FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1974 » No. 243
Friedrich Geyrhofer

Kleine österreichische Hochschulstatistik

1 Wieviel Studenten?

„Im internationalen Vergleich liegt die Studentenquote in Österreich unter dem Durchschnitt“, konstatiert der Hochschulbericht ’72. „Im Jahre 1965 wiesen von den OECD-Ländern nur Spanien, Irland, Island, Luxemburg, Portugal und die Türkei eine niedrigere Studentenquote auf als Österreich (bezogen auf 1000 Einwohner).“ Die österreichische Studentenquote steigerte sich von 2,9 (1950) auf 6,7 (1965); in der BRD von 3,6 auf 7,2; in Norwegen von 2,8 auf 7,8. Im Jahre 1974 dürfte die österreichische Studentenquote bereits über 10 liegen, womit aber erst die Studentenquoten Finnlands (10,3), Schwedens (10) und Japans (11,1) aus dem Jahr 1965 erreicht wären.

Diese Entwicklung verlief nicht gleichmäßig. Zwischen 1950 und 1955 sank die österreichische Studentenquote von 2,9 auf 2,7. Ähnliche Entwicklungen gab es während desselben Zeitraums auch in Italien, Norwegen, Luxemburg und der Schweiz. Man könnte das eventuell aus der These Keller/Vahrenkamps erklären, daß die Schwarzmarktgeschäfte der Nachkriegszeit und der Korea-Boom ein vorläufiges ökonomisches Wiedererstarken der Kleinbourgeoisie bewirkt haben.

Auch in absoluten Zahlen stagniert in Österreich die Studentenmenge Anfang der fünfziger Jahre. Seit 1955 steigt sie von ca. 18.000 auf ca. 30.000 im Jahre 1958, im Jahre 1961 überschreitet sie die Marke 40.000. Zweimal hintereinander eine Zunahme von mehr als 10.000 Studenten in jeweils 3 Jahren! Die Kleinbourgeoisie flüchtet sich vor dem einsetzenden Konzentrationsprozeß in die Hochschulen.

Während der sechziger Jahre flacht in Österreich die Kurve ab. Erst 1967 gibt es mehr als 50.000 Studenten, 1973 aber schon mehr als 70.000. In allen diesen Zahlen sind auch die Ausländer (im WS 71/2 ca. 9.000) sowie die außerordentlichen und Gasthörer enthalten. (Daraus erklärt sich, weshalb weiter unten abweichende Zahlen angeführt werden.)

2 Was wird studiert?

Nach der Keller/Vahrenkamp-Hypothese richtet sich der Bildungsboom nicht nach dem Arbeitskräftebedarf der „Wirtschaft“. Das geht auch aus den Studentenanteilen der einzelnen Hochschulen und Fakultäten in Österreich hervor.

Während die Gesamtzahl der ordentlich inskribierten Inländer an den 11 wissenschaftlichen Hochschulen Österreichs von 38.000 (1966/67) auf 47.000 (1971/72) stieg, verloren in der Ära des angeblich „verwissenschaftlichten Produktionsprozesses“ gerade die Technische Hochschule Wien, die Montanistische Hochschule Leoben und die Wiener Hochschule für Bodenkultur im selben Zeitraum jeweils ca. 200 (inländische) Hörer. Die Tierärztliche Hochschule und die Hochschule für Welthandel (beide in Wien) hatten Zuwachsraten unter dem Durchschnitt. Ebenso die Technische Hochschule Graz: ihre Studentenzahl stieg zwischen 1966 und 1971 nur um 10%, die der Universität Graz aber um 36%.

Derselbe Trend zeigt sich an den Fakultäten. Die Philosophische Fakultät, die Medizin und die (neu eingeführten) Sozial- und Wirtschaftswissenschaften wuchsen zwischen 1955 und 1971 jeweils um 100 bis 250%, während die Zuwachsraten der Technischen Studienrichtungen ebenso wie der Theologie weit unter 100% blieben.

Die Rechtswissenschaften haben sogar zwischen 1967 und 1971 ca. 1.600 Studenten verloren, das ist eine Abnahme von 27%. Natürlich ist nicht der Paragraphenturm kleiner geworden, sondern die den Juristen reservierten beruflichen Positionen.

Die explosive Vermehrung der Studentenmenge seit 1971 hat aber an fast allen Hochschulen starke Zuwachsraten mit sich gebracht. Auch die „Verlierer“ dürften wieder aufgeholt haben (Montanistische Leoben, Welthandel, die Technischen Hochschulen Graz und Wien).

3 Woher kommen die Studenten?

„Nur 4,4% der Gesamtbevölkerung in der Vätergeneration der Studierenden (40-65jährige) haben Hochschulbildung. Aus diesen Familien kommen aber 28% der Studierenden ... Während in der Vätergeneration der Studierenden (40-65jährige) ca. 90% der Gesamtbevölkerung keine Hoch- oder Mittelschulbildung haben, stellt diese Gruppe nur 51% der Studierenden.“ (Hochschulbericht ’72)

Der Anteil der Unterschichtkinder an den Studierenden wächst langsamer als die gesamte Studentenmenge. Der Anteil der Arbeiterkinder ist von 7% (1956) auf 12% (1971) angestiegen; doch der Anteil der Arbeiter an der Gesamtbevölkerung beträgt rund 40%. Im Jahre 1959 hatten 35% der Studenten Väter mit Hochschulbildung, 1971 noch 28%. Der Anteil der Kinder von Pflichtschülern stieg von 40% auf 51% an.

Der Anteil der Bauernkinder hat im Zeitraum zwischen 1956 und 1971 niemals 5% überstiegen, obwohl die Bauern (nach der Volkszählung 1961) 15% der Gesamtbevölkerung ausmachen.

„Auf 100 Akademiker in der Vätergeneration kommen 33 studierende Akademikerkinder, auf 100 Maturanten 19 Maturantenkinder, aber auf 100 Männer mit Pflichtschulbildung nur 3 Studierende, derer Väter Pflichtschulbildung haben.“ (Hochschulbericht ’72)

4 Frauen an der Uni

Im WS 71/72 standen den 34.000 männlichen Hörern an den wissenschaftlichen Hochschulen Österreichs nur 12.700 weibliche Hörer gegenüber, das sind 27% der Gesamtzahl. In der Gesamtbevölkerung machen die Frauen 49% aus. 1971 kamen auf 1.000 männliche Jugendliche 82 Studenten, auf 1.000 weibliche Jugendliche nur 29 Studentinnen. Im akademischen Lehrkörper ist diese Relation einfach skandalös: von den 856 (ordentlichen und außerordentlichen) Hochschulprofessoren waren 1971 nur 23 Frauen.

Zwar steigt in relativen Zahlen der weibliche Anteil an den Studierenden: von 20% im Jahre 1955 auf 27% im Jahre 1971. In absoluten Zahlen jedoch wird der Abstand zwischen den Geschlechtern immer größer. Allerdings rechnet der Hochschulbericht ’72 mit einem „verstärkten Zustrom weiblicher Studierender in den nächsten Jahren“. Nur werden die Mädchen die ersten Opfer der unreformierten Universität: Ihre Abbruchsquorte ist höher, obwohl ihr Studienverlauf im Durchschnitt besser ist.

Germanischer Jüngling in der Aula der Wiener Universität:

Wie nun die abgeschlagenen Köpfe in der deutschen Mythologie sprechen und sogar Wunder tun können, so möge auch dieser Kopf jetzt und in den kommenden Zeiten sprechen von dem großen Opfer, das gebracht wurde.
(Deutschösterreichische Tageszeitung, 24. Februar 1924)

5 Wie wählen die Studenten?

Je mehr Studenten, desto geringer ihre Wahlbeteiligung an den Hochschülerschaftswahlen. 1969 waren 47.000 Inländer immatrikuliert, davon wählten 55%. 1971 waren 52.000 Inländer immatrikuliert, davon wählten 44%. 1974 gab es 78.000 Wahlberechtigte (erstmals durften Ausländer mitwählen), davon wählten 34%.

Erheblich über diesem Durchschnitt lagen 1974 vor allem die kleineren Hochschulen: die Salzburger Uni mit 40%, die Grazer Technik mit 45%, die Tierärztliche mit 62%, die Kunsthochschule Linz mit 70% und die Montanistische Leoben mit 81%.

Keine der letzten drei Hochschulen hat mehr als 800 Hörer! Unter dem Durchschnitt liegt die Wahlbeteiligung nicht nur an den großen Hochschulen, sondern auch an fast allen künstlerischen Hochschulen mit ihren niedrigen Studentenzahlen, in denen aber der Studienbetrieb relativ locker ist. Im Prozentsatz der Wahlbeteiligung spiegelt sich die innere Kohäsion einer Hochschule wider.

ÖSU und RFS, von Cartellbrüdern und Säbelstudikern dominiert, haben in den Wahlen 1974 jeweils nur ein paar hundert Stimmen verloren. Stärker sind ihre relativen Verluste. Die ÖSU büßte erstmals seit 1953 die absolute Mehrheit ein, der RFS erreichte mit 20% der gültigen Stimmen den schlechtesten Stand seit seinem Gründungsjahr 1951 (damals auf Anhieb 16,5%). Der sozialdemokratische Block VSStÖ/CSS hat mehr als 1.700 Stimmen dazugewonnen, damit aber nicht den Stand des VSStÖ im Jahre 1948 erreicht. Die studentische Linke insgesamt hat sich seit 1971 von 19% der gültigen Stimmen auf 29% verbessert. Neben dem VSStÖ fallen numerisch allein die „Maoisten“ der LKH mit 1.300 Stimmen ins Gewicht. Mit 6 Fraktionen hat die Linke jetzt denselben Prozentsatz wie die sozialdemokratischen und kommunistischen Studenten 1948.

Der Bürgerblock verdankt diese Schlappe auf keinen Fall der sinkenden Wahlbeteiligung. Als einzige Hochschule hat die Montanistische Leoben ihre Wahlbeteiligung um 10% auf 81% gesteigert. Doch der relative Anteil des RFS wurde halbiert, der Anteil der ÖSU ging von 24% auf 18% zurück. Dagegen ist in Leoben der Anteil der studentischen Linken von 27% auf 44% angestiegen. Politisierung der Technischen Intelligenz? Jedenfalls sind die Nichtwähler eine Reserve der Linken!

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1974
, Seite 39
Autor/inn/en:

Friedrich Geyrhofer:

Geboren am 03.09.1943 in Wien, gestorben am 16.07.2014 ebenda, studierte Jus an der Wiener Universität, war Schriftsteller und Publizist sowie ständiger Mitarbeiter des FORVM.

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