Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1970 » No. 200/201
Ernst Bloch • Adelbert Reif

Jules Verne statt Karl Marx?

Gespräch
Die Suche nach einem schon konkret faßbaren weltanschaulichen und politischen Leitbild ist ja gerade bei der jungen Generation überall in der Welt deutlich spürbar.

Existiert heute bereits eine Form des Sozialismus, die Ihrer Ansicht nach dem Zukunftsmodell einer wirklich sozialistischen Gesellschaft am nächsten kommt, und sei es auch nur in Teilbereichen des menschlichen Daseins?

Zweierlei zeigt die Fragestellung selbst: erstens das Bedürfnis, die Notwendigkeit einer wirklich sozialistischen Gesellschaft, zweitens, die Unsicherheit, den Mangel eindeutiger Antwort. Wir müßten uns das Modellhafte eines Landes erst heraussuchen und mit einer Lupe arbeiten, denn es gibt nirgends ein übertragbares Modell, es sind immer nur Bewegungen auf eine wirklich sozialistische Gesellschaft hin.

Man hätte sagen können: vielleicht Jugoslawien. Viele sagen: China, ein Land, von dem wir nicht viel wissen und dessen Verhältnisse nicht zu übertragen sind auf die unseren. Viele sehen Anfänge in jeder Tauwetterperiode, in der Begeisterung für den Marxismus ausbricht. In der Tschechoslowakei gab es ja gerade Freudentränen und Umarmungen, weil endlich die marxistische Revolution wieder sichtbar wurde ...

Innerhalb der Tauwetterperiode gab es keinen Abfall vom Sozialismus. Im Gegenteil: als Abgefallene erschienen die Apparatschiks von bisher. Die anderen sagten: wir machen den Anfang einer Bewegung, wir haben endlich wieder ein marxistisches Identitätsgefühl der Bewegung.

Also: die Frage läßt sich nicht geographisch, sondern jeweils chronologisch beantworten. In all den Epochen, in denen sich die erstarrten Verhältnisse in Bewegung setzten — und auch in der Sowjetunion in Zeiten des Tauwetters —, ist etwas gewesen, was da heißt: der alte Marx lebt noch; der neue Marx, der junge Marx oder der Marx unserer Tage oder der Marx der Tage, die vor der Tür stehen, der lebt noch, der ist nicht umzubringen. Denn eine andere Alternative als Marxismus oder Kapitalismus gibt es nicht. Oder es gibt Resignation — doch das ist keine Alternative.

Der Marxismus ist eben noch eine Theorie geblieben, mit viel Feuer allerdings, dem Feuer aus den großen Zeiten der russischen sozialdemokratischen Partei des 19. Jahrhunderts. Solange das nicht ausgetreten ist, haben wir Hoffnung. Hoffnung aber ist, wie ich oft genug gesagt habe, keine Zuversicht, denn zur Hoffnung gehört die Kategorie der Gefahr. Auf die Frage: Kann Hoffnung enttäuscht werden?, ist die Antwort in meiner Eröffnungsvorlesung in Tübingen gewesen: Und wie! Denn sonst wäre es ja keine Hoffnung, sonst wären es ja Zuversicht und Gewißheit.

Diese Hoffnung bleibt. Und diese Hoffnung ist nicht privat und nicht ein sträflicher Optimismus. Ein Optimismus mit Trauerflor ist sie, aber Optimismus, militanter Optimismus, der nicht von selbst kommt.

Im Zuge der modernen wissenschaftlichen und technologischen Entwicklung dringen immer mehr futurologische Entwürfe in das Bewußtsein der Menschheit. Besteht nicht die Gefahr, daß Marxismus als Philosophie, als Weltanschauung, und Sozialismus beziehungsweise Kommunismus als vorläufig dominierende Zukunftskonzeptionen für die menschliche Gesellschaft an Attraktivität und realer Bedeutung allein schon dadurch verlieren, daß auf Grund der rasch fortschreitenden Eroberung des kosmischen Raums die Menschheit vor vollkommen neue und anders geartete Grundprobleme ihrer Existenz gestellt wird?

Können für eine Menschheit, die im Begriff steht, sich den Weltraum zu erobern, Sozialismus und Kommunismus als weltanschauliche und historische Triebkräfte überhaupt noch „aktuell“ sein?

Ich finde diese Fragestellung grotesk. Wo ist hier ein Verbindungsglied? Die Erde haben wir jedenfalls — die bleibt, und die verschwindet nicht. Alle unsere Arbeit, die wir tun, geschieht unter dem ptolemäischen Gesichtspunkt. Dürrenmatt hat einmal ein hübsches Wort geschrieben aus seiner mit Ekel gemischten Enttäuschung bei der Betrachtung dessen, was auf dem Mond nun vor sich geht und wie es sich auswirkt — dieses Wort lautet: „Ich bleibe Ptolemäer.“

Also: die Erde steht für uns im Mittelpunkt; wir wohnen auf der Erde, und es wird durch Landung im Meer der Ruhe oder Meer der Stürme nicht im mindesten ein Problem auch nur berührt, geschweige verändert oder neu gestellt oder gar erledigt.

Und was diese futurologischen Phantasmagorien angeht: sind sie nicht ein „Escape“, ein neues Fluchtmotiv, das der Kapitalismus sich erfunden hat als Ersatz für den nicht mehr ganz glaubhaften Himmel? Ein Fluchtmotiv in ein neues Jenseits, um den Problemen hier auszuweichen. Nicht nur daß die amerikanische Rüstungsindustrie außerordentlich gut verdient an diesen Projekten; das alles ist auch zur ideologischen Ablenkung sehr nützlich, freilich nur im Augenblick einer Mondlandung und einer Rückkehr auf die Erde — nachher schweigen die Flöten wieder.

Das, glaube ich, wird dem Kapitalismus nicht gelingen, daß er dadurch den Marxismus weghebt, daß man auf dem Mond eines Tages vielleicht so herumlaufen kann wie bei uns bestenfalls in der Wüste Sahara im August ohne Wasser. Darin liegen doch gar keine Zukunftsperspektiven, die mit unseren menschlichen Zwecken, aus denen wir ja nicht heraustreten können, bisher irgendeine Beziehung haben. Bisher, sage ich ...

Ja, Futurologie: das ist auch so eine bürgerliche Ersatzform für Marxismus, dem man ausweichen will. Futurologie: das ist abstrakte Utopie, die hat es schon immer gegeben seit den ersten utopischen Bewegungen, die wahrscheinlich so alt sind wie die Menschheit, aber ohne Beziehungen zur harten Wirklichkeit. Während das andere eine nüchterne Analyse der vorhandenen Möglichkeiten ist, ein unverrückbares Ziel: Herstellung der klassenlosen Gesellschaft, Abschaf- ▓▓▓▓▓ machen, mit der griechischen Mythologie ebenfalls nicht: da gibt es nur einen einzigen, der eine Revolte gemacht hat, und der heißt Prometheus, dem ging es schlecht genug. Dagegen ist die Bibel voll von Revolution: „Eher gelangt ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher ins Himmelreich“ und ähnliche Sätze. Zugleich aber: „Ich und der Vater sind eins.“ Jesus sagt das. Also ist der Vater verschwunden ... „Wer mich sieht, sieht den Vater“, auch so ein Wort. Das ist Atheismus. Und das Wort Atheist ist am Hof Neros geprägt worden: hoi atheoei — das waren die ersten Christen, die wurden „atheoi“ genannt, weil sie nicht an Jupiter geglaubt haben.

Also: Hier sind atheistische Elemente mit Händen zu greifen. Im Christentum stecken sie drin, und im Christentum steckt die Revolte. „Ich bin gekommen, ein Feuer anzuzünden, ich wollte, es brennte schon“ — das ist nicht konstantinische Schenkung; so gibt es viele Sätze, die von der Kirche unterschlagen worden sind.

In meinem Buch „Atheismus im Christentum“ habe ich versucht ihre große Tradition in der Ketzerbewegung darzustellen. Das Christentum hat Ketzer hervorgebracht, das ist das Beste, was eine Religion überhaupt hervorbringen kann. Die griechische Religion hat keine Ketzer hervorgebracht, die ägyptische auch nicht — abgesehen von Echnaton im 14. Jahrhundert vor Christus. Dagegen ist die Geschichte des Christentums gepflastert mit Ketzerei, von oben bis unten; die Scheiterhaufen haben ja nicht umsonst gebrannt. Bei einigen Theologen von heute, zu denen Cox und andere gehören, ist der ketzerische Ton wieder frisch geworden.

Die großen Fragen, die unbeantworteten, nach dem Sinn des Lebens, nach der Rettung vor dem Beilhieb, den der Tod darstellt, der individuelle Tod, das Abreißen aller Zweckreihen, das bleibt. Ich sagte schon: mich wundert’s, daß ich fröhlich bin. Und dann gar der andere Beilhieb, der nicht für die Individuen, aber für alles, was wir mit weiter Sicht für die Zukunft machen, nun im allgemeinen Kältetod, in der Entropie steckt: wonach einmal hier alles sich auflöst, wonach die Planeten in die Sonne stürzen und der ganze Tanz von neuem losgeht. Wonach wie im alten Urdunst das Karussell der Weltentwicklung in Billionen Jahren sich wiederholt.

So ist das Interesse, das zur Apokalypse geführt hat, zur Offenbarung des Johannes, als Fragestellung lebendig. Um einen Sinn zu finden von all dem: das Wozu und zu welchem Ende. Schiller hat eine Antrittsvorlesung gehalten: „Wozu und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“ — Wozu und zu welchem Ende leben wir denn überhaupt? Da gibt es manchen Versuch von Antworten, die zum großen Teil religiös sind. Die Inhalte sind veraltet oder unhaltbar, die Frage aber bleibt, und der Topos der Fragen, worin sie stehen, der bleibt auch.

Das ist das Legitime an der Beschäftigung jener Theologen, die keine Kostgänger des Regimes sind, keine Kirchenmänner, sondern die als Homines religiosi von dieser Philosophie betroffen sind, mit einem Wort, mit einem Prinzip, das ja auch in der Bibel vorkommt: die Hoffnung.

Ich möchte in dem Falle, weil es zur letzten Frage gehört, einen Satz von Kant zitieren, der gewiß unverdächtig ist und ganz Aufklärung. Der Satz lautet: „Aufklärung ist Ausgang des Menschen aus selbstverschuldeter Unmündigkeit.“ Also gegen jede Unmündigkeit. Und in den „Träumen eines Geistersehers“ sagt Kant:

Ich finde nicht, daß eine vor der Prüfung eingeschlichene Neigung meinem Gemüte die Lenksamkeit nach allerlei Gründen vor oder dawider benehme, eine einzige ausgenommen. Die Verstandeswaage ist doch nicht ganz unparteiisch, und ein Arm derselben, der die Aufschrift führet: Hoffnung der Zukunft, hat einen mechanischen Vorteil, welcher macht, daß auch leichte Gründe, welche in die ihm angehörige Schale fallen, die Spekulationen von an sich größerem Gewichte auf der anderen Seite in die Höhe ziehen. Dieses ist die einzige Unrichtigkeit, die ich nicht wohl heben kann und die ich in der Tat auch niemals heben will.

Also: das metaphysische Bedürfnis bleibt, mit dem Versuch einer positiven Antwort. Hoffnung der Zukunft bezeichnet den Rayon, der bisher — außer so viel Apologie für die Herrenklasse — vom Besten im Christentum, vom Verfolgtesten in der Bibel verwaltet worden ist.

So sind also einige Theologen aus Betroffenheit an der Philosophie der Hoffnung interessiert, wobei man wieder achtgeben muß, daß man keine falschen Bundesgenossen bekommt.

▓▓▓▓▓ Hier dürfte im gedruckten Text eine Zeile (oder auch mehrere) dem Umbruch zum Opfer gefallen sein.

Ernst Bloch im NF

  • Zur Philosophie des Kriminalromans, Oktober 1962, S. 395 ff.;
  • Revolutionäre Verantwortung, Juli/August 1963, S. 329 ff.;
  • Traum von einer Sache, Dezember 1963, S. 579 ff.;
  • Über künstlerische und religiöse Wahrheit, Febr. 1964, S. 96 ff.;
  • Der Mensch als Möglichkeit, Aug./Sept. 1965, S. 357 ff.;
  • Materialismus als Enthüllung, Januar 1967, S. 5 ff.;
  • Herr und Knecht in der Bibel, Februar 1967, S. 127 ff.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
August
1970
No. 200/201, Seite 825
Autor/inn/en:

Ernst Bloch:

Adelbert Reif:

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