FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1995 » No. 499-504
Herbert Auinger

Honoratioren-Terrorismus

Die geistigen Ursachen
Ein Kunstgenuß
F.W. Bernstein

Nach Meinung der Kriminalisten und der Öffentlichkeit verhält es sich ungefähr so: Irgendwo hocken schon länger ein paar akademisch gebildete Stammtisch-Faschisten beieinander und räsonieren überVolkstum und Überfremdung. Vielleicht ein Herr Doktor (der Rechte), ein Herr Professor (für Sozialkunde), ein Herr Ingenieur (der Chemie) — mag auch sein, daß diese Fähigkeiten völlig anders auf beruflich und hobbymäßig engagierte Köpfe verteilt sind, juristische Grundkenntnisse erwirbt schließlich jeder Prozeßhansel. Egal. Jedenfalls kommt Anfang der 90er Jahre Unruhe in diese ehrenwerte Gesellschaft.

Die Politik erklärt nämlich die Ausländer zum gleichnamigen -problem. Die einschlägige Rechtslage wird dem beschlossenen Handlungsbedarf angepaßt, das demokratische Wechselspiel zwischen Regierung und Opposition handelt das Thema ab. Ein Volksbegehren der Freiheitlichen wirft der Regierung volkstumsgefährdende Unterlassungen in der »Ausländerfrage« vor, die Regierung kontert mit dem Vorwurf, hier würden Probleme, die bereits »in Operation« seien, von den Verkehrten hochgespielt und also »mißbraucht«. Die staatstragenden Parteien bekennen sich dazu, dem wundersamerweise wachsenden Ausländerhaß das Wasser abzugraben, indem ihm das Objekt — der Ausländer entzogen wird. Das gilt als einzig sachgerechter Kampf gegen ausländerfeindliche Tendenzen. Engagierte Jugendliche sehen sich in ihrer Meinung zum »Ausländerproblem« bestätigt und fühlen sich ermuntert, angebliche Versäumnisse der Regierung auf eigene Faust zu korrigieren. Diese Privatgewalt gegen Ausländer wird natürlich bestraft, sofern die Übereifrigen erwischt werden — wie alle Gewalt will der Rechtsstaat auch die gegen Ausländer bei sich monopolisieren. Schon lange und sehr verständnisvoll geduldete Wehrsportler werden noch frecher als gewohnt, auch vor laufender Fernsehkamera. Sie sehen die »Ausländerfrage« als volkszersetzendes Werk einer verbrecherischen Regierung, und kokettieren damit, diese Verräter zur Verantwortung zu ziehen — durch Aufhängen an »Straßenlaternen«‚ im Namen des gerechten Volkszorns. Das finden die Regierenden gar nicht mehr witzig und kündigen ihre bisherige Toleranz gegenüber Küssel und Co. auf. Die unvermeidliche kritische Öffentlichkeit macht ein Riesentheater mit 200.000 lichtleintragenden Statisten, wegen ihrer Sorge um den guten Ruf der Nation vor ihren eigenen gestrengen Augen. Dieser ist weniger durch die stattfindende Ausländerpolitik und mehr durch das — via Volksbegehren — offensive Bekenntnis zum Prinzip »Ausländer zuletzt!« bedroht, und wird durch die Ernennung von Jörg Haider zum Sündenbock gerettet.

Die Honoratiorenrunde mit ihrer faschistischen Allgemeinbildung — Geschichte als ewiges Völkerringen, das Leben als Rassenkampf ums Dasein und so sieht sich einerseits auf der ganzen Linie bestätigt: Jawohl, hier führt eindeutig ein Volk seinen Kampf gegen volksfremde Elemente, die als Gastarbeiter und Asylanten bajuwarisch besetzte Siedlungsräume unterwandern. Endlich ist das, wofür sie die längste Zeit als Spinner belächelt wurden, zum anerkannten Problem geworden. Andererseits macht sich Enttäuschung breit. Von einer endgültigen Lösung der Ausländerfrage kann gar keine Rede sein — die Politik geht nach wie vor berechnend mit dem verschärft schikanierten Ausländermaterial um, und nicht vom Standpunkt der radikalen Säuberung des Volkskörpers von fremden Elementen, was die Rassisten angesichts der von ihnen entdeckten »Tschuschendiktatur« auch nicht wundert. Der allgemein als Scharfmacher gehandelte Haider will, nach der Meinung der heimatkundlich versierten Geschichtswixer und laut Eigenauskunft, die verantwortungslosen Machthaber »gewaltfrei« ablösen — er schätzt bekanntlich die Demokratie als Verfahren, eine Regierung »ohne Blutvergießen« zu stürzen. Jedenfalls überantwortet er seine Machtergreifung dem notorisch unzuverlässigen Stimmvieh, und das in der Stunde der bedrohten völkischen Existenz — wie unangemessen, meinen die Bajuwaren! Die nachrückende Generation junger Kämpfer wiederum, zwar minder gebildet, ungehobelt und versoffen, aber mit einem gesunden rassistischen Wesen, wandert wegen Wiederbetätigung und sonstiger einschlägiger Delikte ins Gefängnis. In dieser hoffnungslosen Situation des Notstandes macht der Hobbyhistoriker-Stammtisch einen gar nicht so großen Schritt: den von der Theorie des völkischen Abwehrkampfes zur Praxis. Bomben explodieren.

Zur Zielgruppe zählen alle, die der »Überfremdung« Vorschub leisten, ob aus Mitleid, aus arbeitsmarktpolitischen Gesichtspunkten, aus »multikultureller« Überzeugung oder anderen Kalkülen. Besonders verhaßt sind vom Staat als »Volksgruppen« anerkannte Minderheiten, weil da die Existenz einer irgendwie andersgearteten völkischen »Identität« amtlich zur Kenntnis genommen wird, ohne die Betreffenden aus dem Staatsvolk auszugrenzen, was dem Sortierungswahn der Bajuwaren als besonders abartig auffällt. Vor einer slowenischsprachigen Schule und bei einer Zigeunersiedlung werden Sprengkörper deponiert, die eine wesentlich größere Wucht entwickeln als die per Post verbreiteten.

Die Republik ist sich einig, es handelt sich um »Verrückte« im »Rassenwahn«, um »Fanatiker« und »Sektierer«. Stimmt alles — aber diese bequeme Qualifizierung erschlägt in dem Fall nur zu offensichtlich sowohl den Zusammenhang der Bajuwaren zur Ausländerpolitik — die ist denen einfach zu lasch — als auch die adäquate Würdigung der sonst so wichtig genommenen und von den Terroristen selbst so ausführlich publizierten »geistigen Ursachen« ihrer Taten:

Nächstes Jahr gedenkt die Republik das Tausendjährige Reich zu feiern, diesmal das richtige, nämlich sich. Das Faktum, das vor diesen 1000 Jahren angesiedelt sein mag, hat zwar mit der real existierenden Republik Österreich überhaupt nichts zu tun, und die Kontinuität ist eine rein erfundene, fingierte. Das Bedürfnis, sich in eine Tradition zu stellen und ihr bei Bedarf ebenso erfundene »historische« Aufträge, Lehren und Rechte zu entnehmen, läßt sich dadurch aber nicht stören. Gestiftet werden soll auf diese Weise ein Bewußtsein der Notwendigkeit und Legitimität der jeweiligen aktuellen nationalen Sache, die man auch aus dem schönen Grunde unwidersprechlich finden soll, weil es sie — angeblich — schon so lange gibt. Kurz, der dumme Spruch, mit dem Verfechter eines gehörigen Respekts vor Traditionen öfter mal ein fehlendes Argument ersetzen »Das war schon immer so!« — wird durch traditionsbewußtes Feiern von runden Geburtstagen in den Rang einer offiziellen Staatsdoktrin erhoben. Die fällige Konkretisierung nationaler Rechte und Aufgaben, die angeblich der Tradition »entnommen« werden, ergibt sich ohnehin aus der gegenwärtigen Lage der Nation und nicht aus dem gefeierten verflossenen Ereignis, also wird sich im Jahre 1996 ein Bezug auf »Europa«, locker kombiniert mit »Osterweiterung«, kaum vermeiden lassen. »Die Geschichte« wird bei solchen nationalen Gedenkstunden zu einer reichlich phantastischen Figur verfabelt‚ zu einer aparten Person mit der Fähigkeit, die nachgeborene Menschheit in ihren Bann zu schlagen. Nachdem »die Geschichte« weder Missionen in Auftrag gibt noch Rechte verleiht, pflegt sie sich über derlei Unfug auch nicht zu beschweren.

Die Herren von der BBA sind von diesem Schmäh’, von dieser Technik der Legitimation, jedenfalls schwer beeindruckt.

Von der kommenden Feier sind sie weniger angetan — für sie »feiern ein paar Obstbäume das tausendjährige Jubiläum« — aber nur, weil sie sich aus dem historischen Fundus andere Begebenheiten herausgeklaubt haben, aus denen sie ihre speziellen Konsequenzen »ableiten« wollen. Seitenweise wird von ihnen eine verständnislose Öffentlichkeit mit Informationen über die »Geschichte der Bajuwaren« gelangweilt. Einige Kernsätze daraus, ohne Anspruch auf Vollständigkeit: »Die Deutschen waren vor den Slawen in Kärnten. Dieses Land haben unsere Ahnen in fünfhundertjährigem Kampf erobert. Dieses Land hat 1500 (im Norden sogar 2000) Jahre lang uns gehört ...« (Letztere Behauptung ist übrigens kein Hinweis auf Großgrundbesitzer in den Reihen der Bajuwarischen Befreiungsarmee, sondern die Art und Weise, in der Nationalisten das tatsächliche Besitzverhältnis zu »ihrer« Nation auf den Kopf stellen.)

Diese Terroristen sind eindeutig durch eine Überdosis Heimatkunde und Geschichtsbewußtsein verrückt geworden. Sie glauben ernstlich, »die Geschichte« bzw. ihre oben zitierten Lieblingsepisoden hätte(n) einen Ausweisungsbescheid samt Aufenthaltsverbot für bestimmte Personengruppen erlassen, und nehmen in einem Akt der Amtsanmaßung die fällige Vollziehung in Angriff. Der Unterschied zur offiziell erwünschten Traditionspflege besteht bloß darin, daß sie die »Lehren« aus der Geschichte nicht den zuständigen Sonntagsrednern überlassen — und ihre »der Geschichte« abgelauschten Konsequenzen gleich selbst durchsetzen wollen, anstatt sie der Politik anzuvertrauen Das kommt davon, wenn Leute aus lauter Begeisterung über einen politisch gepflegten Wahn diesen ein wenig mißverstehen und durchdrehen, indem sie das Werk »Ottos des Großen (später Kaiser, Sachse)« in Eigenregie vollenden möchten. Auf diese Weise entfalten sogar harmlose bildungsbürgerliche Accessoires (»Die Germanen werden vom Heerkönig Ariovist kommandiert, dessen Zweitfrau die Tochter des Kärntner Noricerkönigs Voccio ist.« Oho!) eine beachtliche, explosive Wirkung. Auch in diesem Sinn also: Honoratioren-Terrorismus.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1995
No. 499-504, Seite 114
Autor/inn/en:

Herbert Auinger: Herbert Auinger ist freier Autor in Wien.

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