FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1995 » No. 499-504
Herbert Auinger

Parlamentarier geoutet!

Dr. Andreas Khol, ÖVP-Klubobmann, ist praktizierender Vulgärmarxist

»Ich glaube, daß wir die Kirche für diesen Staat, alle Kirchen für diesen Staat brauchen. Ohne die wertebildende Kraft des Glaubens riskiert unser Staat, zu einem Polizeistaat oder zu einem Fürsorgestaat zu werden. Wir brauchen die Kirchen ...« (Khol in der ORF-Pressestunde, 21.5.95)

Eine bemerkenswert ehrliche Auskunft über den politischen Nutzen von Religion und Moral. Werte sind nach dieser Anschauung ein geistiges Zwangsmittel‚ und wenn es einem Staat — auch via Religion gelingt, solche zu verabreichen, dann erspart er sich womöglich ein Quantum Polizei. Meint ein demokratischer Politiker.

Sogar eine Alternative zu beiden Zwangsmaßnahmen‚ der physischen und der geistigen, ist dem Politiker geläufig: Wenn die Leute versorgt sind, müssen sie weder religiös verdummt noch polizeilich unterdrückt werden! Wenn Fürsorge hingegen nicht in Frage kommt — schließlich verwaltet »unser Staat« erstens einen Kapitalismus und nimmt zweitens mit mehreren Sparpaketen gerade kräftige Korrekturen am gewohnten Lebensstandard eines weidlich benutzten Volkes vor —, dann drängt sich dem christlichen Politiker die »wertebildende Kraft des Glaubens« als unverzichtbar auf. Falls die versagt, kommen Abstriche an den Ansprüchen von Politik und Kapital natürlich nicht in Frage; für den Fall leuchtet einem Khol der Polizeistaat ein.

Tempora mutantur. Hitler war seinerzeit noch der Meinung, u.a. auch Religion und Moral vor Einwänden der damaligen Arbeiterbewegung in Schutz nehmen zu müssen: »Man lehnte da alles ab: die Nation das Vaterland die Religion, als Mittel der Verblödung des zur Ausbeutung bestimmten Volkes; die Moral, als Zeichen dummer Schafsgeduld usw. Es gab da aber rein gar nichts, was nicht in den Kot einer entsetzlichen Tiefe gezogen wurde.« (Mein Kampf, 3.41) Heute beschwört ein Politiker die Religion als funktionelles Aquivalem zum polizeistaatlichen Vorgehen, impliziert dabei den erwähnten Zusammenhang von Ausbeutung und Schafsgeduld, und meint, ihr ein Kompliment zu machen: Das Regime läßt die Pfaffen alimentieren, um das gebeutelte Volk ruhigzustellen: »Ich glaube, daß wir die Kirche für diesen Staat, alle Kirchen für diesen Staat brauchen.«

Die Gläubigen sehen das offenbar auch so. Schließlich war Khol nicht im stillen Kämmerlein zugange, sondern Sonntag mittag, also nach der Messe, im Fernsehen unterwegs. Protestiert hat niemand. Ziemlich abgebrüht, diese Christen. Khol vergleicht öffentlich Methoden der Herstellung ihrer Gefügigkeit, votiert deswegen für den Glauben‚ und die Schafe lassen es sich einleuchten. Ein bemerkenswerter Beweis der wertebildenden Kraft des Glaubens! (Das Vulgäre am Statement des Klubobmannes ist übrigens die Vorstellung, Werte wie eine Steuererhöhung staatlicherseits verabreichen zu können; ansonsten stimmt es. Religion ist Untertanengesinnung, eine Form von Nationalismus. Eine Kleinigkeit nebstbei: Polizeistaat und Religion müssen nicht notwendig Alternativen bei der Zurichtung eines Volkes sein, sie funktionieren auch als einander ergänzende Einrichtungen. Es soll vorkommen, daß polizeistaatlicher Terror die Unbotmäßigkeit abräumt, die von der Religion nicht voll erwischt wurde.) H.A.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1995
No. 499-504, Seite 107
Autor/inn/en:

Herbert Auinger: Herbert Auinger ist freier Autor in Wien.

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