Zeitschriften » FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1988 » No. 415/416
Friedrich Geyrhofer

Gott erhalte den Bankrott!

Österreich, Mitteleuropa

Angenommen, ein „Anschluß“ würde kalt eingefädelt. Deutschmark in astronomischer Anzahl bräuchte man, um einen Block Wiener Zeitungen und Zeitschriften aufzukaufen. Blitzkriegartig wären alle überrumpelt, im nachhinein könnten die Verschwörer lässig beteuern, politische Absichten hätten sie keine. Daß der tägliche, wöchentliche, monatliche Lesestoff umfrisiert worden ist, fiele erst zu spät auf. Und den Politikern, falls ihnen etwas an ihrer Stellung liegt, blieben die Lippen geschlossen und die Hände gebunden.

Wie sollte man dem anonymen Medientrust aus Nordrhein-Westfalen Vorwürfe machen? Auf dem Wiener Zeitungsmarkt erschien die WAZ als rettender Engel. Optimisten erwarten von den Deutschen, daß die Schreibe der mächtigsten österreichischen Tageszeitung humanisiert wird. Andrerseits liegt in den Kartellgesetzen der EG eine Chance, vielleicht doch noch das mitteleuropäische „Kronenkurier“-Kombinat aufzulockern.

Die österreichische Zwickmühle: Wir benötigen „europäisches“ Kapital; um uns davor zu schützen, brauchen wir gleich „Europa“ insgesamt. Eine historische Konstante verrät sich hier. Mit den Anlehnungsbedürfnissen der Donaumonarchie hat Friedrich Naumanns Buch „Mitteleuropa“, der frühe Plan eines Gemeinsamen Marktes, bereits in der Ära Kaiser Franz Josefs gerechnet. „Ihr müßt uns helfen, wir allein können nicht heraus“: Hilferufe österreichischer Unternehmen, Hoffnungen auf „reichsdeutsche Fürsorge“, überliefert in Naumanns Bestseller aus dem Jahr 1915.

Eine Stimme aus alten Zeiten. Und in der Zweiten Republik? Im heilig-unheiligen Gedenkjahr 1988? Wie einen Fetzen behandelt man die „immerwährende Neutralität“, sofern sie den Waren- und Geldströmen im Wege steht. Superdeal der WAZ und schäumende Begeisterung für die EG rahmten würdig die Beschwörungen zum 50. Jahrestag der Okkupation ein. Während die Festredner ergriffen im Vokabular der Vergangenheitsbewältigung schwelgten, waren sie mit ihren Gedanken woanders. Nämlich in Brüssel, wo die Kommission in naher Zukunft über den „Beitritt“ — das Tor zu Hölle oder Paradies — befinden wird.

Friedrich Naumann sammelte Anfang des Jahrhunderts Eindrücke aus Österreich-Ungarn: „Es ist noch viel unbeholfene Armut da, viel verlorene Mühe, viel Regiererei ohne eigentliches Lebensziel.“ In der k. u. k. Misere erkennt der linksliberale Autor und Politiker aus Berlin eine eminente pädagogische Aufgabe; er schlägt ein Wirtschaftsbündnis mit dem Deutschen Reich unter dem Etikett „Mitteleuropa“ vor; er denkt dabei nicht nur an den freien Güterverkehr, sondern vor allem an eine nationalökonomische Umerziehung östlich des Inns. Den Völkern des Habsburgerstaates predigt Naumann den „Übergang zum reichsdeutschen Arbeitstempo und der reichsdeutschen Arbeitsmethode“. Österreicher und Ungarn, an denen der Norddeutsche „die tüchtige, lebendige Organisationsfähigkeit“ vermißt, hätten dreißig Jahre Entwicklung versäumt.

Entspricht das nicht überraschend dem gegenwärtigen Lamento, die Zweite Republik sei auf das Stahlbad des Gemeinsamen Marktes angewiesen, um ihre gesellschaftliche Stagnation (den „inneren Balkan“) zu überwinden?

Leicht möglich, daß Kenner in der Ära Adenauer den Mitteleuropa-Plan benützt haben, als Vorlage für die Einrichtung der Europäischen Gemeinschaften. Aus dem Rückblick ist der kühne Entwurf Naumanns zu bestaunen, ein typisches Gedankenprodukt der deutschen Spekulationen über „Geopolitik“. Das Projekt eines kontinentalen Wirtschaftsblocks von Hamburg bis Triest, rund vier Jahrzehnte vor Montanunion und Römischen Verträgen. Die Idee des Binnenmarktes: „Eine Zollgemeinschaft ohne übrige Wirtschaftsgemeinschaft ist nicht durchführbar.“ So liest man es im Inhaltsverzeichnis von „Mitteleuropa“, einem längst verschollenen Buch, dessen 1. Auflage mit 100.000 Stück im Nu vergriffen war.

Wahrhaftig, eine konkrete Utopie, allerdings in der prosaischen Perspektive des „modernen kapitalistischen Wirtschaftsstaates“, der im Mitteleuropa-Plan auf die Vollendung seiner Idealgestalt hin zuschreitet. Mit dem „Europa“-Begriff der achtziger Jahre verglichen, ist Naumanns Projekt geographisch ein gutes Stück weiter östlich angesiedelt. Sein Mitteleuropa greift auf der Linie Prag, Wien, Budapest auch auf Bulgarien und das Osmanische Reich über.

In den fünfziger Jahren war es das Ziel der Römischen Verträge, zwischen Frankreich und der Bundesrepublik unzerreißbare Wirtschaftsbande zu knüpfen und damit ein Fundament der „Versöhnung“ zu legen, weshalb heute noch Regierende aus Paris und Bonn Bruderküsse über den Soldatengräbern der Westfront wechseln. Im Ersten Weltkrieg ist es das Bestreben von Friedrich Naumann, daß die Mittelmächte nach dem erhofften „Siegfrieden“ eine Schicksalsgemeinschaft bilden, ein unerschütterliches Duett, gegründet auf wechselseitige ökonomische Interessen. Wie später in der EWG hätte damals in Mitteleuropa preußisch-deutsche Emsigkeit den Motor des gemeinsamen Fortschritts abgegeben.

Naumann garantiert seinen Lesern für die Nachkriegszeit: „Wir treten als wirtschaftlich noch deutscher geworden auf den Plan.“ Zugegeben, der Satzbau wirkt an dieser Stelle ein bißchen verschroben. Ins Vokabular der sozialliberalen Bonner Kanzler Brandt und Schmidt übersetzt, heißt es lapidar: „Modell Deutschland“! Übrigens, in Friedrich Naumann sieht die FDP ihren geistigen Ahnherrn.

Kein wesentlicher Aspekt wird im „Mitteleuropa“-Buch ausgelassen. Der Autor versteht, daß man den subjektiven Faktor nicht vernachlässigen darf. Er ist besorgt, weil dem Tüchtigen zwar die Welt, jedoch auch der Widerwille seiner Umwelt gehört. Der häßliche Deutsche: Naumann analysiert das Problem. „Der Österreicher hat uns gegenüber in manchen Augenblicken dieselben Gefühle, die wir (!) der englischen Weltwirtschaft gegenüber haben, eine Mischung von Hochachtung, Neid und Trotz.“ In unseren Tagen läßt sich „englische Weltwirtschaft“ durch „amerikanische“ oder besser noch „japanische“ austauschen.

Immer die gleiche Geschichte, vom Kruppstahl bis zu den Sony-Recordern. Entfremdung und Verbrüderung. Ein geheimes Gutachten der Brüsseler Kommission schilderte vor ein paar Jahren die Japaner als Arbeitstiere, die in Kaninchenställen hausen. Man drehe die Uhr zurück. Im Ersten Weltkrieg, in den „Letzten Tagen der Menschheit“, schrieb Karl Kraus den Spottvers auf deutschen Fleiß: „Ich bin ein Arbeitsvieh / Im Dienst der schweren Industrie.“

Naumann bemerkt 1915 über den schlechten Ruf der Deutschen, „daß wir deshalb so unbeliebt sind, weil wir eine Arbeitsweise gefunden haben, die zunächst und auf längere Zeit hinaus kein anderes europäisches Volk uns so nachmachen kann, und die den anderen deshalb als nicht loyal erscheint.“ (Mit der Einschränkung auf „europäische Völker“ wird die amerikanische oder auch schon die japanische Konkurrenz ausgenommen).

Mitteleuropa, das steht für den Autor fest, ist nur als streng ökonomischer „Überstaat“ zu konzipieren. Von den militärischen und außenpolitischen Belangen und überhaupt von der einzelstaatlichen Souveränität muß die gemeinsame Wirtschafts- und Sozialpolitik funktional getrennt werden. Am schärfsten aber vom Streit der Nationalitäten, weil sonst ein Zusammenschluß mit Österreich-Ungarn schlicht aussichtslos wäre.

Nationalpolitisches Wüten einzudämmen, durch die Kraft der Sachzwänge sowie durch die ausgleichende Macht einer nationalökonomischen Fachherrschaft ein Gedanke, der dem Mitteleuropa-Projekt die Krone aufsetzt.

Übernational, technokratisch und kompromißbereit. Der Plan gipfelt in einer „mitteleuropäischen Zentralbehörde“, die sich abseits vom politischen Getöse mit Zollfragen, Aktiengesellschaftsgesetzgebung, Börsenaufsicht und anderem Krimskram herumzuschlagen haben wird. Banalen Angelegenheiten also, reizlos für den Furor öffentlicher Leidenschaften, gerade deshalb aber ein Kitt der verschiedenen Interessen. Dieser „Wirtschaftsausschuß“, der Mitteleuropa die Einheit geben soll, sieht nun wirklich der EG-Kommission teuflisch ähnlich.

Prag wird als Standort vorgeschlagen, zu Naumanns Zeit noch eine zweisprachige Stadt; eine bedeutsame Wahl, wenn man bedenkt, daß auch Brüssel an einer Sprachgrenze liegt. Die böhmische Hauptstadt bedeutete einen Kompromiß zwischen Berlin und Wien und überdies eine Konzession an die Slawen, um ihre Angst vor Germanisierung zu beschwichtigen.

Literarische Ambitionen verführen Naumann zu einer kleinen Phantasie, einem Zukunftsbild der Prager Kommission:

Ich denke mir, daß ich in 10 Jahren, oder seien es auch noch mehr, nach Prag komme und den Vorsitzenden oder stellvertretenden Vorsitzenden (sie wechseln ab!) des mitteleuropäischen Wirtschaftsausschusses besuche. Er zeigt mir einen schönen Neubau, sagt: als wir kamen, dachten wir, wir hätten nichts zu tun, und nun wächst es an allen Wänden in die Höhe! Solange nämlich niemand von Amts wegen über Mitteleuropa nachdenkt, ist Mitteleuropa nur eine Idee, von dem Tage an jedoch, wo es ein Amtszimmer gibt, existiert die erste Zelle eines neuen Gehirns ... Von allen Seiten her kommen die Leute zu uns, aus Ungarn, aus Graz, von Mannheim, von Altona ...

So redete er, und wir gingen am Bergrande entlang und sahen die Stadt und die Brücken. Ich frug: Wie steht es mit den Tschechen und den anderen nichtdeutschen Mitteleuropäern? Oh, sagte er, erst wollte der Verkehr nicht recht klappen, denn wir sprechen im Amte Deutsch, aber schließlich war es doch für die tschechischen Landwirte und Geschäftsleute viel zu wichtig, mit uns nicht ohne Fühlung zu sein. Und ein paar tschechische Worte kann ich auch dazwischenstreuen ... Was übrigens die Leute, die zu uns kommen, da draußen politisch tun, geht uns nichts an, denn wir vertreten hier nur die Wirtschaftlichkeit.

Alle Stichworte sind versammelt. Das Amtszimmer als „Gehirnzelle“, gütiges Wohlwollen für die „Nichtdeutschen“, blinder Glaube an den wohltätigen Einfluß der „Wirtschaftlichkeit“. Eine fast religiöse Zuversicht, der Autor begeistert sich für „unsere neue sozialökonomische Konfession“.

Wie originell Naumanns Argumentation tatsächlich gewesen ist, kann man aus heutiger Sicht kaum noch würdigen. EG/Comecon, Miteinander NATO/Warschauer Pakt und die Einzelstaaten: Ein Miteinander von „Überstaaten“ und Nationalstaaten, an das wir uns seit 1945 gewöhnt haben. Zu Naumanns Zeiten, in der Ära der „obersten Kriegsherren“ und eines eifersüchtigen Nationalbewußtseins, war es zweifellos eine geniale Denkleistung, den Wirtschaftsstaat, den Militärstaat und die politische Souveränität im Prinzip voneinander zu trennen. Noch kühner, dem Deutschen Reich die Unterordnung innerhalb eines übernationalen Verbunds vorzuschlagen. Um so erstaunlicher, daß niemand den kühnen Denker damals als „vaterlandslosen Gesellen“ disqualifizierte; nach Naumanns Angabe wurde sein Buch auch von Kriegsteilnehmern eifrig gelesen.

Das Projekt von 1915 hat mit der deutschen Innenpolitik in der Zeit einiges zu tun. Oberste Heeresleitung und die militanten Lobbies der Schwerindustrie rissen im Laufe des Weltkriegs immer größere Macht an sich; zurückgedrängt wurden die Verfassungsinstanzen Kaiser, Reichstag und Kanzler. Der Gedanke einer Funktionstrennung von Militärstaat und Wirtschaftsstaat auf Kosten nationaler Staatsräson kündigte also — in anderer Form — etwas unmittelbar Bevorstehendes an.

„Mitteleuropa“ versuchte, öffentlich in die geheime Debatte über die deutschen Kriegsziele einzugreifen, insgesamt ein düsteres Kapitel, das im Jahre 1961 von Fritz Fischers Werk über den „Griff nach der Weltmacht“ beleuchtet worden ist. Militärs und Großkapital wälzten entsetzliche Vorhaben: ein Gutteil Belgiens sowie die wichtigsten französischen Erzgruben sollten annektiert, in Osteuropa ein Kolonialreich erobert werden: Polen, Baltikum, die Ukraine. Man wollte die östlichen Juden abschieben, deutsche Bauern ansiedeln ... die Spur für Hitler ist von dem Generalquartiermeister Ludendorff gelegt worden. Blutrünstige Gier von Imperialisten, die nie verstanden, daß sie Deutschland als Nationalstaat damit erledigt hätten.

Naumanns Vorschlag eines Gemeinsamen Marktes war nicht der erste. Bereits um 1900 überlegte die deutsche Exportwirtschaft eine Zollunion mit Österreich-Ungarn, wogegen aber sofort ostelbische Großgrundbesitzer und industrielle Ruhrbarone grimmig ihr Veto einlegten. Dann stellte sich nach dem ersten Kriegswinter die Frage neu. Für Friedrich Naumann ging es darum, die Aufmerksamkeit von den Eroberungsplänen und Landgewinnsüchten abzulenken und dafür auf eine konstruktive Wirtschaftspolitik zu konzentrieren.

Zusammenschluß mit Freunden statt Unterwerfung von Feinden: Das machte allerdings einen feinen Unterschied. Die Achse Wien/Berlin in militärischen und ökonomischen Belangen, so hoffte Naumann vermutlich, würde zukünftig den deutschen Superchauvinismus ein bißchen bremsen. Aus eben dem Grund sind Ludendorff und der Große Generalstab dagegen gewesen.

Als sanfte Alternative zu den harten Kriegszielen taucht im „Völkerringen“ das Mitteleuropa-Konzept wieder auf. In der soziologischen Ausarbeitung liegt das Schöpferische des Autors: man merkt, daß Naumann mit Max Weber befreundet war und dessen berühmte Abhandlung über die „protestantische Ethik“ studiert hatte. Daher die geschichtsphilosophische Gewißheit. So wie Luther und Calvin den Übergang vom Kloster zur Fabrik vorbereitet haben (Max Webers These), genauso logisch wird — laut Naumann — im 20. Jahrhundert die politische Staatsräson vom globalen ökonomischen Kalkül abgelöst. Zwischen den Zeilen klingt an, daß eine Diplomatie, deren Künste die Katastrophe auslösten, den zeitgenössischen Ansprüchen längst nicht mehr gewachsen sei.

„Inzwischen ist Wirtschaftspolitik eine Technik geworden, viel mehr als auswärtige Politik“, sagte Friedrich Naumann, und er hat Recht behalten. Verwissenschaftlichung lautet seine Parole. Warum mit Schlachtopfern zweifelhafte Imperien bauen, wenn es in einem „allseitig belebten Austauschgebiet“ viel lukrativer zugeht? Im Marxismus kennt sich Naumann ebenfalls aus; er weiß, daß der Weltmarkt viel stärker ist als der stärkste Nationalstaat, und deswegen kontinentale Wirtschaftsblöcke ein Gebot der kapitalistischen Gegenwart sind. Bisher haben sich einzelne Firmen zu Syndikaten, Trusts und Konzernen zusammengefunden, jetzt müssen die Großmächte diesen Weg gehen. Irgendwann einmal wird es die „Vereinigten Staaten von Europa“ und sogar den „Planetenstaat“ geben ...

Vom Werdegang her protestantischer Geistlicher, in seiner Jugend bei der „Inneren Mission“ tätig, Verfasser einer Schrift über „Christentum und Sozialismus“, hat Friedrich Naumann die pastorale Haltung nie verloren. Sein „Mitteleuropa“-Buch, im Goethe-Deutsch stilisiert, atmet eine tätige Nächstenliebe, welche nach der Schlacht ihre üppige Beute findet: „Schon sofort hinter den vorrückenden Armeen wandelt die Fürsorge und sucht, wo sie helfen kann.“ Angesichts des Massensterbens beleben sich Tugenden der christlichen Familie: „Mitteleuropa braucht Kinder, Kinder, Kinder!“ Als Glaubensbekenntnis und wörtlich ist das Schlagwort „unsere neue sozialökonomische Konfession“ zu nehmen. Wirtschaftstheorie steigert sich zum persönlichen Bekenntnis. Verkündet wird damit — wie heute mit „Markt“ — eine echte Ersatzreligion.

Theodor Heuss, als Freidemokrat den Naumannschen Traditionen verpflichtet, urteilte über ihn: „Viel Phantasie, aber auch rechnende Gewissenhaftigkeit.“ Moderner ausgedrückt, besteht Naumanns hochaktuelles Vermächtnis in hingebungsvoller Anwendung der Betriebswissenschaft auf die Politik. Um die Lektion zu kapieren, bedurfte die bürgerliche Gesellschaft noch eines Weltkrieges.

Der Autor von „Mitteleuropa“ akzeptiert durchaus den „Willen zur Erhaltung der deutschen Macht“. Er demonstriert nur, daß die deutschen Mittel für dieses edle Ziel nicht ganz ausreichen. Friedrich Naumann ist beileibe kein Pazifist, er blickt der harten Notwendigkeit ins Gorgonenauge, daß im Krieg das letzte Mittel der Volkswirtschaft liegt. Auf den Schlachtfeldern werden die Handelsbilanzen geprüft. „Wirtschaftsstaat“ und „Militärstaat“, obwohl sachlich getrennt, sollen einander im Ernstfall ergänzen.

Österreich-Ungarn und das Deutsche Reich, als Kriegsverbündete, haben folglich die Pflicht, im Frieden ein ökonomisches Imperium zu schaffen. Naumann hört den Schlag der historischen Stunde: „... wird eben jetzt mit allen Kräften Europas unter unendlichem Blutvergießen darum gefochten, ob zwischen Rußland und England ein eigenes mitteleuropäisches Zentrum sich halten kann oder nicht. Die Menschheitsgruppe Mitteleuropa spielt um ihre Weltstellung. Verlieren wır den Kampf, so sind wir voraussichtlich auf ewig verurteilt, ein Trabantenvolk zu werden ...“

Sind das nicht Nazi-Töne? „Trabantenvolk“! Deutschland als Kern Mitteleuropas, so lautet der Plan, erhebe den Anspruch, der „vierte Weltstaat“ zu werden, nach Großbritannien, Amerika und dem (zaristischen) Rußland. Naumann ist überzeugt davon, daß nach Kriegsende die Fronten nicht verschwinden. Unverblümt spricht er von „Schützengrabenpolitik“, die sich im Frieden fortsetzen wird. Der „berechnete Krieg“, bei dem längere Waffenpausen die Kampfhandlungen periodisch unterbrechen, bleibt ein Dauerzustand.

Kalter Krieg, Wettrüsten und Eiserner Vorhang: Im Buch von 1915 sind diese Phänomene, unter anderen Vorzeichen, als zukünftige Tatsachen beschrieben worden. „Wir müssen gerüstet bleiben wegen der bösen Absichten der umgebenden Welt“, heißt es im Vorwort. Daher wird Mitteleuropa eine feste Burg sein. Europa zerfällt in starke Blöcke, die sich mit „allseitigen Schützengrabensystemen“ gegenseitig abschirmen. Kleinere Länder, die sich den permanenten Stacheldraht an ihren Grenzen schwerlich leisten können, wären dann gezwungen, sich einem der Blöcke anzuschließen, am besten natürlich dem deutschösterreichisch-ungarischen.

Massiv beeindruckt vom Stellungskrieg an der Westfront, wird für den frommen Friedrich Naumann eine Welt ohne Tellerminen und Drahtverhau einfach undenkbar. Er sieht darin eine Superwaffe, in gleichen Dimensionen wie später die Atombombe: „Möglicherweise ist der Schützengraben das größte Mittel der Vorsehung (!), um den Krieg durch seine eigene Technik illusorisch zu machen.“

Die Kehrseite der „betriebswissenschaftlichen“ Weltpolitik: Der Einzelstaat verschwindet in Handels- und Militärblöcken, so wie sich auf dem Markt die Trusts und Konzerne im Konkurrenzkampf rücksichtslos ausdehnen. Nebenbei, auf fremdem Acker ist dieses theoretische Kraut-gewachsen. Karl Kautsky hatte im Jahre 1914, also vor dem „Mitteleuropa“-Buch und früher als Lenin, eine „Phase des Ultraimperialismus“ vorausgesehen; der Altmarxist meinte damit die „Übertragung der Kartellpolitik auf die äußere Politik“. Naumann mag das wie eine Prophezeihung gelesen haben, an deren Verwirklichung er unbedingt mitwirken wollte. Daß effektive Politik auf dem ökonomischen Unterbau basiere: Der linksbürgerliche Reichstagsabgeordnete hat’s von der sozialistischen Linken gelernt.

Näher betrachtet, wirkt Mitteleuropa wie eine Fortsetzung des Kolonialismus mit besseren Mitteln. England und Frankreich wurden um ihre überseeischen Besitztümer glühend beneidet. Sichere Absatzgebiete, agrarischer Nachschub, wirtschaftliche Einflußzonen: lauter Vorzüge eines Kolonialreichs, auf die Naumann im Falle Österreich-Ungarns diskret hinweist. Mit dem exakten Blick eines Buchhalters kontrolliert er die Bestände der Donaumonarchie, deren „Zerbröckelungstendenzen“ nur zu gut in seinen Plan passen. Ein schwieriger und ein abhängiger Partner, dessen Reichtümer energisch zu nützen sind.

Die fetten Weiden der Pußta haben es dem Autor besonders angetan. Mitten im elenden „Aushungerungskrieg“ macht er seinen Lesern den Mund wäßrig: „Laßt uns zusammenzählen, was wir an Rindern und Schweinen besitzen von der Nordsee bis an den Balkan.“ Der Appetit wächst beim Lesen, und Naumann tätigt den homerischen Ausruf: „Unsere Viehherden sind ein Stolz der Menschheit.“

Die heutigen Butter-, Obst- und Rindfleischberge konnte der geistige Uropa der EG noch nicht erahnen. Ganz aktuell sind freilich seine Schwierigkeiten, wenn er sich bemüht, der österreichischen Industrie den gebührenden Platz anzuweisen.

Stahl, Kohle, Chemie! Wie sollten da die Österreicher mithalten? Naumann spricht ihnen Mut zu, ihm fällt außer Optimismus eher wenig ein. Er begreift, die Zollunion stellt eine Mutprobe dar. Wien, zu seiner Zeit die Stadt des Jugendstils, könnte eventuell das feindliche Paris ablösen, als Zentrum von Mode, Geschmack und Kunsthandwerk. Zu „künstlerischen Eroberungen“ fordert Naumann auf und verspricht: „Jetzt ist ganz Deutschland offen für Wiener Gewerbe, mehr als je zuvor.“

Ob aber „Hüte, Schleier, Stühle“ als exportwirtschaftliches Band für Mitteleuropa ausgereicht hätten? Das Buch nennt selbst die innere Widersprüchlichkeit des Projekts. Für Österreich-Ungarn stand mit rund 40 Prozent Export und Import der deutsche Handel an erster Stelle, während in der deutschen Bilanz der österreichische Handel ein ärmliches Zehntel ausmachte. Innerhalb eines Gemeinsamen Marktes wäre die Landwirtschaft in Deutschland und in Österreich die Industrie erdrückt worden, jedoch ohne Extraprofite für den deutschen Export.

So ziemlich das gleiche Problem, nur zwischen Frankreich und der Bundesrepublik, ist innerhalb der EWG ein halbes Jahrhundert später mit einem derartigen organisatorischen und finanziellen Aufwand bewältigt worden, daß im Jahr 1915 sogar die Phantasie eines Friedrich Naumann davor kapituliert hätte. Ihm blieb damals nichts anderes übrig, als „reichsdeutsche Fürsorge“ zu verlangen, das heißt Entwicklungshilfe für die österreichische Industrie. Und den Österreichern macht er klar, daß die Donaumonarchie im Alleingang keine Chance habe, „mit der Last der Kriegsschulden sich in den eigenen Industrialismus hinüberzuheben“.

Weder potenter Partner noch trächtige Kolonie, wäre innerhalb Mitteleuropas aus dem Kaiserstaat ein bedauernswerter Sozialfall geworden, eine zweifelhafte Langzeitinvestition des deutschen Kapitals. Eine seltsame Dialektik! Naumann, betriebswissenschaftlich orientiert, glaubte daran, die Politik in den Dienst ökonomischer Entwicklungen zu stellen; im Endergebnis dient die Wirtschaft einem unrentablen strategischen Zweck.

Im Vergleich zum Konzept Mitteleuropa, ging das Anschluß-Projekt im Frühjahr 1919 einen Schritt zurück. Großdeutschland, damals eine sozialdemokratische Vision, um die sich die republikanischen Regierungen in Wien und Berlin bemühten, erbrachte einen Rückfall ins Nationalpolitische, einen Verzicht auf die Differenzierung des „Wirtschaftsstaates“ vom Nationalstaat. Die Großdeutschen hüben und drüben handelten noch in den Kategorien der Frankfurter Nationalversammlung von 1848. Noch bevor Clemenceau bei den Pariser Friedensverhandlungen sein Veto erhob, ist der Anschluß an genau jenen Diskrepanzen zerbrochen wie vier Jahre früher der literarische Entwurf Friedrich Naumanns.

Otto Bauer, erster Außenpolitiker der Ersten Republik, befand sich in der Notlage, Kleinösterreichs wesentliche Interessen im Moment und sozusagen „aus dem Bauch heraus“ zu definieren. Er adressierte an Berlin einen Katalog Wiener Spezialwünsche, also den Ruf nach „reichsdeutscher Fürsorge“. Vom großen Bruder verlangten die „deutschen Alpenlande“ (ein Ausdruck Karl Renners), man müsse ihnen spendabel unter die Arme greifen.

Deutsche Kredite für den Wiederaufbau wurden dringend gewünscht, aber an Kriegsentschädigungen wollte sich Deutsch-Österreich keinesfalls beteiligen. Und im Kriegsfall bleibe das angeschlossene österreichische Territorium neutral. Im nachhinein stellt sich die Frage, was „deutsch“ und „großdeutsch“ da eigentlich noch besagen sollten?

Im Wien von 1919 haben Otto Bauer und die großdeutsche Linke instinktiv die einzig richtige nationalösterreichische Staatsräson erraten, welche allerdings erst in der nächsten Nachkriegszeit praktiziert wurde. Marshallplan, keine Reparationen, die Neutralität: das Erfolgsgeheimnis der Zweiten Republik.

„Mitteleuropa“, ein Ratschlag für die wilhelminische Außenpolitik, interessiert heute noch in der Analyse der österreichischen Situation. Naumanns Projekt entwirft eine Perspektive für die Donaumonarchie, ohne alle großdeutschen Gelüste. Kooperation erbverfeindeter Nationen innerhalb eines Gemeinsamen Marktes: links und rechts des Rheins ist ein Patentrezept angewendet worden, das für den Südosten gedacht war.

In der Zwischenkriegszeit blieb für Kleinösterreich das Existenzproblem offen, wie es Naumann formuliert hatte: „Sich in den eigenen Industrialismus hinüberzuheben.“ Man denke dabei an Münchhausens Zopf. Marxistisch gesprochen: die Aufgabe der ursprünglichen Akkumulation. Woher für den industriellen Sprung vorwärts das Kapital nehmen? Die Investitionen stagnierten seit 1914. Französische Kredite waren es, von denen die Erste Republik über Wasser gehalten wurde; dafür traten die Bundeskanzler Seipel und Schober Canossagänge nach Genf an. Als Frankreichs Finanzkapital die Geduld verlor und sein Geld verweigerte, begann jene Talfahrt mit dem Absturz in den März 1938.

Blut & Eisen! Hitlers Kriegs- und Plünderungsökonomie löst die Aufgabe. Von der NS-Rüstung erbte Österreich, dank eines militärgeographischen Zufalls, die „Göring-Werke“ samt Hütte und Chemie Linz, nach 1945 das Herzstück der Verstaatlichten Industrie. Bei dem Kraftakt, das Land in den Industrialismus „hinüberzuheben“, haben tausende Zwangs- und Ostarbeiter aus halb Europa Blut geschwitzt. Strukturell gesehen, ist die Zweite Republik tatsächlich ein „Nachfolgestaat“ des Dritten Reichs, jedenfalls der einzige, für den die Diktatur ungewollt einige positive Grundlagen geschaffen hat. Außer der VOEST auch Einschränkung des Katholizismus und Machteinbuße der Wiener Bourgeoisie. „Unterm Schirm der Neutralität, in der Ära seit dem Staatsvertrag, existierte drei Jahrzehnte lang ein souveränes Österreich, mit mehr Bewegungsfreiheit als die Mitglieder der „Überstaaten“ NATO und Warschauer Pakt. Dann freilich erfolgten — im bösen Jahr 1986 — Bankrott der Verstaatlichten und die enorme Waldheim-Erregung, zwei Angstsignale, die alles panisch in Bewegung brachten. Traditionelle Anlehnungsbedürfnisse tauchten wieder auf, „großdeutsche“ beim Jörg Haider, „europäische“ beim politischen Establishment.

Jetzt sind wir alle Naumannianer. Gegen den Strom will anscheinend niemand mehr schwimmen. In den EG der Übergang vom Gemeinsamen zum Binnenmarkt, protektionistische Außenhandelsgesetze im amerikanischen Kongreß: unangenehme Anzeichen dafür, daß geschlossene Handelsblöcke den Weltmarkt aufteilen. Indessen erweichen sich die kontinentalen Militärblöcke, und dadurch ändert sich der Stellenwert der Neutralität. Vergessen ist, daß im Jahr 1972 in Norwegen eine Volksabstimmung den EG-Beitritt ablehnte. Ungeklärt bleibt, ob „Europareife“ etwas anderes bedeutet als Fischzüge der Finanzopportunisten.

Drei Vierteljahrhunderte Zeitgeschichte: Stück für Stück sind die Ideen eines fast vergessenen Buchs, auf krassen Um- und Abwegen, vollendete Tatsachen geworden.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juli
1988
No. 415/416, Seite 28
Autor/inn/en:

Friedrich Geyrhofer: Geboren am 03.09.1943 in Wien, gestorben am 16.07.2014 ebenda, studierte Jus an der Wiener Universität, war Schriftsteller und Publizist sowie ständiger Mitarbeiter des FORVM.

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