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Michael Siegert

Mit dem Browning philosophiert

Der Mord an Moritz Schlick am 22. Juni 1936

Die Geschichte der Ersten Republik ist schlimmer, als man in der Schule lernt. Die peinlichen Episoden werden verdrängt. Mit Psychoanalyse und Neopositivismus entwickelten sich in dem 1918 klein gewordenen Österreich später weltumspannend gewordene Geistesrichtungen. Ihre Liquidierung geschah nicht erst durch die Hitlerhorden 1938, das besorgte vorher bereits weitgehend der eingeborene Ungeist.
Die Arbeit erscheint dieser Tage auch als Kapitel in dem Buch „Attentate, die Österreich erschütterten“ im Verlag Löcker, Wien (ca. 140 Seiten, öS 150).

Am 22. Juni 1936 kurz nach neun Uhr früh durchquerte der Philosophieprofessor Moritz Schlick die Aula der Wiener Universität, wandte sich nach rechts und stieg die Philosophenstiege hinan, um im Hörsaal 41 wie jeden Montag seine Vorlesung zu halten. Während er sich im Gehen mit einer Studentin unterhielt, stürmte ein bebrillter Mann im schwarzen Anzug an ihm vorbei, drehte sich am ersten Stiegenabsatz um und zog gleichzeitig einen Browning Marke Klinger von 18 Zentimeter Länge aus der Innentasche seiner Jacke. Von den vier Geschossen Kaliber 6,35 Millimeter durchdrangen zwei die beiden Herzkammern des Professors, eines durchschlug den Rumpf von links nach rechts und durchbohrte dabei den Dickdarm sowie den Magen. Diese drei Geschosse waren tödlich. Das vierte fuhr in den linken Unterschenkel. Schlick warf die Arme in die Höhe, stieß einen Schrei aus und sank auf die Stiegen nieder. Er war sofort tot. Der Täter rief nach dem Zeugnis einer Bedienerin: „Hund, du verfluchter, da hast du’s!“ Er ließ sich widerstandslos festnehmen. Beim Prozeß elf Monate später behauptete er, seine Worte hätten „Du Lüstling!“ gelautet. [1]

Unter der Philosophenstiege, wo heute ein Buffet ist, befand sich damals das Büro des vom Ständestaat eingesetzten „Sachwalters der Österreichischen Hochschülerschaft“; es war der nachmalige erzkatholische Unterrichtsminister der Zweiten Republik, Heinrich Drimmel. Er eilte spornstreichs zum Minoritenplatz, und eine Viertelstunde später wurde die Neuigkeit im Unterrichtsministerium bereits in einem Akt festgehalten. [2]

Der Täter kam zunächst in die Polizeiwachstube, die sich unter der Juristenstiege, symmetrisch zu Drimmels Dienstraum, direkt unterhalb der Franz-Joseph-Büste befand. Die Regierung hatte diese Wachstube Mitte der dreißiger Jahre einrichten lassen, da ihre Anhänger den Nazistudenten an Zahl und Kampfkraft unterlegen waren.

Ein Bauernsohn im Reiche der Philosophie

Schlicks Mörder Johann Nelböck wurde 1903 in Brandel bei Lichtenegg im Bezirk Wels in Oberösterreich als zweiter Sohn eines Bauern mit neun Joch Grund und vier Stück Vieh geboren. Während sich sein um ein Jahr älterer Bruder auf die Übernahme des Hofes vorbereitete, ging Hans Nelböck in Wels aufs Gymnasium, wobei er schon den Schulbesuch durch Stundengeben mitfinanzieren mußte. Er maturierte mit Auszeichnung und begann 1925 in Wien Philosophie zu studieren. Von zu Hause bekam er 40 Schilling im Monat, von denen er 35 für sein Untermietzimmer bezahlen mußte. Das Übrige verdiente er sich durch Stundengeben (vor Gericht gab Nelböck an, er habe es zeitweise auf 130 Schilling im Monat gebracht, was etwa einem Hilfsarbeiterlohn entsprach).

Ein Berliner in Wien:
Moritz Schlick, Gründer des Wiener Kreises des Neopositivismus (Foto Österreichische Nationalbibiioihek)

Nelböck dissertierte bei Schlick über „Die Bedeutung der Logik im Empirismus und Positivismus“. Die bescheidenen 103 Blatt Maschinschrift, die der Kandidat im November 1930 einreichte, waren kaum mehr als eine Seminararbeit. Kein eigener Gedanke, kaum daß es ihm gelingt, das Gehörte zusammenzuhalten. Auffallend das schizoide Auseinanderfallen von Erfahrung und Logik in diesem Text, was aber zugegebenermaßen im logischen Empirismus selbst angelegt ist. Als braver Schüler tritt der Verfasser im Sinne Schlicks gegen die Metaphysik an: „Damit fehlt der Metaphysik, wenn sie eine Wissenschaft von dem sein will, was jenseits der Erfahrung liegt, etwas Transzendentes zu erfassen sucht, jede logische Begründung und Rechtfertigung.“

Bei seiner Einvernahme im Prozeß am 24. Mai 1937 erklärte Nelböck hingegen, Schlick habe alles, was über die sinnliche Wahrnehmung hinausgehe, als direkt wider die Vernunft, also sinnlos bezeichnet; alle religiösen Auffassungen wurden als sinnlos verworfen; dadurch hätte er seine „religiösen Überzeugungen und überhaupt jeden Halt verloren“, Schlick habe nur „die Lust als Quelle des Handelns“ empfohlen.

Nelböck wußte, was das neue Österreich von ihm erwartete. Er hatte den Ton getroffen, der damals unter Dollfuß und Schuschnigg in den katholisch-autoritären Blättern vorherrschte. Da schrieb zum Beispiel das Linzer Volksblatt am 10. Juli 1936, wenige Tage nach dem Mord, Schlick sei „der gehätschelte Hausphilosoph des Austromarxismus, der den Positivismus in Reinkultur als Lustlehre verkündete, ein Mephisto des Geistes ... Vierzehn volle Jahre tranken junge Menschenblüten den Giftfusel des Positivismus als Wasser des Lebens in sich hinein ... Edelporzellan des Volkstums, heimathörige Schollenkinder, edler Wuchs aus dem geistigen Kraftreservoir unseres Bauernstandes, Menschen, entzündlich für das Schöne und Hofe. Schüttet man in diese überaus aufnahmsfähigen Naturen eine Lehre wie den Positivismus, dann hat das eine Wirkung, wie wenn man jemandem Salzsäure oder Schwefelsäure in den Mund schütten würde. Seelischer Tod und schweres seelisches Siechtum sind die Folge ... In einer solchen Lage befand sich wohl Nelböck, als er seinen einstigen Lehrer Schlick erschoß“.

Der Rächer der Ehre

Wie kam es zu Johann Nelböcks weitanschaulichem Sinneswandel nach der Dissertation? Er promovierte im März 1931. Wenige Wochen später hatte er den ersten Zusammenstoß mit seinem Lehrer. Im Juni 1931 erstattete Professor Schlick bei der Polizei Anzeige gegen Nelböck und die Studentin Sylvia Borowicka, die „damals die Absicht kundgegeben (hatte), den genannten Professor zu erschießen“ (so Rektor Oswald Menghin in einem Brief an den Dekan Ernst Späth). [3] Auch Nelböck sprach (dem Mädchen gegenüber) von „Professor erschießen“. Beide Beschuldigte wurden in der Universitätsklinik psychiatriert. Deren Vorstand Professor Pötzl kam zu dem Schluß, daß es sich bei Fräulein Borowicka „um ein nervöses, charakterologisch etwas absonderliches Mädchen“ handle, die damals unter dem Einfluß des „schizoiden Psychopathen“ Nelböck gestanden habe. Nelböck wurde am 27. Juni 1931 in die Anstalt am Steinhof abgegeben, wo man ihn nach dreimonatiger Beobachtung als geheilt entließ. Professor Pötzl befürwortete es in einem Brief an den Rektor warm, dem Mädchen den Abschluß der Studien zu ermöglichen.

Schlicks Version dieses Vorgangs wird von einem seiner Schüler überliefert, dem Mitglied der Wiener Symphoniker Karl Trötzmüller, der bei Schlicks Hausmusikabend regelmäßig als Geiger mitwirkte. („Ich war natürlich sehr stolz, daß ich in dieser Funktion Nachfolger vom Einstein war.“) Professor Trötzmüller erzählt: „Schlick hat mir das so geschildert: das Mädchen wollte bei ihm dissertieren, und das hat ihm nicht genügt, was sie ihm da gebracht hat, ist halt nicht gegangen. Damit hat er sich ihren Haß zugezogen, daraufhin hat sie ihm gesagt, ich laß Sie erschießen. Sie hat den Nelböck auf den Schlick gehetzt. Sie hat dann beim Reininger dissertiert‚ soviel ich weiß.“

Silvia Borowicka hat ihre Dissertation „Eine Untersuchung der Begriffe des Angenehmen und Schönen“ Anfang Juni 1931 bei Reininger eingereicht; die hundert Blatt Maschinschrift lesen sich so, wie es der Titel verspricht. Wenn Schlick aber solch steriles Geplauder ablehnte, hätte er gerechterweise auch Nelböcks Arbeit zurückweisen müssen.

Nelböck machte im Prozeß ein romantisch-ödipales Liebesdrama aus der Affäre. Der Staatsanwalt referiert in der Anklageschrift: „(Nelböck) faßte bald eine tiefe Zuneigung zu ihr, obwohl Sylvia Borowicka ihn nicht im Zweifel darüber ließ, daß sie ihm zwar gerne Kollegin, aber nicht mehr sein wollte. Geradezu unglücklich fühlte sich der Beschuldigte, als ihm die Borowicka im Jahre 1930 mitteilte, daß sie für ihren Lehrer Professor Dr. Schlick Interesse empfinde und daß sich Professor Schlick nicht ablehnend verhalte. Der Beschuldigte gibt an, daß die Freundschaft zwischen Prof. Schlick und der Borowicka bis Mai 1930 gedauert habe.“ Was Nelböck dann in der Hauptverhandlung dazu vorbrachte, war dürftig genug: Schlick habe öfters mit dem Mädchen geredet, er habe sie geduzt, sie habe ihm erzählt, es sei „zu gewissen Zärtlichkeiten gekommen“.

Hatte Nelböck seine Morddrohung 1931 noch indirekt, im Gespräch mit seiner Kollegin ausgestoßen, so trat er ein Jahr später, im Juni 1932, Schlick selbst gegenüber. Die Auseinandersetzung endete mit einer neuerlichen Anzeige Schlicks gegen Nelböck wegen „absonderlichen Benehmens“ und einem neuntägigen Aufenthalt des Beschuldigten in der Klinik Pötzl. Nelböck will Schlick dessen Beziehung zu dem Mädchen vorgehalten haben, und dieser habe ihm geantwortet: „Sie sind aus der Provinz, Sie können das nicht so verstehen.“ Nelböck: „Er hat meine Existenz ruiniert, meine Liebe verdorben und (schluchzend) er hat mich auf das gemeinste besudelt ...“

Der Mörder Johann Nelböck (Mitte, mit Brille) auf der Philosophenstiege:
Rekonstruktion der Tat in der Wiener Universität durch die Gerichtskommission (Foto Institut für Zeitgeschichte, Univ. Wien)

Professor Trötzmüller gibt Schlicks Version des Zwischenfalls wieder: „Da hat man den Nelböck mit der Hand in der Tasche und mit dem Revolver gefaßt, da wurde das grad noch verhindert.“ Trötzmüller sieht die Schuld bei der Frau: „Sie war ein Schlangenweib, ein Vamp, netwahr, schwarze Haare, Mittelscheitel, Typ Südslawin, zum Fürchten.“ Nelböck hat sie, wenige Tage vor der Tat, noch einmal getroffen. Die Dämonie des Falles steigerte sich für Trötzmüller ins Mythische. Zu Anfang des Krieges habe er Nelböck mehrmals in der Oper gesehen: „In jeder Salome-Vorstellung war er hinten im Stehparterre. Das war sein Thema, der Mord am Propheten, angestiftet von einem Weib! ‚Ich will den Kopf des Jochanaan‘ hat die Salome zum Nelböck gsagt ...“

Schlicks Sohn Albert erzählte vor Gericht, sein Vater habe Nelböck immer mit dem Ausdruck „der Mörder“ erwähnt, sogar den Kauf einer Pistole habe er erwogen. Schüler Trötzmüller mußte Schlick eine zeitlang vor der Uni erwarten und in den Hörsaal begleiten, die Pedellen hatten zu prüfen, ob die Luft rein war, wenn der Professor nach Hause gehen wollte. Von mehreren Zeugen aus Schlicks Umgebung wurde nachher behauptet, Schlick habe seine Mitarbeiter angehalten, dem Nelböck Schüler zuzuführen, aber ohne zu sagen, daß es auf seine Anregung hin geschehe.

Nelböck saß in der Klemme. Das Mittelschullehramt, auf das er sich 1931 noch vorbereitet hatte, gab er nach seinem ersten Rencontre mit Schlick auf, da der Professor in der Prüfungskommission saß und auch schon unter normalen Umständen als schwieriger Prüfer galt. Der Vater konnte ihm nur mehr fünf bis zehn Schilling im Monat vom Bauernhof schicken, und Nelböck schämte sich, daß er ihm auf der Tasche lag. Alle drei Zusammenstöße mit Schlick erfolgten im Juni, zu Semesterende, als die Nachilfestunden zu Ende gingen und Nelböck der demütigende Gang nach Hause bevorstand. Noch immer keine Stellung! Vor Gericht sagte Nelböck: „Die ganze Trostlosigkeit meiner Lage ist mir zum Bewußtsein gekommen.“ Der 22. Juni, der Tag der letzten Vorlesung, war der logische Attentatstermin.

Ein Philosoph zwischen den Fronten

Wenn es mit den Positivisten nicht ging, dann vielleicht gegen sie? Schon im Schlick-Seminar hatte sich Nelböck mit dem aufstrebenden katholischen Philosophiedozenten Leo Gabriel befreundet, der ihn nach Kräften förderte. Gabriel verschaffte Nelböck Vorträge im katholischen Verein „Logos“, den er leitete, und ließ sich 1934 bei Volkshochschulvorträgen in der Brigittenau und Ottakring verschiedene Male von Nelböck vertreten. Kritik am Positivismus hieß jetzt Nelböcks Thema. Im Sommersemester 1935 sollte der Expositivist in der Volkshochschule Ottakring nach dem Willen Leo Gabriels, der für die philosophischen Veranstaltungen verantwortlich war, einen eigenen Kurs abhalten. Aber Nelböck lief in das Schach der Gegenseite.

Geschäftsführender Obmann der Volkshochschule Ottakring war damals Viktor Matejka, der nach dem Februar 1934 eingesetzte Bildungsreferent des Gewerkschaftsbundes. Matejka gehörte mit Ernst Karl Winter und Karl Lugmayer zu einer demokratisch gesinnten Gruppe, die das Bündnis mit der illegalen Arbeiterbewegung suchte, weil sie darin den Weg sah, Hitler aufzuhalten. Von der Exilleitung der Sozialdemokratie ernteten sie nur Spott und Hohn. „Pfaffen und Versöhnler raufen um die Volkshochschulen“, schrieb die Arbeiter-Zeitung im Brünner Exil am 5. Juli 1936. Die Versöhnler Lugmayer und Matejka hätten versucht, der großteils sozialistischen Hörerschaft die Volkshochschulen zu erhalten. „Der Herrschsucht der Pfaffen paßt dieser Kurs der Versöhnler nicht.“

Matejka erzählt, daß es ihm gelungen ist, Schlicks Schüler Friedrich Waismann und Edgar Zilsel in der Volkshochschule Philosophie, und Kelsens Schüler Georg Fleischer Staatslehre vortragen zu lassen, ja sogar junge linke Wissenschafter wie Leo Stern und Eduard März konnten dort auftreten.

Als Leo Gabriel den Nelböck empfahl, fragte Matejka seinen Mitarbeiter Dr. Fleischer, wer das sei. Fleischer fragte Waismann, und Waismann berichtete Einzelheiten der Konflikte Nelböcks mit Schlick. Matejka erzählt: „Na bittschön, hab I gsagt, in der Volksbildung gibt’s etliche Narren im Sinn von ldealisten, aber wir müssen’s ja net direkt aus dem Steinhof beziehen!“ Der Vorstand der Volkshochschule beschloß, Nelböck nicht vortragen zu lassen, und Matejka schrieb ihm Mitte Jänner 1935 einen Absagebrief. Als Matejka nach der Verhaftung Nelböcks auf die Polizeidirektion eilte, „da sitzt der Nelböck, der Revolver mitten am Tisch, und unter dem Revolver ist ein Papier gelegen, des war mein Brief! Des war das einzige, was er bei sich ghabt hat. Damit hätt eigentlich ich erschossen gehört, des is a Stellvertretermord eigentlich ...“

Nelböcks Protektor Gabriel wandte später gegen Matejkas vorgeschobenes Steinhof-Argument (der wahre Grund war ja politisch) mit Recht ein: „Solche Neurotiker laufen zu Hunderten auf der Straße herum.“ Aber die Sozialisierung eines labilen Neurotikers im Kampfgetümmel, gleichsam in der ideologischen Hauptkampflinie, ist ein Unterfangen von zweifelhaftem Ausgang. Möglicherweise hat Leo Gabriel den Nelböck 1934 durch die von ihm vermittelte Vortragstätigkeit noch einmal vor einem Exzeß gegen Schlick bewahrt. 1935 ging’s aber schief, im Mai dieses Jahres kaufte sich Nelböck bereits den Browning. Einmal noch überwand er den Impuls, aber 1936, in seiner jährlichen Semesterschlußpanik, drehte er durch.

In der Begründung des Urteils gegen Nelböck stellte das Gericht fest, daß der Angeklagte den Professor Schlick „durch irrtümliche oder mißverstandene Äußerungen dritter Personen, darunter Professor Gabriels, für das Fehlschlagen seiner Pläne verantwortlich“ machte. Gabriel, der als Zeuge beim Prozeß nicht erschien, antwortete darauf in einem Brief an die Reichspost: „Ich stelle ausdrücklich fest, daß ich Professor Schlick für die Ablehnung Nelböcks nie verantwortlich gemacht habe und auch nicht konnte, weil eine solche Verantwortlichkeit nach der klaren Sachlage nur für Dr. Viktor Matejka in Frage kam, in dessen Händen damals die Entscheidung lag.“

Matejka wurde wenige Wochen später in der Volkshochschule abgesetzt, und Leo Gabriel begann seinen Aufstieg als Wiener Landessachwalter des „Neuen Lebens“, der Kulturorganisation der Vaterländischen Front. Alois Dempf bezog Schlicks Lehrkanzel, und ab den fünfziger Jahren beherrschte Leo Gabriel die Philosophieszene. Nur wenige Studenten verirrten sich noch in die Vorlesungen des letzten Mohikaners des logischen Empirismus, Viktor Kraft.

Erst in der sozialdemokratischen Nach-Drimmel-Ära feierte manch einer aus dem Wiener Kreis der zwanziger und dreißiger Jahre als Gastprofessor ein nostalgisches Wiedersehen mit Wien. Aber heute ist der Neopositivismus die Philosophie der Technokraten geworden, die progressive linke Note, das aufrührerische Knistern ist weg.

Der Schrei des Blutes

Wenn man nach den Gründen sucht, die Nelböck in Juni 1936 bereit machten, zur Waffe zu greifen, darf man die entscheidende Wendung der Regierung Schuschnigg nicht übersehen, den diese genau in der Halbzeit ihrer vierjährigen Frist vollzog.

Das Einschwenken auf einen prodeutschen Kurs begünstigte das Klima für einen terroristischen Akt. Am 14. Mai 1936 hatte Schuschnigg Mussolinis Vertrauensmann Starhemberg entlassen und Edmund Glaise-Horstenau in die Regierung genommen, der als Hitlers Intrigant berüchtigt war. Am 11. Juli schloß Schuschnigg mit Hitler ein Abkommen, das die Nazis de facto legalisierte, ja ihnen sogar einen Unterschlupf in der Vaterländischen Front versprach. Nicht zufällig versagte Karl Kraus, der Dollfuß gegen die Sozialdemokraten mit dem Argument verteidigt hatte, dieser werde Österreich vor Hitler retten, am 12. Juni 1936 das Herz, nicht zufällig mußte Moritz Schlick zehn Tage später sterben.

„Auf die philosophischen Lehrstühle der Wiener Universität im christlich-deutschen Österreich gehören christliche Philosophen!“ rief die Schönere Zukunft, die führende Zeitschrift des Regimes, dem Professor Schlick ins Grab nach. „Man hat in letzter Zeit wiederholt erklärt, daß die friedliche Regelung der Judenfrage in Österreich im Interesse der Juden selbst gelegen sei, da sonst eine gewaltsame Lösung derselben unvermeidlich sei. Hoffentlich beschleunigt der schreckliche Mordfall an der Wiener Universität eine wirklich befriedigende Lösung der Judenfrage!“ Das erschien am 12. Juli, einen Tag nach dem Schuschnigg-Hitler-Abkommen.

Der Attentäter Johann Nelböck vor Gericht (24.-26. Mai 1937):
Urteil zehn Jahre, von den Nazis nach zwei Jahren am 11. Oktober 1938 freigelassen (Foto Österreichische Nationalbibliothek)

Man könnte sachlich einwenden, daß Schlick kein Jude war; in der väterlichen Linie gab es einen preußischen Adelstitel, und die im Adelshandbuch Gotha von 1939 verzeichneten Mitglieder der Familie Schlick legten Wert auf den Hinweis, daß sie in die „Liste des reinblütigen deutschen Adels“ aufgenommen waren; mütterlicherseits stammt Schlick von Ernst Moritz Arndt ab, dem Ahnvater allen Deutschnationalismus (von dort auch der Vorname Moritz, der in den Ohren der Wiener Antisemiten jüdisch klang). Aber diese Art von Ariernachweis hätte Schlick vor dem pseudonymen „Prof. Dr. Austriacus“ der Schöneren Zukunft nichts genützt, der schien das alles gewußt zu haben und führte den Beweis bereits „geistesgeschichtlich“: „Der Jude ist der geborene Ametaphysiker, er liebt in der Philosophie den Logizismus, den Mathematizismus, den Formalismus und Positivismus, also lauter Eigenschaften, die Schlick in höchstem Maße in sich vereinigte.“ [4]

Auch Täter Nelböck stimmte in den Ton der neuen Zeit ein. So wie er anno 34 den Ruf des Christentums vernommen hatte, hörte er anno 38 den Schrei des Blutes. Von seiner zehnjährigen Kerkerstrafe brauchte er nur zwei Jahre abzusitzen, ein halbes Jahr nach dem Anschluß, im Oktober 1938, wurde er bedingt entlassen, und die festgesetzte Bewährungsfrist endete 1943. im Jahre 1941 kam Nelböck um die Tilgung der Rechtsfolgen ein, [5] zwecks Wiedererlangung seines verfallenen Doktorats (er strebte „eine Lehrtätigkeit“ an). Die Staatsanwaltschaft Linz faßte Nelböcks Gesuch mit folgenden Worten zusammen: „Er weist darauf hin, daß er durch seine Tat und die hierdurch erfolgte Beseitigung eines jüdischen, volksfremde und volksschädliche Lehrsätze verbreitenden Lehrers dem Nationalsozialismus einen Dienst erwiesen und wegen dieser Tat auch für den Nationalsozialismus gelitten habe.“

Nelböck wollte das Attentat nunmehr aus nationalsozialistischer Weltanschauung begangen haben, und wenn die Zeitgenossen das nicht sogleich erkennen konnten, so bedeutete das eigentlich ein zusätzliches Opfer für ihn: „Um durch die Tat dem Nationalsozialismus keinen Schaden zuzufügen, habe er als Motiv seines Handelns das rein Persönliche, nämlich Eifersucht und Rache, in den Vordergrund gestellt und den ideellen Hintergrund nur angedeutet.“ Die Gauleitung Wien der NSDAP befürwortete Nelböcks Gesuch, dem man die „idealen Beweggründe seiner Tat zubilligen muß“. Das Wiener Landesgericht befand hingegen trocken, daß sich Nelböck „jetzt in einem durch die nachfolgenden Ereignisse geschaffenen Lichte sonnt“.

Der Oberstaatsanwalt in Linz entschied am 12. Mai 1941 gegen einen Gnadenerweis, da sonst die Tat gerechtfertigt würde. Eine vollständige Rehabilitierung scheine „bei der Person des Gnadenwerbers, der vermeint, einen als schädlich erkannten Menschen beseitigen zu können, für die Rechtsordnung nicht ohne Gefahr zu sein“. Ein äußerst subtiles nationalsozialistisches Rechtsdenken! Die SS durfte morden, aber gefälligst im Verband und auf Befehl. Einzelaktionen sind tunlichst zu unterlassen.

Johann Nelböck arbeitete nach seiner Freilassung in der geologischen Abteilung der kriegswirtschaftlichen Erdölverwaltung. Nach dem Krieg galt er laut Leumundszeugnis von Anfang 1947 als unbescholten. Er ließ sich in die Sowjetische Mineralölverwaltung übernehmen und bewährte sich auch unter dem neuen Regime als Musterschüler. Viktor Matejka, damals KPÖ-Funktionär und Wiener Kulturstadtrat, berichtet, daß er eines Tages als Vorstandsmitglied der Österreichisch-sowjetischen Gesellschaft Zeugnisse für Absolventen eines Russischkurses zu unterschreiben hatte: „Kommt Buchstabe N, Doktor Nelböck. Hab i gsagt, des is ja der Nelböck, der den Schlick erschossen hat! Des unterschreib i net.”

Am 3. Februar 1954 starb Nelböck in Wien, am 14. Februar wurde er eingeäschert.

[1Der Gerichtsakt des Prozesses gegen Johann Nelböck Vr 5867/36 befindet sich, soweit noch vorhanden, im Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands, Wien. Weitere Dokumente findet man in der Schlick-Akte des Universitätsarchivs, Wien. Quelle für den Ablauf der Hauptverhandlung sind Zeitungsberichte.

[2Allgemeines Verwaltungsarchiv, Wien, Unterrichtsministerium, GZ 21506/36

[3Schlick-Akt, Universitätsarchiv, Wien

[4Noch 1968 schrieb Hellmut Andics über Schlick: „Außerdem war er Jude“ (Der Staat, den keiner wollte, Bd. 3, S. 344 f).

[5Gerichtsakt Vr 5867/36

Vienna Circle Collection

Der Wiener Kreis auf Englisch

Da das Entstehungsland für die Philosophie des Wiener Kreises nichts übrig hat, nahm sich ein holländischer Verlag der Herausgabe der Werke des Wiener Kreises an: D. Reidel Publishing Company, PO Box 17, NL 3300 AA Dordrecht. Seit 1973 erscheint dort eine groß angelegte Sammlung, herausgegeben von Henk L. Mulder von der Universität Amsterdam.

Bis 1979 erschienen:

  • Otto Neurath: Empirism and Sociology
  • Josef Schächter: Prolegomena to a Critical Grammar
  • Ernst Mach: Knowledge and Error
  • Hans Reichenbach: Selected Writings 1909-1953
  • Ludwig Boltzmann: Theoretical Physics and Philosophical Problems
  • Karl Menger: Morality, Decision and Social Organisation
  • Bela Juhos: Selected Papers on Epistemology and Physics
  • Friedrich Waismann: Philosophical Papers
  • Felix Kaufmann: The Infinite in Mathematics
  • Karl Menger: Selected Papers in Logic and Foundations, Didactics, Economies
  • Moritz Schlick: Philosophical Papers, Vol. I, 1909-22
  • Eino Kaila: Reality and Experience

Geplant waren weiterhin:

  • Rudolf Carnap: Essays in the Philosophy of Science
  • Viktor Kraft: Foundations for a Scientific Analysis of Value
  • Herbert Faigl: Interviews and Anthology
  • Henk L. Mulder (Ed.): Unified Science
  • Rudolf Carnap: Logical Empiricist
  • Ernst Mach: Physicist and Philosopher
  • Hans Reichenbach: Logical Empiricist
  • Neudruck: Annalen der Philosophie 1919-29, Erkenntnis 1930-38, Journal of Unified Science (Erkenntnis) 1939-40, sowie ab 1975: Erkenntnis

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juli
1981
No. 331/332, Seite 18
Autor/inn/en:

Michael Siegert: Michael Siegert war von 1973 bis 1982 Blattmacher des FORVM.

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