Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1971 » No. 214/I/II
Friedrich Geyrhofer

Klassenloser Kapitalismus

Michael Mauke, Die Klassentheorie von Marx und Engels, Europäische Verlagsanstalt Frankfurt

Den Inhalt der Marxschen Theorie haben ihre Gegner und ihre Anhänger in der Idee des Klassenkampfes komprimiert. Gegen sie richten sich praktisch alle Einwände, welche die Theorie Lügen strafen wollen. Versteht man traditionellerweise den Marxismus als die spezifische „Ideologie“ der Industriearbeiter, so wäre er bloß der literarische Ausdruck des proletarischen Klasseninteresses, das er doch seinerseits überhaupt erst definiert, die „wahren“ von den „falschen“ Interessen unterscheidend. Ein offenkundiger Zirkelschluß. Den Soziologen, die alternative Modelle der sozialen Schichtung anzubieten haben, gilt das Proletariat als eine marxistische Fiktion. Sie berufen sich auf die Angestellten, die kein Eigentum an den Produktionsmitteln haben, und dennoch sich nicht als Proletarier verstehen. Der Dualismus von Ausbeutern und Ausgebeuteten werde dadurch aufgehoben; die moderne Gesellschaft kenne zwar „Schichten“, aber keine Klassen.

Fritz Croner, ein Exponent dieser These, resümiert: „Der Versuch, die Existenz der Angestelltenschaft, die man nicht bestreiten kann, mit den Prämissen der Marxschen Gesellschaftstheorie in Einklang zu bringen, ist einer der häßlichsten intellektuellen Kompromisse des Neo-Marxismus“. [1]

Die Begriffe Klasse und Klassenkampf, allzu behend den wechselnden Forderungen von Agitation und Diskussion angepaßt, haben ihre Konturen verloren. Die prominenten westdeutschen Marxisten begnügen sich damit, lakonisch den Verlust des Klassenbewußtseins zu konstatieren; sie verzichteten auf eine Präzisierung der Begriffe. So war den diversen Versuchen Tür und Tor geöffnet, die vakante Rolle des „revolutionären Subjekts“ mit Studenten, Fürsorgerentnern oder mit den Armen der Dritten Welt zu besetzen. Mit neuen Definitionen, die vermutlich bloß zu rabulistischen Wortklaubereien führten, wäre allerdings wenig getan.

Als sich der junge Georg Lukács 1923, am Ende einer revolutionären Epoche, in seinem großen Werk „Geschichte und Klassenbewußtsein“ mit dem Begriff der Klasse beschäftigte, sah er sich gezwungen, zu seiner Aufklärung einen Umweg über die philosophische und methodologische Rekonstruktion der Marxschen Theorie zu nehmen. Lukács leitet die Klasse aus der gesellschaftlichen „Totalität“ ab: keinesfalls setzt sich die Gesellschaft aus den Klassen zusammen, die Klassen werden vielmehr von der Gesellschaft bestimmt.

„Nicht die Vorherrschaft der ökonomischen Motive in der Geschichtserklärung“, sagt Lukäcs, „unterscheidet den Marxismus von der bürgerlichen Wissenschaft, sondern der Gesichtspunkt der Totalität“. [2] Hier wird eine bestimmte vulgärmarxistische Haltung kritisiert, die sich mit Vorliebe auf die „Interessenpsychologie“ stützt: man glaubt, gesellschaftliche Vorgänge erschöpfend zu erklären, indem man sie auf die besonderen Interessen einzelner Gruppen und Klassen zurückführt. Das einzelne Interesse erscheint als das soziale Molekül in der gesellschaftlichen Mechanik. Diese interessenpsychologische Methodik legt sich aber keine Rechenschaft über das Verhältnis ab, in dem die Klasse zur ganzen Gesellschaft steht. Schließlich ist der Kapitalismus keine Erfindung der Kapitalisten. Marx betont, „daß das Privatinteresse selbst schon ein gesellschaftlich bestimmtes Interesse ist und nur innerhalb der von der Gesellschaft gesetzten Bedingungen und mit den von ihr gegebenen Mitteln erreicht werden kann“. [3]

Es ist das Verdienst von Michael Maukes Buch über „Die Klassentheorie von Marx und Engels“, [4] sich auf ein rein philologisches Verfahren zu beschränken. Michael Mauke referiert anhand der einschlägigen Textstellen; nur gelegentlich kommentierend oder kritisierend. So trocken das klingt, so schätzenswert ist diese methodische Einschränkung. Marx hat keine eigene Abhandlung über Klasse, Klassenbewußtsein, Klassenkampf geschrieben. Seine Bemerkungen zu diesem Thema, im „Elend der Philosophie“, im „Kommunistischen Manifest“, im „Kapital“ und im „Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte“, widersprechen einander bekanntlich. Die Passage aus dem Vorwort „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ von 1859, die stereotyp immer wieder als die verbindliche Formulierung: des historischen Materialismus zitiert wird, schweigt ausgerechnet über diesen zentralen Gegenstand (vermutlich aus Rücksicht auf die preußische Zensur).

Um so instruktiver ist die Darstellung Michael Maukes, in welcher die systematische Funktion des Klassenbegriffs innerhalb der Marxschen Theorie plastisch wird. Nur aus der Logik des ganzen Systems ist der Klassenbegriff bei Marx verständlich. Er ist beileibe kein empirisches Konzept, wie die analytischen Notionen „Gruppe“ und „Sozialschicht“, die zur neutralen Zusammenfassung isolierter Phänomene dienen. Die Klassentheorie wird obskur, wenn sie von der Werttheorie oder von der Akkumulationstheorie getrennt und lediglich als ein soziologisches Problem behandelt wird.

„Da die Marxsche Theorie“, schreibt Michael Mauke, „die den Begriff der gesellschaftlichen Arbeit zum Zentrum hat, alle sozialen Verhältnisse und Gliederungen als Vermittlungszusammenhang der gesellschaftlichen Produktion analysiert, meist in einer ökonomischen Sprache, braucht sie nicht notwendig den soziologischen Begriff Klasse zu verwenden. Die Klassengliederung bildet nicht eine politisch-soziale Superstruktur der Wirtschaft, sondern ein Moment der sozialökonomischen Totalität: die Klassenstruktur ist identisch mit dem System der gesellschaftlichen Teilung der Arbeit“. [5]

Allerdings, dieser letzte Satz scheint irreführend formuliert. Er deduziert die Klassen aus der Arbeitsteilung, statt die Arbeitsteilung aus den Klassen abzuleiten. Das war der Standpunkt der „Deutschen Ideologie“ von 1846, den Marx nach 1850 gründlich revidiert hat. Die Analyse der Warenform — jene Demarkationslinie zwischen dem „jungen“ und dem „alten“ Marx — mußte zwangsläufig den methodischen Rang der Arbeitsteilung im System der politischen Ökonomie degradieren. Das ergibt sich aus der Differenzierung der Warenform in „Tauschwert“ und „Gebrauchswert“, die Marx von Adam Smith übernahm. [6] Die Arbeitsteilung gehört zur Gebrauchswertseite, während der Kapitalbegriff sich auf die Tauschwertseite der Warenform stützt: darin liegt ja der Sinn der Mehrwerttheorie. Arbeitsteilung wäre auch ohne Warentausch möglich. Klassenherrschaft aus der Arbeitsteilung abzuleiten, heißt die Herrschaft der Kapitalisten verewigen — ein Instrument der ideologischen Rechtfertigung, das von Marx kritisiert wird: „Der Kapitalist ist nicht Kapitalist, weil er industrieller Leiter ist, sondern er wird industrieller Befehlshaber, weil er Kapitalist ist“. [7]

Dies ist keine akademische Frage. Von der Antwort hängt nämlich die Beurteilung der Angestellten und ihrer sozialen Lage ab. Das kitzlige Problem, das die Angestellten der marxistischen Theorie aufgeben, besteht ja eben darin, daß sich ihre gesellschaftliche Position direkt aus der Arbeitsteilung ableitet, nicht aus der Herrschaft des Kapitals. Zwar sind auch sie sogenannte „Arbeitnehmer“, aber sie arbeiten in den Funktionen, die im Laufe der industriellen Entwicklung von der klassischen Unternehmerfunktion abgezweigt („delegiert“) worden sind: in der arbeitsleitenden, in der konstruktiven und analytischen, in der administrativen und in der merkantilen Funktion. [8] Zwischen Arbeit und Kapital nehmen die Angestellten eine sonderbare Stellung ein, in der sich die zwei großen antagonistischen Klassen paradoxerweise zu kreuzen scheinen. Ja, diese Zwitterschicht droht sogar, das industrielle Proletariat aufzusaugen. Fritz Croner prophezeit, „daß das Personal, das die menschenleere vollautomatische Werkstatt bedient, nur aus Angestellten bestehen wird“. [9]

Das Kriterium der gesellschaftlichen Stratifikation wäre demnach allein die Arbeitsteilung, nicht der Besitz an Produktionsmitteln. Eine Schlußfolgerung, die genußvoll von den Soziologen gezogen wird, deren Theorie sich mit der Praxis der Unternehmer und ihrer Legislativen verbindet, die Angestellten mit Hilfe von Privilegien aus dem Proletariat herauszuheben.

Analog zur Zweiteilung der Produktion in einen „Verwertungsprozeß“ und einen „Arbeitsprozeß“, [10] unterscheidet Marx zwischen zwei Formen der Arbeitsteilung. Zunächst gibt es die gesellschaftliche Arbeitsteilung, die von der Anarchie der Konkurrenz regiert wird; sie fällt in den Verwertungsprozeß. Mit der Entfaltung der großen Industrie bildet sich aber auch eine innere Arbeitsteilung innerhalb der Fabrik aus, die in den Arbeitsprozeß fällt. Michael Mauke faßt den Unterschied zwischen gesellschaftlicher und innerbetrieblicher Arbeitsteilung zusammen, wenn er schreibt, „daß im Gegensatz zur planvollen Arbeitsorganisation des Fabrikbetriebs die Funktionen und Funktionsgliederungen der gesellschaftlichen Arbeitsteilung ‚spontan‘ sich regeln“. [11] In der bürgerlichen Soziologie kostümiert sich der Unterschied zwischen gesellschaftlicher und innerbetrieblicher Arbeitsteilung als der Gegensatz zwischen „Marktrationalität“ und „Planrationalität“. [12]

Die Arbeitsteilung zwischen Kapitalist und Proletarier im Verwertungsprozeß gehört in eine ganz andere Sphäre als die Arbeitsteilung zwischen Angestellten und Arbeitern im Arbeitsprozeß. Im ersten Fall entscheidet ausschließlich das Eigentum an den Produktionsmitteln, im zweiten Fall die Karriere innerhalb einer hierarchisch gegliederten Organisation. Der Antagonismus zwischen Kapital und Lohnarbeit erzeugt die gesellschaftliche Arbeitsteilung; dagegen bringt die innerbetriebliche Arbeitsteilung erst die spezielle Situation der Angestellten hervor. Hier ist die Arbeitsteilung Ursache, dort lediglich Wirkung. Der Klassenbegriff, wie ihn die Kritik der politischen Ökonomie konstruiert, beschränkt sich auf den Verwertungsprozeß; die Staffelung von Arbeitern und Angestellten im Arbeitsprozeß geht ihn nichts an. Deshalb passen die Angestellten nicht in das marxistische Klassenschema.

Trotzdem sind die Angestellten auch für die Marxsche Theorie durchaus relevant. Sie steht diesem Problem keineswegs so hilflos gegenüber, wie die soziologischen Apologeten ihr unterstellen. Das Buch Michael Maukes schafft darüber Klarheit.

Ein populäres Argument gegen die Aktualität des Klassenkampfes war noch vor wenigen Jahren die sogenannte „Revolution der Manager“ — ein Schlagwort für den Sachverhalt, daß sich die leitenden Angestellten in den großen Konzernen der Kontrolle durch Aufsichtsrat und Vorstand ebenso zu entziehen trachten, wie sich Vorstand und Aufsichtsrat schon längst aus der Kontrolle durch die Aktionärsversammlungen gelöst haben. [13] Es ergibt sich die bekannte Trennung von Eigentum und Funktion — die Eigentümer dirigieren nicht, und die Direktoren sind keine Eigentümer. (Allerdings besitzen die amerikanischen Manager meist Aktienpakete ihrer Firma oder Beteiligungen in anderer Form.) Man folgerte, die Unternehmer würden genauso wie die Arbeiter in einer amorphen Angestelltenklasse verschwinden.

Es macht sich die philologische Askese Michael Maukes bezahlt, wenn er in einer peniblen Exegese am Dritten Band des „Kapitals“ nachweist, daß die Perspektive der Marxschen Theorie in der „Aufhebung der Kapitalistenklasse auf kapitalistischer Basis“ [14] mündet. Marx hat die Trennung von Eigentum und Leitungsfunktion nicht nur vorausgesagt, er hat sie als Konsequenz aus den Prämissen seines Systems entfaltet.

„Die Arbeit der Oberaufsicht und Leitung, soweit sie aus dem gegensätzlichen Charakter, aus der Herrschaft des Kapitals über die Arbeit entspringt und daher allen auf dem Klassengegensatz beruhenden Produktionsweisen mit der kapitalistischen gemeinsam ist, ist auch im kapitalistischen System unmittelbar und unzertrennbar verquickt mit den produktiven Funktionen, die alle kombinierte gesellschaftliche Arbeit einzelnen Individuen als besondre Arbeit auferlegt.“ Aber „die kapitalistische Produktion selbst hat es dahin gebracht, daß die Arbeit der Oberleitung, ganz getrennt vom Kapitaleigentum, auf der Straße herumläuft. Es ist daher nutzlos geworden, daß diese Arbeit der Oberleitung vom Kapitalisten ausgeübt werde“. [15]

Die Konzentration des Kapitals und die Jagd nach dem relativen Mehrwert, die zur vollständigen Automatisierung drängt, sind dafür verantwortlich, daß sich in den industriellen Beschäftigungsziffern der Schwerpunkt von den produktiven Arbeitern auf die Angestellten verlagert, welche die einstigen Unternehmerfunktionen okkupieren. Das gilt sogar für ein zurückgebliebenes Land wie Österreich: schon 1961 kamen auf einen Angestellten im Durchschnitt der gesamten österreichischen Industrie nur noch 5 Arbeiter, in der Lebens- und Genußmittelbranche bloß 3 Arbeiter. In der chemischen Industrie Schwedens betrug zur gleichen Zeit dieses Verhältnis 1:2. [16]

Am Vorabend der industriellen Revolution, im 17. und im 18. Jahrhundert, sind die merkantilistischen Staatsmonopole an der Korruption gescheitert, die von der fehlenden finanziellen Eigenverantwortung der königlichen Beamten verschuldet worden war. Die rettende Lösung brachte der Heros des industriellen Kapitalismus: der freie Unternehmer, der sein Kapital in der Konkurrenz des Marktes riskiert. [17] Er wurde von den Klassikern der politischen Ökonomie verherrlicht, die das Monopol als asoziale Institution anprangerten. Wenn aber Marx, der Kritiker der politischen Ökonomie, im Dritten Band des „Kapitals“ dem Konkurrenzkapitalismus die Entwicklung zum Monopolkapitalismus (also die Rückkehr zum merkantilistischen Zustand) attestiert, dann hat seine Diagnose die ironische Pointe, daß sich die industrielle Revolution in einem hoffnungslosen Kreislauf bewegt, aus dem die Menschheit allein durch die sozialistische Revolution befreit zu werden vermag.

Nicht nur der schnell wachsende Umfang der Produktionsanlagen, noch mehr die historisch einzigartige Aufgabe, eine Klasse von freien Lohnarbeitern der Fabrikdisziplin zu unterjochen, hat die Kapitalisten genötigt, ihre Macht über den Arbeitsprozeß zu teilen und in den Betrieben eine bürokratische Organisation aufzubauen, dabei jedoch die Gebrechen der merkantilistischen Monopole vermeidend. [18] Aus dieser Notlage entstand der Typus des Angestellten, der zwar Unternehmerfunktionen verrichtet, aber kein Unternehmer ist, und dennoch nicht Kapital vergeudet. „Werkmeister und Buchhalter“, bemerkt Fritz Croner von der Frühzeit der industriellen Revolution, waren „die ersten echten Angestellten des wachsenden Betriebes“. [19]

Das Anschwellen der Angestelltenschichten, die fortschreitende Bürokratisierung der Industrie und die Verbeamtung der Manager — all dies manifestiert die Vergesellschaftung der Unternehmerfunktionen bis zu dem Stadium, in dem es noch Kapital, doch kaum mehr Kapitalisten gibt. Die Angestellten, zum Dienst am Kapitalisten bestimmt, verdrängen ihn aus dem Arbeitsprozeß; der Profit verliert seine soziale Rechtfertigung. Frappant ist der Nachweis Michael Maukes, daß die Marxsche Theorie diesen Status der monopolkapitalistischen Ära sehr wohl ins Auge gefaßt hat.

„Das Phänomen der industriellen und kommerziellen Manager“, referiert Michael Mauke, „rangiert nach der Analyse von Marx und Engels bereits außerhalb des spezifischen Strukturzusammenhanges der Kapitalistenklasse. An dem Entwicklungspunkt des kapitalistischen Produktionsprozesses, wo die Kapitalfunktionen mehr und mehr durch Angestellte übernommen werden, scheint der Klassenbegriff eine Dimension sozialökonomischer Gegensätzlichkeit zu bezeichnen, die ihn wesentlich ausweitet und zu gleicher Zeit überschreitet ... Zwar kann man noch von einer Kapitalistenklasse sprechen; aber das kapitalistische Produktionssystem hat sich in seiner Gesamtheit auch ihnen gegenüber derat verselbständigt, daß es der Gesellschaft als eine ungeheure und unheimliche Maschine entgegentritt, der die Menschen unterworfen sind ... Mit dieser totalen Verdinglichung der Klassenkategorie wird sie jedoch als spezifisch soziologische Kategorie hinfällig“. [20]

Auch Marxisten haben dieses Phänomen mißverstanden, weil sie sich den Klassenkampf nicht anders als mit klaren Fronten und leicht identifizierbaren Gegnern denken konnten. Man ignorierte die Notwendigkeit, an der bestehenden Gesellschaftsordnung die Punkte zu lokalisieren, an denen ihre eigene Dynamik über sie hinausdrängt. Das Proletariat, zumal in seiner traditionellen Form als Masse, geführt von einer konspirativen Avantgarde, galt als die allein legitime revolutionäre Kraft. So entsteht das Dilemma, an Formen des politischen Kampfes festhalten zu müssen, obwohl es sie nicht mehr gibt. Unweigerlich erscheinen in dieser Perspektive die Angestellten als ein Störenfried, der in die Schlachtordnung der revolutionären Klasse Unruhe bringt. Eine bornierte Auffassung vom Klassenkampf leugnet die Tatsache, daß die Usurpation der industriellen Macht durch angestellte Manager die (in der Auseinandersetzung mit den merkantilistischen Monopolen entstandene) liberale Ideologie widerlegt, jeder Mensch könne nur auf eigene Rechnung und fürs eigene Interesse wirtschaftlich erfolgreich handeln — der utilitaristische Kalkül, der in der „interessenpsychologischen“ Version des Marxismus weiterlebt.

Doch hat man vor allem den marxistischen Klassenbegriff zu statisch gefaßt. Auch der Wortlaut des „Kommunistischen Manifests“ ist mißverständlich, wenn es durch die Bank „Freie und Sklaven, Patrizier und Plebejer, Barone und Leibeigene, Zunftbürger und Gesellen“ im selben Sinn Klassen nennt wie Kapitalisten und Proletarier. Die Klasse ist keine ontologische, unveränderliche Kategorie der Geschichte, die sich auf alle antagonistischen Gruppen in allen gesellschaftlichen Formationen gleichermaßen anwenden ließe. Jeder Epoche entspricht eine spezifische Art des gesellschaftlichen Antagonismus, wobei sich nur der Inhalt des Begriffs „Klasse“ ändert, sondern auch seine Form.

Michael Mauke hat in seine philologischen Interpretation der Marxschen Texte erneut verifiziert, was Georg Lukács bereits in „Geschichte und Klassenbewußtsein“ behauptet hatte — daß „es zum Wesen einer jeden vorkapitalistischen Gesellschaft gehört, daß in ihr die Klasseninteressen niemals in voller (ökonomischer) Klarheit hervortreten können; der Aufbau der Gesellschaft nach Kasten, Ständen bringt es mit sich, daß in der objektiv-wirtschaftlichen Struktur der Gesellschaft die wirtschaftlichen Elemente sich mit den politischen, religiösen Elementen unentwirrbar vereinigen. Erst die Herrschaft der Bourgeoisie, deren Sieg die Abschaffung des Ständeaufbaues bedeutet, macht eine Gesellschaftsordnung möglich, in der die Schichtung der Gesellschaft zur reinen und ausschließlichen Klassenschichtung hinstrebt.“ Es gibt keinen gemeinsamen Nenner der Klasseninteressen, von dem aus sie sich miteinander vergleichen ließen. Lukács betont, daß sich das Klassenbewußtsein „qualitativ-struktiv anders gestalten muß, wenn es beispielsweise bei den Interessen der von der Produktion getrennten Konsumtion stehenbleibt (römisches Lumpenproletariat) oder wenn es die kategorielle Formung der Zirkulationsinteressen vorstellt (Kaufmannskapital)“. [21]

Marx sieht im Kapitalismus gleichsam einen privilegierten Ort, von dem aus sich erst das Wesen der Geschichte, der Klassenantagonismus, entschleiert. Diese Konzeption des Klassenbewußtseins hat viel Ähnlichkeit mit der Rolle, die die großen philosophischen Systeme bei Hegel spielen. Jede Weltphilosophie schließt ein Zeitalter ab, indem sie es resümiert. Ähnlich das proletarische Klassenbewußtsein, das seinem Anspruch nach viel mehr als bloß der Reflex einer gesellschaftlichen Gruppe sein soll. Das Klassenbewußtsein realisiert sich ganz erst im Augenblick der Revolution, wenn der Klassenantagonismus schon im Verschwinden begriffen ist. So wird es begreiflich, daß der Klassenbegriff immer fragwürdiger wird, je mehr sich innerhalb der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse die Vergesellschaftung der Produktion vollzieht.

[1Fritz Croner, Soziologie der Angestellten, Köln-Berlin 1962, p. 41.

[2Georg Lukács, Geschichte und Klassenbewußtsein, Frühschriften II, Neuwied und Berlin 1968, p. 199.

[3Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, Frankfurt-Wien, o.J., p. 74.

[4Michael Mauke, Die Klassentheorie von Marx und Engels, hrsg. von Kajo Heymann, Klaus Meschkat und Jürgen Werth, Frankfurt 1970.

[5Mauke, l. c., p. 9.

[6Adam Smith, The Wealth of Nations, Middiesex 1970, p. 131.

[7Karl Marx, Das Kapital, Berlin 1969, 1. Band, p. 352.

[8Fritz Croner, l. c., pp. 112/3.

[9Fritz Croner, l. c., p. 173.

[10Henryk Grossmann, Marx, die klassische Nationalökonomie und das Problem der Dynamik, Frankfurt-Wien 1969, p. 33.

[11Mauke, l. c., p. 77.

[12Ralf Dahrendorf, Markt und Plan, Zwei Typen der Rationalität, Tübingen 1966.

[13J. K. Galbraith, The New Industrial State, London 1967, pp. 57 ff.

[14Mauke, l. c., pp. 99 ff.

[15Karl Marx, Das Kapital, l. c., 3. Band, pp. 399 f.

[16Fritz Croner, l. c., p. 226.

[17Cf. Sidney Pollard, The Genesis of Modern Management, Middlesex 1968.

[18Cf. Reinhard Bendix, Work and Authority in Industry, New York und London 1956.

[19Fritz Croner, l. c., p. 138.

[20Mauke, l. c., p. 103.

[21Georg Lukács, l. c., p. 228.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1971
No. 214/I/II, Seite 44
Autor/inn/en:

Friedrich Geyrhofer:

Geboren am 03.09.1943 in Wien, gestorben am 16.07.2014 ebenda, studierte Jus an der Wiener Universität, war Schriftsteller und Publizist sowie ständiger Mitarbeiter des FORVM.

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