FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1991 » No. 452-454
Gerhard Scheit

Notbremse

Zur Aktualität einer Metapher Walter Benjamins

1. Teil: Von Benjamin zu Marx
(2. Teil: Von Marx zu Benjamin)

Marx sagt, die Revolutionen sind die Lokomotive der Weltgeschichte. Aber vielleicht ist dem gänzlich anders. Vielleicht sind die Revolutionen der Griff des in diesem Zuge reisenden Menschengeschlechts nach der Notbremse. [1]

Es ist dies einer jener Gedanken, die Walter Benjamin zwanzig Jahre bei sich verwahrt, ja verwahrt vor sich selber, gehalten hatte. Einer jener Gedanken, die er nach dem Schock des Hitler-Stalin-Paktes niederschreiben mußte, um sich die letzten Illusionen vom universellen Fortschritt aus dem Kopf zu schlagen.

Benjamin nahm die Metapher nicht auf in die endgültige Fassung der Thesen „Über den Begriff der Geschichte“. Vielleicht schien ihm ihre (von Marx inspirierte) Einfachheit zu verführerisch — sie hat jedenfalls nicht den poetischen Glanz und die unauslotbare philosophische Tiefe der anderen Bilder, deren berühmtestes wohl angelus novus ist: der Engel der Geschichte. Die gemächliche Teleologie der Sozialdemokraten, der sich in Benjamins Sicht auch die taktierende Politik der Kommunisten angeschlossen hatte, sie wird radikal verkürzt zum Augenblick der Erlösung. Nur daß in der Metapher der Notbremse diese Erlösung einen wenig paradiesischen Sinn ergibt: die Notbremse erlöst nur von der herannahenden Vernichtung.

Während aber ein so nahe gerücktes Telos sehr oft den Blick auf die Gegenwart verstellt, schärfte es Benjamins Augen für die Moderne. Dies muß Brecht an Benjamin von Anfang an tief beeindruckt haben. Und in der für ihn typischen Art interessierte er sich auch im Falle der Thesen nur für die nützlichen Resultate des messianischen Denkens:

benjamin wendet sich gegen die vorstellungen von der geschichte als eines ablaufs, vom fortschritt als einer kraftvollen unternehmung ausgeruhter köpfe, von der arbeit als der quelle der sittlichkeit, von der arbeiterschaft als protegés der technik usw. er verspottet den oft gehörten satz, man müsse sich wundern, daß so was wie der faschismus ‚noch in diesem jahrhundert‘ vorkommen könne (als ob er nicht die frucht aller jahrhunderte wäre). kurz, die kleine arbeit ist klar und entwirrend (trotz aller metaphysik und judaismen) und man denkt mit schrecken daran, wie klein die anzahl derer ist, die bereit sind, sowas wenigstens mißzuverstehen. [2]

Benjamin und Brecht verband das Grauen über den Endsieg des Kapitals; der Faschismus erschien ihnen nur als dessen handgreiflich gewordene Möglichkeit. Schon einige Jahre vor dem Machtantritt des Nationalsozialismus hatte Benjamin dieses Grauen formuliert: Die Frage ist, schrieb er in der „Einbahnstraße“, ob die Bourgeoisie „an sich selber oder durch das Proletariat zugrunde geht. Bestand oder das Ende einer dreitausendjährigen Kulturentwicklung werden durch die Antwort darauf entschieden. Geschichte weiß nichts von der schlechten Unendlichkeit im Bilde der beiden ewig ringenden Kämpfer. Nur in Terminen rechnet der wahre Politiker. Und ist die Abschaffung der Bourgeoisie nicht bis zu einem fast berechenbaren Augenblick der wirtschaftlichen und technischen Entwicklung vollzogen (Inflation und Gaskrieg signalisieren ihn), so ist alles verloren.“ [3] Der spätere Gedanke von der Revolution als Notbremse einer zur rasenden Maschine gewordenen Geschichte schließt an den von der Versäumbarkeit der Revolution unmittelbar an.

Für sich betrachtet scheint dieser Gedankengang nicht viel mit jener Theologie gemein zu haben, von der Benjamin sich die nächsten Schachzüge des dialektischen Materialismus erwartete. Was in dem Bild vom Engel der Geschichte als Trümmerhaufen begriffen wird, erhält hier eine exakte Terminierung. Der endlose Triumphzug der Herrschenden in einer anderen der Thesen wird als schlechte Unendlichkeit bezeichnet, von der die wirkliche Geschichte nichts weiß; und die von den Herrschenden mitgeführte Beute gilt es zu retten vor ihnen selber: die sogenannten Kulturgüter.

Der innere Zusammenhang mit den anderen „Thesen“ gibt dennoch zu erkennen, daß Benjamins Stillstellung einer von der Bourgeoisie getriebenen Geschichte die Befreiung von der Zeit selbst im Sinn hat, und die Berufung auf die Theologie eben mehr als bloße Provokation ist. Gerade in solcher Ontologisierung zeichnet sich eine Situation ab, in der die Aufhebung der Bourgeoisie beinahe zwingend als Stillstand der Zeit erscheinen muß. Mit einem Wort: Benjamin ist einer der großen Propheten unserer Epoche. Wie alle Propheten steht er völlig allein unter den Zeitgenossen, wie alle hat er große Vorfahren.

Am Beginn der zwanziger Jahre, kurz nach dem Ende des ersten imperialistischen Krieges stellte sich Georg Lukács die Frage, „wieweit der Warenverkehr und seine struktiven Folgen das ganze äußere wie innere Leben der Gesellschaft zu beeinflussen fähig sind.“ [4] Konkret konnte Lukács sie nicht beantworten, nur abstrakt war es möglich, von der Ware „als universeller Form der Gestaltung der Gesellschaft“ zu sprechen, ganz theoretisch nur und fast ohne Beispiele ließ sich formulieren, daß die Warenform „zur wirklichen Herrschaftstorm der gesamten Gesellschaft“ wird, indem sie „sämtliche Lebensformen (...) durchdringen und nach ihrem Ebenbilde umformen“ könne, „daß die gesamte Bedürfnisbefriedigung der Gesellschaft sich in der Form des Warenverkehrs abspiele“ und deren ganzen Leben „in isolierte Tauschakte von Waren pulverisiert wird“. [5]

Als „Geschichte und Klassenbewußtsein“ erschien, mußte solcher Diagnose etwas eigentümlich Unwirkliches anhaften und vielleicht hat gerade dies die Faszination des Buches bei vielen Intellektuellen forçiert. Es paßte eben nicht schlecht zu den dadaistischen Aktionen und den surrealistischen Bildern der zwanziger Jahre. Die Alltagserfahrung aber wußte nur wenig mit der universellen Herrschaft der Warenform anzufangen, in einem mittelmäßig entwickelten Land Europas konnte man wohl an das expandierende Zeitungswesen denken, an die wenigen Grammophone, die kaum entwickelte Filmindustrie und die Automobile der Reichen. Die Erzeugnisse der Kriegsindustrie, die die großen Profite der Zeit abwarfen, wirkten kaum in den Alltag hinein. Wie „Aeroplan“ und Zeppelin wurden sie von dort unten bloß angestaunt. Nur die Herstellung der wichtigen Rohstoffe war von kapitalistischer Großindustrie erfaßt worden und noch wenige der Konsumgüter wurden vollständig in industrieller Massenproduktion verfertigt. Die großen Kapitalgruppen beherrschten in erster Linie die Produktion von Produktionsmitteln: Schwerindustrie, Chemie, Elektrizität etc. Die mit dem unmittelbaren Konsum verbundene Produktion oder Bearbeitung der industriell vorgefertigten Rohstoffe blieb weitgehend dem Handwerk und den Kleinbetrieben überlassen. So hatte es wohl vielfach den Anschein, als konsumierte man im Alltag nicht Waren, sondern Einzelstücke, die als Waren bloß verkauft wurden. Die individuelle Reproduktion der Menschen lag überwiegend in den Händen von Dienstleistungen, die nicht vom großen Kapital organisiert wurden. Dienstboten oder unbezahlte Haushaltsmitglieder (Frauen, Kinder) waren wesentlich ihre Träger.

Unter solchen Bedingungen mußte die Theorie der Warenform wohl dunkel wie ein Orakel klingen, als kündete sie von einem unsichtbaren Schleier, der über die Gesellschaft geworfen wird und sie als ganzes verzauberte: „So wie das kapitalistische System sich ökonomisch fortwährend auf erhöhter Stufe produziert und reproduziert, so senkt sich im Laufe der Entwicklung des Kapitalismus die Verdinglichungsstruktur immer tiefer, schicksalhafter und konstitutiver in das Bewußtsein der Menschen hinein.“ [6] Inmitten einer Gesellschaft, die — wie in Deutschland — eine Fülle heterogener Bewußstseinsformen und Ideologien produzierte, — Bloch sprach gerade in Hinblick auf sie von „Ungleichzeitigkeiten“ — nahm es sich aus wie das Szenarium eines utopischen Romans, wenn Lukács behauptete, daß die einheitliche Wirtschaftsstruktur des Kapitals „eine — formell — einheitliche Bewußtseinsstruktur“ für die Gesamtheit der Gesellschaft erzeuge.

Im Abstrakten liegt die wahre Prophetie von „Geschichte und Klassenbewußtsein“, mit ihm hat Lukács die geschichtliche Entwicklung gleichsam überholt. Erst heute sehen wir seine Abstraktionen real werden — und dies mag die Renaissance seines Buchs während der Studentenbewegung, die nicht zuletzt ein Protest gegen die Universalisierung der Warenform war, bewirkt haben. Ähnlich wie bei Benjamin ist die Vorwegnahme zugleich eine Mystifizierung der Gegenwart gerade dort, wo sie zur Negation getrieben werden soll: Lukács konstruiert das Klassenbewußtsein des Proletariats aus der Inversion der Warenform. Hatte Marx die Arbeitskraft als Ware verstanden, die der Arbeiter zum Verkauf anbieten muß, so macht Lukács wesentlich den Arbeiter selbst zur Ware. Nicht immer spricht er dies offen aus, doch seine ganze Konzeption von Verdinglichung und ihrer Negation im Klassenbewußtsein ist letztlich darauf begründet:

Die Selbsterkenntnis des Arbeiters als Ware ist aber bereits als Erkenntnis: praktisch. D.h. diese Erkenntnis vollbringt eine gegenständliche, struktive Veränderung am Objekt ihrer Erkenntnis.“ [7] Nur wenige Schritte noch trennen Lukács hier von der Selbsterkenntnis der Ware als Arbeiter. Dieser wird zum bloßen Träger der Warenform, die Besonderheit dessen, was wirklich Warenform annehmen kann, seine Arbeitskraft, ist ausgelöscht. Lukács erzeugt gewissermaßen das Selbstbewußtsein der Ware und projiziert es als „rein abstrakte Negativität“ ins „Dasein des Arbeiters“, damit es auch wirklich ein Subjekt bekommt: „Die rein abstrakte Negativität im Dasein des Arbeiters ist also nicht nur die objektiv typischste Erscheinungsform der Verdinglichung, das struktive Vorbild für die kapitalistische Vergesellschaftung, sondern eben deshalb — subjektiv der Punkt, wo diese Struktur ins Bewußtsein gehoben und praktisch durchbrochen werden kann. [8]

Geht Lukács auch nur ein wenig konkreter auf die politische Gegenwart ein, so versagt er sich schon die Hoffnung auf Erlösung. Die Perspektive verdüstert sich sofort und die Möglichkeit eines Rückfalls des proletarischen Klassenbewußtseins „in die bürgerlich verdinglichte Unmittelbarkeit“ taucht auf. Die Gefahr, der das „Proletariat von seinem geschichtlichen Auftreten an unaufhörlich ausgesetzt war, daß es in der — mit der Bourgeoisie gemeinsamen — Unmittelbarkeit seines Daseins stecken bleibt, hat mit der Sozialdemokratie eine politische Organisationsform erhalten.“ [9]

Die Konsequenz dieses Gedankens führt zur Abstraktion der Warenform zurück und wird heute gezogen, da die politischen Organisationsformen selbst den Charakter von Waren besonderer Art angenommen haben. Es ist nur mehr eine Frage der Zeit, bis die Belangsendungen der Parteien vollständig im Werbefernsehen aufgehen.

Wo die marxistischen Propheten meinten, nur die Gegenwart zu analysieren, haben sie in Wahrheit die Zukunft vorausgesagt, soweit sie aber die Erlösung aus der Abstraktion prophezeiten, waren sie die Religionsstifter ihrer Epoche.

Walter Benjamin hat dabei die inneren Widersprüche von „Geschichte und Klassenbewußtsein“ noch verschärft, indem er die Fundamente des Warenfetisches in der Kultur des 19. Jahrhunderts freizulegen begann. Aus der Perspektive einer gescheiterten Arbeiterbewegung lassen seine archäologischen Studien über die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts eine einzige in sich geschlossene Epoche zwischen 1789 und 1933 entstehen; deren Homogenität ist durch die Warenform beschlossen, genau wie sie im Verdinglichungskapitel von „Geschichte und Klassenbewußtsein“ bestimmt worden war. Ist die Geschichte einmal ins Stadium der warenproduzierenden Gesellschaft geraten, kann sie etwas qualitativ Neues nicht mehr hervorbringen — vielmehr perpetuiert sie als modische Erneuerung den immer gleichen Weltzustand. Benjamins Vertrauen in die Arbeiterklasse ist gegenüber dem von „Geschichte und Klassenbewußtsein“ merklich geschwunden. Die Warenform verselbständigt sich gegenüber jenem Träger, dem Lukács allein die Durchbrechung ihres Fetisches zugestand. Ortete „Geschichte und Klassenbewußtsein“ im Proletariat die Ware, die sich durch Selbsterkenntnis selbst aufhob, so sucht Benjamin nach Stellvertretern: er findet sie insbesondere in den Allegorien Baudelaires, aber auch in der Funktionsweise der technischen Reproduzierbarkeit.

Die Methode bleibt wesentlich die von „Geschichte und Klassenbewußtsein“: die Selbsterkenntnis der Ware ist der Punkt, an dem ihr Fetisch durchbrochen wird. Erst die späten Thesen über den Begriff der Geschichte ziehen aus ihr eine Konsequenz, vor der die meisten Interpretationen von „Geschichte und Klassenbewußtsein“ zurückschrecken: sie entfalten, was Lukács mit Aufhebung der Verdinglichung kryptisch, vielleicht unentschlossen, bezeichnet hatte: Aufhebung von Geschichte und Gegenständlichkeit.

Die Notbremse, die Benjamin zur neuen Metapher der Revolution macht, ist diese Aufhebung. Professionelle Materialisten mögen über den Idealismus sich erhaben fühlen. In paradoxer Weise müssen Benjamins Thesen aber auch für den aktuell werden, der ein Ende wie auch den Anfang von Zeit und Raum als theologische Konstruktion zurückweist: wird die ganze Welt zu Waren, so mag tatsächlich die Aufhebung der Warenform als Aufhebung der Gegenständlichkeit, der Zeit und des Raumes erscheinen. Sie würde nicht nur als solche erscheinen, wenn tatsächlich nicht mehr möglich wäre, die Gegenstände von der Warenform zu trennen.

Doch die Aktualität dieser Waren-Apokalypse läßt sich nicht aus der Warenform selber ableiten. Lukács wie Benjamin abstrahierten von jenen Kategorien, die der Warenform ihre universalistische Tendenz erst verleihen. Beide analysierten die Ware für sich, losgelöst von den Formen gesellschaftlicher Arbeit und Mehrarbeit. „Nur auf der Grundlage der kapitalistischen Produktion wird die Ware in der Tat die allgemeine elementarische Form des Reichtums“, schreibt Marx in den „Resultaten des unmittelbaren Produktionsprozesses“. [10]

Es ist nicht ein bloßer Käufer und ein bloßer Verkäufer, die sich gegenüberstehen, sondern es sind Kapitalist und Arbeiter, die sich in der Zirkulationssphäre, auf dem Markt, als Käufer und Verkäufer gegenübertreten. Ihr Verhältnis als Kapitalist und Arbeiter ist Voraussetzung für ihr Verhältnis als Käufer und Verkäufer (...) es ist die Teilung der zusammengehörigen Elemente des Produktionsprozesses selbst und ihre bis zur wechselseitigen Personifikation fortgehende Verselbständigung gegeneinander, wodurch Geld als allgemeine Form der vergegenständlichten Arbeit zum Käufer von Arbeitsvermögen, der lebendigen Quelle des Tauschwerts und daher des Reichtums wird. [11]

Mögen die ersten Kapitel des „Kapital“ auch solche Illusionen wecken — aus der Warenform an sich läßt sich die Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft nicht logisch deduzieren. Die einfache Warenproduktion war vielmehr historische Voraussetzung für etwas, das mit ihren Kategorien allein nicht mehr bestimmbar ist: das Kapitalverhältnis. Umgekehrt: sie erscheint als Anatomie des Affen, die aus der des Menschen erst verstanden werden kann. (Darum auch entzweien sich im „Kapital“ die Wege der Untersuchung und der Darstellung.) Seit die Bürger Kapitalisten wurden, haben sie allerdings ein verständliches Interesse daran, ihre „Marktwirtschaft“ als „einfache Warenproduktion“ hinzustellen, um die Aneignung fremder Mehrarbeit unsichtbar zu machen.

Die totalisierende Tendenz der Warenform, die der Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft zugrunde liegt und heute als Ende der Geschichte erscheint, ist ohne die Entwicklung des Kapitalverhältnisses nicht zu erklären, im Sinne eben jener Teilung der zusammengehörigen Elemente des Produktionsprozesses und ihrer bis zur wechselseitigen Personifikation fortgehenden Verselbständigung gegeneinander; die Weltgeschichte, die den Weltmarkt produzierte, ist auf die Entwicklung des Handels, des Tausches, nicht reduzierbar. (Gerade die enttäuschten Geister des realen Sozialismus — selbst so klarsichtige wie Peter Ruben — hegen solche Vorstellungen, um damit ihr Konzept einer „sozialistischen Marktwirtschaft“ zu fundieren.)

Es war nicht der „Markt“, der die feudale Ausbeutung verdrängte, sondern das Kapital: jener war bloß das Relais, worin die Form der Ausbeutung sich wechseln ließ.

Fast ein halbes Jahrhundert nach „Geschichte und Klassenbewußtsein“ nahm Georg Lukács in der „Ontologie des gesellschaftlichen Seins“ den Faden seiner frühen Analyse der Warenform wieder auf. Schon in der Kritik an dem Verdinglichungskonzept, die er einer Neuauflage seines alten Buchs voranstellte, bezeichnete er nicht nur das Umschlagen von Verdinglichung in Klassenbewußtsein als „das reine Wunder“, er polemisierte vor allem darin gegen sich selbst, daß die Arbeit als Vermittler des Stoffwechsels der Gesellschaft mit der Natur aus der von ihm konstruierten Ökonomie herausgefallen war. [12]

Nun, bei der späten Rückkehr zur Kritik der politischen Ökonomie heftete er sein Augenmerk auf eben diese Kategorie und ihre geschichtliche Entwicklung. Konkreter als in der frühen Studie wird die Herrschaft des Kapitals über die Warenform vermittelt: die Konkretisierung wurde zum guten Teil von der Geschichte selbst erst vollzogen, nachdem die revolutionären Hoffnungen von „Geschichte und Klassenbewußtsein“ enttäuscht worden waren. So bleibt auch nichts mehr von der Faszination des Abstrakten, die den Stil des frühen Werks beflügelte, trockener und prosaischer als alle Schriften des ungarischen Philosophen liest sich das späte Hauptwerk, das bis heute kaum rezipiert wurde:

Zur Zeit der Wirksamkeit von Marx hat die kapitalistische Großindustrie vor allem die Produktion von Produktionsmitteln erfaßt: dazu gehören natürlich Bergwerke, Elektrizität etc. Von der Konsumtionsmittelindustrie war zwar die Herstellung wichtiger Rohstoffe (Textilien, Mühlen-, Zuckerindustrie etc.) von der großkapitalischen Maschinenindustrie erfaßt, ihre weitere, direkt mit dem unmittelbaren Konsum verbundene Bearbeitung blieb dagegen noch weitgehend dem Handwerk, der Kleinproduktion überlassen: dasselbe bezieht sich auf die meisten sogenannten Dienstleistungen. Vom Ende des 19. Jahrhunderts bis heute geht eine gewaltige und rapide Durchkapitalisierung, Großindustrialisierung all dieser Gebiete vor sich (...) [13]

Die „Vervielfachung des Konsumentenkreises“ und eine immer intensivere „Maschinisierung der Alltagsvorrichtungen“ sind Folgen dieser Entwicklung —

Die rapide Entwicklung der chemischen Industrie — es genügt, an die Kunststoffe zu denken — ließ auf weiten Gebieten die alte halb oder ganz handwerksmäßige Kleinproduktion verschwinden. Und es ist ebenfalls eine allgemein bekannte Tatsache, daß z.B. das Hotelwesen zu einem wichtigen Zweig des Großkapitalismus geworden ist, und zwar nicht nur für den städtischen Reiseverkehr, sondern auch als allmähliches Entstehen eines weitgehend durchkapitalisierten Ferienbetriebes. Die typischeste Form der nichtkapitalistischen Dienstleistung, das Gebiet der Hausangestellten, ist allgemein im Verschwinden begriffen. Auch das Terrain der Kultur wird von dieser Bewegung erfaßt. Natürlich gab es Anläufe dazu schon im 19. Jahrhundert. Aber das Ausmaß, in dem Zeitungen, Zeitschriften, Verlage, Kunsthandel etc. großkapitalistisch wurden, deutet bereits einen qualitativen Wandel der Gesamtstruktur an. [14]

Doch die wirkliche Konkretheit von Lukács’ später Kritik der politischen Ökonomie ergibt sich nicht aus der mühseligen Aufzählung der Phänomene, die den qualitativen Wandel, das „Universalwerden des Kapitalismus“, veranschaulichen sollen. Sie resultiert daraus, daß diese Universalität statt aus der Warenform aus dem Wandel der Mehrwertproduktion abgeleitet wird, einem Wandel, der das Verhältnis von Kapital und Lohnarbeit, die Teilung der zusammenhängenden Elemente des Produktionsprozesses zuinnerst betrifft. Wir leben — so Lukács — in der Periode des „relativen Mehrwerts“. In der Aneignung der Mehrarbeit nimmt „die des relativen Mehrwerts dem absoluten gegenüber einen immer größeren Raum ein“. [15]

Den durch Verlängerung des Arbeitstages produzierten Mehrwert nannte Marx den absoluten, den Mehrwert dagegen, der aus der Verkürzung der notwendigen Arbeitszeit und entsprechender Veränderung im Größenverhältnis der beiden Bestandteile des Arbeitstags entspringt — relativen Mehrwert. [16] (In dem einen Teil des Arbeitstages produziert der Arbeiter den für seine eigene individuelle Reproduktion nötigen Wert, im anderen den Mehrwert für den Inhaber des Kapitals.) Schon dadurch, daß Marx nicht von relativer und absoluter Mehrwertproduktion spricht, sondern das Epitheton auf den Wert selbst bezieht, deutet er den qualitativen Sprung an, der die Art und Weise des Mehrwerts — und des Werts — betreffen muß. Erinnern die Methoden des absoluten Mehrwerts mit ihren unmittelbaren Formen der Ausbeutung (Kinderarbeit, Ausdehnung der Arbeitszeit ohne gesetzliche Regelung etc.) noch vielfach an die, in der Produktivität begrenzten, feudalen Verhältnisse, so kommt der Kapitalismus erst in denen des relativen ganz zu sich selber: die permanente, durch den Konkurrenzkampf der Kapitale erforderte Steigerung der Produktivität und die Herabsetzung der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit verleihen der Kapitalakkumulation eine scheinbar grenzenlose Triebkraft. So ist es heute einigermaßen absurd, für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts das Zeitalter des „Hochkapitalismus“ zu proklamieren, begann das Kapital doch damals sehr zaghaft noch, seinem inneren Gesetz zu folgen. Marx glaubte mitunter in solcher Zaghaftigkeit schon das Zittern eines Greises zu erkennen. Sein eigenes Hauptwerk — neu gelesen — widerspricht solchen Hoffnungen, unauffällig, aber entschieden. Die ungeheuren Ausmaße, die ständig ausgeweitete Differenzierung der verschiedenen ökonomischen Kategorien, die strukturelle Unabgeschlossenheit des „Kapital“ — die in der offenen, skizzenhaften Anlage der „Grundrisse“ schon vorweggenommen ist — erscheinen als Sieg des Realismus über die politischen Illusionen von Marx. Solche Wahrheit steckt in einem von Wolfgang Harich überlieferten Ausspruch, den der Philosophieprofessor Nikolai Hartmann über das „Kapital“ getan haben soll: Wie kann man ein so großes Werk über einen Gegenstand schreiben, dem man historisch bloß eine so rasch vergängliche Bedeutung beimißt.

Die komplexe Dynamik der Akkumulation erschloß sich Marx wohl erst während der unabgeschlossen gebliebenen Arbeit am zweiten und dritten Band. Sie veranlaßte ihn schließlich, den ersten Band bei jeder der fünf Neuausgaben in manchmal sehr wesentlichen Punkten umzuarbeiten. D.h. das ganze „Kapital“ wurde zwischen 1867 und 1883 laufend verändert, auch der erste Band ist nicht vollendet, denn seine Begriffe teilt er ja mit dem dritten. Als unvollendetes ist das Werk aber bisher kaum gelesen worden, so man überhaupt über den ersten Band hinauskam. Wer es heute liest, empfindet sein Fragmentarisches wohl mit besonderer Intensität. Ist doch das Ende der Kapitalakkumulation ebenso offen und unklar wie das Ende der Marxschen Analyse. Es waren gute hundert Jahre nötig, damit sich das „Kapital“ als work in progress zu erkennen gibt.

(Sollte es endlich einmal in historisch-kritischer Ausgabe, innerhalb der MEGA, erscheinen — mit mehreren Dutzend Bänden ist zu rechnen —, so könnte überdies sichtbar werden, in welchem Ausmaß Engels bei den vorliegenden Ausgaben des zweiten und dritten Bandes geglättet und abgerundet hat.)

Bis heute hat sich nichts an der im dritten Band entfalteten Gesetzlichkeit geändert: Die Verkürzung der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit wird durch erhöhte Produktivität der Arbeit erzielt, die wiederum durch eine Vergrößerung des konstanten Teils des Kapitals (der Maschinen, Geräte und Computer) gegenüber dem lebendigen, der Arbeitskraft, möglich wird. Indem diese Verkürzung aber den Wert einer gegebenen Warenmenge herabsetzt, entwertet sie auch das dazu erforderliche Kapital:

Dies ist Gesetz für die kapitalistische Produktion, gegeben durch die beständigen Revolutionen in den Produktionsmethoden selbst, die damit beständig verknüpfte Entwertung von vorhandenem Kapital, den allgemeinen Konkurrenzkampf und die Notwendigkeit, die Produktion zu verbessern und ihre Stufenleiter auszudehnen, bloß als Erhaltungsmittel und bei Strafe des Untergangs. Der Markt muß daher beständig ausgedehnt werden, so daß seine Zusammenhänge und die sie regelnden Bedingungen immer mehr die Gestalt eines von den Produzenten unabhängigen Naturgesetzes annehmen, immer unkontrollierbarer werden. Der innere Widerspruch sucht sich auszugleichen durch Ausdehnung des äußeren Feldes der Produktion. Je mehr sich aber die Produktivkraft entwickelt, um so mehr gerät sie in Widerstreit mit der engen Basis, worauf die Konsumtionsverhältnisse beruhen. [17]

Wert und Mehrwert können nur realisiert werden, wenn die produzierte Warenmasse auch verkauft wird. So steigert sich das Interesse des Kapitals am Konsum der Arbeiterklasse im selben Maß wie Kapital und Warenmesse akkumulieren. Marx aber hat in der engen Basis, worauf die Konsumtionsverhältnisse beruhen, eine Schranke kapitalistischer Produktion gesehen: der Widerspruch zwischen den Bedingungen, unter denen der Mehrwert produziert, und den Bedingungen, unter denen er realisiert wird, verschärft sich notwendig zur Krise. Gelingt es indessen — mit welchen Mitteln auch immer — ihn zu versöhnen, so ist der Akkumulation des Kapitals keine gesellschaftliche Schranke mehr gesetzt. Gerade dieses Szenario eines universal gewordenen Kapitalismus hat Lukács in der „Ontologie“ entworfen:

Zur herrschenden Kategorie kann der relative Mehrwert nicht werden, bevor objektiv eine ökonomische Interessiertheit der Kapitalistenklasse in ihrer Gesamtheit am Konsum der Arbeiterklasse entsteht. (...) Ohne Arbeiter als kauffähige Konsumenten ist diese Universalität der kapitalistischen Produktion unmöglich zu verwirklichen. [18]

Der greise Philosoph hatte freilich in dem „ontologischen Gegenbild“ des Sozialismus, dessen Deformationen er sein Leben lang bekämpfte, ein dauerhaftes, wenn auch nicht sehr sanftes Ruhekissen, auf dem solche Alpträume erträglich schienen. Wer immer darauf geruht haben mag, irgendwann muß das Gegenbild zur Illusion — und zwar keiner heroischen — geworden sein. Dem Alptraum einer unendlichen Kapitalakkumulation wäre nun eigentlich nichts mehr von seiner Bedrohlichkeit zu nehmen.

Wie Jules-Verne-Romane aber muten demgegenüber die Untergangsvisionen der Grünen an. Solange sie die wenig exotischen und wenig originellen gesellschaftlichen Mechanismen des Untergangs nicht festlegen, sorgt ihr Engagement wohl bloß für ein besseres Investitionsklima im Umweltgeschäft. Natürlich wird die Verschmutzung durch Einbau eines Filters reduziert — aber nur relativ zur Produktion; absolut nimmt sie dabei zu, wenn die Produktion dank des Filters akkumulieren kann. (Abgesehen davon, daß mit dem Filter die Verschmutzung nur von der Luft in die Erde transportiert wird — als Entsorgung; d.h. die Bedrängung durch die Zerstörung wird bloß vertagt.)

Die Theorie des „Kapitals“ jedoch gilt in den heutigen Metropolen als abseitige Spekulation aus dem 19. Jahrhundert, schreitet doch im modernen Alltagsleben das real existierende ganz gemütlich und Vertrauen erweckend dahin — von einer technologischen Errungenschaft zur nächsten; es erhöht den täglichen Auswurf von PCs, CDs und Videos, gewährt mindestens zwei Drittel der Gesellschaft ein sozial gesichertes und in mancher Hinsicht komfortables Leben, kauft zwischendurch eine Au frei, sponsert Naturschutzparks und drosselt sogar die Rüstungsproduktion, weil woanders derzeit mehr zu holen ist, es bringt den Katalysator auf den Markt, um die Autoproduktion weiter zu steigern — und bald auch schon Bäume, die nicht mehr sterben können. Dank der tätigen Mithilfe der Sozialdemokratie ist aus dem Koloß Kapital ein freundlich blickender Philanthrop geworden (mit kleinen sadistischen Neigungen im Privaten, am Abend), der unter Anleitung der Grünen nun auch umweltbewußt zu werden verspricht. Nur ein kleiner Schmutzfleck — die Schuldenkrise — erinnert noch daran, daß es sich weltweit um Massenmord handelt.

Ähnlich der Evolution der Arten in der organischen Natur — ohne Zweck und Ziel, aber in sich vollkommen zweckmäßig — wird der Akkumulationstrieb die Produktivkräfte und die Warenmasse stetig vermehren. Ähnlich der Evolution beruht seine Gesetzmäßigkeit nicht nur auf den von ihm geschaffenen und reproduzierten Tatsachen. Das Zusammenwirken innerer, von der Evolution selbst produzierter, und äußerer, davon unabhängiger Bedingungen führte allerdings einstmals zum Stop der Evolution am höchst entwickelten Punkt — dem Menschen.

Wie eng aber müssen sich „innere“, gesellschaftliche, und „äußere“, natürliche Bedingungen — Hunger- und Umweltkatastrophen — noch verzahnen, damit der Kapitalakkumulation ein breiter und konsequenter Widerstand entgegengesetzt wird — womöglich ehe sie die biologische Evolution in eigene Regie nimmt?

(Ende des 1. Teils)

[1Walter Benjamin: Gesammelte Schriften. Bd. I (Werkausgabe Bd. 3), Frankfurt am Main 1980. S. 1232

[2Bertold Brecht: Arbeitsjournal. Hg. v. Werner Hecht. Bd. 1. Frankfurt am Main 1973. S. 294

[3Benjamin, Gesammelte Schriften, Bd. IV (Werkausgabe Bd. 10), S. 122

[4Georg Lukács: Geschichte und Klassenbewußtsein. 7. Aufl., Darmstadt, Neuwied 1981 S. 171

[5Ebd. S. 172, 181 f.

[6Ebd. S. 185

[7Ebd. S. 296

[8Ebd. S. 301

[9Ebd. S. 337

[10Karl Marx: Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses. Archiv sozialistischer Literatur. Bd. 17. Frankfurt am Main 1969. S. 92 f.

[11Ebd. S. 41 f.

[12Vgl. Lukács, Geschichte und Klassenbewußtsein, S. 16 ff.

[13Georg Lukács: Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins. 2. Halbband. Darmstadt, Neuwied 1986. S. 280

[14Ebd.

[15Ebd. S. 281

[16Karl Marx: Das Kapital. Bd. 1. Marx-Engels-Werke (MEW), Bd. 23. S. 334

[17Karl Marx: Das Kapital: Bd. 3. MEW Bd. 25. S. 254 f.

[18Lukács, Ontologie, S. 281

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juli
1991
, Seite 53
Autor/inn/en:

Gerhard Scheit:

Geboren 1959, Musikstudium, Studium der Theaterwissenschaft und Germanistik, dissertierte über „Theater zwischen Moderne und Faschismus (Bronnen, Brecht)“, arbeitet als freier Autor und Lehrbeauftragter in Wien.

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