von seiner eigenen Argumentationsethik geforderte Offenheit für Kritik zur selbstverständlichen, aber nichtssagenden Konzession degeneriert, daß man über jeden behaupteten Tatbestand auch anderer Meinung sein könne und im übrigen ‚über alles mit sich reden‘ lasse“.

Noch gefährlicher schätzt Spinner die Universalisierungstendenz des Kritischen Rationalismus ein, die „Ausuferung“ der Methodologie zum Verhaltens- und Gesellschaftsmodell: Ein Rationalitätsmodell, „das auf die Lösung des Geltungsproblems wissenschaftlicher Theorien hin programmiert ist, von allen Handlungsmotiven (außer dem Motiv des ‚reinen Wahrheitsstrebens‘) absieht und kontrafaktische soziale Bedingungen unterstellt“, liefert nach Spinner „keinen Entwurf einer allgemeinen, unter Rationalitätsgesichtspunkten verbindlichen Lebensform, es sei denn, der kritische Rationalismus wolle z.B. den Unternehmern empfehlen, ihr Verhalten statt auf Gewinnmaximierung auf Erkenntnismaximierung auszurichten“.

Eine Philosophie für Taus & Strauß?

Der Einwand gelte auch für den Pluralismus: „Interessenkonflikte dürfen nicht als bloße Meinungskonkurrenz behandelt werden. Vitale Bedürfnisse gilt es nicht zu ‚falsifizieren‘, sondern zu befriedigen.“ Der Ad-hoc-Schluß vom pluralistischen Gesellschaftsmodell sei falsch: „Wir gelangen hier nicht weiter als bis zur Kommunikationsgemeinschaft, wie sie zwischen Forschern besteht“ (womit auch Habermas getroffen ist).

Spinner beklagt auch die „erstaunlichen, befremdlichen Sympathien, die dem kritischen Rationalismus neuerdings vom überall aufkommenden Neokonservatismus entgegengebracht werden — dessen radikalste Vertreter ihre Kritik vordergründig gegen den Linksradikalismus, in Wirklichkeit aber bereits auch gegen den konsequenten politischen Liberalismus stellen und Aufklärung zur ‚konservativen Aufgabe‘ machen wollen“. (In Österreich reicht die Anhängerschaft Poppers vom Oppositionsführer Josef Taus auf dem rechten Flügel der ÖVP bis zum Retter der Marktwirtschaft vor linkem „Irrationalismus“, Felix Butschek, auf der rechten SPÖ-Seite.)

Spinner erinnert an die Kontroverse Habermas-Topitsch 1970, wo sich „die Fronten völlig verkehrt“ hätten: „Es war der ‚Marxist‘ Habermas, der die Werte eines konsequenten politischen Liberalismus gegen die neue, neokonservative Aufklärung, gegen den ressentimentgeladenen Angriff der ‚umgefallenen‘, in Militanz und Verschwörungstheorien flüchtenden Liberalen“ verteidigt hat. Junge Pfarrer scheinen heute kritischer zu sein als alte Kritische Rationalisten.“ (1976 ließ es sich der alte Rationalist Topitsch anläßlich des CDU-Wahlparteitags in Hannover nicht nehmen, den Popper-Pluralisten Josef Taus — „Aus Liebe zu Europa: CDU statt SPD!“ — beim Umtrunk im Lokal „Olle Beutelstraeker“ zu hofieren.)

Sir Karl selbst rühmt sich, im Laufe vieler Professorenjahre nur einen einzigen revolutionären Studenten „zustande gebracht“ zu haben (Robin Blackburn, den Gründer der New Left Press). Dazu meint Spinner, er würde ein solches Ergebnis eher verschweigen, und fordert die Kritischen Rationalisten schließlich auf, „in die Opposition zu gehen“. Diese ziehen sich jedoch delphisch weise aus der Situation: Die Popperianer des gelben Buches machen sich zwar Sorgen darüber, daß CDU und FDP „engere programmatische Beziehungen“ zu Poppers Philosophie pflegen als die SPD — weil die SPD nämlich weder die „soziale Marktwirtschaft“ zum alleinigen Leitbild noch den Marxismus zum politischen Hauptfeind gemacht habe. Andererseits komme die SPD dem methodischen Standpunkt des Popperismus eher entgegen als der starre Ordo-Liberalismus.

Die „Lösung“, die das gelbe Buch anbietet: „Ob Mitglieder der CDU dogmatisch am Konzept der sozialen Marktwirtschaft festhalten oder sich Jungsozialisten vorbehaltlos für die Aufhebung des Privateigentums engagieren, solange keine der beiden Gruppen oder sonst jemand in der Lage ist, Kritik zu unterbinden, kommt es nicht darauf an, ob sich die rivalisierenden Standpunkte am kritischen Rationalismus orientieren oder nicht.“

Helmut Schmidts Drohung mit Kreditrestriktionen gegenüber Italien (Il Messagiero: „Il Diktat di Schmidt“) im Falle einer Regierungsbeteiligung der KPI paßt jedoch durchaus zu Poppers Methodenlehre: „Solange wir intolerante Philosophien“ (wer „intolerant“ ist, bestimmen Popper bzw. Schmidt) „durch die öffentliche Meinung in Schranken halten können, wäre ihre Unterdrückung sicher höchst unvernünftig. Aber wir sollten für uns das Recht in Anspruch nehmen, sie, wenn nötig, mit Gewalt zu unterdrücken“ — heißt es schon in der „Offenen Gesellschaft“.

Sir Karls Kritischer Rationalismus (nach Edward H. Carr der Berufsideologie eines königlich-britischen Beamten „ziemlich ähnlich“) nun auch als Staatsdoktrin eines metternichschen Deutschland oder gar als politische Philosophie der westlichen „heiligen Allianz“? Marx behüte! Für Sozialisten, die unter (pluralistischer) Demokratie etwas Inhaltlicheres verstehen als Popper, unter Reform etwas Fundamentaleres und für die sich Humanität nicht in maximaler Vernunftkritik erschöpft, wird Sinn und Nutzen einer Beschäftigung mit dem Kritischen Rationalismus höchstens darin liegen, aus dessen Fehlern klüger zu werden (popperisch ausgedrückt).

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Erstveröffentlichung im FORVM:
September
1976
, Seite 51
Autor/inn/en:

Josef Dvorak:

Jahrgang 1934, gelernter Theologe und Tiefenpsychologe. Langjähriger Gerichtsreporter und außenpolitischer Redakteur bei Tageszeitungen, von 1973 bis 1995 Mitglied der Redaktion des FORVM. Er ist heute freier Forscher und Publizist und beschäftigt sich vor allem mit der Geschichte der Psychoanalyse, des Okkultismus und ideologischer Minderheiten.

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