FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1970 » No. 202/I
Michael Siegert

Marqis de Sade und Adolf Hitler

2. Folge

V. Die Peitschen der SS und unsere Komplicenschaft

Man kann sich nicht vorstellen, wie notwendig diese Schilderungen für die Entwicklung der Seele sind. Nur durch die dumme Zurückhaltung derer, die über dieses Thema schreiben, sind wir jener Wissenschaft noch unkundig. Von absurden Ängsten gefesselt, sprechen sie uns nur von Kindereien, die jeder Trottel weiß, und wagen nicht, kühn Hand an das menschliche Herz zu legen, uns dessen ungeheure Verirrungen vor Augen zu führen.

Sade, „La Nouvelle Justine“, Tome IV.

Im Bericht eines Heeresgenerals aus Hitlers Polenkrieg 1939 über eine SS-Aktion in der Stadt Turck lesen wir: „... wurden eine Anzahl Juden in die Synagoge getrieben, mußten dort singend durch die Bänke kriechen, wobei sie ständig von den SS-Leuten mit Peitschen geschlagen wurden. Sie wurden dann gezwungen, die Hosen herunterzulassen, um auf das nackte Gesäß geschlagen zu werden. Ein Jude, der sich vor Angst in die Hose gemacht hatte, wurde gezwungen, den Kot den anderen Juden ins Gesicht zu schmieren“ (Reimund Schnabel, Macht ohne Moral, Frankfurt 1957, S. 396).

Nach diesem Muster stellen sich vor allem französische Filmregisseure das NS-Regime vor: als eine sinnliche Organisation. Die Szene ist typisch Sade. Der Marquis hat in seinen „120 Tagen von Sodom“ unzählige Abläufe skizziert, die diese Elemente enthalten, .

Wir empfinden das NS-Regime halbbewußt als einen Haufen von sich lustvoll betätigenden Quälern, Schlägern, Henkersknechten. Ein autoritärer Antifaschismus stützt diese Version, die eng mit der infantilen Kastrationsangst der Unterdrückten verbunden ist.

Die Kreise, die das Verbrechen zog, konstituierten eine Mitwisserschaft mit nach außenhin zunehmender Verdrängung. Dem „einfachen Volksgenossen“ stellte man die Sache in Metaphern dar, die er für bloße Bilder halten mochte — was natürlich nicht ohne Schuldgefühle abging. Unter dem Druck dieses gestaffelten Komplicentums, der letzten und perversesten Ausbildung von Hitlers „Volksgemeinschaft“, steht heute noch die Faschismusdiskussion.

In den Kriegsverbrecherprozessen entsteht immer wieder aufs neue ein Konflikt, der sich eigentlich nie dialektisch auflöst: Wir verlangen von den SS-Funktionären, daß sie „es“ zugeben, während sie darauf bestehen, daß sie „nichts“ gewußt hätten, das heißt, sie wollen die Verdrängung, die damals schon eingetreten ist, nicht aufgeben. Solange wir sadomasochistisch fixiert sind, werden wir den heilenden kollektiven Prozeß der Bewußtmachung nicht vollziehen können. Das kann nur geschehen, wenn wir nicht bloß die Tatbestände der Gewaltübung erhellen, sondern auch die Ursache ihrer Verdrängung, nämlich unsere eigene marginale Verwicklung in autoritäre Systeme.

Sade hat Genozid und KZ bereits beschrieben, und zwar in einer ungewöhnlich affektfreien Weise. Gleichsam werturteilsfrei wie ein Naturforscher versucht er die Antriebe großer „Sadisten‘“ von innen heraus darzustellen. Nur daß eben seine Figuren das, was Himmler & Co. verdrängen, offen aussprechen und bejahen, Über den Plan ihres großen Gönners, des Ministers Saint-Fond, erzählt Sades Juliette:

„Ich hatte gerade mein zweiundzwanzigstes Jahr erreicht, als Saint-Fond neuerlich einen seiner abscheulichen Pläne mir gegenüber zur Sprache brachte. Immer noch von seinen Entvölkerungsmaßnahmen verblendet, lief sein gegenwärtiger Anschlag darauf hinaus, zwei Drittel Frankreichs dem Hungertod preiszugeben, durch Ankauf von Nahrungsmitteln, hauptsächlich Getreide, in kolossalem Maßstab.“

Das hat Hitler-Ausmaß. Zum ersten und einzigen Mal schaudert Juliette zurück — das richtet sie in den Augen des Meisters. Sie muß fliehen.

VI. Männerbünde Frauenverachtung

Der große Mord ist, bei Sades Saint-Fond wie bei Hitler, die dialektische Negation der Revolution. Sades Repräsentant des Ancien regime, Saint-Fond (er wird gelegentlich als „mächtiger denn der König“ bezeichnet), will mit dem Genozid der Revolution zuvorkommen. Hitler, Erbe der verpfuschten deutschen Revolution, will für alle Zeiten den Typ des Aufrührers, des Angreifers auslöschen, den er im Juden verkörpert sieht.

Diese pathische Projektion ist aus der Mittelklasse nach zwei Seiten gerichtet: nach unten hin erzeugt sie den „revolutionären Juden“, nach oben den „Weltherrscher von Zion“.

Die reale politische Gestalt dieses Konflikts ist die Rivalität des Nationalsozialismus mit der preußischen Herrscherklasse um die Macht, seine sexuelle Struktur ist der Ödipuskonflikt. Die Konkurrenzsituation führt zu einer Übernahme der männerbündischen Organisationsform des Junkerstaates; der Schwarze-Adler-Orden wird zur SS, die SA geriert sich Anfang der dreißiger Jahre als neue Reichswehr.

Schon die Jahnsche Turnerei (vgl. Abschnitt IV) empfand sich als bürgerliches Pendant zu den preußischen Kadettenanstalten, welche der Theoretiker der männerbündischen Gesellschaft, Hans Blüher, als den Kern des preußischen Staates sieht.

Der sexuelle Ausdruck dieses Elitenkampfes ist die Homoerotik.

Die preußischen Freikorps bestanden durchwegs aus ganz jungen Männern, meist Studenten, und Napoleon nannte sie scherzend die „Enfanterie“. Jahn sammelte bewundernde Jünger um sich, die ihn auf seiner „Bude“ besuchten, und Turnkinder, mit denen er im Geländespiel herumraufte, denn er war ein berühmter Raufer.

Seinen Lieblingsschüler, Friedrich Friesen, der im Franzosenkrieg getötet wurde, nannte Jahn einen „aufblühenden Mann in Jugendfülle und Jugendschöne an Leib und Seele ... eine Siegfriedsgestalt“. Und Schüler Ferdinand Maßmann, mit dem das manisch Germanische in der völkischen Germanistik anhub, dichtete:

Du ewig leuchtend Jünglingsbild,
So ritterlich, so rein, so mild:
O Friesen, frommes Blut!

In der „Schlußrede“ seines „Deutschen Volksthums“ schreibt Jahn: „Nun sucht der Mensch Menschen auf, preßt sie ans klopfende Herz; Auge begegnet dem Auge, verschwistert der Seele die Seele“ (Leipzig 1810, S. 356). Da ist der Mann gemeint, denn die Frau bleibt dem Turner als Sexualobjekt bedenklich.

Sich mit Weibern abgeben ist eine französische Krankheit, Frankreich — Revolutionsexzesse — Hurerei bilden seit Jahn für den deutschen Spießer eine eherne Gleichung. Also schreibt Turnvater Jahn über die französischen Gouvernanten in Deutschland: „Und je menschlicher und deutscher der Mann sich fühlt, desto härter muß solch ein Zerrweib ihn abstoßen, weil er beide Männin und Buhlin verabscheut, und im Weibe nach einer Gattin sich sehnt, die den vaterländischen Eichenkranz mit Veilchen, Vergißmeinnicht und Deutschem Immergrün umwinde“ (a.a.O. S. 201).

Die Verachtung der Frau ist für die Männerbünde charakteristisch, Erotik wird dort in analen Termini ausgedrückt, Leider müssen wir hier auf Jahns obszöne Greifswalder Rede von 1802, in der er die Bibel mit dem Biercomment parodierte, verzichten — sie ist nicht veröffentlicht. Wir wählen ein anderes Beispiel, das uns näherliegt: den Biercomment von Norbert Burgers Burschenschaft „Olympia“, die 1859 gegründet wurde (älteste Wiener Burschenschaft) und die seit 1961 ihrer Südtirolaktivitäten wegen behördlich aufgelöst ist. In diesem Buch wird ein Bierspiel namens „Cerevis“ beschrieben, das hauptsächlich darin besteht, unter allerlei Zeremonien entsprechend viel „Stoff abzusaufen“. Einer der begleitenden Gesänge lautet (Karl Lummel, Bier-Comment der technisch-akademischen Burschenschaft Olympia, Wien 1868, S. 66):

Man sieht’s Euch an den Federn an,
Was ihr für Vögel seid.
Der Vater war ein Pferdedieb,
Die Mutter hat Studenten lieb,
Die Schwester sitzt im Hurenhaus
Und reckt die Fotz zum Fenster ’naus;
(Euch hängt man an den Galgen).

Wo Mädchen an der Kneiptafel nur als „Damenflor‘“ zugelassen sind, kann eine, die keine Jungfrau mehr ist, nur als Hure gelten.

Frauen sind zwar hehre, aber nicht gleichwertige Wesen. Hitler sagt (in Gegenwart Eva Brauns!): „Sehr intelligente Menschen sollen sich eine primitive und dumme Frau nehmen“ (Albert Speer, Erinnerungen, Berlin 1969, S. 106). Und Norbert Burger sagt (in einem Zeitungsinterview): „Ein Mann soll keine Intellektuelle heiraten“ (Wiener Wochenblatt, 25. Februar 1967). Und Sade läßt im dritten Teil der „Juliette“ den Grafen Belmor die Kroaten loben, weil sie angeblich, „wenn sie von ihren Frauen sprechen wollen, denselben vulgären Ausdruck benutzen, dessen sich das Volk für ein niedriges Tier bedient“. Da ist allerdings ein Schuß unvölkischer Ironie drin. Jedenfalls entwickelt derselbe Belmor den Plan, 15 von 25 Millionen Franzosen zu töten, um Frankreich vom Christentum zu befreien.

Es geht nicht um eine „politische“ Denunziation der Homosexualität. Die ist an sich weder gut noch schlecht. Was an der völkischen Bewegung auszusetzen bleibt, ist nicht ihre Homosexualität, sondern deren Verdrängung; da schlägt Homophilie in Haß und Verfolgung um: „Es reißt sich der Mensch aus den Banden der Sinnlichkeit“, schreibt Jahn in der Schlußrede des „Deutschen Volksthums“. Ummünzung von Sex in Politik: schon damals beschließt ein Kleinbürger, „Politiker zu werden“. Jahn: „Jede Lebenskraft, die sonst durch Sinnlichkeit gebunden wird, soll gerade durch diese entfesselt mit freier Macht walten“ (a.a.O., S. 275).

Und so drückte es Othmar Spann aus, der geistige Vater des österreichischen Autoritätsstaates der dreißiger Jahre: „Das innere Triebfeuer muß gleichsam ins Geistige umgeartet werden“ (Kämpfende Wissenschaft, Jena 1934, S. 121).

Rosenberg, Bäumler, Krieck und unzählige andere NS-Theoretiker feiern den Männerbund als staatsbildendes Organisationsprinzip (gelobt sei, was hart macht, siehe Sparta) — aber vom Geschlechtlichen wollen sie nichts wissen.

In einer patriarchalischen Gesellschaft ist Homosexualität das „Natürliche“, denn die Frau kann nie gleichwertiger Sexualpartner sein. Wenn der Graf Belmor in Sades „Juliette“ das Lob der Männerliebe singt, enthüllt er das zugrundeliegende Herrschaftssystem:

„Wagen wir es zu sagen: die Frau ist keinesfalls für das vollkommene Glück des Mannes gemacht. Vom Gesichtspunkt des Genusses aus betrachtet, dient sie ihm bestimmt nicht umfassend, denn der Mann findet einen viel lebhafteren bei seinesgleichen. Und in der Freundschaft stehen ihre Falschheit, ihre Unterwürfigkeit oder vielmehr ihre Minderwertigkeit im Gegensatz zum vollkommenen Gefühl der Freundschaft. In der Freundschaft müssen Offenheit und Gleichheit herrschen. Wenn einer der beiden Freunde den anderen dirigiert, wird die Freundschaft zerstört. Nun, die Überlegenheit eines Geschlechts über das andere, die fatal für die Freundschaft ist, existiert nun einmal notwendigerweise zwischen zwei Freunden verschiedenen Geschlechts. Die Frau ist also weder als Mätresse noch als Freundin geeignet. Wirklich gut eingeordnet ist sie nur im System der Sklaverei, wie es die Orientalen anwenden. Sie ist nur für den Genuß gut, außerhalb dessen muß man, wie der gute König Chilperich sagt, sich ihrer so schnell wie möglich entledigen.“

VII. Sittlichkeit und Antisemitismus

Dr. Hugo Bettauer gab 1924/25 eine Wochenschrift mit dem Titel, „Er und Sie“ (auch „Bettauers Wochenschrift“) heraus. Sie brachte seichte erotische Literatur, wo sehr viel von Leidenschaft und gelegentlich von Unterwäsche die Rede war — also nach völkischen Begriffen: Pornographie. Die Kampagne gegen die „Bettsauereien“ führte ein germanophiler Turnlehrer namens Kaspar Hellering, der 1922 von Schönerer zum Nationalsozialismus übergetreten war. Im NS-Organ wurde mit Blick auf Bettauer der Ausdruck gebraucht: „daher auszurotten“. Als ausführendes Organ betätigte sich ein einsamer, mädchenscheuer Jugendlicher aus dem Ordnerdienst der NSDAP namens Otto Rothstock, ein Typ wie der Dutschke-Attentäter Bachmann. Er erschoß Bettauer im März 1925 in dessen Redaktion. (1934 nahm Rothstock am Wiener SS-Putsch teil; heute lebt er in der Bundesrepublik als Dentist; vgl. Gerhard Botz, Beiträge zur Geschichte der politischen Gewalttaten von 1918 bis 1933, Phil. Diss. Wien 1966.)

Die Verdrängung sexueller Tatbestände hatte sich in paranoider Form auf einen Hauptakteur der damaligen „Sexwelle“ übertragen. Aus dem Kampf für die „Sittlichkeit“ bezog der Nationalsozialismus einen Gutteil seiner politischen Energien. Vor allem Bündnisse mit Christlichsozialen (Seipel 1927) und anderen Konservativen (Harzburger Front 1931) erfolgten unter diesem Titel. Heute würde man etwa an die Deutschlandstiftung denken, wo sich Straußianer mit Völkischen verbunden haben; wir können erwarten, daß früher oder später eine neue puritanische Welle als Vorreiterei einer allgemeinen politischen Rechtswendung dem gegenwärtigen sexualliberalen Trend entgegenrollen wird.

Die Verbindung von Sittlichkeit und Antisemitismus formulierte Turnbruder Hellering während der Bettauer-Kampagne in einer Zeitschrift namens „Grobian“ in Gedichtform:

Es ist die Faschingsnarrenzeit,
Wo heut viel blonde Weiblichkeit,
Voll seliger Gewissensruh’
Fast ganz im Stil von „Ich und Du“,
Halb nackt mit krausem Bubikopf,
Sich jedem geilen Judentropf
Auf Terpsichorens Schweißaltar
Oft um ein Nachtmahl bietet dar.
Bettauer, diese Judensau,
Lehrt ja: „Die idealste Frau
Ist jene, die sich unbeschränkt
Heut diesem, morgen jenem schenkt“.
Und wenn der Jud’ gesättigt ist,
Dann kommt wohl noch ein blöder Christ,
Der sich den halbverfaulten Leib
Beglückt erkürt zum Eheweib
Ach! groß ist unsers Volkes Not,
Es stampft vergnügt im Judenkot
Und fühlt nicht Scham und keine Qual
In diesem Judenkarneval,
Der mit des deutschen Weibes Scham
Uns auch die letzte Hoffnung nahm:
Ist unserm Volk das Weib verloren,
Wird ihm kein Siegfried mehr geboren!

Diese Geisteswelt ist heute durchaus noch lebendig, zum Beispiel in Sprüchen wie dem folgenden, den ich im August 1969 an einer Wand im WC der Wiener Nationalbibliothek las:

Es fickt der Christ
Es fickt der Jud’
dieselbe Rote Hurenfut

Von anderer Hand war ein trefflicher Kommentar hinzugefügt worden:

Und der Germane auf dem Marsch
fickt den braunen HJ-Arsch

Der Völkische teilt dem Juden eine Rolle im Ödipuskonflikt zu: die Rolle des Vaters, des sexuellen Angreifers. Weil „der Jude“ dem deutschen Mann des deutschen Weibes Scham nebbich nahm; weil „der Jude“ als Vater („Weltherrscher“) das Volk (= Mutter) molestierte, traten die Söhne als „Rächer“ auf und begingen die Pseudorevolution: den kollektiven Vatermord in Gestalt des Judenmordes. Wie schon Freud in „Totem und Tabu“ (Kapitel IV/5) dargetan hat, wird die Brüderhorde durch Schuldgefühle und Homosexualität zusammengehalten — ein Konzept, das vielleicht mehr auf die NSDAP als auf die „Urhorde“ paßt.

Hitler war der Anführer der Brüderhorde, die den Urvatermord (Judentum = Altes Testament!) beging. Ohne diese von Freud, Reich und Löwenstein stammende Theorie näher auszuführen, belege ich sie mit einem Zitat aus „Mein Kampf“:

„Der schwarzhaarige Judenjunge lauert stundenlang, satanische Freude in seinem Gesicht, auf das ahnungslose Mädchen, das er mit seinem Blick schändet und damit seinem, des Mädchens Volke raubt“ (Adolf Hitler, Mein Kampf, 1. Auflage, München 1925, S. 344). In Wirklichkeit ist es umgekehrt. Hitler selbst ist der Voyeur, der den Juden belauert: „Als ich einmal so durch die Innere Stadt strich, stieß ich plötzlich auf eine Erscheinung in langem Kaftan mit schwarzen Locken. Ist dies auch ein Jude? war mein erster Gedanke ... Ich beobachtete den Mann verstohlen und vorsichtig, allein je länger ich in das fremde Gesicht starrte und forschend Zug um Zug prüfte ...“ (a.a.O., S. 56).

Derlei Doppelungen finden auch heute noch statt. Im „Monat“ erschien im August 1970 eine Rezension des neuen Arrabal-Buches, von Klaus Harpprecht. Der Rezensent erregt sich über den erigierten Penis Arrabals, der dem Leser vielmals ins Gesicht steht. Nachdem Harpprecht zunächst versichert, die Gleichung „Judentum und Pornographie“ stamme aus dem „Stürmer“, beharrt er: „Trotzdem, das Klischee besteht.“ Sodann stellt er bezüglich des jüdischen Verlegers Arrabals die Forderung auf: „Der israelischen Kultusgemeinde bleibt die Pflicht und jedes Recht, diesen Verleger dazu zu überreden, sich eine Existenz als Bordellbesitzer in Florida oder Uruguay zu suchen.“ Das heißt: dieser Jude, der ein obszönes Buch publiziert, ist ein Zuhälter. Harpprecht hat damit wertvolle Vorarbeit für einen neuen Streicher geleistet. Der braucht dann nur noch umzuformulieren: alle Juden sind Zuhälter.

VIII. Faschismus und Homosexualität

In den Männerbünden des Faschismus wird ununterbrochen erotische Spannung erzeugt, die keine Lösung findet — das Ausleben der Homosexualität ist verboten. Die drängenden Sehnsüchte produzieren Bilder, mit deren Hilfe man die eigenen Stauungen kommunizieren kann: eine Schlüsselsprache der Eingeweihten. Die geheime Hauptsache, mit der sich das Unbewußte dauernd beschäftigt, wird in Zeichen gebannt. Der Sinn ist dunkel, er offenbart sich erst, wenn die Symbole an der Häuselwand neben anderen Graphiken auftauchen, die einen Vergleich ermöglichen.

Schon Reich, der sich seinerseits auf andere psychoanalytische Arbeiten stützt (Zeitschrift für Sexualwissenschaft, Jg. 1930), sieht in der Swastika, anhand von Fruchtbarkeitssymbolen der Alten, „die Darstellung zweier ineinandergeschlungener menschlicher Gestalten, schematisiert“ (Wilhelm Reich, Massenpsychologie des Faschismus, Kopenhagen 1934, S. 152). Auf eine nähere Bestimmung als „Geschlechtsakt“ hat sich Reich nicht eingelassen: am Schnittpunkt der Rumpfbalken der Swastika ergeben sich zwei Möglichkeiten (vgl. Abb.): „A tergo“, dann ist die „vordere“ Figur eine Frau; oder „per anum“, dann kann der Partner sowohl weiblich wie männlich sein. Es wird also die Einbeziehung der Möglichkeit „Frau“ irgendwie mitgeschleppt, aber der Akzent liegt auf „Mann“; nicht nur atmet das ganze Milieu „mannmännliche“ Erotik, auch geometrisch sind die beiden Hälften der Swastika gleichgestalt, nur um 90 Grad verdreht, und die geraden Balken mit ihren spitzen bis rechten Winkeln wirken hart, männlich. Analoges wie für die Swastika gilt für das SS-Symbol, die doppelte S-Rune: Sie stellt einen Arschfick im Stehen dar. Die Tradition ist, wie altrömische Figur zeigt (vgl. Abb.), recht ehrwürdig und enthüllt den Nebensinn der Worte „Wir müssen zusammenstehen“ und „Ich stehe hinter eucht“, oft gebraucht in nationalsozialistischen Führerreden.

So steht es also mit Hitler: Den Vater schildert er selbst als „hart und entschlossen“, „seine Autorität rücksichtslos“ durchsetzend (Mein Kampf, Band 1, München 1925, S.
6, 8). Wenn man Kubizek glauben darf, so hat ihm Adi von „heftigen Auftritten“ erzählt, und „daß ihn der Vater verprügelte“ (August Kubizek, Adolf Hitler — Mein Jugendfreund, Graz 1966, S. 52). Jedenfalls geht aus diesem Buch hervor, daß zwischen Kubizek und Hitler starke homoerotische Spannung bestand, als sie vom Februar bis Juli 1908 in Wien in dem engen Zimmer in der Stumpergasse zusammenwohnten. Halten wir uns zunächst an das Zeugnis „Gustls“, eines hübschen Jungen, der auf den Photos etwas feminin wirkt. Er schildert den Annäherungsversuch eines Fabrikanten an Hitler: „‚Es handelt sich um einen Homosexuellen, erklärte Adolf sachlich. Ich erschrak. Ich hatte bisher noch nicht einmal das Wort gehört, geschweige denn, daß ich mir darunter etwas bestimmtes vorstellen konnte“; Adi hätte sich „solche Menschen mit geradezu ängstlicher Gewissenhaftigkeit vom Leibe“ gehalten (S. 273). Er kennt das Wort nicht, erschrickt aber gleich, vorstellen kann er sich nichts „bestimmtes“, aber doch irgendwie etwas. Dinge dieser Art kommen noch mehrmals vor, etwa das „Weibsgezücht“ in Gestalt einer Klavierschülerin, welche die Zweisamkeit stört (S. 187), oder die pikante Story mit „Potiphar“ (S. 182), wo Adi weibliche Verführungskünste standhaft zurückweist. „Gustl“ findet das sehr lobenswert.

Auch in den zwanziger Jahren umgab sich Hitler mit hübschen Jünglingen, meist Kameraden aus der Militärzeit, wie Heß, Amann, Esser, deren männerbündischer Zusammenhalt aus der DAP erst die NSDAP und aus Hitler den „Führer“ machten — ein in der Historiographie bislang übersehener Faktor bei Hitlers Aufstieg.

Zunächst war Rudolf Heß, der Sekretär und „Stellvertreter des Führers“, sein Favorit (Spitzname „Fräulein Heß“). Dann, Mitte der dreißiger Jahre, kam Albert Speer, der schöne junge Architekt, in dessen Gegenwart sich Hitler spontan und gelöst gab wie sonst nie. Speer in seinen Memoiren: „Einer seiner engeren Mitarbeiter faßte den Eindruck, den diese merkwürdige Beziehung auf ihn machte, in die Worte: „Wissen Sie, was sie sind? Sie sind Hitlers unglückliche Liebe!“ (Speer, S. 148). Rührend ist die Geschichte (a.a.O., S. 163) wie Speer eine frühe Zeichnung Hitlers, einen Triumphbogen, im Modell ausführen läßt und dann seinem Führer präsentiert („überwältigt gab er mir wortlos die Hand“).

Freilich bremste Hitler auch die Beziehung, wenn man ihm zu nahe kam, und Speers Erinnerungsbuch liest sich streckenweise wie die larmoyante Klage eines verschmähten Liebhabers: „Manchmal fragte ich mich: Was fehlt mir eigentlich, um Hitler als meinen Freund zu bezeichnen? Ich war in seiner Umgebung, in seinem privaten Kreis fast wie zu Hause und dazu sein erster Mitarbeiter auf dem ihm liebsten Gebiet, der Architektur. Es fehlte alles. Nie in meinem Leben habe ich einen Menschen kennengelernt, der so selten seine Gefühle sichtbar werden ließ, und wenn er es tat, sich augenblicklich wieder verschloß. In meiner Spandauer Zeit unterhielt ich mich mit Heß über diese Eigenart Hitlers. Unseren gemeinsamen Erfahrungen zufolge gab es wohl Momente, in denen man annehmen konnte, ihm nähergekommen zu sein. Aber das war immer eine Täuschung. Falls man seinen herzlichen Ton vorsichtig aufnahm, baute er sogleich abwehrend eine unübersteigbare Mauer auf“ (Speer, S. 114).

Tragikomisch die Geschichte der Eva Braun unter diesen Bedingungen, ihre armselige Rolle in diesem rigiden Männerbund. „Tschapperl“ nannte Hitler sie vor den anderen (Speer, S. 115). Sie wartet auf seine Anrufe, zunächst im Geschäft, bis in die Nacht, als sie zu Hause kein Telephon hat, dann der Kampf mit Schwestern und Eltern um das unbewachte Telephongespräch. Und später, in der Reichskanzlei und auf dem Berghof, muß sie verschwinden, wenn Besuch kommt (Nerin E. Gun, Eva Braun-Hitler, Velbert 1968).

Hans Blüher, der als Historiker der Wandervogelbewegung ein feines Ohr für Männerbünde hatte, schrieb im Jahre 1949 in einem Vorwort zur Neuauflage seines bekannten Buches: „Die beiden typischen Vertreter waren auf der einen Seite Hitler selbst, als Verdränger und späterer Verfolger, auf der anderen Seite der Stabschef Röhm als freier, sehr freier Männerheld ... Während nun das äußere Reizereignis, das die Verfolgung im Wandervogel auslöste, der Eulenbergprozeß war, übernahm diese Rolle im ‚Dritten Reich‘ der von Himmler und Göring erfundene drohende ‚Abfall‘ Röhms von seinem Führer“ (Hans Blüher, Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft, Stuttgart 1962). Das sexuelle Moment spielte beim Kampf um die SA gewiß keine so große Rolle, wie Blüher glaubte, aber zumindest die eigentümliche Stärke der SS im Machtkampf drückte sich in deren Puritanismus aus.

Hitlers Speer berichtet: „Am großen runden Tisch des Teehauses begann Hitler mich einmal zu fixieren. Statt die Augen niederzuschlagen, faßte ich das als eine Herausforderung auf. Wer weiß, welche Urinstinkte solchen Zweikampf hervorrufen, in dem sich die Gegner fest ins Auge sehen, bis einer von ihnen nachgibt. Jedenfalls war ich gewohnt, solche Fixierungen immer zu gewinnen, aber dieses Mal mußte ich, anscheinend endlos, eine fast übermenschliche Energie aufbringen, um dem immer stärker werdenden Drang, die Augen abzuwenden, nicht nachzugeben — bis plötzlich Hitler seine Augen schloß, um sich kurz danach seiner Nachbarin zuzuwenden.“ (Speer, a.a.O., S. 114). Da steckt der ganze Krampf drinnen, der auf Hitlers Milieu drückte. „Ea hod me augschaut med seine blaun augn“, sagt der Herr Karl, „do hob e ollas gwußt.“ Sie fixieren einander, aber es kommt nicht heraus. Die Opfer müssen’s büßen.

Himmler war der große Verfolger der Homosexualität, vor allem in seiner SS. So wütend er die Homosexualität verfolgt, so stark sind seine eigenen psychischen Inklinationen in dieser Richtung. Schon in den Tagebüchern des Studenten Himmler taucht ein Kamerad vom Militär auf, er nennt ihn „Lu“ (von Ludwig). Mit diesem seinem besten Freund besprach er häufig sexuelle und religiöse Probleme. Überhaupt sind die Themata aufschlußreich, über die Himmler mit seinen völkischen Vereinskameraden spricht: „Glauben an Gott, religiöse Zweifel (jungfräuliche Empfängnis usw.), Beichte, Ansichten über Mensur, Blut, Geschlechtsverkehr, Mann und Frau“ (Eintragung vom 20. Februar 1924); oder: „Bodenreform, Degeneration, Homosexualität, Judenfrage“ (Eintragung vom 4. März 1922). Das liest sich wie eine Inhaltsangabe zu einer Passage von. Sade — nur daß Himmler diese Dinge abwehrend-angsterfüllt erlebt (Journal of Modern History, Jahrgang 1959, S. 206 ff.).

Später zeigt vor allem Himmlers Briefwechsel mit dem SS-Hauptamtschef Gottlob Berger deutliche Züge (selbstverständlich „platonischer“) Homophilie; der bewegliche Junge scheint die Sprödigkeit der Chefs ausgenützt zu haben.

Als im Juni 1944 ein Obersturmführer die Leitung einer SS-Schule übernahm, fand er in der Lade ein Buch, und dieser Vorfall wurde zum Ausgangspunkt einer hochnotpeinlichen Untersuchung. Himmler erwähnt das Corpus: delicti als „ein Buch ‚Freude — Sexualtheorie‘“ (Heiber, a.a.O., S. 339) und befielt dem Vorbesitzer, sich zu rechtfertigen („wie kommt dieses Buch in seinen Schreibtisch“). Das „Buch“ ist natürlich Freuds „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“. Interessant ist die Fehlleistung „Freude“ statt „Freud“. Wenn sich Himmler die Mühe gemacht hätte, hineinzusehen, hätte er in dem Abschnitt „Die ‚kulturelle‘ Sexualmoral und die moderne Nervosität“ den Satz gefunden: „Somit müssen wir in allen Momenten, welche das Sexualleben schädigen, seine Betätigung unterdrücken, seine Ziele verschieben, pathogene Faktoren auch der Psychoneurose erblicken.“

Die immer noch verschobenen Ziele des gedrückten: Sexus gilt es zurechtzurücken. Das bloße Voyeurtum muß: überwunden werden; die Fixierung im Vorluststadium: neurotisiert unsere ganze Gesellschaft. Wenn wir zum Orgasmus kommen wollen, müssen wir die „Sexwelle“ durchstoßen, aus der nichts anderes herauskommen kann als ein neuer Faschismus. Wir müssen unseren Eros aus seiner Sprachlosigkeit erlösen. Dazu kann uns Sade verhelfen.

(Fortsetzung folgt)

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1970
No. 202/I, Seite 0
Autor/inn/en:

Michael Siegert:

Geboren am 12. Oktober 1939, gestorben am 23. Oktober 2013 in Wien; war von 1973 bis 1982 Blattmacher des FORVM.

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