FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1954 - 1967 » Jahrgang 1955 » No. 17
Friedrich Torberg

In memoriam Alfred Polgar

Das war vor etwa zwölf Jahren in New York, wir saßen beisammen, vier oder fünf Emigranten in der nicht sehr geräumigen Wohnung eines sechsten, und plötzlich kam jemand mit der Alarmnachricht an, daß ein hochbetagtes Mitglied der europäischen Künstlerkolonie schwer erkrankt sei, besorgniserregend schwer. Die Besorgnis griff denn auch prompt um sich und lagerte lähmend im Raum — bis mit beschwichtigender Gebärde und sanftem Trost sich Alfred Polgar vernehmen ließ: „Keine Sorge. Der ist schon über das Alter hinaus, in dem man stirbt ...“ Die Lähmung war gebrochen, und der Hochbetagte, damit auch dies gesagt sei, lebt heute noch.

Alfred Polgar, der am 24. April 1955 in Zürich gestorben ist, war offenbar über das Alter, in dem man stirbt, noch nicht hinaus. Weniger als das: er schien es mit seinen mehr als 81 Jahren noch gar nicht erreicht zu haben. Man hatte, wenn man in seiner Gesellschaft war, keineswegs das Gefühl, in der Gesellschaft eines Alternden zu sein oder gar eines Greises. Sondern es saß da ein soignierter Herr, der mit so müheloser Eleganz am Gespräch und an den Dingen ringsum Anteil nahm, daß die Frage nach seinen Jahren sich gar nicht stellte. Auch ein Vierteljahrhundert früher hatte sie sich nicht gestellt (ungefähr so weit reicht die persönliche Basis zurück, auf die sich diese Aussagen stützen). Weder war Alfred Polgar damals so alt wie jetzt, noch war er jetzt so jung wie damals. Sondern er war jederzeit und jeder Zeit gegenwärtig, Zeit seines Lebens. Und das macht es entsetzlich schwer, an seinen Tod zu glauben.

Die Permanenz, die schlechthin einmalige Kontinuität, die ihm eignete — nein: die er darstellte — hat auch sein Oeuvre ausgezeichnet. Es trat sogleich in unverwechselbarer Gestalt und Struktur zutage, es besaß im höchsten Maße das, was Hermann Broch als ‚‚Altersstil‘‘ verstanden wissen wollte [1] und was vom „Alter“ des Schöpfers unabhängig ist: eine vorweggenommene Endgültigkeit, die alle ihre Entwicklungsphasen bereits ausgeprägt hat. Mochte Polgars Wesen in den letzten Jahren dann und wann ein wenig patiniert erscheinen und sich in etwas weiterer Entfernung von den Dingen halten, mochte der lustvolle Zugriff seines Witzes (nämlich die Lust am Zugreifen) sich dann und wann hinter eine abendlich abgeglättete Sanftmut zurückziehen was seine Arbeit und seinen Stil betraf, so war da von Patina und Entfernung, von Abend und Rückzug auch nicht die Spur, so war da alles frisch wie am ersten Tag. Kein Satzbau galt ihm sicher genug, daß er sich in ihm vorzeitig hätte verschanzen mögen, kein Komma so gering, daß er ihm nicht den ganzen Bau geopfert hätte, und wenn er sich auf die Wort-Pirsch begab, brachte er seine Losung so vorbildlich gesäubert und in so gepflegtem Zustand zurück, daß man ihr die Herkunft aus dem Ur-Wald der Sprache gar nicht mehr ansah und sie für „leichtes Geplauder“ hielt. Polgar wußte es anders, und gelegentlich sagte er’s auch. Er sagte es auf Umwegen, die bei ihm freilich kürzer waren als bei andern der direkteste Weg, mit liebenswürdig verhohlener Aggression, die in Charme eingepackt war wie eine bittere Pille in Watte, mit kunstvoller Strategie, die eine freundliche Belanglosigkeit unversehens vor die eigentlich gemeinte Bosheit schob — ein Verfahren, das wohl am besten als „Dolchstoß im Nebensatz“ zu bezeichnen wäre. Aber er traf desto sicherer, er stach, wie im Kartenspiel das kleinste Atout die Asse aller Farben sticht. „Wenn die Leute wüßten, wieviel Geist dazu gehört, um zu verbergen, daß man keinen hat!“ schrieb er einmal über einen als geistreich verrufenen Zeitgenossen; und über den Conferencier eines russischen Emigranten-Cabarets: „Wie gut muß der Mann deutsch können, daß er zu jedem Hauptwort unfehlbar den falschen Artikel erwischt ...“

Polgar seinerseits „erwischte“ nichts. In seiner Liebschaft mit der Sprache gab es keine zufälligen Fügungen. Er entdeckte und erfand, und immer das, was es für die besondere Gelegenheit zu entdecken und zu erfinden galt. So schickt sich’s ja für den Verliebten, dessen Aufmerksamkeit (im zweifachen Sinn des Wortes) niemals nachlassen darf. Die Aufmerksamkeit, die Karl Kraus der Sprache zuwandte, war die Aufmerksamkeit der Eifersucht, die alles geheiligte Recht auf ihrer Seite weiß. Bei Polgar war es die Aufmerksamkeit der Werbung, die sich nichts davon anmerken läßt, daß sie ihres Erfolges sicher ist. Zwischen Karl Kraus und der Sprache bestand ein Verhältnis absoluter Lebensgemeinschaft. Zwischen Alfred Polgar und der Sprache bestand ein Verhältnis. Daß er es niemals ausdrücklich legitimiert hat, lag wohl nur an seiner Abneigung gegen Pomp und Pathos. Aber er blieb daran gebunden, und aus dieser Bindung ergaben sich Tonfälle und Schattierungen, die magischen Klang und unvermutetes Licht erzeugten, Füllungen und Fassungen, die den Feingehalt eines Wortes oder einer Wendung gewaltig aufwerteten, spielerisch zurechtgedrechselte Antithesen, kostbar geklöppelte Spitzen, immer Neues, nimmer Müdes. Es war ein glückliches Verhältnis von allem Anfang an und ein lebendiges bis zum Ende.

Und darin beruht die Konstante, als die sich Polgars Lebenswerk präsentiert. Darum war sein moralischer Standort keiner noch so leisen Schwankung unterworfen, sein menschlicher Blick keiner noch so leisen Trübung. Darum könnten ganze Satzpartien aus den Glossen und Kritiken, die er kurz nach der Jahrhundertwende für die Wiener „Zeit“ zu schreiben begann, ebensogut in seinem letzten Theaterbericht stehen, der uns noch von ihm selbst übergeben wurde und dessen Publikation wir uns zur großen und verpflichtenden Ehre anrechnen.

Es lebt nun keiner mehr, dem gegenüber wir solche Verpflichtung empfänden, keiner, den wir für diese Seiten als Maß und Mentor ansehen wollten und der uns die nachweisliche Identität von geistiger und sprachlicher Verantwortung demonstrieren würde. Alfred Polgar, geboren 1873 zu Wien, Generationsgefährte von Rilke und Hofmannsthal und Karl Kraus (und sogar um eine Kleinigkeit älter als sie), Mitrepräsentant einer Epoche, in der Österreichs neuere Literatur zur Hochblüte gedieh, stolz wie ein Gymnasiast, als aus den kürzlich von Gustav Janouch veröffentlichten „Gesprächen mit Kafka“ hervorging, daß der um zehn Jahre Jüngere ihn einen „tüchtigen Makkabäer im Lande der Philister“ genannt hatte, gelassen wie ein Irrenarzt, wenn er’s mit den Wirrsäligkeiten des Daseins zu tun bekam (und er bekam es oft und tragisch mit ihnen zu tun), von rührender Bereitschaft im Umgang mit den Nachstrebenden und von rührender Wärme in der Beurteilung ihres Strebens — Alfred Polgar ragte als letzter zu uns herüber aus einer Zeit, die noch nicht gänzlich aus den Fugen war, zu uns herüber aus einer Welt, in der Schmach und Gram noch keine ständigen Einrichtungen waren: und hat sich ihnen dennoch gänzlich gestellt, hat dennoch ständig zu uns gehört, die wir keine andre Zeit und keine andre Welt mehr kannten. Aber ihn haben wir noch gekannt.

[1Anmerkung des Verfassers: Näheres über diesen Begriff findet sich in einigen an mich gerichteten Briefen Hermann Brochs, die in der „Neuen Rundschau“ (1951/IV) auszugsweise erschienen sind.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
1955
No. 17, Seite 184
Autor/inn/en:

Friedrich Torberg:

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