Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1967 » No. 166
Arnold Künzli

Mit Marx in Dalmatien

Das Neue FORVM fühlt sich der philosophischen Revue PRAXIS aus mancherlei Gründen verwandt. Die Zagreber Zeitschrift — zu deren Internationalem Redaktionsrat u. a. Erich Heintel zählt, führendes Mitglied der Paulus-Gesellschaft, Österreichische Sektion, sowie Ernst Bloch und Erich Fromm, die auch dem Internationalen Redaktionskomitee des FORVM angehören — veranstaltete in Dalmatien ihre „4. Internationale Sommerschule“, auf welcher unsere Zeitschrift durch Arnold Künzli vertreten war.

Als der rumänische Philosoph Nicolai Belu auf dem Rednerpult, vor der etwas herrisch in den Saal blickenden Bronzebüste Titos, ausrief: „In einem Lande, in dem es keine Ausbeutung gibt ...“, fuhr ihm ein lauter Zwischenruf in die Rede: „Wo gibt es das?“ Was dieser Zwischenrufer meinte, war jedermann klar: „Machen wir uns nichts vor, auch im Sozialismus gibt es noch Ausbeutung, und noch ist nicht ausgemacht, ob es überhaupt Gesellschaft ohne Ausbeutung geben kann.“

Diese Spannung zwischen dem Glauben an eine wahrhaft sozialistische Gesellschaft ohne Entfremdung und der realistischen Erkenntnis der gar nicht idealen Wirklichkeit des „Sozialismus“ im „Osten“ belebte die zehntägige Sommerschule von Korčula, zu der die jugoslawischen Avantgarde-Marxisten rund um die Zagreber Zeitschrift „Praxis“ Philosophen und Soziologen aus Europa und Amerika — Marxisten wie Nichtmarxisten — eingeladen hatten.

Ein Kongreß braungebrannter Professoren in Shorts und Sandalen: trotz Augusthitze und mannigfacher Verlockungen Dalmatiens täglich von neun bis nachmittags zwei Uhr Vorlesungen und Diskussionen, mit Fortsetzung am Strand und abends im kühlen Garten eines (Privat-)Restaurants.

Das diesjährige internationale Treffen der Sommerschule von Korčula war das vierte. Mit bewundernswerter Souveränität leitete der Zagreber Soziologe Rudi Supek die Diskussionen unter dem Motto „Schöpfertum und Verdinglichung“; man sprach im einzelnen über „Freiheit und Planung“, „Bürokratie, Technokratie und individuelle Freiheiten“, „Selbstverwaltung und Arbeiterbewegung“ usw.

Wer die trotz Schwierigkeiten nun schon im dritten Jahre erscheinende internationale Ausgabe der „Praxis“ verfolgt, der weiß, daß diese jugoslawischen Philosophen und Soziologen einem unerbittlich selbstkritischen, offenen, undogmatischen Marxismus verpflichtet sind, welcher sich als die unserer Zeit angemessene Form des Humanismus versteht. Sie bekennen sich zu einem demokratischen, freiheitlichen Sozialismus als politische und wirtschaftliche Selbstverwaltung.

Daß bei diesen Philosophen bisher die Kritik am Bestehenden dominierte, ist durch die politische Wirklichkeit bedingt, die auch in Jugoslawien noch wesentlich vom humanistischen Sozialismus abweicht. Man kritisierte in aller Offenheit und gelegentlich mit pointierten Formulierungen — in Jugoslawien herrscht heute beinahe uneingeschränkte Diskussionsfreiheit — „Etatismus“, Bürokratie, neu erwachenden Nationalismus, Dogmatismus usw.

Diese Kritik wies ein überraschendes Element auf: sie richtete sich auch gegen eine sozio-ökonomische Entwicklung in Jugoslawien, die Svetozar Stojanović als „Anarcho-Liberalismus“ charakterisierte.

Werden die Rollen vertauscht? Diesen Avantgarde-Marxisten wurde immer wieder von allzutreuen Parteigängern — einmal sogar von Tito selbst — vorgehalten, sie wichen vom geraden Wege der sozialistischen Revolution ab. Heute warnen sie die Verantwortlichen vor einem im Westen längst überholten „laissez faire“, das den sozialistischen Gehalt des jugoslawischen Experimentes bedrohe.

In Jugoslawien gibt es Anzeichen einer Rückkehr zu kapitalistischen Verhältnissen. Verblüffend viele Jugoslawen fahren heute — von der Regierung offiziell importierte — ausländische Autos deutscher, französischer, italienischer Fabrikation, obgleich das Land noch bitterarm ist. Die Zahl der Privatgeschäfte, Privatrestaurants, Privatwerkstätten scheint im Zunehmen. Neuerdings ist es — z.B. in Kurorten — erlaubt, Privatvillen an Feriengäste zu vermieten: „arbeitsloses Einkommen“.

Vojin Milić meinte, Sozialismus bedeute zwar nicht nur Beseitigung des Pauperismus, aber solange dieser nicht energisch bekämpft werde und man stattdessen ausländische Luxuswagen importiere, könne von Sozialismus keine Rede sein.

Für die Entwicklung in Richtung Anarcho-Liberalismus, der letztlich Mao Tse-tung Recht geben würde, machen diese Philosophen das Fehlen einer Theorie des Sozialismus im allgemeinen und der Selbstverwaltung im besonderen verantwortlich. Das geht teils auf das Konto von Marx, dessen Werk fast ausschließlich Kritik ist und keinen Bauplan der sozialistischen Gesellschaft enthält. Andernteils handelt es sich um Selbstkritik des „Praxis“-Kreises, der seinerseits bisher keinen solchen Grundriß ausgearbeitet hat. Die Ökonomen unternehmen die notwendige Reform der jugoslawischen Wirtschaft nach eigenem Gutdünken und ohne Kontakt mit den „Philosophen der Selbstverwaltung“.

Mehrmals wurde betont, daß die Bürokratie die Selbstverwaltung auf Wirtschaftsunternehmen beschränken will, während die „Praxis“-Philosophen sie auf das ganze gesellschaftliche und politische Leben ausdehnen wollen: nur durch Demokratisierung und Dezentralisierung könne die Deformation des Sozialismus wirksam bekämpft werden.

In der Sicht dieser politischen Philosophen spielen die liberal-anarchischen und die bürokratischen Tendenzen in Jugoslawien einander in die Hände: beide sabotieren den Aufbau eines demokratischen Sozialismus. Diese Philosophen antworten auf die von „rechts“ wie „links“ geäußerte Kritik am jugoslawischen Selbstverwaltungs-Experiment, dessen offenkundige Mängel seien nur die Folge davon, daß man damit noch zu wenig ernst gemacht habe.

Der Gedanke der Arbeiter-Selbstverwaltung war ursprünglich gegen die stalinistische Deformation gerichtet. Heute sieht es so aus, als ob er dazu dienen müßte, Jugoslawien vor dem Abrutschen in anarcho-kapitalistische Zustände zu bewahren. Westliche Teilnehmer verwiesen darauf, daß die „Ökonomie des Reichtums“ die Arbeiterschaft zu passivem Konsumverhalten führe, so daß von einer eigentlichen Arbeiterbewegung im Westen kaum mehr die Rede sein könne; werde die auch im Osten zu erwartende Erhöhung des Lebensstandards dieselben Ergebnisse zeitigen odeı biete der Sozialismus Garantien dagegen?

Die in Korčula versammelten Marxisten waren sich der Gefahren bewußt, die heute nicht nur von der Bürokratie, sondern auch vom zunehmenden Wohlstand einem Sozialismus drohen, der an die Verantwortung des Einzelnen in freier Selbstbestimmung appelliert; das war ja Generalmotto der Sommerschule: die Gefahr des durch zunehmende Verdinglichung provozierten Absterbens der schöpferischen Kräfte des Menschen.

Gelegentlich vernahm man den Flügelschlag von Hegels Eule der Minerva, diesem Boten einer Spätzeit. So warnte der Slowake Jan Strinka, die Intellektuellen in den sozialistischen Ländern seien noch nie so sehr einer Prüfung ihrer Reife unterzogen worden. Zwar drohe ihnen heute keine physische Gefahr mehr, dafür sei die Idee des Sozialismus als solche entwertet. Denn sie könne nicht nur ein technisches Projekt sein, sondern bleibe eine Sehnsucht, ein Traum. Krasse Institutionalisierung dieser Idee zu einer geschlossenen Gesellschaft bedeute ihren Tod.

Drušan Pirjevec aus Ljubljana doppelte nach: Heute hätten die Intellektuellen in Jugoslawien zwar die Freiheit, die Wahrheit zu sagen, aber dementsprechend habe die Wahrheit an Wirkungskraft verloren ganz wie im Westen. Kafka zitierend meinte Pirjevec, die Intellektuellen in Jugoslawien befänden sich bereits im Getto.

Auch der Rumäne Nicolai Belu meinte warnend, die Marxisten müßten — mit Hilfe von Anthropologie und Psychoanalyse — die Probleme des Einzelmenschen ernst nehmen; auch im Osten würden sich bald die Probleme des Reichtums stellen, die dem Westen zu schaffen machen.

Es fehlte also nicht an realistischen — manche meinten: pessimistischen — Untertönen. Die eher optimistischen Entwerfer von Soll-Ideologien, wie die brillant-temperamentvolle Ungarin Ágnes Heller, die zum Kreis um Lukács gehört, hatten schweren Stand.

Letzlich waren sich wohl alle bewußt — in diesem 100. Geburtsjahr des „Kapital“ —, daß im verflossenen Jahrhundert die Welt sich radikaler gewandelt hat als in zwei Jahrtausenden zuvor.

So manifestierte sich auch in diesen Diskussionen jene Krise des Marxismus, die wesentlich eine Alterserscheinung ist, nämlich die zunehmende Erkenntnis, daß auch Marx ein Sterblicher war, und kein Prophet der Wahrheit für alle Zeiten.

Stojanović meinte, man müsse über Marx hinaus — nicht ohne Marx, sondern ihn etwa so berücksichtigen wie Max Weber, der im Denken dieser Jugoslawen eine große Rolle spielt. Wichtig war die Aufforderung, auch andere sozialistische Theoretiker zu studieren, die man bisher vernachlässigt habe. Veljko Korać erklärte, das Proletariat habe sich anders entwickelt als Marx prophezeite; somit müsse die Rolle des Proletariats neu definiert werden.

Alles kreiste um dieses Grundthema: wie der Sozialismus in Theorie und Praxis aus der Krise des Marxismus zu retten sei. Man diskutierte über das Verhältnis von Marxismus und Strukturalismus. Gajo Petrović, Vanja Sutlić und andere sprachen über die Gefährdung der schöpferischen Kräfte des Menschen in unserer Zeit. Ljubomir Tadić wandte Max Webers Analyse des Bürokratismus und des politischen Charismas auf die Verhältnisse in Jugoslawien. Schonungslose Selbstkritik übten Mihajlo Marković, Danko Grlić, Predrag Vranicki.

Nicht zu vergessen Vladimir Filipović, kritischer Doyen der jugoslawischen Philosophen, der — obgleich kein Marxist — entscheidend zur Bildung dieser, in ihrer Art einmaligen Philosophenschule beigetragen hat.

Beklagenswert, daß die Bücher dieser jugoslawischen Avantgardisten eines offenen Marxismus bisher im deutschen Sprachgebiet noch keinen Übersetzer und Verleger gefunden haben. An geistig-politischer Bedeutung stehen diese Autoren einem Leszek Kolakowski, Adam Schaff, Milan Machovec, Karel Kosík — die alle ins Deutsche übersetzt wurden — gewiß nicht nach. Hier wäre ein geistiger Kontinent zu entdecken.

Die Sommerschule von Korčula steht in der europäischen Tradition radikaler Suche nach Wahrheit und Freiheit — auch nach Freiheit von Ausbeutung und Bürokratie. Dementsprechend fühlen diese Intellektuellen die Verantwortung permanenten Protestes gegen alle Unwahrheit, Unfreiheit, Unmenschlichkeit in Ost und West.

Obgleich auf Korčula Marxisten und Nichtmarxisten zusammentrafen, spielte der Ost-West-Gegensatz kaum eine Rolle. Die wahre Frontlinie geht heute quer; Humanismus ist keine Frage der Geographie noch der „Ideologie“.

Von jugoslawischer, überhaupt von „östlicher“ Seite fiel kein einziges Mal der Name „Vietnam“. Was die amerikanischen Teilnehmer — darunter ein so prononcierter Nichtmarxist wie Prof. Robert Tucker, Princeton — schließlich als Höflichkeit des „Ostens“ interpretierten, die nicht unbeantwortet bleiben dürfe. Fünf amerikanische Professoren luden die Sommerschule spontan zu einem Teach-in über die Situation der USA in Sachen Vietnam ein. Es war das beste, was ich je über dieses Thema gehört habe.

Die Sommerschule von Korčula wie überhaupt das Unternehmen der streitbaren „Praxis“-Philosophen läßt hoffen, daß eines Tages wir Europäer unsere Identität wiederfinden. Jugoslawien gebührt Dank und Anerkennung, ein solches Unternehmen ermöglicht zu haben. Weiß es, was es an seinen Philosophen hat?

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1967
No. 166, Seite 730
Autor/inn/en:

Arnold Künzli:

1919 in Zürich geboren, in Zagreb aufgewachsen, Gymnasium in Bern, Studium der Philosophie, Germanistik, Romanistik und Psychologie in Zürich, Dissertation über Kierkegaard, Auslandskorrespondent schweizerischer Zeitungen in Rom, London und Bonn, zahlreiche Reisen in West und Ost, außenpolitischer Redakteur der Basler National-Zeitung, 1964 Habilitation an der Universität Basel für Philosophie der Politik, Professor allda. War Mitglied des Internationalen Beirats des NF und Mit-Gründer der Korčula-Sommerschulen.

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