FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1976 » No. 265/266
Cornelia Frey

Kapitalistisches Morgengrauen

Am 25. und 26. November 1975 in Lissabon dabei

Portugal hat noch zuwenig Geld, um Gemeinheiten zu verbergen. Hier strecken die Bettler und Krüppel den Reichen noch ihre rotgefrorenen Stümpfe entgegen, hier laufen die Kinder noch im Nebel nach Mitternacht ohne Hemd und Schuhe herum und betteln an den Tischen der Stadtcafés für ihre Mutter in der Blechhütte. Revolution, wirkliche Revolution ist gesellschaftliche Notwehr, Überwindungen im Verhalten des einzelnen, um den Alltag mit seinen Qualen und seinem Stumpfsinn zu verändern. Revolution ist für mich der alte Mann, der nach einer mitternächtlichen Dorfversammlung in Albernoa im Alentejo von seinem Holzstockerl aufsteht, um heimzugehen, und sich dabei zum ersten Mal in seinem Leben erhebt. Revolution ist stummes Herumtappen nach Menschlichkeit, durch die Mühsal des Alltags hindurch. Die Revolution beginnt beim Zittern der Bauchmuskulatur, bis die privat- und staatskapitalistischen Zentralen schwanken.

Doch Revolution, wirkliche, ist leicht zu übersehen, besonders für Revolutionstouristen. Die pressen ihre Eindrücke in die mitgebrachte Theorievorlage, hakeln punktweise ab, was an der Netzhaut an Begriffen hängenbleibt, „Rätedemokratie“, „Volksherrschaft“, „Klassenkampf“, „Kapitalismus“, und schlagen selbst Kapital aus den Fahnen, den geballten Fäusten, den Massenaufmärschen. Ein verschwitztes Arbeiterhemd riecht nach „Diktatur des Proletariats“. Ein kanadischer Dichter sucht Reime auf den „Ausbruch des portugiesischen Volkes“ und läßt sie auf dem Tischpapier der Lissaboner Fischlokale zurück, bis sie von den Fettflecken der Eßreste weggeschwemmt sind. Revolutionstouristen stecken sich die Revolution als Parteiabzeichen an den Kragen oder an den Zipp des „Kampfanzugs“, die Jeans. Je atemloser sie den laufenden Ereignissen nachrennen, desto verzerrter grinst der aufgedruckte Ché Guevara oder Karl Marx auf ihrem 25-Escudos-Leiberl.

Wo geht’s hier zur Revolution?

Ich gestehe, daß ich den 25. November nicht mitgekriegt habe, obwohl ich nur Kilometer, oft nur wenige Meter von den Aktionszentren entfernt war. Am Morgen des 25. November archivierte ich gerade die Zeitungsausschnitte mit dem „letzten Stand der Dinge“, der aber längst überholt war. Aus dem Nebenzimmer ruft einer, die Regierung habe die Bevölkerung übers Radio aufgefordert, Ruhe zu bewahren. Keine Ahnung, was sie eigentlich beunruhigen sollte!

Minuten später donnerten Kampfjäger Marke Caccia Fiat 91 über die Häuser Lissabons. Portugiesische Jets? Portugiesische Piloten oder amerikanische? Diese Fragen stellten sich einige Arbeiter während ihrer Mittagspause in einem Café in der Rua de Olival im Stadtteil Santos, wo ich auf meinem Weg zum Zentrum der Ereignisse gelandet war. Ich höre „Jets aus Cortegaca“, das ist ein unbenützter NATO-Stützpunkt im Norden Portugals, den die portugiesische Luftwaffe erst kürzlich als Kriegsmateriallager eingerichtet hat. Nach Galaõ (Kaffee) und Bola (Kuchen) sprach ich auf der Straße einen Soldaten an, der gerade aus einem Tabakladen kam; er sagte, es sei alles in Ordnung, die Bauernmassen kämen aus dem Norden, die „Comandos“ hätten die „Paras“ umzingelt, ich solle mich nicht beunruhigen.

Ich wollte endlich einmal so richtig dabeisein, in einer militärischen Telefonzentrale hocken, bei revolutionären Gesprächen in Kasernen, Betrieben, Arbeiter- und Einwohnerkommissionen, in den Unterschlüpfen der extremen Linken mithorchen. Statt dessen fuhr ich in einem Bus ziellos durch Lissabon, über den Commerçio, den Handelsplatz, wo erst vor neun Tagen 200.000 Arbeiter aus ganz Portugal demonstriert hatten. Sie riefen damals: „Wir wollen Minister, deren Hände so schwielig sind wie unsere.“

Der „Putschtag“ ist friedlich. Am Hafenmarkt neben dem Commerçio die Luftballons, die Teddybären, die rosaroten Pullis, die Arbeiter, die aus den Betrieben in die Flußdampfer strömen, um in ihre Vororte auf der anderen Seite des Tejo heimzufahren.

In einem Bierlokal die Gerüchte von Putsch, Aufstand, Bürgerkrieg. Ein chilenischer Flüchtling, der eben ein Buch über seinen einjährigen Aufenthalt in einem Konzentrationslager in Santiago fertiggeschrieben hat, spürt: „Heute passiert noch was.“ 200 Tote in zwei Stunden ... er berichtet von den Panzern, die einige Monate vor dem Pinochet-Putsch in die bevölkerte Innenstadt von Santiago fuhren und losfeuerten.

Flambierte Desserts flammen in den Lissaboner Nobelhotels auf, vor das Casino von Estoril rollen die Limousinen der in Portugal verbliebenen Direktoren, enteigneter Fabriksbesitzer, reicher Angola-Flüchtlinge und ausländischer Geschäftsleute. Durch die Straßen von Lissabon fahren die Panzer von Jaime Neves aus Amadora, die im Volk als Terrortruppe bekannten Comandos, 30- bis 40jährige Kriegsveteranen, spezialisiert auf Foltern und Töten, ausgeübt gegen die Schwarzen in Portugiesisch-Afrika.

Falsch verbunden

Man erfährt nichts von den Absichten der Fallschirmspringer, nichts von den Plänen der Rechten, nichts von den Positionen der KP, der Linksradikalen von FUR und UDP, im Radio nichts als Generalstabskommuniqués, die vor einem „Konterrevolutionären Putsch“ warnen, nichts als Gerüchte, daß die „Rebellen“ von den linken Einheiten PM (Militärpolizei), RALIS (Leichtes Artillerieregiment Nr. 1), COPCON, Marine usw. unterstützt werden. Nichts von der Stellung der Arbeiterkommissionen, der Gewerkschaften, deren Dachorganisation Intersindical. Einer fragt den anderen, niemand weiß wohin, wen fragen, zu wem halten, wo mitmachen. Telefongespräche werden unterbrochen. Falsche Nummern antworten.

Die portugiesischen Reporter rasen von Kasernen zu den Parteizentralen, Betrieben, Einwohnerkommissionen. Ausländische Journalisten warten vor dem Redaktionsgebäude der República, bis die Portugiesen von ihren Recherchen zurück sind, schnappen nach Informationshäppchen, sausen per Taxi und Mietwagen direkt in die Nobel-Lounges ihrer Hotels, ins Tivoli, Sheraton, Mundial, diese Absteigen internationaler Geschäftsleute, Provokateure und als Anwälte getarnter CIA-Agenten, und setzen die Brocken schließlich im Zerrspiegel von Whisky-on-the-rocks zusammen.

Die Menschen versammeln sich in Fabriken, Parteizentralen, Arbeiter- und Einwohnerkommissionen, vor Kasernen, finden einander nicht mehr, nirgends jemand, der erklärt, aufruft, anführt. Die FUR, das Bündnis der linken Gruppen, sonst am lautesten, schweigt. Die Intersindical wartet auf Anweisungen der PCP. Die PCP hat um vier Uhr morgens ihre „Komitees zur Verteidigung der Revolution“ (CDR), ihren „Schutzbund“, mobilisiert. Die CDR warten auf PCP-Chef Alvaro Cunhal. Cunhal sitzt seit Mittag des 25. November bei Staatspräsident Costa Gomes. Es heißt, einige Teilgewerkschaften haben noch am frühen Morgen zum Generalstreik aufgerufen, die Intersindical hätte sie aber zurückgehalten. Teile der PCP-nahen Lederindustriearbeiter geben mittags den „18 COPCON-Offizieren und einigen Gruppen der FUR“ die Schuld „für dieses erfolglose Abenteuer von Extremisten“. Maoistische Gruppen verurteilen die Paras als Handlanger im Dienste der „Sozialfaschisten“.

Die „Sozialfaschisten“ arbeiten am Nachmittag mit Melo Antunes und Vertretern der „Neun“ ein Verhandlungspapier aus, in dem sie „das Abenteurertum von Linksextremisten“ verurteilen: „Alle progressiven militärischen und zivilen Kräfte sind an politischen Verhandlungen interessiert.“ Am Abend des 26. November erklärt Melo Antunes in Fernsehen, die Teilnahme der PCP an der Regierung sei „für die Fortführung des revolutionären Prozesses“ unbedingt notwendig.

Erst als es den Paras und Militärs der früheren „5. Abteilung des Generalstabs“ (Propagandaabteilung) am späteren Nachmittag gelingt, die Rundfunk- und Fernsehstationen zu besetzen, erfährt die Bevölkerung Genaueres. Was war eigentlich wirklich los an diesem 25. November?

Volk beschwört Offiziere, die Revolution nicht zu zerschlagen:
Kommandojeep der Panzereinheit des Hauptmann Maja aus Santarem (EPC) auf dem Weg zum Arsenal in Beirolas (DGMG), das sich ohne Schuß ergibt (25. November 1975)

Rote gegen grüne Barette

25. November, 4 Uhr morgens: Fallschirmspringer mit grünen Baretten aus Tancos, 95 Kilometer nördlich von Lissabon, besetzen in Gruppen zu 30 Mann die Luftwaffenstützpunkte BA 3 von Tancos, BA 5 von Monte Real, BA 6 von Montijo, dann das Hauptquartier der Luftwaffe in Monsanto. Später schicken sie Delegierte zu den Garnisonen Ota, Leiria, Ajuda und Sintra. Das „rote“ Regiment RALIS hat ein rückstoßfreies Geschütz und Militärfahrzeuge sowie Maschinengewehre auf Sandsäcken an die Nordeinfahrt der Autobahn postiert. Zusammen mit EPAM (Schule für militärische Verwaltung) umzingelt RALIS die Zone um das Waffenlager von Beirolas (DGMG).

Die militärische Rechte verfügt theoretisch über das 870 Mann starke Regiment der Comandos von Amadora (die roten Barette), von denen aber nur ein Teil einsatzbereit ist. Seit dem frühen Morgen rasen 300, manche sagen, nur 130 Männer, mit ihren Panzern wie wild durch die Gegend. Zu den Comandos schlägt sich im Laufe des 25. November noch das CIAAC-Regiment (Zentrum für Luftabwehr).

Am 25. November um halb acht Uhr abends stürmen die Comandos auf das Luftwaffenhauptquartier in Monsanto los, 20 Panzer mitten im Abendverkehr auf der Umfahrungsstraße von Lissabon zwischen Amadora und Monsanto. Bei der ersten Stauung Schüsse, ein Passant, ein alter Mann aus dem Barackenviertel Buraca, wird getötet, abgeschleppt, eine Frau mit Kind, die ihren Wagen nicht anhält, verblutet über dem Lenkrad, von Genickschüssen getroffen, die Fernsehnachrichten springen auf die Straße. Leute aus der Umgebung, die die Comandos anflehen, den Rebellenstützpunkt nicht anzugreifen, werden mit Kugeln niedergestreckt. Bei der Autobahnabfahrt zum Stützpunkt Monsanto die Wachtposten von RALIS und der Luftwaffenpolizei, in ihren Fahrzeugen erstarrt, Mund offen, in der einen Hand den chick, in der anderen das Sturmgewehr ... Warum sie nicht schießen? Bei so vielen Panzern! Was, die Comandos haben einen Panzer zur Rückendeckung aufgestellt? Das wußten wir nicht! Danke für die Information!

26. November, 6 Uhr früh. Die Comandos überfallen die 2.000 Mann starke Militärpolizei in Belem. Die Kolonialsoldaten eröffnen sofort das Feuer: zwei von ihnen und ein Militärpolizist sterben.

Nach der Unterwerfung von Monsanto und der PM (Militärpolizei) geben die restlichen „Rebellen“ allmählich auf. Aus ihren Verschanzungen ab in die Reserve, ins Gefängnis.

Linke und rechte Militärs waren an der Bevölkerung vorbeigerollt. Die Ritter trafen sich wie im Mittelalter auf der grünen Wiese und machten sich ihr Kriegsspiel ohne die Knappen aus. Jaime Neves, der Held dieses kapitalistischen Morgengrauens, hatte seine Drohungen wahr gemacht und die militärische Linke gestellt: sie taumelten ihm verschlafen in die Arme. Seit Tagen und Wochen hatte die militärische Rechte um Jaime Neves, Morais da Silva, Ramalho Eanes, Pires Veloso und ihre zivilen Mitspieler Galvaõ de Melo, Sa Carneiro und Mário Soares die Linke provoziert. Die „Kommune Lissabon“ sollte gesprengt werden. Da sich die Rechte in Lissabon nur auf ein, zwei Kompanien wirklich verlassen konnte, mußte sie ihren Putsch taktisch vorbereiten: die Linke derartig provozieren, damit sie über sich selbst stolpert. Das voreilige Losschlagen einer Gruppe von „gonçalvistischen“ Offizieren gab ihnen die Handhabe.

Zwei „Freunde“ Seite an Seite:
Jaime Neves (links, bereits rasiert) und Melo Antunes bei einer MFA-Versammlung zur Zeit des gemeinsamen Kampfes gegen die Gonçalvisten. Jetzt stehen sie einander bereits frontal gegenüber: Während Antunes weiß, daß er auf die Mitarbeit der KP nicht verzichten kann, hat Neves seine Bereitschaft erklärt, „bis zum Ende zu gehen“.

Rechtsruck: SP verliert Wähler

Heute weiß man, daß die „Gonçalvisten“ um den Expremier Vasco Gonçalves seit Mitte November einen Putsch planten, durch den sie — zusammen mit der „revolutionären Linken“ im COPCON mit einem Teil der „Neun“ im Revolutionsrat — den Vormarsch der Rechten stoppen wollten. Eine vom Revolutionsrat in Auftrag gegebene Untersuchung hatte einen massiven Rechtsruck ergeben: CDS 16% der Stimmen, PPD 35%, PS 28%, PC 17%, MDP 1%, extreme Linke 3%. CDS und PPD verfügen also bereits über eine absolute Mehrheit von 51%, Hauptverlierer waren nicht die KP und die Linke, die sich gegenüber den Wahlen vom 25. April 1975 etwa gehalten hatten, sondern die SP!

In dieser Situation wurden die Fallschirmjäger zum Schlüssel des Spiels. Die Paras hatten bereits dreimal auf der Seite der Reaktion gestanden: während der beiden mißglückten Spinola-Putsche am 28. September 1974 und am 11. März 1975 und bei der Sprengung von Radio Renascença am 7. November 1975. Sie wollten nicht ein viertes Mal im Namen der „Revolution“ gegen das Volk eingesetzt werden. 123 Offiziere — alle bis auf fünf — verließen daraufhin das Regiment. Am 20. November löste Luftwaffenstabschef Morais da Silva das Regiment von Tancos auf und schickte alle 2.000 Soldaten in die Reserve. Doch keiner ging. COPCON-Chef Otelo versprach Material vom Waffenlager Beirolas. Ein Fallschirmjäger aus Tancos erzählt: „Als wir anfingen, die Basen zu besetzen, fühlten wir uns ziemlich unterstützt von allen Waffengattungen der Streitkräfte: ‚Aber ja, Burschen, macht nur weiter, wir sind auf eurer Seite!‘“ — so sagten ihnen die Regimenter von Lissabon. Aus London reiste Militärattaché Pessoa (ein Para) an, um die Auflehnung zu kommandieren. Als die Luftwaffenstützpunkte am Morgen des 25. November in wenigen Minuten und ohne Schuß übernommen wurden, schliefen die Gonçalvisten noch.

25. November, 9.30 Uhr: Im Schlafzimmer von Oberst Varela Gomes, Ex-Kommandant der „5. Abteilung“, die nach dem Fall Vasco Gonçalves’ aufgelöst worden war, läutet das Telefon: „Die Paras haben die Basen besetzt!“ Er läuft den Ereignissen nach, ins Gebäude des Antispionagedienstes in der Rua Castilho, wo Marinekommandant Almada Contreiras bereits die linken Hebel in Bewegung zu setzen versucht.

Es blieb beim Leerlauf, die Gonçalvisten spalteten sich — ein Teil fand, es sei zu früh —, die COPCON-Offiziere paßten, die Paras machten, alleine gelassen, einen Fehler nach dem anderen. So sperrten sie zum Beispiel General Pinho Freire bei der Besetzung des Luftwaffenhauptquartiers Monsanto in sein Büro und vergaßen, das Telefon abzuschneiden. Freire telefonierte vier Stunden lang mit den Chefs der militärischen Rechten und leitete als Gefangener die Operationen gegen seine Wärter. Einige Gonçalvisten verbarrikadierten sich als Putschstab im Antispionagedienst und ließen den rechten Major Ajuda, der ihre Pläne kannte, anstatt ihn festzunehmen, direkt ins Hauptquartier der Comandos nach Amadora laufen, wo er dem Stab der Rechten alles verriet.

Die Rechten schlugen, ohne zu zögern, mitten in die Ratlosigkeit der Linken hinein: Jaime Neves und Rimalho Eanes, beide bereits in den Spinola-Putsch vom 11. März verwickelt, operierten aus Amadora. Staatspräsident Costa Gomes, zugleich Generalstabschef der Streitkräfte, rief aus dem Belempalast den Ausnahmezustand aus, ließ alle Zeitungen einstellen — sogar ausländische waren nicht mehr zu kriegen —, und übers Radio liefen nichts als Generalstabskommuniqués.

Aurora mit Ladehemmung

Die aufständischen Regimenter verloren die Verbindungen untereinander. Keines ging in die Offensive. Einer wartete auf den anderen. Niemand gab Befehle, Informationen, Unterstützung. „Was ist mit RALIS, PM und den Marineinfanteristen?“ fragten die Paras. RALIS fragte nach der PM, die PM fragte nach COPCON, COPCON fragte nach der Marine, die Marine fragte nach Befehlen Admiral Rosa Coutinhos, der für eine „friedliche Lösung“ plädierte. Die 14 Kompanien Marineinfanteristen waren die stärkste Truppe im Land, sie hätten die Rechten zurückschlagen können. Das Marinefort Almada, am Ufer des Tejo, gegenüber dem Präsidentenpalast Belem, hielt seine Kanonen auf Belem gerichtet, noch bis zum Morgen des 27. November, trotzig, doch — ängstlich. Ein Panzerkreuzer Aurora mit Ladehemmung!

Um Mitternacht befahl Marinekommandant Almada Contreiras den Marinern, die Waffen niederzulegen. Ein Matrose: „Ohne Information konnten wir nicht auf die Straße gehen, auch wenn wir bereit gewesen wären, für das Volk und die Revolution zu sterben — aber blind, das nützt niemandem.“ Die vielzitierte SUV („Vereinte Soldaten siegen“) war nur im reaktionären Norden stark, in Lissabon und im Süden hatten sie erst begonnen, ein Kommunikationsnetz zwischen Soldaten und Volksfrontorganen aufzubauen.

Almeida: Die Soldaten verstehen mich nicht

RALIS-Kommandant Dinis de Almeida fuhr zwar um 16 Uhr am 25. November mit einer Kolonne nach Monsanto, um den Stützpunkt gegen die Comandos zu verteidigen, doch als die erwarteten Marineinfanteristen nicht kamen, kehrte er mit seinen Leuten zurück und wartete weiter. Als sich am 26. November um 5 Uhr früh die beiden regierungstreuen Panzer- und Infanterieregimente aus Santarem (EPC, EP!) bis auf acht Kilometer den RALIS genähert hatten und mit der totalen Zerstörung der Kaserne durch Panzer und Bomben drohten, gab Almeida auf: „Die Revolution ist verloren, wir brauchen keine Pfeile mehr“, sagte er. Keine Entscheidung, die er jemals ohne die Soldaten fällte — aber aus seinem Regiment verschwand er heimlich. Ein befreundeter Offizier fragte ihn, kurz bevor er um 5 Uhr früh des 26. November nach Belem ging, um sich dem Generalstab zu stellen: „Wirst du das den Soldaten sagen?“ Almeida: „Nein, denn sie werden es nicht verstehen.“

Sie wollten es nicht verstehen, noch den ganzen 26. November lang zögerten die Soldaten von RALIS — trotz festgenommenem Kommandanten. Sie hatten zwar längst abgetakelt, dennoch erklärten sie der vor der Kaserne versammelten Bevölkerung, sie hätten noch nicht aufgegeben, sie warteten noch immer auf die Unterstützung der Marineinfanteristen: Ein RALIS-Soldat: „Erst in der Nacht zum 27. November kapierten wir allmählich, daß die Marineinfanteristen nicht kommen.“ Dabei hatte sich die Marine bereits am frühen Morgen des 26. November dem Generalstab unterstellt.

Auch bei der Militärpolizei warteten die restlichen Linken, nachdem die drei Kommandanten Campos Andrade, Tome und Cuco Rosa bereits nach der Attacke der Comandos am 26. November um 6 Uhr früh aufgegeben hatten.

„Wo bleibt die Marineinfanterie?‘‘
Auf dem Panzerfahrzeug Major Dinis de Almeida (RALIS) bei den Rebellen in Monsanto (25. November). — In der Neujahrsnacht rief Almeida den tausend Linken, die vor dem Gefängnis in Caxias für seine Freilassung demonstrierten, durch das Zellenfenster zu: „Der 25. November war kein Putsch der Linken, sondern ein Komplott der Rechten, genau geplant und vorbereitet durch Provokationen gegen die fortschrittlichen Offiziere und Einheiten!“ Und: „Genossen, dies ist die Stunde des Kampfes und der Einheit aller Antifaschisten!" (Le Monde, 2. Jänner 1976)

Otelo nach dem Mittagsschlaf ...

Die große Hoffnung für die Linke war während der beiden Tage Otelo de Carvalho — er wurde ihre größte Enttäuschung. Alles, was die Linke in diesen Tagen an Gerüchten, Falschmeldungen und Fehleinschätzungen produzierte, rankte sich um den Namen Otelo. „Wo ist Otelo überhaupt?“ Gefangen, nein, im COPCON, nein, im COPCON leitet der aufgetauchte Chef der ehemaligen 5. Division, Varela Gomes, die Operationen, nein, die Einheiten von Lissabon gehorchen doch keinem anderen als Otelo, Varela Gomes steht der PCP zu nahe, als daß ihm die COPCON-Offiziere vertrauen würden, ja schon, aber Otelo, er plant mit den „18 Offizieren“ des COPCON eine Offensive, nein, Otelo hat aufgegeben, hat uns verraten, verraten, nein, er wurde selbst verraten, seine Mitarbeiter im Revolutionsrat haben hinter seinem Rücken einen Putsch gegen ihn vorbereitet, ja, aber warum stoppt er sie nicht, Otelo, warum ergreift er nicht die Macht, er könnte mit seinen Einheiten die Macht ergreifen! Er könnte zusammen mit der Marine den Revolutionsrat übernehmen! Er könnte mit der Militärpolizei den Präsidentenpalast einnehmen! Wo ist Otelo, der gefeierte Volksheld, der „Fidel Castro von Portugal“, der noch vor ein paar Tagen den Landarbeitern in Beja (Alentejo) zugerufen hatte: „Die portugiesische Revolution wird nie sterben. Die Stärke der portugiesischen Arbeiter, die jahrelang ausgebeutet worden sind, wird aufsteigen wie ein Gigant zum Sieg des Sozialismus. Volk, Freunde, Otelo ist mit euch. Ich werde immer an eurer Seite sein, um mit der Macht des Voikes zum Sozialismus zu schreiten.“ Otelo — glaubt ihm nicht, das ist ein Verbalrevolutionär, ein Bonapartist, der unterstützt die Massen nur, solange sie seine politische Macht stärken, der gehört entmystifiziert, der soll lernen zu kämpfen wie ein Arbeiter!

Währenddessen ruft Hauptmann Duran Clemente, eine der „toten Figuren“ der 5. Abteilung, von drei schwerbewaffneten Militärs beschützt, um 22 Uhr am 25. November übers Fernsehen zum Aufstand auf. Vor dem Fernsehstudio baut die Bevölkerung mit Autos und Lastwagen Straßensperren gegen die Comandos. Plötzlich wird Duran Clemente mitten im Satz unterbrochen, auf dem Bildschirm tanzt Danny Kaye über die Bühne eines amerikanischen Musicals. Die Regierung hat Fernsehen und Rundfunk nach Porto geschaltet. Zehn Minuten später erklärt Costa Gomes, im Kreise der Revolutionsräte stehend, übers Fernsehen den Ausnahmezustand. Unweit vom Präsidenten steht, in zugeknöpfter Lederjacke, geniert, den Blick zu Boden — Otelo: „Verräter!“ schreit die Kellnerin in einem Eßlokal in der Innenstadt. „Erst war er für uns und gegen den Revolutionsrat, der unsere Stimme, Radio Renascença, zum Schweigen brachte, jetzt läßt er zu, daß wir wieder von der GNR und der PSP (Polizei) unterdrückt werden. Wenn die die PIDE wieder rauslassen, dann tut er wohl auch nichts dagegen, der ‚Volksfreund‘! Wenn er nur einen hohen Staatsposten dafür kriegt!“ In der Tat — nach einigen Tagen Hausarrest wurde Carvalho zum Botschafter in Rumänien ernannt ...

Daß Otelo, wie Rosa Coutinho ein Gegner von Improvisationen, bereits am 25. November zu Mittag aufgegeben hatte (er erfuhr erst nach dem Mittagsschlaf von Putsch und Gegenputsch und kehrte mit den Worten „Schon wieder haben sie mich verraten“ heim zum großen Häuptling Costa Gomes), wollten nur wenige glauben. Bis in die frühen Morgenstunden des 26. November riefen die Menschen vor Belem hinter den selbstgebauten Straßensperren aus Sandsäcken, Gräben und Straßenbahnen nach Otelo. Vergeblich. Die Comandos kamen und schossen drei Menschen nieder.

Handtasche leeren für den Straßenkampf

Trotz Toten, trotz Niederlage der Linken knisterte es nach Mitternacht zum 26. November im Intellektuellenstübchen Café Brazileira von der „Volksarmee“, vom „Aufstand der Massen“, die nicht einmal mehr von der PCP kontrolliert werden könnten. In den auf Tischen und in Notizblöcke gekritzelten Kriegsschauplätzen hatte die Linke längst ihre Arbeiterdemokratie erkämpft! Die Alternativmacht gegen die Macht von oben! Die Selbstorganisation der revolutionären Arbeiterklasse! Den Einbruch der Massen! Mit welcher Frequenz die Straßen und Hausmauern unter unseren Schritten und Chören vibrierten! Die Regierung hat niemanden mehr, der die Ausnahmebefehle durchführt! Die Volksarmee, ja die Volksarmee!

Nicht verhandeln, nicht warten, sondern die Luftwaffenchefs und Premierminister Pinheiro d’Azevedo gleich erschießen, die Revolution durchführen, bis zum Ende, ate ao final, venceremos, avante, camarada! Fünf Minuten später sind die linken Intellektuellen abgeschlafft: die Linke, sie gibt auf, sie verliert ihr Terrain im Militär und in den Massen, sie gibt mühsam erkämpfte Positionen ab wie eine abgefahrene Fahrkarte, Geschichte beginnt beim Auswechseln von Türschildern, das junge Klassenbewußtsein hat die Massen nicht genug hassen gelehrt, wir sind verloren! (Doch der Rotwein schmeckt.)

Am 26. November machen sich einige portugiesische und ausländische Journalisten im Stammlokal der República-Leute auf, um die Waffen vor der RALIS-Kaserne zu ergreifen. Leise, aus Angst vor Agenten, hat ein Reporter, eben von Recherchen zurückgekehrt, gemeldet: „RALIS gibt doch nicht auf. Alle Revolutionäre mögen sich bitte vor der Kaserne versammeln. Die Soldaten verteilen Waffen.“ Die Stimmung wird pathetisch, man sieht einander in die Augen wie zum ersten (und letzten) Mal, denkt an die Liebsten daheim, sieht sich schon mit abgerissenem Bein, kramt die Handtasche aus, sucht nach dem Nötigsten für den Straßenkampf! Betrunken vom ausgiebigen Déjeuner, doch in korrektem Oxford-Englisch näselt der Korrespondent einer britischen Tageszeitung: „Ladies and gentlemen, ich rate Ihnen aus Erfahrung, schießen Sie immer auf die Füße, wenn Sie den Kopf treffen wollen!“

RALIS verteilt keine Waffen. Die meisten Arbeiter, die vor der Kaserne danach verlangten, stammten zumeist aus militanten PCP-Zellen. Ein alter Druckereiarbeiter bei Diario de Noticias, unterm roten PCP-Leiberl die Brandyflasche, den Mantel von den vielen durchwachten Nächten der vergangenen Wochen und Monate schon steif: „Wir Kommunisten, wir Arbeiter ganz unten, wir sind bei den Soldaten, auch wenn die Parteispitzen verhandeln.“

RALIS: In der Ebene von Encarnacao, für Bomben ein sicheres Ziel zwischen Panzern, Abwehrraketen, Kanonen, im Kasernenhof die 600 Soldaten den zweiten Tag in die Kampfanzüge gesperrt, schulterlange Locken, Bärte, die Leopardenkappe bis über die Augen ins kindliche Gesicht gezogen, die Sturmgewehre lässig baumelnd. Außerhalb des Kasernenhofs die Bevölkerung, nach Waffen schreiend. Dazwischen, wie in kleinen Cocktailgrüppchen, die interessierten Anthropologen, Soziologen, Politologen, neben internationalen Journalisten, Fotografen, Kameraleuten, Provokateuren, Agenten und — Revolutionären, mit tragischer Miene in Gespräche über die große Gefahr vertieft, gewichtige Analysen über die militärische Situation deklamierend. Wenn Mütter durch die Gitterstäbe des Kasernenhofs nach den Soldaten greifen und ihre Söhne anflehen: „So gebt doch auf, ihr dummen Kerle“, dann kritzeln die Intellektuellen ihre Interpretationen und Analysen in die Notizblöcke: Das portugiesische Proletariat greift nach den europäischen Ländern! Die Dynamik der permanenten Revolution entfaltet sich! Ein amerikanischer Tourist, eben aus Porto nach Lissabon gekommen, fragt mich, wo, bitte, der Bürgerkrieg sei, der müsse doch irgendwo hier sein ...

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1976
, Seite 8
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Cornelia Frey:

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