Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1983 » No. 352/353
Alfred Dallinger

Job statt Killer

A.D., österreichischer Bundesminister für Soziale Verwaltung und Vorsitzender der Gewerkschaft der Privatangestellten, der größten Einzelgewerkschaft im ÖGB, hielt das nachfolgende Referat im März vor dem Rationalisierungskuratorium der deutschen Wirtschaft in Frankfurt.

Prüfen wir die Vision einer arbeitslosen Gesellschaft: dieses »arbeitslos« ist gleichbedeutend mit menschenlos. Die von Arbeit „befreiten“ Menschen bedeuten eine von den Menschen entleerte Arbeitswelt. Eine im wahrsten Sinne des Wortes entmenschte Gesellschaft.

Vor rund 35 Jahren hat der sozialkritische Visionär George Orwell das Jahr 1984 in einer Weise dargestellt, die von den heutigen Realitäten in manchen Punkten eingeholt wurde. Diese Vision wird heute nicht nur von Futurologen, Science-Fiction-Schreibern und anderen Phantasten ausgemalt. Sie wird von namhaften Wissenschaftern ebenso wie von Vertretern der Unternehmer und der Arbeitnehmer als durchaus realistisch und noch in diesem Jahrhundert realisierbar bezeichnet. In manchen Geisterfabriken ist sie bereits Wirklichkeit geworden.

Welche Auswirkungen eine derartige Entwicklung haben kann, erkennt man in einer der größten Zeitschriften der Welt, dem US-Nachrichtenmagazın »TIMES«, das zum erstenmal in seiner Geschichte nicht einen Menschen, sondern den Computer zum „Mann des Jahres“ erklärt hat. Die Medien als Spiegelbild unserer Gesellschaft geben vereinfachend in Begriffen wie „Jobkiller“ oder „Jobknüller“ die unterschiedlichen Positionen wieder, die von Experten aller Weltanschauungen in die Diskussion gebracht wurden.

Die für uns heute schon begreifbare grenzenlose technische Totalität erfaßt täglich weitere Bereiche des menschlichen Lebens, und manches ist für den Menschen wohl nur deshalb erträglich, weil die Veränderungen größtenteils unbemerkt und unmerklich vor sich gehen. In Wirklichkeit hat die neue Technologie in Wirtschaft und Gesellschaft konsequent aber stillschweigend Einzug gehalten, hat unauffällig unsere Gesellschaftsstruktur unterwandert, hat die Basis für Eingriffe in unser Leben — die Verkabelung unserer privaten Sphäre ist nur ein Beispiel — und Möglichkeiten zu einer totalen Kontrolle geschaffen, die Orwells „Großen Bruder“ bei weitem nicht erzielte.

Als Orwell 1948 seine Vision der heutigen Realität niederschrieb, gab es in den Vereinigten Staaten den Computerriesen ENIAC, der 30.000 kg wog und mit 18.000 Radioröhren bestückt war.

Mikrochips mit Makrofolgen

Ob die Mikroelektronik — und sie ist es, die die Vorstellung einer arbeitslosen Gesellschaft erst ermöglicht — nun ein Fluch oder Segen ist, ob sie eine neue Technologie oder eine neue industrielle Revolution ist, ob sie Arbeitsplätze vernichtet oder neue schafft — oder beides — hängt nicht zuletzt davon ab, ob wır sie richtig zu nutzen wissen und ihre negativen Auswirkungen auf den Menschen egalisieren können.

Es wird nicht möglich sein, in einer neuen Art von Maschinenstürmertum, als Ludditen des 20. Jahrhunderts, nur die negativen Auswirkungen der neuen Technologien zu skizzieren, die dem Menschen drohen, der durch die Maschine ersetzt wird. Die Geschichte hat gezeigt, daß sich diese Befürchtung nicht bewahrheitet hat, daß der technische Fortschritt vielmehr zu neuen Industrien, zu neuem Wachstum geführt hat, daß neue Anwendungsbereiche entstanden sind und ausgeweitet wurden — daß die Dienstleistung nach und nach die in der Industrie freigesetzten Arbeitskräfte aufgenommen hat und damit die Gefahren der Ersten Industriellen Revolution vermindert hat.

Es wird aber ebenso wenig möglich sein, aus diesem Entwicklungsgang in Analogie auf die Folgen der neuen Revolution zu schließen, die gelegentlich als die postindustrielle bezeichnet wird. Denn diese wird in allen Bereichen, also in der Industrie, im Handel und in der Dienstleistung gleichzeitig wirksam werden. Wenn Roboter Roboter konstruieren können — sie können es bereits — dann wird es auch keinen arbeitsintensiven Bereich der Informationsindustrie geben; wo die „freigesetzten“ Millionenheere von Arbeitslosen Arbeit und damit Einkommen finden sollen, weiß freilich bisher niemand.

Wir befinden uns also mitten in einer Entwicklung, die in ihrem Ausmaß nicht abzuschätzen ist. Die folgenden Fakten und Zahlen mögen ihre Dimension umreißen und Tendenzen aufzeigen, die heute schon wirksam werden.

  • In den Bereichen Produktion, Arbeitsvorbereitung, Prüfung und Kontrolle, aber auch in der administrativen Verwaltung muß innerhalb der nächsten zehn Jahre mit Arbeitsplatzverlusten gerechnet werden.
  • In Forschung und Entwicklung, Service- und Kundendienst sind hingegen Personalzunahmen wahrscheinlich.
  • Durch den Übergang zur Elektronik wird der Bedarf an Mechanikern, Werkzeugmachern und Elektrotechnikern zugunsten von Elektronikern, Prüftechnikern, Programmierern usw. zurückgehen.
  • Neben dieser fachlichen Verschiebung wird die Mikroelektronik vor allem Arbeitsplätze mit monotoner Beschäftigung durch Handhabungsautomaten, sogenannte Industrie-Roboter, ablösen.
  • Rund ein Drittel aller in Zukunft Auszubildenden wird durch die Mikroelektronik betroffen werden, darunter die Berufe: Industriekaufmann, Elektroinstallateur, Maschinenschlosser, Mechaniker, Werkzeugmacher, Technischer Zeichner.
  • Durch höherqualifizierte Arbeiten reduziert sich der Bedarf an ungelernten Arbeitskräften. Dieser Trend geht zwar mit der immer größer werdenden Zahl von qualifizierten Schulabgängen konform, die zeitliche Übereinstimmung ist jedoch noch nicht erreicht.
  • Der verstärkte Einsatz der neuen Technologien begünstigt die Unternehmenskonzentration sowohl im Bereiche der industriellen Produktion, wie auch bei der Anwendung im Dienstleistungssektor.
  • Die Ausweitung der internationalen Arbeitsteilung, verbunden mit den starken Rationalisierungsmöglichkeiten bei der Produktion der Informationstechnologie einerseits und im Industriebereich, im Dienstleistungssektor und in der öffentlichen Verwaltung andererseits, führt zu größerer technologisch-struktureller Arbeitslosigkeit.

In allen Bereichen der Industrie zählen Daten- und Textverarbeitungsanlagen heute schon zur Standardausrüstung der Büros. Dazu kommen alle Möglichkeiten des rechnergestützten Konstruierens und der rechnergestützten Fertigung, die für die menschliche Arbeit kaum noch Platz lassen.

Industrieminus

Ein sehr interessantes Beispiel ist eine deutsche Gießerei, die 150 Personen beschäftigt. Dort wurde die Ersetzung von manuellem Zeichnen und Konstruieren durch computergestütztes Konstruieren abgeschlossen. Früher wurden 2 Diplom-Ingenieure und 15 Technische Zeichner benötigt. Heute wird noch 1 Diplom-Ingenieur, 1 Terminal und 1 Plotter gebraucht.

Auch in Österreich können wir mit einem Beispiel aus der Haushaltsgerätebranche dienen. Der Salzburger Betrieb hat stolz einen Freisetzungseffekt von 3 : 1 bekanntgegeben.

Die Zusammenführung von manuellen und nicht manuellen Tätigkeiten in automatisierten Industrieunternehmen erfordert, daß sich die gesamte Gewerkschaftsbewegung, die Regierungen und die Unternehmerverbände mit diesem neuen System intensiv beschäftigen müssen.

Handelsminus

Immer mehr Betriebe führen EDV-gesteuerte Systeme ein. Datenkassen, Bildschirme und Verkaufsstellenterminals gehören im Handel schon heute zu den Realitäten. Bei vielen erzeugt die Frage einer Rationalisierungswelle im Handel vielleicht nur ein Lächeln, weil man sich ganz einfach nicht vorstellen kann, daß der so traditionelle Beruf des Verkäufers bzw. der Verkäuferin verschwinden wird. Diese neuen Kassen sind allerdings nur die Spitze des Eisberges. Dahinter verbirgt sich ein komplettes Computersystem, mit dem sich der gesamte Warenfluß steuern und kontrollieren läßt. Damit schaffen die Datenkassen „nebenbei“ die Voraussetzung dafür, die Personaleinsatzplanung noch flexibler zu gestalten. Das exakte Datenmaterial über Umsatz pro Zeiteinheit und Kundenfrequenz liefert die Voraussetzung dafür, Arbeitskräfte kapazitätsorientiert und variabel einzusetzen, mit allen negativen Folgen für die Betroffenen.

Die Folge für den Arbeitsmarkt: Teilzeitarbeit weitet sich aus!

Nach Untersuchungen des amerikanischen Marktführers NCR ergibt das geschlossene Warenwirtschaftssystem Produktionssteigerungen bis zu 40%.

Das heißt:

Mit dem gleichen Personalbestand kann bis zu 40% mehr Umsatz bewältigt werden. Das heißt aber gleichzeitig, daß der gleiche Umsatz mit einer entsprechend verringerten Belegschaft bewältigt werden kann.

In Wien hat ein großer Warenhauskonzern neue Verkaufsräume eingerichtet, mit den gleichen Vorgaben wie die alten Verkaufsräume, sie müssen also gleich großen Warenumsatz erzielen. Wegen des Einsatzes elektronischer Geräte aber sollen sie mit nur einem Viertel der Belegschaft des Stammhauses auskommen.

Diese Entwicklung bewirkte, daß die Tätigkeit der Beschäftigten im Handel immer stärker abqualifiziert wird, daß daß eine gute Berufsausbildung für solche Arbeitsformen nicht mehr nötig erscheint. Es ist auch offensichtlich, daß mit der vermehrten Dequalifizierung ein Sinken des Einkommens und damit des Lebensstandards einhergeht.

Wenig beachtet werden auch die raschen Veränderungen in der Fernmeldetechnologie mit Einsatz von Fernsehen (Kabelfernsehen), Telefon, Heimrechnern usw. Hier entsteht das Potential für einen neuen Typ des Handels direkt zwischen Warenlager und Heim mit sofortiger Bestellung und Zahlung. Diese Systeme laufen derzeit versuchsweise sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in einigen Ländern Europas. Auch in Österreich läuft zur Zeit ein Pilot-Projekt Bildschirmtext, das aber bei weitem nicht die Akzeptanz hat, wie dies in der BRD der Fall ist: Dort steht die bundesweite Realisierung in Form eines Staatsvertrages bevor.

Das kann mittelfristig zu einem Verlust von zehntausenden Arbeitsplätzen im Groß- und Einzelhandel führen.

Auch bei Versicherungen, Banken und Touristikunternehmungen ist eine große Zahl von Arbeitsplätzen gefährdet. Nicht geklärt ist außerdem die Frage des Datenschutzes bei diesem neuen System.

Computhatcher

Die Anbieter und Hersteller von Computern überbieten sich im Aufzählen der ungeheuren Vorteile, die ihre Systeme besitzen und lassen dabei sehr gerne die Kehrseite der Entwicklung unerwähnt.

Die Britische Regierung hatte das Jahr 1982 zum »Jahr der Elektronik« erklärt und Millionen für eine Werbekampagne aufgewendet. Das Motto hieß:

Ohne Computer, Roboter, Bildschirme, Videospiele keine Zukunft für Großbritannien.

Ich glaube, daß die Britische Regierung besser beraten wäre, Millionen ın die Schaffung von Arbeitsplätzen für ihre mittlerweile 3 Millionen Arbeitslosen (das ist eine Arbeitslosenrate von 12,8%) zu investieren und auf diese Weise die Zukunft Großbritanniens sıcherzustellen.

Rules

Der Durchbruch der neuen Technologien, besonders der Mikroelektronik hat den Formen des technischen Handels und der Automation eine völlig neue Dimension eröffnet. Bis vor einigen Jahren waren es optimistische Prognosen, die über die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen der Entwicklung der Computertechnik angestellt wurden. Eine Automation würde nur den geringsten Teil der Arbeitenden erfassen. Sie sollte für den Wegfall körperlicher Arbeit und stupider Arbeitsvollzüge sorgen und insgesamt zu einer Differenzierung und Höherqualifizierung der Arbeit führen. Besonders der Einsatz von Industrierobotern ist von dem Anspruch begleitet, zu einer Humanisierung der Arbeit beizutragen.

Arbeitstrampel

Nachdenklich stimmt mich der Bericht eines Fachmagazins über die Suche nach dem idealen Operator für elektronisch gesteuerte Werkzeugmaschinen. Dieser Operator soll nach dem vorgegebenen Leistungsprofil „jede Ladung so exakt vorbereiten, wie man es ihm beigebracht hat, dann die automatisierte Maschine bei der Arbeit beobachten und schließlich die fertigen Werkstücke herausnehmen.“ Man fand diesen Wunscharbeiter auch: Er war 28 Jahre alt und hatte den Intelligenzgrad eines Zwölfjährigen. Nach dem Bericht der Fachzeitschrift wurde er als Bediener der elektronisch gesteuerten Werkzeugmaschinen deshalb angestellt, weil seine Beschränktheit ihm das Ausmaß an Geduld und Ausdauer ermöglicht, das zur sorgfältigen Überwachung der Maschine notwendig ist.

Ist das die Arbeit, die dem Menschen künftig bleiben wird? Im Zuge des Arbeitskampfes der Drucker in der BRD im Frühjahr 1978 hat das »Börsenblatt für den deutschen Buchhandel« die Zukunft so beschrieben:

Den Menschen bleiben dann nur noch Verrichtungen, die auch Sekretärinnen und Hilfskräfte leisten können.

Es erhebt sich für mich die bange Frage, was aus den Sekretärinnen und Hilfskräften werden soll, falls man auch ihnen einmal den Status von Menschen zuerkennen sollte.

The „Welle“

Die sichtbaren und die schon abschbaren Folgen haben solchen Optimismus jedoch nicht bestätigt. Vielmehr hat sich gezeigt, daß technologischer und sozialer Fortschritt nicht zwangsläufig parallel laufen.

Die neuen Technologien schaffen neue Belastungen am Arbeitsplatz, denen Gesellschaft, Staat, Arbeitnehmer und Arbeitgeber mehr Beachtung widmen müssen. Es wird notwendig sein, bereits im Stadium der Planung neuer Maschinen darauf zu achten, daß die Technik den menschlichen Fähigkeiten angepaßt ist, daß damit menschliche Geschicklichkeit und Qualifikation produktiver werden sollten.

Die Entwicklung weist im Moment aber eher in die gegenteilige Richtung.

Sich regen ...

Die technischen Anlagen und Apparate sind heute viel kürzerlebig und müssen sich deshalb aus betriebswirtschaftlichen Gründen viel schneller amortisieren. Das bedeutet einen größeren Leistungsdruck. Der Streß nimmt zu, man spricht bereits wieder von einer Enthumanisierung der Arbeit.

  • Die nervliche Belastung durch die ständige Konzentration, das Erfordernis der ununterbrochenen Anwesenheit beim Überwachen von Maschinen bzw. Arbeitsvorgängen wirkt sich negativ auf den menschlichen Organısmus aus.
  • Das vermehrte Arbeiten an Bildschirmen ist zwar „sauber“, stellt jedoch eine große Belastung für die Augen dar und führt nicht selten zu physischen, auch zu psychischen Störungen.
  • Immer mehr Maschinen und Apparate stehen 24 Stunden pro Tag in Betrieb. Diese bedürfen selbst bei geringem Personalaufwand gewisser Kontrollen. Dadurch wird von Arbeitgeberseite vermehrt der Wunsch nach Schicht- und Nachtarbeit laut.
  • Die Arbeitsintensität wird verstärkt durch den Wegfall von sogenannten „unproduktiven“ Handgriffen ım Arbeitsablauf.
  • Ein besonderes Problem aber wird die geistige Unterforderung wegen schwindender Arbeits inhalte sein.

Diese individuell und kollektiv einschneidenden Veränderungen unserer Arbeitswelt werden auf das soziale Klima nicht unwesentlich Einfluß haben. Denn

... bringt Traufe

  • Der Leistungs- und Verhaltenskontrolle über das Personal sind keine Grenzen gesetzt. Es können nicht nur alle Handgriffe kontrolliert, sondern auch Fehlminuten und Leistungsvergleiche automatisch registriert werden.
  • Menschliche Kontakte am Arbeitsplatz verarmen.
  • Dies alles belastet das Arbeitsklima zwischen einzelnen Arbeitnehmerkategorien (Männer/Frauen, Inländer/Ausländer, Ältere/Junge), entsprechend groß ist die Gefahr der Entsolidarisierung.
  • Je mehr die Spielräume für individuelle Kreativität des Menschen während der erwerbstätigen Zeit verschwinden, um so weniger nimmt der Mensch noch Anteil an seiner sozialen Umwelt. Darunter muß die Beteiligung am gesellschaftlichen und politischen Leben, somit die Demokratie leiden.
  • Dies ist nicht nur in vielen Bereichen bereits Realität und keine Zukunftsvision. Es ist auch quantifizierbar.

Zahlenschauder

Das bundesdeutsche »Institut für Produktionstechnik und Automatisierung« hat berechnet, daß Computer und Industrieroboter bis 1990 80% bis 90% der Industriearbeit übernommen haben werden.

Eine andere Studie über die Entwicklung des Einsatzes von Industrierobotern (BRD) ergab übereinstimmend, daß bei 10 aufgelösten Arbeitsplätzen einer neu geschaffen wird.

Nach anderen Berechnungen werden im Durchschnitt alle 6 Jahre um 20% weniger Menschen zur Produktion eines bestimmten Volumens benötigt. Diese technologische Entwicklung senkt also die gesellschaftlich notwendıge Arbeitszeit bei einem gegebenen Volumen von Produkten.

Die Prognose des »Europäischen Gewerkschaftsinstituts« in Brüssel, in aller Kürze zusammengefaßt: sollten sich in der politischen und ökonomischen Entwicklung nicht grundsätzlich andere Perspektiven und Entscheidungsprioritäten durchsetzen, dann wird man selbst bei konjunktureller Erholung in den Achtziger Jahren mit einer Arbeitslosıgkeit zu rechnen haben, die die gegenwärtigen Arbeitslosenzahlen verdoppelt oder verdreifacht.

Die »Carnegie-Mellon-University« in den Vereinigten Staaten bestätigt der gegenwärtigen Generation von Robotern die technische Kapazität, etwa 7 Millionen in Fabriken übliche Arbeitsgänge auszuführen — das heißt etwa ein Drittel aller vorhandenen Arbeitsplätze zu übernehmen; bis Anfang der Neunziger Jahre werde es technisch möglich sein, alle Maschinenbediener in der Kraftfahrzeugindustrie, im elektrischen Apparatebau, im Maschinenbau und in der Metallverarbeitenden Industrie durch Roboter zu ersetzen.

Die Theorien und Schätzungen des Potentials zur Automatisierung der Industriearbeit, die von 65 bis 70 Prozent sprechen, sagen nichts über die Rate, mit der die neuen Technologien tatsächlich an den Arbeitsplätzen Eingang finden werden. Das Tempo der Innovation wird von den relativen Kosten der Arbeit und der Computer-Technologie, aber auch von der künftigen Angebots- und Nachfragesituation auf den Märkten für Waren und Dienstleistungen abhängen.

Die amerikanische Gesellschaft der Fertigungsingenieure (American Society of Manufacturing Engineers) sagte 1980 vorher, daß Roboter in der Automobilindustrie bis 1985 etwa 20% der bestehenden Arbeitsplätze übernehmen, daß bis 1995 rund 50% aller Montagearbeiten durch automatisierte Maschinen ausgeführt werden.

Prognosen über die Auswirkungen weiteren Vordringens der Mikroprozessoren in der Bürotechnik auf die Beschäftigung in den Angestelltenberufen sind eher noch schwieriger zu erstellen. Die »Carnegie-Mellon-University« argumentiert, daß langfristig 38 von 50 Millionen Arbeitsplätzen ım Bürobereich von der Automation berührt werden dürften. Der für die Absatzstrategie zuständige Vizepräsident der XEROX-Corporation geht in einer konservativeren Schätzung davon aus, daß es bis 1990 rund 20 bis 30 Millionen Arbeitsplätze treffen wird. Ähnlich gelangt die Siemens-Studie Büro 1990 zu dem Schluß, daß sich bei konsequenter Automatisierung bis zu 70% der Schreibarbeiten durch Textautomaten ersetzen lassen.

Die Elektronikkonzerne selbst gehen mit „gutem Beispiel“ voran:

NCR konnte innerhalb kurzer Zeit sein Personal weltweit von 120.000 auf 62.000 Beschäftigte reduzieren. Schon 1976 schätzte der Siemens-Konzern, daß in seinen Betrieben durch die Automatisierung der Büroarbeit innerhalb weniger Jahre 25% bis 40% des Personals eingespart werden kann.

Daß Zahlen — aus dem Gesamtbild herausgelöst — Eindrücke verzerren können, geht aus der Behauptung des gleichen Konzerns hervor, die Elektronik könne ja auch Arbeitsplätze schaffen.

Im Geschäftsberichtsjahr 1978/79 — wird berichtet — nahm die Zahl der Mitarbeiter von Siemens um 12.000 Personen zu und erreichte am Ende des Geschäftsjahres 334.000 Köpfe. Die Schwerpunkte der Neueinstellungen lagen in jenen expandierenden Bereichen, in denen neue Technologien, vor allem die Mikroelektronik, zu neuen Produkten und damit zu steigendem Absatz und zur Erschließung neuer Märkte führen. Allein die zwei Unternehmensbereiche Daten- und Informationssysteme sowie Nachrichtentechnik brachten der Bundesrepublik 1.500 zusätzliche Arbeitsplätze.

Und im Geschäftsjahr 1981/82 heißt es dann:

Ausgerechnet im Rezessionsjahr 1982 konnte der deutsche Elektrokonzern Siemens den seit 1977 anhaltenden Rückgang der Gewinne stoppen: Eine drastische Produktivitätssteigerung ließ den Überschuß im abgelaufenen Geschäftsjahr von 509 auf 738 Millionen DM ansteigen. Der Personalstand mußte freilich reduziert werden. Um die Zahl der Kündigungen und Frühpensionierungen künftig in Grenzen zu halten, experimentiert der Konzern mit einem neuen Arbeitszeitmodell, das älteren Arbeitnehmern eine 20-Stunden-Woche bei teilweisem Lohnausgleich beschert. 1982 wird ın die Geschichte dieses Unternehmens als das Jahr der Produktivitätssteigerung eingehen.

Der Umsatz des Elektrokonzerns kletterte weltweit von 34,5 auf 40,1 Milliarden DM. Gleichzeitig wurde die Belegschaft um 4% auf 324.000 verringert. Trotz einer „Personalreduktion um 14.000 Mitarbeiter ist Siemens bisher ohne Kündigungswelle ausgekommen. Im Vorjahr wurde lediglich die Zahl der Neuaufnahmen auf rund ein Drittel des ‚normalen‘ Bedarfs von 18.000 bis 20.000 ‚Neulingen‘ begrenzt.“

Horrordaten

Irgendwo zwischen diesen Schätzungen der möglichen Rationalisierungen liegt die Wahrheit. Aber selbst die niedrigsten Schätzungen bedeuten eine Zahl von Arbeitslosen, die sich die Gesellschaft unter keinen Umständen leisten kann. Weder finanziell noch aufgrund der Gefahren der Arbeitslosigkeit für die Demokratie. Wir haben es in den Dreißigerjahren schmerzlich erlebt. Schon heute sind die damaligen Arbeitslosenzahlen erreicht und überholt.

1982 waren im Bereich der OECD 30 Millionen Menschen ohne Arbeit.

1983 werden es 85 Millionen sein.

Im Bereich der Europäischen Gemeinschaft stieg die Zahl der Arbeitslosen mit der ersten Rezession 1974/75 von 3 auf 5 Millionen an. 1982 wurden bereits 11 Millionen arbeitslose Menschen registriert und 1983 werden es 13 Millionen sein.

Bis 1985 ist ein Anstieg auf 15 Millionen möglich.

In den westeuropäischen Industriestaaten gab es Ende 1982 mehr als 16 Millionen Arbeitslose, das sind doppelt soviele wie 1979. 40% der Arbeitslosen sind junge Menschen unter 25 Jahren.

Österreich nimmt aufgrund der konsequent betriebenen Vollbeschäftigungspolitik seiner sozialistischen Regierung zwar eine schöne Sonderposition im internationalen Rahmen ein, doch waren im Jahresdurchschnitt 1982 auch bei uns 105.000 Menschen ohne Arbeit. Ende Dezember hielten wir bei 55.000 Arbeitslosen. Mitte Jänner waren es bereits 177.000, Ende Jänner und Ende Februar jeweils 181.000 Menschen, [*] denen der Zutritt zu den Produktionsstätten verwehrt und das Recht auf Arbeit verweigert wird.

Im Jahresdurchschnitt 1983 müssen wir mit 130.000 Arbeitslosen in Österreich rechnen, das sind 4,6%.

Die Krise ...

Diese Zahlen fallen in eine Zeit geringeren Wirtschaftswachstums und einer durch die Mikroelektronik erst möglich gewordenen Produktivitätssteigerung. Dementsprechend kann man die Lösungsvorschläge für diese Krise nicht eindimensional ansetzen, sondern muß den Zusammenhang der verschiedenen Parameter in ihrer Komplexität erkennen. Die Auswirkung der neuen Technologie auf Wirtschaft und Gesellschaft wird in der Tat erheblich sein, stellen die Herausgeber des Berichtes an den Club of Rome fest, sie wird aber nur eine von mehreren auffallenden und anhaltenden Tendenzen der Evolution der heutigen Gesellschaft sein und muß daher zusammen mit diesen betrachtet werden.

... bleibt, der ...

Die gesamte industrialisierte Welt befindet sich seit Mitte der Siebziger Jahre in einer der härtesten und schärfsten Wirtschaftskrisen. Die anfängliche Hoffnung, daß es sich bei dieser Krise nur um eine zyklische Rezessionsphase des kapitalistischen Wirtschaftssystems handelt, die bald durch Nachfragesteigerung wieder zur Hochkonjunktur führen werde, hat sich längst als trügetisch erwiesen.

Klassenkampf

Dazu kommt, durch die wirtschaftlichen Probleme noch vorangetrieben, daß die Unternehmer versuchen, bestehende Absatzprobleme durch Senkung der Gestehungskosten für Produkte und Dienstleistungen soweit wie möglich wettzumachen. Diese Senkung der Gestehungskosten bei gleichzeitiger Steigerung der Produktivität wird durch eine in diesem Ausmaß nie dagewesene Rationalisierungswelle erreicht.

... bleibt auch

Hauptbetroffen sind die Angestellten ın Büros, Banken und Versicherungen sowie im Einzel- und Großhandel, und unter den Angestellten werden in erster Linie die weiblichen Angestellten „wegrationalisiert“.

Veränderungen in der Nachfragestruktur und in den Konkurrenzbedingungen, besonders im Export, führen weltweit in fast allen Industriezweigen zu einer Konzentration der Investitionen auf neue Produkte und Produktionstechnologien.

Selbstverständlich kann kein Land, und schon gar nicht das „kleine“ Österreich losgelöst von der weltwirtschaftlichen Situation gesehen werden. Die weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen zwingen auch Österreich, die Industriestruktur zu verbessern, um konkurrenzfähige Produkte herstellen und vertreiben zu können. Dies erfordert die Überwindung des Technologiedefizits durch Einsatz neuer Technologien zur Herstellung arbeitsintensiver und Know-how-Produkte,

In der Zwischenzeit haben sich die Zeichen gemehrt, daß das Wirtschaftswachstum nicht mehr das Allheilmittel schlechthin ist. Um die Arbeitslosigkeit allein durch Wachstum zu beseitigen, müßte das Plus nach Berechnungen des DGB jährlich 6% betragen. Wenn das Wachstum aber nur 2% erreicht, wird es auch im Jahr 1990 noch 3 Millionen Arbeitslose in der BRD geben.

Daß diese Arbeitslosigkeit unter allen Umständen verhindert werden muß, ist eine gemeinsame Aufgabe von Regierungen und Gewerkschaften in der westlichen Welt, und internationale Initiativen zur Arbeitszeitverkürzung weisen darauf hin, daß dies auch weltweit bereits erkannt wurde.

Keinesfalls kann man sich mit der zynischen Prognose des Internationalen Währungsfonds abfinden, der vor einigen Monaten einer rücksichtslosen und menschenverachtenden Politik konstanter Sockelarbeitslosigkeit das Wort geredet hat. Unter dem Titel Währungsfonds sieht deutlichen Aufschwung hieß es da:

Bei sinkenden Inflationsraten, aber anhaltend hoher Arbeitslosigkeit können die Industriestaaten 1983 ein Wachstum von 2,5% erreichen.

Eine solche Entwicklung würde einer Bankrott-Erklärtung unseres Wirtschaftssystems gleichkommen.

Für die nächsten Jahre prognostizieren uns die Wirtschaftsforscher nur geringe Wachstumsraten, und diese werden noch dazu durch die Produktivitätsentwicklung überholt.

Im Frühjahr des vergangenen Jahres schrieb der österreichische Wirtschaftspublizist Horst Knapp, daß bei Steigen der Stundenproduktivität ım bisherigen Tempo — und dies ist angesichts der technologischen Entwicklung mehr als wahrscheinlich — selbst bei leicht rückläufigem Arbeitskräfteangebot dessen Unterbringung im Produktionsprozess nur bei tendenziell sinkender Arbeitszeit möglich sein wird.

Aus der Diskrepanz zwischen einer erfolgten 111%-igen Produktionssteigerung und einer 178%-igen Produktivitätssteigerung weist er mit mathematischer Zwangsläufigkeit nach, daß die Industrie 1980 in Österreich um 24% weniger Arbeitskräfte als 1964 hätte, wenn nicht die Arbeitszeit im praktisch gleichen Ausmaß (23,5%) zurückgegangen wäre. Ohne die Arbeitszeitverkürzung der Siebziger Jahre — das war ın Österreich die etappenweise Reduktion der Wochenarbeitszeit von 45 auf 40 Stunden, die Erhöhung des Mindesturlaubes von 3 auf 4 Wochen und zusätzlicher Urlaub für ältere Arbeiter und Angestellte — ohne diese Arbeitszeitverkürzung gäbe es heute in Österreich um 200.000 Arbeitslose mehr!

Schöne Aussichten für Ö

Unser Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung hat kürzlich verschiedene Szenarios vorgelegt, die unterschiedliche Auswirkungen der Mikroelektronik auf dem Arbeitsmarkt untersuchten und die auch für die BRD ınteressant sein dürften. Man ging dabei von folgenden Überlegungen aus:

Szenario 1: Wenn man annimmt, daß es in Österreich zu einer raschen Verbreitung der Mikroelektronik kommt und die eingesetzten Geräte zum Großteil importiert werden, ergeben sich für 1985 bei konstanter Arbeitszeit Arbeitslosenzahlen von 340.000, die bis 1990 auf 386.000 ansteigen würden. Das käme einer Arbeitslosenrate von mehr als 10% gleich.

Dieses Szenario könnte wahr werden, wenn die Unternehmer die Verbreitung der Mikroelektronik mit dem Argument der Erhaltung der internationalen Konkurrenzfähigkeit forçieren und mit dem gleichen Argument eine Arbeitszeitverkürzung verhindern.

Als direkte Folge des Mikroelektronik-Importes würde sich die Leistungsbilanz verschlechtern.

Als unmittelbare Folge der Produktivitätssteigerung durch Mikroelektronik gingen bis 1985 rund 120.000 Arbeitsplätze verloren.

Szenario 2: angenommen, den Gewerkschaften in Österreich gelingt es, die negativen Folgen der Verbreitung der Mikroelektronik zu kompensieren, und zwar durch Arbeitszeitverkürzung im selben Ausmaß wie in den Siebziger Jahren, erzwingbare Technologievereinbarungen und Niederschlagen der wachsenden Stundenproduktivität im Reallohn. Wenn man also in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts die Wochenarbeitszeit — so wie ich es anstrebe — auf 35 Stunden absenkt und wenn durch erwerterte Mitbestimmung der Arbeitnehmer die Verbreitung der Mikroelektronik verlangsamt wird, dann geht die für 1985 prognostizierte Zahl der Arbeitslosen auf 224.000 und die für 1990 prognostizierte Zahl sogar auf 165.000 herab.

Szenario 3: Interessant ist auch die hypothetische Berechnung der Arbeitslosenzahlen bei Arbeitszeitverkürzung und langsamer Verbreitung der Mikroelektronik, die im Inland produziert wird. Dann ergeben sich für 1985 nach dieser Studie 118.000, für 1990 sogar nur mehr 76.000 Arbeitslose.

Voraussetzung dafür müßten verstärkte Ausgaben für Entwicklung und Forschung, bessere Ausbildungskapazitäten und ein innovatives Klima in der österreichischen Wirtschaft sein.

Szenario 4: Um eine Vorstellung von der Größenordnung der Freisetzungen zu erhalten, die bei der in Österreich gegebenen Berufsstruktur möglich wären, wurde die volle Verbreitung ımportierter Mikroelektronik in den Büros und in der Produktion bei einer Arbeitszeit auf den Stand 1980 für 1990 angenommen. Dadurch würde die hypothetische Arbeitslosenzahl eine Größenordnung von 645.000 erreichen, etwa 300.000 Arbeitslose in der Produktion und etwa 270.000 ım Bürosektor.

Die Studie hat mittlerweile in der ganzen Welt Beachtung gefunden. Der US-Nobelpreisträger W. Leontief hat sie in »Scientific American« als entscheidenden Beitrag zur Arbeitszeit- bzw. Technologiefrage bezeichnet.

Sag, Heinrich

Die lawinenartige Verbreitung neuer Technologien in immer rasanterem Tempo und in immer gigantischerem Ausmaß führt und wird führen zur Wegrationalisierung. Damit, daß man die Tag für Tag gigantisch anwachsenden Arbeitslosenheere mit dem Prädikat „technologische Arbeitslosigkeit“ versieht, ist es nicht getan. Es stellt sich vielmehr weltweit immer unüberhörbarer die Frage nach der Entscheidung:

Inkaufnahme hoher und weiterhin steigender Arbeitslosigkeit oder Arbeitszeitverkürzung?

Moral:

Wir lehnen die Inkaufnahme von Arbeitslosigkeit und tatenloses Zusehen bei der bedrohlichen Aufblähung der Arbeitslosenheere mit aller Entschiedenheit als zynisch und menschenverachtend ab und werden dementsprechend zusätzliche Beschäftigungspolitische Maßnahmen setzen.

Eine dieser Möglichkeiten ist — neben anderen zusätzlich notwendigen Maßnahmen — die Arbeitszeitverkürzung.

Ich habe in meiner Funktion als Sozial- und Arbeitsminister die Auffassung vertreten, daß die Verkürzung der Wochenarbeitszeit jedenfalls in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts realisiert werden muß, und dies radikal, also in einem Schritt von 40 auf 35 Stunden, um Produktivitätssteigerungen entgegenzuwirken. Die zwischenzeitige weıtere Verschärfung der internationalen Wirtschaftskrise, die technologischen Veränderungen, die Millionenheere von Arbeitslosen und die dagegen zunehmend gesetzten Maßnahmen anderer Länder, die Arbeitszeitverkürzung als beschäftigungspolitische Strategie einsetzen, bestärken mich jedoch in der Ansicht, daß auch in Österreich die Arbeitszeitverkürzung früher notwendig werden wird, als wir jetzt annehmen.

Arbeits-Zeitverkürzung

Das Faktum, daß durch Arbeitszeitverkürzung als Instrument zur Umverteilung des Arbeitsvolumens Beschäftigung geschaffen werden kann, steht — nach anfänglich noch recht unterschiedlichen Positionen — heute allgemein außer Streit.

Sogar einige Minister Ihres Landes [der BRD] haben sich Anfang dieses Jahres — offensichtlich unter dem Druck der Arbeitslosenheere und vielleicht auch unter dem Druck bevorstehender Wahlen — für eine Arbeitszeitverkürzung ausgesprochen. Der deutsche Arbeitsminister Norbert Blum wollte sich dafür einsetzen, daß so rasch wie möglich die gesetzlichen Rahmenregelungen zur Verkürzung der Lebensarbeitszeit geschaffen werden. Gleichzeitig hatte Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff in einem Interview mit der Bild-Zeitung die Auffassung vertreten, Arbeitszeitverkürzung könne helfen, die wirtschaftlichen Probleme der BRD zu beheben.

Minister Blum erklärte vor Journalisten, daß zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit die von der Regierung beschlossenen Investitionsanreize durch Maßnahmen zur Arbeitszeitverkürzung ergänzt werden müßten.

Am 7. März hat auch der Wirtschaftsminister seine Meinung noch nicht geändert. Er hat die Arbeitgeber aufgerufen, ihre starre Haltung in der Frage der Arbeitszeitverkürzung aufzugeben. Zur Eröffnung der 35. Internationalen Handwerksmesse sagte Lambsdorff in München, er wünsche sich, daß die Arbeitgeber in ihrer Bereitschaft zu Verhandlungen eine „flexiblere Haltung“ einnähmen. Arbeitszeitverkürzungen könnten bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit flankierend wirken, dürften aber keineswegs zu höheren Kosten für die Wirtschaft führen. Bei der Verkürzung der Lebensarbeitszeit werde der Gesetzgeber zur Mitwirkung gezwungen sein. Das Konjunkturbild helle sich zunehmend auf; zahlreiche Indikatoren zeigten, daß das Schlimmste überstanden sei.

Mehr Mit-Bestimmung

Zur Bewältigung der durch die neuen Technologien entstehenden Probleme ist ohne Zweifel die Erweiterung der Mitbestimmungsrechte der Arbeitnehmer nötig, die ja von den negativen Auswirkungen unmittelbar und nachhaltig betroffen sind. Wir wollen diese Maßnahme auf allen Ebenen vorantreiben:

Die Mitbestimmung der Arbeitnehmer bei der Gestaltung ihres Arbeits-Platzes und ihrer Arbeit, die ja von den neuen Technologien besonders verändert wird, ist uns ebenso wichtig wie die betriebliche Mitbestimmung, die vor allem durch die gewählten Betriebsräte ausgeübt wird. Ferner sind in Österreich Bestrebungen im Gange, paritätische Mitbestimmung zu realisieren.

Wir glauben, daß dies weniger ın sozialpartnerschaftlichen Gremien zu lösen sein wird, sondern es bedarf gesetzlicher Initiativen, diese Form der wirtschaftlichen Mitbestimmung durchzusetzen.

Im Zusammenhang mit der Einführung von neuen Technologien gibt es in Österreich ein Technologieabkommen für den Medienbereich — den sogenannten ITS-Vertrag, der mit dem Herausgeberverband für alle Tätigen in den Printmedien abgeschlossen wurde: Drucker, Setzer, Kaufmännische Angestellte und Redakteure. Desgleichen gibt es auf Seiten der Gewerkschaft auch im Banken- und Sparkassenbereich Bestrebungen, mit den Unternehmern zu einem Rationalisierungsschutzabkommen zu gelangen.

Die Erarbeitung und Förderung von Selbstverwaltungsmodellen steht ebenfalls in den programmatischen Erklärungen der Gewerkschaft der Privatangestellten.

Die technologische Entwicklung ist kein unabhängiger und unbeeinflußbarer Prozeß. Die sozialen Folgen werden vielmehr entscheidend davon abhängen, inwieweit dieser Prozeß an den Bedürfnissen der Menschen statt an den Gewinninteressen orientiert ist, und in welchem Ausmaß die Arbeitnehmer und ihre Interessensvertreter bei den technischen und organisatorischen Entscheidungen mitbestimmen und mitentscheiden können.

Denn Technik ist nicht neutral, ihre Anwendbarkeit und Anwendung ist Ausdruck von Ideologie und Spiegelbild des jeweils herrschenden gesellschaftlichen Systems. Es muß uns gelingen, eine Technologie zu entwickeln, die dem Menschen dient und ihn nicht zum Sklaven der Maschine macht.

Ich betone diese Forderung nachdrücklich, weil ich sie für unabdingbar und notwendig halte, wenn ich etwa in der Broschüre Konzept Sparkasse 88 des österreichischen Sparkassenverbandes unter EDV — künstliche Intelligenz folgende pervertierte Möglichkeit des Computereinsatzes dargestellt finde:

Die amerikanischen Bombardements in der letzten Phase des Vietnamkrieges waren von A bis Z computergesteuert. Im Dschungel abgeworfene Sensoren meldeten herannahende Feindkräfte und konnten sogar zwischen den Geschlechtern unterscheiden. Unbemannte Bomber stiegen computergesteuert auf und ihre Raketen fanden mit einer bis dahin noch nie dagewesenen Trefferwahrscheinlichkeit über die Laserstrahltechnik ihre Ziele.

(Ersparen Sie mir bitte die Antwort, warum die Amerikaner dennoch den Krieg verloren haben.)

Die Brisanz der Probleme verpflichtet uns, rechtzeitig und rasch geeignete Maßnahmen zu ergreifen.

Wir müssen daher die Vorteile der neuen Technologie zur Erzeugung der gesellschaftlich notwendigen Produkte einsetzen, müssen inhumane und menschenunwürdige Produktionen ausklammern und dazu kommen, daß der Mensch durch die Technologie nicht dequalifiziert und mit seinen intellektuellen Fähigkeiten ignoriert wird. Nochmals diese Broschüre:

In Japan werden trotz hoher Gehälter Waren kostengünstiger hergestellt, da der Personalaufwand durch den großzügigen und umfassenden Einsatz von Industrierobotern praktisch reduziert wurde. Letztere — also die Industrieroboter — kennen keınen blauen Montag und arbeiten genauer als vergleichbare biologische Einheiten.

Diese biologischen Einheiten, das sind wir, meine sehr geehrten Damen und Herren! Hier gilt es — ich erblicke darin eine ganz wesentliche Aufgabe der Gewerkschaften — durch eine entsprechend ausgebaute und wirkungsvoll ausgeübte Mitbestimmung und Mitgestaltung von allem Anfang an mit allem Nachdruck gegenzusteuern.

Die moderne Technik kann, wenn sie richtig eingesetzt wird, der Humanisierung der Arbeitswelt ohne weiters entsprechen. Und darin liegt auch die Chance der technischen Entwicklung: ihre Nutzbarmachung für den Arbeıtnehmer.

Gleichzeitig müssen aber die Gefahren der neuen Technologie erkannt und verhindert werden. Technische Entwicklung wird vom Menschen initiiert, gesteuert und angewandt. Sie ist daher auch vom Menschen beeinflußbar. Die Nutzbarmachung für den Menschen erfolgt jedoch nicht automatisch. Die Entwicklung auf dem Computersektor, die enorme Verkleinerung und Verbilligung der Computer und die damit verbundenen Einsatzmöglichkeiten zeigen, daß diese Organisations- und Planungstechnologie die Wirtschaft nicht planbarer gemacht hat. Das Vorhandensein von Planungsinstrumenten reicht daher nicht aus, da es kein technisches, sondern ein politisches Problem ist, ob die Technologie für den Menschen oder gegen ihn eingesetzt wird.

Gerade im Hinblick auf die zunehmende Rationalisierung im Dienstleistungssektor möchte ich davor warnen, daß man den Menschen beseitigen kann. Ich unterstelle in keiner Weise, daß dies zunächst beabsichtigt ist aber ich möchte auf die Eigengesetzlichkeit verweisen, der solche Veränderungen unterworfen sind.

Nach wie vor liegen die Bereiche Arbeitsorganisation und Arbeitsgestaltung in der Kompetenz des Managements. Die Wirtschaft steht nicht, wie immer wieder behauptet wird, im Dienste des Menschen. In unserer Gesellschaft wird produziert um der Produktion willen, erzeugt wird das, was am meisten Gewinn verspricht und nicht das, was die Menschen am dringendsten brauchen. Die Humanisierung der Arbeitswelt ist daher nur durch Demokratisierung der Gestaltungsentscheidung möglich. Das bedeutet die Mitbestimmung der Betroffenen und ihrer Vertretung.

Offensive Mitbestimmung

Darunter verstehe ich, daß wir nicht nur auf eine vorhandene und entwickelte Technologie reagieren, sondern agieren, indem wir Technik selbst in unsere Vorstellungen und Forderungen einbeziehen und die Technik als Aktives Instrument menschengerechter Arbeitsplatzgestaltung verwenden. Diese Strategie setzt neben einer entsprechenden Erweiterung der Mitbestimmungsrechte eıne langfristige und umfassende Planung der betrieblichen und überbetrieblichen Entwicklung unter Einbeziehung von Betriebsrat und Gewerkschaft voraus und vor allem ein Umdenken in den gesellschaftlichen Wertvorstellungen und dem, was als nützlich und produktiv angesehen wird.

Wir müssen uns in den Entwicklungsgang integrieren, um ihn zu beeinflussen. Nicht als Maschinenstürmer, nicht als Verhinderer der technologischen Entwicklung, aber als Mahner und Wahrer der Menschenwürde der Arbeiter und Angestellten in den Betrieben.

Jetzt haben wir es noch in der Hand, die Entwicklung in die Richtung unserer Interessen zu lenken. Nur dann, wenn wir die Mikroelektronik zum Nutzen des Menschen einsetzen können, wird der Weg in die arbeitslose Gesellschaft, der Weg in eine entmenschte Arbeitswelt zu vermeiden sein — und wir werden alles daran setzen, daß dies geschieht.

Damit nicht den Robotern, damit den Menschen die Zukunft gehört.

[*Ende März 151.000, d.s. 5,3% — jeder sechste steht wieder in Diensten — Red.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
1983
No. 352/353, Seite 33
Autor/inn/en:

Alfred Dallinger:

Geboren in Wien 1926, gestorben bei einem Flugzeugabsturz am Bodensee 1989. Politiker und Gewerkschafter, ab 1980 Bundesminister für soziale Verwaltung (seit 1987 Bundesminister für Arbeit und Soziales) in den Kabinetten Kreisky IV, Sinowatz, Vranitzky I und Vranitzky II. Galt als Gestalter der aktiven und experimentellen Arbeitsmarktpolitik. Eng verbunden mit dem Namen Dallingers sind die Forderung nach einer Wertschöpfungsabgabe zur Sicherung des Sozialversicherungssystems und nach der 35–Stunden-Woche sowie nach Gleichberechtigung von Frauen in der Arbeitswelt.

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