FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1981 » No. 333/334
Engelbert Broda

Kernwaffenkrieg

Führer durch das Rüstungslabyrinth

Das Gleichgewicht des Schreckens verblaßt angesichts neuer technischer Entwicklungen und militärischer Strategien. Mehrfachsprengköpfe der Raketen, ihre Lenkbarkeit, neue Waffen wie Cruise Missiles verführen die Militärs und Politiker zu einer neuen Doktrin: daß nämlich der den Gegner lähmende atomare Angriffsschlag doch gelingen könnte. Auch der taktische Einsatz von Atomwaffen auf unterer Ebene wird erwogen, wodurch die Schwelle zum Eintritt in den Nuklearkrieg sinkt. Die wachsende Automatisierung der Verteidigungsreaktionen führt zu immer größerer Unsicherheit.

Hiroschima

Am 6. August 1945, 8.15 Uhr, wurde ohne vorherige Warnung über Hiroschima eine aus 60 kg Uran (genauer: Uran 235) bestehende Bombe abgeworfen.2 Drei Tage später wurde Nagasaki durch eine Bombe aus 8 kg Piutonium zerstört Dort war die Zahl der Opfer etwas kleiner, obwohl die Bombe stärker war, da die Stadt eine geringere Bevölkerungszahl hatte und in hügeligem Gelände liegt. Nach den letzten japanischen Schätzungen sind in Hiroschima und Nagasaki zusammen 250.000 Menschen getötet worden, in Hiroschima allein 150.000 aus einer Bevölkerung von 360.000, also mehr als 40 Prozent.3 Die Unsicherheit in den Zahlen ist beträchtlich, da unter den chaotischen Bedingungen im Japan von 1945 ein unkontrollierter Zustrom in die bis dahin unzerstörten Städte stattgefunden hatte.

Die gewaltige Wirkung des Urans und Plutoniums erklärt sich in der Hauptsache dadurch, daß bei der Spaltung ihrer Atomkerne 17 Millionen Mal mehr Energie pro Gewichtseinheit freigesetzt wird als bei der Explosion des im Ersten und Zweiten Weltkrieg allgemein gebräuchlichen chemischen Sprengstoffs Trinitrotoluol (TNT). Der Größenordnung nach entspricht die Sprengkraft von TNT der von Dynamit. Man läßt die Spaltung innerhalb von Millionstel Sekunden (Mikrosekunden) als Kettenreaktion ablaufen.9 Die Reaktion wird dabei durch Neutronen, die bei der Spaltung freigesetzt werden, mit einer Geschwindigkeit von etwa 10.000 km/Sekunde von Atomkern zu Atomkern weitergetragen. Die Kettenreaktion beginnt, nachdem mit Hilfe der Explosion von chemischem Sprengstoff das Verhältnis von Oberfläche zu Volumen beim Kernsprengstoff soweit verkleinert wird, daß die „kritische Masse“ überschritten wird.

Die schwersten chemischen Bomben des Zweiten Weltkrieges enthielten etwa 10 Tonnen TNT. Die Sprengkraft der Bombe von Hiroschima entsprach 13.500 Tonnen (13,5 Kilotonnen, abgekürzt Kt) TNT,9 jene der Bombe von Nagasaki 20 Kt.10 Die Sprengkraft der größten bis dahin eingesetzten Bomben wurde also mehr als tausendfaoh übertroffen.

Die in Hiroschima unmittelbar freigesetzte Energie erschien fast zu zwei Dritteln als mechanische Energie der Druckwelle, zu einem Drittel als thermische Energie der Wärmestrahlung und zu 6 Prozent als Energie „ionisierender“ Strahlung, also von Strahlung, wie sie von radioaktiven Stoffen und Röntgenröhren ausgesendet wird. Solche Strahlung trägt in ihren Teilchen, darunter auch Teilchen elektromagnetischer Strahlung, den „Photonen“, genug Energie, um Atome zu „ionisieren“, also ihrer Elektronen zu berauben. Die Zahl der Todesopfer war auf diese drei Wirkungen einschließlich der Sekundärwirkungen, von denen sogleich die Rede sein wird, etwa im Verhältnis 20:60:20 verteilt. Die Wärmewirkung war demnach besonders wirkungsvoll. Jedoch ist eine klare Unterscheidung wegen der Überlappung unmöglich. Außerdem steigern sich die Auswirkungen der verschiedenartigen Verletzungen gegenseitig, d. h. sie wirken „synergistisch“.

Der Druck am Ort der Explosion mag anfangs eine Million Atmosphären betragen haben. Die Explosion wurde in Hiroschima durch einen automatischen Mechanismus 600m oberhalb des Bodenpunktes („Hypozentrums“, ground zero) ausgelöst.
Die Höhe war so gewählt, daß die Sprengwirkung maximal war. Tatsächlich wurden Gebäude aus Eisenbeton bis in eine Entfernung von 1 km vom Hypozentrum zerstört, solide Ziegelhäuser stürzten bis auf 1,5 km ein und Glas brach bis auf 13 km.

Während der Explosion erreichte die Bombe eine Temperatur von vielen Millionen Grad, ähnlich jener im Inneren der Sonne. Die Temperatur der sichtbaren Oberfläche der Sonne beträgt nur 6000 Grad. Die Wärmeenergie wurde zunächst hauptsächlich in Form weicher (langweiliger) Röntgenstrahlung abgegeben, also von ionisierenden Photonen. Die Röntgenstrahlen wurden in der Luft rasch und in nächster Umgebung des Ortes der Explosion absorbiert, wobei die Luft zu einem „Feuerball“ aufgeheizt wurde. Die Temperatur der Oberfläche des Feuerballs übertraf immer noch die der Oberfläche der Sonne. Er sandte intensive ultraviolette und sichtbare Lichtstrahlung aus. Licht besteht ebenfalls aus Photonen, jedoch findet wegen der verminderten Energie der einzelnen Teilchen keine lonisation mehr statt. Nichtsdestoweniger überträgt Licht Energie auf Stoffe. lm gegebenen Fall war die Energie enorm, weil die Zahl der sekundären Niederenergie-Photonen außerordentlich groß war.

Durch diese Strahlung wurden sogar Steine oberflächlich geschmolzen; ihre Oberflächentemperatur im Hypozentrum erreichte 3500 Grad. Allerdings wurde der Stein schon von Personen, die davor standen, geschützt, so daß die Konturen solcher Personen nachher in den Stein eingeprägt blieben; bevor sie Personen vernichtet hatte, war die Hitzestrahlung schon wieder zu Ende. In größerem Abstand war festzustellen, daß dunkle Stellen, etwa Muster auf Frauenkleidern, sich in die Haut einbrannten, da sie die Hitzestrahlung stärker absorbierten. Natürlich wurden auch Augen schwer geschädigt, die in die Richtung der Explosion geblickt hatten; bei hinreichender Nähe erfolgte Blendung.

Brennbares Material wie Holz und Papier ging in weitem Bereich in Flammen auf, etwa trockenes Zeitungspapier auf mehr als 4 km. Aus der entstandenen Konfiagration stieg Luft aufwärts, so daß weitere Luft von der Seite her angesaugt und das Feuer angefacht wurde. Das Ergebnis war ein sogenannter Feuersturm, wie man ihn in kleinerem Maße schon bei der Zerstörung anderer japanischer Städte oder auch Hamburgs durch chemische Bomben beobachtet hatte. In ihm ging eine weitere große Zahl von Menschen zugrunde.

Strahlenwirkung

Unter den ionisierenden Strahlen, die vom Uran oder Plutonium während oder nach der Kernspaltung abgegeben wurden, war besonders die Gamma-Strahlung biologisch wirksam. Ebenso wie Röntgenstrahlung ist sie als elektromagnetische Strahlung dem sichtbaren oder ultravioletten Licht verwandt, doch trägt das einzelne Teilchen (Photon) der Gamma-Strahlung hunderttausend- oder millionenmal mehr Energie als ein Lichtteilchen. Die Energie dieser Photonen übertrifft auch die der üblichen Röntgen-Photonen um ein Vielfaches.

In den ersten Sekunden nach der Explosion entsprach die Intensität der Gamma-Strahlung am Ort der Bombe der von Millionen Tonnen Radium. (In den Krebsstationen von Spitälern, wo mit Radium gearbeitet wird, werden bereits Milligramme dieses Elements mit großer Vorsicht gehandhabt.) Die Gamma-Strahlung wurde durch Luft verhältnismäßig stark verschluckt, wenn auch weniger stark als die Röntgenstrahlung. Daher nahm ihre Intensität mit zunehmender Entfernung vom Ort der Explosion schneller als mit dem Quadrat der Entfernung ab. Immerhin war in Hiroschima die Gamma-Strahlung schon für sich allein bis in eine Entfernung von 1200 m tödlich, wenn man ihr während der ersten Minute ausgesetzt war.

Auch waren die schnellen Neutronen, die hauptsächlich während der Spaltung ausgesandt wurden, wirksam. Neutronen ionisieren zwar nicht direkt, da sie keine elektrische Ladung haben, doch übertragen sie Bewegungsenergie auf Atomkerne. Die Kerne wirken dann, nachdem sie selbst in schnelle Bewegung geraten sind, aufgrund ihrer elektrischen Ladung ionisierend. Insgesamt ähneln also die biologischen Wirkungen der Neutronen jenen der Gamma-Strahlen. Wie die genauere Untersuchung zeigt, übertreffen sie sie sogar je Einheit der aufgenommenen Energie.

Ionisierende Strahlung ruft unmittelbar keine Schmerzempfindung hervor. Dies rührt daher, daß die stammesgeschichtlichen Vorfahren des Menschen in der Natur nur minimaler Intensität an ionisierender Strahlung begegneten und daher keine Gelegenheit und keine Veranlassung hatten, einen Mechanismus für warnende Sinnesempfindungen zu entwickeln. Die Wirkung der Strahlen auf Organismen stellt sich, außer in extremen Fällen, relativ langsam ein. Der Tod erfolgt erst nach Tagen oder Wochen, oft auch noch viel später. Von extremen Fällen, die man durch die sogenannte Neutronenbombe absichtlich in einem Kampfgebiet herbeiführen will, wird später die Rede sein. Hier wird das Nervensystem innerhalb von Minuten gelähmt.

Die lebensgefährlichen Wirkungen der ionisierenden Strahlung im nicht extremen Fall beruhen auf Verletzung der Desoxyribonukleinsäure (DNS) in den Zellkernen. Die betroffenen Zellen können sich nicht mehr richtig teilen. Zu den Folgen gehören Schädigung des blutbildenden Gewebes mit schließlicher Anämie, Arbeitsunfähigkeit des Verdauungstraktes und auch Lähmung der Erzeugungsstätten für Antikörper, sodaß der Organismus mangels Fähigkeit zur Ausbildung von Immunität schon leichten Infektionen zum Opfer fällt.

Auf längere Sicht — viele Jahre — kann Krebs, u.a. in Form von Leukämie, erzeugt werden. Ungeborene Kinder, deren sich entwickelndes Gewebe besonders strahlenempfindlich ist, erleiden Mißbildungen. Auch die weiteren Generationen sind betroffen. Mutationen an der Erbmasse müssen noch nach Jahrtausenden zur Entstehung geschädigter Menschen führen.

Ionisierende Strahlung geht nicht nur vom Explosionsort aus, sondern wird von den radioaktiven Spaltprodukten, wie Radiojod, Radiostrontium u.a., auch noch viel später, z.T. nach Jahrhunderten, ausgesendet. Die meisten dieser Produkte sinken allmählich zu Boden. Dieser radioaktive Niederschlag (Fallout) war allerdings in Hiroschima gering, weil infolge der Höhe des Explosionsortes (600 Meter) der Feuerball den Boden nicht berührt hatte. Daher setzten sich die Spaltprodukte erst langsam ab, nachdem sie durch den heißen Luftstrom aufwärts gerissen und über einen großen Luftraum verteilt worden waren. Bis dahin war auch ihre Radioaktivität weitgehend abgeklungen. Der vom Fallout angerichtete Schaden war daher nicht mehr groß.

Anders steht es allerdings, falls der Feuerball den Boden berührt und Gestein und Erdreich verdampft.11 Dann entsteht ein tiefer Krater, der je nach Stärke der Waffe Dutzende oder Hunderte Meter Durchmesser haben kann. Die Dämpfe mischen sich mit den radioaktiven Stoffen, und nach dem Erkalten fallen verhältnismäßig große Staubteilchen ziemlich schnell und nahe dem Ort der Explosion zu Boden. Dort entsteht ein intensiver Strahlenteppich. Die Verstrahlung kann riesige Flächen betreffen und gefährdet die Menschen unmittelbar. Überdies werden die Flächen der landwirtschaftlichen Nutzung entzogen, wobei das weitere Problem besteht, die hungernde Bevölkerung am Genuß von radioaktiv verseuchten Nahrungsmitteln und auch von verseuchtem Wasser zu hindern. Freilich — soll man sie lieber verhungern lassen?

Ohne brauchbare Strahlenmeßgeräte können die Menschen den Grad ihrer Gefährdung, die von Ort zu Ort veränderlich sein wird, gar nicht erkennen. Aber auch schon die Interpretation der Anzeige von Geräten erfordert beträchtliche Qualifikation. Die Bevölkerung von Bikini, wo 1954 in Testexplosionen starker Fallout erzeugt werden war, mußte kürzlich erneut die Insel verlassen, da Krebs gehäuft auftrat.12

Zu den radioaktiven Spaltprodukten treten Produkte der Aktivierung von Stoffen der Umgebung, besonders des Erdreichs, durch Neutronen. Dieser Effekt hängt ebenfalls von der Stärke und von der Art der Waffen ab. Bei Neutronenbomben ist er selbst dann bedeutend, wenn die Sprengkraft nicht so groß ist. Auf jeden Fall bildet sich durch Reaktion von Neutronen mit atmosphärischem Stickstoff auch viel radioaktiver Kohlenstoff in Form von Kohlendioxid. Seine Halbwertszeit beträgt 5700 Jahre. Der Radiokohlenstoff hat keine militärische Bedeutung, wird aber allmählich von Lebewesen aufgenommen und gefährdet daher durch seine Strahlung noch auf Zehntausende Jahre ihre Erbmasse.

Gemessen werden wirksame Dosen an ionisierender Strahlung (Menge an übertragener Energie je Einheit von Absorber, so auch von Körpermasse, multipliziert mit einem von der Strahlenart abhängigen Zahlenfaktor) in „Rem“. Die mittlere tödliche Dosis, wenn ein menschlicher Körper plötzlich einer durchdringenden Strahlung ausgesetzt ist (Gamma-, harte Röntgen- oder Neutronenstrahlung), beträgt etwa 400 bis 500 Rem.

Wasserstoffbomben

Aus technischen Gründen läßt sich die Sprengkraft von Uran- oder Plutoniumwaffen nicht unbegrenzt steigern — vielleicht unter Einsatz beträchtlicher Mittel auf 500 Kt TNTAquivalent.2 Um das Bedürfnis nach stärkeren und einfacheren Waffen zu befriedigen, wurden daher „Wasserstoffbomben" entwickelt, die schweren Wasserstoff (Deuterium) enthalten. Sie wurden ab 1953 sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in der Sowjetunion erprobt und standen alsbald in großer Zahl zur Verfügung. Technisch gesehen hat ihre Sprengkraft keine obere Grenze.

Auch ist die Steigerung der Sprengkraft durch Zufügung immer größerer Mengen von schwerem Wasserstoff usw. nicht teuer. Je Einheit der Sprengwirkung kostet eine Wasserstoffbombe von 100 Kt nur ein Hundertstel einer hypothetischen chemischen Bombe gleicher Stärke.7 Eine Atombombe von 100 Megatonnen (Mt), also von 100 Millionen Tonnen TNT-Äquivalent, kostet nicht einmal doppelt so viel wie eine Atombombe von 100 Kilotonnen.5 Eine 100 Mt entsprechende Menge TNT hätte das Gewicht von fast 16 Cheopspyramiden.

Das Prinzip der Wasserstoffwaffen ist im Grunde das gleiche wie das der Energieerzeugung in den Sternen. Die Energie stammt aus der Verschmelzung leichterer Atomkerne, doch brennt die Waffe natürlich nicht ruhig („stationär“). Die Verschmelzung (Fusion) findet statt, wenn ein Teil einer geeigneten Mischung leichter Atome, die in der Waffe eben auch schweren Wasserstoff enthalten muß, auf eine genügend hohe Temperatur gebracht wird: Die Wasserstoffwaffe wird „gezündet“, und eine „thermonukleare“ Reaktion wird in Gang gebracht. Die Auslösung der Kernreaktion erfolgt gewöhnlich durch die Explosion von Uran oder Plutonium, die in der Waffe als Zünder enthalten sind. Neuerdings wird auch versucht, Laserstrahlen zur Zündung zu verwenden; davon wird noch die Rede sein. Die von einer Bombe von 1 Mt freigesetzte Energie ist zur Hälfte in der Druckwelle, zu einem Drittel in der Wärmestrahlung und zu 15 Prozent in ionisierender Strahlung enthalten.16

Betrachten wir beispielsweise die Wirkung einer Bombe von 1 Mt (75mal Hiroschima), die in 2500 m Höhe gezündet wird. Wir folgen dabei einem offiziellen Bericht des „Büro für Technische Bewertung“ (Office for Technological Assessment) des amerikanischen Kongresses.8 Auf eine Entfernung von 5 km vom Bodenpunkt, also auf einer Fläche von 80 km2‚ werden alle „typischen“ Wohnhäuser zerstört, und selbst auf 6,5 km (Fläche 130 km2) werden noch Wände von Häusern mit Stahlgerüst umgelegt und Menschen durch die Druckwelle im Freien getötet. Schwerste Verbrennungen (dritten Grades) werden durch die Hitzestrahlung noch auf 8 km (200 km2) erzeugt. Dabei sind die Opfer des Feuersturms nicht mitgerechnet, der riesige Flächen erfassen könnte. Die Autoren des Berichtes bemerken, daß in den ganzen USA derzeit nur 1000 bis 2000 schwere Verbrennungen gleichzeitig behandelt werden können.

Bei einer Explosion einer Bombe zu 1 Mt auf dem Erdboden entsteht ein Krater von 300m Durchmesser und 60 mn Tiefe.8 Bis auf 1 km Entfernung vom Mittelpunkt bliebe außer Betonfundamenten von Gebäuden „nichts Erkennbares“ zurück. Die Verstrahlung durch Fallout hätte riesenhafte Ausmaße. Bei Annahme einer zufällig herrschenden Windgeschwindigkeit von 24 km/Stunde würden ungeschützte Menschen innerhalb einer Woche eine Dosis von 300 Rem (bis auf 260 km), 1000 Rem (bis 160 km) oder 3000 Rem (bis 55 km) ansammeln. Die mittlere tödliche Dosis beträgt 450 Rem.

Die Dosisleistung im Gelände würde erst innerhalb vieler Jahre auf Werte abklingen, die nach Friedensmaßstäben akzeptabel wären. Z. B. wäre die Jahresdosis in 60 km Entfernung nach 10 Jahren noch immer fünfmal größer als die natürliche Dosis aus natürlich-radioaktiven Stoffen der Umwelt und aus der kosmischen Höhenstrahlung. Diese beträgt um 0,1 Rem/Jahr.

Dies waren Wirkungen von Waffen zu 1 Mt. Jeder der gegenwärtigen Sprengköpfe der amerikanischen Langstreckenraketen (ICBM — Intercontinental Ballistic Missiles) der Marke Titan hat aber eine Sprengkraft von 9 Mt, während den Sprengköpfen der sowjetischen interkontinentalen Raketen SS 18 sogar eine Sprengkraft von 20 bis 25 Mt zugeschrieben wird.8 Bei einer Bombe von 25 Mt, gezündet in 5,3 km Höhe, würde der Radius der totalen Zerstörung der Wohnhäuser 16 km (Fläche 800 km2) betragen.8 Zum Vergleich sei schließlich erwähnt, daß die Alliierten während des gesamten Zweiten Weltkrieges insgesamt 5 Mt an chemischen Bomben abgeworfen haben.

Eine ganz enorme Menge an Spaltprodukten und daher auch sehr starken Fallout produzieren dreischichtige „schmutzige“ Waffen, wie sie einen großen Teil der bestehenden Lager bilden und wie sie Anfang der sechziger Jahre mehrfach innerhalb der Atmosphäre gezündet wurden.18 Diese Waffen enthalten nicht nur den Zünder (Uran 235, Plutonium) und die für die thermonuklearen Reaktionen notwendigen Stoffe, sondern außen noch eine Schicht von Uran 238, das in metallischer Form (wie jedes feste Schwermetall) ein vorzügliches Verdämmungsmittel bildet. Überdies trägt es zur Sprengkraft stark bei. Zwar ist nämlich Uran 238 für sich allein im Gegensatz zu Uran 235 nicht zur Ausbildung einer sich selbst erhaltenden Kettenreaktion fähig, doch werden auch die Kerne des Uran 238 durch die schnellen Neutronen gespalten, die aus der thermonuklearen Reaktion stammen, und auch in diesem Fall werden Neutronen freigesetzt. Uran 238 fällt bei der Gewinnung von Uran 235 und auch beim Betrieb von Atomkraftwerken in großer Menge ab und steht billig zur Verfügung.

Man kann Wasserstoffwaffen sozusagen im Laboratorium — besser: in geeigneten oberirdischen Einrichtungen — prüfen, indem man die explosive Mischung statt durch Uran oder Plutonium durch intensive Laserstrahlung zündet („Waffensimulierung“); die Sprengkraft kann dabei durch Miniaturisierung beschränkt werden. Solche Einrichtungen sind besonders nützlich, um die Strahlenauswirkungen auf militärische und andere Objekte zu prüfen.19 Der Waffenprüfung dienen auch eigens konstruierte, riesige Röntgengeräte sowie Beschleuniger, die intensive Ionenstrahlen geben.19

Strategische Arsenale

Wir haben die Eigenschaften der Atomwaffen skizziert, die in den sechziger Jahren zur Verfügung standen. Wie viele strategische Waffen existierten und durch welche Mittel konnten sie ans Ziel befördert werden? (Als strategische Waffen gelten solche, die das Hinterland des Gegners treffen.) Darüber gibt es ausführliche Zusammenstellungen, die zum Teil bis in neuere Zeit führen.20-24

a) Das Strategic Air Command (SAC) der USA besaß 630 Flugzeuge (B-52 usw.), wie sie auch in Vietnam verwendet wurden. Jedes Flugzeug konnte mehrere Bomben mit einer gesamten Sprengkraft von 50 Mt oder mehr tragen. Zum Schutz gegen Überraschung befand sich ein Teil der Flotte samt Bomben stets in der Luft. In der Sowjetunion spielten Bomber nur eine untergeordnete Rolle, da sie kostspielig sind und überdies, wenn nicht besonders leistungsfähig, Basen brauchen, deren Entfernung vom Zielgebiet nicht allzu groß ist.

b) Die ICBM-Waffen der USA umfaßten die Titan-Raketen, jede mit 5 bis 10 Mt. Sie arbeiteten mit flüssigen Brennstoffen, und die Vorbereitung des Abschusses nahm eine nicht unbeträchtliche Zeit in Anspruch. Dagegen waren die Minuteman-II-Raketen mit ihrer kleineren Sprengkraft (eine bis zwei Mt), aber größeren Präzision, durch festen, stabilen Brennstoff angetrieben und innerhalb einer Minute abschußbereit. Die sowjetischen Raketen (SS 9 und andere) vemendeten zunächst flüssigen Brennstoff und trugen Sprengladungen bis 25 Mt.
Für die Raketen wurden unterirdische Rampen (Silos) aus Beton errichtet, die nur einmal verwendet werden können. Die Rakete wurde während des Fluges durch einen auf Trägheitseffekten basierenden „Inertial“-Mechanismus gesteuert. Sie war bereits in Friedenszeiten auf ein Ziel gerichtet. In typischen Fällen bestanden die Ziele aus großen Städten. Die Reichweiten der ICBM waren von der Größenordnung 10.000 km.

c) Strategische U-Boote, die durch Uranreaktoren angetrieben werden und daher lange Zeiten nicht auftauchen müssen, bevölkerten die Ozeane. Jedes amerikanische U-Boot („Polaris“) hatte 16 Abschußrohre für Raketen mit festen Brennstoffen, die unterhalb der Wasseroberfläche durch Druckluft in Abschußposition gebracht wurden. Diese Raketen waren ebenfalls von vornherein auf Ziele gerichtet, aber die Bewegung des Schiffes mußte ununterbrochen berücksichtigt werden. Ohne Zweifel geschah dies durch Computer. Getauchte U-Boote konnten aus größerer Entfernung praktisch nlcht geortet werden.

Zum Vergleich neuere Daten7, 8, 20, 24-30 über strategische Waffen:

Die USA haben 348 Fernbomber mit je 4 bis 24 Bomben in Betrieb, die auf 46 Flugplätzen des SAC untergebracht sind. Weitere 225 Fernbomber stehen zur Verfügung. Außerdem gibt es in USA 1054 ICBM, davon 54 Titan-Raketen. Es gibt eine Anzahl Basisflächen für ICBM; jedes Raketenfeld umfaßt mehrere tausend Quadratmeilen und enthält 150 bis 200 Rampen. Schließlich haben die USA 656 Raketen auf U-Booten. Die USSR hat 146 Fernbomber, 1398 ICBM und 950 Raketen auf U-Booten. Der Großteil der amerikanischen, aber nur eine Minderheit der sowjetischen Raketen ist mit mehreren Sprengköpfen ausgerüstet („gemirvt“ — siehe unten).

Die Gesamtzahl der strategischen Sprengköpfe beträgt ungefähr 9200 in den USA und 5000 in der USSR, und die gesamte Sprengkraft beträgt 4000 bzw. 8000 Mt. Dazu kommt eine sehr viel größere Zahl (Größenordnung 45.000) von taktischen Waffen, mit der Gesamtkraft von 3000 bis 8000 Mt. Die totale Sprengkraft der Atomarsenale könnte also 20.000 Mt = 20 Millionen Kt erreicht haben. [1]

Das Wachstum der Arsenale hat keine Grenze erreicht. Z. B. werden allein für die USA für 1985 ungefähr 14.000 strategische Sprengköpfe vorhergesagt.8, 20, 24, 29, 30 Überdies berücksichtigen die Zahlen nicht die enormen qualitativen Verbesserungen seit den sechziger Jahren.

In welchem Ausmaß war und ist eine Verteidigung gegen strategische Bomber oder gar gegen interkontinentale Raketen möglich?31, 32 Schon bis 1970 waren allein in den USA ungefähr 30 Milliarden Dollar für Systeme zur Verteidigung gegen Raketen (Antiballistic Missile Defense, ABM) ausgegeben worden, aber der Erfolg war gering. Die Schwierigkeit besteht darin, daß die anfliegende Rakete nicht nur eine Höhe von 1000 km, sondern auch eine Geschwindigkeit von 30.000 km/Stunde, also mehr als 8 km/Sekunde erreicht. Außerdem ist Verteidigung nur sinnvoll, wenn ein sehr großer Teil der feindlichen Raketen — fast alle — vernichtet werden kann. Dagegen betrachtete man während des Zweiten Weltkrieges Luftverteidigung schon als wirkungsvoll, wenn wenigstens ein Zehntel der angreifenden Flugzeuge abgeschossen werden konnte.

Bambi im Weltraum

Von Zeit zu Zeit gab es phantastische Projekte. Z. B. sollte gemäß Projekt „Bambi“ (Ballistic Missile Booster Interceptor) eine Flotte bewaffneter Satelliten die ganze Zeit den Erdball umkreisen und automatisch die feindlichen Raketen durch Raketen mit Wasserstoff-Sprengköpfen sogleich nach deren Abschuß zerstören.33 Zu diesem Zeitpunkt würden sich die feindlichen Raketen noch innerhalb der Atmosphäre befinden, so daß eine Druckwelle sie erreichen würde. Offenbar aber bietet das Projekt Bambi nicht unbedeutende Schwierigkeiten. So müssen die kreisenden Satelliten ununterbrochen das gesamte Feindgebiet erfassen.

Ernsthafter ist das vom Ausgangspunkt „Nike-Zeus“ abgeleitete System.34, 35

Nach „Safeguard“35, 36 werden Wasserstoffbomben gegen die feindlichen ICBM geworfen, die schon eine Weile unterwegs sind und sich daher im leeren Raum befinden. Die feindlichen Raketen sollen durch die Röntgenstrahlung zerstört werden, die von explodierenden „Spartan“-Sprengköpfen ausgesendet wird.
Druckwellen kann es nämlich im leeren Raum nicht geben, doch werden dort ionisierende Strahlen, u.a. Röntgen-Strahlen, nicht absorbiert, so daß sie auf weite Entfernung wirksam sind. Die Abwehrrakete muß sich ihrem Opfer ungeachtet dessen enormer Geschwindigkeit hinreichend nähern. Sie wird durch Computer gesteuert, in die während der ganzen Zeit Radar-Informationen über die Lage des Ziels eingegeben werden.

Nach Wiedereintritt in die Atmosphäre kann die Rakete noch immer mit „Sprint“-Raketen gejagt werden. Die sind so schnell, daß sie, gleichzeitig abgefeuert‚ Geschosse aus Maschinengewehren innerhalb von 3 Sekunden überholen.35 Die Explosion von Wasserstoffwaffen über dem eigenen Lande ist natürlich unerfreulich, aber immer noch Explosionen von Feindwaffen im Zielgebiet vorzuziehen.

Die Erfolgsaussichten sind besonders unter Kriegsbedingungen bescheiden, wenn man nicht nur dem blitzartigen massierten Angriff von Hunderten oder Tausenden Raketen begegnen muß, sondern auch allgemein große Verwirrung herrscht. Die Radareinrichtungen würden durch den massiven Angriff gesättigt werden und ihre Probleme würden durch Köder (Decoys) und reflektierendes Metallblech noch gewaltig verschärft.

Außerdem wären die Kosten solcher Verteidigungssysteme, wenn sie auch nur die geringste Aussicht auf Erfolg haben sollen, selbst für die reichen USA unerträglich. Hervorragende Fachleute wie der Physiker Hans Bethe und der Mathematiker John von Neumann haben ABM-Systeme als praktisch hoffnungslos bezeichnet.37 Nichtsdestoweniger ist seinerzeit bei Grand Forks in North Dakota ein riesiges Verteidigungszentrum errichtet worden.35

Taktische Nuklearwaffen

Der ursprüngliche und Hauptsinn der Atomwaffen war offenbar strategisch und bestand in der massiven Zerstörung des feindlichen Landes. Doch hat man schon früh an taktische Verwendung gedacht.38 Z. B. hat Henry Kissinger diesen Gedanken 1957 unterstützt. Der „Vater der Wasserstoffbombe“, Edward Teller, war auch von ihm eingenommen und Außenminister John Foster Dulles nahm ihn auf. Allerdings setzt Kriegsführung mit Atomwaffen, die auf taktische Anwendung beschränkt ist, eine geschriebene oder stillschweigende Vereinbarung zwischen den Feinden voraus, die dann auch eingehalten wird. So würde ein Atomwaffenkrieg zu einer Art Turnier werden, wo keine Seite die Regeln verletzen darf.

Dieser Gedanke schien unglaubwürdig und so wurde er von Kissinger zurückgezogen. Nichtsdestoweniger sind die Armeen der Großmächte sehr bald mit taktischen Waffen ausgerüstet worden, so daß sie gegebenenfalls, z. B. während eines Krieges mit strategischen Kernwaffen, eingesetzt werden können.

Im Dezember 1973 belebte der neue amerikanische Kriegsminister James Schlesinger den Gedanken eines rein taktischen Atomwaffenkrieges und machte ihn zu einem Bestandteil der offiziellen militärischen Doktrin.18, 39-41 Er betonte, daß die USA niemals versprochen hatten, Atomwaffen nicht als erste einzusetzen. Im Gegenteil nehmen die USA das Recht in Anspruch, sie im Bedarfsfall zu verwenden. Natürlich wäre es militärisch auch sinnvoll, taktische Atomwaffen ohne vorherigen Angriff einzusetzen oder für Erpressungen zu verwenden, und zwar insbesondere gegen Länder, die selbst keine Atomwaffen haben.

Eine ganze „Familie“ [2] von taktischen Atomwaffen wurde von den USA eingeführt14, 42-45 — unter anderem Davy Crockett, Honest John, Pershing, Lance. Manche der Waffen können auf Straßen transportiert werden und umfassen den ganzen Bereich bis 700 km. Einige werden durch Raketen befördert. Artillerie kann Atomwaffen in Granaten bis 30 km weit schießen. Taktische Anwendung von Flugzeugen aus ist durch freien Fall von Bomben möglich, durch gleitende Bomben mit Fernsteuerung oder durch „SRAM“-Kurzstrecken-Raketen47, 48 mit 170 bis 200 Kt Sprengladung. Atomminen (Atomic Demolition Munition ADM) erzeugen Krater und können Gebirgspässe blockieren. Manche taktischen Waffen sind schwächer als die Bombe von Hiroschima, aber andere Waffen erreichen mehrere hundert Kilotonnen oder sogar Megatonnen TNT-Aquivalent. Wie man sieht, lassen sich scharfe Grenzen zwischen Kurz- und Mittelstreckenwaffen nicht ziehen.

Über die sowjetischen Kurz- und Mittelstreckenwaffen16, 29, 49-52 ist u.a. folgendes bekannt: Es gibt eine Anzahl von Typen von Kurzstreckenraketen, nuklearen Granaten und Kurz- und Mittelstreckenbombern. Die älteren, sehr ungenauen Mittelstrecken-Raketen SS 4 und SS 5 (mehr als 500) haben Reichweiten von 2000 bzw. 3700 km und benötigen mehrere Stunden zur Füllung mit flüssigem Treibstoff. Die neuere SS 20 ist wie viele der amerikanischen Mittelstreckenraketen beweglich, kann „gemirvt“ werden und dann 3 Sprengköpfe tragen, und weist beträchtliche Präzision auf.43 Die Reichweite liegt etwa bei 5000 km. SS 20 kann ganz Europa, nicht aber die USA erreichen. Die Angaben über die Sprengkraft weichen stark ab, doch beträgt sie sicher mehrere 100 Kt je Kopf.

Zu unmittelbarem Gebrauch bereit, sind die taktischen Waffen häufig durch mechanische Schlösser und elektronische Schalter geschützt, die durch Empfang von Codeworten funktionieren.43 Die taktischen Waffen werden in eingezäunten, bei Nacht durch Scheinwerfer beleuchteten Iglus gelagert, die im Falle der amerikanischen Waffen immer von amerikanischem Personal bewacht werden.53 Vermutlich ist die Situation diesbezüglich bei den sowjetischen Waffen ähnlich. Jedoch könnte im Kriegsfall die Übergabe an Offiziere von Verbündeten, etwa der Bundeswehr, eine reine Formalität darstellen.42 Was ist über die Zahl der taktischen Atomwaffen16, 42, 43, 49-51, 54 bekannt? Im Jahre 1966 teilte der damalige Kriegsminister Robert McNamara mit, daß die USA in Europa 7000 taktische Atomwaffen hatten.53 Sie befanden sich an hundert Orten. Schlesinger machte für 1977 ähnliche Angaben. Vielleicht betrug die Zahl zu gewissen Zeiten sogar 10.000. Nach einigen amerikanischen Quellen ist die Zahl der sowjetischen taktischen Atomwaffen in Europa etwa halb so groß wie die der amerikanischen Waffen, doch geben andere Autoren höhere Zahlen an. In Asien sollen 1700 amerikanische taktische Waffen stationiert sein, davon 700 in Korea. In den USA mögen sich weitere 10.000 taktische Waffen auf Lager befinden, und die Gesamtzahl der amerikanischen und sowjetischen taktischen Waffen in der Welt könnte 40.000 bis 50.000 betragen.
Dazu kommen natürlich, wie erwähnt, fast 15.000 strategische Waffen.

Eine scharfe Grenzlinie zwischen strategischen und taktischen Waffen kann man nicht ziehen. So kann das Hinterland des Gegners durch Raketen oder Flugzeuge mit mittlerer Reichweite angegriffen werden. Dies ist wohl die Rolle für das vorgeschobene System (Forward Based System, FES) der USA in Europa, dessen Waffen nominell eher als taktisch denn als strategisch betrachtet werden. Dazu gehören unter anderem 700 Bomber, zu denen bald weitere 800 Tornado-Bomber hinzukommen sollen.51 Weiter sind hier viele der britischen und französischen Waffen zu berücksichtigen. Zu den PBS muß man wohl auch die Produkte der sogenannten „Nachrüstung“ der NATO rechnen.52

Dies sind 108 Raketen Pershing II, die in Westdeutschland aufgestellt werden sollen,50 sowie 464 vom Boden operierende Cruise Missiles (siehe unten), beides Waffensysteme von enormer Zielsicherheit. Sie können das Herz der Sowjetunion von Westeuropa aus erreichen.

Miniaturisierung senkt die Atomschwelle: 203-mm-Geschütz der deutschen Bundeswehr, das Atomgranaten bis zu 30 km weit schießen kann.

Ist es glaubhaft, daß ein Feind, der selbst mit Atomwaffen ausgerüstet ist, bei seiner Antwort innerhalb der Grenzen bleiben würde, die dem Erstverwender der Kernwaffen angemessen und vorteilhaft erscheinen? Wenn ein konventioneller Krieg zu taktischem Kernwaffenkrieg führt, so meint Frank Barnaby, der Direktor des höchst verdienstvollen Stockholm International Peace Research Institute SIPRI, das vom schwedischen Staat erhalten wird, so muß taktischer zu strategischem Atomwaffenkrieg führen.39 Ursprünglich begrenzte Anwendung wird in ebensolcher oder noch stärkerer Weise beantwortet werden, die Antwort wird zu weiterer Verstärkung führen usw., bis schließlich das gesamte Arsenal an Atomwaffen eingesetzt würde. „Begrenzter Kernwaffenkrieg ist einfach nicht glaubhaft.“55 Unglauben an geographische oder andere Begrenzungen eines Kernwaffenkrieges wurde auch von Harold Brown ausgesprochen, der früher ein Waffenphysiker in Tellers Laboratorium in Livermore und bis 1981 US-Kriegsminister war.56

Die Gefahr von technischen Entwicklungen, die die Überschreitung der Kernwaffenschranke („firebreak“) erleichtern, ist oft betont worden, so von Herbert Scoville,57 einem früheren wissenschaftlichen Direktor des CIA, von den auf solche Fragen spezialisierten Physikern, S. Drell und F. von Hippel18 und vom Chemiker George Kistiakowsky,58 der 1945 in Los Alamos den chemischen Sprengstoff für die Zündung der ursprünglichen Atomwaffen konstruierte und später persönlicher Berater von Präsident Eisenhower war.

Die Verwendung taktischer Waffen von relativ geringer Stärke könnte, selbst wenn dies ursprünglich nicht beabsichtigt wäre, zu grenzenloser Eskalation und schließlich zu einem allgemeinen Atomwaffenkrieg führen. Besonders gefährlich wäre es, die Entscheidung über ihre Verwendung den Befehlshabern im Kampfgebiet zu überlassen.

Die Neutronenbombe

Zusätzlich zu den ursprünglichen taktischen Waffen, die hauptsächlich durch Sprengkraft und Hitze wirken, sind kleinere Waffen im Kt-Bereich wichtig geworden, die Energie vorwiegend in Form von ionisierender Strahlung, nämlich von schnellen Neutronen emittieren. Sie sind als Waffen mit „erhöhter Strahlung“ (enhanced radiation weapons) oder auch vereinfachend als „Neutronenbomben“ bekannt.”20, 43, 54, 59 Die Veränderung des Wirkungsspektrums wurde durch eine Verstärkung des Anteils thermonuklearer auf Kosten der Spaltreaktion mit Hilfe technischer Tricks erreicht, die der Offentlichkeit noch nicht bekannt sind.

Menschen sollen durch diese Waffen auch aus relativ großen Entfernungen stoßartig enormen Strahlungsdosen ausgesetzt werden — viele Tausend Rem. Dadurch wird das Nervensystem samt dem Gehirn innerhalb von Sekunden oder Minuten gelähmt. Das Opfer ist nicht mehr handlungsfähig, obwohl der Tod erst nach längerer Zeit erfolgt. Bei großen Dosen überholt also die Wirkung auf das Nervensystem gewissermaßen jene auf Knochenmark oder Verdauungskanal. Tierexperimente sollen zeigen, wie lange nach der Bestrahlung mit ganz großen Dosen Handlungen noch möglich sind.60 Schutz durch schwere Strahlenpanzer ist Soldaten kaum möglich, da sie beweglich sein müssen.

Einige Beobachter erfreuen sich an dem Gedanken dieser Waffen, welche die Menschen lähmen und töten, aber Eigentum relativ wenig beschädigen.61 General Keegan, der frühere Nachrichtenchef der US-Marine, hat sein Bedauern ausgesprochen, daß die Neutronenbombe in Vietnam noch nicht zur Verfügung stand.62 Ganz allgemein kann man sich die Anwendung von Neutronenwaffen besonders gegen zahlenmäßig überlegene, aber technisch unterlegene Gegner vorstellen. Auch für die Eroberung von Städten und Industriegebieten könnten Neutronenwaffen nützlich sein.

Große Überdosen von Strahlen nahe Explosionsstellen führen noch in einem größeren Gebiet zu starken Dosen, auch wenn sie dort nicht mehr lähmen. Noch immer rufen sie schwere Verletzungen hervor. Praktisch wird das erfaßte Gebiet viele Hektar oder sogar mehrere Quadratkilometer groß sein.

Die Zivilbevölkerung wird ebenfalls Schaden leiden, es wird viele Tote geben. Noch viel mehr Menschen werden verwundet und in ihrer Erbmasse geschädigt werden.63 Begreiflich, daß einige der europäischen Mächte Bedenken gegen die Neutronenwaffen geltend machen. Dennoch hat Präsident Reagan im August 1981 den offiziellen Befehl zur Herstellung von Neutronenwaffen gegeben. Sie sollen zunächst auf dem Gebiet der USA gelagert werden.

Sicherheit durch Abschreckung?

Nach der militärischen Doktrin, die der technischen Situation in den sechziger Jahren entsprach, konnte zwar bei einem massiven strategischen Angriff („Erster Schlag“) enormer Schaden nicht verhindert werden. Aber das getroffene und verwüstete Land behielt die Fähigkeit zur Vergeltung („Zweiter Schlag“), da seine Waffen und ihre Basis nur zum Teil zerstört werden konnten. Die Drohung mit Vergeltung würde, so dachte man, einen möglichen Gegner am Angriff hindern. Auf diese Weise wurde ein nukleares Gleichgewicht des Schreckens begründet. Die Voraussetzungen waren und sind:

a) Die für die Vergeltung nötigen Waffensysteme können durch Angriffe nicht völlig außer Betrieb gesetzt werden.

b) Die Ziele der Vergeltung können nicht wirkungsvoll geschützt werden.

Diese Doktrin der Abschreckung wird auch als gegenseitige gesicherte Vernichtung (Mutual Assured Destruction, MAD) bezeichnet. Die Weltlage wird dadurch gekennzeichnet, daß wohlmeinende Beobachter die MAD-Doktrin, auch als „Countervalue“ oder „Countercity Strategy“ bezeichnet, noch immer der Alternative vorziehen, nämlich der „Counterforce Strategy“, der Doktrin der tatsächlichen nuklearen Kriegführung. Von ihr wird später die Rede sein.

Nach der MAD-Doktrin könnten weder die USA noch die USSR einen Atomkrieg gewinnen. Kissinger schrieb64 im Jahre 1962, daß „eine Counterforce Strategy, die nach dem ersten Schlag Sieg bringen soll, eine Illusion ist ... Allein ein Versuch muß zu einem spiralförmigen Rüstungswettlauf führen und vielleicht einen vorbeugenden Angriff auslösen“.

Im Zusammenhang mit der Aussicht auf konventionelle Kriegführung nach einem Atomwaffenkrieg bemerkte der führende amerikanische Physiker Wolfgang Panofsky,65 daß keiner der Generäle oder anderen Fachleute die Dinge kennt, über die sie reden. Einige mögen Hiroschima oder auch die Wirkungen von Wasserstoffbomben unter experimentellen Bedingungen gesehen haben. Aber die Folgen massiver Zerstörung auf das komplizierte Gewebe einer modernen Zivilisation sind niemals studiert worden. Hiroschima konnte Hilfe geleistet werden. Aber wenn ein ganzes Land verwüstet ist?

Wir hängen von Lagerung und Transport von Nahrung ab. Elektrizität wird mit Brennstoff gemacht, aber Brennstoff wird durch Elektrizität gefördert. Die medizinische Versorgung ist auf Normalbedürfnisse berechnet, wenn die meisten Menschen gesund sind und arbeiten. Aber was wird geschehen, wenn die Menschen eines ganzen Landes, soweit sie überleben, in den radioaktiven Ruinen geschockt, verletzt oder verhungert sind?

Der genannte Bericht des US-Kongresses8 lieferte 1978 folgende Schätzungen: Durch eine Bombe von 1 Mt mit Zündung bei Aufschlag auf den Boden sind in einer Stadt von 4 bis 5 Millionen Einwohnern, etwa Leningrad oder Detroit, 220.000 Tote und doppelt so viele Verletzte zu erwarten, ohne die vielen Opfer des Fallout zu berücksichtigen. Bei Explosion in 1800 m Höhe gäbe es zwar keinen Fallout, aber in Detroit 420.000 Tote und 630.000 Verletzte, in Leningrad mit seiner größeren Bevölkerungsdichte 890.000 Tote und 1,260.000 Verletzte. Bei Einsatz einer Bombe vom 25 Mt, in 5,3 km Höhe gezündet, gäbe es in Detroit 3 Millionen Tote.

Ein massiver Angriff gegen die USA würde selbst bei bester, wohl vorbereiteter Zivilverteidigung 20 Millionen, ohne solche Verteidigung 100 bis 165 Millionen Tote ergeben.8 Für die USSR schätzt dieselbe Stelle die Zahl der Toten auf 23 bis 100 Millionen, wobei auch 70 bis 80 Prozent der Wirtschaft vernichtet würde.
(Man beachte übrigens die enormen Unsicherheiten in den Zahlenwerten.) Nach Bericht einer amerikanischen Ärztegruppe, geleitet vom Direktor der Harvard School of Public Health, Howard Hiatt, würde die Explosion einer Waffe von 20 Mt über Boston innerhalb eines Radius von 10 km alle Menschen augenblicklich töten.66

Fetter und Tsipis haben abgeschätzt, welche Wirkung ein Treffer einer 1-Mt-Waffe auf ein Atomkraftwerk (Standardgröße, 1000 Megawatt elektrische Leistung) haben würde.11 Zunächst würde der gesamte Kernbrennstoff samt den darin enthaltenen radioaktiven Spaltprodukten des Urans verdampft werden (!) und diese Stoffe würden sodann zusammen mit den Spaltprodukten aus dem Kernsprengstoff selbst durch Fallout einen Strahlenteppich bilden. Schon eine Bombe von nur 100 Kt würde genügen, um den gesamten Inhalt eines Reaktors an radioaktiven Stoffen zu verdampfen.

Die Spaltprodukte aus der Waffe haben zwar zu Beginn viel höhere Aktivität als jene aus dem Reaktor, viele Tausend mal mehr. Doch haben die letzteren Produkte größere Lebensdauer. Dies ist die Folge der Ansammlung längerlebiger Stoffe während des Betriebs eines Kraftwerks. Die dauernde radioaktive Verseuchung wäre also außerordentlich viel stärker, als auf Grund der Waffe selbst zu erwarten wäre.

Zum Vergleich geben die Autoren zunächst die Fläche an, die bei einer Waffenexplosion ohne Kraftwerk unbewohnbar wird. Annahme ist hier, wie auch später, daß Dosen von mehr als 2 Rem/Jahr untragbar sind, obwohl unter kriegerischen Verhältnissen eine solche Grenze natürlich nicht einzuhalten wäre. (Die natürliche Strahlendosis liegt, wie erwähnt, meist um 0,1 Rem/Jahr.) Dann ergibt sich nach Ablauf von einer Woche eine „verbotene“ Fläche von 86.000 km2, nach einem Jahr von 14.700 km2 und nach zehn Jahren von 13 km2 Bei einer Waffenexplosion über einem Reaktor hingegen wären die analogen Flächen 220.000 bzw. 130.000 bzw. 47.000 km2 (Die BRD hat eine Fläche von 248.000 km2, Österreich von 84.000 km2)

Falls man als Grenzdosis statt 2 Rem/Jahr versuchsweise 50 Rem/ Jahr einsetzt, was für einen Teil der Bevölkerung wohl bereits lebensgefährlich wäre, würde die verbotene Fläche dennoch nur mäßig herabgesetzt, nämlich auf 60.000 km2 (nach einer Woche) bzw. 50.000 km2 (nach einem Jahr). Selbst nach hundert Jahren bliebe sie noch 6500 km2. Praktisch gesprochen wäre diese Fläche demnach dauernd unbewohnbar. Man beachte, daß alle diese Angaben sich auf ein einziges Atomkraftwerk beziehen, daß aber Anfang 1980 weltweit bereits 240 Atomkraftwerke in Betrieb waren.

Nochmals um einen großen Zahlenfaktor schlimmer wäre die radioaktive Verseuchung, wenn die 1-Mt-Waffe auf einen Speicherbehälter für radioaktive Abfälle aus einer Aufbereitungsanlage für Atombrennstoffe fiele. Der von den Autoren als Beispiel für die Rechnung ausgewählte Stahlbehälter steht in West Valley, N.Y., und enthält 2,2 Millionen Liter einer konzentrierten Lösung von Abfällen aus Kernbrennstoff. Dann müßten bei einer Grenzdosis von 2 Rem/Jahr nach einem Jahr 166.000 km2 und nach hundert Jahren 2850 km2 unbewohnt bleiben. Bei einer Grenzdosis von 50 Rem/Jahr wären nach einem Jahr noch 47.000 km2 (die halbe Fläche von Österreich) verboten.

Was würden die Wirkungen auf Drittländer sein? Die Akademie der Wissenschaften der USA, beauftragt durch die Arms Control and Disarmament Agency (ACDA), hat die langfristigen Wirkungen eines großen Atomwaffenkriegs auf die nördliche und südliche Hemisphäre außerhalb der direkt betroffenen Länder studiert.7, 67—69 Es wurde angenommen, daß ungefähr das halbe Weltarsenal an Atomsprengstoff (10.000 Mt) auf der Nordhalbkugel verwendet wurde. Es stellte sich heraus, daß die Klimaänderungen nicht vorhergesagt, daß sie aber jedenfalls beträchtlich sein würden. Die Ozonschicht, die die Organismen vor der ultravioletten Sonnenstrahlung schützt, würde weitgehend zerstört und könnte sich erst nach Jahren neu bilden. Durch die ungefilterte Sonnenstrahlung würden Verbrennungen und Hautkrebs auftreten. Vor allem aber würden die Spaltprodukte die ganze Erde verseuchen und sich hier und dort unvorhersehbar sammeln, wie von Wind getriebener Schnee. Obwohl P. Handler, der Präsident der Akademie, erklärte, daß die Nachwirkungen der Katastrophe so schrecklich wären, daß niemand ein Versteck finden könnte, wurde gesagt, der Bericht verniedliche die Konsequenzen. Diese Beschuldigung wird meiner Ansicht nach mit Recht erhoben.

Vielleicht ist es die größte Schwäche dieses Berichts und auch anderer ähnlicher Untersuchungen, daß sie nur die direkten physikalischen und biologischen Wirkungen der Explosion berücksichtigen, nicht aber die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen als Folge der Zerstörung unserer komplexen Zivilisation und ihrer Infrastruktur: Hunger, Siechtum und Tod für Hunderte von Millionen oder mehr, und zwar auch unter jenen Menschen, die nicht direkt durch Waffen getroffen wurden. Nach Ansicht des Biochemikers Bentley Glass70 würden die Menschen einen Atomkrieg nicht überleben, nicht einmal die Ratten, sondern höchstens Insekten. Diese widerstehen der Strahlung besser und würden von ihren alten Feinden, den Vögeln, nicht mehr bedroht. Die Küchenschaben würden die Überreste der Wohnstätten der törichten Menschen übernehmen.

Nach anderen Darstellungen würden die zufällig Überlebenden auf der Suche nach Nahrung und Unterkunft wildernde Banden bilden.

Neuerdings wurden geheime Dokumente des britischen Innenministeriums aus dem Jahre 1976 veröffentlicht,71 die Anweisungen für die Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung der Ordnung im Kriegsfalle enthalten.

Besondere, summarisch arbeitende Gerichtshöfe würden aufgestellt werden, die der Tatsache Rechnung tragen, daß die üblichen Strafen wie Gefängnis unter diesen besonderen Umständen nicht hinreichen. Todesstrafen sollen durch Gerichtshöfe verhängt werden, die aus drei „Kommissären“ bestehen. Auf diese Weise soll Anarchie verhindert, Arbeitsleistung (auch für die Beseitigung der Opfer) gewährleistet und ein neues finanzielles System errichtet werden. Arbeitskraft wäre trotz der schweren Menschenverluste verfügbar, da die Vorkriegsindustrie praktisch zum Stillstand verurteilt sein würde.

Zufallskrieg

Besonders seit der Einführung der Interkontinentalraketen in den sechziger Jahren befürchtet man auch einen versehentlichen Ausbruch eines Kernwaffenkrieges. Schon die ständig zunehmende Ansammlung von Waffen und Waffenträgern vieler Art und an vielen Stellen kann früher oder später zu einer unvorhergesehenen Katastrophe führen. Diese könnte riesenhaftes Ausmaß annehmen. Man bedenke etwa, daß Transportflugzeuge in manchen Fällen 88 Bomben zu 20 Mt tragen können.72 Die gesamte Sprengkraft einer solchen Ladung übertrifft die der Bombe von Hiroschima um mehr als das Hunderttausendfache. Besonders schlimm wären natürlich Explosionen von Atomwaffen im Ausland. Abgesehen von den unvermeidlichen direkten Folgen für die unmittelbaren Opfer wäre damit zu rechnen, daß der betroffene Staat drastische Gegenhandlungen durchführt, selbst wenn dem Urheberland keine böse Absicht zugeschrieben würde.

Einsatz von Atomwaffen durch Irrtum, also durch menschliches Versagen, oder schließlich durch ein „Strangelove“-Phänomen, die Handlung eines Verrückten, ist möglich. Schon eine kleine Gruppe von Menschen, unter Umständen sogar ein einzelner, kann eine Katastrophe bewirken. Allein in USA haben 120.000 Militärpersonen Zugang zu Kernwaffen oder Waffenmaterial.73 Davon müssen alljährlich etwa 5000 wegen Unverläßlichkeit, insbesondere wegen Mißbrauches von Alkohol oder Drogen, entlassen werden.73

Neurotische oder gar psychotische Handlungsweisen werden durch die langen Perioden der Monotonie in den Raketenabschußbasen oder in den U-Booten begünstigt. Streß, Langeweile und Isolation gehören zur modernen militärischen Szene, besonders bei den Atomwaffen. Endlose Stunden in Wechselwirkung bloß mit elektronischen Schalttafeln, wobei immer wieder die gleiche langwierige und detaillierte Routine wiederholt wird — dies ist der Lebensinhalt der strategischen Truppen.73

Man bedenke, daß der Befehlshaber in einem U-Boot, wenn die Verbindungen zur Zentrale abreißen, sogar offiziell ermächtigt ist, nach eigenem Ermessen seine Raketen mit ihrer großen Zahl von Sprengköpfen abzuschießen.

In vielen Fällen gab es falschen Alarm, der manchmal hätte zu einem Atomwaffenkrieg führen können.73, 74 Mindestens zweimal wurde im Jahre 1971 fälschiich angenommen, daß amerikanische Atomwaffen-U-Boote durch einen Feind versenkt worden seien. Am 27. Februar 1972 wurde im „Scherz“ eine Botschaft an eine ganze Anzahl von Einheiten weitergeleitet, Präsident Richard Nixon sei in China ermordet worden und Vizepräsident Spiro Agnew (später als Krimineller abgesetzt) hätte den Weltkrieg III erklärt. Immer wieder, so auch in den Jahren 1979 und 1980, gab es falsche Botschaften über angebliche sowjetische Angriffe, die zur vorübergehenden Mobilisierung vieler Waffensysteme führten.

Schon bis 1977 wurden mindestens 125 Zwischenfälle unter Beteiligung von Atomwaffen in der offenen Literatur verzeichnet.74, 75 Ein B-52-Flugzeug stürzte mit vier Wasserstoffbomben zu 24 Mt über North Carolina ab. Dabei wurden bei einer der Bomben von den sechs Sicherungsmechanismen gegen die versehentliche Detonation der Bomben fünf außer Betrieb gesetzt.74, 77

Auch außerhalb der USA gab es Unfälle. Beim Absturz einer B-52 in Palomares, Spanien, detonierte in zwei der Wasserstoffbomben zwar der chemische, nicht aber der Kernsprengstoff.74 Andere Ereignisse mögen verschwiegen worden sein.74 Im Dezember 1979 haben die amtlichen Stellen der USA mitgeteilt, daß eine große Zahl von Zwischenfällen unter Beteiligung von Kernwaffen vorgekommen sei. Besonderes Aufsehen erregte es, als am 18. September 1980 eine der riesigen Titan-Raketen durch menschliches Versagen mehrere hundert Fuß weit aus ihrem Silo geschleudert wurde, ohne daß freilich der Kernsprengstoff explodierte. Ein Arbeiter hatte ein Werkzeug fallen lassen und dadurch den Treibstoff gezündet.93

W. H. Pickering,78 der wohlinformierte Direktor des Düsenlaboratoriums der Universität von Kalifornien, schrieb: „Es ist eine erschreckende Aussicht. Nicht nur sind wir Sklaven unserer Maschinen, sondern unser Leben selbst hängt von der Genauigkeit und Verläßlichkeit eines Computers in einem weit entfernten Lande ab. Das Versagen einer handvoll Vakuumröhren und Transistoren könnte das Schicksal unserer Zivilisation bestimmen.“

Wir fügen hinzu: auch das Versagen eines Schaltkreises im Hirn eines Menschen, eines Präsidenten. Einige Tage vor dem Rücktritt Nixons hielt Schlesinger es für angebracht, die militärischen Chefs anzuweisen, „ungewöhnliche“ Befehle des Präsidenten, also des Oberkommandierenden, nicht zu befolgen.79

1980: 500 Milliarden Dollar

In den siebziger Jahren ist das Gleichgewicht des Schreckens, wie prekär es auch war, durch neue politische und technische Entwicklungen in Frage gestellt worden. Destabilisierende Einflüsse haben sich geltend gemacht und rufen Alarm hervor.

Etwa 35 Milliarden Dollar werden alljährlich in der Welt für militärische Forschung und Entwicklung ausgegeben,29, 55, 80 meist im Zusammenhang mit Atomwaffensystemen. In den USA allein betrugen die Ausgaben für militärische Forschung und Entwicklung schon 1979 13,4 Milliarden Dollar und machten 45 Prozent aller staatlichen Forschungs- und Entwicklungsausgaben aus.81, 82 1982 sollen 20 Milliarden Dollar ausgegeben werden. Die Ausgaben für militärische Forschung übertrafen schon in den siebziger Jahren etwa jene für medizinische Forschung um das Fünffache.55

Das letzte Militärbudget des scheidenden Präsidenten Carter für 1981 betrug 196 Milliarden Dollar. Sein Kriegsminister Brown sagte im Jahre 1980 für 1985 bereits 250 Milliarden Dollar voraus.52 Dazu kommt noch, daß wichtige neue Waffenprogramme, z. B. das seinerzeitige Spionageprogramm mit U-2-Flugzeugen‚ nicht offen budgetiert, sondern im Voranschlag verborgen werden.83 Übrigens soll das Budget der amerikanischen Geheimdienste, versteckt innerhalb des Verteidigungsbudgets, schon Mitte der siebziger Jahre 6 Milliarden Dollar ausgemacht haben.84‚ 95

Die militärischen Ausgaben der USA übertrafen die Hilfeleistungen an Entwicklungsländer, obwohl diese ebenfalls militärisch-politischen Erwägungen untergeordnet sind, schon Mitte der siebziger Jahre um das Fünfundzwanzigfache.86 Seit dem Amtsantritt Ronald Reagans erfolgen weitere, sich überstürzende Steigerungen.

In der Welt verbrauchte das Militär im Jahre 1980 500 Milliarden Dollar.29 Diese Zahl hängt stark vom schwankenden Dollarkurs ab und auch davon, wie die sowjetischen Ausgaben in Dollar bewertet werden.48, 87-89 Man kommt natürlich zu hohen Ziffern, wenn man für die Schätzung davon ausgeht, wieviel die Bezahlung der sowjetischen Soldaten in USA kosten würde.90 Außer Streit steht übrigens, daß die gesamten militärischen Ausgaben der NATO die des Warschauer Paktes übertreffen. Dabei sind die Ausgaben Chinas und Japans noch nicht mitgezählt.90

Raketen und Antiraketen

Die Sprengköpfe und ihre Auslösemechanismen werden ständig verbessert. Während 1945 (Hiroschima) das Verhältnis der Stärke (Tonnen TNT-Aquivalent) zum Gesamtgewicht (Tonnen Gewicht) 3000 war, wurde jetzt ein Wert von 3 Millionen bereits überschritten [3] und er nähert sich damit dem theoretischen Grenzwert.28, 39, 55 (Dieses Verhältnis kann bei chemischen Sprengstoffen den Wert 1 nach Definition nicht überschreiten.)

Solange die strategischen Raketen nur der Abschreckung und Vergeltung dienten, war bescheidene Genauigkeit ausreichend. Jetzt sind sie selbst über riesenhafte Entfernungen zu Präzisionswaffen geworden. Die mathematische Analyse der Zerstörung „harter“ Ziele, vor allem durch K. Tsipis, hat gezeigt, daß die Verbesserung der Präzision viel mehr bringt als die Vergrößerung der Sprengkraft.48, 80, 91-95 Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte das amerikanische Militär eine großzügige Entwicklung der in Deutschland erbeuteten strategischen Raketen wegen ihrer Ungenauigkeit zunächst abgelehnt, doch wurde inzwischen als Folge der Verbesserung des Materials, der Computer und der Führungssysteme die Präzision sehr verbessert.20‚ 24, 26, 39, 48, 59, 94, 96-100

Die Zielungenauigkeit der ICBM betrug bei Abschuß von einer festen Basis zunächst 35 km. Diese Zahl bezeichnete die Größe „CEP“ (circle error probable), den Radius jenes Kreises, innerhalb dessen im Mittel die Hälfte der Sprengköpfe auftrifft.
Aber schon 1963 gab man für die bestehenden amerikanischen ICBM (offenbar Minuteman II) einen CEP-Wert von 800 m an, einen in Aussicht stehenden Wert von 400 m, einen beabsichtigten Wert von 200 m und einen möglichen Wert von 100 m. Der Wert von 400 m wurde praktisch vom älteren Modell von Minuteman III, Reichweite 13.000 km, erreicht, und der Wert von 200 m für das Modell 12A von Minuteman III, das 1979 eingeführt wurde. Jede einzelne Minuteman III-12A ist für ein hartes Ziel ebenso „tödlich“ wie zehn Minuteman II, und sie kann eine 29 mal größere Fläche zerstören wie die Bombe von Hiroschima. Für die neueste strategische Rakete, MX, wird 100 m CEP angestrebt.“, 94-98, 101 Den genauesten sowjetischen ICBM (SS 17, 18, 19) werden derzeit CEP-Werte von 350 m zugeschrieben, doch dürfte sich der Wert innerhalb einiger Jahre halbieren.20‚ 28, 29, 94

Ein CEP-Wert von nur einigen Dutzend Metern kann mit aktiver Zielsuche erreicht werden („terminal guidance“, „MARV“; siehe unten). Solche Genauigkeit wird auch als „absolut“ bezeichnet, da sie zu einem direkten Treffer auf das Ziel führt. Das Ziel befindet sich dann innerhalb des Kraters, der bei Explosion auf dem Boden entsteht. Die „gemarvte“ Ausführungsform der MX-Rakete soll 1983 getestet und 1986 eingeführt werden. Auch Trident II, von U-Booten getragen, sowie die Cruise Missiles sollen „gemarvt“ werden (siehe unten).

Die Verbesserung der Computer beruht im wesentlichen auf ihrer Miniaturisierung und „Mikrominiaturisierung“. Tsipis91 berichtet: „Eine Dichte von einer Million Schaltungen je cm2 eines Substrats der Dicke 0,25 mm und ein Gedächtnis von hundert Millionen Bit je cm3 wurden erreicht. Die Zielpräzision wurde durch höchst komplizierte und kostspielige Einrichtungen auf Basis von Inertial- (gyroskopischen) Systemen und verschiedenen Arten von Strahlen enorm gesteigert. Die erforderliche konstruktive Präzision kann aus der Tatsache beurteilt werden, daß ein Stäubchen von einem Zwanzigtausendstel Milligramm auf einem Beschleunigungsmesser bereits einen Fehler in der Reichweite von 200 m und in der Richtung von 70 m ergibt. Eine Verschiebung des Schwerpunktes eines Kreisels von seiner Achse um ein Zweimillionstel Millimeter ergibt einen Fehler in der Reichweite von 100 m und in der Richtung von 70 m. Alle Bestandteile müssen trotz der enormen Beanspruchung während des Abschusses und während des Falls durch die Atmosphäre intakt bleiben. Sie sollen in einem Bereich der Beschleunigungen eins zu einer Million arbeiten, und zwar mit einer Präzision eins zu 100.000.“ Wenn das Abbrennen einer Rakete bloß um ein Tausendstel Sekunde zu spät zum Abschluß gebracht wird, ist bereits ein Fehler von 600 m die Folge.

Beim „Kaltstart“ werden die Raketen in den Silos wie in U-Booten zunächst durch Druckluft oder Kohlendioxid abgehoben. Derart wird im Silo keine Wärme entwickelt, sodaß die Führung verbessert ist. Überdies sind keine Schutzschilde gegen die Hitze nötig, die Raketen können also größer sein.94, 102

Die strategischen Waffen in den Rampen und U-Booten sind, wie bemerkt, schon in Friedenszeiten programmiert. Dies erfolgt in den USA durch einen höchst geheimen Zentralcomputer‚ der den Single Integrated Operation Plan (SIOP)103 liefert. Zur Verbesserung der Flexibilität ist die Zeit für den Ersatz eines Zieles durch ein anderes Ziel für ein ICBM von 20 Stunden auf 36 Minuten herabgesetzt worden, und zwar kann Ersatz von der Leitstelle aus durchgeführt werden (Command Data Buffer System).24, 28, 30, 39, 96, 105 In Zukunft hofft man auf momentane Umprogrammierung („in real time“).

Der Computer spielt ständig alle möglichen Varianten durch. Nur Verlust des Krieges ist nach Beschluß des US-Kongresses von vornherein verboten und daher ausgeschlossen.42 Die Frage erhebt sich, welche Länder und Städte in SIOP inbegriffen sind — vermutlich auch solche, die als Feinde nicht in Betracht kommen, die aber von einem Feind besetzt sein könnten oder auch ihm vorbeugend verwehrt werden sollen.

Listen von taktischen Zielen der USA wurden seit 1969 in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht. [4] Die Listen waren in den sechziger Jahren durch einen amerikanischen Unteroffizier entwendet worden und sind in ihrer Echtheit unbestritten. Sie umfassen ganz Europa, ausgenommen Großbritannien. In Österreich findet man da neben großen Zielen wie Wien, Linz oder Graz auch kleinere Orte wie Wolfsberg oder Tulln.

Die Frage der Auswahl der Ziele besteht natürlich auch für die kleineren Kernwaffenmächte, z.B. Frankreich.105 Sollten die Waffen nach allen Richtungen (tous azimouths) zielen, wie De Gaulle empfohlen hat?

Vom Standpunkt der Abschreckung besteht die Sorge, daß ein Gegenschlag von bescheidener Stärke, auch noch nach einem relativ erfolgreichen Erstschlag möglich, durch ein verbessertes Verteidigungssystem abgefangen werden könnte.106 Daher muß jede Nachricht über den Bau von Antiraketensystemen (ABM) auf der Gegenseite Bestürzung hervorrufen. Dies ist paradox, aber gerechtfertigt. Jedoch wurde bisher trotz weiterer ausgedehnter und kostspieliger Entwicklungsarbeit bei ABM kein technischer Durchbruch erzielt. Die vorher erwähnte ABM-Basis in North Dakota ist die einzige derartige Einrichtung in den USA geblieben. Nachdem sie 6 Milliarden Dollar gekostet hatte, wurde sie, weil unwirksam, 1976 eingemottet.84 Nicht einmal die Aussichten der Verteidigung gegen Flugzeuge werden günstig beurteilt. Immerhin wäre es dogmatisch, die grundsätzliche Möglichkeitkeit zu teilwirksamen Abfangsystemen zu verneinen.48‚ 96, 107

Ein Sonderproblem ist das Abschießen von Satelliten.59, 96, 108 Sie tragen gegenwärtig nach zweiseitigem Abkommen USA/USSR keine Kernwaffen, sind aber für Zwecke der Überwachung (Spionage), der Frühwarnung, der Navigation und der Zielhilfe für Raketen unersetzbar. Diese unbewaffneten Satelliten können durch unbemannte Jäger angegriffen werden, die von Flugzeugen starten oder die selbst Satelliten sind. Sie werden durch die von Satelliten ausgesandte Wärme angezogen, oder sie orten ihre Opfer durch Strahlen. Sie tragen Sprengstoff, vielleicht auch nuklearen Sprengstoff, oder stoßen einfach mit ihren Zielen zusammen. Solche Jäger sind billig und können daher in großer Zahl eingesetzt werden.

MIRV und MARV

Nach dem früheren MRV-Prinzip (Multiple Reentry Vehicle) streut eine Rakete Sprengköpfe um ein Ziel, ohne daß jeder Kopf besonders auf ein Ziel gerichtet wäre.5, 22 Später wurden die Sprengköpfe individuell auf Ziele programmiert — Multiple Independently Targeted Reentry Vehicles (MIRV)2, 5, 201 109-112 Alle Sprengköpfe werden zusammen auf einen inertial geleiteten „Raumbus“ gesetzt, wie der gemütliche Ausdruck lautet. Der Bus bewegt sich nach seinem Programm von Ziel zu Ziel. Unterwegs kann er Richtung und Geschwindigkeit ändern, und die ebenfalls durch Raketen getriebenen Sprengköpfe werden der Reihe nach freigesetzt. So wird die Gesamtzahl der unabhängig auf Ziele gerichteten Sprengköpfe in Rampen oder U-Booten vervielfacht.20, 28, 91, 113 Mit guter Genauigkeit könnten große Gebiete mehr oder weniger gleichförmig verwüstet werden, und eine „nutzlose“ Übersättigung nahe einem Mittelpunkt wird daher vermieden. [5] Vor allem auch können auf besonders wichtige und besonders harte Ziele zur Sicherheit mehrere (jedenfalls zwei — siehe unten) Sprengköpfe von einem Raumbus aus gerichtet werden, wie noch diskutiert werden soll.

So trägt jede Minuteman III drei Sprengköpfe zu 170 Kt, ab 1979 (Minuteman III-12A) sogar zu 370 Kt (fast 30mal Hiroschima), und jede Rakete auf einem Poseidon-U-Boot 10 bis 14 Sprengköpfe zu 50 Kt. Mit der Einführung des MIRV-Prinzips wurde einige Jahre nach USA auch in der Sowjetunion begonnen.40 Die sowjetischen SS-18 und SS-19 können mit sechs bis zehn Sprengköpfen zu 0,5 Mt ausgerüstet werden,94 die Mittelstreckenrakete SS-20 mit drei Sprengköpfen, wie schon erwähnt.

Probleme mit MIRV ergeben sich aus den ungeheuren atmosphärischen Wirkungen der Explosionen: emporgeschleuderte Gesteinsbrocken, Staubwolken, Stürme, starke elektrische und Strahlungs-Felder73, 92, 94 Eine Waffe von einer Mt, die am Boden explodiert, wirft eine Million Tonnen an Gestein und Erdreich in die Luft; gegen diesen Anprall ist die nächste Waffe nicht geschützt.82 Diese Wirkungen können die Sprengköpfe zerstören oder mindestens ihre Genauigkeit vermindern, wenn man innerhalb kurzer Zeit ein und dasselbe Ziel mit mehreren Sprengköpfen treffen will (interferenz, „Brudermord“ — den letzteren Ausdruck verdankt man dem Pentagon). Aus diesem Grund rechnet man damit, daß man gegen das gleiche „harte“ Ziel (Silo) gleichzeitig nur zwei Sprengköpfe einsetzen kann, und zwar einen am Boden und einen in einigen hundert Meter Höhe. Anderseits kann die Interferenz den Abschuß feindlicher Raketen, die der Zerstörung entgangen sind, erschweren oder verzögern. Dies ist der „Pindown Effect“.107, 115

In einem weiteren Stadium wird MIRV durch MARV (Multiple Manoeuvrable Reentry Vehicles) ersetzt. Nach diesem bereits erwähnten Prinzip suchen die Raketen und dann auch die einzelnen Sprengköpfe unabhängig ihre Ziele.20, 24, 29, 91, 94-98, 100, 116 Die Orientierung gemarvter Waffen kann nach Sternbildern erfolgen. Auf diese Weise wird das Weltall bis zur Entfernung von Tausenden von Lichtjahren in den Dienst der Vernichtung von Menschen gestellt.

Alternativ kann das Gelände mit Radar- oder Laser-Strahlen beobachtet werden. In kleinerem Ausmaß wurden „kluge Bomben“ („smart bombs“) mit chemischem Sprengstoff bereits in Vietnam durch reflektierte Laserstrahlen gelenkt22, 80 Bei der Messung reflektierter Strahlen werden Höhendifferenzen und selbst künstliche Strukturen (Gebäude) beobachtet. Die durch die Sensoren gelieferte Information wird mit jener in einer Landkarte an Bord verglichen, und der Flugkörper wird ständig mit Hilfe eines Computers auf Grundlage dieses Vergleichs gesteuert.91, 100 Dies ist das TERCOM-System.47, 96, 117, 128 Schließlich sollen Satelliten in den achtziger Jahren jede Sekunde zehnmal eine Positionsbestimmung auf 10 m genau zuwege bringen.107 Der CEP-Wert von gemarvten Sprengköpfen soll bei einer Reichweite der Raketen von 13.000 km nur 30 m betragen.26

U-Boot-Jagd

Schon jetzt wird die Mehrzahl der amerikanischen strategischen Raketen von U-Booten mitgeführt, vorwiegend in der gemirvten Ausführungsform von Polaris, Poseidon. US-Präsident Carter erklärte in seiner offiziellen Ansprache „State of the Union“ am 23. Jänner 1979: „Ein einziges unserer relativ unverletzbaren Poseidon-U-Boote — weniger als zwei Prozent unserer gesamten Kernwaffenmacht auf U-Booten, Flugzeugen und Raketen zu Lande trägt genug Sprengköpfe, um jede große und mittelgroße Stadt der Sowjetunion zu zerstören.“48 Das U-Boot „Trident“,20‚ 22, 24‚ 39, 113, 118 einsatzbereit ab 1981, ist jedoch doppelt so groß (19.000 t) wie „Poseidon“, und seine Kosten werden bis zwei Milliarden Dollar pro Stück geschätzt. Trident ist schneller und leiser als Poseidon. Die Reichweite der Raketen soll bis zu 7000 km betragen, gegen 5000 km bei Poseidon.

Trident hat 24 Abschußrohre, und jede Rakete soll zehn Sprengköpfe tragen. Diese liefern 100 Kt mit einem CEP-Wert von 500m (Poseidon: 550 m). Die Trident-Raketen können auch auf Poseidon-U-Booten eingesetzt werden,118 was derzeit auch in Großbritannien vorgesehen ist.119 Für das gleiche Ziel steht jedem Trident-U-Boot 16 mal mehr Ozeanfläche zur Verfügung als jedem Poseidon. Schließlich soll die Kraft der Sprengköpfe von Trident auf 400 Kt erhöht und überdies „gemarvt“ werden (= Trident II), so daß seine Präzision absolut wird. Auf diese Weise werden auch die U-Boote, ursprünglich als Vergeltungswaffen gedacht, zu Angriffswaffen gegen strategische Ziele, etwa Silos.

Die Schätzungen der Reichweite der Raketen aus sowjetischen U-Booten schwanken.25, 113, 131 Die Mehrzahl trägt Raketen bis zu einer Mt. Ein anderer Teil ist gemirvt (dreimal 200 Kt). CEP soll mehr als 1000 m betragen, so daß harte Ziele nicht verläßlich zerstört werden können. Die neuesten sowjetischen strategischen Boote, angeblich dem Trident vergleichbar, heißen „Taifun“, wie Präsident Breschnew im Februar 1981 erwähnte.

Aus geographischen Gründen trifft die Verwendung der strategischen U-Boote durch die USSR auf größere Schwierigkeiten als durch die USA, die in der ganzen Welt zahllose leistungsfähige Basen haben. Nur die größten und modernsten der sowjetischen U-Boote können von den Heimatgewässern aus das amerikanische Festland mit ihren Raketen erreichen, während die übrigen Boote zuerst die riskante Reise in die Ozeane antreten müssen. Der Mangel an weit gestreuten und leistungsfähigen Basen und anderen Reserven bedingt, daß zur gleichen Zeit ein viel kleinerer Teil der amerikanischen als der sowjetischen U-Boote unterwegs und unmittelbar einsatzbereit ist.113‚ 120

Die Schwierigkeiten bei der Bekämpfung von getauchten strategischen U-Booten sind sehr groß.113, 120, 121, 122 Daher werden derzeit allein in den USA für die Entwicklung der dafür geeigneten Geräte und Waffen jährlich 7 Milliarden Dollar (!) ausgegeben.120 Die Hauptrolle spielt die passive und aktive Verwendung von Ultraschall (Sonar-Methoden). Man mißt dabei entweder den vom Boot ausgesandten oder den von ihm reflektierten Schall. Die Hydrophone können auf dem Meeresboden aufgestellt, durch Bojen getragen oder durch Schiffe im Schlepptau gezogen werden. Die Ausbreitung des Schalls wird durch die jeweiligen Bedingungen in Wasser und Luft stark beeinflußt. Daher wird die Information in den Signalen aus den Sensoren durch höchst leistungsstarke Computer automatisch mit meteorologischen und hydrographischen Daten kombiniert. Andere Verfahren zur Ortung von U-Booten beruhen auf optischen Methoden und auf Analysen von erregten Wasserwellen.

Zum Angriff auf strategische U-Boote werden Flugzeuge, Minen und vor allem Jäger-U-Boote verwendet, wobei besonders gemeinsame, integrierte Aktionen wirksam sind.120 Die Jäger wetteifern mit ihren Opfern in bezug auf Tauchfähigkeit, Geschwindigkeit und Geräuscharmut. Jedes U-Boot kann durch Besonderheiten seines Geräusches identifiziert werden.48 Man versucht, jedes einzelne strategische U-Boot schon in Friedenzeiten auf seinem Weg in Evidenz zu halten, also zu beschatten. Wenn dies gelingt, kann natürlich bei Ausbruch eines Krieges mit Aussicht auf Erfolg ein konzentrierter, gleichzeitiger Angriff auf sämtliche Boote unternommen werden.

Da nicht einmal Betonsilos genügende Sicherheit bieten, können U-Boote in tiefen Schluchten am Meeresgrund verborgen werden. Zur gegebenen Zeit muß sie dort der Befehl erreichen können, aufzusteigen und ihre Waffen abzuschießen. Die notwendige Verbindung könnte durch sehr langsame elektromagnetische Schwingungen, die sich durch die Erdkruste fortpflanzen, aufrechterhalten werden („Sanguine“-, „Seafarer“- und ELF-Systeme). Antennen zur Emission der Signale, tausende Kilometer lang, würden schachbrettartig unterirdisch angelegt werden.123‚ 125 Allerdings ist bisher in den USA keine geeignete Fläche gefunden worden.124 Eine weitere, gleichfalls unsichere Möglichkeit, getauchten U-Booten Befehle zukommen zu lassen, besteht darin, daß Flugzeuge über dem Meere Drähte von gewaltiger Länge abspulen, die lange Radiowellen aussenden.42

Cruise Missiles schleichen sich an

Viel diskutiert wurde über viele Jahre ein geplanter interkontinentaler Ultraschallbomber B-1 mit seiner höchst aufwendigen Ausrüstung.126, 127 Seine Tragkraft könnte zweieinhalbmal so groß sein wie die der bestehenden Bomber. Allerdings könnte er pro Stück 100 Millionen statt 8 Millionen Dollar kosten.97 B-1 könnte die kolossale Geschwindigkeit von 2000 km/Stunde erreichen und doch so niedrig fliegen, daß Ortung durch Radar schwierig ist. Raketen mittlerer Reichweite (500 Meilen) könnten von diesen Bombern abgeschossen werden. Etwa 250 solcher Bomber sollten gebaut werden, und sie sollten insgesamt 5280 nukleare Sprengköpfe tragen.

Jedoch sollte nach Anordnung des Präsidenten Carter von Juni 1979 nur die Forschung und Entwicklung betrieben und nur Prototypen sollten hergestellt werden.48 B-1 wurde nämlich nach Ansicht Carters durch die Entwicklung der viel billigeren Cruise Missiles von großer Reichweite (Long Range Cruise Missiles, LRCM) überflüssig gemacht; die vorläufige Absage an B-1 bedeutete also keine einseitige Zurückhaltung (act of unilateral restraint).47‚ 59 Unter Präsident Reagan wurde die Diskussion über B-1 allerdings wieder aufgenommen.

Auf der sowjetischen Seite wird an Stelle veralteter Typen der von den Amerikanern „Backfire“ genannte Mittelstreckenbomber eingeführt.29, 76, 112 Da er nur 9000 km Reichweite hat, könnte er nur dann interkontinental eingesetzt werden, wenn der Brennstoff in der Luft nachgefüllt würde. Wohl aber ist Backfire für den Einsatz in Europa und gegen U-Boote hervorragend geeignet.

Ähnlich wie die deutschen V-1 des letzten Krieges wird das Cruise Missile, auf deutsch gelegentlich auch Lenkflugkörper (Marschflugkörper) genannt, durch einen Düsenmotor angetrieben, und es verwendet Schweröl als Brennstoff, ist also keine Rakete.24‚ 47, 59, 91, 93, 100, 112, 117, 128-132 Durch Konstruktion leichter Motoren und vor allem durch ihre Mikroelektronik sind die Cruise Missiles aber jedenfalls in USA enorm leistungsfähig geworden. Wie gemarvte Sprengköpfe von Raketen suchen die Cruise Missiles jetzt mit Hilfe elektronischer Landkarten nach dem früher genannten TERCOM-System oder mit anderen Verfahren ihr Ziel. Sie haben absolute Genauigkeit gewonnen (CEP 30 m und weniger).

Daher sind Lenkflugkörper, die seit dem letzten Krieg — mit chemischem Sprengstoff — stets ein Bestandteil der taktischen Arsenale waren, nun auch — mit Atomwaffen — zu strategischen Waffen geworden, und zwar vorläufig auf amerikanischer Seite.
Angeblich soll das Pentagon den Ankauf von 10.000 Stück beabsichtigen.48 Der Preis beträgt vielleicht nur 0,5 bis 1 Million Dollar pro Stück; das Cruise Missile wird daher auch für kleinere Mächte erschwinglich werden.129

Das von Flugzeugen getragene Cruise Missile ALCM (Air Launched Cruise Missile), das ab 1982 zum Einsatz kommen soll, fliegt im Unterschallbereich, und zwar etwa mit 800 km/Stunde, aber so niedrig (in geeignetem Gelände in 50 bis 150 m Höhe), daß es gegen existierende Radareinrichtungen immun ist. Es erscheint auf dem Bildschirm nicht auffälliger als eine Möwe oder selbst ein Sperling.131 Die Reichweite kann 2500 bis 4000 km ausmachen. Das Gewicht kann weniger als eine Tonne betragen, so daß für die Waffe selbst mehrere hundert Kilo verbleiben, mehr als genug für eine Sprengladung von 200 Kt TNT-Aquivalent. Z. B. kann ein B-52-Bomber 20 bis 25, ein Jumbo-Jet sogar 100 solche ALCM tragen. Jedes der 20 ALCM von einer B-52-Maschine kann eine 6 mal größere Fläche zerstören als die Bombe von Hirosohima.48

Mit dem ebenfalls sehr genauen „Tomahawk“ werden amerikanische U-Boote und andere Schiffe ausgerüstet. Jedes U-Boot soll schließlich 30, jeder Zerstörer 50 Cruise Missiles tragen. Bodenfahrzeuge sollen die 464 weitreichenden Cruise Missiles der NATO in Westeuropa (GLCM) transportieren. Die GLCM gehören, wie erwähnt, ebenso wie Pershing II zum Forward Based System (FBS).

Wegen der Alternative, nuklearen oder chemischen Sprengstoff zu tragen, kann mit den Cruise Missiles die Schranke zwischen konventioneller und nuklearer Kriegsführung, der „Firebreak“, besonders leicht überschritten werden. Auch dies ist ein destabilisierender Faktor.

Man hat gesehen, daß der Gedanke an atomare Kriegsführung (counterforce) statt atomarer Abschreckung (countervalue) vordrängt. Dabei besteht freilich, wie wir betont haben, die große Wahrscheinlichkeit unbegrenzter Eskalation, so daß der taktische Atomkrieg alsbald in den strategischen Atomkrieg und dieser in den totalen Atomkrieg übergeht.

Drohung mit dem Erstschlag

Überdies wird neuerdings immer mehr die Möglichkeit diskutiert, daß ein Atomkrieg sogleich mit einem totalen Vernichtungsschlag begonnen wird, um den Gegner zu überraschen und gänzlich zu erledigen. Dies setzt voraus, daß dieser „Erstschlag“ hinreichend stark ist, um einen wirksamen Vergeltungsschlag zu verhindern. Dazu ist die Ausschaltung der für einen Vergeltungsschlag nötigen gegnerischen Waffen erforderlich, also sowohl der strategischen Flugzeuge als auch der Raketen in den Rampen und den strategischen U-Booten.

Es liegt auf der Hand, daß auf Grund des geschilderten Rüstungsstandes und der geographischen Gegebenheiten ein erster Schlag von Ost nach West unvergleichlich schwieriger wäre als von West nach Ost.

Früher hatten die Rampen als nicht mit hinreichender Sicherheit zerstörbar gegolten. Jedoch kann eine Rampe unter Annahme eines CEP-Wertes von einer Viertel Meile schon durch zwei Sprengköpfe zu 200 Kt mit 98 Prozent Wahrscheinlichkeit zerstört werden.183 Dies wäre etwa durch eine gemirvte Minuteman-Rakete zu erreichen. Die „Härtung“ von Rampen kann mit der Zerstörungskraft der Sprengkörper nicht Schritt halten.134 Daß sogar die U-Boote zunehmend angreifbar werden, auch durch Erstschläge, wurde schon dargelegt.

Die Besorgnis über Erstschläge hat sich gesteigert, als Schlesinger, wie erwähnt, eine flexible Zieldoktrin verkündete. Die Auswahl von Zielen nicht nur unter Bevölkerungszentren, sondern auch unter militärischen Einrichtungen sollte vergrößert werden. Diese Entwicklung wurde dadurch erleichtert, daß die Zahl der sinnvollen Countervalue-Ziele (Städte) viel kleiner ist als die Zahl der vorhandenen strategischen Waffen.111 Allerdings gab Schlesinger durch seine Doktrin nur Entwicklungen Ausdruck, die schon lange unterwegs waren.18, 24, 102, 105 Kurz gesagt, die Schlesinger-Doktrin zielt bereits eher auf Erfolg bei nuklearer Kriegsführung als auf deren Verhinderung.

Einen Meilenstein auf dem Weg zur nuklearen Kriegsführung stellte weiter Carters berühmte Presidential Directive Nr. 59 von Mitte 1980 dar, deren Wortlaut geheim ist, durch die aber offenbar die sowjetischen strategischen Rampen zu Zielen gemacht wurden. Dabei ist eine Counterforce-Strategie gegen Rampen nur im Hinblick auf einen ersten Schlag sinnvoll, denn sonst würde man nur die leeren Rampen treffen. Kistiakowsky58 schreibt der Directive 59 besonders stark destabilisierende Wirkung zu.

Die vorher dargelegten technischen Fortschritte haben die Wendung zur nuklearen Kriegsführung und besonders zu einer Strategie des ersten Schlages erleichtert. Präzise Sprengköpfe und flexible Führung, MIRV und MARV werden nicht zur Abschreckung benötigt, wohl aber für die Zerstörung von Rampen, U-Booten und anderen strategischen Zielen.24, 48, 133 Die in Entwicklung begriffene gemarvte MX-Waffe stellt einen weiteren Schritt auf dem Weg von der Abschreckung zur nuklearen und im besonderen strategischen Kriegsführung dar. Trident-II-Raketen, gleichfalls mit absoluter Genauigkeit begabt, könnten ebenfalls für erste Schläge verwendet werden. Auch Cruise Missiles haben absolute Genauigkeit, doch ist zu bedenken, daß sie relativ langsam fliegen.

Ein erster Schlag müßte total sein. Wenn ein Angreifer sich auf die Zerstörung eines Teils der Rampen beschränkte, würde der Gegner gewiß aus den verbleibenden Rampen antworten. Scoville57 hat vor der Annahme gewarnt, daß das Opfer eines ersten Schlages gegen Rampen nicht Vergeltung üben würde, wenn es kann. Dennoch hört man immer wieder, daß ein strategischer Teilangriff eine Lähmung der gegnerischen Zentren für CCC (communication, command, control) bewirken könne. Wie aber beantwortet der Gegner eine derartige Drohung rationell? Offenbar durch Dezentralisierung, also durch Gewährung von Vollmachten an untergeordnete Stellen.

Damit wird aber genau das erreicht, was man am wenigsten wünschen sollte: gesteigerte Gefahr unautorisierter Handlungen solcher Stellen, die dann schließlich zum totalen Zusammenstoß führen. Auch würde die Zerstörung der geordneten Kommandostruktur die Möglichkeiten einer geordneten Beendigung eines Atomkrieges, soweit solche Möglichkeiten überhaupt bestehen, weiter vermindern. Geradezu grotesk muten die Berichte an, wie der Oberbefehlshaber der USA während eines ablaufenden Atomkrieges von einem Flugzeug aus die Kampfhandlungen leiten soll.42‚ 135

Richtig ist allerdings, daß die technischen Probleme eines ersten Schlags noch immer sehr groß sind und daß die Verletzlichkeit der Ziele möglicherweise übertrieben wird.94, 115 Zu bedenken ist vor allem, daß es eine Sache ist, den CEP-Wert und die Wahrscheinlichkeit der Vernichtung etwa eines Silos oder eines U-Boots sozusagen in Isolation zu ermitteln oder zu messen, eine andere Sache aber, ohne Generalprobe und in der Realität der Kriegsführung wirklich alle gegnerischen Ziele zu erfassen. Krieg ist stets in größtem Maßstab mit Unordnung, Desorganisation und Irrtum behaftet. Auch Schlesinger hat immer wieder unterstrichen,59 daß niemand die tatsächliche Verläßlichkeit und Genauigkeit der strategischen Waffen bei massenhaftem Einsatz unter operationellen Bedingungen vorhersehen kann. Schließlich ist auch zu bedenken, daß es für die Fähigkeit zur Vergeltung hinreicht, wenn beim Angriff eine der Komponenten der Triade ICBM—U-Boote—Flugzeuge erhalten bleibt.115 Dies gilt mindestens für die USA, wo alle drei Komponenten stark sind.

Um die ICBM der Zerstörung durch einen ersten Schlag zu entziehen, will man sie beweglich und unsichtbar machen.59‚ 96 Nach einem bereits in Ausführung begriffenen Plan sollen 200 MX-Raketen durch eine Flotte von Transportern zu 500t Gewicht ständig zwischen 4600 Silos verschoben werden („shell game“).24, 281 96, 98, 101, 107, 136 Dabei können die Raketen entweder im Fall eines Angriffs rasch in einen geheim ausgewählten Silo eingefahren werden, oder sie sind durch eine Überzahl von „Scheinraketen“ derart versteckt, daß dem Gegner eine Unterscheidung zwischen echten und vorgetäuschten Ortsveränderungen der echten Raketen nicht möglich ist. Selbst das an den Transporten beteiligte Personal bleibt in Unkenntnis, ob es echte oder Scheinraketen transportiert.

Die Basen für die beweglichen MX (Race Tracks) sollen in den Staaten Nevada und Utah liegen. 2000 Meilen an neuen Eisenbahnlinien und ein Vielfaches an neuen Straßen wird erforderlich sein. Man hat die Anlage als das größte je von der Menschheit in Angriff genommene Bauunternehmen bezeichnet.137 Das System samt den Raketen soll mindestens 33, in einer erweiterten Form sogar 55 Milliarden Dollar kosten.98, 137 In der Sowjetunion wurde ebenfalls eine bewegliche interkontinentale Rakete, SS 16, entwickelt.26 Sie bildet offenbar derzeit noch keinen Bestandteil des Arsenals. Von der SS 16 ist die schon genannte bewegliche Mittelstreckenrakete, SS 20, abgeleitet.

Unabhängige amerikanische Experten haben Bedenken gegen das MX-Schema angemeldet. So wird angeführt, das Schema sei zu teuer107‚ 151, 138, 139 und begünstige eine Maginot-Linien-Mentalität.140 Die dauernde Täuschung des Gegners sei, wenn überhaupt, nur durch drastische und großflächige Überwachungs- und Polizeimaßnahmen möglich.138 Bei Fertigstellung werde das MX-System bereits wieder veraltet sein.107, 140 Der Gegner könne zur Ansicht geführt werden, man wolle insgeheim alle Abschußrampen mit echten Raketen füllen und er könne daher zu einem präventiven Erstschlag angereizt werden.107 Er werde also in Versuchung geführt, das System durch einen Sättigungsangriff zu erledigen.115, 140 Dabei wäre vorstellbar, daß der Gegner sämtliche Silos des MX-Systems gleichzeitig beschießt, wenn auch derzeit die Zahl seiner Raketen noch nicht dazu ausreicht.

Schließlich wird auch mit der Zerstörung der Umwelt in den betroffenen Staaten der USA argumentiert137, 139 — obwohl diese Bedenken angesichts der vorhersehbaren Folgen tatsächlicher Atomkriegsschläge gegen die Basisstaaten als kleinlich erscheinen. Jedenfalls werden Alternativen zum MX-Schema, die ebenfalls die Sicherheit der ICBM vergrößern sollen, weiter diskutiert.107, 115 Sie sehen Flotten zusätzlicher U-Boote (von beschränktem Aktionsradius) vor.

Offenbar würden alle „Programme zur Vervielfachung von Zielen“ (Multiple Aim Programs, MAP) wie das MX-Schema, wenn eingesetzt, die Kontrolle der Zahl der Raketen durch nationale Mittel im Einklang mit internationalen Verträgen in Frage stellen und insofern destabilisierend wirken20, 41, 59, 101, 107, 112, 115

Die äußerste Absurdität

Ein Erfolg eines ersten Schlages, der mit hinreichender Macht, Präzision und Vorbereitung erfolgt, kann nur dadurch verhindert werden, daß man die eigenen Atomwaffen einsetzt, bevor sie zerstört werden. Dann trifft der Angreifer nur leere Rampen, Flugplätze und U-Boote. Natürlich müssen die Waffen des Verteidigers gegen Vergeltungs- (Countervalue-) Ziele gerichtet werden, da die strategischen Basen des Angreifers bereits leer sind.

Aber kann der Angegriffene seine strategischen Waffen einsetzen, bevor ihn der erste Schlag trifft? Die zur Verfügung stehende Zeit ist äußerst kurz. Solange Flugzeuge die schnellsten Träger von Waffen waren, betrug die Zeit zwischen der Meldung eines Angriffs durch die vorgeschobenen Radarlinien und der Ankunft der Waffen im Zielgebiet mindestens 90 Minuten. Mit den ICBM beträgt die Zeit zwischen Abschuß und Ankunft nur mehr 20 und die Zeit zwischen der Überschreitung der Radarlinien und der Ankunft sogar nur mehr 15 Minuten. Für Raketen aus U-Booten kann die Zeit natürlich noch viel kleiner sein, wenn die Boote nahe dem gegnerischen Kontinent kreuzen. Dasselbe gilt bei Bedrohung durch Mittelstreckenraketen, besonders innerhalb Europas.

Man stelle sich die Lage bei Verdacht auf einen totalen Angriff mit Kernwaffen vor! Der Präsident muß stets bereit sein, buchstäblich innerhalb weniger Minuten seine Entscheidung zum Weltuntergang zu treffen. Ob er sich nun auf einer Reise befindet, ein Sportfest besucht oder den Geburtstag seines Enkels feiert oder ob er sich sogar in tiefem Schlaf befindet — in jedem Augenblick kann er der Notwendigkeit zur plötzlichen Entscheidung gegenüberstehen. Keine Zeit für Beratung, für Rückfragen, ob es sich nicht vielleicht um Irrtum, um Mystifikation oder um die Tat eines Verrückten handeln kann, ob ein Gerät versagt oder Raketen mit Wildgänsen oder mit dem Mond verwechselt hat, wie dies schon der Fall war ... Keine Möglichkeit auch, die Entscheidung des Präsidenten zu überprüfen.

In seinem verdienstvollen und erschreckenden Buch „Race to Oblivion“5 zieht York eine letzte Konsequenz, eine Konsequenz, die er freilich verabscheut: Abschuß auf Warnung (Launch on Warning)100, 141 Er sieht eine immer stärkere Tendenz zur Automatisierung der Entscheidungen bei der Verteidigung. Nach Empfang der Warnung, daß feindliche Raketen unterwegs seien, könnten die eigenen Waffen automatisch abgeschossen werden, überhaupt ohne Einschaltung eines Menschen in den Entscheidungsprozeß.

Dies heißt: Sobald die Maschinen am Horizont etwas entdeckt haben, was sie als Raketen betrachten und sich auf gewissen Bahnen bewegt, drücken sie sozusagen auf den Knopf. Unwiderruflich schreiten Tausende Atomwaffenträger zum Gegenangriff. Der Feind trifft leere Flugfelder, U-Boote und Rampen und wird selbst massiv getroffen. Da er immerhin noch weitere schwerste Schläge gegen die Bevölkerungszentren des Verteidigers durchführen kann, ist gegenseitige Vernichtung gewährleistet.

Es ist paradox. Äußerste Automatisierung führt zu äußerster Beanspruchung des Menschen. Zeitweilig versucht man durch weitere Automatisierung zu entkommen. Die andere Seite folgt, und so wird die Beanspruchung noch schlimmer. Auf diese Weise erhält man für mehr und mehr Geld weniger und weniger Sicherheit.

Mit Recht hat York diese Situation als äußerste Absurdität bezeichnet. Denkende Beobachter, die der Spirale der Aufschaukelung entkommen wollen, verlangen die Bewältigung der Probleme auf einer anderen als der technischen Ebene. Allzu oft vergißt man, daß es sich letzten Endes um menschliche, also politische Probleme handelt. Daher können wirkliche Lösungen nur auf einer politischen Ebene gesucht und gefunden werden. Leider ist die Zahl der internationalen oder auch nur zweiseitigen Vereinbarungen, zu denen man bisher gelangt ist, schändlich gering.142

Rüstungsbegrenzung?

Die Möglichkeit der SALT-Verträge hing von dem unglaublichen Fortschritt in der Technik der Verifikation ab.24, 30, 82, 83, 143 Durch Photographie und andere Methoden können vom Satelliten aus noch Gegenstände von einigen Zentimetern Größe auf dem Erdboden beobachtet werden. Diese Verfahren müssen noch weiter entwickelt werden, sobald sie nicht nur militärische Handlungen beobachten, sondern auch Abrüstungsmaßnahmen verifizieren sollen.

Alarm über die sich steigernden Gefahren ist gewiß einer der Beweggründe für SALT gewesen. SALT I hat 1972 zu einer teilweisen Vereinbarung geführt. Leider wurden keine Maßnahmen zur Abrüstung getroffen; im Gegenteil überschritten die erlaubten oft die bestehenden Niveaus,144, 145 SALT II wird offenbar nicht ratifiziert werden. Auch sind Drittmächte, besonders China, bisher in die Vereinbarungen nicht eingeschlossen.

Leider auch wurden quantitative Beschränkungen durch qualitative Verbesserungen kompensiert und überkompensiert22, 40, 142, 145 Einflußreiche militärische, industrielle und politische Führer machen die Annahme der Vereinbarungen von verbesserten Möglichkeiten abhängig, offene Linien beschleunigt weiterzuverfolgen. Dabei finden sie in Regierungskreisen Unterstützung. in einem Interview im Economist 1979 meinte Kissinger48 bezüglich SALT I: „Unsere Strategie war es, einer fünfjährigen Pause zuzustimmen — das Intervall, das wir für nötig hielten, um durch Entwicklung des Cruise Missile, eines neuen U-Boots (Trident), eines neuen ICBM (MX) und des B-1-Bombers aufzuholen (catch up) ... Wir haben keine Programme aufgehalten, wir haben einige beschleunigt ... Hätte es keinen Vertrag gegeben, so hätten wir auch nicht mehr tun können.“

Ahnlich erklärte Präsident Carter 1979, daß SALT II den USA gestatten wird, alle Verteidigungsprogramme zu verfolgen, „von denen wir glauben, daß sie schließlich gebraucht werden“.48 Spezifisch nannte er MX, Trident, Flugzeuge als Träger für Cruise Missiles sowie einen neuen, durchdringenden Bomber.

Übrigens sind die Verbesserungen in den Waffensystemen, so wichtig sie auch sein mögen, oft nicht das Ergebnis einer dramatischen Entscheidung auf hoher Ebene, die gesondert finanziert und in gesetzgebenden Körperschaften einer Prüfung unterworfen werden kann.96 Vielmehr beschäftigt sich jeden Tag eine enorme Zahl von Wissenschaftlern und Technologen routinemäßlg mit der militärischen Entwicklungsarbeit. Dabei bleiben sie innerhalb des Budgets. Im Falle von Erfolg machen sie in ihrer Laufbahn Fortschritte. Die gesamte Auswirkung dieses „Technology creep“ ist überaus groß. Z. B. ist die Herabsetzung des CEP auf solche alltägliche Tätigkeit zurückzuführen.

Seit 1945 ist die Abschaffung der nuklearen Waffen mehr oder weniger aufrichtig als Ziel verkündet worden. Die Erreichung dieses Ziels ist dadurch noch erschwert worden, daß jedes Plutonium aus Kraftwerken, also auch Plutonium mit einem großen Gehalt an Plutonium 240, als Waffenmaterial verwendet werden kann. Nach Ansicht der Atomenergieindustrie sollen die Kraftwerke der Welt Ende des Jahrhunderts alljährlich Plutonium in einem Ausmaß erzeugen, wie es für die Herstellung von hunderttausenden Waffen ausreichen würde.146

Die wissenschaftlichen und technischen Verfahren sind nicht mehr geheim. Die bestehenden Atomwaffenmächte und die Nichtmitglieder des Atomsperrvertrages (Non-Proliferation Treaty, NPT) können auf jeden Fall mit ihrem Plutonium tun, was sie wollen. Auch verbietet NPT den übrigen Signataren nicht den Bau der nötigen Einrichtungen für die Erzeugung und den Gebrauch von Waffen. Daher würde es in einer kritischen Situation hinreichen, das verfügbare Plutonium einzufüllen. Überdies können die Signatare sich jederzeit mit einer Kündigungsfrist von nur drei Monaten vom Vertrag zurückziehen.

Qualitative Fortschritte und neue Entwicklungen in der Waffentechnologie könnten durch das gänzliche Verbot aller nuklearen, auch der unterirdischen Tests, behindert werden?101, 147, 148, 149 Schon jetzt können Tests fast immer seismisch mit nationalen Mitteln entdeckt werden, d.h. sie können von Naturereignissen unterschieden werden.150 Doch werden Tests bis zu 150 Kt durch Vereinbarung zwischen USA und USSR — übrigens durch den Senat der USA nicht ratifiziert — noch immer erlaubt. Die Falken leisten einem absoluten Testverbot nicht nur wegen ihrer Gier nach weiterer Aufrüstung Widerstand, sondern auch aus dem besonderen Grund, daß es die periodische Überprüfung der existierenden Waffen verhindern würde.136 Das Militär könnte nicht sicher sein, ob die Atomwaffen (eigentlich: die Zusatzeinrichtungen) während der Lagerung nicht leiden. So wird die Forderung nach weiteren Tests auch für die Zukunft erhoben.

Abgesehen von den Tests, die zugestandenermaßen zu militärischen Zwecken durchgeführt werden, liefern die sogenannten friedlichen Kernexplosionen einen idealen Vorwand für weitere Entwicklungen. Der wahre wirtschaftliche Wert solcher Explosionen, für die sich besonders Edward Teller eingesetzt hat, ist jedoch nach Meinung Vieler gering oder null.147‚ 150 Nichtsdestoweniger werden sie häufig durchgeführt.148

Ein Hauptübel beim Rüstungswettlauf besteht in der Annahme des schlimmsten Falles (worst-case analysis) durch die Falken5, 82, 102, 143 Man nimmt an, daß alle Gefahren gleichzeitig bestehen, obwohl eine jede Gefahr, für sich genommen, nur eine geringe, vielleicht sogar verschwindend geringe Wahrscheinlichkeit hat. Auf dieser Grundlage wird die Planung durchgeführt. Der Gegner wird zur Nachfolge gezwungen, und so kommt man zu endloser Aufschaukelung. Diese Betrachtungsweise führt oft zu Gegenhandlungen auch ohne Handlungen. Nachträglich, im Jahre 1967, gestand R. S. McNamara, daß er im Jahre 1961 betreffend die ICBM in dieser Weise gehandelt hat.143

Von der Überrüstung zur Totrüstung

Die Einführung neuer Waffensysteme, die den Gegner zu noch größeren Ausgaben zwingen, ist verführerisch. Ein Beispiel ist das Cruise Missile. Hier sollen die neu erforderlichen Verteidigungssysteme, wie wenig wirksam sie auch sein mögen, zehnmal mehr kosten als das Angriffssystem.47, 131, 151 Diese Betrachtungsweise ist besonders für das reichere Land verlockend, wo ein gleicher Geldbetrag im Verhältnis zum Nationaleinkommen weniger ausmacht als im ärmeren Land. So werden die Finanzen des ärmeren Landes ruiniert. Das andere Land wird „totgerüstet“. Dies ist nach meiner Meinung ein Hauptgrund, warum die USA ein enorm viel größeres Waffenarsenal unterhalten als vom militärischen Standpunkt im engeren Sinn — auch unter extremen Annahmen — nötig wäre. Das Übermaß der Rüstung in den USA ist besonders durch den hervorragenden Physiker P. Morrison kritisiert worden.152‚ 153

York hat auf Grundlage seiner unvergleichlichen Erfahrung dargelegt,154 daß „die verschiedenen Befürworter des Rüstungswettlaufes manchmal durch patriotischen Eifer bewegt werden, manchmal durch den Wunsch, sich den Kollegen anzupassen, manchmal durch krassen Opportunismus und manchmal einfach durch Furcht vor dem Unbekannten. Sie werden durch schlaue und geistvolle Ideen inspiriert, durch kühne Behauptungen, durch wirkliche oder eingebildete militärische Notwendigkeiten herausgefordert, sie werden stimuliert, den technischen Fortschritt der anderen Seite oder selbst einer militärischen Gruppe im eigenen Land zu erreichen oder zu überschreiten, und sie werden durch Gerüchte und zweifelhafte Nachrichten eingeschüchtert. Einige werden durch den Sirenengesang der raschen beruflichen Laufbahn, der persönlichen Anerkennung und der unbegrenzten Gelegenheiten verführt, andere wurden durch die Aussicht auf große Gewinne gekauft.“

Aber die wirkliche Macht beim Rüstungswettlauf liegt natürlich beim militärisch-industriellen Komplex. Jedes Argument gegen Abrüstung und zugunsten neuer Waffensysteme wird durch diesen Komplex aufgegriffen und entwickelt. Je destruktiver und teurer diese Systeme sind, desto mehr Prestige und Einfluß wird durch die militärische Führung erworben, die überwiegend aus Falken besteht und desto mehr Geschäft und Gewinn ergeben sich für die Rüstungsfabrikanten. Die Gewerkschaften der Rüstungsindustrie haben sich leider gleichfalls für diese Zwecke einspannen lassen.

Der Komplex sorgt auch dafür, daß Waffensysteme, die ursprünglich als Spielgeld („bargaining chips“) bei Verhandlungen gedacht waren, alsdann unweigerlich voll entwickelt werden. Dies galt z. B. nach Aussage Kissingers für das Cruise Missile.

Der Ausdruck „militärisch-industrieller Komplex“ ist durch den Präsidenten Eisenhower geprägt worden. Seine Abschiedsworte155 waren: „Dieses Zusammenwirken eines immensen militärischen Gebäudes und einer großen Rüstungsindustrie ist in der Erfahrung Amerikas neu ... Wir müssen uns vor der Aneignung ungerechtfertigten Einflusses durch den militärisch-industriellen Komplex hüten.“

[1Der Leser ist eingeladen, hier eine Pause für eine Überlegung einzuschalten. Diese Zahl entspricht der Sprengkraft von einer Million Hiroschima-Bomben. Es könnte also zwei Wochen lang Tag und Nacht jede Sekunde irgendwo auf der Welt eine Hiroschima-Bombe explodieren.

[2Die Waffenfachleute haben Sinn für Humor und eine gemütliche Ausdrucksweise. Sie sprechen von Waffen-„Familien“ und erfanden den Namen „Honest John“. „Bambi“ wurde schon erwähnt. Den Teil der Bevölkerung, der innerhalb von zwei Monaten zugrunde gehen wird, nennt man „60 Days Population Response“. in der Buchführung erscheint eine Million Tote als 1 „Megatoter” (Megadeath), und die zusätzlichen Toten aufgrund des Fallouts bezeichnet man als „Bonus kill“.46

[3Theoretisch bedeutet das, daß eine Bombe von 3Mt Sprengkraft weniger als eine Tonne wiegt. Die Hiroshima-Bombe wog demnach sechs Tonnen. (Anm. d. Red).

[4Zuerst im Hamburger Stern Nr. 37/1969 und 6/1970 (ein Blatt mit 40 Zielen in der BRD); österreichische A-Bomben-Ziele der USA enthielt die Veröffentlichung im Londoner New Statesman vom 27. Juni 1980 sowie das Wiener Nachrichtenmagazin profil am 18. August 1980 (eine Liste von 40 Zielen auf österreichischem Boden). Anm. d. Red.

[5Der Physiker E. Wigner bemängelte 1969, daß im Übergang von einzelnen zu „gemirvten“ Sprengköpfen wegen der Notwendigkeit von zusätzlichen Einrichtungen die gesamte Sprengwirkung einer Rakete vermindert wird. Er hat dabei übersehen, daß diese (bescheidene) Verminderung bei weitem durch die Möglichkeit überkompensiert wird, große Flächen gleichmäßig zu erfassen.114

Der vorliegende Artikel gründet letzten Endes auf einem Vortrag, den der Autor 1973 an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien im Rahmen einer Ring-Vorlesung „Möglichkeiten des Friedens“ gehalten hat. Die vorliegende Fassung, eine von mehreren, die einander folgten, wurde 1981 fertiggestellt. Alle Angaben entstammen der offenen Literatur. Andere Unterlagen hat der Autor nicht. Man wird gelegentlich in den Daten Widersprüche bemerken; sie beruhen darauf, daß die Angaben verschiedener Quellen sich unterscheiden.

D. Verf.

Literaturhinweise

Abkürzungen:
BAS = Bulletin of the Atomic Scientists
NS = New Scientist
SA = Scientific American

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  3. NS, 15. April 1976
  4. Die Daten über die Waffenwirkungen sind aus Anm. 5, 6, 7, 8
  5. H. York, Race to Oblivion, Simon and Schuster, New York 1962
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  14. R. Lapp, Kill and Overkill, Basic Books, New York 1962
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Erstveröffentlichung im FORVM:
September
1981
No. 333/334, Seite 12
Autor/inn/en:

Engelbert Broda: Engelbert Broda, Jahrgang 1910 aus Wien, hat in Berlin und Wien physikalische Chemie studiert. 1938 emigrierte er nach England und arbeitete seit 1941 in Cambridge auf dem Felde der Atomenergie. Er wirkte in England auch an der „Freien Österreichischen Bewegung“ mit. 1947 Rückkehr nach Wien. Professor für physikalische Chemie an der Wiener Universität. Arbeitsgebiete: Radiochemie, Bioenergetik, Sonnenenergie, Evolution, Wissenschaftsgeschichte (Bücher über Boltzmann und Einstein). Als Friedensfreund ist er führend in der österreichischen Pugwash-Gruppe, einer Abrüstungsbewegung von Wissenschaftern, tätig.

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